DIE KRISE VERLEIHT DER KOHLE EIN GEFÄHRLICHES ZWEITES LEBEN
„Die Energiekrise, die wir erleben, hat ebenso unerfreuliche wie schwer akzeptierbare Auswege eröffnet. Die Kohle, die seit Jahren zum Verschwinden verdammt zu sein scheint, um die Klimakrise nicht eskalieren zu lassen, ist im Begriff, das Jahr 2021 mit Rekordzahlen zu beschließen.“
Alles sehr komisch ausgedrückt.
Spanien hat seinen Kohle-Bergbau sehr zurückgefahren und ist deshalb von Energie-Importen extrem abhängig geworden. In diesem Artikel wird die Festlegung auf das Kyoto-Protokoll, die Verminderung von CO2-Emissionen als Methode zur Bekämpfung der Erderwärmung als eine Art Natur-Ereignis, sogar eine übernatürliche Kraft besprochen, der sich die Kohle sozusagen als ungehöriges Subjekt widersetzt. Die wirklichen Subjekte der Energiegewinnung, Energiepolitik und auch deren Kalkulationen kommen zwischen diesen Geistersubjekten gar nicht mehr vor.
„Der allgemeine Preisanstieg aller fossilen Energieträger – insbesondere von Gas, ihrem natürlichen Erbe im Stromsystem – hat einen brutalen Preisanstieg und ein wiederbelebtes Interesse an Kohle in verschiedenen Teilen der Erde verursacht. In kurzer Zeit ist sie aus der rhetorischen Ächtung entkommen und an vorderster Front wieder aufgetaucht.“
Die Kohle, ein schlauer und listiger Kämpfer!
Es ist wirklich bemerkenswert, wie eine Zeitung, die im Grunde seit ihren Anfängen auf ihr intellektuelles Niveau Wert legt, in ausgesprochen kindischer Weise und auch noch mit großem Schwung einen Rohstoff zum Subjekt kürt.
„Der Trend, zu dem auch auf der Nordhalbkugel ein besonders kalter Start in die kalte Jahreszeit mit niedrigeren Temperaturen als üblich beiträgt, wird kurzfristig sein: Der Vormarsch der erneuerbaren Energien ist nicht aufzuhalten und der Rückzug (= der Abschied von) der Kohle bleibt mittelfristig gültig.“
Na sowas, entgegen allen Erwartungen kommt der Winter!
Der übrigens weder besonders früh kam noch besonders kalt ist – es sei denn, man stellt an den Klimawandel den Anspruch, diese Jahreszeit sollte später und kürzer ausfallen.

„Der temporäre Boom könnte nicht gefährlicher und unpassender sein, denn der Erfolg der Energiewende wird zu einem großen Teil daran gemessen, dass die Kohle so schnell wie möglich aus der Energieerzeugung verschwindet.
»Die Kohle füllt die Lücke, die das Erdgas wegen Lieferschwierigkeiten und Preiserhöhungen hinterläßt“, meint Samantha Gross, Chefin der Abteilung für Energie und Klimawandel bei der Brookings Institution, eines der führenden Think Tanks der USA. Sie schließt jedoch aus, daß diese Situation länger andauert. »Die Gaslieferungen und die Windenergie werden wieder zunehmen, und die Preise werden sich normalisieren«, so ihre Prophezeiung. »Es handelt sich um eine zeitlich begrenzte Wiederbelebung der Kohle.«“
Man merkt hier beim Zitieren der Expertin aus Übersee das fast beschwörende Wunschdenken, daß doch die vielerorts beschworene Energiewende stattfinden möge, obwohl die Zeichen dafür offensichtlich schlecht stehen.
„Das Bild dieser unerwarteten Auferstehung setzt sich aus vielen einzelnen Faktoren zusammen. (…) Erstens: Der Kohleverbrauch wird in den USA heute das erste Mal seit 7 Jahren ansteigen, um 21%. Damit trägt er zu einem Viertel der dortigen Energieerzeugung bei. Zweitens: Während China sich verpflichtet, keine neuen Kohlekraftwerke zu bauen, wird in den dortigen Bergwerken mehr Kohle denn je abgebaut.“
Man fragt sich, wo die dann verbraucht wird? In Betrieben? Oder wird sie exportiert?
„Drittens: Obwohl der Anteil der Kohle im spanischen Energie-Mix inzwischen verschwindend ist – 1,8 % im heurigen Jahr – hat das Kohlekraftwerk von As Pontes (La Coruña), das umweltschädlichste von ganz Spanien, bereits 3x in diesem Jahr Energie ins Netz eingespeist, und das Kraftwerk von Los Barrios (Cádiz) hat ähnliches vor.“
Auch die Kohlekraftwerke, diese Ungetüme, werden hier als Subjekte präsentiert, man fragt sich, wer die betreibt und wer die Entscheidungen zu ihrem Einsatz trifft?
„Viertens: Der Kohlepreis ist auf den internationalen Märkten auf das Doppelte angestiegen und steigt weiter, nachdem er im Oktober ein historisches Minimum erreicht hatte.
Sowohl die Bergwerksunternehmen als auch die Kohle-Lobby“ (wer das wohl ist?) „spüren Aufwind aufgrund dieser Entwicklung. »Der Markt hat gesprochen: Die Kohle rührt sich wieder«, so vor einigen Wochen der Präsident der Vereinigung der US-Bergwerksunternehmen, Rich Nolan. Mit gutem Grund: Innerhalb einiger Monate sind sie von einer Out-Position wieder zurück im Spiel und müssen nicht um Emissionsrechte kämpfen.
Obgleich es sich bloß um eine zeitlich begrenzte Konjunktur handelt – und das ist so! – so könnte der Kontrast zwischen dem derzeitigen Anstieg des Kohleverbrauchs und dem angestrebten Kurs ihrer Verdrängung zur Verhinderung der Erderwärmung nicht größer sein. Die Realität sieht aus wie folgt: Die Internationale Energie-Agentur, eine Unterabteilung der OECD, sagt voraus, daß sich nach dem historischen Spitzenwert in diesem Jahr der Kohleverbrauch 2022 weiter steigern wird. Was die angestrebten Klimaziele angeht, so sollte der Kohleverbrauch bis 2030 um 55% und bis 2050 um 90% zurückgehen, um ein extrem unerfreuliches Klimaszenario zu vermeiden.
»Die Energiegewinnung aus Kohle ist die Haupt-Quelle der Kohlendioxid-Emissionen. Das historische Hoch der aus Kohle gewonnenen Energie ist ein bedenkliches Signal, wie weit wir vom Erreichen der Null-Emissionen sind«, kritisiert der Direktor dieser Organisation, Fatih Birol.“
Vielleicht ist dieses Erreichen der Null-Emissionen sowieso unmöglich und wird nur aus Gründen der imperialistischen Konkurrenz hochgehalten?
Vielleicht wäre es weitaus nützlicher, diese Emissionen in Kauf zu nehmen und sich um ihre Absorption zu kümmern, durch Aufforstung und Verhinderung von Flächenversiegelung?
„»Ohne eine entschlossene und sofortige Aktion der Regierungen, die CO2-Emissionen zu reduzieren, schaut es schlecht aus um das angestrebte Ziel, die Erderwärmung auf 1,5° zu begrenzen – falls das überhaupt möglich ist.«
Obwohl sich die Gegenstimmen exponentiell steigern, verbleibt der Anteil der Kohle an der weltweiten Energiegewinnung bei 40%, praktisch auf gleichem Niveau wie – Achtung! – 1973, zur Zeit der Ölkrise. Zu einem guten Teil geht dieser hohe und sogar wachsende Kohleanteil in der Energiegewinnung auf das Konto der aufstrebenden Wirtschaften Asiens, wo auch ein großer Teil der Weltbevölkerung zu Hause ist. China war der einzige große wirtschaftliche Player, wo der Kohleverbrauch sogar 2020 zugenommen hat, auf dem Höhepunkt der Pandemie, und heuer auch um 9% gestiegen ist. Noch beunruhigender ist der Fall Indiens: Die Internationale Energie-Agentur schätzt den Anstieg des Verbrauchs für 2021 auf 12% ein.
»Heute ist die Kohle König, weil ihre Erzeugung billiger ist als die jeder anderen Energiequelle«, verlautbarte Mitte Oktober der Präsident der französischen Ölfirma Total, Patrick Pouyanné. Er übersah dabei, daß die Wind- und Sonnen-Energie die billigste ist.“
Wie mans nimmt.
Erstens ist sie deswegen günstig für den Abnehmer, weil viel staatliche Unterstützung hineingebuttert wird. Zweitens ist sie aber zum Unterschied von Kohle von der Witterung abhängig und deshalb im Winter nicht in ausreichender Menge vorhanden.
„»Allerdings sind die Kosten für erneuerbare Energien gleich Null, sobald die Sonnenkollektoren und Windräder einmal installiert sind,“
was nicht richtig ist.
Immerhin muß diese Energie in Netze eingespeist werden, die erst einmal für diese unregelmäßig eintreffende Energie ausgelegt sein müssen, und jemand muß diese ganzen Anlagen auch warten. Kosten verursachen die erneuerbaren Energie-Generatoren und der Transport dieser Energie allemal, und gar nicht so wenig.
„aber es ist weiterhin billiger, Kohlekraftwerke zu errichten. Vor allem in Asien, wo der Stromverbrauch stetig ansteigt«, bemerkt Sareena Patel, die wichtigste Analystin für den Kohlemarkt bei der Beratungsfirma IHS Markit. Deshalb wird ihrer Ansicht nach die Verdrängung dieser Energiequelle weitaus komplizierter als viele angenommen haben.“
Mit einem Wort, die Europäer haben die Rechnung ohne den Rest der Welt gemacht. Aber auch hier gibt es solche, die Wasser predigen und Wein trinken:
„Allerdings springt die ungebrochene Bedeutung der Kohle in zwei der größten europäischen Staaten ins Auge. Obwohl sich die neue Regierungskoalition in Deutschland verpflichtet hat, die Kohle bis 2030 aus der Energiegewinnung zu verbannen, ist der Anteil an der Energiegewinnung von 21% in der ersten Hälfte 2020 auf 27% in der ersten Hälfte 2021 gestiegen. Damit hat die Kohle die Windenergie überstochen.
In Polen, dem schwierigsten Fall des Alten Kontinents, wird die Kohle für beinahe drei Viertel der Energieerzeugung verwendet.
Das sind die zwei Schönheitsflecken in einem Europa, das sich anschickt, sich von der Kohle zu verabschieden.“
Oder eben auch nicht.
Der Artikel weist diverse sprachliche Eigenheiten auf, die allesamt dem Umstand geschuldet sind, die Wiederkehr der Kohle schön- und wegzureden.
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Der Strompreis in Spanien verzeichnet ein historisches Maximum am letzten Samstag
Der Durchschnittspreis für Strom im Großhandel beträgt heute (am 18.12.) 306,33 € pro Megawatt/Stunde (MWh), der teuerste an einem Samstag erreichte Strompreis in der Geschichte Spaniens. Der wochenendmäßig bedingte Verbrauchsrückgang hat wenig genützt: Der Rückgang betrug weniger als 1% gegenüber gestern, Freitag, mit einem Preis von 309,20 € pro MWh, der zweite Tag mit einem Maximum hintereinander und der 3. Tag mit mehr als 300 €/MWh. Damit stieg der Strompreis um 28% gegenüber letztem Samstag und das 6-fache gegenüber dem Preis vom 18. 12. des Vorjahres.
(…)
Nach der leichten Beruhigung im November, als der Gaspreis sich auf den internationalen Märkten stabilisierte, stieg er im Dezember aufgrund der Spannungen zwischen Rußland und der Ukraine (…) in ungeahnte Höhen. Dazu kam noch der Baustopp von Nord Stream II.
In Spanien kommt noch dazu, daß nach einigen Tagen der Windstille die Erzeugung von Windenergie stark zurückgegangen ist. Das war aber im heurigen Jahr die wichtigste Energiequelle in Spanien.
Der Dezember wird also vermutlich den Oktober als den Monat mit dem historisch höchsten Strompreis ablösen. (…) Im Laufe dieses Monats war der Durchschnittspreis im Großhandel 235,25 €/MWh, 35 Euros über dem Durchschnittspreis vom Oktober.