Anläßlich der Wahlen in der Ukraine

PORTRAIT EINES OLIGARCHEN: RINAT ACHMETOV

Rinat Achmetov gilt als der eigentliche Königsmacher der Ukraine. Der Wahlsieg Janukovitschs geht zu einem großen Teil auf sein Konto. Während der Orangen Revolution wurde Justschenkos Wahlkampf mehr oder weniger von Boris Berezovski finanziert, und Justschenko konnte einen Etappensieg verbuchen. Achmetov stand auch damals auf der Seite Janukovitschs. Er hatte den längeren Atem. (Berezovsky hat seinen Schützling längst fallengelassen, weil der ihm nach seinem Wahlsieg gemeinerweise die triumphale Übersiedlung in die Ukraine verweigert hat.) Inzwischen hat sich also der einheimische gegen den auswärtigen Oligarchen durchgesetzt, in der Politik jedenfalls.

Wie kam der Sohn eines Bergarbeiters und Absolvent einer sowjetischen Wirtschaftsuni zu seinem Vermögen?

Zunächst einmal – Mitte der 90-er Jahre – gründete er, ähnlich wie andere der neuen Großunternehmer der ehemaligen SU, eine Bank.
(Hier erinnert man sich an Brechts Spruch aus der Dreigroschenoper: „Was ist ein Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank? “)
Damit verschaffte er sich Kredit und begann, Betriebe zu kaufen.

Man muß sich vor Augen führen, wie die Situation in der Ukraine damals war.

Nachdem Kravtschuk, Schuschkievitsch und Jelzin auf einer weißrussischen Datscha bei Konsum von einigen Flaschen Wodka beschlossen hatten, nach der Devise „small is beautiful“ die Zerschlagung der Sowjetunion einzuleiten, wurde die Ukraine 1991 unabhängig. Sie war gleichzeitig mehr oder weniger pleite. Zunächst ließ die Regierung 1992 im Ausland – auf Kredit selbstverständlich – hübsche Banknoten drucken. Die ukrainische Regierung verschuldete sich also schon einmal ordentlich, um sich ein nationales Geld zuzulegen. Die Kosten für den Druck der Hrivna bei zwei kanadischen Firmen sollen sich auf ca. 200 Millionen US-Dollar belaufen haben.
Dabei wäre das, wie sich herausstellte, gar nicht nötig gewesen. Die Hrivna wurde nämlich erst viereinhalb Jahre später in Umlauf gebracht. Bis dahin lagerten die Geldscheine in diversen Kellern von öffentlichen Gebäuden. Man wollte das gute Geld nämlich nicht durch eine schlechte Wirtschaft verderben.

Im Umlauf waren von 1992 bis 1996 die Kupony-Karbowanzy, die aus irgendeiner ukrainischen Druckerei stammten. Und ihren Dienst, die Menschen von den Waren fernzuhalten, sofern sie keinen Karbowanez in der Hand hatten, auch tadellos versahen.

Der Staat war der Eigentümer seiner gesamten Wirtschaft, für deren Produkte es auf einmal keine Absatzmärkte mehr gab, da die meisten von ihnen Ausland geworden und nach den neuen, plötzlich geltenden Prinzipien genauso zahlungsunfähig wie die Ukraine waren: Auch sie verfügten nur über nationales Geld vom Schlage der Karbowanzy und nicht über die im zwischenstaatlichen Zahlungsverkehr nötigen Devisen.
Der Internationale Währungsfonds, die Weltbank, diverse Experten und andere menschenfreundliche Institutionen nahmen das frische Mitglied der internationalen Staatenfamilie unter ihre Fittiche, kreditierten es, um diese Nationalökonomie vor dem völligen Kollaps zu bewahren, und erteilten ihre bewährten immergleichen Ratschläge: Nicht zu viel Geld drucken, um eine Inflation zu vermeiden, und möglichst rasch alles privatisieren. Und ja keine Erhöhungen von Löhnen und Gehältern!

Die Löhne und Gehälter vieler Ukrainer wurden nicht nur nicht erhöht, sie wurden oft jahrelang nicht gezahlt. Die Regierung durfte ja nicht so viel Geld drucken! Also woher nehmen? Und so arbeiteten ukrainische Professoren, Bergarbeiter, Ärzte und so weiter jahrelang mehr oder weniger gratis und versuchten sich mit Kleinhandel oder anderen Nebenerwerbstätigkeiten irgendwie über Wasser zu halten.
Hätten sie das nicht getan, wären sie nicht an ihrem Arbeitsplatz erschienen, wären sie nämlich laut Dienstvertrag sofort entlassen worden, ohne irgendwelche Ansprüche auf Wiedereinstellung, Abfertigung oder Arbeitslosenunterstützung. Dies war ein Erbe der sowjetischen Wirtschaftsordnung, in der Entlassung nicht vorgesehen war und man einen Arbeitsplatz auf Lebenszeit hatte. Lang ists her …

Alle Betriebe warteten also auf den rettenden Investor. Und er erschien, in Gestalt von Achmetov und seinen Geschäfts- und Bankpartnern. Da es in der Ukraine kein Kapital gab, so erschufen sie es durch Kredit, den sie sich über ihre neugründeten Banken gewährten.

Man sieht hier sofort, daß es tatsächlich nur den richtigen Unternehmergeist braucht (und natürlich die nötige staatliche Unterstützung für ein solches Unterfangen), und dann ist das lumpigste Geld auch gerade gut genug, um zum Schmiermittel einer frisch angeleierten Kapitalakkumulation zu werden. Durch die Erteilung der Bankkonzession hat auch der Staat grünes Licht zur Kreditschöpfung gegeben und klargestellt, daß er auf dem seiner Hoheit unterstehendem Territorium auf Kapitalakkumulation Wert legt und für die Gültigkeit der zu diesem Zweck geschöpften Kredite qua dieser seiner Hoheit als lender of last resort geradesteht.

Natürlich gab es in der Anfangsphase einige Schwierigkeiten für Achmetov, sich durchzusetzen. Da kam es ihm sicherlich zugute, daß er früher einmal eine Zeitlang professioneller Boxer gewesen war. Die Idee, eine Bank zu gründen, aus nichts Kredit zu schaffen und dann einkaufen zu gehen, hatten nämlich sicher auch andere. So wahnsinnig originell ist sie ja nicht, wie überhaupt der ganze in den Medien stets hochgerühmte Unternehmergeist, näher betrachtet, eine ziemlich eintönige Angelegenheit ist.
Aber es wäre kleinlich, ihm das vorzuwerfen, wie das heute manche seiner Neider tun. So etwas gehört zu einer Gründerphase dazu, da gibt es eben eine natürliche Auslese, in der sich der Weizen der zukünftigen Kapitalistenklasse von der Spreu derjenigen Möchtegern-Unternehmer trennt, die dann in irgendeinem Wald oder Straßengraben enden.

Nachdem Achmetov so zum Besitzer einiger großer metallurgischer Kombinate und anderer Unternehmen geworden war und daran arbeitete, sie profitabel zu machen, legte er sich eine Fußballmannschaft zu, die seiner Heimatstadt: Schachtjor Donetsk.

Weil diese Affinität neureicher Unternehmer zu Fußballmannschaften oft als Spleen belächelt wird, ist es einmal angebracht, darauf hinzuweisen, daß der Besitz einer solchen Mannschaft zunächst eine ausgezeichnete Geldwaschmaschine ist, und nicht nur in der Ukraine, sondern weltweit. Die Ausgaben für Transferkosten, Spielergehälter, Sozialversicherung, Stadionbauten usw. sind ebenso gewaltig wie manipulierbar. Ebenso die Einnahmen von Sponsoren, Übertragungsrechten, Prämien und was es da noch so gibt. Da ist viel Platz, um Summen hineinzustecken und wieder herauszuziehen, die man woanders verdient hat und weder den Steuerbehörden noch der Justiz unter die Nase halten will.
Außerdem schafft einem das Sponsoring und der Betrieb von so einem Fußballteam viele Sympathien und eröffnet einem gute Beziehungen, auf die man als Unternehmer immer angewiesen ist. Wer liebt nicht den Fußball?! Und das Herz jedes Patrioten schlägt höher, wenn die eigenen Burschen sich im internationalen Wettbewerb bewähren. Das läßt die Armen im Land ihre leeren Speisekammern vergessen, und schwellt den glücklichen neuen Reichen die Brust, nicht nur Geldfürsten und einflußreiche Leute zu sein, sondern auch einen Stolz auf ihr Heimatland zu entwickeln.
Und die Fußball-Anhängerschaft schafft auch das nötige Wähler-Klientel, wenn man seine bevorzugten Politiker ins Parlament und die Regierung hieven will.

Schließlich sieht man auch, wie heute das Proletariat weltweit bei der Stange gehalten wird: Von „panem et circenses“, mit denen die alten Römer ihre Besitzlosen zum Mitmachen brachten, ist nur letzteres übriggeblieben. Das moderne Proletariat ist bescheidener als seine antiken Namensgeber.

Bei der Geldwäsche und den illegalen Geschäften, für die sie nötig ist, muß man nicht immer an das Schlimmste denken, also an den im Zusammenhang mit postsozialistischen Staaten immer wieder beschworenen Menschen-, Waffen- oder Drogenhandel. Nein, auch Produzenten von ganz biederen Gebrauchsgegenständen, wie Schuhen oder Autoreifen, oder womöglich Lebensmitteln haben oft die größten Absatzschwierigkeiten, wegen mangelnder Zahlungsfähigkeit des p.t. Zielpublikums.
Ein Unternehmer in der Ukraine hat Unkosten, die z.B. ein österreichischer nicht kennt, und steht wegen seiner Staatszugehörigkeit immer schon mit einem Fuß im Kriminal.

Die oben erwähnten menschenfreundlichen Institutionen wie IWF usw. wollen zwar unbedingt, daß in der Ukraine Marktwirtschaft herrscht und ja nichts produziert wird, wo nicht am Ende Geschäft und Gewinn dabei herausschauen. Gleichzeitig werden aber viele Türen verschlossen, die dazu beitragen könnten, daß das Unternehmertum in der Ukraine vorankommt: Gerade diejenigen Staaten, die über „richtiges“, also Weltgeld verfügen, auf deren Märkte also jeder Unternehmer drängt, schützen ihren Markt und ihre Produktion durch Zölle und Quotenregelungen und verweisen die neuen Kapitalisten auf ihren inneren Markt und auf die genauso schwachbrüstigen Märkte ihrer ehemaligen Bruderländer.

Will also so jemand wie Achmetov irgendeines seiner Produkte in die EU verscheppern, so muß er zu Methoden greifen, für die das altertümliche Wort Schmuggel mit all seiner Romantik schon etwas überholt wirkt. Da müssen Ursprungszertifikate gefälscht, Partnerstaaten – meist auf dem Balkan – eingeschaltet werden, dann muß man noch irgendwo Zöllner bestechen – jede Menge Unkosten also, die aber nicht in der Bilanz aufscheinen dürfen, und nicht zum Abschreiben von der Steuer taugen. Und ist die Ware dann irgendwo „drüben“ glücklich an den Mann gebracht – wie weiter? Diesen Gewinn kann man ja auch wieder nicht durch die Bücher gehen lassen, und will ihn ja auch gar nicht versteuern. Die exportierte Ware muß aber doch irgendwo deklariert werden … Also muß man wieder was fälschen, usw.

Und da ist so ein Fußballklub der ideale Filter, durch den alle Tätigkeiten, die den Blick der Behörden scheuen müssen, durchgedrückt werden können.

Der Sieg Janukovitschs über Timoschenko wird von westlichen Medien aus politischen Gründen als problematisch besprochen – zuviel Nähe zu Moskau, „unserer“ Einfluß ist gefährdet, usw. Das sind aber innerimperialistische Konkurrenzgedanken. Ökonomische Bedenken, wie es sie noch in den 90-er Jahren gab, ob die Enttäuschung über die Auswirkungen der Marktwirtschaft womöglich jemanden Falschen an die Macht bringen würde und ein Liebäugeln mit „sozialistischen“ Experimenten als Folge zeitigen können, sind heute längst vom Tisch.

Dafür sorgen politische Paten wie Achmetov. Sie garantieren, daß in der Ukraine weiterhin alle Prinzipien des Kapitalismus in Kraft sind, auch wenn die Erfolge in der nationalen Bilanz eher spärlich ausfallen.

Ein Arschloch weniger auf der Welt

TOD EINES MARKTWIRTS

Heute ist der Jegor Gaidar abgenibbelt.

Viele Russen werden sagen: Endlich!
Obwohl, allen Schaden, den er anrichten konnte, hat er schon lange angerichtet gehabt. Er hat sich sozusagen, wie man so schön zu sagen pflegt, selbst überlebt.

Wofür stand der „Vater der russischen Marktwirtschaft“?

Mit der von ihm als Regierungschef beschlossenen Freigabe der Preise im Januar 1992 leitete er endgültig die Herrschaft des Geldes in Rußland ein. Was die Perestrojka, das „trockene Gesetz“ und die Pavlovsche Reform geleistet hatten – eine gründliche Zerstörung des sowjetischen Wirtschaftssystems – das führte Gaidar zu Ende: Er verpflichtete alle Leute darauf, in Zukunft mit allen Mitteln an Geld zu kommen, indem er ihnen erst einmal alles wegnahm. Wer nicht irgendwo schon Devisen in der Matratze gehortet hatte, verlor durch die galoppierende Entwertung des Rubels sein ganzes Geldvermögen und wurde dadurch mittellos.

Gaidars Reform schuf die eine Voraussetzung einer erfolgreichen Marktwirtschaft: flächendeckende Armut, es lag aber nicht in seiner Macht, sich um die andere Seite des funktionierenden Kapitalismus’ zu kümmern: Akkumulation von Reichtum auf der anderen Seite, um dann diese Armut produktiv einsetzen zu können, mit Ausbeutung nämlich. Das war dann in den nächsten Jahren das Geschäft der Oligarchen, der Paten – „gesetzlichen Diebe“, mit einem Wort, der neuen Unternehmerklasse, die in den westlichen Medien oft mit dem häßlichen Namen „russische Mafia“ bedacht wurde.

Die Figur Gaidars wirft allerdings auch ein schlechtes Licht auf die untergangene Sowjetunion, wenngleich anders, als die Nachrufe es vermelden. Wie ist es möglich, daß jemand, der 1978 mit Auszeichnung als Ökonom auf der Lomonossow-Universität promovierte und dann als Wirtschaftsexperte für die Pravda schrieb, schließlich nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion in der Einführung der Marktwirtschaft die Zukunft der russischen Wirtschaft sah? Was haben die ihm eigentlich beigebracht auf der Lomonossow-Uni? Was hat er als ultima ratio der Ökonomie im Sprachorgan der Kommunistischen Partei Rußlands verbreitet? Offenbar eine große Bewunderung des Geldes als Zwangsmittel für die Bevölkerung, und eine ebenso große Bewunderung der „Effizienz“ desjenigen Wirtschaftssystems, das es versteht wie kein anderes, seine Bevölkerung für den Dienst am Kapital einzuspannen. Typen wie Gaidar gab es zuhauf als Absolventen und Lehrende sozialistischer Ökonomie-Lehrstühle, die ihre Bewunderung für die westliche Reichtumsproduktion im offiziellen Diskurs mit einem marxistisch-leninistischen Phrasenkostüm verhüllten und ihre Unzufriedenheit über die Unzulänglichkeiten ihrer eigenen „Planwirtschaft“ bei jeder sich bietenden Gelegenheit heraushängen ließen.

Damit kann man über den untergegangenen Realsozialismus einmal eines erschließen: Wohlstand für Alle! war nicht sein Programm, sondern die werten Werktätigen sollten mit ihrer Arbeit nationalen Reichtum mehren und den Staat groß machendafür wurde dort geplant und schließlich diese Planwirtschaft endgültig kaputtrefomiert.
In den Nachrufen auf Gaidar wurde behauptet, die Freigabe der Preise hätte eine Hungersnot verhindert.
Wie soll denn das gehen? Wie soll der Umstand, daß man die Leute nötigt, alles für Geld zu kaufen, gleichzeitig aber eine völlige Entwertung dieses Geldes einleitet – wie soll das Hunger verhindern?

Das Gegenteil ist doch der Fall: Die Preisreform hat dafür gesorgt, daß in den nächsten Jahren jede Menge Leute verhungert und erfroren sind. Aber sie waren über das ganze Land verstreut, alt, krank und isoliert, oder Kinder, sie machten keinen Aufstand, sondern starben still, sie gefährdeten das zarte Pflänzchen der russischen Marktwirtschaft nicht.
Es waren auch keine UNO-Organisationen zur Stelle, oder NGOs, keine Medienfritzen, die Hunger, Armut und Krankheit in Sibirien vor die laufenden Kameras brachten und zu Spendenaktionen aufriefen. Denn diese Hungertoten Rußlands waren keine „unschuldigen Opfer“ von Naturkatastrophen oder „Regimes“, sondern die notwendigen Unkosten der Einführung des besten aller Systeme, des Kapitalismus, in einem Land, das sich ihm verbrecherischerweise jahrzehntelang verweigert hatte.
Gaidar ist tot, aber sein Werk hat ihn überlebt.

Was kann sich ein Nationalökonom Schöneres wünschen!

Die Trostlosigkeit der Neoliberalismus-Kritik

DIE SELBSTBEWUSSTE LEUGNUNG DER WIRKLICHKEIT

Aus Anlaß einiger linker Veranstaltungen des letzten Jahres sehe ich mich veranlaßt, einmal darauf hinzuweisen, wo das gesellschaftskritische Denken heute gelandet ist.

Auf einer Veranstaltung von „Linkswende“, die sich stets marxistisch gibt, also auf Marx beruft, wurde ein düsteres Bild gezeichnet: Monopolisten bemächtigen sich der Schlüsselstellen in Politik und Wirtschaft, „wirtschaftliche Interessen“ setzen sich gnadenlos durch und unterwerfen die Welt ihren Berechnungen. Der Staat mitsamt seiner Politikermannschaft: ein von Termiten längst ausgehöhlter Papiertiger.

Eine Pressekonferenz von Attac: Eine der Damen am Podium beklagt als Skandal, daß man sich gar nicht vorstellen könne, was überall an Lobbying stattfinde! Überall wird wahnsinnig viel Druck auf die Politik ausgeübt, damit sie sich den Kapitalinteressen beuge! Eine andere Teilnehmerin des Podiums gibt wichtigtuerisch zum besten, wie sie auf Jagd nach Briefkastenfirmen gegangen sei – und tatsächlich welche gefunden hat!

Schließlich, angesichts des Uni-Streiks: Professionell Bewegte aller möglichen Fraktionen eilen herbei, beglückwünschen die Studenten zu ihrer kritischen Haltung und „klären auf“: Hinter allem stünden Strukturen, meistens auch noch „hierarchische“, das Bildungssystem sei daran, Kapitalinteressen dienstbar gemacht zu werden, neoliberalistische Dogmen gehören angegriffen, das Bildungssystem gehöre allen, usw.

Nachdem sich bei einer Veranstaltung über die Schule der Vortragende über eine Stunde lang bemüht hatte, darzustellen, warum bei unserem Bildungssystem lauter Unfug, also falsche Urteile und Praktiken über die Welt herauskommen, wurde ihm von einem Zuhörer vorgeworfen, er sei nur bei Oberflächenphänomenen verharrt und „eigentlich“ ginge es doch um ganz was anderes. Was, stellte sich allerdings nicht heraus.

Allen diesen Denkformen und Erklärungsmustern ist gemeinsam, daß sie sich um die Gegenstände, um die es geht, keinen Deut scheren. Was das Sozial-, Bildungs- oder Gesundheitswesen ausmacht, aus welchen Gründen diese Einrichtungen existieren, was Rechte bzw. Menschenrechte sind – alles unwesentlich. Der kritische Mensch heute ist schon weiter, hat die Welt durchschaut, bevor er sie überhaupt zur Kenntnis genommen hat: Hinter allem stehen dunkle, auf jeden Fall finanziell potente Figuren, schieben den Politikern, die doch „eigentlich“ einen ganz anderen Auftrag hätten, dem Volk zu dienen vermutlich (man erfährt auch das meistens nicht), das Geld in die Taschen und kaufen sich den gesamten Staat.

Die Welt wird dadurch zu einer einzigen großen Verschwörung erklärt, mit „vorne“ und „hinten“, und die Dummen, die sich noch über Oberflächenphänomene wie Schule, Justiz oder Polizei den Kopf zerbrechen, sind hoffnungslos verstrickt in die Scheinwelt, die sich die großen Manipulatoren fürs einfache Volk ausdenken und dann über die Medien versprühen.

Der kritische Geist ist da schon viel weiter und hat die Welt durchschaut: Finanzhaie und Lobbyisten, (etwas rechter formuliert: Freimaurer und Juden), der Da Vinci Code und wer weiß noch alles ziehen die Fäden und „wir“ müssen jetzt diesen Hintermännern das Handwerk legen und die Zustände wieder – ja was jetzt? – auf ein genauso imaginäres „vernünftiges Maß“ herunterbringen.

Die Wirklichkeit wird von so kritischen Hinterfragern und Drüberstehern zu einer Schimäre erklärt, einem Potemkinschen Dorf, das zur Roßtäuscherei der breiten Masse eben hingestellt wird, während die Welt ihrer Einbildung – weil das ganze Verhältnis von Macht und Geld, so wie sie es besprechen, beruht einzig und allein auf ihrem unbegrenzten und gleichzeitig wasserdichten Idealismus – zur wahren Welt erklärt wird, die natürlich nur eine begrenzte Anzahl von Auserwählten überhaupt erkennen kann.
Von der Vorgangsweise ähnelt dieses Weltbild dem der Esoteriker und Astrologen: Glaub doch nicht, daß dir Chefs, Behörden und Hausherren das Leben schwermachen – nein, in Wirklichkeit sind es die Sterne, der Mond und irgendwelche Strahlungen!
Der wissenschaftliche Gehalt von dem, was erklärte Gegner des „Neoliberalismus“ verzapfen, gleicht dem von den Aussagen einer Zigeunerin mit einer Kristallkugel!

Neben dem trostlosen, aber sehr schnell anzueignenden Gehalt dieses Weltbildes – man braucht sich nicht sehr anstrengen, um die paar Sprücherln und Vokabeln auswendig zu lernen und dann am richtigen Ort wieder zu versprühen – bietet es auch einiges fürs Gemüt, also für das Selbstbewußtsein des modernen Staatsbürgers.

1. Man gehört einer elitären Minderheit an, die gelernt hat, kritisch zu hinterfragen und die Welt durchschaut hat. Dem Rest, den Deppen, die immer noch meinen, Politiker hätten Macht oder die Justiz sei effizient, die muß man halt aufklären, aber schon mit dem klammen Gefühl, daß die zu solchen tiefen Einsichten eh nicht fähig sind.
Der erste Bonus der modernen Verschwörungstheorie ist also ein sattes Elitebewußtsein.

2. Nicht zu unterschätzen sollte man auch die Dialektik von Macht und Ohnmacht, die sich hier auftut: Die Politiker, die Minister und Präsidenten, die sich in Brüssel, bei G 8 oder 20-Treffen über die weitere Vorgangsweise verständigen, wie mit dem Globus zu verfahren sei – diese in den Medien und für das gemeine Volk so scheinbar mächtigen Leute sind eigentlich Hampelmänner, Marionetten, die sich von irgendwelchen Großunternehmen und Bankiers an den Fäden ziehen und die Taschen füllen lassen. Und die einem in ihrer Hilflosigkeit gegenüber ihren Hintermännern schon fast leid tun können. Und die werten Kritiker, allen voran Attac, machen sich auf, diese Leute aus ihrer vermeintlich untergeordneten Stellung zu befreien, ihnen mit guten Ratschlägen zu Hilfe zu eilen und sie an ihren „eigentlichen“ vornehmen Auftrag zu erinnern, dem Volk zu dienen und die Armutspflege mit den Interessen ihrer Lieblingsbürger, der Unternehmer, zu vereinen. Die Gegner des „Neoliberalismus“ erklären sich also mit ihren Regulierungsvorstellungen und Appellen an die hohe Politik zu Möchtegern-Think Tanks der jeweiligen Politiker und vollziehen problemlos einen geistigen Schulterschluß mit den Herren der Erde.

3. Und schließlich, die immer beschworenen und angeblich so bedenklichen Kapitalinteressen, wie kommen die eigentlich weg? Auch sehr gut! Sie gehen nämlich voll in Ordnung, solange sie sich in irgendwelchen imäginären anständigen Grenzen bewegen, „Maß halten“, ihr „Profitstreben“ brav einschränken.
Nun ist aber einmal das Streben nach Gewinn ein solches, das sich gar nicht mäßigen kann, denn das einfache Prinzip des Kapitalismus – aus jeder investierten Geldsumme soll mehr werden – ein solches Prinzip kennt kein Maß, und konsequenterweise können die Anhänger der Mäßigung ja auch kein solches angeben. Um so entrüsteter wird dann immer auf „riesige“, „immense“, „Riesen-“ Gewinne hingewiesen.

Mit dieser frommen Beschwörung des fairen Handels und Profits sind die Neoliberalismus-Kritiker die Erben der sozialdemokratischen Lüge, daß es bei der richtigen Handhabung und Regulierung „unserer Wirtschaft“ keinen Gegensatz zwischen Kapital und Arbeit gäbe, sondern sich die beiden wunderbar ergänzen. Der Umstand, daß ein großer Teil der Menschheit dazu genötigt ist, sich bei anderen, den Kapitalbesitzern, zu verdingen und deren Reichtum zu vermehren, während er damit nur seine eigene Armut reproduziert – dieser Umstand ist für diese Gesellschaftskritiker wechselweise (es scheint vom Publikum abzuhängen) unvermeidlich, naturgegeben; die einzig mögliche Art, Wirtschaft zu betreiben, und wahrscheinlich gar noch gedeihlich für die davon Betroffenen, weil sonst würden sie womöglich auf der faulen Haut liegen und dadurch am Ende noch eine Sinnkrise kriegen.

Warum hat sich dieser Unfug, den Kapitalismus als „Neoliberalismus“ zu brandmarken und gleichzeitig in seiner schaumgebremsten Variante des Sozialstaates gleichsam zu umarmen, so flächendeckend durchgesetzt?

Ganz einfach.

Erstens ist man echt kritisch und kein Dödl! Man kennt sich aus auf der Welt!

Zweitens tut auch diese Kritik niemandem weh. Sie kennt ja gar keine realen Gegner, sondern nur imaginäre, und keine anrüchigen gesellschaftlichen Zwecke, sondern nur Übertreibungen und dergleichen. Es ist immer nur das Ausufern an und für sich ehrenwerter Absichten und Tätigkeiten, das periodisch ganze Landstriche ins Unglück stürzt.

Man sieht, wie billig „Kritik“ heute zu haben ist: Sie kürzt sich zusammen auf die Oma-Weisheit: Alles zuviel ist schlecht.

Und auch praktisch haben diese Weltverbesserer was zu bieten:
Falls sie was zun wollen gegen das Elend der Welt, unterschreiben sie bitte hier
und zahlen sie dort
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