Eine weitere Zusammenstellung der Auswirkungen des Iran-Kriegs

DIE KOSTEN DER GLOBALISIERUNG – TEIL 2: AFRIKA UND DIE MOBILITÄT

1. Afrika

Im ölproduzierenden Algerien scheint die Welt trotz steigender Energiepreise in Ordnung zu sein: Die Exporterlöse steigen und damit kann sich Algerien problemlos leisten, Lebensmittel und Treibstoff zu subventionieren – was es auch bisher schon getan hat. Das sind die Überbleibsel des Sozialismus, und dank des Öls konnte das auch kein IWF beseitigen und keine Schuldenlast gefährden. Sogar für das benachbarte Tunesien fällt laut einem marokkanischen Ökonomen etwas ab, um dort gröbere Störungen zu verhindern.
Algerien steht so gefestigt da, daß es auch nicht vor hat, den Ölsektor auszubauen, weil es mit der derzeitigen Förderung gut fährt.

Weniger rosig steht Marokko da, wo es keine fossilen Energieträger gibt und das noch dazu mit Algerien wegen der Westsahara verfeindet ist. 2022 verdreifachte sich die Inflation, davor fürchtet man sich jetzt. Der Staat subventioniert den Transportsektor, aber wie lange ist noch Geld in der Kasse?
Außerdem machen einen wichtigen Faktor die Auslandsüberweisungen der Arbeitsmigranten und die Einnahmen aus dem Tourismussektor aus und beides wird sich dadurch verringern, daß die Krise auch an der europäischen Wirtschaft nicht spurlos vorübergehen wird. Der Tourismus ist zudem durch die steigenden Kerosinpreise betroffen.
Seit Jahren baut Marokko den Hafen von Nador (neben Melilla) aus, um sich dann als eine Art Speicher und Verbindungsglied zwischen seinen Freunden am Golf und Europa zu positionieren – eine Berechnung, die jetzt gefährdet ist. Das Öl müßte nämlich erst einmal durch 2 Meerengen, den Suezkanal und das Mittelmeer kommen, bevor es seiner weiteren Bestimmung harren darf.

Apropos Suezkanal: Die Haupt Einnahme-Quelle Ägyptens ist der Suezkanal. Kommen jetzt Tanker nicht aus dem persischen Golf heraus und dann nicht durch das Rote Meer, so ist der Devisenhaushalt und die Wirtschaft Ägyptens gefährdet.
Außerdem erhält Ägypten auf diesem Weg sein Öl und dieses wiederum ist die Grundlage der Stromerzeugung, sodaß jetzt dort Strom rationiert wird und die Geschäfte abends finster bleiben.

Im Afrika südlich der Sahara ist die Lage schon allein deshalb ernst, weil aller Warenverkehr über LKWs erfolgt und die steigenden Spritpreise alles sofort verteuern. Nur wenige Staaten können sich Treibstoff-Subventionen leisten.

Besonders absurd präsentiert sich die Lage in Nigeria, das an sich Ölproduzent und -Exporteur ist. Aber erstens sowieso kein besonders wichtiger – gerade 1,6% der weltweiten Förderung im Jahr 2022, Tendenz leicht steigend.
Zweitens aber, und das ist wirklich bemerkenswert, besitzt es inzwischen die größte und modernste Raffinerie Afrikas, die ist jedoch völlig unterausgelastet, sodaß ihre Produkte nicht einmal den Inlandsbedarf decken.
Wie das?
Nigeria ist nämlich aus verschiedenen Gründen hoch verschuldet und verwendet seine Öl-Exporte, um die Schuld zu bedienen. Es muß also einen guten Teil seines Rohöls exportieren. Die staatliche Ölförder-Firma kann die Raffinierie daher gar nicht in nötigem Ausmaß versorgen, damit diese den Inlandsmarkt sättigen könnte. Nigeria exportiert daher Rohöl und importiert sowohl – jawohl!, Rohöl, sowie Diesel und Benzin, wodurch die Preissteigerungen unmittelbar und verstärkt im Land ankommen.
Das Land hat keine Reserven und offenbar auch kein Geld zum Subventionieren. Dergleichen ist jedenfalls nicht vorgesehen.

In Angola gibt es zwar Öl, aber zu wenig Raffinerien, weshalb Treibstoff importiert wird.
Als im Vorjahr die Treibstoff-Subventionen auf Druck des IWF aufgehoben wurden – Angola ist ebenfalls hochverschuldet –, kam es gleich zu Unruhen.
Da es weder allzu viel öffentlichen Verkehr und erst recht keinen Individual-Verkehr gibt, ist im Personenverkehr das Taxi die einzige Option, und die Taxler – mitsamt einem guten Teil ihrer Kundschaft – waren die Initiatoren der Proteste.
Der steigende Ölpreis bringt zwar kurzfristig Einnahmen, wird aber wenig helfen, da 1. die Produktion veraltet ist und wenig ausgebaut wurde, und 2. Angola nach wie vor sehr am Öl hängt und daher kurzfristige Gewinne nirgendwohin investieren könnte.

Südafrika schließlich hat die Preise für Treibstoff stark hinaufgesetzt, den Treibstoff rationiert und die Mineralölsteuer gesenkt.
Zu den Preissteigerungen trägt neben dem erhöhten Ölpreis auch der Kursverlust der nationalen Währung, des Rand, bei.

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2. Der Flugverkehr und das Transportwesen

Der Flugverkehr hat nach der Pandemie wieder an Fahrt aufgenommen und zwar sowohl beim Passagier- als auch beim Frachtaufkommen. Das könnte bald wieder vorbei sein.
Erstens senken steigende Kerosin- und in Folge Ticketpreise die Urlaubsgelüste und lassen einige Leute günstigere, auf dem Landweg erreichbare Ziele ins Auge fassen.

Dann haben ein paar Golfstaaten im Verlauf des letzten Jahrzehnts ihre Flughäfen zu großen Drehkreuzen ausgebaut, die jetzt sehr plötzlich ausgefallen sind. In diesem Zusammenhang fällt der gesperrte Luftraum über Rußland sehr unangenehm auf. Von Europa nach Asien gelangt man inzwischen nur über einen recht schmalen Flugkorridor durch den Transkaukasus, der zwar Georgien und Aserbaidschan erhöhte Überflug-Einnahmen beschert, aber im Grunde eine Art Nadelöhr darstellt.

Die Behinderung der Luftfracht durch diese Einschränkungen wiegt bei heiklen Produkten wie Medikamenten weitaus schwerer, da Kühlung und Transportgeschwindigkeit auf einmal gefährdet bzw. verunmöglicht sind. Auch das Umsteigen von Landfracht auf Luftfracht bei Behinderungen am Boden fällt fast völlig weg.

Der ganze Frachtverkehr am Boden ist durch die steigenden Treibstoffpreise oder oft den gar nicht vorhandenen Treibstoff an den leeren Tankstellen in Frage gestellt. Waren können nicht geliefert werden, verderben gegebenenfalls, der Adressat kann nicht weiter produzieren oder muß sein Geschäft oder seine Gaststätte zusperren.

Die Neue Seidenstraße gerät ins Stocken, weil der Diesel entweder zu teuer ist oder bei den Verbindungspunkten gar nicht da ist. Damit entsteht ein regelrechter Warenstau beim Produzenten China. In Europa jammert man besorgt über gefährdete bzw. gestörte Lieferketten.

Manche Golfstaaten-Airlines haben ihre Flugzeuge an sichere Orte verbracht, weil sie in absehbarer Zeit gar nicht mit Wiederaufnahme des regulären Flugverkehrs rechnen.

Angesichts der Größe des Problems kann man mit einer Menge Konkurse bei Fluglinien und im Transportwesen gerechnet werden, vor allem, wenn der Krieg noch länger andauert und auch nach seiner Beendigung die Reparatur der Schäden an Föderanlagen, Raffinerien und Verladeeinrichtungen länger dauert, d.h., die Ölpreise hoch bleiben.

Manche Fluglinien rechnen sich auf lange Sicht Konkurrenzvorteile aus, weil die Fluglinien der Golfstaaten ins Hintertreffen geraten sind, aber das erscheint angesichts der Größe des Problems eher Wunschdenken zu sein.

Fortsetzung folgt: Währungen, der Kapitalmarkt und die Börsen

Eine Zusammenstellung der Auswirkungen des Iran-Kriegs weltweit

DIE KOSTEN DER GLOBALISIERUNG – TEIL 1: ASIEN

Man hat sich daran gewöhnt, Birnen aus Argentinien, Mangos und Fische, Edelhölzer, Kleidung und vieles andere mehr aus der ganzen Welt zu beziehen. Dazu kommen, mehr im Hintergrund für den Verbraucher, Rohstoffe und Chemikalien.

Jetzt werden wir daran erinnert, was für diesen sehr verschwenderischen Zirkus vor allem notwendig ist: Energie.

Eine wichtige Energiequelle ist plötzlich verstopft und das ganze Uhrwerk läiuft sehr unrund.

In Indien können viele ärmere Menschen nicht mehr kochen oder warm essen, weil dafür Gasflaschen notwendig sind. Das bevölkerungsreichste Land der Welt steht ohne Kochmöglichkeit da, was auch deswegen tragisch ist, da das Kochen ja auch desinfiziert. Der Zwang zu Rohkost könnte also im Ausbruch von Krankheiten münden.
Kantinen müssen schließen, was Existenzen gefährdet. Dabei war das zentrale Herstellen von Mahlzeiten sogar noch energiesparender als das jetzt vermehrt notwendige individuelle Kochen – mit was auch immer.
Düngemittelfabriken mußten ihren Betrieb einstellen, was trübe Aussichten für die Landwirtschaft bedeutet, wo jetzt Aussat ist. Es nutzt also nichts, wenn Indien oder andere Staaten eigene Fabriken haben – ohne Energie sind die nichts wert.
Die industrielle Produktion wurde gedrosselt und viele Leute verlassen die Städte, um in ihre Heimatdörfer zurückzukehren.

In Thailand haben die LKW-Fahrer und die Fischer keinen Treibstoff. Die Regierung hat bereits bei Rußland um Öllieferungen angeklopft, was für ein Land mit solcher Westorientierung beachtlich ist. Die Fischindustrie ist exportorientiert, ansonsten ist der Tourismus gefährdet, falls die Energieversorgung stockt. Das Land, das bisher 68% seines Gas- und 90% seines Ölbedarfs aus den Golfstaaten gedeckt hat, hat angeblich noch Reserven für 2 Monate. Einige Kohlekraftwerke wurden wieder in Betrieb genommen.
In Büros soll man sich leichter bekleiden, die Klimaanlagen zurückfahren und Stiegen statt Aufzügen benutzen.
Thailand exportiert auch Reis in den Nahen Osten, der jetzt liegenbleibt. Sein Wirtschaftswachstum könnte sich halbieren.
Nach viel BitteBitte soll der Iran Tankern mit Ziel Thailand das Passieren der Straße von Hormuz erlaubt haben. (Auch nur ein Tropfen auf den heißen Stein, weil das betrifft ja nur Tanker, die dort vor Anker liegen. Hineinfahren wird keiner mehr.)

Auf den Philippinen, wo über 90% des Öls aus dem Persischen Golf stammt, wurde vorige Woche der Notstand ausgerufen. Auch hier soll Öl aus Rußland gekauft werden und es wurde eine 4-Tage-Arbeitswoche für Beamte eingeführt. Viele Fährverbindungen wurden gestrichen, Taxifahrer erhalten Subventionen.

In Südkorea ist zwar mehr Geld da, aber auch ein größerer Energieverbrauch. Es will die Atomkraft ausbauen, hat aber kein Uran. Urankäufe müssen nach dem »123-Abkommen« durch die USA genehmigt werden.
Das meiste Uran kam bisher aus Rußland. Uran aus Australien, Kanada oder Mittelasien ist teurer und aufgrund der längeren Transportwege unsicherer.
Außerdem steht Südkorea militärisch ziemlich nackt da, weil die USA alle ihre Abwehrbatterien von ihren Basen abgezogen und nach Nahost transferiert haben, vermutlich alle nach Israel.

Auch in Japan, das über 90% seines Öls aus dem Persischen Golf bezieht, ist die Sache haarig. Die Regierung hat 80 Millionen Faß aus Reserven freigegeben, was 45 Tage reichen sollte. (Seit Fukushima ist die Atomkraft für die Energieerzeugung zurückgegangen.) Außerdem werden Preissteigerungen durch Subventionen abgefedert, so gut es geht. Die Inflation zieht weiter an, die Wettbewerbsfähigkeit sinkt, die Börse in Tokio hat 12% verloren und der Yen schwächelt.
Dazu kommt noch die große Klappe der Regierungschefin gegen China und ihre unverbrüchliche Allianz mit Trump, was aber auch nicht gereicht hat, um Soldaten und Schiffe an den Persischen Golf zu schicken, das kann sie in Japan nicht durchsetzen.
Sie streckt jetzt außenpolitisch die Arme Richtung Philippinen und Australien aus.

Ziemlich schlecht steht Sri Lanka da, das ja vor einigen Jahren (2022) pleite war und daher auf dem Weltmarkt sowieso sehr sehr schlecht agieren kann, da es nirgends Kredit hat. Schulen und Unis haben mittwochs frei, Beamte eine 4-Tage-Woche. (Wie weit das mit Home Office ergänzt wird, ist unklar.) Benzin wird rationiert. Allerdings hat sich angeblich die Ölgesellschaft Versorgung bis Ende April gesichert, nachher –?

In muslimischen Staaten wie Pakistan und Bangla Desh fällt die Energiekrise mit dem Ende des Ramadan zusammen, was in einem großen Fest – Eid Al-Fitr – und großen Gelagen und Umzügen begangen wird. Beide Regierungen tun alles, um dieses wichtige Fest gut über die Bühne zu bringen, wegen Sorgen vor Unruhen.
Nachher die Sintflut … ?
Pakistan hat die 4-Tage-Woche in Behörden und Schulen eingeführt und betätigt sich als Vermittler zwischen 2 Kriegsparteien, die beide keinen Schritt zurück tun wollen.
Bangla Desh hat sich an Indien und China gewendet, um von dort Öl zu kriegen.

Vietnam zapft Geldreserven an, um Diesel zu subventionieren und hat sich angeblich an Japan und Südkorea gewendet, um „Zugang zu Rohöl zu erhalten“.
Wie nur?
Die stecken doch auch in der Klemme.

China schließlich hat seine Reserven, die für mehr als 100 Tage reichen sollen, an seine Bevölkerung freigegeben und gleichzeitg einen Exportstop erlassen, damit nicht findige Kaufleute daraus ein Geschäft machen. Vor allem die Ölindustrie selbst und die petrochemische Industrie sollen über Wasser gehalten werden.

In einer ganz anderen Situation ist der Transkaukasus. Aserbaidschan mit seinem Öl ist einer der Gewinner der Situation. Das Land versorgt sogar über die Türkei Israel mit Öl und bezieht von dort Rüstungsgüter.
Es ist auch bereit, seine Lieferungen an verschiedene (v.a. europäische) Kunden zu erhöhen.
Aserbaidschan will nicht, daß der Iran plattgemacht wird, das würde nur Probleme bringen: Flüchtlinge, Elend, Aufruhr.
Aber ein etwas geschwächter Iran würde nicht stören … Und solange der Iran zu den Bösen gehört, kann sich Aserbaidschan als Hort des Guten profilieren.

Ein weiteres Moment ist, daß aufgrund des gesperrten russischen Luftraums und des Kriegs im Iran ein großer Teil des Flugverkehrs nach Asien jetzt über einen relativ engen Korridor durch Georgien und Aserbaidschan verläuft, was die geopolitische Position beider Staaten aufwertet und vermutlich auch Einnahmen bringt.

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All das betrifft die Treibstoff- und Energieknappheit und die daraus entstehenden Probleme.

Hinzu kommt jedoch, daß die arabischen Golfstaaten hauptsächlich von arbeitenden Menschen aus anderen Staaten bevölkert sind, während das dortige Herrenvolk sich auf den Konsum verlegt hat.
Die Rücküberweisungen dieser Arbeitsmigranten machen einen bedeutenden Teil der BIPs dieser Staaten aus. Je kleiner, d.h. geringer bevölkert der Staat, desto größer der Anteil der Überweisungen für das BIP.
Nepal, Jordanien, der Libanon, Pakistan, Ägypten, Sri Lanka, Bangla Desh, die Philippinen und der Sudan werden in dieser Reihenfolge einer Graphik der Weltbank angeführt, die erahnen läßt, was dort los wäre, würden diese Überweisungen ausbleiben.

Fortsetzung folgt: Afrika, der Flugverkehr usw.