Staat und Revolution, Teil 14

LENINS GEGNER 1: GEORGIJ PLECHANOV
Nachdem Lenin seine schöne neue Welt vorgestellt und deren Notwendigkeit „wissenschaftlich“ begründet hat, macht er sich daran, etwaige Gegner zu widerlegen. Er konnte sich denken, daß deren einige auftreten würden.
VI. Die Vulgarisierung des Marxismus durch die Opportunisten
Man muß vielleicht einmal darauf hinweisen, wie Lenin auf den Vorwurf der „Vulgarisierung“ kommt: Marx schreibt im Kapital von den Vulgärökonomen, das sind für ihn diejenigen Vertreter der Nationalökonomie, die sich überhaupt nicht um die Realität der kapitalistischen Produktion kümmern, keinerlei Erkenntnisse zur wissenschaftlichen Analyse dieser Wirtschaftsform beitragen, sondern nur Rechtfertigungs- und Beschönigungs-Sichtweisen über sie breittreten.
(Im Grunde kann man sagen: Die ganze heutige Nationalökonomie ist damit erfaßt und charakterisiert.)
Lenin übernimmt also diesen Begriff und wendet ihn schöpferisch auf seine Gegner an.
Zunächst wirft er seinen im Folgenden vorzustellenden Widersachern vor, daß sie der Frage der Revolution ausweichen.
Nun ja. Das mag schon sein. Das wäre aber nicht so schlimm, wenn sie über andere Dinge Schlaues zu Papier gebracht hätten. Es gäbe ja auch heute noch andere wichtige Fragen für aufrechte Marxisten, so auch damals.
Es ist immer ein Mangel, jemandem das vorzuwerfen, was er nicht tut, anstatt sich mit dem zu befassen, was er denn wirklich macht oder vertritt. Man wirft damit dieser Person immer nur das Abweichen vom eigenen Standpunkt vor, der dadurch bereits als richtiger unterstellt ist, und lässt sich auf deren Gedanken gar nicht ein.
Einer der Leute, die Lenin hier ins Visier nimmt, ist Georgij Plechanov.
Da es heute nicht mehr zur Allgemeinbildung von Kommunisten gehört, zu wissen, wer Plechanov war, hier ein kurzer Abriß zu seiner Person und seinem Streit mit Lenin:
Plechanov gründet 1883 mit anderen russischen Emigranten, die alle in Rußland den Narodniki nahegestanden hatten, die Gruppe „Befreiung der Arbeit“, die sich die Aufgabe setzte, Marx’ und Engels’ Schriften zu übersetzen und in Rußland bekanntzumachen. Plechanov war Mitbegründer der II. Internationale (1889) und der Russischen Sozialdemokratischen Partei (1898), und einer der entschiedensten Kritiker der Revisionsgedanken von Bernstein (http://de.wikipedia.org/wiki/Eduard_Bernstein). Beim 2. Parteitag von der russischen Sozialdemokraten 1903 schloß er sich – bei der Frage des Beitritts des „Bundes“ als eigener Sub-Organisation – der Sektion der Minderheitler (Menschwiken) an. Im I. Weltkrieg unterstützte er den Krieg der Entente. Nach der Februarrevolution 1917 kehrte er nach Rußland zurück. Wegen seiner Pro-Kriegshaltung wurde er nicht in den Petersburger Sowjet aufgenommen. Er sprach sich dezidiert gegen Lenins Aprilthesen und die Oktoberrevolution aus, mit der Begründung, daß die Zeit nicht reif sei, daß im 3-Phasenmodell Feudalismus-Kapitalismus-Kommunismus Rußland das Stadium des Kapitalismus noch nicht richtig durchlaufen habe und es daher zu früh für eine Revolution sei – was bis zu den Aprilthesen auch die Linie der Bolschewiki gewesen war. Er starb im Mai 1918 bei Petersburg.
Es war 1917 für Lenin wichtig, Plechanovs Position zu bekämpfen, da er immer noch große Autorität in der russischen revolutionären Bewegung besaß.
Also wendet er sich Plechanovs Schrift „Anarchismus und Sozialismus“ zu – und was wirft er ihm vor?! Daß er darin die Frage der Revolution und des Staates nicht behandelt. Das ist zwar angesichts des Titels in der Tat ärgerlich, erklärt aber nicht, warum sich Lenin gerade mit dieser Schrift auseinandersetzt. Was nämlich drinsteht, erfährt man nicht, nur, daß das, was drinstehen sollte, nicht drin ist. Mit diesem Vorwurf der Themaverfehlung wird Plechanow als Opportunist abgehakt, und wir erfahren, was der Mangel der Opportunisten ist: Sie weichen vor wichtigen Fragen zurück.
Also ihr Fehler ist nicht das, was sie vertreten, sondern das, worüber sie sich nicht äußern.