Pressespiegel Izvestija, 25.7.: Die Gasversorgung in der EU

„UNGENÜGENDE RESERVEN: EUROPA KÖNNTE ERNEUT ZUGANG ZU BEZAHLBAREM GAS VERLIEREN

Hitze und die Krise in der Straße von Hormus behindern die EU-Wintervorbereitungen

Am 23. Juli wurde an den europäischen Märkten eine wichtige psychologische Schwelle überschritten. Die Futures am niederländischen TTF-Hub überstiegen (laut Daten der Londoner ICE-Börse) erstmals seit dem 19. März die Marke von 750 US-Dollar pro 1.000 Kubikmeter. Der Sommer gilt traditionell als Zeit niedriger (Gas-)Preise und systematischer Reservenbildung, doch nun hat sich dieser Trend umgekehrt. Gleichzeitig befinden sich die unterirdischen Gasspeicher (UGS) auf einem für diese Jahreszeit historischen Tiefstand. Die »Izvestija« untersucht die Ursachen dieser Situation und die weitere Entwicklung der europäischen Gaspreise.

Das Glas ist halb leer

Das Ausmaß der Probleme mit den UGS-Anlagen wurde insbesondere durch eine Stellungnahme des Managements des norwegischen Unternehmens Equinor, derzeit größter Gaslieferant der EU, deutlich.

Der Vorstandsvorsitzende des Konzerns, Anders Opedal, räumte ein, dass Europa seine eigenen Vorbereitungspläne für die Heizperiode voraussichtlich nicht einhalten können wird. Eine EU-Richtlinie schreibt vor, dass die unterirdischen Gasspeicher bis zum 1. November zu 80% gefüllt sein müssen. Derzeit liegt dieser Wert seit mehreren Wochen bei ungefähr 54%. Laut Daten des Branchenverbands Gas Infrastructure Europe ist die Speicherkapazität in diesem Jahr deutlich unter den Fünfjahresdurchschnitt gefallen und nähert sich den historischen Tiefständen von 2021.

Niedrige Reserven bedeuten mehr als nur einen Ressourcenmangel. Je weniger Brennstoff in einem unterirdischen Speicher gelagert ist, desto niedriger ist der Speicherdruck. Mitten im Winter, wenn es zu starken Frostperioden kommt, kann ein System mit geringem Füllstand möglicherweise nicht die benötigten Mengen in der erforderlichen Geschwindigkeit liefern, um einen plötzlichen Nachfrageanstieg zu decken.
Dies bedeutet, dass die EU ihren wichtigsten technologischen Puffer verlieren könnte, der die niedrigen Temperaturen im Januar und Februar abfedern kann.

Norwegen, das nach dem Rückzug Russlands aus dem Pipeline-Markt die Rolle des wichtigsten Garanten der Energiesicherheit übernommen hat, arbeitet an der Grenze seiner Produktions- und Transportkapazität. Das Gassled-Pipelinesystem ist voll ausgelastet.“

Das ist das vom norwegischen Staatsunternehmen Gassco betriebene Pipeline-Netz.

Equinor hat keine Reserven und es fehlen die Kapazitäten, um die Fördermenge schnell zu erhöhen und den Mangel an Lieferungen auf dem Seeweg auszugleichen.
Geplante Reparaturen an norwegischen Offshore-Plattformen im Herbst, die traditionell zu lokalen Lieferrückgängen führen, werden angesichts der halb leeren Speicherkapazitäten zusätzliche Preisspitzen verursachen.

Asiatischer Preisaufschlag

In diesem Sommer kam es erneut zu einer Umverteilung der globalen Flüssigerdgasströme (LNG). Die EU richtete ihre Energieimporte neu aus und konzentrierte sich dabei auf Seetransporte, die etwa 30% des Gas-Importbedarfs der Region decken. Dieser Mechanismus funktionierte allerdings nur, solange diese Lieferungen ungehindert verfügbar waren.

Die Militäroffensive im Iran und die anhaltende Blockade der Straße von Hormuz haben den Weltmarkt um ein Fünftel der gesamten LNG-Lieferungen gebracht.

Die Lieferungen aus Katar, die traditionell an Verbraucher im asiatisch-pazifischen Raum gehen, sind entweder aufgrund von Infrastrukturschäden vollständig ausgefallen oder im Persischen Golf festgesessen.

Infolgedessen waren Japan, Südkorea und China gezwungen, die fehlenden Mengen auf außerordentlichem Weg zu ersetzen, indem sie Ladungen aus den USA und Afrika abfingen, die ursprünglich von europäischen Terminals gechartert worden waren.“

Piraterie mit der Scheckkarte …

„Der Mechanismus des LNG-Handels hängt von Preisdifferenzen ab. Der asiatische Index JKM (Japan Korea Marker) ist der Hauptkonkurrent des europäischen TTF. In Zeiten des Spitzenverbrauchs erreicht die Preisdifferenz Werte, bei denen es für einen Händler profitabler ist, eine Strafe an einen europäischen Hafen für die Verzögerung der Entladung zu zahlen, das Schiff auf See umzudrehen und es nach Schanghai oder in die Bucht von Tokio zu schicken.

Laut Argus Media werden im Juli voraussichtlich nur 13 LNG-Ladungen in Frankreich entladen – der niedrigste monatliche Wert seit 5 Jahren. Von den für August geplanten Großtankern haben 8 bereits ihren Kurs geändert und sind nun nach Asien unterwegs. Da eine Standardladung LNG ausreicht, um 40.000 Haushalte ein Jahr lang zu versorgen, fiele der Schaden durch das Ausbleiben jedes einzelnen Schiffes schwer ins Gewicht.“

In Asien sind vor allem diejenigen Staaten in Nöten, die – wie Südkorea – kein russisches Gas erhalten, weil sie entweder nie eines bezogen haben, oder aber auf Druck aus den USA darauf verzichtet haben.
China besitzt außerdem eine Pipelineverbindung mit Rußland und genießt auch für die begrenzten LNG-Transportkapazitäten bevorzugte Behandlung.

„Wetter-Kapriolen

Externe Probleme verstärkten das Wachstum der europäischen Binnennachfrage. Die extremen Hitzewellen, die im Juli über den Kontinent fegten, führten aufgrund des weitverbreiteten Einsatzes von Klimaanlagen in Gewerbe- und Wohngebäuden zu Spitzenlasten im Stromnetz. All die Aufrufe, aufgrund des Klimas auf Klimaanlagen zu verzichten, sind in Wirklichkeit der Versuch, zumindest verbal gegen einen ungeplanten Nachfrageanstieg vorzugehen.“

Sie sind also verlogen, aber sowieso nutzlos. Niemand läßt sich mehr mit dem Titel »Klima!« zu irgendetwas bewegen.

„Gleichzeitig traf der Klimawandel die französische Atomindustrie, die größte in der Region. Aufgrund der Erwärmung der Flüsse, deren Wasser zur Kühlung der Reaktoren verwendet wird, war EDF gezwungen, die Leistung mehrerer Kraftwerke zu reduzieren, um die Umweltauflagen bezüglich der Einleitung von Warmwasser in Gewässer zu erfüllen. Der daraus resultierende Ausfall der Grundlastversorgung wird durch Gaskraftwerke kompensiert. Im Wesentlichen werden die im Winter benötigten Ressourcen nun zur Deckung des aktuellen Bedarfs des Stromnetzes eingesetzt.

Volatilitätsszenarien

Wie geht es weiter? Bei solchen Ereignissen spielen Zufall und externe Faktoren stets eine bedeutende Rolle, doch lassen sich bereits einige Szenarien abschätzen.

Das erste Szenario geht von einem relativ milden Winter aus. Selbst bei überdurchschnittlichen Temperaturen (die Europa 2023 und 2024 vor der Krise bewahrten) fehlt dem Markt jedoch aufgrund niedriger Lagerbestände ein Puffer. Jede lokale Störung – etwa ein Atlantiksturm, der Tanker aus den USA verzögert, eine technische Panne vor der Küste Norwegens oder ein Streik in Australien – würde erhebliche Preissprünge auslösen. Ein Preisbereich von 750 bis 900 US-Dollar pro 1.000 Kubikmeter könnte im nächsten Winter zur Norm werden.“

Es zeichnet sich ab, daß Staatsschuld für Subventionierung eingesetzt werden wird, um gröbere Katastrophen zu vermeiden.

„Das zweite Szenario ist ein Wetter-Streßtest. Sollte ein kalter Winter in Europa und Asien gleichzeitig auftreten, wird der Wettbewerb um verfügbare LNG-Lieferungen noch intensiver.

Asiatische Verbraucher werden die Preise weiter in die Höhe treiben, bis europäische Händler aufgrund fehlenden Betriebskapitals und begrenzter Kreditlinien die Käufe verweigern. In diesem Fall könnten die TTF-Notierungen die Marke von 1.500 US-Dollar überschreiten. In einem solchen Szenario müssen die europäischen Regulierungsbehörden von der Marktpreisbildung auf eine verbrauchsorientierte Rationierung umstellen: Haushalte und die soziale Infrastruktur werden Priorität haben. Die größten Herausforderungen werden voraussichtlich die energieintensive Industrie der EU treffen, die ohnehin schon mit Schwierigkeiten zu kämpfen hat.“

Die Rüstungsindustrie wird vermutlich Ausnahmeregelungen erhalten …

„Der Nachfrageeinbruch wird sich verschärfen, da Chemieunternehmen, Stickstoffdüngerhersteller, Stahlwerke und Glasfabriken erneut mit negativen Gewinnmargen konfrontiert sind. Die Ammoniakproduktion ist unrentabel, wenn die Gaspreise 750 US-Dollar übersteigen, da der Import von Fertigdüngern aus den USA oder nordafrikanischen Ländern deutlich günstiger ist.

Anders als in den USA, wo die Gaspreise am Henry Hub dank der heimischen Produktion konstant niedrig gehalten werden, tragen europäische Produzenten alle Kosten des Weltmarkts, einschließlich Versicherung und Logistik. Exportorientierte Branchen in Deutschland, Frankreich und Italien werden zu den ersten gehören, die darunter leiden. Europäische Unternehmensleiter, die Anlagenstilllegungen bisher als vorübergehende Maßnahme betrachteten, werden gezwungen sein, längerfristige Optionen in Betracht zu ziehen.“

Derzeit kostet Erdgas in der EU ungefähr 6x so viel wie in den USA (oder Kanada).

„Aufgrund globaler geopolitischer Turbulenzen sind die Gaspreise extrem volatil geworden. Die Abhängigkeit von US-amerikanischem LNG-Spot hat Europa die Fähigkeit genommen, Industriezyklen für die kommenden Jahre vorherzusagen. Angesichts des zunehmenden Wettbewerbs mit China und anderen Ländern sind die Aussichten für die europäische Industrie düster.“

Pressespiegel Komsomolskaja Pravda, 18.7.: Die Proteste in Kiew

DER WESTEN HAT EINEN KANDIDATEN FÜR DIE NACHFOLGE ZELENSKIJS AUSERKOREN: DER KONFLIKT ZWISCHEN FJODOROW UND SYRSKIJ WIRFT EIN NEUES LICHT AUF DIE ZUKUNFT DER UKRAINE

Gastautor Umerenkow: Fjodorow gilt als aussichtsreichster Kandidat für die Nachfolge Zelenskijs

Die Entlassung des ukrainischen Verteidigungsministers Mychajlo Fjodorow durch Zelenskij wird im Westen mit ungewöhnlicher Vehemenz diskutiert.
Bisher wurden Personalentscheidungen des Kiewer Regimes, selbst wenn sie bei seinen Unterstützern Fragen aufwarfen, nicht öffentlich hinterfragt. Doch im Fall des 35-jährigen Fedorow, der bereits als »Drohnengenie« gefeiert wird, hat sich dies geändert.

Die von westlich kontrollierten NGOs in der Ukraine organisierten Proteste gegen seine Entlassung zählen nicht: Sie dienen wohl eher dazu, Zelenskijs Entscheidung zu missbilligen, haben rein dekorativen Charakter und stellen keine wirkliche Bedrohung für seine Macht dar.
Anders verhält es sich mit den – bewusst öffentlich geäußerten – Einschätzungen von Kiews treuesten Verbündeten.

Der deutsche Verteidigungsminister Boris Pistorius – einer der lautstärksten Unterstützer Zelenskijs in Europa – schrieb einen für ihn ungewöhnlich offenen Brief an den inzwischen entlassenen Fjodorow, den die Redaktionsvereinigung RND umgehend als indirekte Botschaft an Zelenskij wertete.
»Lieber Michail, vielen Dank für die hervorragende und vertrauensvolle Zusammenarbeit der letzten Monate! Gemeinsam haben wir die strategische Kooperation zwischen unseren Ländern weiter vorangebracht«, schrieb Pistorius in dem Brief, der – offensichtlich nicht zufällig – an Journalisten durchgesickert war.
»Ich bedauere zutiefst, dass Sie Ihre Arbeit nicht fortsetzen können, und hoffe, dass Sie weiterhin politisch aktiv bleiben.« Was ist das anderes als eine direkte Rüge an den Chef des Kiewer Regimes von einem seiner wichtigsten Förderer?“

Was kann man diesem Brief entnehmen?
Unter Fjodorow und mit ihm kam die waffentechnische Kooperation zwischen Deutschland, anderen EU-Staaten und der Ukraine wesentlich voran. Deutschland entwickelte zusammen mit der Ukraine Drohnen bzw. Drohnen-Marschflugkörper, auf die Rußland bisher noch keine Antwort gefunden hat.
Das ist eine neue Qualität gegenüber den früheren waffentechnischen Unterstützungen. Panzer, die im Schlamm steckenblieben und ein leichtes Ziel russischer Drohnen wurden, oder Taurus-Marschflugkörper, die aus guten Gründen eher im Arsenal blieben, um nicht in der Ukraine eine blamable Bauchlandung hinzulegen.
Nein, wirklich effektives Zeug wurde da hergestellt und eingesetzt, das Rußland erheblichen Schaden zufügt, und das scheint eben dank Fjodorow gelungen zu sein.
Und der Ausdruck »weiterhin politisch aktiv« gibt natürlich Anlaß zu Spekulationen.

„Pistorius war nicht der Einzige, der Zelenskij für die Entlassung des »effektiven« Fjodorow kritisierte. »Für Europa ist dies keine ferne Palastintrige«, schreibt EU Observer. »In seinen letzten Amtstagen unterzeichnete Fedorow Abkommen, die ukrainischen Firmen Zugang zu EU-Programmen, Fördermitteln und Koproduktionen gewährten.« Es sei nun unklar, ob das bisherige Ausschreibungs- und Beschaffungsformat beibehalten werde, fügte die Publikation hinzu.“

Einer der Gründe für seine Absetzung scheint also gewesen zu sein, daß er eine direkte Röhre für die EU-Fördermittel Richtung Drohnenproduktion eingerichtet und betrieben hat, die an dem Kiewer Korruptionskarussell vorbeiführte und den „alteingesessenen“ Polit-Kapazitäten (Zelenskij, Jermak, usw.) die Möglichkeit genommen hat, daraus ihren Anteil abzuzweigen.
Das war aber, so der Analyst, nicht alles.

„Wie kam es also zu Mychajlo Fjodorows Absetzung? Merkwürdigerweise waren es ebendiese Drohnen.

„»Die Popularität der Drohnen ist das Problem«, das zu Fjodorows Rücktritt führte, zitiert die New York Times Nicolas Davydyuk, einen Abgeordneten der Werchowna Rada von der Oppositionspartei Golos (Stimme).
Fjodorow sei für Zelenskij »zu einem Problem und einer Bedrohung« geworden, weil er sich für eine rein technologische Modernisierung der ukrainischen Armee eingesetzt habe – ein Vorhaben, das zwar breite Zustimmung fand, aber vom ukrainischen Oberbefehlshaber Syrskij abgelehnt wurde.“

Warum eigentlich?
Der Konflikt zwischen Syrskij und Fjodorow wird zwar in westlichen Medien immer erwähnt, aber nie erläutert.

„Fjodorow leitete das Verteidigungsministerium nur 6 Monate lang, erlangte aber in dieser Zeit große Popularität als Minister, der moderne Militärreformen vorantrieb, die Drohnen priorisierten und zahlreiche Aufträge für traditionelle Waffen ablehnten:
»Fjodorow wurde entlassen, nachdem er den Kauf von Artilleriemunition zugunsten von Drohnen blockiert hatte«, erklärt die New York Times. »Der Befehlshaber der ukrainischen Streitkräfte, General Oleksandr Syrskij, bestand darauf, dass die Munition weiterhin benötigt werde, um den erbitterten Stellungskrieg im Osten des Landes zu führen.«“

Das wirft in der Tat ein neues Licht auf die gesamte Kriegsführung der Ukraine.

Erstens könnte diese Umorientierung tatsächlich die Aufgabe des Donbass beinhalten. Die Überlegenheit der russischen Raketen gegenüber den westlichen Abwehrsystemen ist eine im Grunde bekannte Tatsache, die allerdings nicht gerne zur Sprache gebracht wird. Dieser Entschluß würde auch die gesamten Befestigungen um Slawiansk und Kramatorsk entwerten, die seit 2014 aufgebaut wurden.

Zweitens könnte eine Verlagerung auf den Drohnenkrieg das Personalproblem des ukrainischen Militärs lösen – wenn die Front als solche aufgegeben wird, werden die motivierten Leute für die anspruchsvollen Tätigkeiten als Drohnenpiloten frei, der Rest für die Produktion derselben, und die Menschenhatz auf den Straßen der Ukraine hätte ein Ende.
Allerdings würde damit auch Syrskijs Kommandoposten frei.

Drittens, und das ist vor allem international bedeutsam, wurde Fjodorow genau dann entlassen, als die USA der Ukraine die Lizenz für die Erzeugung von Patriot-Raketen und deren Munition erteilten.
Damit wurde erstens der Ukraine der Vorzug vor NATO-Verbündeten gegeben. Trump sendete ein Signal, daß er auf Zelenskij setzt. Der Munitionsmangel, der die USA und ihre Verbündeten derzeit ziemlich stört, soll langfristig mit Hilfe der Ukraine behoben werden.
Und: Die USA setzen auf Raketen, während die EU auf Drohnen-Marschflugkörper setzt.

Syrskij und Zelenskij ziehen also an einem Strang, wenn sie beide um ihren Sessel fürchten, und bei einer Installierung Fjodorows wäre der Krieg wirklich ein europäischer Krieg gegen Rußland, mehr noch: ein EU-Krieg, weil auch Großbritannien als Waffenlieferant überflüssig würde.
Auch die EU-Waffenkäufe in den USA würden zurückgehen oder ganz aufhören.
Schließlich wäre ein guter Teil der US-Streitmacht – und auch der russischen und chinesischen – entwertet, wenn diese Drohnen-Marschflugkörper, die bisher schwer bis gar nicht abzuwehren sind, zur neuen Grundlage von Kriegen würden.
Umgekehrt, wenn es doch gelänge, eine Abwehr dagegen zu finden, geht das Ganze von vorne los und die Karten werden neu gemischt.
Es ist anzunehmen, daß Rußland und China bereits an einer Abwehr-Strategie arbeiten und vor allem von China sehr viel KI-Input kommt.

„Erst vor einer Woche erklärte Fjodorow in einem Interview mit Politico: »Wenn wir über genügend Ressourcen verfügen, um einen neuen Zyklus militärischer Innovationen einzuleiten, bevor sich Russland an den aktuellen anpasst, bekommen wir weitere 6 Monate.«

Er prahlte praktisch damit, dass er nach seinem Amtsantritt im Ministerium den Kauf traditioneller Waffen zugunsten innovativer Drohnen aufgegeben habe.
Hier überschätzte der junge und frühreife Ex-Verteidigungsminister seine Kräfte deutlich. »Fjodorow erklärte seine Meinungsverschiedenheiten (mit Syrskij – Anm. d. Red.) über die Kriegsstrategie und wies dabei auch auf die Partikularinteressen der Rüstungsindustrie hin.
Seiner Ansicht nach bedrohte seine Entscheidung, die Beschaffung auf Drohnen zu konzentrieren, diese Geschäftsinteressen«, schreibt die New York Times. »Vermutlich haben wir uns als Staat falsch verhalten, weil wir gegen die Geschäftsstrategie der Unternehmen verstoßen haben«, räumte Fjodorow schließlich seinen Fehler ein.“

Welcher Unternehmen? fragt man sich hier.
Es scheint sich sowohl um US- als auch um europäische zu handeln, und vor allem um ukrainische, möglicherweise Briefkastenfirmen, die von dem Krieg, so wie er derzeit läuft, profitieren.
(Nicht zu vergessen die betrügerischen Call-Center, die im Schatten dieses Krieges blühen und durch das Attentat auf Jermolajew in den Blickpunkt westlicher Medien geraten sind.)
Außerdem gibt Fjodorow hier als „Fehler“ zu, daß er gemeint hat, es ginge in erster Linie um einen Sieg der Ukraine, anstatt zur Kenntnis zu nehmen, daß die Ukraine in erster Linie ein Durchlaufposten verschiedener Geschäftsinteressen und ein Testgelände verschiedener Staaten ist.
Soviel zur „Unabhängigkeit“ dieses Staates …

„Laut ukrainischen Medienberichten drehte sich der Hauptstreitpunkt im Vorfeld von Fjodorows Absetzung um die Beschaffung traditioneller Militärausrüstung.
Militärangehörige und mit ihnen verbundene Geschäftsleute waren besonders unzufrieden mit der Entscheidung des ehemaligen Ministers, Ausschreibungen für den Kauf der gängigsten Munition – 155-mm-Artilleriegranaten des NATO-Kalibers – abzusagen oder neu zu veröffentlichen und alle Käufe von Kurzstreckenmunition auszusetzen.
Fjodorow zufolge sparte er dadurch 100 Millionen Dollar ein. Aber „ Einsparungen“ für den Staat bedeuten in der Ukraine Verluste für Korruptionäre, die aus diesen Beschaffungen Geld in die eigene Tasche abzweigten.

Warum stellte sich Zelenskij im Konflikt zwischen Fjodorow und Syrskij auf die Seite von Syrskij? Responsible Statecraft erklärt: »Der deutlich erfahrenere Syrskij hat sich als gewiefterer politischer Akteur erwiesen – wobei es wohl nicht viel Mühe kostete, zahlreiche Eliten, die durch Fjodorows Reformen zu verlieren drohten, in einem ihn ablehnenden Block zu vereinen.«

Darüber hinaus werden dem 60-jährigen General Syrskij keine politische Ambition für die Nachkriegszeit zugeschrieben. Sein Vorgänger Zaluzhnyj, der offen seine Absicht geäußert hatte, in die Politik zu gehen, wurde von Zelenskij vorzeitig entlassen und als Botschafter nach London entsandt. General Budanov, der ehemalige Chef des Geheimdienstes SVU, wurde zu Zelenskijs Stabschef ernannt, um, wie die New York Times behauptet, »seine mögliche Präsidentschaftskandidatur nach dem Krieg zu erschweren«.“

„Nach dem Krieg“.
Aber Zelenskij ist ja interessiert daran, daß der möglichst lang weitergeht, um Präsident zu bleiben.

„Allerdings könnte der Machthaber des Kiewer Regimes mit dem Zivilisten Fjodorow einen Fehler begangen haben: Der ehemalige Verteidigungsminister, der bisher wenig politische Ambitionen gezeigt hatte, könnte Pistorius’ Rat befolgen, »politisch aktiv zu bleiben«. Fedorow scheint Europas erste Wahl für die Nachfolge Zelenskijs zu sein.“

Die Briten scheinen auf den immer blasser wirkenden Zaluzhnyj zu setzen, während die USA auf einmal wieder Zelenskij selbst als „good guy“ entdeckt zu haben scheinen.

Pressespiegel France Info, 1.7.: Das Beschwerde-Video Alexander Lunins

DIE RUSSISCHE ARMEE: KURZ VOR DEM ZUSAMMENBRUCH?

In den letzten Tagen ging das Video des Veteranen Alexander Lunin durch alle westlichen Medien. Hier ein Artikel von France Info, einem französischen öffentlichen Sender, der es wie viele andere aufgegriffen hat:

„»Die Armee wird ihre Waffen gegen den Kreml richten«: Braut sich eine Rebellion in den Reihen der russischen Soldaten zusammen?

Letzteres ist offenbar die Sehnsucht westlicher Politiker und Medien, obwohl das dem Video gar nicht zu entnehmen ist.
In dem Video wird nur auf unerfreuliche Zustände in der russischen Armee aufmerksam gemacht, aber eine Rebellion – wie diejenige der Wagner-Truppe Prigozhins 2023 – ist dem Video nicht zu entnehmen.

„Wladimir Putin steht unter größerem Druck denn je.“

Auch das stimmt nicht. Aus dem Video kann man die Unzufriedenheit eines russischen Soldaten entnehmen, aber keinen Druck auf die russische Führung – die ja, man vergesse es nicht, nicht aus einer Person besteht.

„Russland, bereits durch ukrainische Angriffe geschwächt, sieht sich mit den Anfängen einer Rebellion innerhalb der eigenen Armee konfrontiert.“

Die fixe Idee der Gegner Rußlands wird als gesicherte Information weitergegeben. Ein Aufstand ist weit und breit nicht in Sicht, aber die Hoffnung stirbt zuletzt, daß dies der „Anfang“ eines solchen sein könnte.

„Ein Veteran forderte den Kremlchef direkt heraus und drohte ihm mit einer Meuterei. Das Video wurde millionenfach aufgerufen, und andere Soldaten prangern in Briefen die selbstmörderischen Befehle des russischen Oberkommandos an.
(Dieser Text ist ein Auszug aus dem obigen Bericht. Klicken Sie auf das Video, um es vollständig anzusehen.)
Dieses Video eines russischen Veteranen wurde mehr als 19 Millionen Mal aufgerufen.“

Von den 19 Millionen sitzt natürlich ein guter Teil außerhalb Rußlands. Nur um die Zahlen ins rechte Licht zu rücken.

„Vor laufender Kamera wandte er sich direkt an Wladimir Putin: »Im Moment sitzen Dutzende, Hunderte, Tausende unserer Soldaten in Zellen und werden von ihren Kommandeuren bestraft. Wenn Sie mich nicht empfangen, wird die Armee ihre Waffen gegen den Kreml richten«, versprach Alexander Lunin, ein russischer Armeeveteran.“

Man merkt hier eine gewisse widersprüchliche Theatralik. Selbst wenn Tausende in Zellen sitzen – was einerseits im Vergleich zu den Hunderttausenden, die an der Front kämpfen oder im Hinterland im Einsatz sind, relativ wenig ist – so können ebendiese Personen keinen Aufstand machen, weil sie sitzen ja in sicherem Gewahrsam.
Aus diesen Inhaftierten kann man jedoch keine Schlußfolgerungen auf den Rest der Truppe gezogen werden. Ob die jetzt zufrieden oder unzufrieden sind, und wenn Letzteres, tatsächlich einen Aufstand vorbereiten, kann man aus der Anzahl der Inhaftierten nicht ableiten.
Der Verfasser des Videos will jedoch damit offenbar einen Effekt erzielen, und das ist ihm sicherlich gelungen.

„Der Veteran erklärte später, er habe nicht zu einem Putsch aufgerufen, sondern den Präsidenten lediglich auf die Zustände in der russischen Armee aufmerksam machen wollen.“

Selbst wenn er zu einem Putsch hätte aufrufen wollen, wäre das noch etwas anderes, als das Vorhandensein von Putschwilligen zu behaupten.
Was die Zustände in der russischen Armee betrifft, so werden Lunins Anschuldigen sicherlich untersucht werden. Wenn seine Behauptungen nämlich der Wahrheit entsprechen, so wirft das ein schlechtes Licht auf die Kampffähigkeit der Truppe, und das ist sicher nicht im Interesse der russischen Führung. Dort ist ja eine schlagkräftige Armee erwünscht und nicht ein Sauhaufen von Sadisten und von denen Drangsalisierten.

„Wenige Tage später wurde der 39-Jährige verhaftet.“

Das war zu erwarten und inzwischen wird er sicherlich verhört und seinen Anschuldigungen nachgegangen.
Sollten sie sich als wahr erweisen, so kann es sein, daß er dafür durchaus gewürdigt wird und eine Beförderung erhält, oder einen Posten als Politkommissar erhält, der Kontrollen durchführen darf.

„Innerhalb der russischen Armee wächst die Wut.“

Auch das ist wieder ein Wunschdenken der 3 Autoren dieses Artikels. Erstens, so die Unterstellung der Autoren, gibt es viele Wütende, also Leute, die das Ziel dieses Krieges nicht teilen. Zweitens, sie werden immer mehr.
Auch das läßt sich aus dem Video nicht ableiten.

„Soldaten prangern die Gewalt in Briefen an. Ein oppositionelles Medium erhielt 7.000 dieser Briefe an die russischen Behörden. Auszüge wurden veröffentlicht: »Vor meinen Augen töteten sie einen Mann, weil er Feigheit gezeigt hatte. ‚Tötet mich nicht!‘, schrie er seinen Kommandanten an und flehte ihn an. Sie schossen ihm in die Knie, die Schultern und den Hals; man hörte nur noch, wie er an seinem Blut erstickte«, berichtet einer der Soldaten.“

Falls das stimmt, so werden vermutlich die Täter zur Verantwortung gezogen werden, weil dergleichen ist nicht im Interesse der Armeeführung. Immerhin wurde ja hier ein Soldat von eigenen Kameraden getötet und nicht vom Feind, und damit die Armee geschwächt.
Es ist allerdings angesichts solcher Vorfälle in der Tat angemessener, sich wie Lunin an die Öffentlichkeit des Internets zu wenden und nicht Beschwerdebriefe an ein gegen Putin eingestelltes Medium zu senden, weil deren Veröffentlichungen von Rußland nicht ganz ohne Grund als unglaubwürdig eingestuft werden.

„In all den Klagen dieser Soldaten tauchen immer wieder Worte wie »Annullierung« für Hinrichtung, »Fleisch« für Kanonenfutter und »Lösegeld« für Korruption auf. »Soldaten müssen ihrem Kommandanten Geld zahlen, wenn sie nicht am ersten Tag getötet werden wollen. Sie müssen ihm auch Geld zahlen, wenn sie krank werden. Sie zahlen unter allen Umständen und wissen genau, dass ihr Kommandant ebenfalls Geld an seinen Vorgesetzten zahlt. Es ist ein regelrechtes Schneeballsystem, um in diesem Krieg Geld zu verdienen«, behauptet Maxim Kurnikov, Chefredakteur von »Echo«.“

Maxim Kurnikov war Journalist, aber nicht Chefredakteur bei dem inzwischen aufgelösten Sender  „Echo Moskwy“. Nach seiner Übersiedlung in den Westen arbeitet er für Bild.
„Der prominente russische Exil-Journalist Maksim Kurnikov ist seit Juni 2022 als Lead-Editor und Moderator für die BILD-Mediengruppe tätig. Er wechselte nach Berlin, nachdem sein vorheriger Arbeitgeber, der unabhängige russische Radiosender Echo Moskau, kurz nach dem Kriegsbeginn in der Ukraine in Rußland verboten und abgeschaltet wurde.
Bei BILD konzipiert und moderiert er das russischsprachige News-Format Bild Review, welches über eigene YouTube- und Telegram-Kanäle ausgestrahlt wird. Darüber hinaus bietet BILD die Studioinfrastruktur für die wöchentliche politische Talkshow Status, die Kurnikov gemeinsam mit der Politikwissenschaftlerin Ekaterina Schulmann hostet.“ (KI zu Kurnikov, mit Berufung auf Bild-Infos)

Nun ja. Ich überlasse es dem Leser, zu beurteilen, für wie solide und begründet er diese Aussagen von Kurnikov hält.

„Angesichts dieser Anschuldigungen schweigt Wladimir Putin.“

Was soll er auch dazu sagen? Er muß ja erst einmal nachschauen lassen, was dran ist.

„Eine heute veröffentlichte amerikanische Studie schätzt die Zahl der getöteten russischen und ukrainischen Soldaten seit Beginn der Invasion im Jahr 2022 auf 450.000 bzw. 150.000.“

Das hat überhaupt nichts mit Lunins Video und den darin enthaltenen Anschuldigungen zu tun. Diese völlig aus der Luft gegriffenen Zahlen ohne Link zur erwähnten Quelle werden nur hier plaziert, um dem Wunschdenken, Rußland sei am Ende, sozusagen noch ein Schäuferl zuzulegen.

(France Info, 1.7.)

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Als Hintergrund zu diesem Enthüllungs-Video ist die Erinnerung angebracht, daß die sowjetische Armee im Zuge des Afghanistan-Krieges tatsächlich ziemlich verfallen ist. Das war auch einer der Gründe, warum Gorbatschow 1989 die Reißleine zog und den Abzug befahl.

Dieser Krieg wurde mit Wehrpflichtigen geführt und widersprach allen sowjetischen Idealen über Völkerfreundschaft, Friedensmacht usw.
Immerhin war Afghanistan ein treuer Verbündeter gewesen und auf einmal mußten sowjetische Soldaten dort Bergdörfer besetzen und befrieden, mit allen Mitteln.

Damals begannen die Initiationsriten für frisch Rekrutierte, Folter und Machtspiele innerhalb der Armee, die von der Heeresführung geduldet wurden, als eine Art Selbstverwaltung des staatlich angeordneten Tötens und der Erziehung dazu.

Nach dem Zerfall der Sowjetunion gingen diese Folter- und Erniedrigungspraktiken gegenüber frisch eingerückten Rekruten weiter. Inzwischen dienten sie nicht mehr der Vorbereitung auf den staatlich verordneten Mord, sondern waren in den 90-er Jahren eine Art Selbstläufer einer Gesellschaft, die von den Russen selbst mit „Bezpredelj“ (Schrankenlosigkeit) charakterisiert wurde und wird. Es gab auch Tote dabei, manche Opfer wurden verstümmelt.

In diesem Millenium wurde einiges getan, um dergleichen Praktiken zu unterbinden. Es ist jedoch möglich, daß manche Kommandanten, die diese unerfreulichen Zustände selbst erlebt haben – und die relative Straflosigkeit, die ihnen gegenüber herrschte – sich darüber sowohl eine psychische Befriedigung als auch ein Zubrot, also finanzielle Zuwendungen, verschaffen.