Pressespiegel Izvestija, 27.5.: Desindustrialisierung Europas

KRISE IN REINFORM: WIE DIE EU-INDUSTRIE VERSCHWINDET

Die Verluste im europäischen Produktionssektor nehmen jährlich zu

Die Anzeichen einer sich verschärfenden globalen Wirtschaftskrise mehren sich, vor allem aus Europa, wo die Verluste im Produktionssektor jährlich steigen. Der Rückgang der Anlageinvestitionen begann bereits vor einigen Jahren und steht in keinem Zusammenhang mit der Situation im Iran, doch die aktuelle Energiekrise könnte ihn um ein Vielfaches verschärfen. Die Izvestija berichtet über die Dynamik des Investitions- und Industrierückgangs in der EU und die zukünftigen Entwicklungen.

Kein Lichtstreif am Horizont

In den vergangenen Jahren sprachen Politiker in Brüssel gerne von vorübergehenden Schwierigkeiten und einer »grünen Transformation«, doch aktuelle Investitionsberichte und Quartalsbilanzen zeigen, dass sich diese Phase nicht nur in die Länge zieht, sondern sich auch jährlich verschlechtert. 

Es geht nicht mehr bloß um einen Produktionsrückgang, sondern um Abwanderung der Industrie – die Verlagerung von Kapital, Technologie und Produktionsketten aus der EU in andere Staaten.

Die Daten zu ausländischen Direktinvestitionen (ADI) belegen dies eindeutig. Laut einem aktuellen Bericht von Ernst & Young verzeichnet Europa nach einer schwachen Erholung nach der COVID-19-Pandemie im Jahr 2022 (+1%) seit drei Jahren einen stetigen Rückgang neuer Investitionsprojekte: –4% im Jahr 2023, –5% im Jahr 2024 und –7% bis Ende 2025.“

So drastisch liest man das in den unsrigen Medien nie, da ist immer die Rede von einer „schwachen Erholung“ und von „Prognosen“, die sich leider als zu optimistisch erwiesen haben.

„Die Entwicklung in den größten europäischen Volkswirtschaften, die traditionell die Hälfte aller Projekte anzogen,“

– gemeint sind offenbar Betriebsgründungen –

„ist besorgniserregend.
Deutschland, das am stärksten unter den Energiekrisen der letzten Jahre (sowie dem verschärften Wettbewerb mit China) leidet, verzeichnet das 8. Jahr in Folge einen Rückgang. Im Jahr 2025 fiel die Zahl der neuen Projekte in Deutschland auf den niedrigsten Stand seit 17 Jahren und erreichte 547 (–10% gegenüber dem Vorjahr und -34% gegenüber 2022).
Henrik Ahlers, Leiter von EY (= Ernst & Young) Deutschland, beschrieb die Situation unmissverständlich: Die deutsche Wirtschaft bewegt sich seit Jahren nur in eine Richtung – abwärts. Investoren werden durch exorbitante Energiepreise, Steuern und regulatorischen Druck abgeschreckt.“

Der regulatorische Druck wird überbetont, weil das eine Schraube ist, an der man drehen kann, während die viel wichtigeren Energiekosten längst völlig jeder Kontrolle entglitten sind. 
Und zwar nicht nur aufgrund der internationalen Ereignisse, sondern aufgrund der EU-Politik der vergangenen Jahre, wo die Energie erstens selbst zu einem Spekulationsobjekt geworden ist, was die Preise in die Höhe treibt. Zweitens natürlich wegen der EU-Politik gegenüber Rußland, bei der sich die EU in alle nur vorhandenen Knie geschossen hat. 

„Auch Frankreich, das dank der Wirkung vergangener Reformen etwas besser dasteht, verzeichnet einen Rückgang. Die Anzahl der Projekte sank von 1.259 im Jahr 2022 auf 852 im Jahr 2025 (zuletzt ein Minus von 17% im Vergleich zum Vorjahr). Großbritannien, derzeit außerhalb der EU, aber weiterhin der wichtigste Handelspartner des Blocks, stagniert nach einem kurzen Aufschwung ebenfalls wieder und verzeichnet 2025 730 Projekte (–14%).“

Der kurze Aufschwung war wahrscheinlich Rüstungsverkäufen an die Ukraine geschuldet, die von der EU bezahlt wurden, aber damit lassen sich die restlichen Mißverhältnisse auf Dauer auch nicht reparieren. 

„Die Kapitalstruktur selbst befindet sich im Wandel. Kapital fließt aus der Realwirtschaft ab: Die ausländischen Direktinvestitionen in die Medizintechnik sanken 2025 um 28%, in der Chemieindustrie um 19% und in der Automobilindustrie um 11%. 
Investitionswachstum ist ausschließlich in der künstlichen Intelligenz (+96%) und im militärisch-industriellen Komplex (+84%) zu verzeichnen. Die europäischen Großmächte versuchen, ihren angeschlagenen IT-Sektor zu militarisieren und verlieren gleichzeitig ihre traditionelle industrielle Basis.„

Der IT-Sektor in der EU ist von Haus aus schwach auf der Brust, weil keine Regierung und kein Unternehmen wirklich Geld in die Hand genommen hat, um hier etwas weiterzubringen.
„Angeschlagen“ ist daher etwas schönfärberisch – so als wäre da jetzt etwas schiefgegangen, während vorher alles in Ordnung war.

„Die Gesamtinvestitionen in die industrielle Modernisierung gehen parallel dazu zurück. 2024 sanken die gesamten Bruttoanlageinvestitionen in der EU um 1,9%. Angesichts hoher EZB-Zinsen und der Energieinflation halten Unternehmen den Infrastrukturausbau zurück. Chronische Probleme mit übermäßiger Regulierung, Normen, politische Korrektheit und der ständigen Einführung neuer Sanktionen sind ebenfalls entwicklungshemmend.

Daten einzelner Unternehmen belegen dies deutlich. So verzeichnete der Chemiekonzern BASF in seinem Quartalsbericht einen Nettoverlust an seinen Ammoniak- und Basispolymer-Produktionslinien in Ludwigshafen. Da die Gaspreise am TTF-Hub bei etwa 55–60 € pro MWh (rund 600 € pro 1.000 Kubikmeter) liegen, ist ein Wettbewerb mit amerikanischen Anlagen, die Gas für 12–15 € pro MWh beziehen, praktisch unmöglich. Das BASF-Management kündigte die Stilllegung zweier weiterer Produktionslinien auf unbestimmte Zeit an. Gleichzeitig investierte das Unternehmen 4 Milliarden Euro an für europäische Anlagen vorgesehenen Mitteln in den Ausbau seines Werks in Louisiana, wo kostengünstiges Schiefergas als Rohstoff verfügbar ist.

Der Stahlkonzern ThyssenKrupp meldete im April einen Rückgang der deutschen Stahlproduktion um 18% im Vergleich zum Vorjahr. Ein Großprojekt zur Umstellung von Hochöfen auf »grünen Wasserstoff« gilt angesichts der aktuellen Stromtarife als nicht realisierbar. Das Unternehmen verbucht Wertberichtigungen von über 2,5 Milliarden Euro und importiert Stahlbrammen aus dem Ausland.

Ähnlich sieht es in der Automobilindustrie aus. Der Volkswagen-Konzern verzeichnet in seinem Bericht eine Erhöhung der »Energiesteuer« um 25–30% pro in Europa produziertem Chassis. Das Unternehmen beschleunigt den Bau eines Batteriewerks in Kanada und erweitert die Montagelinien in Chattanooga (USA). Diplomatisch begründet es dies mit der »Optimierung seiner globalen Präsenz«.

Chemie, Chemie

Am dramatischsten trifft die Krise die chemische Industrie – einen Kernsektor, der alle anderen Branchen mit Rohstoffen versorgt. Im vergangenen Jahr mussten 2 von 10 Unternehmen in diesem Sektor ihre Werke schließen.“

Hier beruft sich die Izvestija in einem Link auf die FT.

„Der Konflikt im Iran hat die Energiekosten in die Höhe getrieben und zu Preisschwankungen bei wichtigen Rohstoffen wie Naphtha geführt, was eine Kettenreaktion in den nachgelagerten Märkten auslöste.

Das Ausmaß des Schadens wird in den Daten des Branchenverbands Cefic deutlich. In den letzten 4 Jahren hat sich die Zahl der Werksschließungen in Europa versechsfacht. Ein Zehntel der Produktionskapazität der EU ging verloren, wodurch rund 20.000 direkte Arbeitsplätze vernichtet wurden. Die tatsächlich getätigten Investitionen in die europäische Chemieindustrie sind um mehr als 80% eingebrochen, von 7,6 Milliarden Euro im Jahr 2022 auf 1,5 Milliarden Euro im Jahr 2025.
Bereits im Februar 2026 stoppte Mitsubishi den Bau eines hochmodernen Komplexes in Rotterdam zur Herstellung chemischer Komponenten für Hochleistungslacke.

Werksschließungen gefährden Europas Fähigkeit zur Produktion von Grundstoffen, von Chlor für die Wasseraufbereitung bis hin zu Phenolen für Leiterplatten. Cefic-CEO Marco Mensink erklärt, dass europäische Unternehmen den regulatorischen Auflagen und den Energiepreisen nicht mehr gewachsen sind und daher lieber Produktionsanlagen stillegen.

Im Herbst werden die Folgen spürbar

Makroökonomische Indikatoren bestätigen den Pessimismus der Unternehmen. Die Einkaufsmanagerindizes (PMI) des verarbeitenden Gewerbes der Eurozone werden im Mai 2026 weiterhin im Rezessionsbereich verharren. Vorläufigen Schätzungen zufolge schloss der industrielle PMI der Eurozone bei 42,8. In Deutschland fiel der Indikator auf 39,2 und in Frankreich auf 41,5. Die Neuaufträge der Industrie sind den 12. Monat in Folge rückläufig, und die Auftragsbestände sind nahezu erschöpft. Diese Situation ist nicht neu, doch zeigt sich, dass die Fokussierung auf den militärisch-industriellen Komplex (die trotz der lauten Ankündigungen der deutschen Führung und einiger anderer Länder eher halbherzig erfolgt) nicht besonders erfolgreich ist.“

Damit ist offenbar gemeint, daß die staatliche Subventionierung der Rüstungsproduktion den Aufschwung bringen soll, der in anderen Branchen fehlt, aber das kann sich aufgrund des vergleichsweise isolierten Charakters dieser Art von Produktion logischerweise nicht ausgehen. 

„Wenn die Lage in der Straße von Hormuz nicht in den nächsten 2–3 Monaten gelöst wird, steht der europäischen Wirtschaft ein äußerst schwieriger Herbst bevor. Die Befüllung der unterirdischen Gasspeicher läuft bereits zu prohibitiven Preisen. Es wird unmöglich sein, den üblichen Füllstand von 90% bis November ohne gravierende Schäden für die Industriekunden zu erreichen.

Erstens werden die vor dem Militäreinsatz (im Iran) aufgebauten Rohöl- und Mitteldestillatvorräte bis Mitte des Sommers aufgebraucht sein. Die Umstellung der Logistik auf Umwege rund um Afrika wird den Logistikaufschlag bei den Kraftstoffpreisen dauerhaft verfestigen und europäische Exporte auf den asiatischen und amerikanischen Märkten wettbewerbsunfähig machen.

Zweitens wird angesichts der schleppenden Befüllung der unterirdischen Gasspeicher bereits im kommenden Herbst das Risiko einer behördlichen Energierationierung für Industriekunden steigen. Die Erkenntnis dieses Risikos wird die Unternehmensleitungen zwingen, vorübergehend stillgelegte Anlagen endgültig zu schließen.

Drittens wird es zu einem unumkehrbaren Marktanteilsverlust kommen. Die von europäischen Chemie- und Maschinenbauunternehmen hinterlassenen Nischen werden schnell von Wettbewerbern aus den USA und China besetzt werden. Die ausländischen Investitionen in den USA sind in den letzten Jahren unter Biden wie auch unter Trump gestiegen. In China hingegen sinken sie deutlich (um 27%), was jedoch durch gestiegene Investitionen lokaler Produzenten kompensiert wird. Chinas Problem könnte woanders liegen – Überinvestitionen bei gleichzeitig schwacher Binnennachfrage –, aber das ist ein anderes Thema.

Unter diesen Umständen erscheint der von Brüssel aktiv geförderte Plan »Made in Europe« (Industrial Accelerator Act) als eine politische Erklärung mit wenig Bezug zur Realität. Die Forderung nach 70% lokaler Wertschöpfung bei der Produktion von Solarmodulen oder Elektrofahrzeugen innerhalb der EU, wo Energie in Europa 3x so teuer ist wie in den USA oder China, ist wirtschaftlich selbstmörderisch. Keine Subventionen aus dem Europäischen Staatsfonds können diese Differenz der Betriebskosten ausgleichen.“

Vor allem erhöhen sie weiter die Verschuldung in der EU, was irgendwann einmal auch an seine Grenzen stoßen wird.

„Eine anhaltende Blockade von Lieferungen aus dem Nahen Osten wird die Segregation der Weltwirtschaft beschleunigen. Europa wird sich letztlich zu einem Importeur von Industriegütern entwickeln und sich in eine Dienstleistungswirtschaft mit geschwächtem Industriepotenzial wandeln. Das Problem liegt darin, dass die europäische Gesetzgebung für ein Dienstleistungsmodell zu unflexibel und die Regulierung übermäßig streng ist. Hauptnutznießer dieses Prozesses bleiben die USA, wohin europäisches Kapital auf der Suche nach billigem Benzin, sicherer Logistik und einem berechenbaren Steuerumfeld abwandert.“

Damit geht der Plan Trumps, Industrie zurück in die USA zu holen, auf. Wobei die Sprengung der Nordstream-Pipelines unter seinem Vorgänger durchaus als Vorarbeit zur Erreichung dieses Ziels zu betrachten ist. 

https://iz.ru/2104058/dmitrii-migunov/khimicheski-chistyi-krizis-kak-ischezaet-promyshlennost-es

Pressespiegel El País, 19.4.: Trump, der Irankrieg und die EU-Politik: die Rechten in der Krise

„TRUMP WIRD ZU EINEM GIFTIGEN AKTIVPOSTEN FÜR DIE EXTREME RECHTE IN EUROPA

Vor einigen Monaten feierten europäische nationalistische Parteien die Unterstützung des Weißen Hauses. Doch der Krieg im Iran und das unberechenbare Verhalten des US-Präsidenten könnten ihn zu einer Belastung machen.“

Nicht „könnten“. Es ist bereits geschehen.

„Als Donald Trump Anfang 2025 an die Macht zurückkehrte und er und seine Mitarbeiter bei ihren Lobreden zugunsten der europäischen extremen Rechten noch einen Zahn zulegten, hatte das auf der ideologischen Ebene etwas von einem Segen an sich.
»Sensationell!«, rief der Co-Vorsitzende der AfD, Tino Chrupalla, gegenüber EL PAÍS … am Ende einer Wahlkundgebung … aus. Der deutsche Politiker hatte am selben Tag in einer Rede in München den Angriff des amerikanischen Vizepräsidenten J. D. Vance auf die europäischen Eliten gehört. »Eine so gute Rede eines ausländischen Politikers in Deutschland habe ich noch nie gehört«, feierte er.“

Zur Erinnerung: Das war die Sicherheitskonferenz, wo der Vorsitzende zu weinen anfing. 🤣

„Etwas mehr als ein Jahr später ist in diesen Parteien kaum noch etwas von der Euphorie darüber zu spüren, dass sie Trumps Auserwählte und privilegierte Verbündete der führenden Weltmacht sind. Die Euphorie verwandelte sich mit der Zeit zunächst in Unbehagen und schließlich in Ablehnung.

Die Idylle wurde unterbrochen, und es gibt kein deutlicheres Beispiel als die Auseinandersetzung in dieser Woche zwischen dem Präsidenten der USA und Giorgia Meloni, die bis vor Kurzem eine seiner privilegierten Verbündeten in Europa war. »Ich dachte, sie sei mutig, aber ich habe mich geirrt«, beklagte sich Trump, nachdem Meloni die Kritik des US-Präsidenten an Papst Leo XIV. als »inakzeptabel« bezeichnet hatte. Die italienische Ministerpräsidentin hat sich auch von Trumps Krieg im Iran distanziert.“

Sie folgte Sánchez˚ Beispiel und verweigerte Italiens Flughäfen für den Iran-Einsatz. Das ist sogar mehr als eine „Distanzierung“.

„Die europäische nationalistische Rechte hat erkannt, dass Trumps Unterstützung ihren Preis hat, wie die Wahlen am 12. April in Ungarn zeigten. Vances Besuch während des Wahlkampfs zur Unterstützung von … Viktor Orbán war zwar nicht ausschlaggebend für das Ergebnis, aber »es war eine Art politischer Todeskuss, und es hat nicht geholfen«, erklärt Daniel Hegedűs, stellvertretender Direktor des Instituts für Europäische Politik, in Berlin.

Und nun fordert derselbe Chrupalla, der im Februar letzten Jahres Vances Worte feierte, direkt den Abzug der US-Truppen aus Deutschland und nutzt das Spanien des Sozialisten Pedro Sánchez als Vorbild für sein »Nein« zu Trump. »Wir sind eine Partei des Friedens«, verkündete Chrupalla vor wenigen Tagen auf einem AfD-Ortsparteitag, bevor er »völkerrechtswidrige Kriege wie den der USA und Israels« im Nahen Osten kritisierte.“

Sánchez als Vorbild für die AfD – was bedeutet das für Vox in Spanien? Und für die Regierungskoalition in Deutschland?
Das ganze Gefüge von „rechts“ und „links“ könnte ins Wanken kommen.
Zu Sánchez ist noch zu bemerken, daß er während Trumps erster Amtszeit ein ganz Braver war und als erster EU-Politiker Juan Guaidó als „Präsidenten“ Venezuelas anerkannt hatte.

„»Donald Trumps Kriegsziele im Iran sind unberechenbar«, bestätigte Jordan Bardella, der Anführer von Marine Le Pens »Nationaler Sammelbewegung« (RN), in einem Fernsehinterview.

Im Jahr 2017, als Trump gerade zum ersten Mal die Präsidentschaftswahl gewonnen hatte, pilgerte Le Pen zum Trump Tower in New York, obwohl der Magnat sie nicht empfing.
Ein Jahr später war Steve Bannon, Trump-Ideologe und damaliger Berater des Präsidenten, Gaststar auf einem Kongress der französischen rechtsextremen Partei.

Es ist vorbei, und der Wandel, der »Fall Frankreich«, erklärt sich sowohl aus der Politik des Weißen Hauses als auch aus der Tradition der Souveränität in Frankreich und dem Misstrauen gegenüber Washington, das in diesem Land tief verwurzelt ist. Jetzt sagt Bardella zur Iran-Krise: »Niemand kann sagen, was das ideologische Rückgrat dieses Krieges ist, dessen Ende nicht absehbar ist.«“

Die meisten der Parteien des rechten Spektrums in Westeuropa denken jetzt um: Vor nicht allzu langer Zeit glaubten sie nämlich, dass Trumps Segen dazu dienen würde, sie zu normalisieren, sie aus der Ecke der verbotenen Ideologien herauszuholen und ihnen bei der Machtergreifung zu helfen.

Es gibt Ausnahmen, denen es schwerer fällt, sich vom Weißen Haus zu distanzieren, etwa die spanische Partei Vox.“

Vox wäre dann auf einer Linie mit der Regierungspartei, sehr schwierig, das Ganze!

„Und Trump und die USA sind zu mächtig und einflussreich, als dass die europäische extreme Rechte vollständig auf ein Bündnis verzichten könnte, das dazu dient, sich als machtvolle Parteien zu präsentieren, und das je nach den Umständen weiterhin nützlich sein könnte.

Doch die Kluft ist nicht über Nacht entstanden, sondern hat sich schon seit einiger Zeit angebahnt und könnte das Verhältnis zum Anführer und Pionier des neuen globalen Populismus nachhaltig verändert haben.
Erstens waren es die Zölle, die die europäische Industrie und Arbeiter oder Landwirte treffen könnten, die einen Teil der Wählerschaft für Parteien wie die RN in Frankreich darstellen.
Dann die Operation im Januar in Venezuela und die Idee des amerikanischen Präsidenten, Grönland, ein autonomes Territorium des Königreichs Dänemark, zu erobern, eine Verletzung der nationalen Souveränität, etwas, das für viele dieser Parteien eine rote Linie darstellt.

Und jetzt der Iran.
Vorher hatte die Trump-Regierung im Dezember die Nationale Sicherheitsstrategie veröffentlicht. Das Dokument ermutigte dazu, »innerhalb der europäischen Nationen Widerstand gegen den aktuellen Kurs Europas zu kultivieren«.
Damals schien es eine gute Nachricht für rechtsextreme Parteien zu sein, Unterstützung aus Washington zu haben. Jetzt wird diese Unterstützung auf einmal schädlich.

»Für populistische Parteien erscheint Trump praktisch als eine Belastung«, sagt Dominique Moïsi, Sonderberater der französischen Denkfabrik Institut Montaigne. »Das Image des Trump-Amerikas hat sich in Europa verschlechtert. Populistische Parteien verließen sich auf die Idee, dass die USA mit der Wahl eines populistischen Präsidenten eine Vorreiterrolle spielten und Europa als nächstes dran wäre, aber jetzt wird diese Idee in Frage gestellt.«

Dass eine übermäßige Nähe zu Trump kontraproduktiv sein kann, stellten Kanada und Australien innerhalb weniger Tage fest, als zwischen Ende April und Anfang Mai 2025 Wahlen stattfanden.
In beiden Ländern starteten die mehr oder weniger mit dem Trumpismus verbundenen konservativen Parteien zunächst als Favoriten, und es war unter anderem dem Trump-Effekt zu verdanken, dass die gemäßigten oder Mitte-Links-Kandidaten, der Kanadier Mark Carney und der Australier Anthony Albanese, das Ergebnis noch drehen konnten.
Der Fall Kanada wurde zu einem Beispiel, das Europa bei jeder Wahl im Auge behält. Die Liberalen preschten in den Umfragen vor, nachdem der US-Präsident drohte, Kanada zu annektieren und es zum 51. Staat der Union zu machen. Der Kandidat, dem zunächst die besseren Chancen eingeräumt wurden, der Konservative Pierre Poilievre, ging unter. Carneys klares Nein! zu Trump brachte offensichtlich ein entscheidendes Plus an Stimmen.

Obwohl die Wirkung nicht immer klar oder direkt ist, ist Trump bei vielen Wählern bei jedem Wahlgang im Hinterkopf, auch wenn die USA weit entfernt sind.

Meloni verlor im März das Referendum über die Justizreform in Italien, was teilweise durch »die wachsende Kluft zwischen ihrer auf Souveränität pochenden Haltung verursacht wurde, die sie dazu gebracht hat, sich Präsident Donald Trump anzunähern, und dem wirtschaftlichen Schaden, den ihr amerikanischer Verbündeter verursacht hat«, erklärt Arturo Varvelli von der Denkfabrik ECFR (Europäischer Rat für Auswärtige Beziehungen) in einem Bericht.
Als Trump vor einigen Tagen damit drohte, die iranische Zivilisation zu zerstören, reagierte sein britischer Verbündeter Nigel Farage: »Es verstört mich, das zu hören. Es ist auf jeden Fall übertrieben.«

Bei den jüngsten ungarischen Wahlen unterlag Orbán, ein Apostel der illiberalen Demokratie und des europäischen Trumpismus, ein Politiker, der wie kaum ein anderer enge Netzwerke mit der MAGA-Bewegung geknüpft hatte und die Unterstützung prominenter Persönlichkeiten der Trump-Administration erhielt. Es hat nicht funktioniert.“

Man könnte sogar sagen, der Schuß ging nach hinten los.

„»Die Aufmerksamkeit, die die USA Ungarn widmeten, noch dazu durch Persönlichkeiten wie Vance, stellte eher einen Minusposten als eine Hilfe dar, da sie Fidesz Zeit kostete, die sie für den direkten Wahlkampf mit den Wählern hätte aufwenden sollen«, sagt Frank Füredi, geschäftsführender Direktor des Mathias Corvinus Collegiums in Brüssel, einem Ideenlabor und Ausbildungszentrum für Orbáns politisches Umfeld.“

Ob dieses „Ideenlabor“ in Brüssel von der neuen ungarischen Regierung wohl weiter verwendet wird?

„»Auch wenn wir nicht wissen können, ob Trump Orbán geschadet hat, … hat er ihm sicherlich nicht geholfen, oder er hat ihm nicht genug geholfen«, sagt Nathalie Tocci, Direktorin des Instituts für Internationale Angelegenheiten in Rom.
»Trumps Toxizität ist klar«, fügt sie hinzu. »Aber das lässt sich nicht nur für die extreme Rechte in Europa sagen, sondern auch für die Christlich-Demokratische Union von Friedrich Merz oder die Labour Party von Starmer, die ebenfalls versuchten, mit Trump gut Freund zu sein, und das hat einen politischen Preis. Das wird immer deutlicher.«“

Für diese beiden Politiker wäre es allerdings schwieriger, sich von Trump zu distanzieren …

„Tocci hebt einen grundlegenden Widerspruch in den Bündnissen der globalen extremen Rechten hervor: Es handelt sich um nationalistische Parteien, deren Credo auf dem Papier die Verteidigung der nationalen Souveränität ist, die jedoch gezwungen sind, mit Führern wie Trump zusammenzuarbeiten, die diese Souveränität untergraben wollen.
Per Definition kollidieren sie miteinander. »Die nationalistische Internationale«, sagt sie, »verfügt über ausgeprägtere Netzwerke als die Liberalen und Progressiven, aber als Nationalisten verfolgen sie eine Politik, die sich gegenseitig schadet.«“

Das liegt eben nicht an den Netzwerken, sondern eben an ihrem politischen Inhalt, der ja auch im Widerspruch zur EU steht, aus der sie aber auch nicht austreten wollen.
Daran scheiterte auch – unter anderem – der geplante Zusammenschluß der europäischen Rechtsparteien zu einem übergeordneten Dachverband.

„Eine der Parteien, die diese internationalen Netzwerke am weitesten entwickelt hat, ist neben Fidesz in Ungarn Vox. Die spanische Partei habe ein Bündnis mit Washington geschmiedet, das auf Lateinamerika abzielt, erklärt Guillermo Fernández-Vázquez, Professor an der Universität Carlos III in Madrid und Autor von »Was tun mit der extremen Rechten in Europa? Am Fall der Nationalen Front«. Diese enge Bindung unterscheidet sie von Gruppen wie der französischen RN und erklärt vielleicht, warum es Vox schwerer fällt, die Verbindung zum republikanischen Präsidenten abzubrechen.
»Es ist, als hätten Vox und die Trump-Administration eine Ehe geschlossen, aber eine unausgewogene Ehe, weil Vox mehr Interesse an Trump hat als umgekehrt. Jetzt ist Vox mit Handschellen gefesselt. Es gibt keinen Handlungsspielraum, weil die Partei Trumps Launen ausgesetzt ist«, sagt Fernández-Vázquez. »Ich sehe, dass Vox an ihn gebunden und gleichzeitig beunruhigt ist, weil Vox diesen Krieg nicht erwartet hat und er diese Partei in eine schwierige Lage bringt.«

Ein weiterer Faktor, der Vox von Parteien wie der RN oder der AfD unterscheidet, ist, dass die spanische Partei in den Umfragen schwächer abschneidet. Obwohl sie als Juniorpartner an regionalen Regierungen teilnimmt oder teilgenommen hat, liegt sie in den Umfragen der großen Parteien, PP und PSOE in Spanien, immer noch zurück, und vielleicht sieht sie derzeit weder die Notwendigkeit, sich zu konsolidieren, noch auf Distanz zu Trump zu gehen.“

Vox hat in jüngerer Vergangenheit öfter durch fremdenfeindliche Aktionen gegen Muslime, die schon fast zu Pogromen ausarteten, von sich reden gemacht. Nur durch hohes Polizeiaufgebot konnten gröbere Zusammenstöße verhindert werden.
Auf der internationalen Bühne hingegen wirkt die Partei eher abwesend und auch in Spanien selbst gerät sie gerade durch solche Aktionen immer mehr ins Abseits.
Fernández-Vázquez sagt „Notwendigkeit“, aber es scheint der Partei eher die Möglichkeit zu fehlen, sich sozusagen neu zu erfinden, wie RN.

„Dies ist bei der französischen RN nicht der Fall, die laut Umfragen eine Chance hat, bei den Präsidentschaftswahlen 2027 den Elysée-Platz zu erobern.

Die AfD in Deutschland liegt in einigen Umfragen für die noch in weiter Ferne liegenden Wahlen im Jahr 2029 an der Spitze, ist aber über das Verhältnis zu den USA gespalten.
Es gibt eine Fraktion, die in den Gebieten der ehemaligen DDR verwurzelt ist und antiamerikanischer, antiliberaler und prorussischer ist. Fraktionschef ist Chrupalla, Co-Vorsitzender dieser Partei, die sich im Iran-Krieg Spanien als Vorbild genommen hat.
Es gibt eine andere, proamerikanischere und liberalere, im Westen verwurzelte, stärker mit der MAGA-Bewegung verbundene und von der anderen Co-Präsidentin, Alice Weidel, angeführte, die sich nun ebenfalls von Trump distanziert. »Es ist eine Katastrophe«, sagte Weidel laut ARD in einer internen Sitzung, als der Amerikaner die NATO-Hilfe im Krieg forderte.

»Die Nähe zu Donald Trump und der US-Regierung allein aufgrund ihres unberechenbaren, unvorhersehbaren und unfreundlichen Verhaltens kann [diesen Parteien] Schaden zufügen«, fasst Hegedűs vom Institut für Europäische Politik zusammen. »Aber es gibt noch einen weiteren strukturellen Aspekt«, fügt er mit Blick auf Ungarn hinzu, »und zwar, dass sie mit internationaler Unterstützung zu weit gegangen sind und als politische Kräfte, die sich auf nationale Interessen konzentrieren, nicht glaubwürdig sind.«

Es ist für aufrechte Patrioten in der Tat widersprüchlich, auf Brüssel zu wettern und Washington hochzuhalten.

„Dominique Moïsi glaubt: »Wenn der europäische Populismus weiter voranschreiten will, muss er sich vom amerikanischen Populismus distanzieren. … Die USA sind in Europa so unbeliebt geworden, dass die Nähe zu Trump keine Quelle der Legitimität darstellt«, fügt er hinzu. »Bei dem jüngsten Zusammenstoß zwischen Trump und Meloni«, bemerkt Nathalie Tocci, »hat sie wahrscheinlich mit seiner Reaktion gerechnet und muss damit gerechnet haben, dass es ihr zugute kommen wird, wenn er sie angreift.«
Für die ehemaligen Verbündeten des republikanischen Präsidenten in Europa könnte die Konfrontation mit ihm heute sogar von Vorteil sein.“

Pressespiegel Komsomolskaja Pravda, 2.3.: Angriff auf den Iran

„DIE USA HABEN GEGENWIND AUS TEHERAN ERHALTEN – WIE GEHT ES IM NAHEN OSTEN WEITER?

Der Krieg im Nahen Osten eskaliert. Der Iran beschießt weiterhin Ziele in Nachbarländern. Gestern beispielsweise griffen Drohnen Saudi-Arabiens größte Ölraffinerie, Saudi Aramco, an. Israelische Raketen flogen auf Teheran, und die iranische Atomanlage in Natanz wurde attackiert.
Die Islamischen Revolutionsgarden meldeten einen Angriff auf die Residenz des israelischen Premierministers Benjamin Netanjahu, während israelische Medien einen Angriff auf das Haus des iranischen Interims-Obersten Führers Alireza Arafi verkündeten.

Die Komsomolskaja Prawda befragte Experten zu den wichtigsten Fragen der Lage um den Iran, und zwar:

Semjon Bagdasarow, Direktor des Zentrums für Nahost- und Zentralasienstudien
Die Orientalistin Karine Geworgjan
Konstantin Blochin, führender Forscher am Zentrum für Sicherheitsstudien der Russischen Akademie der Wissenschaften.
Den ehemaligen Chef der Flugabwehrraketentruppen des Sonderkommandos (ehemals Moskauer Luftverteidigungsbezirk), Oberst a. D. Sergei Chatyljew.
Den international tätigen Journalisten Abbas Dschuma.

1. Warum vertraute der Iran den Verhandlungen mit den USA?

KP: Die Angriffe auf den Iran begannen vor dem Hintergrund iranisch-amerikanischer Gespräche in Genf. Der iranische Außenminister Aragtschi beschwerte sich, Trump habe den Verhandlungstisch »zerbombt«, obwohl eine Einigung kurz bevorstand. Dies ist bereits das zweite Mal – auch im vergangenen Juni liefen Verhandlungen. Warum gelang es den Amerikanern, die Iraner ein zweites Mal in falscher Sicherheit zu wiegen?

Blochin: Ich erinnere daran, dass Israel beim letzten Mal zuerst angriff und die Amerikaner sich erst einige Tage später beteiligten. Daher gingen die Iraner vermutlich davon aus, dass die Amerikaner auch diesmal nicht sofort eingreifen würden. Doch dieses Mal handelte es sich eindeutig um einen gemeinsamen amerikanisch-israelischen Angriff.

KP: Was ist das wahre Ziel der USA im Konflikt mit dem Iran?

Bagdasarov: Das Regime stürzen, es durch ein pro-israelisches, pro-amerikanisches ersetzen – und die Kontrolle über den enormen Reichtum des Landes erlangen.

2. Warum tauchte Ayatollah Ali Khamenei nicht unter?

KP: Irans Oberster Führer Ali Khamenei tauchte nicht unter. Warum? Schließlich kannte er die Risiken. Und warum war seine Familie zum Zeitpunkt des Angriffs bei ihm in Teheran? Hätte er sie – einschließlich seiner 14 Monate alten Enkelin – nicht in einem Bunker verstecken können?

Geworgjan: Israelische und amerikanische Medien berichteten, der iranische Oberste Führer habe sich in einem Bunker versteckt. Er war ein 86-jähriger, kranker Mann. Und er verstand: Was macht es schon für einen Unterschied? Ich werde sowieso sterben, und es wird sofort geschehen.
Er wurde zum heiligen Opfer und bewies damit seine Integrität. Das ist wichtig. Ayatollah Khamenei hat sehr mutig gehandelt.
Es ist schade, dass seine Angehörigen anwesend waren. Ein Kleinkind starb …

Dschuma: Ich erkläre dies mit religiöser und ideologischer Logik. Der Oberste Führer war ein aufrichtiger Gläubiger; seine Priorität war der Erhalt des 1979 etablierten Systems, selbst um den Preis seines eigenen Lebens. In diesem Kontext wird ein würdevoller Tod, insbesondere während des Ramadan, als wertvoller angesehen als ein sicheres Überleben.
Wenn ein Führer zu dem Schluss kommt, dass sein Tod der Sache mehr nützt als sein weiteres Leben, trifft er eine bewusste Entscheidung. In diesem Sinne war Khameneis Entscheidung, nicht in den Bunker zu gehen, seine persönliche.
Was die Todesfälle der Angehörigen betrifft, möchte ich daran erinnern: Der Tag des Angriffs war ein gewöhnlicher Tag, und die Angriffe richteten sich nicht nur gegen militärische, sondern auch gegen zivile Ziele. Kinder wurden getötet. Daher schlage ich vor, dass wir uns nicht fragen, warum Khameneis Enkelin zu Hause war, sondern warum Hunderte anderer Kinder an diesem Tag in der Schule waren.

3. Ist ein Putsch im Iran möglich?

KP: Trump und Netanjahu riefen die iranische Opposition auf, auf die Straße zu gehen und die Macht zu ergreifen. Ist ein solches Szenario realistisch?

Geworgjan: Das ist natürlich eine massive Überschätzung der Fähigkeiten der iranischen Opposition. Sie setzen schlicht auf Kopfabschneider, von denen es viele gibt. So die 25.000 ehemaligen IS-Kämpfer, die von den Kurden in Gefängnissen und Lagern festgehalten und dann in den Irak deportiert wurden. Sie setzen darauf, dass diese Mörder den Iran angreifen. Aber sie sind keineswegs die Opposition. Das ist nicht ernst zu nehmen.
Bomben fallen auf das Land, und jemand kommt heraus und sagt: Lasst uns die Regierung stürzen? Die Antwort wird lauten: Bist du verrückt? So würde jeder reagieren, selbst jemand, der den Ayatollah hasst.

KP: Die iranische Regierung ist nicht homogen. Gibt es derzeit jemanden in der Führung, der mit den USA kooperieren könnte?

Bagdasarov: Es gibt Leute, die mit Washington sympathisieren. Zum Beispiel Mohammad Dschavad Zarif, der ehemalige iranische Außenminister unter Präsident Rohani und ein persönlicher Freund von Präsident Pezeschkian.
Unter Pezeschkian wurde er Vizepräsident für strategische Angelegenheiten. Hinter vorgehaltener Hand wird er als »Amerikaner« bezeichnet; er studierte in den USA und war bereit, in seinen Beziehungen zu ihnen weit zu gehen.
Er verzögerte aktiv die Unterzeichnung eines strategischen Partnerschaftsabkommens zwischen den Iranern und Russland und wartete die US-Wahlen ab. Das war Zarifs Empfehlung, weil: Hätten die Demokraten gewonnen, hätten die Iraner ein solches Abkommen niemals mit Rußland unterzeichnet. Erst nach Trumps Sieg sagten sie: Wir werden unterschreiben.

Dschuma: Es wird über eine ähnliche Rolle für den Vorsitzenden des iranischen Sicherheitsrates, Ali Laridschani, gesprochen. Ich halte ihn aber nicht für jemanden, der bereit wäre, den Iran den Amerikanern »auszuliefern«, obwohl der Einfluss seiner Familie im Land tatsächlich beträchtlich ist. Laridschani selbst hat Berichte über Versuche zur Wiederaufnahme des Dialogs mit Washington, die zuvor insbesondere im Wall Street Journal erschienen waren, bereits öffentlich dementiert. Teherans offizielle Position schließt Verhandlungen mit den USA derzeit aus.

4. Wie unterscheidet sich die militärische Reaktion des Irans von der in früheren Konflikten?

KP: Wie würden Sie die militärische Reaktion des Irans auf den Angriff charakterisieren? Was ist daran neu im Vergleich zu früheren Konflikten?

Bagdasarov: Meiner Meinung nach handelt der Iran völlig falsch. Sie haben gerade eine Ölraffinerie in Saudi-Arabien angegriffen. Warum? Versucht Teheran, die Golfkoalition zu provozieren, damit sie sich am Krieg beteiligt? Wird das dem Iran nützen? Ich verstehe es nicht.

Chatyljew: Der Iran führt primär defensive Operationen durch. Die wichtigste Neuerung ist der aktive Einsatz der Luftstreitkräfte, die zuvor praktisch ungenutzt blieben, nun aber in die vorderste Angriffslinie integriert sind.
Bemerkenswert ist auch der Einsatz von mehr als 6 Hyperschallraketen. Dies deutet darauf hin, dass der Iran über entsprechende Bestände verfügt. Meiner Meinung nach bereitet sich Teheran auf komplexe Operationen zu Land und zu Wasser vor: Die Marine operiert aktiv gegen die US-Marinegruppe und greift gemeinsam mit landgestützten Raketenstreitkräften Ziele auf See und an Land an.
Zuvor gab es keine Angriffe auf europäische Stützpunkte in der Region. Und nun »warnt« der Iran Länder, die die amerikanische Linie unterstützen.
Die Aussagen Deutschlands über seine Bereitschaft zu Vergeltungsaktionen muß man ironisch kommentieren: Deutschland verfügt nicht über Flugzeugträger, eine Luftwaffe oder Tanker wie die USA, und ein Teil seiner Ausrüstung wurde an die Ukraine abgegeben, sodass seine Fähigkeit zur tatsächlichen Teilnahme an Kampfhandlungen begrenzt ist.

KP: Wer ist in der Lage, militärisch zugunsten des Irans zu intervenieren?

Bagdasarov: Niemand. Irans verlängerte Arme wie die Hisbollah und die Hamas sind erschöpft und verfügen über keine nennenswerten militärischen Kapazitäten.

5. Wird der Iran die Straße von Hormuz schliessen?

KP: Wird der Iran die Straße von Hormuz schließen (während er beispielsweise chinesischen Tankern die Durchfahrt erlaubt)? Was wird dann mit den Ölmärkten geschehen? Wir beobachten bereits iranische Angriffe auf Ölanlagen – beispielsweise die Raffinerie von Saudi Aramco …

Blochin: Teheran könnte die Straße für kurze Zeit schließen. Aber nicht dauerhaft. Schließlich wird der Druck nicht nur von den USA und Israel kommen. Auch China bezieht seine Energielieferungen durch die Straße von Hormuz. Peking könnte also fordern, dass seine Interessen berücksichtigt werden, und Teheran hat kein Interesse daran, die Chinesen zu verärgern. Darüber hinaus ist allgemein bekannt, dass Trumps Angriff auf den Iran unter anderem durch den Wunsch motiviert ist, Chinas Aufstieg zu stoppen.
Warum sollte man Chinas Feinden helfen, indem man die Straße von Hormuz schließt?“

Eine Teilsperre ist also nicht möglich, nur eine Gesamtsperre?

6. Wird der Iran in einem Krieg standhalten?

KP: Wie schätzen Sie die Lage im Nahen Osten ein? Wie lange könnte der Konflikt dauern, und ist der Iran in der Lage, durchzuhalten?

Blochin: Ich bin Amerikanist, daher kann ich vor allem die Reaktion in den USA vorhersagen. Es wird keinen organisierten Widerstand gegen Trumps Vorgehen geben, da ein Regimewechsel im Iran seit Langem ein zentrales Anliegen beider amerikanischer Parteien ist.
Die öffentliche Meinung in den USA ist bereit, Risiken einzugehen und Geduld zu üben, um dieses Ziel zu erreichen.
Es ist schwierig, die Dauer des iranischen Widerstands vorherzusagen. Eine weitere Möglichkeit ist der Zerfall des Landes entlang ethnischer Linien.

Geworgjan: Es ist in der Tat schwer vorherzusagen … Die Amerikaner könnten sogar einen Atomangriff auf den Iran starten. Wir müssen uns aber darüber im Klaren sein, dass die Winde über dem Iran im März die gesamte Strahlung auf die Arabische Halbinsel, zu ihren Verbündeten in der Region und zu ihren eigenen Stützpunkten treiben werden.“

Es ist beachtlich, daß keiner der Befragten ein Eingreifen Chinas oder Rußlands in Erwägung zieht. Aber vielleicht ist das ein Tabuthema …

https://www.kp.ru/daily/27761/5217013