ANALYSEN
Der russische Finanzexperte Alexandr Losjev wurde von einer Journalisten der Komsomolskaja Pravda zu seinen Ansichten zur derzeitigen Weltlage befragt.
Losjev meint:
„Noch ein Monat Krieg, und die Welt stürzt bis Ende des Jahres in eine Krise.“
Erst am Ende des Jahres?
Was für eine Krise?
Die ganze Welt?
„AL: Die Konflikte, die wir beobachten, sind nicht die Ursache, sondern eine Folge der Tatsache, dass sich die Weltwirtschaft bereits in einer Krise befindet. Das Globalisierungsmodell ist ausgereizt. Ein Modell einer Weltwirtschaft, in der unbegrenzte Kreditvergabe, grenzenloser Konsum und Handel die Haupttreiber des globalen BIP-Wachstums sind. Alles, was zum Zeitpunkt des Zusammenbruchs der UdSSR erreicht wurde, hatte seinen Höhepunkt vor COVID-19 erreicht. Nun wird deutlich, dass ein solches Leben nicht mehr möglich ist.
KP: Aus welchen objektiven Gründen?
AL: Die globalen Schulden belaufen sich auf 348 Billionen US-Dollar. Ressourcen werden extrem ineffizient eingesetzt. Es ist unmöglich, das BIP durch weitere Verschuldung zu steigern.“
Hier ist ausgesprochen, daß bereits ein guter Teil des Wirtschaftswachstums, und seit geraumer Zeit, schuldenfinanziert war.
„In dieser Wirtschaft muss etwas geschehen. Es scheint, als hätten die Weltmächte, die ihre Hegemonie erhalten wollen, beschlossen, dass es einfacher sei, alle anderen durch das Auslösen einer sehr schweren Krise – der sogenannten schöpferischen Zerstörung – zu Fall zu bringen. Das ist ein wirtschaftswissenschaftlicher Begriff. Der Begriff wurde 1942 von dem österreichischen Ökonomen Joseph Schumpeter geprägt. Schöpferische Zerstörung bedeutet, dass die Grundlagen der vorherigen Wirtschaft zwangsläufig zerstört werden müssen … um auf deren Trümmern etwas Neues zu errichten.
Anders auszubeuten, vielleicht mit brutaleren Methoden. Wenn das System am Ende ist, muss es zerschlagen werden, aber so, dass diejenigen, die es zerstören, das Geld behalten und es, wenn möglich, nach ihren eigenen Vorstellungen wieder aufbauen können.
KP: Sind das die Gründe für die Konflikte?
AL: Ja. Wir sehen Glieder in derselben Kette: Nord Stream, der Konflikt in der Ukraine, der Einbruch unserer Energieexporte nach Europa, der Mangel an billiger Energie für Europa, die Schiefergasrevolution in den USA, der Krieg im Nahen Osten und weiter in Asien, wo China seit einiger Zeit den Wirtschaftsgürtel »Seidenstraße« errichtet. Dort und anderswo wird weiter zerstört.
Der nächste Konflikt, vielleicht in einem Jahr, wird die Blockade der Straße von Malakka sein, die den Indischen und den Pazifischen Ozean verbindet. Es wickelt 80% der asiatischen Kohlenwasserstoffversorgung und ein Drittel des Welthandels ab, und China ist in hohem Maße von dieser Straße abhängig.
KP: Ist China der Hauptrivale der USA?
AL: Natürlich. Oft wird die »Thukydides-Falle« erwähnt. Thukydides war ein antiker griechischer Historiker und Teilnehmer des Peloponnesischen Krieges. Die absteigende Hegemonialmacht Athen zwang die aufstrebende Hegemonialmacht Sparta zum Krieg.
Die Amerikaner glauben, dass es so sein sollte. Die absteigende Hegemonialmacht, die USA, sieht sich gezwungen, aufstrebende Hegemonialmächte zum Krieg zu zwingen, um einen Hegemonialwechsel zu verhindern.
KP: Welche Folgen wird der Krieg im Nahen Osten haben?
AL: Die Frage ist: Wer wird der größte Verlierer sein, wenn sich der Krieg hinzieht? Die Antwort lautet: Peking. China steht derzeit an der Spitze der Produktionspyramide, weil es die Werkbank der Welt ist. Fast die Hälfte aller weltweit hergestellten Güter wird in China produziert. Es steht am Ende der Wertschöpfungskette. Wenn man die Wertschöpfungskette auf der Ebene der Grundstoffe unterbricht, betrifft dies zunächst die bekannten Energie-, Öl- und Gasversorgungsketten, und dann entsteht ein Dominoeffekt.
KP: Das heißt, nach dem Problem mit den Ölprodukten wird dann alles zusammenbrechen?“
„Alles“ sicher nicht, wie man auch aus den vorherigen Blogbeiträgen feststellen kann – die Kontinente sind unterschiedlich betroffen.
Losjev beantwortet die Frage nicht direkt, sondern spinnt seinen Gedanken der „schöpferischen Zerstörung“ weiter:
„AL: Als Nächstes stehen Engpässe in der Kunststoffversorgung an. Öl ist nicht nur die Basis für Benzin, Kerosin und Treibstoff. Auch Methanol, Ammoniak und Benzol, Düngemittel und Formaldehyd werden daraus hergestellt.
Weiter oben in der Wertschöpfungskette finden sich Farben, Kunststoffe, Polyurethane, Baumaterialien, Polypropylen und Polyethylen. Beinahe alles, was uns umgibt, ist aus Kunststoff.
Es folgt die Autoindustrie. Gummi. Woraus sollen Reifen hergestellt werden? Woraus sollen Innenausstattungen gefertigt werden?
Dann kommt Helium. Auch das ist ein Nebenprodukt. Die Heliumvorräte sinken, also wie sollen weiterhin Chips hergestellt werden?
Polymerharze.
Natürlich werden die Autoindustrie, der Flugzeugbau und das Baugewerbe darunter leiden. Und so weiter, die gesamte Wertschöpfungskette entlang.
KP: Und China kann nichts dagegen tun?
AL: Nein, denn alles wird teurer. Und wenn die USA und Europa, die größten Konsummärkte, von denen China abhängig ist, in eine Krise geraten, wird China mit einer massiven Überproduktionskrise konfrontiert sein. … Ein weiterer Kriegsmonat, und die Weltwirtschaft steuert auf eine Krise zu. Eine vielschichtige Krise. Sowohl die Randgebiete der Welt als auch viele der heutigen Metropolen werden zusammenbrechen.
KP: Hat es jemals zuvor eine Krise dieser Art gegeben?
AL: Die Krise von 1997/98 begann in Südostasien: Korea, Thailand, Malaysia, Indonesien. Dann breitete sie sich nach Lateinamerika aus – Argentinien, Mexiko. Panama geriet in Zahlungsverzug und wertete seine Währung ab. Und schließlich erreichte sie Amerika. Die (Finanz-)Krise von 2007/08 begann in den USA.
Jetzt hingegen wird alles gleichzeitig geschehen. Die Krise wird von 2 Seiten kommen. Von der Peripherie, die bereits innerhalb eines Monats mit enormen Problemen zu kämpfen haben wird. China und Japan verfügen über Öl- und Gasreserven, andere Länder nicht. Alles ist in dieselben Ketten eingebunden. Als Nächstes sind die USA an der Reihe.
KP: Werden wir am Ende wieder in einer Situation der schöpferischen Zerstörung enden?“
Bei dieser Frage und ihrer Beantwortung ist bereits eingestanden, wieviel die vorigen Krisen bereits zerstört haben, aber durch festes Anhäufen von Schuldenbergen gelang es, die Zerstörung irgendwie zu reparieren und weder nationale Konkurse zuzulassen noch Firmenkonkurse überhandnehmen zu lassen.
Aber die Schulden blieben und hängen mehr denn je in der Luft.
AL: Genau. Konflikte werden sich weiter verschärfen. Düngemittelknappheit und steigende Düngemittelpreise werden zu steigenden Lebensmittelpreisen führen. Denken wir nur an den Beginn des »Arabischen Frühlings« im Jahr 2011: Eine geringere Ernte und höhere Preise im Vorjahr, also 2010, führten zu Unruhen in Nordafrika, der arabischen Welt und Syrien. Nun wiederholt sich das Ganze.
KP: Hoffen die Brandstifter also, dass es sie nicht betrifft?
AL: Diejenigen, die die Weltwirtschaft in die Krise gestürzt haben, versuchen nun, so glauben sie, einen Gegenangriff auszulösen. Oder kontrolliertes Chaos zu stiften, um selbst aus der Misere herauszukommen. Doch jeder, der sich mit dynamischen Systemen beschäftigt hat, weiß, dass ein dynamisch instabiles System äußerst empfindlich auf jegliche Einflüsse reagiert. Nicht nur auf den Urheber, sondern auf jeden. Es ist unmöglich, alles zu berechnen. … Was als Nächstes geschieht, ist sehr schwer vorherzusagen.“
Generell immer.
Dennoch wollen alle immer Vorhersagen machen.
„Angesichts der globalen Verschuldung von 348 Billionen US-Dollar warnt die Weltbank bereits vor einer globalen Finanzkrise. Höchstwahrscheinlich wird die Weltwirtschaft bis Ende des Jahres in dieser Lage sein.
KP: Wie können wir, d.h. Rußland, zu einer sicheren Insel werden?
AL: Der Ausweg wäre Reflation – eine drastische Steuersenkung, ein massives Konjunkturprogramm. Genau das verfolgte die Reagan-Regierung mit der Einführung der Reaganomics nach einer langwierigen Rezession in den USA.
Dazu gehörten die Unterstützung heimischer Produzenten, ein deutlicher Anstieg der Investitionen in alle Technologien und der Einsatz von Kapital. Und natürlich der Erfolg. Denn die wirtschaftliche Erholung nach einem Konflikt ist entscheidend; sie hat einen enormen Einfluss auf das BIP-Wachstum.“
Ob hier nicht Äpfel mit Birnen verglichen werden? Eine Weltwährung mit einer nationalen, vom Weltmarkt relativ abgeschotteten Währung? Die Weltmacht Nr. 1 mit einer Macht, die diese Rolle gar nicht anstrebt? Eine kapitalistische, von Privatsubjekten getragene Wirtschaft mit einer zu einem guten Teil durch staatliches Kommando gesteuerten?
Wir werden es sehen.
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Larry Fink, der Chef des weltgrößten Vermögensverwalters BlackRock, hat der BBC vor einer Woche ein Interview gegeben.
Zum Unterschied von dem Ökonomen Losjev hat Fink reale Macht über die weltweite Ökonomie. Er ist also ein Praktiker. Seine Sicht der Dinge hat daher ein anderes Gewicht und unmittelbare Folgen.
Er meint in diesem „Big Boss Interview“, auf den Iran-Krieg bezogen, es gäbe 2 mögliche Szenarien zur Beendigung dieses Krieges: Entweder man einigt sich mit dem Iran, dann könnten die Ölpreise sinken und die Weltwirtschaft würde sich von dem Schock, in dem sie sich jetzt befindet, erholen.
Er schlägt also allen Ernstes vor, das Kriegsbeil zu begraben, den Iran in die internationale Staatengemeinschaft aufzunehmen und das Öl des Iran genauso wie das Venezuelas wieder in den Weltmarkt zu integrieren. In diesem Fall könnte der Ölpreis sogar auf 40 US$ pro Faß sinken.
Die andere Möglichkeit wäre, daß der Iran weiterhin als Feind betrachtet wird, die ganze Golfregion weiter bedroht wäre, daß immer wieder Beschädigungen auftreten, die Straße von Hormuz unsicher bleibt usw. usf.
In diesem Falle wäre ein Ölpreis von bis zu 150 US$ pro Faß möglich, und der würde die ganze Weltwirtschaft kippen, Hungersnöte und Aufstände hervorrufen und am Ende hätte keiner etwas davon.
(Auf Israel geht er interessanterweise gar nicht ein, er hält offenbar dieses Land für keinen wichtigen Akteur.)
Eine dritte Möglichkeit, mit der Trump und Hegseth gerne drohen, den Iran fertig zu machen, in die Steinzeit zu bombardieren usw. – daran sollte man bei einem Land dieser Dimensionen überhaupt nicht denken. Er meint also, das wäre verantwortungslos und würde allen nur schaden.
Im Grunde sagt Fink damit: Kriege, und vor allem dieser, sind schlecht fürs Gschäft. Und er erteilt der US-Politik den Rat, schon fast den Auftrag, den Unfug bleiben zu lassen.
Gehört und zur Kenntnis genommen haben die US-Politiker die Aussagen des Mannes, der die Finanzkrise in den USA abgewickelt und den Banksektor saniert hat, ganz bestimmt.
Auch hier wird man sehen, was daraus folgt.
Unmittelbare Auswirkungen und Ausblick in die Zukunft:
„Iraner und Amerikaner verkünden bereits lautstark den Sieg in einem Krieg, der noch nicht vorbei ist. Keine der beiden Seiten will eine Niederlage eingestehen.
Doch die »Kollateralschäden« des Krieges sind offensichtlich. Allen voran der Bruch zwischen Trump und seinen Verbündeten, die sich weigerten, die amerikanische Aggression im Iran zu unterstützen – sie verurteilten sie sogar öffentlich und schlossen ihre Stützpunkte für Flugzeuge der US-Luftwaffe.
Die NATO, der »erfolgreichste Militärblock der Geschichte«, ist praktisch zerfallen, ihre Zukunft ungewiss. Trump bezeichnete sie als Papiertiger und behauptete, der russische Präsident Wladimir Putin fürchte sie nicht.“
Das dürfte auch stimmen.
„Die Weltwirtschaft hat eindeutig und dramatisch verloren. 5 Wochen Kampfhandlungen und die Blockade der Straße von Hormuz, durch die ein Fünftel der weltweiten Öl- und Gaslieferungen floss, haben eine globale Energiekrise ausgelöst. Experten schätzen, dass ihre Folgen die Schäden der COVID-19-Pandemie übertreffen werden.
Selbst wenn sich die Parteien darauf einigen, den Krieg nicht wieder aufzunehmen, wird es Jahre dauern, die bereits entstandenen Schäden zu beheben. (…)“
(KP, 8.4.)
Offenbar gibt es auch innerhalb der Streitkräfte und des CIA Widerstand gegen den Trump und Irankrieg:
„Trump wurde der Zugang zu den Atomcodes verweigert, als er einen Angriff auf den Iran vorhatte.
Die Aussagen des ehemaligen CIA-Analysten haben erneut Forderungen nach der Amtsenthebung des Präsidenten laut werden lassen.
Aussagen neueren Datums weisen darauf hin, dass US-Präsident Donald Trump versucht haben soll, amerikanische Atomwaffen gegen den Iran einzusetzen. General Dan Caine soll dies jedoch verhindert haben, indem er aufstand und »Nein« sagte und sich auf sein Amt als Oberbefehlshaber der Streitkräfte berief.
Laut dem ehemaligen CIA-Analysten Larry Johnson handelte es sich dabei um einen Skandal, der eine neue Debatte über den Geisteszustand des Präsidenten auslöste.
Britischen Medienberichten zufolge stieß US-Präsident Donald Trump während eines Treffens im Weißen Haus auf Widerstand eines hochrangigen Militärs, als er versuchte, auf die Atomcodes des Landes zuzugreifen. Der pensionierte CIA-Analyst Larry Johnson erklärte in einem Interview, Trump habe während einer Krisensitzung den Zugang zu den Atomcodes beantragt. Laut Johnson legte General Dan Caine Einspruch gegen diese Entscheidung ein und berief sich auf seine Autorität als Oberbefehlshaber der Streitkräfte. Diese Situation führte zu angespannten Diskussionen unter den Teilnehmern des Treffens. Es bleibt unklar, welchen Zweck die Atomcodes im Falle ihrer Erlangung gehabt hätten.“
Wer immer die britischen Medien sind, die Haupt-Quelle bleibt Johnson.
„Diese Entwicklungen ereigneten sich vor dem Hintergrund von Berichten, wonach Militärberater Präsident Trumps Teilnahme am Operationszentrum während der wichtigen Rettungsaktion im Iran eingeschränkt hatten.
Laut Quellen wurde der Präsident aufgrund von Bedenken hinsichtlich seines emotionalen Zustands von den strategischen Diskussionen ausgeschlossen, da einige Regierungsbeamte der Ansicht waren, dass dieser sich negativ auf die Operation auswirken könnte.
Trumps zunehmend unberechenbares Verhalten, seine Online-Posts und seine generelle Haltung gegenüber dem Iran werden als Problem angesehen, das selbst seine engsten Verbündeten nicht länger ignorieren können.
Berichten zufolge schrie der Präsident, als er vom Verschwinden zweier amerikanischer Piloten im Iran erfuhr, stundenlang seine Mitarbeiter an und wurde aus seinem Büro verbannt, während sein Team informiert wurde.
Sein öffentlicher Streit mit Papst Leo XIV., dem Oberhaupt der katholischen Kirche, sein bizarrer Post, in dem er sich mithilfe künstlicher Intelligenz als Jesus Christus darstellte, und seine nächtlichen Beiträge können nicht länger ignoriert werden.
Zuvor hatten 50 Kongressabgeordnete einen Plan zur Amtsenthebung Trumps aufgrund seines unberechenbaren Verhaltens unterstützt. Die Demokraten im Repräsentantenhaus brachten einen Gesetzentwurf ein, der die Amtsenthebung des amerikanischen Präsidenten gemäß dem 25. Verfassungszusatz vorsah und forderte, dass er sich einem kognitiven Test unterziehen sollte, dessen Ergebnisse anschließend veröffentlicht werden sollten.
Der Kongressabgeordnete Jamie Raskin erklärte, das Vertrauen der Öffentlichkeit in Donald Trumps Fähigkeit, seine Amtsgeschäfte zu führen, sei auf einem historischen Tiefpunkt angelangt, da Trump drohe, ganze Zivilisationen zu zerstören, indem er die Kriegsbefugnisse des Kongresses missbrauche, Chaos im Nahen Osten stifte, den Papst aggressiv beleidige und online künstlerische Bilder verbreite, die ihn mit Jesus Christus vergleichen.
Raskin fügte hinzu, die USA stünden am Rande des Zusammenbruchs. Nicht nur Politiker in Washington wandten sich gegen Trump – selbst seine eigenen MAGA-Anhänger warfen dem Präsidenten Blasphemie vor, nachdem er das Jesus-Bild veröffentlicht hatte.
Trump versuchte, sich zu rechtfertigen, indem er behauptete, er habe es gepostet, weil er sich für einen Arzt gehalten habe. Der Verhaltensforscher Simon Bennett erklärte, Trumps Verhalten sei zwar unberechenbar, es gebe aber zwei wahrscheinliche Erklärungen: Entweder verliere er mit zunehmendem Alter die Fähigkeit, sich zu konzentrieren und rational zu handeln, oder es handele sich um ein bewusstes Manöver, um seine Rivalen aus dem Gleichgewicht zu bringen.
Er hält es jedoch für höchst unwahrscheinlich, dass der 25. Verfassungszusatz angewendet wird, da dies eine ständige Analyse Trumps auf systematische Anzeichen psychopathischen Verhaltens erfordern würde.“
(MK, 22.4.)
„Der Handlungsspielraum des Irans schwindet: Trump hat sich für ein Szenario mit guten Erfolgsaussichten entschieden
Laut Insiderinformationen des Wall Street Journal hat Donald Trump beschlossen, auf eine langfristige Strategie zu setzen – Druck über die Wirtschaft und die Seewege auszuüben – anstatt neue Angriffe auf den Iran zu starten.
Dies impliziert eine langwierige Blockade, die Teherans wichtigste Einnahmequellen, vor allem die Ölexporte, treffen würde. Der Orientalist Andrej Tschuprygin sprach mit KP.RU darüber, wie sich dies auf den Iran und die Entwicklung des Konflikts auswirken könnte.
Operation »Wirtschaftliche Wut«“
„Fury“ kann man auch mit „Raserei“ übersetzen, was die Politik der Trump-Regierung eher trifft …
„Das Weiße Haus erwog laut WSJ mehrere Szenarien – von der Wiederaufnahme großangelegter Bombardierungen bis hin zu einem schnellen Rückzug aus dem Konflikt.
Die erste Option erschien jedoch zu riskant: Trumps Berater befürchteten, dass neue Angriffe die Situation leicht zu einem viel größeren Krieg eskalieren lassen könnten, in den auch andere Länder der Region verwickelt wären.
Die zweite Option erschien zu schwach und würde Washingtons Hauptziel – den Verzicht Teherans auf sein Atomprogramm – nicht erreichen.
Letztendlich wählten sie einen dritten Weg: die iranische Wirtschaft langsam und methodisch zu strangulieren, indem sie eine langwierige Blockade der iranischen Häfen durchführen, Schiffe mit Ziel Iran an der Ausfahrt aus der Straße von Hormuz hinderten und die Finanztransaktionen der Islamischen Republik aufspüren und blockieren.
Die Amerikaner sind diesbezüglich bereits tätig. US-Finanzminister Scott Bessent erklärte, die Operation »Economic Fury« sei in vollem Gange. Die USA blockieren den Zugang der Iraner zu Kryptowährungen, dem Schattenbankensystem, dem Waffenbeschaffungsnetzwerk und vielem mehr.“
Man fragt sich, wie das möglich ist, also wie die USA alle diese Bereiche kontrollieren können?
Hier wird teilweise Neuland betreten und einiges ausprobiert.
Weil ein Teil dieser Geschäftsfelder liegt auf fremdem Territorium, wie Rußland oder China. Auch die mittelasiatischen Staaten entziehen sich dieser Art von Druck, durch ihre Lage zwischen Rußland ud China.
Höchstens im Bereich der Kryptowährungen könnten Trump und sein Hofstaat die Nase vorn haben, da viele von ihnen im Kryptobereich tätig sind.
„Und Donald Trump hoffte kürzlich, die Pipelines im Iran würden aufgrund der Ölflut »explodieren«, sodass es keine Exportmöglichkeiten mehr gäbe.
Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, daß der Iran zu Zugeständnissen genötigt wird
Andrej Tschuprygin, Dozent an der Abteilung für Orientalistik der HSE, erläutert die Realität: »Nach dem Scheitern der letzten Friedensgespräche war sofort klar, dass Trump die Eskalation des Konflikts vermeiden will; sie ist zu teuer und politisch zu heikel. Deshalb setzen die Amerikaner auf eine Blockade. Irans wirtschaftliche Lage ist wirklich katastrophal. Die Ölproduktion lässt sich nicht stoppen – die Ölquellen könnten verloren gehen, und es gibt praktisch keine Exportmöglichkeiten.« Alte Öllager müssen dringend wieder betriebsbereit gemacht werden.
Die Blockade trifft bereits das wichtigste – den Staatshaushalt. Irans Ölexporte sind praktisch zum Erliegen gekommen, die Amerikaner fangen Tanker ab, und traditionelle Einnahmequellen brechen weg. Vor diesem Hintergrund verschärfen sich die politischen Machtkämpfe im Iran: Präsident Masoud Pezeschkian ist praktisch unsichtbar, und es entsteht der Eindruck, dass sich die tatsächliche Macht zum Militär, vor allem zu den Islamischen Revolutionsgarden, verlagert.“
Letzteres ist nichts Neues, und Pezeschkian wird schon für Verlautbarungen eingesetzt, ist aber natürlich auch gefährdet, wenn man an die gezielten Morde denkt und an Israels Bereitschaft, da weiterzumachen. Schon allein aus Rache und weil die iranische Führung nicht wankt.
„Und wenn es um Einfluss geht, bleibt wenig Zeit für strategische Entscheidungen. Das Kräfteverhältnis ist jedoch eindeutig: Die USA verstärken ihre Präsenz in der Region und stationieren zusätzliche Streitkräfte, darunter Landungsgruppen wie die USS Boxer.“
Die Frage ist nur, wo sie landen wollen?
Der einzige Teil des Iran, der für die USA direkt zugänglich wäre, der im Golf von Oman, führt über das Gebirge, wo sie ein leichtes Ziel für Drohnen wären.
„Sollte der Druck zunehmen, wird Teheran keinen Handlungsspielraum mehr haben. Gerüchte, der Iran werde sein Atomprogramm unter keinen Umständen aufgeben, scheinen derzeit größtenteils nur Rhetorik zu sein, die sich an die heimische Öffentlichkeit richtet und auf eine Änderung der Lage in den USA hofft.
Doch in Wirklichkeit ist die Wahrscheinlichkeit, dass Teheran Zugeständnisse macht, sehr hoch, sollte der Druck anhalten. Der Einsatz von Gewalt kann jedoch nicht gänzlich ausgeschlossen werden. Eine Blockade ist eine langwierige, kostspielige und geduldige Maßnahme, und Trump ist ein impulsiver Politiker. Sollten keine schnellen Ergebnisse erzielt werden, könnte er erneut zu militärischen Aktionen greifen. Dann könnte die militärische Option, die bisher auf Eis gelegt wurde, durchaus wieder ins Spiel kommen.“
… und womöglich wieder mit einer Blamage enden.
(KP, 2.5.)
„Export eingebrochen, Lager voll – Iran könnte Ölfelder für immer verlieren
Die Öl-Lagerkapazitäten im Iran werden knapp. Alte Tanker werden nun als Lager genutzt. Wird noch mehr Druck aus den Bohrfeldern genommen, könnten diese verwässern
Mit der Blockade der Straße von Hormus hatte der Iran deutlich gezeigt, wie viel Druck auf die Weltwirtschaft ausgeübt werden kann. Solange der Iran jedoch ein paar seiner eigenen Schiffe durchfahren hat lassen, konnte das Land Öl-Einnahmen generieren. Dass nun wiederum aber die USA die Meerenge blockieren, wird auch für den Iran zu einer zunehmenden Bedrohung. Der Grund liegt in den Öl-Lagerkapazitäten des Iran, die nahezu erschöpft sind. Nun soll der rostige Tanker "Nasha" helfen, berichtet n-tv. Der 1996 gebaute Tanker soll wieder in Betrieb genommen und mit rund 2 Millionen Barrel (je 159 Liter) Öl beladen werden. Das Schiff wird damit zu einem schwimmenden Öl-Lager.
Kann der Iran sein Öl nicht in die Welt verschiffen und auch nicht mehr lagern, könnte das dramatische Folgen für die Ölfelder haben. Denn bei einem Ölfeld kann der Bohrdruck nicht unendlich zurückgeschraubt werden. Wird der Druck zu gering oder die Förderung gar ganz gestoppt, kann das Ölfeld verwässert werden. Das hat eine geologische Ursache: aufgrund des sinkenden Bohrdrucks (oder Förderstopps) kann Wasser aus tieferen Schichten nach oben drücken und die Ölquelle im wahrsten Sinne des Wortes verwässern.
Ist das passiert, lässt sich dieser Prozess oft nicht mehr umkehren. Technisch sei es zwar möglich, aber sehr aufwendig und teuer, beschreibt n-tv. Ein Problem wird das bei älteren Ölfeldern und für den Iran vor allem auch, weil aufgrund der jahrelangen westlichen Sanktionen die Bohrtechnologie im Iran als veraltet gilt. Irans Riesen-Felder im Südwesten des Landes werden bereits seit mehr als 50 Jahren ausgebeutet, in ihnen ist die Gefahr der Verwässerung besonders groß. Wenn hier der Druck abfällt, könnte das Land auf einen Schlag seine wichtigsten Förderquellen verlieren.
Zeit gewinnen
Der Iran muss also Zeit gewinnen, um seine Ölfelder – oder Teile davon – nicht für immer zu verlieren. Das wird nun über die Reaktivierung alter Tanker gelöst. Doch der Druck auf den Iran, einst zweitgrößtes Förderland der Opec, nimmt zu. Das Land hat laut dem Analyseunternehmen Kpler nur noch ausreichende Lagerkapazität für 12 bis 22 Tage. Der Iran könne deshalb gezwungen sein, die tägliche Ölförderung bis Mitte Mai um weitere 1,5 Millionen Barrel zu drosseln, heißt es in dem Bericht. Laut einer Analyse von Goldman Sachs habe der Iran seine tägliche Rohölförderung bereits um bis zu 2,5 Millionen Barrel gekürzt. Noch mehr Druck aus der Förderung zu nehmen, ist jedenfalls gefährlich.
Auch andere Produzenten in der Region – darunter Saudi-Arabien, Irak, Kuwait und die Vereinigten Arabischen Emirate – haben ihre Förderung seit Ausbruch des Kriegs am 28. Februar reduziert. All das sorgt für eine weitere Verknappung des weltweiten Öl-Angebots. Damit würde die Energiekrise, die weltweit ihren Lauf nimmt, beschleunigt und die Preise für Öl würden weiter steigen.
Zur Einordnung: Die Rohölexporte des Iran sind seit Anfang April deutlich zurückgegangen, seit die USA die Meerenge blockieren. Die Öl-Ausfuhren sind auf rund 567.000 Barrel pro Tag gefallen, so Kpler. Im März hatten sie noch bei durchschnittlich etwa 1,85 Millionen Barrel täglich gelegen. Laut Kpler habe es bisher kein Tanker durch die US-Seeblockade geschafft. Seit Inkrafttreten der Blockade sei die Verladung iranischen Rohöls auf Tanker um etwa 70 Prozent eingebrochen, so die Analysten. Die Auswirkungen auf die Einnahmen des Iran treten laut Kpler erst verzögert ein, weil die Schiffe in der Regel bis zu zwei Monate unterwegs sind, um die wichtigen Zielhäfen in China zu erreichen. Danach gebe es ein Zahlungsziel, das oft auch bei zwei Monaten liegt.
Einnahmen zu verlieren, ist aktuell also nicht das größte Problem des Iran. Die Ölfelder zu verlieren, ist die viel größere Bedrohung. Das könnte mit ein Grund dafür sein, dass der Iran den USA zuletzt den Vorschlag für einen Deal übermittelt hat, der aber abgelehnt wurde. Ein Spiel auf Zeit könnte für den Iran aber zu weitreichenden Folgen führen.“
(Standard, 29.4.)