DAS ENDE ODER EIN NEUER ANFANG DER GLOBALISIERUNG? DER KREDIT, DIE KAPITALMÄRKTE UND DAS WELTWÄHRUNGSSYSTEM
Die Börsen
Die Börsen der Welt sind in unterschiedlichem Ausmaß, aber doch, seit Beginn des Krieges im Nahost gesunken. (Das Wort „Irankrieg“ ist inzwischen schon unpassend angesichts der Menge der beteiligten Staaten.) In den letzten Tagen haben sie sich wieder etwas erholt, nach den Worten des Großen Führers, der Krieg sei bald vorbei – obwohl nichts dergleichen absehbar ist und 50.000 US-Soldaten in der Region versammelt sind.
Man merkt daran, wie sehr die Börsen sich nur auf Spekulation gründen und praktisch keinerlei Verankerung mehr in dem haben, was tatsächlich produziert und verkauft wird, weil das Panorama, was in den vorigen beiden Beiträgen gezeichnet wurde, läßt zumindest auf einen großen Verlust an Geschäft, Wachstum und Kaufkraft in naher Zukunft schließen.
Die Börsen-Akteure hoffen aber, zu den wenigen Gewinnern zu gehören, die angesichts der ganzen Zerstörung dennoch Kasse machen können.
Wechselkurse
Ein anderes Panorama bieten die Währungen, also diejenigen nationalen Gelder, die entweder außerhalb der Grenzen des Landes auch zirkulieren und nachgefragt werden, oder aber „konvertibel“ sind, d.h., durch Investoren jederzeit betreten oder verlassen werden können, worüber die nationale Bankaufsicht wacht und was der IWF garantiert.
Andere Staaten, die auf dieses Service keinen Wert legen, weil sie das Geld als Hoheits- und Steuerungsmittel betrachten, wie Rußland oder China, aber auch Myanmar, Laos oder Nordkorea, sind von diesen Bewegungen der Wechselkurse daher nicht betroffen, auch wenn sie formell sogar einen Wechselkurs notieren.
Der Dollar ist seit Beginn der Kriegshandlungen, genaugenommen schon seit ihrer Ankündigung Ende Jänner, gegenüber Pfund, Euro, Yen und Schweizer Franken gestiegen. Das heißt, daß das Finanzkapital der Welt annimmt, daß die unter diesen Währungen versammelten Wirtschafts-Einheiten von diesem Krieg geschädigt werden und nichts gewinnen können.
Gesunken gegenüber dem Dollar sind auch die indische Rupie, der thailändische Baht und der koreanische Won. Allerdings ist bei Korea und Indien diese Bewegung mit Aufs und Abs kontinuierlich – sie verlieren stetig an Wert gegenüber dem Dollar, obwohl sich diese Bewegung in diesem Jahr verschärft hat.
Thailands Währung, der Baht, konnte hingegen in den letzten Jahren gegenüber dem Greenback punkten und ist jetzt erst wieder ein einen Abwärtstrend verfallen.
Der brasilianische Real erweist sich als relativ resistent und hat mit starken Schwankungen seinen Wert behauptet – d.h., seine Ökonomie ist von dem ganzen Trubel in Nahost praktisch nicht betroffen. Ähnlich geht es einem zweiten großen Erdölproduzenten Lateinamerikas, Mexiko.
Der Krieg im Nahost ist also eine Art Krieg um Asien: Wem gehört dieser Kontinent?
Petrodollars
Die Stärke des Dollars beruht zu einem guten Teil auf seiner Kontrolle weltweiter Öl-Ströme. Das Öl wird größtenteils in Dollar abgerechnet, zumindest als Reverenzwährung ist es bei den meisten Erdöl-Deals zugegen.
Außerdem jedoch wird viel aus den Einnahmen, die aus Erdölverkäufen in die Taschen der sattsam bekannten Ölscheichs fließen, in die Wirtschaft der USA investiert. In den letzten Jahren oder Jahrzehnten auch vermehrt in Europa. Die Petrodollars wirken also als Schmiermittel des internationalen Finanzsystems. Banken und Investmentfonds werden mit diesem Geld unterfüttert.
Und hier könnte es im Gebälk krachen, wenn sich herausstellt, wie groß die Schäden sind, die das Tsching-Bumm-Krach am Persischen Golf angerichtet hat.
Derzeit brechen die Einnahmen der arabischen Golfstaaten durch den eingeschränkten Verkauf von Erdöl und Gas sowie den zum Erliegen gekommenen Flugverkehr und Tourismus ein. Aber erst nach einem Ende der Kampfhandlungen wird absehbar, welche Schäden an Förderanlagen, Raffinerien und anderen Industrien entstanden sind, wie lange die Reparaturen dauern und wieviel sie kosten werden.
Und dieses Geld steht den internationalen Kapitalmärkten dann nicht zur Verfügung.
Das Erstarken des Dollars gegenüber den asiatischen Währungen und die Schwächung der Golfstaaten kann zweierlei Folgen haben – eine weitere Festigung des Dollars als Fluchtburg des internationalen Geschäfts oder ein Rückzug aus dem Dollar im Sinne Chinas und Rußlands.
„NetEase: Der Iran-Krieg legte die fatalen Schwächen der US-Armee offen
Der Krieg gegen den Iran offenbarte die Abhängigkeit der USA von externen Lieferungen und ihre Unfähigkeit, einen langwierigen Abnutzungskrieg zu führen.
Laut NetEase legte der Krieg zwischen den USA und dem Iran gravierende strukturelle Probleme im US-Militär offen. Trotz anfänglicher US-Behauptungen eines »schnellen Sieges« zog sich die Operation in die Länge.
Der Krieg legte logistische Schwachstellen, Munitionsknappheit und begrenzte Produktionskapazitäten offen. Innerhalb kurzer Zeit verbrauchten die USA Hunderte von Raketen und überstiegen damit deren Nachschubrate deutlich.
Gleichzeitig wurde die Luftverteidigung durch Angriffe billiger Drohnen überfordert, was ihre Effektivität infrage stellte. Der Iran hingegen verfügt weiterhin über einen erheblichen Teil seines militärischen Potenzials.
Die Personalsituation hat sich nicht weniger alarmierend verschärft. Es wurden Fälle von Massenrücktritten und Kampfverweigerungen, auch von Offizieren, verzeichnet.
Dies deutet auf eine Krise der Moral hin.
Experten weisen zudem darauf hin, dass der Konflikt die Abhängigkeit der USA von externen Lieferungen und ihre Unfähigkeit, einen langwierigen Abnutzungskrieg zu führen, offengelegt hat. Sie befürchten, dass dies das globale Machtgleichgewicht beeinflussen könnte.
Außerdem haben die USA im Krieg mit dem Iran ein ganzes Luftwaffenregiment verloren. Berichten zufolge zerstörte Teheran US-Militärflugzeuge im Wert von 2 Milliarden US-Dollar.“
(KP, 22.4.)
„Die Erdölmonarchien senden angesichts der Wirtschaftskrise einen Hilferuf an Trump“
Da wird der Brandstifter zur Feuerwehr ernannt …
„Die Golfregion steuert aufgrund des Einbruchs der Energieexporte und des Tourismus auf eine Rezession zu – eine Situation, die nur mit der Pandemie vergleichbar ist. … Ein halbes Dutzend Länder am Persischen Golf, die die Angriffe am eigenen Leib erfahren haben – die VAE, Irak, Bahrain, Katar, Kuwait und Saudi-Arabien – sehen sich durch die doppelte Schließung der Straße von Hormuz mit erheblichen Einschränkungen ihrer Öl- und Gasexporte konfrontiert. …
Die Trump-Regierung bestätigte am Mittwoch durch Scott Bessent, dass mehrere Golfstaaten – darunter die VAE, wie das Wall Street Journal berichtete – bereits das Weiße Haus kontaktiert haben, um einen Währungsswap zu beantragen und sich so kurzfristig Dollar zu beschaffen. Obwohl die VAE selbst die Bezeichnung »Rettungspaket« ablehnen, deutet dieser erste Schritt auf eine beispiellose Devisenkrise hin, die durch die Krise, die der republikanische Präsident selbst verursacht hat, noch verschärft wurde.“
Mit einem Wort, nach 3 Monaten Exportstop sind diese Staaten pleite. Und das bei einer Ware, die weltweit nachgefragt wird.
„Es handelt sich um einen Hilferuf, was für Nationen mit riesigen Reserven, beträchtlichen Staatsfonds und milliardenschweren Auslandsinvestitionen äußerst ungewöhnlich ist. Viele dieser Investitionen wurden eben in den USA gemacht, und Trump selbst wurde mit Geschenken überhäuft – die luxuriöse Boeing 747, die ihm die katarische Königsfamilie überreichte, wird für immer in die Annalen des Grauens eingehen – und auf viele diese Beteiligungen wurden milliardenschwere Ausschüttungen versprochen, deren Auszahlung nun auf der Kippe steht. …
Washingtons Prüfung des Antrags liegt auch im eigenen Interesse. »Die Anlageportfolios der Staatsfonds der Golfstaaten sind stark auf Dollar-denominierte Vermögenswerte ausgerichtet, und der Einsatz dieser Vermögenswerte zur Deckung kurzfristiger Finanzbedürfnisse birgt das Risiko, die US-Finanzmärkte zu destabilisieren«, erklärt Paul Donovan, Chefökonom der Schweizer Investmentbank UBS, in einer Mitteilung an seine Kunden. »Swap-Vereinbarungen ermöglichen es den Golfstaaten, Liquidität zu beschaffen, ohne Marktturbulenzen auszulösen. Längerfristig deutet der Bedarf an Wiederaufbau und Aufrüstung jedoch darauf hin, dass sie den Verkauf von Vermögenswerten in Erwägung ziehen werden.« Sie werden ihre Scheckbücher öffnen, ja, aber nicht jetzt.“
Woher die Sicherheit?
Man weiß ja nicht, wie lange die Sperre von Hormuz noch andauert.
„Seit Kriegsbeginn hat Pimco, der weltweit größte Rentenfonds, laut von Bloomberg zusammengestellten Daten bereits mehr als 10 Milliarden US-Dollar (8,54 Milliarden Euro) an Länder der Region verliehen. …“
Für den oder die Rentenfonds erscheint das als sicheres Geschäft, weil – vermutlich hochverzinste – Kredite an zahlungskräftige Kunden verliehen werden.
Die frage ist nur, zu welchen Fristen? Man kann natürlich immer verlängern, aber die Frage stellt sich dennoch, ab wann die Fonds sich Sorgen machen müssen …
„Der Golf ist jedoch alles andere als ein homogener Block. Obwohl der Irak – als einzige Republik unter den Golfstaaten (die übrigen sind Erdölmonarchien)“
– werden aber dennoch hier nicht unter „Diktaturen“ oder „autoritäre Regimes“ gehandelt, trotz regelmäßiger Hinrichtungen in Saudi-Arabien –
– über eine Ölpipeline verfügt, die es ihm ermöglicht, einen Teil des in der Straße von Hormus stauenden Rohöls durch die Türkei zu exportieren, ist er mit Abstand der ärmste. Sein Pro-Kopf-Einkommen beträgt nur ein Sechstel desjenigen Saudi-Arabiens und ist 12x niedriger als das Katars.
Obwohl Bahrain deutlich reicher ist als der Irak – sein BIP pro Kopf ist 5x höher –, sind seine Rohöl- und Aluminiumexporte praktisch auf 0 gesunken.“
Die Gastarbeiter in den reichen Golfstaaten erhalten nicht viel Lohn/Gehalt, machen aber die Mehrheit der Bevölkerung aus. Das ist bei diesen Zahlen des pro-Kopf-Einkommens immer zu bedenken.
„Seine Devisenreserven sind im Vergleich zu denen seiner Nachbarn gering. Zudem hat Bahrain eine der höchsten Staatsverschuldungen der Welt: fast 150% seines BIP. Dieses Problem ist zwar strukturell bedingt, wird aber kritisch, wenn, wie derzeit, die Finanzierungskosten in die Höhe schnellen.“
„Dieses Problem ist strukturell bedingt“ – das hätte Griechenland nicht anführen können, als Deutschland über seine Politiker drüberfuhr, wegen Pleitestaat und so!
„Eine zweite Untergruppe bilden Katar und Kuwait, die ebenfalls stark vom Einbruch der Gas- und Ölexporte betroffen sind – im Falle Katars zusätzlich von den Störungen der Flugverbindungen, die die Touristenzahlen drastisch reduziert und die nationale Fluggesellschaft Qatar Airways schwer getroffen haben.“
Jetzt haben diese Staaten alles getan, um ihre Einnahmen über das Öl hinaus zu entwickeln und zu diversifizieren – alles für die Katz!
Der Krieg der USA gegen den Iran läßt sie auf ihre Haupt-Einnahmequelle zurückfallen und zu Bittstellern bei den USA werden.
„Dank angesammelter Ersparnisse verfügen sie jedoch über etwas mehr Handlungsspielraum. Kurz gesagt, sie können den Einbruch durch die Exporteinnahmen noch eine Weile verkraften. Allerdings nicht lange: Dohas Wirtschaft wird in diesem Jahr um 8,6% schrumpfen, verglichen mit dem vom IWF vor nur 6 Monaten prognostizierten Wachstum von 6,1%.
Kuwaits BIP wird um 0,6% sinken, gegenüber den damals geschätzten 5,1 %.
Die VAE – paradoxerweise das erste Land, das sich an Washington um Hilfe wandte – und Saudi-Arabien scheinen etwas besser gerüstet zu sein. Beide Länder leiten einen Teil ihrer Öllieferungen über 3 Pipelines um, die in Häfen am Mittelmeer, am Roten Meer und am Golf von Oman münden. Sie sind die Länder, die in ihren Bemühungen zur Reduzierung der Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen am weitesten fortgeschritten waren. Aber auch dort ist der Schaden beträchtlich: Der Fonds hat seine Wachstumsprognose für dieses Jahr um 1,9% bzw. 0,9% gesenkt.“
El País ist schlecht informiert: Die angeblich 3. Pipeline, die Transarabische Pipeline nach Sidon im Libanon, liegt schon seit geraumer Zeit still und es würde einiges an Investitionen erfordern, sie wieder betriebsfähig zu machen, ganz zu schweigen von den strittigen und von Krieg überzogenen Territorien, durch die sie verläuft.
Selbst wenn die Straße von Hormuz bald wieder geöffnet wird,“
– wenn –
„werden die Folgen lange sichtbar bleiben. »Selbst nach dem Ende der Kampfhandlungen werden Investoren höhere Zinsen [für Finanzierungen dieser Länder] fordern, um das geopolitische Risiko auszugleichen. Dies wiederum wird die langfristigen Kreditkosten erhöhen und die Attraktivität der Region als Standort für ausländische Direktinvestitionen verringern«, prognostizieren Experten des Entwicklungsprogramms der UNO (UNDP) in ihrer jüngsten Regionalanalyse. »Diese strukturelle Veränderung der Risikowahrnehmung könnte jahrelang anhalten und die Bestrebungen dieser Länder, ihre Wirtschaft zu diversifizieren und große Sozialprogramme zu finanzieren, erschweren.«“
(El País, 25.4.)
„Die Börsen blenden den Krieg aus und starten unabhängig vom Ölpreis in den Mai
Die Märkte ignorieren das Risiko einer Energiekrise. Sie sind zuversichtlich, dass bald eine Lösung gefunden wird, und konzentrieren sich auf die Gewinne“
(El País/5 Días, 1.5.)
– Business as usual.
Ein Anlaß, sich einmal wieder die Börsen der Welt anzuschauen.
Mit Abstand die größten nach Marktkapitalisierung befinden sich in New York: Wallstreet/NYSE und Nasdaq vereinten nach einer Wikipedia-Zusammenstellung von 2024 fast 62 Billionen US$ auf sich. Weit abgeschlagen folgt die chinesische Börse von Schanghai mit etwas über 7 Billionen $. Wenn man aber die 3 chinesischen Börsen von Schanghai, Shenzen und Hongkong zusammennimmt, so kommt man schon auf über 16 Billionen. Das ist jedenfalls bedeutend mehr als die Tokioter Börse mit 6,4 Billionen.
Es folgen 7 europäische Staaten (F, I, Nl, Pt, Be, Nr, Irl), die sich zur Euronext-Börse zusammengeschlossen haben, mit ~ 5,7 Billionen $.
Danach kommen 2 indische Börsen in Bombay, (– es bleibt etwas unklar, warum Indien am gleichen Fleck 2 Börsen betreibt,) die es zusammen auf 10 Billionen bringen, also bedeutend mehr als Japan und Europa.
Man merkt daran den Aufstieg der BRICS, und wieviel von dem internationalen Kapital sich inzwischen dort versammelt. Man merkt aber auch, wie sehr die USA und der Dollar noch immer die Weltwirtschaft dominieren.
Die Londoner Börse tritt mit 4,4 Billionen auf, Deutschland an 15. Stelle mit 2 Billionen, also weniger als der Hälfte von London und noch hinter Taiwan und Saudi-Arabien. Überraschenderweise verfügt auch der Iran über eine Börse, die weltweit den 18. Platz einnimmt, mit 1,7 Billionen Umsatz, und eine zweite, weniger bedeutende, an denen vermutlich lediglich iranische Unternehmen notiert sind.
Wenn man die ganzen in dieser Aufstellung gelisteten EU-Börsen zusammennimmt: Euronext, DAX, Nordic Nasdaq, Ibex, Polen (Platz 35) und Österreich (Platz 40), so kommt man auf eine Summe von 10,6 Billionen, immer noch deutlich hinter China und gleichauf mit Indien.
Relativ bedeutungslos unter der 1 Billionen-Grenze dümpeln die Börsen Lateinamerikas vor sich hin, angeführt von Brasilien und Mexiko.
Wenn man die Graphiken der wichtigeren anschaut – Dow Jones, Euronext, Dax, Nikkei, London – so sieht man, daß sie seit dem Februar 2022, dem russischen Einmarsch in die Ukraine, ständig aufwärts gehen. Der Iran-Krieg verursachte Anfang März eine kleine Delle, die aber bei den meisten schon wieder überwunden ist.
Die großen Kapitale der Welt scheinen den Kriegen durchaus etwas abgewinnen zu können für ihren Geschäftsgang.
Ebenso sicher ist, daß sich hier wieder eine Blase aufbaut, weil die sonstigen wirtschaftlichen Eckdaten sind ja nicht so positiv. Die Frage ist nur, wo das Kartenhaus wieder zusammenbricht und wer dabei mit einem blauen Auge davonkommt.