NACH JAHREN DES ANDAUERNDEN KRIEGES MACHT SICH FRUSTRATION IN DER ISRAELISCHEN GESELLSCHAFT BREIT
Die Bevölkerung unterstützt weiterhin Netanjahus Militärkampagnen, trotz der mageren Erfolge der letzten 3 Jahre und der Auswirkungen auf ihr Leben“
Wie sich im Weiteren in diesem Artikel zeigt, hält sich die Frustration in Grenzen, die Unterstützung überwiegt.
„Wer auf dem israelischen Flughafen Ben Gurion nahe Tel Aviv landet, sieht einen ungewöhnlichen Anblick: Dutzende US-amerikanische Militärflugzeuge zum Tanken und Transportieren stehen gut sichtbar dort. Obwohl die Behörden offen über ihre Anwesenheit sprechen, hat der Flughafen ein Schild mit einem Fotografierverbot angebracht.
Israel ist seit fast 3 Jahren in Kriege verwickelt, erleidet aber im Vergleich zu dem von ihm verursachten Schaden relativ geringe Verluste.
Die Absurdität dieser Situation – die den wichtigsten zivilen Flughafen des Landes zu einem potenziellen Ziel iranischer Raketen macht – besteht neben der Tatsache, dass er weiterhin das wichtigste Tor für Urlauber ist.
Die Dissonanz lässt sich an einer Anekdote verdeutlichen: Der Geschäftsführer der israelischen Flughafenbehörde, Sharon Kedmi, warnte diese Woche, dass die Fluggesellschaften 2,4 Millionen der für die Hauptreisezeit ab September verkauften Tickets stornieren könnten, wenn amerikanische Flugzeuge weiterhin so viele Plätze an diesem und einem weiteren nationalen Flughafen (Ramon bei Eilat) zu belegen.
So sieht das tägliche Leben aus, als gäbe es kein anderes mehr. Die meisten Israelis haben sich damit abgefunden oder befürworten es mit nationalistischem Eifer, im Sinne ihrer Ideologie: Raketenangriffe auf ihr Territorium alle paar Monate und die Antwort darauf: Hunderttausende Reservisten, die jederzeit mobilisiert werden können.
Am Sonntag, dem 7. Juni, erwachte Israel beispielsweise wie an jedem anderen Tag. Noch in derselben Nacht setzte der Iran seine Drohung um und griff an, als Antwort darauf, daß Israel zuvor die Vororte Beiruts bombardiert hatte.
Das Land kehrte zum Alltag zurück, in dem die Menschen – begleitet vom Heulen der Luftschutzsirenen – Schutz suchen. Dieser Alltag wird immer wieder durchlebt, seit Premierminister Benjamin Netanjahu das Land nach dem blutigen Hamas-Anschlag im Oktober 2013 in einen Dauer-Krieg geführt hat und weiterhin führt.
Der Schulunterricht fiel zunächst für 2 Tage aus, dann – nachdem Donald Trump beiden Ländern einen Waffenstillstand befohlen hatte – wurde die Pause auf einen Tag reduziert, was bei den Eltern für große Verwirrung sorgte. Am nächsten Tag hob die Armee die Versammlungsbeschränkungen fast landesweit auf, und die Strände waren wieder überfüllt.
Seit 2023 gab es 4 bewaffnete Kampagnen mit dem Iran und einen fünfmonatigen Krieg mit libanesischen Milizen, ganz zu schweigen von der blutigen Invasion im Gazastreifen, den Raketen- und Drohnenangriffen der Huthi aus dem Jemen und der Besetzung von Teilen Syriens.
Für die meisten Israelis waren die letzten 3 Jahre geprägt vom kollektiven Trauma des Angriffs vom 7. Oktober 2023 (Nachrichten berichten weiterhin von Verlusten und Heldentaten an diesem Tag), von Instabilität und einer gewissen Enttäuschung und Verwirrung.
Israels Reaktion (es hatte seit 1982 nie so viel fremdes Territorium besetzt und nie so viele Länder gleichzeitig bombardiert wie im Jahr 2025) führte das Land vor den Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag wegen Völkermordvorwürfen im Gazastreifen und hat sein Ansehen auf einen Tiefpunkt gebracht, ohne dass sich die Bevölkerung im Gegenzug sicher oder optimistisch fühlt.
Im Gegenteil: Umfragen zeigen, dass nur noch wenige den Versprechungen eines »totalen Sieges« glauben, die Netanjahu ihnen weiterhin zu verkaufen versucht.
Obwohl die Armee den Großteil des Gazastreifens in eine Mondlandschaft verwandelt, über 73.000 Menschen getötet hat und die Enklave weiterhin täglich bombardiert,“
– das muß auch einmal gesagt werden –
„kontrolliert die Hamas immer noch fast 40% des Gebiets. Noch vor 2 Jahren und 3 Monaten sah der israelische Ministerpräsident den totalen Sieg dort »in greifbarer Nähe«.
Im Libanon feuert die Hisbollah weiterhin Raketen und Drohnen auf Nordisrael ab. Und der von den USA unterstützte Versuch, das iranische Regime zu stürzen, ist zu einem legendären Fiasko geworden.“
Nach allem, was man heute weiß, ist der Iran aus diesem Krieg gestärkt hervorgegangen, trotz der vielen gezielten Morde Israels gegen führende Persönlichkeiten.
„Laut einer Umfrage vom April sind 57% der Bevölkerung der Ansicht, dass ihr Land seit 2023 keinen einzigen der Kriege gewonnen hat.“
Das stimmt, trotz der enormen Schäden und Toten, die Israel verursacht hat, und des im Laufe dieser Kriegshandlungen besetzten Territoriums.
Rekapitulieren wir: Zusätzlich zu den Golanhöhen noch weitere Gebiete Syriens, Teile Gazas, nicht zu vergessen die Morde und nach wie vor täglich stattfindenden Vertreibungen im Westjordanland. Und die Verwüstung und Besetzung des Südlibanon, einschließlich der Stadt Tyrus.
„»Die Israelis haben das Gefühl, niemandem mehr vertrauen zu können. Nur ihrem eigenen Militär«, erklärt Mairav Zonszein, Israel-Analystin der International Crisis Group, in einem Telefoninterview. »Im Norden, an der Grenze zum Libanon, wollen sie unbedingt, dass die Armee weiter vorrückt und den gesamten Vormarsch durchführt. Sie glauben immer noch, dass die Hisbollah vollständig ausgeschaltet werden kann und keine Lösung nötig ist.«“
Die Leute verschließen offenbar die Augen vor dem Umstand, daß dies der Ausrottung eines guten Teils der libanesischen Bevölkerung gleichkäme. (Die Schiiten machen ca. 30% der Bevölkerung des Libanon aus und stehen ziemlich geschlossen hinter der Hisbollah.)
Oder halten sie das für legitim?
„Dies steht jedoch im Widerspruch zu Netanjahus weit verbreiteter Unbeliebtheit unter vielen Israelis, »obwohl er es ist, der diese Kriege führt«, fügt sie hinzu.
Gegen einen Waffenstillstand
Im April, einen Tag nach der Verkündung des Waffenstillstands zwischen den USA und dem Iran, führten das Agam-Institut und die Hebräische Universität Jerusalem eine weitere Umfrage durch.
Das Ergebnis: Nur 10% hielten die am 28. Februar begonnene Offensive im Iran für einen nennenswerten Erfolg; 64% bedauerten den Waffenstillstand, und 40% sprachen sich für die Fortsetzung der Offensive im Alleingang aus.“
So sieht ein „kriegstüchtiges“ Volk aus – notfalls Krieg ohne Ende, bis zum Endsieg oder Untergang. So etwas hätten die deutschen Eliten gerne im eigenen Land …
„Die 3 vorherrschenden Gefühle in Bezug auf den Waffenstillstand waren Verzweiflung (36,8%), Verwirrung (18,1%) und Wut (15,6%).
In Gesprächen mit Israelis herrscht die Ansicht vor, dass sie den Preis des Tragens der Uniform, missbilligende Blicke im Ausland bei Erwähnung ihrer Nationalität und Kaufkraftverluste in Kauf nehmen, weil sie glauben, dies werde eine Lösung bringen – auch wenn diese nie eintritt.
Angesichts der harten Realität befürworten sie oft weitere Kriege (häufig verbunden mit der Normalisierung genozidaler Rhetorik und der Unterstützung ethnischer Säuberungen) in der Überzeugung, dass es diesmal etwas bewirken wird.
Yagil Levy, Professor für Politikwissenschaft an der Open University of Israel mit Schwerpunkt Militärsoziologie und Militarismus in seinem Land, verwendet den von dem Historiker Dirk Moses geprägten Begriff der »permanenten Sicherheit«, um das Phänomen zu erklären, das seit dem Hamas-Angriff entstanden ist. Das Konzept beschreibt das Bestreben eines Staates absoluter Sicherheit, der auch »zukünftige Bedrohungen« beseitigt und daher »einem Zustand der Paranoia unterliegt, der sich selbst erfüllende Bedrohungen erzeugt« und der »die Zerstörung, Vertreibung oder Kontrolle einer Bevölkerung impliziert, die als Bedrohung für die Sicherheit des Staates wahrgenommen wird«.“
Einfach rundherum alles plattmachen, dann kann man sich in Sicherheit fühlen.
„Bis Oktober 2023, so Levy, wandte Israel eine eher »weiche« Version dieses Konzepts an, hat seither aber aufgrund seiner »überwältigenden militärischen Überlegenheit und der Erwartung internationaler Toleranz für sein aggressives Verhalten« eine »harte« Version übernommen.
Seit der 2. Intifada vor 2 Jahrzehnten hat die israelische Führung die Kosten des Konflikts für die Bevölkerung, insbesondere für die säkulare Mittelschicht – »die einzige einflussreiche gesellschaftliche Gruppe mit dem Potenzial, nennenswerten Widerstand gegen den Krieg zu leisten« – reduziert. Dies, kombiniert mit Technologien zur Vermeidung militärischer Opfer und dem System von Schutzräumen für Zivilisten, hat es Israel ermöglicht, »Gewalt anzuwenden, ohne symmetrische Verluste befürchten zu müssen«.“
Man hat ja auch „weiche“, d.h. unbewaffnete und wehrlose Ziele vor sich.
Einschub:
„Die Anzahl der Todesopfer unter der palästinensischen Bevölkerung der besetzten Gebiete und dem Gazastreifen beläuft sich im Zeitraum von 2008 bis 2025 auf 7.411, die Anzahl der Verletzten liegt bei 164.723 Menschen. Während der Großteil der Todesopfer aus dem Gazastreifen kommen, ist mehr als die Hälfte der Verletzungsfälle im Westjordanland passiert.
Die Opferzahlen im Gazastreifen seit dem 7. Oktober 2023 sind in diesen Zahlen noch nicht enthalten, da sie aufgrund des aktuellen Kriegsgeschehens nicht unabhängig verifiziert werden können.“ (Statista.de)
Tote zwischen dem 7. Oktober 2023 und dem 31. Dezember 2024: 78.318. (Max Planck-Institut)
„Nach Berechnungen eines Forscherteams am Max-Planck-Institut für demografische Forschung in Rostock sind offenbar mindestens 100.000 Menschen in dem mehr als zwei Jahre währenden Krieg gestorben oder getötet worden.“ (Zeit, 24.11.2025)
„Und dies beeinflusst die Unterstützung für und die Wahrnehmung dessen, was ein Krieg mit sich bringt, obwohl allein die Militärausgaben das Land täglich eine Milliarde Schekel (etwa 300 Millionen Euro) kosten, ohne die Kosten für die Zivilbevölkerung oder die Auswirkungen auf das BIP zu berücksichtigen.
Reservisten
Dieses Jahr hat die Regierung die maximale Anzahl mobilisierbarer Reservisten von 280.000 auf 400.000 erhöht (in einem Land mit 10 Millionen Einwohnern). Diese Zahl ist jedoch nur theoretisch, da die aktuelle Zahl der mobilisierten Reservisten nur etwas über 100.000 liegt.
Es handelt sich um Männer, fast ausschließlich Juden, im Alter zwischen 21 und 49 Jahren.“
Christliche oder muslimische Araber dienen sowieso nicht im israelischen Heer.
Die Frage ist daher, was mit der Bezeichnung „fast ausschließlich Juden“ gemeint ist? Handelt es sich um bekennende religiöse oder ist das Judentum als eine Art Freiwilligkeit zu betrachten, in dem Sinne, daß es unter den Mobilisierten eine besonders motivierte Schicht gibt?
So scheint es zu sein:
„Im Radio, Fernsehen und in Bussen werben Unternehmen um spezielle Angebote für sie, beispielsweise eine Bank, die ihnen zinsgünstige Hypotheken gewährt, damit »diejenigen, die so lange von zu Hause weg waren«, nun ein Haus kaufen können.“
Der Einsatz in diesem Vernichtungskrieg bringt also gesellschaftliche Vergünstigungen und Aufstiegschancen mit sich, mit praktisch Null Risiko für Leib und Leben.
„Die Reserve war unmittelbar nach dem Israel-Krieg (1948–1949) verpflichtend, ist heute aber größtenteils freiwillig. Die israelische Armee veröffentlichte diese Woche neue Daten: 37% der Reservisten haben Kinder und leisteten 2024 durchschnittlich 94 Tage und 2025 78 Tage Wehrdienst.
In den letzten 3 Jahren ist die Zahl der Mobilisierten zurückgegangen: teils aufgrund von Widerstand, teils aufgrund von Erschöpfung und häufig aufgrund der Belastung durch die lange Abwesenheit von Familie, Beziehungen oder Beruf. Anstelle einer offenen Ablehnung gibt es das, was Israelis »graue Verweigerung« nennen: eine unausgesprochene Form der Verweigerung, bei der körperliche oder psychische Probleme angeführt oder bestimmte Einsätze vermieden werden.
Die genaue Zahl dieser Personen ist unbekannt. Religiöse Nationalisten (die Speerspitze der Siedlungsbewegung im Westjordanland) sind in Kampfeinheiten überrepräsentiert, da sie sich als Soldaten in einem Religionskrieg verstehen.
Moshe gehört keiner der beiden Gruppen an, hat aber seit 2023 Hunderte von Tagen als Reservist geleistet und engagiert sich weiterhin ehrenamtlich. Er bittet darum, einen falschen Namen verwenden und sein Alter (er ist in seinen Fünfzigern) nicht nennen zu dürfen, damit er unerkannt sprechen kann.
Er unterscheidet 2 Phasen. Nach dem Hamas-Angriff 2023 befand sich die gesamte Nation im Überlebensmodus, und viele meldeten sich freiwillig zur Reserve. »Es war 100%ige Solidarität, 100%ige Motivation«, erinnert er sich. Damals landeten Flugzeuge voller Israelis, die im Ausland lebten oder Urlaub machten, in Tel Aviv, um ihre Uniformen anzulegen. »Aber niemand hatte mit einem so langen Zeitraum gerechnet oder ihn eingeplant. […] Ein Monat ist in Ordnung, 2 sind machbar, 3 … werden zu einer echten Belastung für Familie, Beruf und Privatleben. […] Man kann von einem Zivilisten nicht verlangen, Hunderte von Tagen Dienst zu leisten. Das ist unsinnig«, erklärt er.“
Hier ist ein leiser Widerspruch zwischen „Überlebensmodus“ und der Vorstellung, nach einem Monat sei wieder alles in Ordnung, zu konstatieren …
„Moshe vergleicht beispielsweise die letzten beiden Kriege mit dem Erzfeind Iran. Im Konflikt im Juni 2025 stellten die Reservisten gerne ihre Zeit und Unterstützung zur Verfügung. Er dauerte nur 12 Tage. »Aber dieses Mal, mit Trump, weiß niemand, wie lange es dauern wird. Manche leisten bereits seit 3 oder 4 Monaten Dienst, einige sogar zum 6. oder 7. Mal.« Er sagt, er engagiere sich weiterhin freiwillig, weil er daran glaube, »unabhängig davon, ob ich mit den Entscheidungen der Regierung einverstanden bin oder nicht … Ich will gar nicht daran denken, Politik und Militär zu verbinden, denn das wäre unser Untergang als Gesellschaft«, resümiert er. »Es ist Teil meiner DNA.«“
Blind der Nation dienen, ohne Ansehung der politischen Entscheidungen – mit solchen Bürgern kann man gut Krieg führen, und notfalls ohne Ende.
Der Sieger steht angesichts der fraglosen Überlegenheit immer schon fest.