Pressespiegel El País, 30.7.: Zwangsrekrutierung in der Ukraine

„DIE UKRAINISCHEN MÄNNER FLÜCHTEN VOR DER EINBERUFUNG

Unter den Nachrichten vom vergangenen Dienstag erregte eine besondere Aufmerksamkeit: Es ging um eine Razzia gegen Personen, die falsche medizinische Zeugnisse ausstellten. Diese Bande aus der Region Kiew stellte angeblich ärztliche Attests aus, die ihre Empfänger vor dem Militärdienst befreiten. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft in Kiew bot das Netzwerk auch an, ihre Klienten ins Ausland zu bringen. Je mehr sich die Zeichen zu einer verpflichtenden Einberufung verdichten – mit mehr Kontrollen zur Registrierung als Wehrpflichtiger – um so mehr Männer versuchen, mit falschen Angaben das Land zu verlassen.
Männer zwischen 18 und 60 dürfen die Ukraine nicht verlassen und müssen sich in den Registrierungsbüros der Streitkräfte melden. Die Verpflichtung zur Registrierung wurde bis vor ca. einem Monat lax gehandhabt. Dann verkündete Selenskij jedoch, daß die ukrainische Armee eine Mannstärke von einer Million erreichen müßte, um die Provinz Cherson zurückzuerobern. Die Eroberung dieser Region an der Schwarzmeerküste durch Rußland wird von ukrainischer Seite als der größte Fehlschlag in diesem Krieg betrachtet.“

Erst in jüngerer Zeit ist die Provinz Cherson so zum Thema geworden, da die Russen seit dem Rückzug von Kiew und dem Norden auf allen Fronten vorrücken. Dadurch muß die Führung in Kiew ihre strategischen Ziele neu definieren und hat Cherson als möglichen Angriffspunkt entdeckt.

„So kommt es seither in der ganzen Ukraine flächendeckende Polizeiaktionen, wo Männer aufgefordert werden, sich in diesen Rekrutierungsbüros zu melden. Eine Frau aus Dnepropetrowsk, die es vorzieht, ihren Namen nicht zu nennen, erzählt von ihren diesbezüglichen Erlebnissen: An einem Wochenende in diesem Sommer mietete sie mit ihrem Partner ein Bungalow, in einem Gelände außerhalb der Stadt, wo Leute ihre Freizeit verbringen. In diesem Villenkomplex wohnen Leute der Oberschicht aus Ortschaften derjenigen Gebiete aus den Provinzen Donetsk und Lugansk, die von Rußland besetzt sind. Eines nachts kamen Lastwagen der Polizei und nahmen die Männer zwecks Registrierung mit. »Da ich das Haus auf meinen Namen gemietet hatte, merkten sie nicht, daß mein Freund auch da war. Allerdings fragten sie mich, ob ich nicht zufällig eine Krankenschwesterausbildung hätte?«“

Man muß hier hinzufügen, daß die solchermaßen mitgenommenen Männer nicht einfach „registriert“ und dann wieder freigelassen wurden. Sie wurden eingezogen. Die „Registrierung“ ist inzwischen gleichbedeutend mit der Zwangsverpflichtung.

„Ab 1. Oktober müssen sich Frauen mit Ausbildungen, die in Kriegsgebieten als notwendig eingestuft werden, ebenfalls melden und haben ab diesem Stichtag auch eine eingeschränkte Mobilität.
Die Ukraine verfügt über mehr als eine halbe Million Landesverteidiger, nach einer von El País selbst gemachten Aufstellung aus dem Monat März. Das auf geopolitische Analysen spezialisierte Zentrum für Oststudien in Warschau erhöht diese Zahl auf 750.000 Personen. Von denen sind 200.000 reguläre Soldaten und der Rest entweder Veteranen, die seit 2014 an der Donbass-Front im Einsatz waren, oder Freiwillige.“

Der Krieg gegen die eigene Bevölkerung im Donbass diente den ukrainischen Streitkräften also als eine Art Live-Ausbildungszone, für den Tag X, wo sie diese Gegenden zurückerobern wollten oder zumindest mit einer Auseinandersetzung mit Rußland rechneten.

„Im Laufe der Zeit ergibt sich die Notwendigkeit, die Kämpfenden der ersten Frontlinie durch frische Truppen aus dem Hinterland zu ersetzen. Außerdem schätzt die Regierung, daß sie die Zahl auf mindestens eine Million erhöhen muß, um die verlorenen Gebiete an der Schwarzmeerküste zurückzuerobern.“

Man merkt bei der ukrainischen Regierung eine gewisse Verschiebung der Akzente. Während bis vor kurzem noch die Eroberung aller ehemals ukrainischer Gebiete einschließlich der Krim als Ziel verkündet wurde, werden jetzt etwas kleinere Brötchen gebacken und einmal die Region Cherson ins Auge gefaßt.
Es kann sich dabei natürlich auch um ein reines Manöver handeln, um Zeit zu gewinnen, die westlichen Verbündeten mit positiven Nachrichten über das Machbare zu füttern und die Waffenlieferungen aufrecht zu erhalten.

„Ob es darum geht, sich durch eine Arbeit im Ausland Einkünfte zu verschaffen, oder aus Angst vor der Front, jedenfalls gibt es immer mehr Männer, die das Ausreiseverbot umgehen wollen. Die Möglichkeiten sind begrenzt und in einigen Fällen riskant. Eine eher schwierige davon ist die grüne Grenze nach Moldawien und Rumänien mit Hilfe von lokalen Schleppern. Auf Telegram gibt es Gruppen, die über diese Möglichkeit informieren. Die Gruppe »Grenzhilfe« gab am Mittwoch bekannt, daß in der Provinz Odessa ein Mann verhaftet wurde, der in seinem Lieferwagen 2 Jugendliche versteckt hatte, die die Grenze nach Moldawien überqueren wollten. Jeder von ihnen hatte mehr als 6500 Euro gezahlt.“

Der Schlepper hatte offenbar nicht genug davon an die Polizei weitergegeben, deshalb der Aufgriff.

„Eine andere Möglichkeit ist, Bestechungsgelder für ärztliche Atteste zu zahlen, mit denen man ins Ausland ausreisen kann. Vergangenen Juni flog – ebenfalls in Odessa – ein Netzwerk auf, das solche Atteste und Transport ins Ausland sozusagen als Paket anbot, für 4100 Euro.“

Man merkt, die Preise erhöhen sich, weil das Risiko steigt und auch damit das Geld, das an Grenzbeamte und Polizisten gezahlt werden muß, damit sie am Checkpoint die Augen zudrücken.

„Ausnahmeregelungen

Es gibt bei dem durch das Kriegsrecht gedeckten Erlaß Selenskijs Ausnahmen. Väter von Mehrkinderfamilien – ab 3 Stück – können die Ukraine verlassen, ebenso solche, die eine Doppelstaatsbürgerschaft besitzen. Aber einige dieser Ausnahmeregelungen können sich auch als Bumerang erweisen.“

Hier kommt keine Erklärung im Artikel.
Offenbar gelten diese Ausnahmen nur, wenn auch ein entsprechender Geldschein beigelegt wird. Ansonsten: Marsch ins Ausbildungslager und an die Front!

„Die Organisationen, die humanitäre Hilfe transportieren, dürfen ukrainische Chauffeure ins Ausland schicken, die aber nicht länger als 30 Tage dort bleiben dürfen. Es gibt Organisationen, die manchmal Personen schicken, die nicht zurückkommen, wie El País aufgrund von Zeugenaussagen feststellen konnte.
Studenten, die an ausländischen Unis inskribiert sind, dürfen auch mit vorheriger Genehmigung der Regierung das Land verlassen. Diese Genehmigungen werden jedoch für die neu Immatrikulierten immer seltener erteilt, vor allem, wenn die Studenten volljährig sind.“

Also immer. Weil für Minderjährige gilt das Ausreiseverbot sowieso nicht.
D.h. das Ansuchen um die Genehmigung wird mit einer sofortigen Einberufung beantwortet.

„Die Polemik um das Ausreiseverbot kam vorigen Mai in die Schlagzeilen, als der Odessaer Anwalt Alexandr Gumirov 27.000 Unterschriften sammelte, um das Ausreiseverbot aufheben zu lassen. Laut geltender Gesetzeslage muß eine Initiative mit mehr als 25.000 Unterschriften vom Präsidenten zur Kenntnis genommen und beantwortet werden. Die Antwort Selenskijs war abweisend. Er fügte hinzu, daß sie ihre Petition den Familien derer schicken müßten, deren Angehörige im Kampf gefallen seien. Die Regierung erinnert regelmäßig daran, daß es bei dem Krieg um die Existenz der Ukraine geht.“

Man möchte nicht wissen, wie es den 27.000 Unterzeichner(inne)n gegangen ist. Vielleicht sitzen die inzwischen alle schon in irgendwelchen Verliesen – oder Ausbildungslagern, sofern es Männer waren.

„Trotz der negativen Antwort Selenskijs ist sicher, daß es einen tendenziellen Wandel gibt.“

Umgekehrt. Die Antwort Selenskijs ist gereizt im Lichte dessen, daß die Verweigerung zunimmt.

„Die Zahlen von Eurostat (der Statistik-Agentur der EU-Kommission) zeigen das. Es kommen zwar weniger Flüchtlinge in die EU, aber der Anteil der Männer unter ihnen steigt. Das beweisen die Angaben einiger Staaten, die ihre Daten bezüglich der monatlichen temporären Aufenthaltsgenehmigungen für ukrainische Flüchtlinge im Juni aktualisiert haben. Polen ist das wichtigste Aufnahmeland für Flüchtlinge aus dem angegriffenen Land. Im März, dem ersten Kriegsmonat, machte der Anteil von Männern zwischen 18 und 64 2,6% der Gesamtmenge an Aufenthaltstiteln für ukrainische Flüchtlinge aus. Im Juni ist dieser Prozentsatz auf 16% gestiegen. In Litauen, einem anderen Zufluchtsland für Ukrainer, ist der gleiche Prozentsatz von 3 auf 24 angestiegen, in Schweden von 7 auf 28. In Rumänien war er bereits im März auf 17% und ist nur schwach auf 18% angestiegen.“

Rumänien galt offenbar ukrainischen Wehrdienstflüchtigen von Anfang an als sicheres Fluchtland.

_________________

Flucht durch Rußland

Die riskanteste Alternative für jene, die sich entschlossen haben, die Ukraine zu verlassen, führt durch Rußland. In den ersten Monaten der Invasion wählten wenige diese Route, aber die Zahlen sind ständig angewachsen. Heute ist es nach Angaben der UNO diejenige Grenze, die am öftesten von Ukrainern überquert wird. 1,8 Millionen Ukrainer sind über die russische und nur 1,2 Millionen über die polnische Grenze emigriert.
Wer sich für diese Variante entscheidet, sind vor allem Familien aus den besetzten Gebieten, obwohl die ukrainische Regierung behauptet, daß Hunderte von ihnen gegen ihren Willen nach Rußland deportiert wurden. Ihre Reise beginnt in den angrenzenden russischen Provinzen von Belgorod, Rostov und Woronjesch und endet an den EU-Grenzen in Estland oder Lettland.
Denis ist ein Unternehmer aus Kupiansk, den El País am 17. aus Charkov interviewt hat. Kupiansk ist eine 30 km von der russischen Grenze entfernte Kleinstadt, die bald nach dem Beginn des Einmarsches von Putins Truppen eingenommen wurde. Dieser 29-Jährige erklärte, daß er plante, über Rußland nach Polen zu gelangen, aber die Erfahrungen eines Freundes brachten ihn davon ab. Dieser wurde von der Grenze in ein sogenanntes »Filtrationslager« gebracht. Dort wurden seine Kontakte in den sozialen Netzwerken untersucht und festgestellt, daß er eine Botschaft der ukrainischen Streitkräfte geteilt hatte. »Sie verprügelten ihn und sperrten ihn einige Tage lang ein. Schließlich ließen sie ihn nach Rußland einreisen. Inzwischen ist er in Polen.«“

Klingt gar nicht so riskant. Eine Tracht Prügel und eine Reise durch Rußland ist sicher billiger und auch ungefährlicher als die Direttissima aus Odessa …

22 Gedanken zu “Pressespiegel El País, 30.7.: Zwangsrekrutierung in der Ukraine

  1. Weitere News zu den ukrainischen Truppen:

    From Adelaide to Ukraine: what drove one Australian to join someone else’s war?

    Matt Roe gave up a comfortable life to fight the Russian invasion, despite the risks and the possibility of prosecution in his home country

    Matt Roe was devastated when he discovered a medical condition would prevent him joining the Australian military.

    “It took me years to get over it … if I ever did,” the South Australian landscaper says.

    “It’s all I ever wanted to do.”

    But now Roe, 36, has found a different – though potentially illegal – way to become involved in a military campaign, by leaving Australia to join the Georgian National Legion, a unit formed to support Ukraine’s struggle against the Russian invasion.

    (…)

    Sarah Percy, associate professor in the school of political science and international relations at the University of Queensland, has researched and written widely on the role of mercenaries and unconventional combatants. She says men who sign up to fight overseas often find things are very different from what they had imagined.

    “There is a very effective romanticisation of war for young men, and particularly when there is a cause involved,” she says.

    “Certainly with … Syria, what you found often was that they got there and were absolutely horrified by the reality of the war.”

    She says Russia’s invasion of Ukraine “had all the characteristics of the kind of conflict that does draw people to go and fight for someone else”.

    “There is a clear aggressor, there is quite a charismatic leadership which is fighting back, there is a sense that ideals are really at stake, important ideals – and that’s what gets people to go.”

    In March, Ukraine’s president, Volodymyr Zelenskiy, announced the formation of an International Legion, and tens of thousands of people from around the world responded, including an estimated 200 or so Australians. Like Roe, some had little or no military experience, and some faced similar legal hurdles.

    One British recruit said he had been stopped at the airport as he left and told he could be arrested for terrorism when he returned, though signals from the UK government have been ambiguous. In February the foreign secretary, Liz Truss, said she would “absolutely” back anyone who volunteered to fight, but her fellow cabinet minister Grant Shapps later stressed it was illegal to do so and warned potential volunteers they risked making the situation in Ukraine worse.

    Roe travelled to Ukraine with a 23-year-old Melburnian whom he had met through Reddit. Before leaving, he sold his landscaping business for “about 20% of what it was worth”.

    By the time they arrived, both were carrying several kilos of body armour, were severely sleep-deprived, and – despite concerted efforts to leave the country undetected – were known to the Australian government.

    Australian law says it is an offence to “enter a foreign country with an intention to engage in a hostile activity, unless serving in or with the armed forces of the government of a foreign country”, with penalties ranging up to life imprisonment.

    The foreign affairs department declined to comment on Roe’s case, or the application of the law to anyone who has gone to Ukraine to fight. The advice on the Ukraine page of the government’s Smartraveller website makes no reference to the law, but says simply: “Do not travel.”

    Dr Carrie McDougall, a University of Melbourne academic and a former assistant director of the international law section in the department of foreign affairs, says the definition of a country’s armed forces is untested, and arguably could extend to the Georgian National Legion.

    Even if a narrow interpretation were favoured by the courts, an offence would only be committed if a person intends to engage, or actually engages, in “hostile activity” such as attempting to overthrow the government of a country.

    Any decision to prosecute would also require the consent of the attorney general, meaning the impact of any prosecution on Australia’s relationship with Ukraine might be taken into account.

    McDougall says: “I think a strong argument could be made that it would be the exception rather than the rule that someone who has gone to fight for the Ukraine armed forces or any associated entity would be captured by Australia’s foreign incursion offences.”

    Roe knows he will have to consider what might happen if he wanted to return to Australia, but he says questions about the legality of his action are “not the most important thing for me at the moment”.

    “The important thing for me at the moment is that Ukraine wins.”

    There is also the fairly pressing matter of the Russians. The consequences of any legal action in Australia pale against the day-to-day risks in Ukraine.

    At least one Australian who joined the International Legion has been killed in action. Tasmanian Mick O’Neill, who also had no previous combat experience, died on 24 May when his unit was hit by a Russian mortar strike outside Kharkiv, the Australian reported.

    The prospect of being taken prisoner is not much less terrifying.

    “[The Russians] would see me as a mercenary,” Roe says. “To be put to death.”

    Missile strikes and untrained volunteers

    Roe arrived in Ukraine at a bad time for would-be foreign fighters.

    Many deserted hurriedly after a missile strike on a base used by the fledgling International Legion only 10km from the Polish border.

    “There were a lot of people in the International Legion during that bombing attack who were laying down their rifles, and they just ran for the Polish border,” Roe says. Some of them forgot to unpack their bags, and they tried to cross the border with five, six hundred rounds of ammunition.”

    After that, the Ukrainian government’s policy changed dramatically: volunteers were welcome, but they would need to prove their mettle before they were trusted to fight.

    “We were all pretty pissed off,” Roe says of learning that he wouldn’t be fighting. “Quite a few people … just left.”

    Roe stayed. He enlisted in the Georgian National Legion, receiving training as a military instructor, despite his own lack of experience.

    Since then Roe has criss-crossed Ukraine’s central regions training boys and men – often the only instruction they receive before being sent to the front.

    “You’ll … be like ‘how many people here have fired a rifle?’ There’s like 100 people and two hands go up,” Roe says. “Unfortunately, we have lost quite a few people that we have trained. But it’s better than nothing … and you can see how much of a difference it’s making.”

    (…)

    https://www.theguardian.com/world/2022/aug/06/from-adelaide-to-ukraine-what-drove-one-australian-to-join-someone-elses-war

  2. Ankündigung:  Wirtschaftskrieg  (mit Usama Taraben) 

    – 99 ZU EINS – Ep. 166

    Geplant für: Sonntag,  14.08.2022 um 20 Uhr

    https://www.youtube.com/watch?v=q9dDcd7aLj8

     Infotext: „Sechs Monate Krieg in der Ukraine führen nicht nur vor, dass die regelbasierte Weltordnung, auf die sich alle Gegner berufen und deren Verletzung sie sich gegenseitig vorwerfen, eine Brutstätte für die Gegensätze ist, die nun im Krieg ausgekämpft werden. Vielmehr zeigt der westliche Wirtschaftskrieg gegen Russland auch noch dies: Die Ergebnisse des vielgepriesenen zivilen Staatenverkehrs – also der globalisierten Konkurrenz um Geld, Kapital und Kredit – statten die kapitalistischen Führungsmächte, mit ökonomischen Machtmitteln aus, die sie jetzt als Waffen einsetzen, um Russlands zivile Basis zu zerstören. 

    Worin ihre Waffen bestehen und wie die Umwidmung von zivilen Abhängigkeitsverhältnissen in Mittel einer Kriegsführung funktioniert und was daran über die kapitalistische Weltordnung deutlich wird, darüber sprechen wir mit Usama Taraben.“

  3. Köpferollen in der Ukraine:

    Zelensky sacks chiefs of three SBU regional offices

    President Volodymyr Zelensky dismissed the heads of the Security Service (SBU) offices – in Ternopil and Lviv regions, as well as the one for Kyiv and Kyiv region.

    The dismissed head of the Lviv office was appointed to lead the security agency’s office based in the capital city of Kyiv.

    https://www.ukrinform.net/rubric-polytics/3550683-zelensky-sacks-chief-of-three-sbu-regional-offices.html

    Es fragt sich, wie die anderen – offenbar tatsächlich Entlassenen – ersetzt werden?

  4. “Die russische Armee hat ukrainischen Angaben zufolge seit Kriegsbeginn mehr als 22.000 Angriffe auf zivile Ziele im Land ausgeführt. Hinzu kämen etwa 300 Angriffe auf militärische Ziele, teilt das ukrainische Innenministerium auf Telegram mit.”

    Natürlich kann das auch nur ein Tippfehler sein und die Angriffe auf militärische Ziele sollen 30.000 und nicht nur 300 gewesen sein. Mit 300 ist es jedenfalls lächerlich: Von all den russischen Angriffen wurden zu 99% keine militärischen Ziele getroffen worden??
    https://www.n-tv.de/

  5. Der Propagandakrieg tobt mindestens so heftig wie der wirkliche. Jede Menge professionelle und Amateur-Propagandisten bemühen sich, den Kriegsverlauf als eine heroische Leistung der eigenen Seite darzustellen.

    Die wirklichen entscheidenden Kämpfe spielen sich an der Donbass-Front ab, dort werden die Verteidigungskräfte der Ukraine konzentriert und die Russen rücken in kleinen Abschnitten vor, während die Ukraine jede Menge unvorbereiteter Zwangsrekrutierter in die Schützengräben und Bunker steckt.

    Es ist unglaublich, was sich propagandistisch um dieses AKW in Saporoschje abspielt: Alle möglichen Schreiberlinge bemühen sich, zu bekräftigen, daß die Russen dort sich selbst bombardieren, und die ukrainischen Streitkräfte damit gar nichts zu tun haben.

    Es ist schizophren bis zum Geht-nicht-mehr.

  6. "According to Ukrainian Ministry of Finance (MOF) data, since the war began Ukraine's financing needs have been just short of $27bn, which tallies quite closely to the $4-5bn figure given above. But of this number, only around half has been met through Western financing, and of the latter there is a 40:60 split in grants to loans.

    This raises multiple issues: First, the high share of loans means that Ukraine is being charged for fighting this (our) war. And as a result, when the war ends, Ukraine will be saddled with a weight of debt, and the risks there is then of a further need for debt restructuring which will delay/complicate market access when Ukraine's reconstruction needs will likely be enormous.

    Second, the shortfall in financing has meant that the MOF has had to fall back on central bank financing of the deficit, to the tune of around $8bn. This is never a good scenario, it leads to fiscal dominance issues and I think we are already seeing the effects of this in terms of undermining central bank independence."

    bne IntelliNews – ASH: The West is short-changing Ukraine

  7. Die Ukraine lehnt jegliche Inspektion des Atomkraftwerks Saporischschja durch den Chef der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) ab, solange die Atomanlage von russischen Truppen besetzt ist. Die ukrainische Atomenergiebehörde Energoatom betonte am Dienstag, es gebe von ihr keine Genehmigung für einen Besuch von IAEA-Chef Rafael Grossi auf dem Akw-Gelände. Bei anderslautenden Angaben Grossis handele es sich um „Lügen“.

    Grossi hatte am Montag im Onlinedienst Twitter geschrieben, dass seine Behörde derzeit einen Expertenbesuch der von russischen Truppen besetzten Akw-Anlage Saporischschja im Südosten der Ukraine vorbereite. Energoatom schrieb dazu im Messengerdienst Telegram: „Der IAEA-Direktor Rafael Grossi lügt erneut.“

    Die Berliner Zeitung schon am 7. Juni Ukraine lehnt Inspektion von Atomkraftwerk Saporischschja durch IAEA-Chef ab (berliner-zeitung.de)

  8. Das ist allerdings nicht der neueste Stand der Dinge. Da wird jede Stunde etwas anderes gemeldet.
    Guterres, Erdogan und Selenskij haben sich in Lemberg getroffen, um eine etwaige IAEA-Inspektion zu besprechen. Vorher hat Guterres mit Sergej Shoigu telefoniert.
    Also bitte nicht mehr als einen Monat alte Meldungen als heiße Information betrachten.

  9. UNO blockiert IAEA-Reise zu AKW Saporischschja

    Dem Vernehmen nach hatten die UNO eine Reise von IAEA-Chef Rafael Grossi nicht nur aus Sicherheitsgründen bisher nicht erlaubt, sondern auch weil es Streit gibt um den Reiseweg. Grossi könnte zum Ärger der Ukraine etwa unter russischem Schutz über die von Moskau 2014 annektierte Schwarzmeer-Halbinsel Krim anreisen. "Wir haben mit der Organisation sehr eng gearbeitet im Mai/Juli und den Besuch vorbereitet. Das UNO-Sekretariat hat ihn im letzten Moment blockiert, ohne die Gründe dafür zu erklären", sagte Uljanow.

    Uljanow sagte, dass die ukrainischen Streitkräfte aufhören müssten, das AKW zu beschießen, um der IAEA-Mission die nötigen Sicherheitsgarantien zu geben. "Ein internationales Team darf man nicht unter ständigem Artilleriebeschuss schicken. Das ist das Haupthindernis", sagte er. Bei einem Besuch sollten die Experten dann die Sicherheit vor Ort prüfen und auch die Schuldigen für den Beschuss benennen können.

    https://www.vienna.at/akw-saporischschja-lage-weiter-angespannt/7582057

    Igor Vishnevetsky, stellvertretender Direktor der Abteilung für Nichtverbreitung und Rüstungskontrolle des russischen Außenministeriums, sagte, dass die Sicherheitsgarantien der ukrainischen Seite für die Reise der IAEA zum Kernkraftwerk Zaporozhye (ZNPP) an der Front nur kurzlebig seien.

    »Auch wenn, relativ gesehen, [der ukrainische Präsident Volodymyr] Selenskyj sagt, dass er [die Sicherheit der Reise] garantiert, aber nicht alle seine Militärformationen kontrolliert, Zufälle nicht ausschließen kann, nicht garantieren kann, dass alle Minen entlang der Frontlinie entfernt werden … Immerhin muß die Frontlinie überquert werden.
    Das Risiko für einen internationalen Einsatz ist ohnehin kolossal«, zitierte ihn TASS.

    Ihm zufolge sollte die Mission internationaler Beamter keiner Gefahr ausgesetzt werden, da der Generaldirektor der IAEA die Mission persönlich leiten werde.

    (KP, 16.8.)

  10. Fertige Nation werden
    Militärische Produktivkraft: Die Ukraine führt einen Staatsgründungskrieg
    Von Theo Wentzke

    Die Ukraine hat unter dem Kommando ihres in die Rolle eines Kriegsherrn hineingerutschten Präsidenten Wolodimir Selenskij einen eigenen Kriegsgrund, der weder mit Aggressionsabwehr erledigt ist noch mit seiner Funktion für den Westen. Für die Regierung in Kiew ist jeder Kampf, den sie nicht scheut, Dokument eines wehrhaften Staatswillens, jeder Kämpfer, tot oder lebendig, dessen Repräsentant, jeder Auftritt des Präsidenten vor einem auswärtigen Parlament, auch wenn bloß virtuell, und jeder ausländische Staatsbesucher ein Beweis dafür, dass die Welt ihren Staat will und braucht und als wichtiges, zur Forderung nach Waffen jeden Kalibers berechtigtes Subjekt anerkennt.

    Was sie so offensiv zur Schau stellt, hat seine Entsprechung und seine Grundlage in der Kompromisslosigkeit, mit welcher der Befehlshaber sein Volk behandelt: keine Öffnungsklausel für eine Verständigung mit dem Aggressor von seiner Seite; Dörfer und Städte werden bis zur kompletten Zerstörung – oder zum russischen Rückzug – verteidigt; Fluchtwege für Zivilisten nach Russland gelten als Menschenraub und werden unterbunden; wehrfähigen Männern wird die Ausreise versagt – alles nach der Devise: Wir geben uns nicht auf!

    Krieg als Beweisführung

    Zwischen den Lagern

    Herrschaft herstellen

    Totale Abhängigkeit

    Für die Helden von Kiew, die als Neugründer der ewigen Ukraine in die Geschichte eingehen wollen, ist es sowieso kein Widerspruch, wenn sie aus herrschaftlichem Ehrgeiz, um der Würde und der Reichweite ihrer Macht willen, zu Dienern ihrer ausländischen Herren und Ausstatter werden. Selenskij und seine Leute finden es im Gegenteil total in Ordnung, dass ihre totale Abhängigkeit sie so wichtig macht. Sie nehmen ihre Lage als Gelegenheit und die Opferrolle, die sie ihrem Volk aufdrücken, als ihr unbedingtes Recht wahr, sich bei ihren Sponsoren, gefeiert von einer kriegsmoralisch empörten Öffentlichkeit dort, so aufzuführen, als wäre es andersherum: sie die berufenen Kämpfer für die hohen Werte der Menschheit, Demokratie und dergleichen und folglich befugt, nach ihrer Bedarfslage westliche Militärhilfe herbeizukommandieren.

    Am Ende gehört auch das ganz einfach mit dazu, wenn die Ukraine mit ihrem Krieg – im Erfolgsfall – den Status der unfertigen Nation hinter sich lässt.

    Aus: junge Welt – Ausgabe vom 18.08.2022 / Seite 12 / Thema: Kriegsziele der Ukraine

    https://www.jungewelt.de/artikel/432817.kriegsziele-der-ukraine-fertige-nation-werden.html

     

  11. Auf Facebook hat jemand ein Video reingestellt, auf dem ein riesig langer Güterzug zu sehen ist, wo endlos Tieflader mit Panzern durchs Bild fahren.
    Facebook

    Bei solchen Videos frage ich mich auch immer, ob die so stimmen. Ort? Zeit?

    Auf jeden Fall wäre es wieder mal sehr erstaunlich, wenn dieser Riesenzug ohne irgendeinen Angriff der russischen Streitkräfte an die Front rollen könnte. Als ob Putin der NATO hoch und heilig versprochen hätte, nur Waffen und Depots nahe der Front anzugreifen. Das Eisenbahnnetz wurde ja ganz offensichtlich seit Kriegsbeginn praktisch in Ruhe gelassen. Vielleicht hat Biden ja im Gegenzug versprochen, es mit der Aufrüstung der Ukraine nicht zu übertreiben oder irgend sowas Lächerliches.

  12. Die neue Strategie der Ukraine: Angriffe mit Raketen und Spezialeinheiten hinter der Front auf russische Waffenlager und Kommandozentren. Noch weigern sich die USA, weitreichende HIMARS-Raketen der Ukraine zu übergeben, was Ex-Militärs fordern. Man hätte nicht darauf warten müssen, dass der ukrainische Verteidigungsminister Resnikow erklärt, die Ukraine verfolge eine neue Strategie. Nachdem ein Munitionslager nach dem anderen teils weit hinter der Front und auf der Krim in die Luft fliegt, wurde klar, dass die Ukraine nicht mehr primär auf territoriale Verteidigung oder ausbleibende Gegenangriffe wie die angekündigte Großoffensive auf Cherson setzt, sondern die Schlagkraft der russischen Truppen durch Zerstörung  der logistischen Ketten schwächen will. Gleichzeitig sind die Angriffe, die Russland gerne vertuschen würde, und die von der Ukraine nicht im einzelnen bestätigt werden, ein Dämpfer für die militärische und politische Führung Russlands.(…). (Florian Rötzer)
    https://overton-magazin.de/hintergrund/politik/usa-mit-neuem-waffenpaket-fuer-die-ukraine-die-europaeischen-staaten-ziehen-nicht-mehr-mit/

    Auf der Krim ereignet sich abermals eine Explosion. Die USA liefern der Ukraine erneut Mehrfachraketenwerfer:
    https://www.fr.de/politik/krim-militaer-ticker-ukraine-news-krieg-russland-invasion-putin-selenskyj-akw-saporischschja-zr-91733931.html

    „Politico“-Bericht: USA unterstützen Angriffe der Ukraine auf die Krim
    Zuletzt erschütterten mehrere Explosionen die Krim. Die Ukraine hat die Verantwortung dafür nicht direkt bestätigt, doch Kiew will die Halbinsel „befreien“. Einem Medienbericht zufolge seien die USA der Ansicht, die Krim, die sich 2014 wieder Russland angeschlossen hatte, sei ein legitimes Ziel.
    https://gegenzensur.rtde.world/international/146524-politico-bericht-usa-unterstutzen-angriffe/

    Gleichzeitig wird von diplomatischen Kontakten zwischen Macron und Putin berichtet, angeblich gehe es dabei um das Atomkraftwerk. Bei den Gesprächen der Türkei behauptet die Türkei, sie stünde hinter der Ukraine. Wie die inoffizielle US-Ausweitung des Krieges die Europäer und die Türkei betrifft, und wer da mitmarschieren will, und wer nicht, das wird man sehen. (Der thinktank der GRÜNEN, Liberale Modernisierung, fordert schon seit Wochen eine Ausweitung des [bzw. zum offiziellen] NATO-Einsatzes.) Das wird zumindestens die Türkei nicht mittragen, und auch sonst gibt es Skepsis, ob solche offizielle Ausweitung des Krieges zu befürworten sei. Im Sinne der aktuellen ukrainischen Staatsführung wäre das vermutlich aber jedenfalls. Denn so definieren sie momentan die Prioritäten für ihre komplette Staatsräson: https://www.jungewelt.de/artikel/print.php?id=432817

    Noch zögern die USA – zumindestens in ihren offiziellen Statements. – Deutsche Grüne aber machen letztlich sich von den Entscheidungen Washingtons anscheinend total abhängig. Also ja wohl auch von der inoffiziellen neuen US-Praxis der Ausrüstung des ukrainischen Kriegswillens mit immer neuen schweren Waffen. https://www.tagesschau.de/kommentar/baerbock-grundsatzrede-un-new-york-kommentar-101.html.
    https://www.nachdenkseiten.de/?p=86846

  13. Ob die Ziele in der Ukraine von Raketen oder nicht doch eher durch Spezial-Sabotage-Teams durchgeführt wurden, wird man erst sehen.

    Was die HIMARS-Systeme betrifft, so fragt sich, wer eigentlich die derzeit in Betrieb befindelichen bedient? Und daher auch die Ziele aussucht?

  14. Eigentlich schaut beides nicht sonderlich plausibel aus:
    Die Satelliten-Photos zeigen mehrere voneinander entfernte Krater. Die könnten von gelandeten Raketensprengköpfen verursacht sein oder von abgelegten Sprengkörpern.
    Daß ein Sabotage-Team es bis auf den Flugplatz geschafft hat, scheint mir bei der umfassenden Kontrolle im Umfeld eigentlich nicht wahrscheinlich. Daß da Raketen angeflogen kommen und niemand sieht das (jedenfalls von den dort wohnenden Menschen) eigentlich auch nicht. Wenn die russischen Luftstreitkräfte den Angriff zwar gesehen haben aber nicht abwehren konnten (so gut sind deren Abwehrsysteme offensichtlich doch nicht), dann wird das garantiert vertuscht. Wenn es Sabotage war, natürlich auch.

  15. Zwei junge Ukrainer über das Leben im Krieg

    "Die Leute vom Rekrutierungszentrum sind überall. Sie fangen dich in der Innenstadt ab, wenn du aus dem Supermarkt kommst, oder sogar im Club." (…)

    Feiern geht in der Ukraine nicht?

    Kseniia: Die Bars und Clubs in Lviv müssen um 22 Uhr zumachen – auch wenn sich nicht alle daran halten. Wer nach 23 Uhr auf der Straße erwischt wird, kann bestraft werden. 

    Womit?

    Yurii: Es gibt Geldstrafen zwischen umgerechnet 15 und 200 Euro. Beim ersten Mal ist die Polizei meistens nachsichtig, wenn sie sieht, dass du nur zu doof warst, den letzten Bus zu erwischen. Aber es gibt noch ein anderes Problem.
    Wer auf der Straße erwischt wird und im wehrfähigen Alter ist, muss sich beim Rekrutierungszentrum melden. Da schaut das Militär, wofür es dich brauchen könnte, ob du gesund bist, eine militärische Ausbildung hast und welche Skills du sonst mitbringst. Wenn es drauf ankommt, kannst du rekrutiert und in den Krieg geschickt werden.

    Wer zu lange feiert, muss in den Krieg?

    Yurii: Die meisten Leute, die kämpfen können und wollen, haben sich schon freiwillig gemeldet. Jetzt sind nur noch die übrig, die sich noch nicht entschieden haben.

    Kseniia: Die Leute vom Rekrutierungszentrum sind überall. Sie fangen dich in der Innenstadt ab, wenn du aus dem Supermarkt kommst, oder sogar im Club. Die Clubs müssen wie gesagt um zehn Uhr schließen, aber manche tun das nicht. Die schließen nur die Tür und machen die Musik leiser.

    Yurii: Das ist natürlich illegal.

    Kseniia: Wenn Nachbarn sich beschweren, kommen manchmal die Leute vom Rekrutierungszentrum. Sie dürfen sich nicht gewaltsam Zugang verschaffen, aber wenn man sie einmal reingelassen hat, kontrollieren sie alle und fordern sie auf, sich später bei ihnen zu melden.

    Yurii: Es gibt auch Telegram-Gruppen, in denen sich die Leute gegenseitig warnen: Passt auf, die stehen heute vor dem Rathaus. Die Soldaten an der Front sind auch keine Fans von dem Ansatz. Die wollen niemanden haben, der dazu gezwungen wurde, sondern Leute, auf die sie sich verlassen können.

    https://www.vice.com/de/article/akekvg/zwei-junge-ukrainer-uber-das-leben-im-krieg

    Das befragte Pärchen ist aus Lwow.

  16. Der Beschuß des AKW in Zaporoschje setzt sich fort, die IAEA-Kommission ist in Kiew eingetroffen.
    Der Beschuß erfolgt angeblich durch US-Haubitzen M777.

    Der IAEA bereitet eine dauerhafte Mission im AKW vor, so der Direktor Grossi. (KP, 30.8.)

    Hier zeichnet sich ein Streit zwischen EU und USA ab. Die Ukrainer können nichts machen, ohne die USA vorher zu fragen, der Beschuß des AKW Zaporoschje ist also von ihnen genehmigt, aber die EU wäre neben der Ukraine und Rußland die Geschädigte.
    Vielleicht ist dieser Beschuß ein Versuch, die EU zu mehr Waffenlieferungen oder mehr finanzieller Unterstützung der Ukraine zu drängen?

  17. „Nach Angaben ukrainischer Grenzschützer haben seit dem 24. Februar mehr als 8.000 Wehrpflichtige versucht, die Ukraine zu verlassen. Darüber hinaus taten mehr als die Hälfte von ihnen (5,6 Tausend) dies außerhalb der Kontrollpunkte.“ (KP, 11.9.)

    Also über die grüne Grenze.
    Diese Unglücksraben, die erwischt wurden – weil die Zahl derjenigen, denen es gelang, ist viel höher – waren offenbar nicht in der Lage, die mehr als 30.000 Euro zu bezahlen, die die Flucht inzwischen, zwischen Kosten für die Schlepper und Bestechungen an Grenz- und Militärpolizei kostet.

    Dazu kommen noch die Zahlungen, die im Inneren der Ukraine zu leisten sind, um nicht eingezogen zu werden, und die vermutlich nicht einmalig, sondern regelmäßig verlangt werden. Bei der ukrainischen Polizei und anderen Einheiten der inneren Überwachung zu sein, ist im Augenblick vermutlich eine sehr einträgliche Einkommensquelle.

  18. Grenze zu Rumänien
    Wo Männer aus der Ukraine fliehen

    Nach acht Kriegsmonaten fliehen offenbar immer mehr ukrainische Männer im wehrfähigen Alter über die grüne Grenze nach Rumänien. Anwohner berichten der ARD: Manche Männer riskierten dabei ihr Leben.

    In den rumänischen Karpaten bildet der Fluss Theiß die Grenze zwischen der Ukraine und der Europäischen Union. Seit Beginn des russischen Überfalls auf die Ukraine gilt das Kriegsrecht, Männer zwischen 18 und 60 Jahren dürfen seitdem das Land nicht mehr verlassen. Doch immer mehr ukrainische Männer im wehrfähigen Alter nutzen die Route, um vor einer möglichen Einberufung zum Kriegsdienst in die EU zu fliehen – so berichten es übereinstimmend Anwohner und rumänische Grenzbeamte. 

    Die ukrainische Grenzpolizei meldet regelmäßig auf ihrer Internetseite Festnahmen Fahnenflüchtiger entlang der grünen Grenze zu Rumänien und stellt bei ihren Kontrollen aber auch Zigaretten, Drogen und Waffen sicher. 

    Die Routen über die Karpaten sind bei den Fahnenflüchtigen beliebt, weil das dicht bewaldete Gebiet schwer zu überwachen ist. Dabei müssen sie den Grenzfluss Theiß überwinden – einige ertrinken, andere schaffen es mit schweren Verletzungen auf die rumänische Seite, so berichten Anwohner und Grenzbeamte in der Region.

    "Eingesammelt und in den Krieg geschickt"

    Der 30- jährige Igor, mit dem ein Reporterteam des SWR sprechen konnte, hat einen anderen Weg gewählt: Er erzählt, er habe einem ukrainischen Grenzer mit 4000 Dollar bestochen und habe so den offiziellen Grenzübergang nutzen können. Igor, der seinen Klarnamen nicht veröffentlicht sehen will, lebt heute gemeinsam mit seiner Frau und zwei Kindern in der rumänischen Grenzstadt Sighetu Marmatiei und will weiter nach Westeuropa reisen. Zurück in die Ukraine will er nicht mehr.  

    Igor berichtet, viele Männer seien verzweifelt und verließen wie er das Land, um vor der Armut und dem Kriegsdienst zu fliehen: "Sie kommen jeden Tag, denn die Leute haben kein Geld, viele haben nichts mehr zu essen. Wenn das Militär Männer auf der Straße findet, werden sie eingesammelt und in den Krieg geschickt."

    Er zeigt ein Video auf seinem Handy. Die Aufnahmen sollen von einer Überwachungskamera stammen und wenige Wochen alt sein. Sie zeigen offenbar einen jungen Ukrainer auf der Straße, neben dem plötzlich ein ziviles Fahrzeug hält. Männer springen aus dem Pkw und nehmen den jungen Mann mit. "Sie nehmen dich einfach mit und bringen dich in den Krieg, wo die Schlachten sind", sagt Igor mit leiser Stimme. Er habe keinen Wehrdienst abgeleistet und wisse deshalb nicht mit einer Waffe umzugehen und beklagt: "Ob du weißt, wie man ein Gewehr benutzt oder nicht – ob du das kannst oder nicht kannst, das ist ihnen egal." Nach einer zehntägigen Ausbildung würde man an die Front gebracht. So sei es seinem Cousin ergangen.

    Immer wieder ertrinken Flüchtende

    Normalerweise ist die Theiß ein reißender Fluss, bis zu dreißig Meter breit und sechs Meter tief. Nach wochenlanger Dürre ist er jetzt nur wenige Meter breit und auch für Nichtschwimmer gut zu überqueren. Doch immer wieder stürben Männer bei ihrer Flucht über den Grenzfluss Theiß, erzählt Roman, der seinen Familiennamen nicht nennen möchte.

    Er lebt in dem Dorf Lunca la Tisa auf der rumänischen Seite der Grenze. "Es hat Fälle gegeben, in denen Männer ertrunken sind. Der Krieg hat in diesem Frühjahr begonnen und damals war der Fluss viel tiefer. Die Zeitung 'Stiripesurse' habe über solche Todesfälle immer wieder berichtet", sagt Roman. Die Ukrainer hätten ihr Leben riskiert, obwohl sie offenbar nicht schwimmen konnten.

    Roman zeigt ein Foto auf seinem Handy von dem Mann, der seit fünf Monaten von seiner Familie gesucht wird. Es ist der 36-jährige Jurij. Im Frühjahr soll er hier eine Überquerung versucht haben und gilt seitdem als verschollen. "Zwei Frauen aus der Ukraine gingen durch unser Dorf und sprachen jeden an. Zeigten jedem das Bild von Jurii, der vor Armut und Krieg flüchten wollte und versuchte, die Theiß zu überqueren. Danach haben sie nie wieder etwas von ihm gehört", berichtet Roman.  

    Igors Grenzüberquerung hat funktioniert, weil er, wie er sagt, Grenzsoldaten bestochen habe. Ob Jurii wiederum tot ist, ist unbekannt, seine Leiche wurde bis heute nicht gefunden. Ebenso unbekannt ist, wie viele Männer diese illegale Grenzüberquerung versuchen, dabei scheitern und umkommen.

    Ukrainische Deserteure willkommen

    Der 35-jährige Roman berichtet auch von einem Mann in seinem Alter, der kürzlich völlig durchnässt und mit einem Rucksack auf dem Rücken im Dorf um Hilfe gebeten habe. "Innerhalb von zwei oder drei Minuten tauchte die rumänische Polizei auf und nahm ihn mit." In Rumänien hätten die Männer nichts mehr zu befürchten, erzählt Roman, ein Pushback zurück in die Ukraine sei ihm bisher nicht bekannt. Die Männer würden später Papiere erhalten, die ihren Aufenthalt in Rumänien und der EU legalisieren. "Viele bleiben nicht hier, sondern machen sich in Richtung Westeuropa auf", sagt der Grenzbewohner. Das hätten die Männer ihm erzählt.

    13 Kilometer östlich von Lunca la Tisa lebt der 71-jährige Sacalos, der seinen Familiennamen nicht nennen will. Er lebt in der Grenzgemeinde Valea Vișeulu und berichtet, dass auf ukrainischer Seite in den vergangenen Monaten der Grenzzaum auf drei Meter erhöht worden sei: NATO-Draht soll das Ufer absichern. Auf rumänischer Seite habe die Regierung diesen Grenzverlauf mit Überwachungstechnologie aufgerüstet.

    Mehr Flüchtende seit Gegenoffensive

    Die Grenzpolizei sei in dem Gebiet sehr aktiv und habe erst vor wenigen Tagen zwei Männer entdeckt, berichten zwei Grenzbeamte, die anonym bleiben wollen. Die Männer hätten sich schwer am Stacheldraht auf ukrainischer Seite verletzt und sich mit blutenden Wunden an Armen und Beinen über den Grenzfluss retten können.

    Dr. Christian Brad, leitender Chefarzt im einzigen Krankenhaus in Sighetu Marmatiei, bestätigt, dass verletzte Männer aus der Ukraine in seinem Krankenhaus behandelt werden.  

    Seit der Gegenoffensive der ukrainischen Armee im Donbass sei die Zahl der Männer, die aus der Ukraine fliehen wollen, noch gestiegen, berichten die Grenzbeamten. Sie gehen davon aus, dass die meisten Männer Deserteure der ukrainischen Armee sind. Ob sich darunter womöglich auch Angehörige der russischen Streitkräfte befinden, wissen sie nicht. 

    https://www.tagesschau.de/ausland/europa/ukraine-rumaenien-grenze-101.html

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.