Überlegungen zum Coronavirus – 4.: Zu viele Alte?

WARUM ITALIEN? – TEIL 4

Hier wird die Serie der Erklärungen fortgesetzt:
1. Der Mailänder Flughafen ist der wichtigste europäische Flughafen für Ostasienflüge
2. Die italienische Mode wird seit geraumer Zeit von Chinesen in Sweatshops in Norditalien hergestellt
3. Der Karneval in Venedig + die Kreuzfahrten nach Venedig haben als Verteiler gewirkt
4. Es gibt halt so viele alte Leute dort
5. Die Einrichtungs-Messe Homi in Mailand im Jänner wurde vor allem von chinesischen Arbeitern aufgebaut.
6. Das Gesundheitswesen in Italien war auch vor der Epidemie schlecht beinander

1. Vom Altern in der kapitalistischen Konkurrenzgesellschaft

Unser – europäisches – Gesundheitssystem, das stets gepriesen wird als flächendeckende Versorgung, kennt eine breite Liste der Berufskrankheiten. „Typische Berufskrankheiten sind Lärmschwerhörigkeit, Hautkrankheiten, Erkrankungen des Stütz- und Bewegungsapparats sowie Erkrankungen durch anorganische Stäube (Asbestose und Silikose).“ (Wikipedia, Berufskrankheit)

Die Anerkennung dieser Krankheiten bedeutet zweierlei: Erstens ist anerkannt, daß diverse Tätigkeiten krank machen. Zweitens werden sie dennoch nicht verboten oder durch mechanisierte Abläufe ersetzt, sondern weiterhin werden Menschen diesen schädigenden Tätigkeiten ausgesetzt. Und drittens, wenn es sie dann erwischt hat, so haben sie Anspruch auf Entschädigung, Frühpension, Invalidenrente oder andere Einkünfte, die nicht besonders berauschend sind. Den Nachweis muß das Individuum aber erst einmal erbringen, mit Arztbesuchen, Untersuchungen, Amtswegen usw.
Damit ist natürlich keineswegs alles erfaßt, was krank macht: „Psychische Erschöpfungszustände, wie das Burnout-Syndrom, psychische Störungen oder psychiatrische Erkrankungen zählen bislang nicht zu den Berufskrankheiten.“

Dazu kommt, daß oftmals aus Angst um den Arbeitsplatz und das daraus erzielte und oftmals sehr knapp verplante Einkommen trotz Krankheit weiter dort gearbeitet wird. Auch normale Infektionskrankheiten werden nicht einfach mit Abwarten und Teetrinken auskuriert, weil das verlängert den Krankenstand, sondern mit Antibiotika aller Art bekämpft. Andere Schädigungen, wie Schmerzen, Verdauungs- und Schlafstörungen werden ebenfalls mit Pillen beschossen. Zu den legalen Tabletten gesellen sich Alkohol und Drogen, die oft auch noch zu Mangelernährung führen, weil die Konsumenten dann beim Essen sparen, um sämtliche Rechnungen zahlen zu können.

In Zeiten der prekären Beschäftigung und der Ich-AGs ist überhaupt die Ernährung ein beliebter Sparposten, weil das Immobilienkapital fordert immer höhere Teile des Gehaltes, und sich kleiden und heizen muß man in unseren Breiten ja auch noch. Die Lebensmittelindustrie hat sich darauf eingestellt und produziert jede Menge Billigfutter, in dem Nährstoffe und Vitamine durch dubiose Zusätze und Reste von Unkrautvertilgungsmittel und Kunstdünger ersetzt werden. Und mit viel Zucker, der Glücksdroge der Armen.
Die regelmäßig eingenommenen Medikamente und das miese Essen führen dann zu Nebenwirkungen und anderen Beschwerden, die auch wieder mit Medikamenten bekämpft werden, und so erreicht der arbeitende Mensch sein Pensionsalter meistens in einem Zustand, der nicht als beneidenswert eingestuft werden kann. Zur möglicherweise steigenden Lebenserwartung gesellt sich dadurch eine schlechte Lebensqualität, die sich aufs Gemüt schlägt und zur Einnahme weiterer Pillen führt, die einem das Leben rosiger erscheinen lassen und einen guten Teil der Lebensrealität ausblenden helfen.

Zu dem allen kommt auch noch eine sehr gesteigerte Geschwindigkeit des täglichen Lebens, alle möglichen flotten Fortbewegungsgeräte auf dem Gehsteig, Telefone, mit denen man immer und überall erreichbar ist und jede Menge weiterer Streß, ob man mit der Pension über die Runden kommt und nicht womöglich dem noch mehr gestreßten Nachwuchs zur Last fällt. Sofern man überhaupt einen hat und sich nicht mit Katzen und Hunden über die Vereinsamung hinwegtröstet.

Es gibt zwar jede Menge Ratgeber, wie man gesund und fit bleibt. Was immer man davon halten mag: Es ist bemerkenswert, daß sie sich alle auf das Funktionieren des Körpers beziehen. Weitaus weniger Wert wird darauf gelegt, wie man seinen Verstand fit halten und gezielt einsetzen könnte. Im Gegenteil, in den Medien gibt es jede Menge Verblödungsangebote, genannt „Unterhaltung“, die aus den oben genannten Gründen auch gerne angenommen werden, um sich von der tristen Wirklichkeit abzuwenden.

Die Demenz ist dann die Endstation, das endgültige Abschalten von Menschen, die einen Weltkrieg erlebt und den Wiederaufbau bewerkstelligt haben – und nicht begreifen können, wie sich Menschen um I-Phones über Nacht anstellen oder in einer Schlange stehen, um auf den Mount Everest zu kommen, während sie selbst schon froh sind, wenn sie sich hin und wieder einen Ausflug mit dem Seniorenklub unternehmen.
Dazu gibt es noch eine Menge öffentliche Schelte, daß sie der Gesellschaft auf der Tasche liegen, über das Umlagesystem der Pensionskasse.

2. Die Bevölkerungspyramide und das Pensionssystem

Immer wieder erklingt das Wehgeschrei der Demographen (= Bevölkerungswissenschaftler), daß die Graphik, die die Altersverteilung anzeigt, zusehends kopflastig und instabil ist. Das ist deshalb, weil das Pensionssystem über die Einzahlungen der Arbeitenden, die sogenannten Arbeitgeberbeiträge, über die die Unternehmer klagen, finanziert wird. Obwohl sie formell als Zahlung des Unternehmers abgewickelt werden, sind sie tatsächlich ein Teil des Gehalts. Die Arbeitenden zahlen ein, um einmal in den Genuß einer Pension einer Pension zu kommen, und das Geld tropft auf der anderen Seite auf diejenigen, die bereits in Pension sind. Es ist klar, daß da ein Mißverhältnis eintritt, wenn auf der einen Seite immer weniger in das Gefäß hineingeleert und auf der anderen Seite immer mehr entnommen wird.

Die Bevölkerungswissenschaftler, die das in ein reines Problem der mangelhaften Reproduktion – zuwenig Kinder! – verwandeln, lassen dabei einen wichtigen Umstand weg: In Zeiten großer Jugendarbeitslosigkeit gibt es gar kein Deckungsverhältnis der Arbeitsfähigen mit den tatsächlich Arbeitenden und Einzahlenden. Die kapitalistische Wirtschaft kann immer weniger Menschen im arbeitsfähigen Alter brauchen, und das Mißverhältnis ist dadurch noch größer, weil auf Pensionsberechtigte aus Zeiten der Fast-Vollbeschäftigung treffen Prekäre, Niedriglohnsektoren und auch immer weniger tatsächlich Einzahlende.

Dieses Mißverhältnis sollte durch die Schaffung von privaten Pensionsfonds ausgeglichen werden, in die die besser Verdienenden einen Teil ihres Gehalts einzahlen sollten. Die Idee war von Haus aus rein arithmetisch nicht sehr gut, weil damit wurden der staatlichen Pensionskasse erst einmal Gelder entzogen.

Diese Pensionsfonds sollten, so die Idee, mit Spekulationen auf dem Wertpapiermarkt eine wundersame Geldvermehrung erzielen und damit dann ihrer Kundschaft ein sorgenfreies Alter ermöglichen. Dieser schöne Plan wurde spätestens durch die Finanz- und Eurokrise 2008 ff. in ganz Europa (und auch außerhalb) zunichte. Wertpapiere wurden entwertet, sichere Anlagen sind mit Null- und Negativzinsen belastet, aus den Einnahmen der privaten Pensionsfonds wurde nichts, und sie müssen jetzt oft wie die staatliche Pensionskasse bezuschußt werden, um nicht den Geist aufzugeben und damit womöglich einen Bankencrash auszulösen.
Das schafft eine mißliche Lage für viele Staatshaushalte, die ihrerseits ein Problem haben, sich zu finanzieren und sich und anderen Schuldenbremsen verordnet haben, um nicht durch muntere Verschuldungstätigkeit wieder eine Neuauflage der Eurokrise von 2012 ff. hervorzurufen.

Manche Staaten, wie Nachfolgestaaten Jugoslawiens oder Rumänien müssen Kredite aufnehmen, um ihre Pensionsfonds zu stützen.

Diese eigentlich ausweglose Lage wird mit ständigen besorgten Artikeln, Belangsendungen und Interviews immer wieder thematisiert: Wie werden wir die Pensionen weiter zahlen? – was eine sehr unerfreuliche Stimmung für die Betroffenen erzeugt. Erstens erfahren sie in einem fort, daß sie zu viele sind, zu lange leben, lästig sind, unnütz sind, und den kommenden Generationen die Butter vom Brot essen. Zweitens schwebt über ihnen auch das Damoklesschwert, daß eines Tages das Konto leer sein könnte, weil die Überweisung der Pensionskasse nicht mehr kommt.

Immerhin wurden z.B. in Griechenland die Pensionen seit 2014 zehnmal oder noch öfter gekürzt, und auch in Spanien stehen die Pensionsfonds kurz vor dem Kollaps, weil durch die Finanzkrise eine große Abwanderung eingesetzt hat, die Arbeitslosigkeit gestiegen ist und immer weniger an Einzahlungen hereinkommt.
Obwohl also die Überalterung der Gesellschaft nicht der wichtigste Grund für die Schwierigkeit der Finanzierung des Pensionssystems ist, ist sie doch eine Tatsache.
Wie kam es dazu?

3. Italien: Von der Bambinifreudigkeit zum Großelternüberhang

a) Die „Scala Mobile“

In Italien war bis 1990 die Kommunistische Partei sehr stark, vor allem in der 1944 im Pakt von Rom gegründeten Einheitsgewerkschaft CGIL. Ihrem Einfluß, und auch dem Entgegenkommen der italienischen Eliten war es zu danken, daß 1945 die „Scala Mobile“ eingeführt wurde. Die Gegenseite, Industrielle und Politiker, sahen damals ein, daß die Lohnpolitik einen entscheidenden Einfluß auf den „sozialen Frieden“, also den Gehorsam der Arbeiterklasse haben würde.
Nach der Scala (ww.: Rolltreppe) wurden den Arbeitern jährlich die Preissteigerungen durch eine nationale Lohnerhöhung abgegolten. Zunächst war das ein höchst kompliziertes Verfahren, wo sich diese Erhöhungen nach Berufsgruppe, Alter, Geschlecht und Qualifikation unterschieden. In den Jahren 1975-77 wurde das Verfahren vereinfacht. Unter der sozialistischen Regierung Craxi fand 1984 per Dekret eine Verringerung der Lohnsteigerung statt, und 1992 wurde sie unter der ebenfalls sozialistischen Regierung Amato abgeschafft. Die Sozialdemokraten bewährten sich hier, ähnlich wie Schröder & Co. in Deutschland, als die wahren Diener des Kapitals, indem sie die Arbeiterklasse auf einen Schlag verbilligten.
Die Scala Mobile spielte eine bedeutende Rolle in den Klassenkämpfen der 60-er und 70-er Jahre. Die militanten Organisationen der Linken, die wilde Streiks organisierten, proletarische Einkäufe veranstalteten und sich Straßenschlachten mit der Polizei lieferten, wurden in den späten 70er und 80-er Jahren durch die Justiz aufgerieben. Es gelang ihnen nicht, das italienische Proletariat zu mobilisieren, weil es u.a. durch die Lohnpolitik von Staat und Kapital bei der Stange gehalten wurde.

Nach dem Fall des Eisernen Vorhanges fiel der italienische Eurokommunismus in sich zusammen. Obwohl sie sich als nationalstaatlich orientierte Sozialisten im Schulterschluß mit der herrschenden Klasse gegen den Ostblock präsentierte, hatte die PCI ihre Bedeutung doch nur als Schwesterpartei des Realen Sozialismus gehabt. Damit fiel jeder Widerstand gegen die Ansprüche des Kapitals und die Scala Mobile wurde abgeschafft.
Dank der im europäischen Vergleich hohen Löhne war es in Italien bis in die 80-er Jahre nicht üblich, daß beide Elternteile arbeiten gingen. Die Mamma war Hausfrau und versorgte Mann und Kinder, und oft auch noch die im Haushalt mitlebenden und mithelfenden Eltern. Unter diesen Bedingungen war es üblich, daß in Italien mehr Kinder pro Familie geboren und aufgezogen waren, im Unterschied zur Zweikinderfamilie, die damals in Mitteleuropa Standard war.

Das Reproduktionsverhalten einer Gesellschaft hängt nämlich von den Einkommen ihrer Mitglieder ab.

b) Das Pensionssystem

Ein allgemeines Pensionssystem wie oben beschrieben, mit Einzahlungen der arbeitenden und Berechtigung einer Alterspension wurde in Italien erst 1969 eingeführt. Vorher gab es zwar allgemeine Pensionskassen, wo Alterspensionen beantragt werden konnten, und spezielle Pensionskassen für einige Berufe. Im Großen und Ganzen war es aber bis dahin die Aufgabe des Familienverbandes gewesen, die Alten und Arbeitsunfähigen zu erhalten.

Damals war die Arbeitsmarktsituation gut, die Löhne und Gehälter vergleichsweise hoch und es gab viele Einzahlungen, die einen Grundstock für die Pensionskasse schufen, die die damals geringfügigen Auszahlungen locker verkraften konnte.
Die damaligen (zahlreichen) Einzahler sind jedoch die Pensionisten, also die Bezieher von heute.

c) schwindende Einnahmen

Ab dem Jahr 1992, dem ersten Jahr der EU und nach dem Zerfall der Sowjetunion, wurde das ganze Verhältnis zwischen Kapital und Arbeit neu definiert, was Löhne, Gehälter und Sozialauszahlungen betraf. Das Kapital hatte gewonnen, die Arbeitermacht gab es nicht mehr, die Unternehmer mußten keine Rücksicht mehr nehmen, weil auch die ausgesteuerten Staatsbürger der ehemals sozialistischen Staaten auf den Arbeitsmarkt drängten und die industrielle Reservearmee schier unendlich anwuchs.

Italien war zudem Vorreiter der Ausweitung des informellen Sektors. Um die per Scala Mobile geregelten Löhne zu umgehen, war Schwarz- und Teilzeitarbeit dort seit den 70-er Jahren üblich und verhinderte auch viele Familiengründungen.

Das heißt auch, daß die Einzahlungen in die Pensionskasse nicht nur nach Höhe, sondern auch nach Anzahl zurückgegangen sind.

Als dann die Löhne und Gehälter der Fix-Angestellten auch noch fielen – seit 1996 stagnieren sie, bei gleichzeitig bedeutenden Preisanstiegen, vor allem nach der Einführung des Euro – blieb nur mehr die Verschuldung, um z.B. überhaupt zu Wohnraum zu kommen, und die Geburtenrate fiel noch schneller als in anderen europäischen Staaten, da sie ursprünglich von einem höheren Niveau ausgegangen war.
Italien hat heute die niedrigste Geburtenrate der EU.

Daß in Italien heute häufig mehrere Generationen unter einem Dach leben, hat nicht nur mit Traditionen zu tun, sondern vor allem damit, daß die meisten Menschen sich getrennte Haushalte gar nicht mehr leisten können.

Fortsetzung folgt: Messestadt Mailand

Imperialismus heute, Fortsetzung 2020

KRIEG IM FRIEDEN, FRIEDEN INMITTEN VON KRIEG
Stand derzeit:
Syrien – ungeklärte Verhältnisse bezüglich Rojava, Idlib, Ölfelder
Libyen – Streit zweier Parteien mit sehr unklaren Bündniskonstellationen
Iran – alles wackelig wegen Abschuß des Flugzeugs durch eigenes Militär
EU – uneinig
USA-EU – Handelskrieg latent
usw.

Vorläufige Zusammenfassung der Ereignisse in Bolivien

DER MEDIAL ABGESEGNETE PUTSCH
Lange war es eigentlich ruhig um Bolivien und Evo Morales, obwohl er auch zu der Reihe der marktwirtschaftsfeindlichen Fast-Diktatoren gehörte, wie Maduro, Correa oder Cristina Fernández, auf die sich die Presse schon seit geraumer Zeit eingeschossen hatte.
Vor allem während des ganzen Getöses über Venezuela und den Usurpator Guaidó erschien Bolivien irgendwie verschont zu bleiben von den medialen Kreuzzügen für das Gute und gegen das Böse.
Die Ruhe war trügerisch, wie sich seither herausgestellt hat.
1. Demokratie
Bezüglich der Demokratie als Staatsform herrschen verschiedene Vorstellungen.
Die einen, dazu gehören auch die Eliten der Weltmacht USA, betrachten sie vor allem als eine Form der Absicherung des Privateigentums und der Kapitalakkumulation. Als solche schätzen sie auch das Spektakel namens „Wahl“, mit dem alle paar Jahre die Verwalter dieser Veranstaltung neu bestellt werden. Die sollen nicht zu lange an ihren Sesseln kleben, deswegen gibt es in den meisten demokratischen Verfassungen Beschränkungen der Amtszeit – das ist deshalb, weil auch die Ausübung der Macht als Konkurrenzveranstaltung organisiert ist. Die Kandidaten sollen lernen, sich gut zu verkaufen. Damit soll die sonstige Konkurrenz ums Geschäft gesichert und angestachelt werden.
Die anderen schätzen die Demokratie besonders als Ermächtigung der Herrschaft und immer wieder erneute Herstellung der Einheit zwischen Staat und Volk. Wahlen werden von diesen Menschen als eine Art Abstimmung über die Leistungen der Regierung gesehen, wo die Wähler ihre Zufriedenheit oder Unzufriedenheit ausdrücken. Sie meinen auch, die Regierenden seien ihren Untertanen verpflichtet, und bei der Wahl bekämen sie dann bestätigt, daß sie ihre Sache als „Diener des Volkes“ gut gemacht hätten.
Diese beiden Auffassungen ergänzen sich oft, und bestätigen einander sogar.
Aber manchmal geraten sie auch in Gegensatz zueinander.
Solches geschah und geschieht in Lateinamerika, wo sich unter dem Firmenschild „Sozialismus des 21. Jahrhunderts“ einige Staatsoberhäupter gefunden haben, die nicht gegen die Bevölkerung regieren wollten, sondern im Lincolnschen Sinne „mit dem, durch und für das Volk“ tätig sein wollten.
Für diese guten Absichten fanden sie ungünstige Rahmenbedingungen vor. Ihre Versuche, den ärmeren Bevölkerungsschichten Teile des nationalen Reichtums zukommen zu lassen, stießen im In- und Ausland auf Widerstand.
Um weiter ihren Weg verfolgen zu können, setzten manche auf Nachfolger. So ermöglichte Néstor Kirchner noch zu seinen Lebzeiten seiner Ehefrau die Nachfolge. Rafael Correa scheint sich mit seinem Nachfolger vertan zu haben.
Daniel Ortega glaubt nur an sich und ließ das Wiederwahlverbot aus der Verfassung Nicaraguas streichen.
Evo Morales gelang das nicht, sodaß er sich in einem umstrittenen Verfahren über das internationale Recht vom Verfassungsgericht – gegen die bolivianische Verfassung – zu einer weiteren Amtszeit ermächtigen ließ.
Vor Morales wurden in den letzten 11 Jahren 3 Regierungschefs gestürzt: 2009 in Honduras Manuel Zelaya durch einen Militärputsch, 2012 Fernando Lugo in Paraguay, in einem sehr umstrittenen Amtsenthebungsverfahren, 2016 Dilma Rousseff in einer ebenfalls sehr neuartigen Art von Mißtrauensvotum im Parlament Brasiliens.
Wurde hier die Demokratie mit Füßen getreten, wie manche meinen, oder wurde sie vor Usurpatoren gerettet, wie andere meinen?
Eher wird hier eine Neudefinition von, oder eine Klarstellung zur Demokratie vorgenommen: Demokratie ist, was den Besitzenden nützt und was die Weltmächte als Demokratie anerkennen.
2. Medien
Die Medien weltweit bemühen sich, auf diese Definition einzusteigen – das merkt man der Berichterstattung zu diesem Putsch an.
Die bolivianische Putschistenregierung unterhält Schlägertrupps, die Jagd auf Journalisten machen. Ein paar argentinische Journalisten mußten von ihrer Botschaft evakuiert werden. Die bolivianischen Zeitungen wissen, daß sie nur das schreiben dürfen, was genehm ist, sonst wird auch ihre Redaktion gestürmt, ihre Zeitung bedroht.
Wenn das woanders auf der Welt geschähe, z.B. in Rußland oder in Venezuela, oder auch in Polen oder Ungarn, so wäre in den Medien der Teufel los: Die heilige Pressefreiheit wird mit Füßen getreten! Ein „Regime“ unterdrückt Information! usw. usf.
In Bolivien ist das keiner Rede wert.
Unabhängige Berichterstattung ist sowieso schon seit längerer Zeit unüblich, die kostet nur Geld und verschreckt womöglich Kundschaft, die Werbung in dem Medium plazieren will und dafür gut zahlt.
Und so finden sich in den meisten Leitmedien der Welt – wenn überhaupt – die gleichen Fertig-Texte zu den Ereignissen in dem Andenstaat.
Wenn nicht überhaupt der Scheinwerfer von Bolivien weg und hin zu Uiguren und Hongkong geschwenkt wird, wo natürlich nur Unterdrückung und Propaganda herrschen.
Das betrifft einmal die Redaktionen und die dort Beschäftigten oder sogar freien Mitarbeiter.
Eine andere Abteilung sind die vielen – oder vielleicht auch wenigen, aber sehr eifrigen – Propaganda-Ameisen, die die Weltmedien über Twitter und Postings mit Kurztexten überschütten, demzufolge der ganze Putsch nur die Wiederherstellung des rechtmäßigen Zustandes sei, und Morales und seine Mannschaft mafiöse Verbrecher waren, die sich unverschämt die Taschen gefüllt, Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen und sich durch feige Flucht ihrer rechtmäßigen Verhaftung und Verurteilung entzogen haben.
(Vorgesehen war von den Putschisten ursprünglich offenbar ein Milosevic- oder Ghaddafi-Szenario, aber Mexiko hat ihnen einen Strich durch die Rechnung gemacht. Der Zorn auf Mexiko ist bei den bolivianischen Bibelfreunden entsprechend groß.)
Sobald solche Fake-News-Verbreiter angeblich für Rußland tätig sind, heißen sie „Trolle“, und das ganze ist eine hinterlistige Form der Einflußnahme, deren eben nur böse „Regimes“ fähig sind, – aber wenn sie für die Sache der Freiheit tätig sind, gibt es darüber keine Aufregung und niemand prüft ihre Profile oder Postingnamen nach.
Die freie Presse steht also Gewehr bei Fuß für die geistige Aufrüstung.
3. Ökonomie, Imperialismus und internationale Arbeitsteilung
Bei der ganzen Sache geht es um das in Bolivien vorhandene Lithium, so liest man in alternativen Medien.
Da ist auch etwas dran, aber die Angelegenheit geht weit über das Lithium hinaus.
Wenn aus den USA verlautet, Lateinamerika habe wieder als „unser Hinterhof“ zu funktionieren, so hat das zwei Schwerpunkte:
1. „Hinterhof“: Schluß mit Vorstellungen über freien Handel mit der ganzen Welt, womöglich unter Vermeidung des Dollars! Schluß mit Industrialisierungspolitik! Diese ganzen Vorstellungen, mehr Waren im Inland herzustellen, als sie zu importieren, raubt uns unsere Märkte!
Diese Staaten des amerikanischen Kontinents haben uns unsere Konsumgüter abzunehmen – dafür dürfen sie sich auch fest verschulden – und ihre Rohstoffe herzugeben, und zwar möglichst billig!
(Es mag sein, daß genau deshalb diese sehr unbekannte Bulgarin zur IWF-Direktorin ernannt wurde, weil die sich als Werkzeug einer ungehemmten Verschuldung US-treuer Regierungen angeboten hat.)
2. „unser“
In der Art einer Kolonie würden die USA gerne aus Lateinamerika eine exklusive Einflußzone machen und alle Konkurrenten hinausdrängen, vor allem China, und auch die EU.
Da geht es also in Bolivien nicht nur um das Lithium, sondern auch um Öl, Gas und Zinn – was die Rohstoffe anbelangt. Was Importwaren angeht, so würden die USA und ihre bolivianischen Freunde gerne China hinausdrängen und dessen bolivianische Freunde irgendwie plattmachen.
Bolivien ist zusätzlich als eine Art großer Stützpunkt eingeplant, ähnlich wie es Honduras in Mittelamerika darstellt. Von hier aus würden die USA gerne alle anderen Staaten Südamerikas überwachen und mit schnellen Eingreiftruppen ruckzuck erreichen können.
Was in Bolivien selbst geplant ist – Reprivatisierung und möglicherweise sehr repressive Maßnahmen – sind vergleichsweise Kleinigkeiten gegenüber den Plänen, die mit diesem Putsch einhergehen.
Ob diese Pläne aufgehen, hängt natürlich von den Handlangern der USA vor Ort und der Opposition gegen dieselben ab.