Pressespiegel Izvestija, 14.5.: US-Verschuldung und der Dollar

DER SENAT BESTÄTIGTE DEN NEUEN CHEF DER US-NOTENBANK FEDERAL RESERVE MIT KNAPPER MEHRHEIT

Kevin Warsh, der die Unterstützung von Präsident Donald Trump genießt, ist neuer Vorsitzender der US-Notenbank Federal Reserve (Fed). Seine Bestätigung spaltete den Senat, und er erhielt deutlich weniger Zustimmung als die meisten seiner Vorgänger. Obwohl erwartet wird, dass Warsh eine Politik der Zinssenkungen verfolgen wird, könnte die hohe Inflation in den USA seine Bemühungen behindern.

Der Senat bestätigte Kevin Warsh mit knapper Mehrheit als Vorsitzenden der Federal Reserve. Dies führte zum umstrittensten Führungswechsel bei der US-Zentralbank seit Jahrzehnten und stellte seine politische Unabhängigkeit auf die Probe. 

Das Abstimmungsergebnis von 54 zu 45 Stimmen war das knappste Ergebnis, das je ein Fed-Chef erzielt hat. Es spiegelt das polarisierte politische Klima im Kongress und die Befürchtungen der Demokraten wider, dass Warsh den Forderungen von Präsident Donald Trump nach raschen Zinssenkungen nachgeben wird.“

Zinsen hinauf oder hinunter – sehr viel mehr Optionen hat eine Nationalbank offenbar nicht. Allerdings gibt es auch eine andere Funktion der Fed, das ist das unbegrenzte Aufkaufen der US-Treasuries, also das Finanzieren der Staatsschuld. Die Hochzinspolitik ist der Versuch, die US-Staatsanleihen auf dem Geldmarkt abzusetzen, bei Niedrigzinspolitik muß die Fed mit höheren Aufkäufen einschreiten. 
Der Fed-Direktor muß also derzeit die sehr kostspieligen Kriegsspiele Trumps finanzieren helfen, das ist seine wichtigste Funktion.

„Zitat von Bloomberg: »Lediglich ein Demokrat, John Fetterman aus Pennsylvania, wechselte die Seiten und sprach sich für Warsh als Nachfolger von Jerome Powell aus. Der Sieg des künftigen Vorsitzenden fiel knapper aus als Janet Yellens Wahlergebnis von 56 zu 26 Stimmen im Jahr 2014. Zuvor war die parteiübergreifende Unterstützung für Kandidaten der Federal Reserve eher die Regel als die Ausnahme, und selbst Alan Greenspan erhielt im Jahr 2000 die einstimmige Unterstützung für den Vorsitz der Federal Reserve.«

Die Abstimmung im Senat erfolgte nur wenige Stunden nach Veröffentlichung des Regierungsberichts zu den Großhandelspreisen, was die Sorgen über eine steigende Inflation verstärkte. Der Erzeugerpreisindex stieg im April im Vergleich zum Vorjahr um 6 % und übertraf damit die Prognosen von Ökonomen. Die Kerninflation, die Nahrungsmittel und Energie ausklammert, stieg um 5,2 %, was darauf hindeutet, dass sich der durch den Krieg mit dem Iran verursachte Anstieg der Energiepreise auf andere Güter ausweitet.

Washington Post: Trumps Verbündete warnen vor verzögerten Zinssenkungen

Trump hat endlich einen neuen Fed-Chef gefunden. Seine Verbündeten sind sich jedoch unsicher, ob er in absehbarer Zeit Zinssenkungen durchsetzen wird. Im Vorfeld der Wahl bereitete der ehemalige Trump-Stratege Stephen Bannon seine Anhänger in seinem Podcast auf eine mögliche Enttäuschung vor. Er erklärte, dass neue Inflationsdaten es »äußerst unwahrscheinlich« machen, dass Warsh im Juni, wenn er die erste geldpolitische Sitzung der Zentralbank leitet, die Gelegenheit haben werde, die Zinsen zu senken.

Zitat der Washington Post: »Sein Gast, der konservative Kommentator Eric Bolling, sagte voraus, dass es bis Ende des Jahres keine Zinssenkungen geben werde und deutete an, dass eine von Warsh geführte Fed möglicherweise sogar eine moderate Zinserhöhung benötige, um die Inflation einzudämmen. Der deutliche Umschwung der Erwartungen unter Trumps Anhängern lässt vermuten, dass drastische Zinssenkungen – unabhängig davon, wer die Fed übernimmt – nicht zu erwarten sind.«“

Die Zinssenkungen sind deswegen Thema, weil die gesamte Unternehmerschaft der USA Trump bestürmt, doch endlich Zinssenkungen zu veranlassen, um die gestiegenen Einkaufspreise und andere Widrigkeiten zumindest durch Kredit überbrücken zu können.
Gehen jedoch die Zinsen hinunter, so gerät der Dollar auf den Finanzmärkten ins Hintertreffen gegenüber anderen Währungen wie Euro, Pfund und Yen – und das in Zeiten, wo die BRICS versuchen, den Dollar möglichst aus ihren bilateralen Geschäften hinauszudrängen. 
An diesen Zinssenkungen hängt also die Stellung des Dollar als Welt- und Leitwährung, Öl hin oder her. 

„Der 56-jährige Warsh übernimmt eine Zentralbank, die Trump seit seiner Rückkehr ins Präsidentenamt im vergangenen Jahr nach seinem Willen zu formen versucht hat. Er drohte wiederholt mit der Entlassung des Vorsitzenden Powell und drängte auf eine strafrechtliche Untersuchung gegen ihn. Eine knappe Bestätigungsmehrheit könnte Warshs Fähigkeit, Unabhängigkeit vom Weißen Haus zu demonstrieren, weiter erschweren.

Reuters: Anleger bereiten sich auf hohe Renditen von US-Staatsanleihen vor

Anleger bereiten sich darauf vor, dass die Renditen von US-Staatsanleihen über einen längeren Zeitraum hoch bleiben werden. Sie sind skeptisch, ob der neue Vorsitzende der Federal Reserve, Kevin Warsh, die durch die steigenden Ölpreise während des andauernden Nahostkonflikts angeheizte Inflation eindämmen kann.“

Wie denn? Er hat ja gar keinen Spielraum in dieser Frage, weil die Preise steigen durch die gesperrte Straße von Hormuz und haben mit Zinsen überhaupt nichts zu tun.
Der ökonomische Kinderglaube, Zinsbewegungen wären ein Mittel zur Steuerung der Inflation, wird zwar hilflos immer wieder hergebetet, blamiert sich aber hier ganz unmittelbar an den Gegebenheiten.

„Die Renditen von Staatsanleihen, einschließlich der zehnjährigen Benchmark-Rendite, sind stark gestiegen, da Anleger angesichts steigender Energiepreise eine höhere Kompensation für das Inflationsrisiko fordern.“

Wenn die Renditen der Staatsanleihen steigen, so heißt das, daß der Staat für seine Anleihen am Markt nicht den Nominalwert erhält, sondern bedeutend weniger. D.h., seine Verschuldungsfähigkeit schrumpft, seine Verschuldung steigt und die Fed ist als Aufkäufer mehr denn je gefragt.
Die Inflation ist hier also direkt ein Verteuerungs-Faktor für den Staat selbst: Hohe Inflation – hohe Renditen – geringer Marktwert.
Bei den USA gibt es noch immer genug Nachfrage – entweder am Markt bei entsprechenden Preisen, oder durch die Fed.
Ein Staat wie Argentinien hingegen muß 30-40% Zinsen bieten und sein Gold verpfänden …

„Zitat Reuters: »,Es ist keine Übertreibung zu sagen, dass die Inflation ein kritisches Niveau erreicht hat und seit fast 5 Jahren über dem Zielwert liegt. Es gibt keine Möglichkeit, Anleger zu beruhigen oder Vertrauen zu schaffen‘, sagte Christian Hoffman, Leiter des Bereichs festverzinsliche Wertpapiere bei Thornburg Investment Management

Steigende Renditen von Benchmark-Anleihen könnten auch die US-Aktienkurse belasten, da Unternehmen und Verbraucher mit höheren Kreditkosten konfrontiert werden. Dies könnte sich negativ auf das Wirtschaftswachstum und die Unternehmensgewinne auswirken und gleichzeitig die Renditen von Anleihen im Vergleich zu Aktien wettbewerbsfähiger machen.“

Das könnte noch die Kreditkosten für Unternehmen zusätzlich in die Höhe treiben, weil Unternehmen Ausschüttungen machen müssen, die sie sich eigentlich gar nicht leisten können, um die Investoren bei Laune zu halten.

„Investoren sagen, dass die anhaltende Inflation eine Herausforderung für Warsh darstellen wird, der möglicherweise mit einer gespaltenen politischen Klasse zu kämpfen haben wird.

Politico: Warshs Bestätigung markiert eine neue Ära für die Zentralbank

Warsh tritt sein Amt in einer angespannten Phase für die Zentralbank an. Trump drängt massiv auf eine deutliche Senkung der Leitzinsen – ein Schritt, den Powell seit über einem Jahr ablehnt. Angesichts des starken Anstiegs der Energie-, Lebensmittel- und Rohstoffpreise im Großhandel infolge des Iran-Krieges und interner Spaltungen innerhalb der Fed dürfte es für Warsh in naher Zukunft schwierig werden, diese Aufgabe zu erfüllen. Der künftige Vorsitzende, der bereits von 2006 bis 2011 dem Fed-Direktorium angehörte, hat jedoch zahlreiche weitere Ambitionen für die größte Zentralbank der Welt.

Zitat Politico: »Warsh hat angekündigt, einige der jahrzehntealten Instrumente der Fed zu reformieren, darunter die Art und Weise, wie sie die Wirtschaft überwacht und mit der Öffentlichkeit und den Finanzmärkten interagiert. Er argumentiert, dass Fed-Vertreter zu oft über ihre Einschätzung der wirtschaftlichen Entwicklung sprechen, was angesichts der inhärenten Unsicherheit solcher Prognosen eher ablenkt als nützliche Information liefert.«“

Ein Fed-Chef, der nix von Prognosen hält?! Das wäre tatsächlich so etwas wie eine wirkliche Neuigkeit.

„Warsh erklärte außerdem, dass die Praxis der Fed, nach globalen Krisen US-Staatsanleihen und Hypothekarkredite im Wert von Billionen Dollar zu erwerben, um die Wirtschaft anzukurbeln, die Aktien- und Anleihenkurse verzerre. Er äußerte den Wunsch, das Volumen dieser Vermögenswerte zu reduzieren, da dies nach Ansicht einiger die Märkte schädigen könnte. Meinungsverschiedenheiten mit dem damaligen Vorsitzenden Ben Bernanke, mit dem er während der Finanzkrise eng zusammengearbeitet hatte, führten 2011 zu seinem Rücktritt aus dem Fed-Rat.“

Im Grunde erklärt er damit die ganze Bewältigung der Finanzkrise 2008 ff. für einen Irrweg. 
Man darf gespannt sein, was der neue Besen an der Spitze der US-Notenbank leisten wird, und ob er – zusammen mit seinem Chef Trump – der Messias oder der Totengräber des $ sein wird.

Auswirkungen des Iran-Kriegs, Teil 3

DAS ENDE ODER EIN NEUER ANFANG DER GLOBALISIERUNG? DER KREDIT, DIE KAPITALMÄRKTE UND DAS WELTWÄHRUNGSSYSTEM

Die Börsen

Die Börsen der Welt sind in unterschiedlichem Ausmaß, aber doch, seit Beginn des Krieges im Nahost gesunken. (Das Wort „Irankrieg“ ist inzwischen schon unpassend angesichts der Menge der beteiligten Staaten.) In den letzten Tagen haben sie sich wieder etwas erholt, nach den Worten des Großen Führers, der Krieg sei bald vorbei – obwohl nichts dergleichen absehbar ist und 50.000 US-Soldaten in der Region versammelt sind.

Man merkt daran, wie sehr die Börsen sich nur auf Spekulation gründen und praktisch keinerlei Verankerung mehr in dem haben, was tatsächlich produziert und verkauft wird, weil das Panorama, was in den vorigen beiden Beiträgen gezeichnet wurde, läßt zumindest auf einen großen Verlust an Geschäft, Wachstum und Kaufkraft in naher Zukunft schließen.

Die Börsen-Akteure hoffen aber, zu den wenigen Gewinnern zu gehören, die angesichts der ganzen Zerstörung dennoch Kasse machen können.

Wechselkurse

Ein anderes Panorama bieten die Währungen, also diejenigen nationalen Gelder, die entweder außerhalb der Grenzen des Landes auch zirkulieren und nachgefragt werden, oder aber „konvertibel“ sind, d.h., durch Investoren jederzeit betreten oder verlassen werden können, worüber die nationale Bankaufsicht wacht und was der IWF garantiert.

Andere Staaten, die auf dieses Service keinen Wert legen, weil sie das Geld als Hoheits- und Steuerungsmittel betrachten, wie Rußland oder China, aber auch Myanmar, Laos oder Nordkorea, sind von diesen Bewegungen der Wechselkurse daher nicht betroffen, auch wenn sie formell sogar einen Wechselkurs notieren.

Der Dollar ist seit Beginn der Kriegshandlungen, genaugenommen schon seit ihrer Ankündigung Ende Jänner, gegenüber Pfund, Euro, Yen und Schweizer Franken gestiegen. Das heißt, daß das Finanzkapital der Welt annimmt, daß die unter diesen Währungen versammelten Wirtschafts-Einheiten von diesem Krieg geschädigt werden und nichts gewinnen können.

Gesunken gegenüber dem Dollar sind auch die indische Rupie, der thailändische Baht und der koreanische Won. Allerdings ist bei Korea und Indien diese Bewegung mit Aufs und Abs kontinuierlich – sie verlieren stetig an Wert gegenüber dem Dollar, obwohl sich diese Bewegung in diesem Jahr verschärft hat.
Thailands Währung, der Baht, konnte hingegen in den letzten Jahren gegenüber dem Greenback punkten und ist jetzt erst wieder ein einen Abwärtstrend verfallen.

Der brasilianische Real erweist sich als relativ resistent und hat mit starken Schwankungen seinen Wert behauptet – d.h., seine Ökonomie ist von dem ganzen Trubel in Nahost praktisch nicht betroffen. Ähnlich geht es einem zweiten großen Erdölproduzenten Lateinamerikas, Mexiko.

Der Krieg im Nahost ist also eine Art Krieg um Asien: Wem gehört dieser Kontinent?

Petrodollars

Die Stärke des Dollars beruht zu einem guten Teil auf seiner Kontrolle weltweiter Öl-Ströme. Das Öl wird größtenteils in Dollar abgerechnet, zumindest als Reverenzwährung ist es bei den meisten Erdöl-Deals zugegen.
Außerdem jedoch wird viel aus den Einnahmen, die aus Erdölverkäufen in die Taschen der sattsam bekannten Ölscheichs fließen, in die Wirtschaft der USA investiert. In den letzten Jahren oder Jahrzehnten auch vermehrt in Europa. Die Petrodollars wirken also als Schmiermittel des internationalen Finanzsystems. Banken und Investmentfonds werden mit diesem Geld unterfüttert.

Und hier könnte es im Gebälk krachen, wenn sich herausstellt, wie groß die Schäden sind, die das Tsching-Bumm-Krach am Persischen Golf angerichtet hat.

Derzeit brechen die Einnahmen der arabischen Golfstaaten durch den eingeschränkten Verkauf von Erdöl und Gas sowie den zum Erliegen gekommenen Flugverkehr und Tourismus ein. Aber erst nach einem Ende der Kampfhandlungen wird absehbar, welche Schäden an Förderanlagen, Raffinerien und anderen Industrien entstanden sind, wie lange die Reparaturen dauern und wieviel sie kosten werden.

Und dieses Geld steht den internationalen Kapitalmärkten dann nicht zur Verfügung.

Das Erstarken des Dollars gegenüber den asiatischen Währungen und die Schwächung der Golfstaaten kann zweierlei Folgen haben – eine weitere Festigung des Dollars als Fluchtburg des internationalen Geschäfts oder ein Rückzug aus dem Dollar im Sinne Chinas und Rußlands.

Eine weitere Zusammenstellung der Auswirkungen des Iran-Kriegs

DIE KOSTEN DER GLOBALISIERUNG – TEIL 2: AFRIKA UND DIE MOBILITÄT

1. Afrika

Im ölproduzierenden Algerien scheint die Welt trotz steigender Energiepreise in Ordnung zu sein: Die Exporterlöse steigen und damit kann sich Algerien problemlos leisten, Lebensmittel und Treibstoff zu subventionieren – was es auch bisher schon getan hat. Das sind die Überbleibsel des Sozialismus, und dank des Öls konnte das auch kein IWF beseitigen und keine Schuldenlast gefährden. Sogar für das benachbarte Tunesien fällt laut einem marokkanischen Ökonomen etwas ab, um dort gröbere Störungen zu verhindern.
Algerien steht so gefestigt da, daß es auch nicht vor hat, den Ölsektor auszubauen, weil es mit der derzeitigen Förderung gut fährt.

Weniger rosig steht Marokko da, wo es keine fossilen Energieträger gibt und das noch dazu mit Algerien wegen der Westsahara verfeindet ist. 2022 verdreifachte sich die Inflation, davor fürchtet man sich jetzt. Der Staat subventioniert den Transportsektor, aber wie lange ist noch Geld in der Kasse?
Außerdem machen einen wichtigen Faktor die Auslandsüberweisungen der Arbeitsmigranten und die Einnahmen aus dem Tourismussektor aus und beides wird sich dadurch verringern, daß die Krise auch an der europäischen Wirtschaft nicht spurlos vorübergehen wird. Der Tourismus ist zudem durch die steigenden Kerosinpreise betroffen.
Seit Jahren baut Marokko den Hafen von Nador (neben Melilla) aus, um sich dann als eine Art Speicher und Verbindungsglied zwischen seinen Freunden am Golf und Europa zu positionieren – eine Berechnung, die jetzt gefährdet ist. Das Öl müßte nämlich erst einmal durch 2 Meerengen, den Suezkanal und das Mittelmeer kommen, bevor es seiner weiteren Bestimmung harren darf.

Apropos Suezkanal: Die Haupt Einnahme-Quelle Ägyptens ist der Suezkanal. Kommen jetzt Tanker nicht aus dem persischen Golf heraus und dann nicht durch das Rote Meer, so ist der Devisenhaushalt und die Wirtschaft Ägyptens gefährdet.
Außerdem erhält Ägypten auf diesem Weg sein Öl und dieses wiederum ist die Grundlage der Stromerzeugung, sodaß jetzt dort Strom rationiert wird und die Geschäfte abends finster bleiben.

Im Afrika südlich der Sahara ist die Lage schon allein deshalb ernst, weil aller Warenverkehr über LKWs erfolgt und die steigenden Spritpreise alles sofort verteuern. Nur wenige Staaten können sich Treibstoff-Subventionen leisten.

Besonders absurd präsentiert sich die Lage in Nigeria, das an sich Ölproduzent und -Exporteur ist. Aber erstens sowieso kein besonders wichtiger – gerade 1,6% der weltweiten Förderung im Jahr 2022, Tendenz leicht steigend.
Zweitens aber, und das ist wirklich bemerkenswert, besitzt es inzwischen die größte und modernste Raffinerie Afrikas, die ist jedoch völlig unterausgelastet, sodaß ihre Produkte nicht einmal den Inlandsbedarf decken.
Wie das?
Nigeria ist nämlich aus verschiedenen Gründen hoch verschuldet und verwendet seine Öl-Exporte, um die Schuld zu bedienen. Es muß also einen guten Teil seines Rohöls exportieren. Die staatliche Ölförder-Firma kann die Raffinierie daher gar nicht in nötigem Ausmaß versorgen, damit diese den Inlandsmarkt sättigen könnte. Nigeria exportiert daher Rohöl und importiert sowohl – jawohl!, Rohöl, sowie Diesel und Benzin, wodurch die Preissteigerungen unmittelbar und verstärkt im Land ankommen.
Das Land hat keine Reserven und offenbar auch kein Geld zum Subventionieren. Dergleichen ist jedenfalls nicht vorgesehen.

In Angola gibt es zwar Öl, aber zu wenig Raffinerien, weshalb Treibstoff importiert wird.
Als im Vorjahr die Treibstoff-Subventionen auf Druck des IWF aufgehoben wurden – Angola ist ebenfalls hochverschuldet –, kam es gleich zu Unruhen.
Da es weder allzu viel öffentlichen Verkehr und erst recht keinen Individual-Verkehr gibt, ist im Personenverkehr das Taxi die einzige Option, und die Taxler – mitsamt einem guten Teil ihrer Kundschaft – waren die Initiatoren der Proteste.
Der steigende Ölpreis bringt zwar kurzfristig Einnahmen, wird aber wenig helfen, da 1. die Produktion veraltet ist und wenig ausgebaut wurde, und 2. Angola nach wie vor sehr am Öl hängt und daher kurzfristige Gewinne nirgendwohin investieren könnte.

Südafrika schließlich hat die Preise für Treibstoff stark hinaufgesetzt, den Treibstoff rationiert und die Mineralölsteuer gesenkt.
Zu den Preissteigerungen trägt neben dem erhöhten Ölpreis auch der Kursverlust der nationalen Währung, des Rand, bei.

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2. Der Flugverkehr und das Transportwesen

Der Flugverkehr hat nach der Pandemie wieder an Fahrt aufgenommen und zwar sowohl beim Passagier- als auch beim Frachtaufkommen. Das könnte bald wieder vorbei sein.
Erstens senken steigende Kerosin- und in Folge Ticketpreise die Urlaubsgelüste und lassen einige Leute günstigere, auf dem Landweg erreichbare Ziele ins Auge fassen.

Dann haben ein paar Golfstaaten im Verlauf des letzten Jahrzehnts ihre Flughäfen zu großen Drehkreuzen ausgebaut, die jetzt sehr plötzlich ausgefallen sind. In diesem Zusammenhang fällt der gesperrte Luftraum über Rußland sehr unangenehm auf. Von Europa nach Asien gelangt man inzwischen nur über einen recht schmalen Flugkorridor durch den Transkaukasus, der zwar Georgien und Aserbaidschan erhöhte Überflug-Einnahmen beschert, aber im Grunde eine Art Nadelöhr darstellt.

Die Behinderung der Luftfracht durch diese Einschränkungen wiegt bei heiklen Produkten wie Medikamenten weitaus schwerer, da Kühlung und Transportgeschwindigkeit auf einmal gefährdet bzw. verunmöglicht sind. Auch das Umsteigen von Landfracht auf Luftfracht bei Behinderungen am Boden fällt fast völlig weg.

Der ganze Frachtverkehr am Boden ist durch die steigenden Treibstoffpreise oder oft den gar nicht vorhandenen Treibstoff an den leeren Tankstellen in Frage gestellt. Waren können nicht geliefert werden, verderben gegebenenfalls, der Adressat kann nicht weiter produzieren oder muß sein Geschäft oder seine Gaststätte zusperren.

Die Neue Seidenstraße gerät ins Stocken, weil der Diesel entweder zu teuer ist oder bei den Verbindungspunkten gar nicht da ist. Damit entsteht ein regelrechter Warenstau beim Produzenten China. In Europa jammert man besorgt über gefährdete bzw. gestörte Lieferketten.

Manche Golfstaaten-Airlines haben ihre Flugzeuge an sichere Orte verbracht, weil sie in absehbarer Zeit gar nicht mit Wiederaufnahme des regulären Flugverkehrs rechnen.

Angesichts der Größe des Problems kann man mit einer Menge Konkurse bei Fluglinien und im Transportwesen gerechnet werden, vor allem, wenn der Krieg noch länger andauert und auch nach seiner Beendigung die Reparatur der Schäden an Föderanlagen, Raffinerien und Verladeeinrichtungen länger dauert, d.h., die Ölpreise hoch bleiben.

Manche Fluglinien rechnen sich auf lange Sicht Konkurrenzvorteile aus, weil die Fluglinien der Golfstaaten ins Hintertreffen geraten sind, aber das erscheint angesichts der Größe des Problems eher Wunschdenken zu sein.

Fortsetzung folgt: Währungen, der Kapitalmarkt und die Börsen