Pressespiegel El País, 16.8.: Kurdistan Ade!

„DIE KURDEN BEGRABEN IHRE AUTONOMIETRÄUME ANGESICHTS DER NEUEN REALITÄTEN IM NAHEN OSTEN

Kurdische Gruppierungen reduzieren ihre Forderungen in Verhandlungen mit den Regierungen der Türkei und Syriens, während Israel und die USA die Milizen im Iran im Stich lassen

Vor 10 Jahren rückten die kurdischen Milizen in Syrien gegen die Streitkräfte des selbsternannten Kalifats des Islamischen Staates vor. Ihr heldenhafter Widerstand und ihr Mut im Kampf gegen dieselben Dschihadisten, die auch in Europa Anschläge verübten, eroberten die Sypathien der internationalen Öffentlichkeit.“

Davon kann man sich allerdings nichts kaufen, auch die syrischen Kurden nicht. Die „internationale Öffentlichkeit“ neigt dazu, sich selbst zu überschätzen.
Vor allem ersetzt ihr Beifallsgeklatsche nicht die Waffenlieferungen, die die Kurden brauchten und richtet gegen die geballte Kraft etablierter Regierungen nichts aus – wie man auch an Gaza bzw. der ganzen Palästina-Frage beobachten kann.

„Im Irak nutzten die kurdischen Peschmerga den Kampf gegen den Islamischen Staat, um neue Städte unter die Kontrolle der Regionalregierung Kurdistans zu bringen, da Bagdad mit der Situation überfordert war.“

Der Kampf um das ölreiche Kirkuk scheiterte allerdings, da die Kurden hier von ihrem wichtigsten Unterstützer, den USA, nicht die nötige Rückendeckung erhielten, weder politisch noch militärisch.
Der Verlust der Öleinnahmen aus dieser Region hätte nämlich auch die Macht der USA über die Bagdader Regierung geschwächt, da die Öleinnahmen des irakischen Staates unter Treuhandverwaltung der FED stehen.

Im darauffolgenden Jahr hielten sie ein umstrittenes Unabhängigkeitsreferendum ab.
In der Türkei versuchte die bewaffnete Gruppe PKK (Arbeiterpartei Kurdistans), ihren Verbündeten in Syrien nachzueifern und trug den Krieg in die Städte, um befreite Zonen zu schaffen.
Im Iran nutzten die Streitkräfte exilierter kurdischer Gruppen die Gelegenheit, eine neue Phase ihres Grenzguerillakrieges einzuleiten.“

Aufgemerkt: nur im Exil waren die iranischen Kurden aktiv, und es handelt sich um Mini-Grüppchen, die wenig Rückhalt im Iran hatten. Das war auch der Grund, warum die USA bei dieser Gruppe von Kurden völlig die Dimensionen unterschätzten und von den „iranischen Kurden“ faselten, mit deren Hilfe sie das „Regime“ in Teheran stürzen würden.
Diese Idee hatte nie irgendeine Basis in der Realität.

„10 Jahre später hat sich das Blatt gewendet: Die Träume von Autonomie sind der harten Realität des Nahen Ostens und den Verschiebungen des regionalen Machtgleichgewichts gewichen.“

Wie man im Weiteren sehen wird, bezogen sich diese „Träume“ ohnehin nur auf die syrischen Kurden. Bei den anderen wurden Autonomievorstellungen schon vor einiger Zeit zunichte.

„»Der Traum von kurdischer territorialer Autonomie wurde in der gesamten Region mittelfristig auf Eis gelegt. Die Möglichkeiten, die sich nach 2011 mit dem Zusammenbruch des syrischen Staates und dem Krieg gegen den IS boten und die den Westen dazu veranlassten, die Kurden mit Waffen zu unterstützen, haben sich verflüchtigt.«“

„Der Westen“ bestand, sofern es sich um substantielle militärische Unterstützung handelte, sowieso nur aus den USA. Europa hielt sich, auch mit Blick auf die Türkei, diesbezüglich sehr zurück.
Und ja, die staatliche Unterstützung für die syrischen Kurden bestand nur, solange Assad an der Macht war. Jetzt stellt sich heraus, daß an einem völligen Zerfall des syrischen Staates niemand ein Interesse hat, vielleicht mit Ausnahme Israels.

„»Diese Konstellation existiert nicht mehr. Und die regionale Ordnung hat sich erneut um zentralisierte Nationalstaaten gefestigt – genau die Struktur, die die Türkei anstrebt und die Washington für am einfachsten zu kontrollieren hält«, sagt Ezgi Basaran, Professorin an der Universität Oxford und Autorin mehrerer Bücher zur türkischen Politik und zur Kurdenfrage.
Die Wissenschaftlerin betont, dass es sich um eine Entscheidung »der kurdischen Bewegungen selbst« handelte, stellt aber klar, dass die Autonomie als politisches Projekt weiterhin Unterstützung in der kurdischen Bevölkerung genießt und »die Forderung sofort wieder aufkommen wird, sollte der Staat erneut zerfallen«.

Mit geschätzten 30 bis 35 Millionen Menschen, die über die Türkei, den Iran, den Irak und Syrien verstreut leben, gelten die Kurden oft als eines der größten Völker der Welt, die nicht in einem eigenen Staat leben.“

Mit dieser Phrase wird die Propaganda aufrechterhalten, daß eigentlich jedem „Volk“ ein „eigener Staat“ zustehen würde.

„Trotz familiärer und wirtschaftlicher Verbindungen beiderseits dieser Grenzen bestehen jedoch bedeutende historische, ideologische und sprachliche Unterschiede zwischen den Kurden. So ist beispielsweise in Syrien und der Türkei der Kurmanyi-Dialekt vorherrschend, und auch Zazaki wird gesprochen; im Irak und im Iran ist Sorani der am weitesten verbreitete Dialekt.“

Sind die Kurden einmal als „Volk“ definiert und anerkannt, so sind sprachliche Unterschiede „Dialekte“.

„»Innerhalb dieser neuen Ordnung, sowohl in Syrien als auch in der Türkei, werden die Kurden dazu angehalten, ihre Rechte als Bürger bestehender Staaten und nicht als autonomer Block geltend zu machen. Die Bewegungen von Öcalan und Abdi haben diesen Ansatz vorerst akzeptiert.
Er beinhaltet einen Paradigmenwechsel von einem militärischen, in dem sie unterlegen waren, zu einem politischen und rechtlichen, in dem ihre langfristigen Perspektiven besser sind«, erklärt Basaran.
Sie bezieht sich dabei auf PKK-Führer Abdullah Öcalan, der mit der türkischen Regierung über einen Entwaffnungsprozess verhandelt, und seinen Protegé Mazlum Abdi, der diese Woche die Auflösung der Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) als Höhepunkt des Integrationsprozesses der kurdischen Milizen und ihrer autonomen Verwaltung innerhalb des syrischen Staates verkündete.“

Das ist ein wichtiger Hinweis des Verfassers und seiner Gesprächspartner, daß die kurdische Führung selbst eingelenkt hat – Öcalan schon im Vorjahr und die syrisch-kurdische Führung jetzt, nach monatelangen Kämpfen.
Sie wissen, daß der kurze Frühling für die Kurden nur mit der Feindschaft des Westens gegenüber Assad zusammenhing und jetzt vorbei ist.

„»In Syrien war die Aufrechterhaltung einer territorialen Autonomie im klassischen Sinn aufgrund der geringen Größe der kurdischen Bevölkerung und ihrer geografischen Zersplitterung nicht realisierbar«, sagt Roj Girasun, Direktor des Forschungszentrums Rawest in Diyarbakir, der inoffiziellen Hauptstadt der Kurden in der Türkei.“

Die Frage ist, was man unter „Autonomie im klassischen Sinn“ versteht.
Bis zu einem gewissen Sinn genossen die syrischen Kurden (ähnlich wie Drusen und Christen) unter den Assads eine nicht offizielle, aber faktische Autonomie, wo sehr viel den lokalen Kräften überlassen blieb.
Im Zuge des syrischen Bürgerkriegs schließlich zog Damaskus seine Truppen ab und die kurdischen Milizen übernahmen die Verwaltung – und vor allem die Ölquellen – auf ihrem Territorium, mit deren Erlösen sie ihren Apparat und Kampf gegen den IS – ebenso wie die Verwaltung der IS-Lager – finanzierten.
Und mit all dem ist jetzt Schluß.
Es ist allerdings wahrscheinlich, daß ihnen eine begrenzte Selbstverwaltung, ähnlich derjenigen unter Assad, zugestanden wird, weil ganz ohne Gegenleistung hat die kurdische Führung der Aufhebung der bisherigen Zustände vermutlich nicht zugestimmt.

„Seiner Meinung nach lag der Fehler der syrischen Kurden darin, »die Verschiebung des Machtgleichgewichts« nach dem Sturz von Baschar al-Assad im Jahr 2024 nicht erkannt zu haben: »Hätten sie früher eine Vereinbarung [mit Damaskus] getroffen, hätten sie ein gewisses Maß an Autonomie oder einen Sonderstatus bewahren können. Dadurch, dass sie dies nicht taten, waren sie nach einer militärischen Niederlage [im vergangenen Januar] zu Verhandlungen genötigt.«

Die Verhandlungsprozesse in beiden Ländern verlaufen aufgrund der Verbindungen zwischen den beiden Bewegungen und den jeweiligen Zentralregierungen parallel. Bislang wurden die Rechte der syrischen Kurden anerkannt (offizieller Status ihrer Sprache und Bildung in ihrer Muttersprache), während in der Türkei lediglich eine Teilamnestie für PKK-Kämpfer erzielt wurde. »Die kurdische Gesellschaft [in der Türkei] sieht diesen Prozess nicht als Lösung der Kurdenfrage, sondern vielmehr als Befreiung der Kurdenfrage vom bewaffneten Konflikt, einem Konflikt, der die Kurden erschöpft hatte. Sie wünschen sich eine politische Lösung. Daher herrscht vorsichtiger Optimismus«, bemerkt Girasun. Dies ist ein wichtiger Punkt, denn aufgrund des bewaffneten Kampfes der PKK wurde jede kurdische Forderung zuvor als Terrorismus eingestuft. Das Ende des bewaffneten Kampfes markiert somit den Beginn eines neuen Kapitels.

Die Falle der ausländischen Unterstützung

Die Regionalregierung des irakischen Kurdistans – entstanden nach der US-Invasion im Irak 2003, die Saddam Hussein stürzte und einen Bundesstaat einführte – galt als Vorbild für kurdische Nationalbewegungen in anderen Staaten.“

Die Frage ist, was mit dem Ausdruck „Vorbild“ gemeint ist. Öcalans politisches Konzept unterscheidet sich jedenfalls sehr grundlegend von dem des Barzani-Clans.

„Seit dem gescheiterten Unabhängigkeitsreferendum von 2017, dessen Ergebnis nur von Israel anerkannt wurde und das die meisten als Manöver von Präsident Masud Barzani zur Machterhaltung ansahen, herrscht jedoch politische Lähmung. Die 2024 – zwei Jahre später als geplant – abgehaltenen Parlamentswahlen brachten ein tief gespaltenes Regionalparlament hervor. Dies, gepaart mit den starken Gräben zwischen den beiden Hauptblöcken (der Demokratischen Partei Kurdistans unter Führung des Barzani-Clans und der Patriotischen Union Kurdistans unter Führung der Familie Talabani), hat die Bildung einer Regierung seither verhindert.“

Das Problem ist jedoch alt und durch das bewußte Referendum höchstens verstärkt worden. Zwischen den Barzanis, die sich auf feudale Gefolgschafts-Strukturen und den ländlichen Raum stützen und den Talabanis und deren Anhängern, die vor allem die städtische Bevölkerung vertreten und einen Staat westlichen Vorbilds anstreben, herrscht seit jeher bestenfalls Waffenstillstand.
Die Barzanis verfügen allerdings mit den Peschmerga über einen militärischen Arm, die Talabanis halten es demgegenüber mehr mit der Zentralmacht in Bagdad.

„Diese Spaltungen hätten die Verhandlungsmacht der Regionalregierung eingeschränkt, argumentiert Dlawar Aladdin, Direktor des Middle East Research Institute in Erbil, der Hauptstadt des irakischen Kurdistans. Und die Zentralregierung habe dies ausgenutzt. »Bagdad versucht seit Langem, die Selbstverwaltung einzuschränken, vor allem durch die Schwächung der fiskalischen Autonomie und durch Urteile des Obersten Bundesgerichtshofs zu den Ölexporten [die nun von der irakischen Regierung kontrolliert werden]«, bemerkt Aladdin bedauernd.

Auch das irakische Kurdistan hat sich dagegen ausgesprochen, die Nutzung seines Territoriums durch iranisch-kurdische bewaffnete Gruppen, die sich dort angesiedelt hatten, für Angriffe auf den Iran zuzulassen, da es Vergeltungsmaßnahmen aus Teheran befürchtete.“

Die von Teheran auch angekündigt waren.
Vor allem aber konnten die Eliten des irakischen Kurdistans die Chancenlosigkeit solcher Angriffe abschätzen.

„Als die israelisch-amerikanischen Angriffe auf den Iran im Februar begannen, erklärten sich diese Gruppen“

korrekt: Mini-Grüppchen

„bereit, an einer Bodeninvasion mitzuwirken – ein Plan, der von der israelischen Regierung unterstützt, aber letztlich von US-Präsident Donald Trump aufgrund des Drucks der Türkei und anderer regionaler Verbündeter abgelehnt wurde. »Einige türkische Nationalisten befürchteten, Israel würde die Region mithilfe der Kurden verändern. Andererseits schrieben einige kurdische Nationalisten Israel beinahe mythische Macht zu und glaubten, es könne eine entscheidende Rolle dabei spielen, den Kurden zu mehr Einfluss zu verhelfen«, argumentiert Girasun, der die Situation im Iran für kurdische Bestrebungen als »noch nicht reif« einschätzt.“

Die ganze Idee, die Kurden für die Iran-Invasion zu benutzen, ging also vor allem von Israel und dem Mossad aus und stützte sich auf unbedeutende Exil-Grüppchen.

„Dieser Punkt bezüglich der israelischen Unterstützung ist interessant. Tel Aviv hat sich von der Lieferung von Geheimdienstinformationen und militärischer Ausrüstung an die Türkei im Kampf gegen die PKK in den 1990er Jahren hin zur Anbiederung an verschiedene kurdische Bewegungen entwickelt, um die Staaten in der Region zu schwächen.
In den letzten 2 Jahren forderte beispielsweise die Regierung von Benjamin Netanjahu die syrischen Kurdenmilizen zum Widerstand gegen Damaskus auf, doch diese lehnten die Unterstützung letztendlich ab.“

Das Wort „letztendlich“ weist darauf hin, daß einige aus der YPG-Führungsriege der Vorstellung durchaus etwas abgewinnen konnten, das von Al-Scharaa regierte Rest-Syrien mit Hilfe Israels weiter zu zerlegen. Dieser Allianz sind vermutlich auch die Kämpfe der Milizen gegen die syrischen Truppen im Dezember und Jänner dieses Jahres zu verdanken.
Einige Leute hatten offenbar die Zeichen an der Wand nicht gesehen und hofften auf Israels Allmacht.

„In den vergangenen 80 Jahren war die Unterstützung einer externen Macht entscheidend für den Erfolg kurdischer Autonomieprojekte. Doch sie wurde ihnen auch zum Verhängnis. Das Paradebeispiel ist die Republik Mahabad (Januar–Dezember 1946), die kaum einige Monate Bestand hatte, nachdem sich ihre Unterstützer – die Sowjets – aus dem Iran zurückgezogen hatten.“

Natürlich.
Alle benutzen die Kurden und lassen sie im Stich, wenn sie ihre Schuldigkeit getan haben, aber eigentlich schlimm ist das nur bei den Sowjets!

„»Externe Unterstützer haben sich nur so verlässlich erwiesen wie ihre eigenen Interessen. Die USA unterstützten die SDF gegen den IS und ließen sie im Stich, sobald sie beschlossen, Syrien doch wieder von Damaskus aus zu regieren / regieren zu lassen.
Israel bot den iranischen Kurden Unterstützung an, und dann entzog Trump diesem Plan seine Rückendeckung«, bekräftigt Basaran: »Die Lehre, die die Kurden bereits drei- oder viermal gezogen haben, ist, dass eine von einer ausländischen Luftwaffe abhängige Autonomie genau so lange währt wie das Interesse der ausländischen Macht daran. Nicht einen Tag länger.«“

Diese Lehre muß offenbar nach jedem Reinfall immer wieder von neuem gezogen werden.

Serie „Lateinamerika heute“. Teil 25: Suriname

LIEFERANT VON ALUMINIUM UND FUSSBALLSPIELERN

Suriname entwickelte sich aufgrund mehrerer Umstände topographischer und politischer Natur etwas anders als das benachbarte Guyana. Die Plantagen gingen über den unmittelbaren Küstenstreifen hinaus und zogen sich entlang der verschiedenen Flüsse ein Stück weit ins Hinterland, allerdings nur im östlichen Teil Surinames, der höher gelegen war als der westliche. Die Anbauprodukte waren außer Zucker auch Kaffee, Kakao, Indigo und Tabak.
Nachdem die Kolonie im 17. Jahrhundert von der Provinz Zeeland an die Westindische Kompanie verkauft worden war, begann eine regere wirtschaftliche Tätigkeit: Plantagen wurden gegründet und Kredit wurden vergeben. Außerdem kamen protestantische und jüdische Flüchtlinge aus den spanischen Niederlanden nach Suriname.
Der östliche Teil wurde im 18. Jhd. durch militärische Befestigungen gegen Piratenangriffe geschützt.

Die Nachfahren der Sklaven, die im 17. und 18. Jahrhundert zum Betreiben der Plantagenwirtschaft in das Gebiet des heutigen Suriname gebracht worden waren, teilen sich in zwei Gruppen. Das eine sind die Nachfahren derjenigen Sklaven, die im 19. Jahrhundert schließlich mit der gesetzlichen Aufhebung der Sklaverei zu freien Bürgern wurden und sich hauptsächlich in Paramaribo und entlang des östlich davon gelegenen Küstenstreifens ansiedelten.
Das andere sind die Maroons, deren Vorfahren in den Urwald entkamen und dort nach afrikanischen Sitten ihrer Herkunftsländer Dorfgemeinschaften bildeten und den Sklavenjagden der Plantagenbesitzer sowie den unwirtlichen Bedingungen des Urwalds trotzten. Die Nachfahren der Maroons machen heute mehr als ein Fünftel der Einwohner Surinames aus. Sie haben für die schmalen politischen Eliten Surinames, ob schwarz, farbig oder weiß, wenig übrig.

Der Rest der Bevölkerung teilt sich auf in die Nachfahren der weißen Plantagenbesitzer sowie der nach Aufhebung der Sklaverei eingeführten Arbeiter aus China, Indien und Java.

Die Wirtschaft Surinames

bestand mehr als 2 Jahrhunderte aus dem Anbau landwirtschaftlicher Produkte, bis im 20. Jahrhundert das Bauxit dazu kam. Während des 2. Weltkriegs erlebte die Nachfrage nach Bauxit einen Höhepunkt. In den 50-er Jahren wurde von der Firma Alcoa ein Staudamm gebaut, um das Bauxit auch zu Aluminium zu verarbeiten. Der Bauxitabbau und die Aluminiumproduktion sind seit 2020 Geschichte – geblieben sind Ablagerungen aller Art. Alcoa betreibt den Staudamm und das daran angeschlossene E-Werk weiter und verkauft den Strom zu Monopolpreisen an den Staat.

Als Bergbauprodukt hat inzwischen Gold die Nase vorne. Goldbergwerke haben sich im letzten Jahrzehnt im östlichen Teil Surinames ausgebreitet und operieren dort relativ ungestört, da ihnen niemand irgendwelche Umwelt-Auflagen erteilt. Verträge und Konzessionen sind in diesem Staat ausschließlich eine Frage des Geldes.

Goldabbau in Suriname

Auch Ölfirmen sind unterwegs, um dort noch irgendwelche weiteren Bodenschätze abzustauben. Sie sind aber noch nicht so weit, wie ExxonMobil im benachbarten Guyana, auch hier reichlich sprudelnde Ölquellen erschlossen zu haben.

Die politische Verwaltung

Als Suriname 1975 in die Unabhängigkeit entlassen wurde, nutzte mehr als ein Drittel seiner Bewohner die holländische Staatsangehörigkeit und übersiedelte nach Holland.
(Der Abwanderung aus Suriname verdankte die holländische Nationalmannschaft bzw. die Fußballwelt Spieler wie Ruud Gullit, Frank Rijkaard, Clarence Seedorf, Patrick Kluivert u.a.)
Das Land hat heute geschätzt 620.000 Einwohner, die doppelte Einwohnerzahl von Graz, bei einer Größe, die das Doppelte von Österreich ausmacht.

Die Selbst-Regierung mündete 1980 in einen Militärputsch, der von den Niederlanden und den USA unterstützt worden war. Der starke Mann Surinames, Desi Bouterse, der in den Niederlanden zum Offizier ausgebildet worden war, regierte im Grunde bis zu seinem Tod im Jahre 2024. In den 90-er Jahren führte seine Clique noch einen Bürgerkrieg gegen die Maroons.
Am Schluß einigte er sich mit anderen Guerilla- und Stammesführern und sie stiegen in den Drogenhandel ein.
Suriname ist heute ein wichtiges Transitland für Kokain, zusammen mit seinen europäischen Andockstationen Belgien und Holland. Im unbewohnten Urwald, der niemandem gehört, passen Goldabbau und Landpisten für Drogenflugzeuge gut zusammen, während die spärlichen Exportprodukte des Landes mit Kokainladungen aufgefettet werden.

Dazwischen finden sich dann auch noch Angebote für Touristen, die ganz unberührten Dschungel oder touristisch nicht überlaufene Destinationen bevorzugen.

Serie „Lateinamerika heute“. Teil 24: Guyana

GUYANA, EHEMALS BRITISCH-GUYANA

1. Die Zeit als britische Kolonie

Die Nachfahren der unter holländischer Oberhoheit – das Territorium fiel 1815 an Großbritannien – importierten afrikanischen Sklaven wurden ab 1833 durch das britische Gesetz zur Aufhebung der Leibeigenschaft – mit etwas Zeitverzögerung – freigelassen. Die meisten dieser freigelassenen Sklaven wandten sich in der Folge anderen Berufen zu. Ihre Besitzer wurden zwar entschädigt, mußten sich aber nach anderen Arbeitskräften umsehen, um ihre Plantagen weiter betreiben zu können.

Die Lösung fand sich in den Weiten des British Empire. In Indien gelang es, ahnungslose Menschen aus verarmten und überbevölkerten ländlichen Gegenden als Vertragsarbeiter anzuheuern und nach Guyana zu verschiffen. Diese Leute wurden nicht viel besser behandelt als die Sklaven, kamen aber in der Anschaffung um einiges billiger. Auch aus China und von portugiesischen Inseln wurden Arbeiter angeworben, die Inder erwiesen sich aber als leichter handhabbar und auch ersetzbar, da sie britische Untertanen waren.

Diese Verschiffung von als „Girmitiyas“ bezeichneten Indern nach Guyana – und in andere Plantagenwirtschaften des Empire – dauerte von 1838 bis 1917, als eine von Ghandi begonnene Anti-Girmita-Bewegung schließlich ein Verbot dieser Praktiken durch die britischen Kolonialbehörden erwirkte.

Die gesamte Verwaltung, Polizeigewalt und Wirtschaft lag bis Ende des 19. Jahrhunderts bei den Plantagenbesitzern.
Streitereien unter ihnen und im Laufe der Zeit entstandene Handelsunternehmen, die ihre Beteiligung am politischen Geschäft einklagten, schließlich kleinere Aufstände derer, die gar nichts hatten, führten zu einer Änderung des kolonialen Machtapparates. Ein begrenztes Wahlrecht wurde eingeführt.

Der I. Weltkrieg und das Ende des Zustroms an indischen Arbeitern führten zu weiteren Veränderungen: Gewerkschaften entstanden und die Plantagenwirtschaft war in der Krise, da das Haupt-Produkt, der Zucker, durch die Kultivierung der Zuckerrübe in Europa Weltmarktanteile verloren hatte, was seinen Preis senkte.

Die Selbstverwaltung der Pflanzer-Elite wurde 1928 durch direkte Unterstellung unter die britische Kolonialverwaltung ersetzt. Die Weltwirtschaftskrise brachte sehr schnell auch dieses System ins Wanken. Aufstände aller Art fanden nicht nur in Guyana, sondern in vielen Teilen des Britischen Reiches statt.

Während des II. Weltkriegs erlebte Guyana einen Boom: Reis und Bauxit lösten den Zucker ab und erfreuten sich reger Nachfrage und die britische Regierung führte eine Wahlrechtsreform durch, die auch Besitzlose und Frauen an die Urnen ließ. So gelang es, den Nachschub an Produkten mittels sozialen Friedens zu sichern.

Nach dem Krieg führten diese Reformen zum Entstehen einer Partei, die 1953 an die Regierung gewählt wurde und sich durch gewerkschaftsfreundliche Gesetzgebung kommunismusverdächtig machte. Deshalb hob Großbritannien – in Absprache mit den USA – die Verfassung auf, setzte die Regierung ab, entsandte Truppen und beförderte eine eigene, unverfängliche Regierungsmannschaft ins Amt.

Als 1961 wieder gewählt werden durfte, kamen wieder die Falschen an die Macht, die des Kommunismus verdächtigt wurden.

(Inzwischen hatte die Revolution in Kuba stattgefunden, die Alarmglocken des Imperialismus schrillten bei jeden noch so kleinen Anzeichen der Unbotmäßigkeit.)

Ein möglicherweise absichtsvoll aus London verhängtes Sparpaket führte zu Unruhen, die wiederum den willkommenen Anlaß für eine neue Intervention boten.
Diesmal wurden alle Register gezogen, die teilweise auch heute noch zum Einsatz kommen, wenn man eine unliebsame Regierung loswerden will: Neuwahlen wurden ausgerufen und die Unabhängigkeit in Aussicht gestellt. Zwei Parteien – die der Afrikaner und der der Weißen – wurden gegen die Partei der Indischstämmigen unterstützt, mit Killern, Bombenanschlägen und Massakern. Nach der nächsten Wahl im Jahr 1964 und der Formierung einer Koalition der „Rechtmäßigen“ wurde Guyana schließlich in die Unabhängigkeit entlassen. Der CIA hatte alle Register gezogen und nicht gespart, der Wahlkampf hatte über 200 Menschen das Leben gekostet.

2. Die Dominanz der Afro-Guyaner: Die Regierung von Forbes Burnham (1964-1085)

Nachdem Guyana 1966 im Rahmen des Commonwealth selbständig geworden war, verkündete der CIA-gestützte Regierungschef Burnham eine Art Notstandsgesetz, mit dem willkürliche Verhaftungen legalisiert wurden. Er gewann die nächsten Wahlen mit massiven Fälschungen und führte das Land durch Enteignungen indischstämmiger Grundbesitzer an den Rand eines Bürgerkriegs.

Und plötzlich änderte er seine Meinung. Oder riß er sich nur die Maske vom Gesicht? Er bekannte sich zum Marxismus-Leninismus, nahm Beziehungen zu Kuba, Nordkorea und der SU auf, verstaatlichte die Landwirtschaft und die Bauxitindustrie und nannte Guyana eine Genossenschafts-Republik. Seine Partei, die PNC, wurde zu einer Art Staatspartei.
Mit Venezuela wurde 1970 ein Grenzvertrag unterzeichnet, der nach 12 Jahren auslief und nicht erneuert wurde.

Das Seltsame ist, daß diesmal weder die USA und der CIA noch Großbritannien besondere Maßnahmen ergriffen, um Burnham zu stürzen, keine Kampagnen gegen ihn entfachten und ihn einfach gewähren ließen.

Ab 1972 unterstützte Burnham eine Sekte von Afro-Amerikanern und Afro-Guyanern namens „House of Israel“, die sich in Guyana niederließ und entfaltete und für ihn als eine Art Todesschwadron agierte. Sie sollen eine Mitgliederzahl von 8000 erreicht haben, bis sie in den 80-er Jahren, nach Burnhams Tod aufgelöst und gerichtlich für verschiedene Morde belangt wurden.
Ob es diese – auch von einem US-Amerikaner gegründete – Sekte war, die Guyana 1974 für die Sekte von Jim Jones attraktiv machte, ist unklar.

Guyanas starker Mann präsentierte sich und sein Land jedenfalls als sicheren Hafen für unterdrückte Afro-Amerikaner und unzufriedene Afrikaner und zog damit auch die Peoples-Temple-Sekte an, die sich zunächst in den USA ebenfalls als Fürsprecher und Verteidiger der Schwarzen betätigte. Außerdem gab es in Guyana reichlich billiges Land, das auch von Ausländern problemlos erworben werden konnte.

1978 verhinderte Burnham Wahlen durch eine gefälschte Volksbefragung zu einer Verfassungsänderung und verschob die Wahlen.

Der Massen(selbst?)mord der Peoples Temple-Sekte in der von ihr gegründeten Siedlung Jonestown im Nordwesten von Guyana im November 1978 mit 909 toten US-Bürgern störte die Regierung Burnham gar nicht. Es gibt Gerüchte, daß sie sogar finanziell davon profitiert hat.
Vor allem: Es störte die US-Regierung – unter Präsident Carter – auch nicht, daß so viele ihrer Bürger in diesem Land unter seltsamen Umständen verstorben waren.

Burnham blieb mit verschiedenen weiteren Schachzügen und möglicherweise auch durch die Hilfe der Killer von „House of Israel“ bis zu seinem Tod 1985 im Amt.
Im Inneren hielt er sich durch die afro-guyanesische Bevölkerung im Amt, denen er jede Art von Privilegien verschaffte, vor allem gut bezahlte Jobs in der öffentlichen Verwaltung, der Polizei, dem Militär usw.

Im Äußeren genoß er ungeachtet seiner pro-sozialistischen Politik das Wohlwollen von 5 US-Präsidenten: Johnson, Nixon, Ford, Carter und Reagan.

Der Eindruck entsteht, daß Guyana für die USA als eine Art Ventil für unzufriedene Afro-Amerikaner funktionierte. Immerhin war damals die Black Panther-Bewegung aktiv, und die Afro-Amerikaner forderten mehre Rechte und waren unbequem.
Aber bitte: Wem es nicht paßt, geht doch nach Guyana!

3. Die Stagnation der Wirtschaft

Zur Zeit der Regierung Burnhams, also von 1964 bis 1985, war Guyana „nicht kreditwürdig“ und erhielt vom IWF und auch von sonst niemandem Kredite.

Der Nachfolger Burnhams, Hoyte, stellte zwar wieder Beziehungen mit dem IWF her, das Land erhielt aber weiterhin kaum Kredite, weil einfach nichts da war, was eine Bedienung derselben ermöglicht hätte. Der Verfall der Zuckerpreise auf dem Weltmarkt führte bis zum Millenium zum Versiegen der Deviseneinnahmen des einzigen nennenswerten Exportproduktes.

Die Zucker-und sonstige Plantagenwirtschaft Guyanas war noch aus der holländischen Zeit auf dem System der in Holland üblichen „Polder“ aufgebaut. Die gerodete Küstenebene, wo sich die Plantagen befanden, wurde über ein System von Deichen und Kanälen trockengelegt und bewässert. Unter den Bedingungen der Sklavenarbeit und auch noch der indischen Kuli-Arbeit wurde dieses System durch Zwangsarbeit aufrechterhalten, aber spätestens nach der Unabhängigkeit ließ sich diese Form der Wartung nicht mehr aufrechterhalten. Es kam zu häufigen Überflutungen vom Land und vom Meer, aber auch Dürreperioden, die die landwirtschaftlichen Erträge beeinträchtigten.

Außerdem sinkt das küstennahe und bewohnte Land ab, als eine Kombination aus Klimawandel und Erosion.
Die Bevölkerung verließ unter diesen traurigen Bedingungen das Land in Massen. Heute hat Guyana ca. 820.000 Einwohner – bei einer Größe des Territoriums, die beinahe der seiner ehemaligen Kolonialmacht Großbritannien entspricht.

Nur ungefähr 60% der Bevölkerung hat Strom, und auch hier kommt es zu häufigen Abschaltungen. Angesichts der Tatsache, daß – nach verschiedenen Angaben – zwischen 70 und 90 Prozent der Bevölkerung in Georgetown leben, heißt das, daß nicht einmal in der Hauptstadt alle Bewohner Zugang zu Elektrizität haben.
Der Strom wird praktisch ausschließlich durch importierten Diesel hergestellt. Zögerliche Versuche mit Solarzellen scheitern am Kapitalmangel.

4. Guyana heute

Seit ca. 2010 versuchte ExxonMobil, in Guyana Öl zu finden. Der Ölreichtum Venezuelas beflügelte diese Versuche. Am Land waren sie erfolglos, aber auf See war die Firma erfolgreich. 2015 fand sie reiche Ölvorkommen vor der Küste Guyanas und 2019 begann sie mit der Ölförderung.
In einem Vertrag sicherte sich ExxonMobil die Rechte auf die Ölförderung Guyanas mit der Bedingung, beinahe nichts an Steuern und Abgaben zu zahlen, bis die Kosten für die Erschließung wieder herinnen sind.

Die Regierung Guyanas wird für diesen Vertrag sehr kritisiert – aber angesichts des Mangels an Kapital im Land hatte sie nicht viele Möglichkeiten, in diesem Vertrag andere Bedingungen durchzusetzen.

Seit 1992 ist die Partei der Indisch-Stämmigen, die PPP (Fortschrittliche Volkspartei) an der Macht. Die Regierung des derzeitigen Präsidenten Irfan Ali versucht, aus dem Ölreichtum Einkünfte zu generieren, indem sie auch an andere Ölfirmen Konzessionen – zu besseren Bedingungen – vergibt.

Der Ölboom hat Guyana zwar einige Einkünfte verschafft, im Grunde leidet das Land jedoch unter wirtschaftlichen Tantalus-Qualen: Vor der Küste wird Öl gefördert, das jedoch in Guyana selbst nicht zum Einsatz kommt, da Guyana keine Raffinerie hat. Der Diesel zum Betrieb der vorhandenen Kraftwerke muß importiert werden.

Derzeit plant Guyana ein Gas-Kraftwerk, das über LNG versorgt werden soll.
Aber im Grunde ist das absurd, weil Guyana hätte jede Möglichkeit, Wasserkraftwerke zu errichten – am Essequibo oder am Demerara, – aber dafür ist genauso wenig Kapital da wie für das Gaskraftwerk.

Guyana ist ein Beispiel für den Kreislauf eines Staates, der aller Möglichkeiten beraubt ist, seinen Bewohnern etwas zu bieten: Auf dem Weltmarkt hat er nichts zu verkaufen, und im Inland fehlen ihm die Möglichkeiten, seine Bevölkerung angemessen zu versorgen.
Findet sich dann auf einmal auf seinem Territorium ein nachgefragtes weltmarktfähiges Produkt – in diesem Falle Erdöl – so fehlen die Möglichkeiten, es zu erschließen.

Wird es von einem weltmarktfähigen Unternehmen erschlossen, so fallen für das Land selbst nur Brosamen ab – zu wenig, um aus dem Elend herauszukommen und zu einem Akteur bei der Erschließung der eigenen Ressourcen zu werden.

Ähnliches würde sich abspielen, wenn einmal das Agrarkapital die brachliegenden Möglichkeiten des guyanesischen Dschungels entdecken würde.