Pressespiegel El País, 22.10.: Unruhen in Mailand – und ganz Europa

„MAILAND – EINE VON LUXUS UND UNGLEICHHEIT ZERSTÖRTE STADT“

Das mit der »Ungleichheit« ist beliebt, dumm und vom ideologischen Standpunkt sehr praktisch: Die Klassengesellschaft wird zu einer quasi Naturgewalt verfabelt und diese als eine Art Monster betrachtet, das verantwortungsvolle Politiker in den Griff zu kriegen hätten.
Schaffen sie es nicht, so haben sie »versagt«.
Eigentum? Kapital? Lohnarbeit? Gewinn? Markt? – alles Fehlanzeige!, das ist alles super gut und funktioniert einwandfrei – wenn nur diese blöde »Ungleichheit« nicht wäre, die dem Staat und der Politik dann überall in die Quere kommt.

„Die Unruhen in der italienischen Metropole kommen nicht aus dem Nichts;“

– komisches Dementi – das hat ja niemand behauptet –

„sie sind ein Extrembeispiel für die Probleme, unter denen auch andere Hauptstädte leiden: Mailand beherbergt eine der weltweit höchsten Konzentrationen an Millionären, verdrängt aber gleichzeitig seine eigenen Bewohner.

Mailand ist die Stadt, in die die Sängerin Dua Lipa ziehen möchte – doch für viele der dort Ansässigen ist es ein Ort, den sie zwangsläufig verlassen müssen. Die Stadt zählt weltweit zu den Orten mit der höchsten Millionärsdichte; diese lassen sich in neuen Wolkenkratzern nieder, die von namhaften Architekten entworfen wurden.
Angelockt werden sie durch eine in Italien seit 2017 angebotene steuerliche Pauschalregelung – eine Einmalzahlung von 300.000 Euro (was 2018 auch Cristiano Ronaldo dazu bewog, von Real Madrid zu Juventus zu wechseln). Es ist das sogenannte »Mailänder Modell«: eine Stadt des Luxus, der Kultur, der Mode und der Investmentbanken – ein idealer Wohnort, wäre da nicht die Tatsache, dass das Leben dort aufgrund der Immobilien- und Mietpreise unerschwinglich geworden ist. Laut Daten von Immobilienportalen kosten Eigentumswohnungen heute 57% mehr als vor einem Jahrzehnt, und die Mieten sind seit 2018 um 70% gestiegen.

Laut der Financial Times ist das Verhältnis zwischen Einkommen und Wohnkosten in Mailand inzwischen schlechter als in London. Italien ist ein Land, in dem die Löhne seit 25 Jahren stagnieren – während sie im übrigen OECD-Raum um 35% gestiegen sind –, es keinen gesetzlichen Mindestlohn gibt und die Inflation innerhalb von 5 Jahren 27,1% erreicht hat. Dies bildet den Nährboden für soziale Unruhen in ganz Italien; in Mailand jedoch ist die Situation noch prekärer.
Die Stadt ist ein Extrembeispiel für die Missstände in anderen europäischen Metropolen – zumal sie mit 1,3 Millionen Einwohnern gar nicht so groß ist. Dennoch hat sie ihre Bürger besonders schnell vertrieben: Sie wurden in den weitaus weniger attraktiven Großraum abgedrängt, in dem heute 1,8 Millionen Menschen leben. In Mailand wurde »Der Teufel trägt Prada 2« gedreht, doch hinter dem ganzen Dekor ist die Stadt durch Ungleichheit zerstört.“

Das wird wohl nicht an dem Film liegen.

„Die 2000 Jugendlichen, die am Wochenende im Stadtzentrum für Aufruhr sorgten, kommen nicht aus dem Nichts.“

Der Unsinn wird durch Wiederholung nicht besser.
Wie soll irgendein Mensch aus dem Nichts kommen?

„Oder besser gesagt: Sie kommen genau aus dem Nichts – aus jener Peripherie, die scheinbar gar nicht existiert und vom Luxus ausgeschlossen ist. Am Wochenende beschlossen sie, Schaufenster einzuschlagen und Markenturnschuhe zu stehlen. Der Jüngste der Festgenommenen war 11 Jahre alt.“

Daß man deswegen, weil man nicht im Luxus lebt, im »Nichts« lebt, ist eine eigenartige Auffassung der Klassengesellschaft, nach der der überwiegende Teil der Menschheit gar nicht zu existieren scheint.

»Wie soll man 1.200 Euro für ein Paar Turnschuhe bezahlen, wenn man 1.400 Euro im Monat verdient? Multinationale Konzerne zu bestehlen, finde ich in Ordnung – Privatpersonen hingegen nicht«, sagt der 20-jährige Lello, einer der bei den Unruhen Festgenommenen. Es ist Montag, und er wurde gerade – zusammen mit seinem Bruder und zwei weiteren jungen Männern, die sie in der Zelle kennengelernt hatten – aus dem Polizeirevier in der Via Fatebenefratelli entlassen.
Sie sind ganz in Schwarz gekleidet und wollen zunächst nicht mit Journalisten sprechen. Dann taucht jedoch jemand auf, der angibt, für den YouTube-Kanal von Fabrizio Corona zu arbeiten – einem berühmten Paparazzo, der selbst im Gefängnis saß und zu einer sehr populären Figur geworden ist. Sein Kanal heißt »Falsissimo«. Daraufhin sind sie bereit zu reden; für sie ist er ein »Großer«.
Wie fast alle jungen Leute, die am Wochenende in Mailand auftauchten, stammen sie aus den Vororten – aus Rho, San Donato oder sogar aus Lecco, das eine Zugstunde entfernt liegt.“

Lecco ist wirklich kein Vorort von Mailand, sondern ein hübsches Städtchen an einem See nördlich von Mailand.
Es mag sein, daß großer Luxus dort nicht möglich ist, aber so weit fahren, um zu randalieren, nur weil man sich keine sündteuren Turnschuhe leisten kann?
Es mag alles stimmen, wirft aber kein gutes Licht auf den geistig-seelischen Zustand dieser jungen Leute.

„Die vier, die zwischen 18 und 21 Jahre alt sind, berichten von schwierigen Lebensumständen: Sie arbeiten nicht, studieren nicht, kommen aus problematischen Familienverhältnissen, sind arbeitslos oder schlagen sich mit prekären Jobs durch. Einer von ihnen hat bereits Zeit in einer Jugendstrafanstalt verbracht. Die beiden Brüder erzählen, dass sie vor kurzem 2 Monate lang obdachlos waren. Keiner von ihnen hat bisher seine Eltern angerufen; diese wissen also gar nicht, was aus ihnen geworden ist. Sie beteuern, dass sie bei dem Chaos am Sonntag nichts getan hätten – sie seien einfach nur vor Ort gewesen, bis sie schließlich geschnappt wurden. Auf dem Revier waren sie zu 27. in einer Zelle untergebracht: die 4 Italiener und 23 Personen ausländischer Herkunft.

Von Politik haben sie keine Ahnung.

»Wir haben es getan, um uns Gehör zu verschaffen«

Warum sind sie am Sonntag zum Dom gegangen? Alle hatten auf TikTok mitbekommen, dass dort etwas im Gange war, und schlossen sich an: »So wie in Frankreich – denn hier hatte bisher niemand die Eier, sich zur Wehr zu setzen. Man muss die Situation umkehren. Wegen der Bildung, der Arbeit, der Benzinpreise, der Steuern. Wir haben es getan, um uns Gehör zu verschaffen. Wenn sich die Lage nicht ändert, wird es immer schlimmer – also ab auf die Straße und für Aufruhr sorgen!
Die neue Generation hat Eier, ganz anders als die von früher«, sagt Alessandro.“

Eine No-Future-Generation, die nichts zu verlieren hat.
Nicht einmal die Eier … 😆

„Zwei von ihnen sagen, sie würden es wieder tun; einer verneint, weil er eine Nacht auf der Polizeiwache als zu heftig empfunden hat; der Vierte ist sich unsicher.

Mario Calabresi, Journalist und Schriftsteller, der gerade seine Kandidatur für das Amt des Bürgermeisters von Mailand bekannt gegeben hat, hatte so etwas erwartet – wenn auch nicht in einer derart gewaltsamen Form. »Schon im September sagte ich, dass wir 2 Städte haben. Eine glänzende, wie ein Schaufenster, und eine andere, die sich unsichtbar fühlt – eine, in der es weniger Licht gibt. Ich sagte, wir müssten diesen Riss heilen, sonst würde irgendjemand dieses Schaufenster einschlagen. Diese Jugendlichen empfinden das Stadtzentrum als ein Geschäft, das sie nicht betreten dürfen. Wir müssen eine Gemeinschaft und ein bürgerschaftliches Miteinander wiederaufbauen«, erklärt er.

Zudem zeichnet sich ein Problem bei der Integration der zugewanderten Bevölkerung ab.“

Hier scheint es sich nicht nur um die aus dem Ausland, sondern auch aus anderen Teilen Italiens, wie dem Mezzogiorno, eingewanderte Menschen zu handeln.

„Wann hat die Politik begonnen, diese Menschen zu vergessen? »Sie hat eigentlich nie damit begonnen, sich um sie zu kümmern.« Er weist darauf hin, dass es sich um das erste Mal handelt, dass es in Italien zu einem sozialen Ausbruch nach französischem Vorbild kommt: »Die Einwanderung setzte Mitte der 90er Jahre ein. Für uns ist dies die erste ‚2. Generation‘ – ein völlig neues Problem.«

Für Calabresi ist der Brexit von 2016 ein Teil der Erklärung: Viele, die London verließen – Unternehmer, Führungskräfte –, gingen nach Mailand. Auch Studierende kamen hinzu; er nennt eine Zahl: Vor 10 Jahren gab es 150.000 Studierende in der Stadt, heute sind es 230.000. Dies hat den Immobilienmarkt zusätzlich unter Druck gesetzt – zumal es 4 Privatuniversitäten gibt, die Studierende mit höherer Kaufkraft anziehen. Hinzu kamen Touristen und Ferienwohnungen.

Das ist bemerkenswert für eine Stadt, die – im Vergleich zu Rom, Venedig oder Florenz – stets als grau und wenig attraktiv galt. Doch all dies ist das Ergebnis einer groß angelegten Image-Kampagne, die Lucia Tozzi, eine Forscherin für Stadtpolitik, in ihrem 2023 erschienenen Essay »Die Erfindung Mailands« (»L’invenzione di Milano«) schonungslos analysiert hat. Das Buch brach mit dem Tabu, die vermeintliche Großartigkeit der Stadt zu verneinen – einer Stadt, die, so Tozzi bei einem Kaffee in ihrem Viertel Isola, »ganz in der Selbstinszenierung ihres Image-Erfolgs versunken« ist.
Auch ihr eigenes Viertel, Isola, hat eine Gentrifizierung durchlaufen; es liegt direkt am Fuße eines der Wahrzeichen des neuen Mailands: der beiden Hochhäuser des »Vertikalen Waldes« (Bosco Verticale), entworfen vom Architekturbüro Boeri im neuen Stadtviertel Porta Nuova. Doch jedes dieser Symbole hat dazu geführt, dass die Preise in der Umgebung in die Höhe schnellten und alte Gebäude abgerissen wurden. »Eine enorme Zahl von Menschen wurde aus der Stadt vertrieben. Zuerst die Ärmsten, dann die Mittelschicht. In der Klasse meines Sohnes habe ich miterlebt, wie alle seine Klassenkameraden – Familien, die schon immer hier im Viertel gelebt hatten – weggezogen sind. Sie haben Mailand verlassen.«

Das Gericht in Mailand schrieb 94 Stellen für Justizbeamte aus, konnte aber – wie nun bekannt wurde – nur fünf davon besetzen. Der Grund: Die hohen Mieten lassen sich mit Gehältern zwischen 1.500 und 1.600 Euro schlicht nicht finanzieren. In der Region fehlen zudem zwischen 2.500 und 3.000 Pflegekräfte, und bei der jüngsten Ausschreibung für Hausärzte bewarben sich auf 600 Stellen lediglich 20 Personen. Ähnlich sieht es in anderen Bereichen aus – vom Lehrpersonal bis hin zum Fahrpersonal im Mailänder öffentlichen Nahverkehr, wo 400 Kräfte benötigt werden.

Für Tozzi begann alles mit der Expo 2015. Die Ausstellung selbst war zwar keine große Sache, diente aber als Vorwand, um einen massiven Zustrom öffentlicher Investitionen zu generieren. »Es war Geld, das anderen Städten und Regionen entzogen wurde. Zudem gab es – was für einen Herrscher in Italien ideal ist – Sondergesetze, die es ermöglichten, die regulären Verfahren zu umgehen. Mailand wurde fast zu einer Art Steuerparadies. Zahlreiche ausländische Investoren strömten herbei, allen voran aus Katar.«
Diese überaus laxen Regeln führten im Jahr 2025 zu einer umfassenden Untersuchung wegen städtebaulicher Unregelmäßigkeiten – ein Verfahren, das noch immer andauert und 14 große Immobilienprojekte betrifft. Dies hat nicht nur Projekte ausgebremst, sondern bedroht – zusammen mit der zunehmenden Erschöpfung des Baulands – das gesamte Modell.“

Interessant, wie die beiden befragten Mailänder singuläre Ereignisse für die Entwicklung verantwortlich machen, niemals aber die seit 1990 völlig entfesselte kapitalistische Wirtschaftsordnung, die Konkurrenz und Gewinne über alles stellt.

»Zuerst wurden die Gebäude ausgetauscht, dann die Bevölkerung – so begann die Touristifizierung Mailands«, erklärt Tozzi. In den letzten 6 Jahren hat sich die Zahl der Touristen in der Stadt verfünffacht. Für sie war das gesamte »Mailänder Modell« ein einziger kultureller Schwindel: Unter dem Deckmantel von Events, Greenwashing, Inklusion und Unterhaltung verbargen sich in Wahrheit »eine Konzentration von Reichtum in wenigen Händen sowie eine rücksichtslose Privatisierung von Gütern und Dienstleistungen«. Und das alles unter einer Mitte-links-Stadtverwaltung. Beppe Sala, der seit 2016 als Bürgermeister amtiert, war zuvor der Kommissar der Expo.

Dass es zu sozialen Unruhen kommen würde, war für sie absehbar – auch wenn sie meint, es sei noch zu früh, um die Geschehnisse abschließend zu deuten. Unabhängig von den Unruhen ist sie überzeugt, dass vielen Mailändern inzwischen klar geworden ist, dass die vergangenen Jahre »ein einziger Betrug« waren.
»Die Perspektivlosigkeit betrifft alle, nicht nur die Jugend. Es handelt sich nicht um einen Generationenkonflikt, sondern um einen Klassenkonflikt. Die Menschen haben begriffen, dass ihre missliche Lage nicht auf persönliches Versagen zurückzuführen ist, sondern auf eine Situation, die sich politisch lösen ließe“

– ließe sie sich wirklich? Bei derzeit gültiger EU-Gesetzgebung, die gegen jegliche Beschränkung von Zinsfuß und Profit als „Kommunismus“ Zetermordio schreit? –

„– auch wenn hier derzeit keine Kandidaten in Sicht sind, die mit der Berliner Bürgermeisterin vergleichbar wären; und ich glaube auch nicht, dass wir solche Persönlichkeiten hier sehen werden«, argumentiert sie.“

Ein ganz typisches, nicht italienenisches Argumentationsmuster: Woanders gibt es Hoffnungsträger, aber leider hierzulande nicht! Und das, obwohl Franziska Giffey in Deutschland wenige überzeugt hat …

„Was sie am meisten schmerzt, ist, dass eine Stadt, die in den 60er und 70er Jahren – was öffentliche Dienstleistungen und sozialen Wohnungsbau betrifft – tatsächlich beispielhaft war, innerhalb weniger Jahre systematisch zerstört wurde.

Der Journalist und Schriftsteller Michele Serra, einer der führenden Kolumnisten der Tageszeitung La Repubblica, erzählt, dass er als Kind in der Nähe von Santa Maria delle Grazie wohnte – der Basilika, in der sich »Das letzte Abendmahl« Leonardos befindet. »Mein Vater war ein einfacher Bankangestellter, und wir wohnten zur Miete. Doch heute ist es für eine Familie undenkbar, dort zu leben. Um in Mailand wohnen zu können, muss man mindestens 5.000 Euro im Monat verdienen – andernfalls muss man wegziehen«, bemerkt er.
Er erinnert sich, dass all die neuen Hochhausviertel noch bis in die 90er Jahre hinein Brachflächen waren. Seiner Ansicht nach ging die Entwicklung danach sehr schnell vonstatten. Ihn interessiert nun, was in den Köpfen jener Jugendlichen vorgeht, die Geschäfte plündern: Geht es ihnen nur um teure Turnschuhe, oder steckt dahinter eine echte Kritik am gesellschaftlichen Modell?

»Wir waren arm, aber wir waren gut gekleidet«

Die Psychologin Roberta Milanese, eine in Italien anerkannte Expertin für strategische Kurzzeittherapie, ist der Ansicht, dass die Haltung dieser Jugendlichen – entgegen anderslautender Behauptungen – wenig mit Wut zu tun hat: »Auf mich wirkte es so, als hätten sie das Ganze fast wie ein Spektakel erlebt. Die Jugendlichen wurden sozusagen über die sozialen Medien dazu eingeladen, an einem Ereignis teilzunehmen – alle waren gleich gekleidet. In einigen Interviews sagten sie, es habe wie ein Flashmob oder ein Videospiel gewirkt. Es kam zu einem Gruppeneffekt, einem Mechanismus der Zugehörigkeit – für Jugendliche ein grundlegender Aspekt.«
Sie meint, viele dieser jungen Menschen seien auf der Suche nach einer Identität: »Das bedeutet, dass es uns nicht gelungen ist, in ihnen ein Gefühl der Zugehörigkeit zur Gemeinschaft zu wecken.« Ihrer Meinung nach haben sich diese Jugendlichen »für einen Tag wie Helden gefühlt«.

Baby Gang, ein 25-jähriger italienischer Rapper marokkanischer Herkunft, der in Lecco bei Mailand geboren wurde, war im Jahr 2025 der meistgehörte italienische Künstler auf Spotify – mit 6,5 Millionen Nutzern. Ein bekannter Song von ihm lautet: »Alcott, Zara, Bershka – wir haben Kleidung geklaut / Die Diebstahlsicherungen ließen wir in den Umkleidekabinen zurück / Es war ein Gewusel aus Afrikanern und Maghrebinern / Wir waren alle arm, aber gut gekleidet.«
Er stammt aus dem Jahr 2021.“

Der Artikel reiht sich in viele Artikel in den europäischen Medien ein, die nicht so recht wissen, wie man diese Proteste kommentieren soll.

Einfach nur schimpfen auf das jugendliche Gesindel will man nicht, dafür sind die Demonstrationen zu groß und mächtig. Außerdem gingen sie gerade in Spanien von der Wohnungsfrage aus, die man in der Tat nicht einfach vom Tisch wischen kann und will.

Zu verständnisvoll kann und will man auch nicht sein, weil immerhin wurde geplündert und Gewalt angewendet und Schäden verursacht.

Und das ganze als Ergebnis der EU-Politik zu sehen, verbietet sich erst recht, deshalb müssen Expo und Brexit und dergleichen herhalten.

Pressespiegel El País, 3.10.: Kaliningrad

„KALININGRAD, DIE MILITARISIERTE RUSSISCHE EXKLAVE INNERHALB DER NATO, DIE PUTINS NUKLEARE DROHUNG ENTFESSELTE“

Ein ziemlich dummer Titel für den Artikel, dem man die Stoßrichtung bereits anmerkt: Es sind natürlich nie und nimmer die ständigen NATO-Manöver in der Ostsee, die ja nur der „Abschreckung“ dienen, die Moskau zu einer Reaktion veranlassen.
Nein, die Enklave selbst wird zu einem Subjekt für die Erinnerung an die Nuklearwaffen – die wiederum als eine Art Spleen Putins dargestellt wird.

„Der einzige russische Hafen, der auch im Winter in Betrieb ist, stellt für den Kreml sowohl eine Stärke als auch eine Schwachstelle dar.“

Das natürlich eine dicke Lüge. Auch andere russische Häfen sind im Winter in Betrieb, die Fahrrinnen werden durch Eisbrecher frei gehalten. Das gilt für Petersburg, Primorsk, Murmansk oder Wladiwostok, die selbstverständlich ganzjährig arbeiten. Kaliningrad scheint dagegen ohne Eisbrecher auszukommen.
Hier wird eine Notlage konstruiert, um Rußland wieder einmal als einen Giganten auf tönernen Füßen darzustellen: Ein einziger Hafen im Winter!!

„Kaliningrad, die militarisierte russische Exklave zwischen Polen und Litauen, zwei NATO- und EU-Mitgliedstaaten, und ständiger Quell der Spannungen zwischen dem Kreml und dem Atlantischen Bündnis, ist zum Zentrum von Wladimir Putins nuklearer Drohung gegen die Europäer geworden. Moskau beschuldigte die Militärorganisation diese Woche, Kaliningrad blockieren zu wollen, und drohte mit dem Einsatz von Atomwaffen, sollte die NATO … dieses angebliche Ziel verfolgen.“

Hier wird so getan, als sei das eine völlig absurde Annahme und die ständigen Manöver und Provokationen in der Ostsee durch NATO-Staaten seien lediglich eine Erfindung Rußlands.

„Für den Kreml ist die Exklave, die einen strategischen Zugang zur Ostsee bietet (es ist der einzige Hafen, den er ganzjährig nutzen kann)“

– der Unsinn wird nicht besser, wenn er ein paarmal wiederholt wird –

„und ein Schlüsselpunkt seiner hybriden Kriegsführung gegen Europa ist, eine vorgeschobene Festung.“

„Vorgeschoben“ ist die Enklave nur durch den Zerfall der SU: Vorher war sie integraler Teil des Staatsgebietes. Es ist das Vordringen der NATO in der Ostsee, der Kaliningrad zu einem „Vorposten“ macht.

„Seit Beginn des großangelegten Krieges gegen die Ukraine im Februar 2022“

– der ja von den NATO-Staaten auf immer mehr Ebenen verlegt wurde, sonst wäre er längst vorbei –

„hat sie noch an Bedeutung gewonnen. Für die NATO stellt sie ein entscheidendes Element dar, das jede Krise im Baltikum beeinflussen könnte, da sie die Bewegungsfreiheit der alliierten Streitkräfte einschränken könnte.“

Wie sähe denn eine „Krise im Baltikum“ aus?
Die würde eintreten, wenn die NATO versucht, Rußland dort zu blockieren und die Ostsee zu einem NATO-Meer zu machen – wofür es ja bereits Probegalopps durch Beschlagnahmung russischer Tanker und Drohnenangriffe auf russische Häfen gibt.

„»Sollte ein direkter Angriff gegen die Russische Föderation, in diesem Fall Kaliningrad, oder möglicherweise auch gegen andere Gebiete erfolgen, wird der Einsatz aller verfügbaren russischen Waffen unverzüglich in Betracht gezogen. Das ist unausweichlich«, warnte der russische Präsident Wladimir Putin am Donnerstag.
Westliche Geheimdienste vermuten, dass Russland Atomwaffen in Kaliningrad versteckt hält.“

Das richtige Wort wäre „gelagert“. Warum muß Rußland seine Waffen „verstecken“?
Man merkt an dieser Wortwahl, wie unangenehm, ja unerhört es ist, daß Rußland Waffen hat, noch dazu Atomwaffen!

„Seit 2016 sind dort Kurzstreckenraketen des Typs 9K720 Iskander stationiert, die Atomsprengköpfe tragen können. 2 Jahre später entdeckte die Federation of American Scientists, dass der Kreml seine Atomwaffendepots in der Region modernisierte.“

Man merkt, wie lückenlos die Beobachtung ist. Die „Federation of American Scientists“ ist natürlich nur eine Unterabteilung irgendeines US-Geheimdienstes, die so tut, als wäre ihr die Wissenschaft ein Anliegen.

„Jahrhundertelang war es Königsberg, eine preußische Stadt, die mit dem Philosophen Immanuel Kant und den baltischen Handelsrouten verbunden war. Nach dem II. Weltkrieg … wechselte sie den Besitzer, ihren Namen und ihre Bevölkerung. Die deutsche Stadt verschwand, und auf ihren Ruinen entstand eine sowjetische Stadt, die zu einem der wichtigsten Militärstützpunkte Moskaus in Europa und zum Herzstück der östlichen Flanke der EU wurde.“

Die Kriegsergebnisse, d.h. die Niederlage des nationalsozialistischen Deutschlands, werden hier auf einen „Besitzerwechsel“ reduziert, wo der neue Hausherr reinen Tisch macht – eigentlich eine Ungehörigkeit …
Es schadet nicht, daran zu erinnern, daß Rußland gerade Kant sehr hochhält und 2024 große Feierlichkeiten zu seinem 300. Geburtstag veranstaltet hat, die von den größeren westlichen Medien gar nicht erwähnt wurden.

„Heute befinden sich an ihren Küsten Einrichtungen der Baltischen Flotte sowie Raketen- und Luftverteidigungssysteme, die es Russland ermöglichen, seine Macht über weite Teile des umliegenden Meeres zu projizieren.“

Das klingt so, als wären dort in der deutschen Zeit nur Kaffeekränzchen zu Ehren Kants abgehalten worden und erst mit der sowjetischen Übernahme wurde ihre militärische Bedeutung entdeckt und entwickelt.
Dagegen weiß die russische Wikipedia:

„Festungsregion Königsberg

Lange vor und auch im Laufe des II. Weltkriegs … wurde die deutsche Stadt Königsberg zu einer der mächtigsten Festungsregionen Ostpreußens ausgebaut. Am Ende des Großen Vaterländischen Krieges (1941–1945) war sie die wichtigste Verteidigungsfestung Nazideutschlands auf der Halbinsel Samland.
Mehrere Jahre vor dem Krieg wurde die Festung modernisiert und mit leistungsstarker militärischer Ausrüstung ausgestattet. Zahlreiche Festungen mit Festungsartillerie (17 im äußeren Ring, bis zu 10 noch stärkere im äußeren Verteidigungsring), Hunderte von durch unterirdische Gänge verbundenen Bunkern aus Stahlbeton, Panzergräben und ein weitverzweigtes Netz von Feldbefestigungen sicherten die Stadt von allen Seiten. Königsberg wurde von einer großen deutschen Truppenstärke verteidigt, die über große Waffen- und Munitionsvorräte verfügte.
Die Gesamtstärke, einschließlich Artillerieeinheiten, Stadtpolizei und Volkssturm, betrug etwa 130.000 Mann.

Das deutsche Oberkommando traf alle möglichen Vorkehrungen, um die Stadt und die Festung Königsberg auf eine längere Belagerung vorzubereiten. In der Stadt befanden sich zahlreiche Militärarsenale und Lagerhäuser. Das Verteidigungssystem umfasste einen äußeren Verteidigungsring, der bereits von sowjetischen Truppen durchbrochen worden war, und drei innere Ringe. Im Zentrum der Stadt erhob sich eine Zitadelle.
In Königsberg wurden drei Verteidigungsringe angelegt. Der erste, sechs bis acht Kilometer vom Stadtzentrum entfernt, bestand aus Schützengräben, einem Panzergraben, Stacheldraht und Minenfeldern. Dieser Ring umfasste 15 Festungen (erbaut bis 1882) mit Garnisonen von 150 bis 200 Mann und 12 bis 15 Geschützen. Der zweite Verteidigungsring verlief am Stadtrand und bestand aus Steingebäuden, Barrikaden, Feuerstellungen an Kreuzungen und Minenfeldern. Der dritte Ring im Stadtzentrum bestand aus neun Bastionen, Türmen und Ravelins (erbaut im 17. Jahrhundert und zwischen 1843 und 1873 wiederaufgebaut).
Im August 1944 führten britische Flugzeuge zwei massive Bombenangriffe auf die Stadt durch und zerstörten deren Zentrum vollständig.“

Aus dem Verhör mit dem Oberbefehlshaber Königsbergs, Otto Lasch, nach der Kapitulation seiner Soldaten:

„Die Soldaten und Offiziere der Festung hielten die ersten 2 Tage stand, doch die Russen waren uns zahlenmäßig überlegen und gewannen die Oberhand. Es gelang ihnen, heimlich so viele Artillerie- und Flugzeuge zusammenzuziehen, dass deren massiver Einsatz die Festungsbefestigungen zerstörte und die Soldaten und Offiziere demoralisierte. Wir verloren völlig die Kontrolle über unsere Truppen. Als wir die Befestigungen verließen, um Kontakt zum Stab aufzunehmen, wussten wir nicht, wohin wir sollten, völlig desorientiert; die Stadt, so zerstört und brennend, hatte ihr Aussehen verändert. Es war unvorstellbar, dass eine Festung wie Königsberg so schnell fallen würde.
Das russische Oberkommando plante und führte diese Operation brillant aus. Wir verloren unsere gesamte 100.000 Mann starke Armee bei Königsberg. Der Verlust von Königsberg bedeutete den Verlust der größten Festung und des größten deutschen Bollwerks im Osten.“

In westlichen Publikationen, inklusive Wikipedia, wird meist nur das Bombardement durch die Briten und die Eroberung Königsbergs durch die Rote Armee beschrieben, auf der anderen Seite werden nur „Zivilisten“ erwähnt. Man weiß eigentlich nicht, warum bombardiert wurde – reine Bosheit oder Zerstörungswut? Und dann die sowjetische Eroberung und Übernahme – erst recht!

„Darüber hinaus nutzt Moskau laut einem aktuellen Bericht des litauischen Geheimdienstes die Exklave als Plattform für Angriffe auf GPS-Systeme und für elektronische Kriegsführung gegen verbündete Länder – ein Konflikt, der sich im vergangenen Jahr verschärft hat.
Ruben Stewart, Forscher am International Institute for Strategic Studies (IISS), erklärt, dass Russland seine Militärstruktur in Kaliningrad so organisiert hat, dass der Einmarsch und die Bewegungsfreiheit von NATO-Truppen in der Region eingeschränkt werden.“

Na sowas! Die NATO hat sich frei bewegen und den Feind umzingeln zu können, alles andere ist bereits casus belli!

„Das vom Kreml projizierte Bild militärischer »Stärke« ist jedoch nicht ganz korrekt.“

Wie überhaupt! Rußland tut ja nur so, als wäre es eine Militärmacht! „Wir“ hingegen …

„Die geografische Lage Kaliningrads ist für Russland sowohl ein Vorteil als auch eine Schwäche. Experten warnen, dass die Versorgung eines von NATO-Staaten umgebenen Gebiets in einem langwierigen Krieg eine erhebliche logistische Herausforderung darstellen würde. Russland verfügt über keine Landgrenze, die den direkten Einsatz von Truppen und Ausrüstung vom Festland aus ermöglichen würde. Der Zugang erfolgt über See, Luft und, in Friedenszeiten, über die Routen durch Litauen.
Seit dem NATO-Beitritt Finnlands und Schwedens (2023 bzw. 2024) hat sich die Ostsee praktisch zu einer NATO-Hochburg entwickelt. Seitdem ist die Exklave zunehmend isoliert, und Russland hat seine Rhetorik und Anschuldigungen gegen die Europäer hinsichtlich der angeblichen Isolation Kaliningrads verschärft.“

Surprise, surprise.

„Die in der Exklave stationierte russische Flotte gibt an, ihre Mission sei die »Gewährleistung der sicheren Schifffahrt« russischer Schiffe in der Ostsee. Einerseits ist Kaliningrad ein Außenposten in Gewässern, in denen der Kreml in den letzten Jahren eine seiner wichtigsten Sabotageaktionen gegen Europa durchgeführt hat: die Durchtrennung von Unterseekabeln.“

So werden die nicht bewiesenen Beschuldigungen zu gesicherten Fakten, auf die man sich wie auf ewige Wahrheiten berufen kann.

„Andererseits sichern seine Zerstörer die Passage alter Öltanker unter der Flagge von Drittländern, mit denen Moskau die Sanktionen gegen seine Kohlenwasserstoffe umgeht, die wegen des Einmarsches in die Ukraine verhängt wurden; die sogenannte Geisterflotte, die aufgrund des Verdachts, Russland nutze sie aktiv für seine hybride Kriegsführung, zunehmend unter internationaler Beobachtung steht.“

Mit „einerseits-andererseits“ wird mißmutig mitgeteilt, warum das Aufbringen russischer Geisterflotten-Tanker, eine Zeitlang eine Art Volkssport der Ostsee-Anrainerstaaten und Großbritanniens, inzwischen zähneknirschend unterlassen wird.

„In den vergangenen Wochen haben sich die Spannungen um die russische Provinz Kaliningrad verschärft. Am 23. September drang ein russischer Mi-8-Militärhubschrauber aus Kaliningrad für etwa 42 Sekunden (!!!) in den polnischen Luftraum ein und erreichte eine Tiefe von rund 300 Metern. (!!!)
Warschau entsandte daraufhin Kampfflugzeuge, und das polnische Militärkommando erklärte, Moskau teste möglicherweise die Reaktionsfähigkeit der polnischen Luftverteidigung. Es gab auch weitere Vorfälle mit russischen Flugzeugen, die ohne eingereichte Flugpläne und in einigen Fällen mit abgeschalteten Transpondern in Kaliningrad starteten und landeten. Zwischen dem 21. und 27. September registrierte die NATO-Luftraumüberwachung 6 solcher Vorfälle im Baltikum.“

Wie viele NATO-Flugzeuge mit ausgeschalteten Transpondern über der Ostsee herumfliegen und den russischen Luftraum verletzen, wird hier nicht erwähnt. Also bleibt das Bild eines gefährlichen und unberechenbaren, „agressiven“ Rußlands.
Die NATO „reagiert“ natürlich nur:

„Die NATO hat ihre Präsenz in der Region verstärkt, indem sie mehr Truppen nach Litauen verlegte, ihre Luftaufklärungsmissionen ausweitete und die Überwachung kritischer Infrastrukturen intensivierte. Zudem führte sie neue großangelegte Militärübungen durch.
Die NATO weist die Anschuldigungen des Kremls jedoch zurück und betont, sie sei eine »Verteidigungsorganisation«. Am Mittwoch erklärte NATO-Generalsekretär Mark Rutte, dass trotz der russischen Drohungen keine unmittelbare Bedrohung für das Gebiet des Bündnisses bestehe.
Der Kreml behauptet, die NATO bedrohe Russland, doch paradoxerweise hat Russland seine Grenzverteidigung geschwächt, um die Verluste im Ukraine-Krieg, der sich dem 5. Jahrestag nähert, auszugleichen.“

Diese Satz hat es in sich: „Der Kreml behauptet“ – stimmt das womöglich?
Kann nicht stimmen, weil sonst hätte er ja nicht Truppen abgezogen!

„Der britische Geheimdienst bestätigte 2023, dass die russischen Streitkräfte mehrere ihrer wertvollen S-400-Flugabwehrsysteme aus Kaliningrad abgezogen hatten, um sie an der ukrainischen Front zu stationieren. Darüber hinaus kam ein erheblicher Teil ihrer Bodentruppen beim Einsatz an der Charkow-Front ums Leben, wie aus Dokumenten hervorgeht, die auf einem der verlassenen Stützpunkte gefunden wurden.“

Und seit 2023 wurden diese Lücken natürlich nicht aufgefüllt, soll man sich jetzt vorstellen (vorausgesetzt, diese Behauptungen stimmen überhaupt). Kaliningrad steht sozusagen nackert da!
Auch hier wird wieder ein Bild eines Rußlands gezeichnet, das aus dem letzten Loch pfeift und mühselig Leute zusammenkratzt, um seine enormen Verluste auszugleichen.

„Moskau zog trotz der Lage im Jahr 2022, als Litauen aufgrund des Einmarsches der Ukraine den Transport sanktionierter Güter nach Kaliningrad durch sein Territorium einschränkte, Teile der regionalen Verteidigung ab.“

Na sowas!
Der russische Agressor wirkt irgendwie sicher, daß immer noch genug da ist für die Verteidigung, was die NATO verärgert zur Kenntnis nimmt.

„Der Kreml prangerte eine angebliche NATO-»Blockade« an, obwohl es in der Provinz zu keinem Zeitpunkt zu Versorgungsengpässen kam, wie diese Zeitung vor Ort bestätigen konnte.“

Das lag daran, daß einer der shooting stars der russischen Politik und möglichen Putin-Nachfolger, Anton Alichanow, damals Gouverneur von Kaliningrad war und zusammen mit den Zentralbehörden die Versorgung über das Meer organisierte.
Den ärgerlichen Umstand, daß das geklappt hat, verwandeln die Autoren des Artikels in ein Dementi der Blockade, die so gründlich war, daß sich lange Schlangen bildeten und die LKW-Fahrer tagelang dort ausharren mußten.
Aber: Keine Versorgungsengpässe, also ist die Blockade eine russische Erfindung!

„»Eine Eskalation ist niemals einseitig. Der Punkt ohne Wiederkehr kann für alle sehr schnell und unerwartet erreicht werden«, erklärte Putin am Donnerstag und verschärfte damit seine nukleare Rhetorik.
Unklar blieb jedoch, welche Reaktion Moskau von Europa auf die Eskalation seiner Angriffe erwartet, darunter Attentatsversuche wie der auf den Präsidenten des Rüstungskonzerns Rheinmetall im Jahr 2024 sowie Angriffe mit Bomben und Drohnen, wie sie diesen Sommer auf dem Flughafen Leipzig stattfanden.“

Es gab natürlich nie einen Attentatsversuch auf Pappberger, sondern nur von Geheimdiensten kolportierte Gerüchte einer angeblichen Planung eines solchen Attentats. Auch die Rußland zugeschriebenen Drohnenangriffe sind höchst unglaubwürdig und aufgeblasen, im Unterschied zu den tatsächlich dokumentierten Drohnenangriffen auf Rußland über NATO-Territorium, die sich erst aufhörten, als das russische Militär Wege fand, diese Drohnen in die Transitländer „umzuleiten“.

Der ganze Artikel mit seinen Verdrehungen, Halbwahrheiten und Unterlassungen ist ein recht eindrucksvolles Beispiel für Feindbildpflege – von renommierten Journalisten eines renommierten Blattes.

Pressespiegel El País, 11.9.: Von allen Seiten betriebene Ölverknappung

„DIE ESKALATION IM ROTEN MEER NÖTIGT SAUDI-ARABIEN ZUR SCHLIESSUNG SEINER EINZIGEN ALTERNATIVE ZU HORMUZ, DER OST-WEST-PIPELINE NACH YANBU

Die Huthis erobern die Insel Mayun nur wenige Stunden nach der Einnahme des jemenitischen Hafens Mokka. Die sich überschneidenden Krisen im Nahen Osten verschärfen die Bedrohungen für einen ohnehin schon angeschlagenen Ölmarkt.

Während die Straße von Hormuz trotz allen Blablas seitens des Weißen Hauses weiterhin gesperrt ist, schwebt der Schatten einer weiteren Krise mit unvorhersehbaren Folgen über ihrer wichtigsten Alternative: Bab al-Mandab, dem entscheidenden Tor zum Suezkanal und einem Schlüsselexportweg für saudisches Öl. Die Huthi-Milizen stehen kurz davor, die Kontrolle über die Wasserstraße, die das Rote und das Arabische Meer verbindet, zu erlangen. Ihre mögliche Sperre droht, die globale Öl- und Gasknappheit zu verschärfen, gerade jetzt, wo die kalte Jahreszeit auf der Nordhalbkugel naht.

Nach bangen Erwartungen in den letzten Tagen spitzte sich die Lage am Freitag zu. Die mit dem Iran verbundenen und von ihm finanzierten Huthi-Rebellen eroberten am Donnerstag den Hafen von Mokka und nahmen Stunden später auch die Insel Mayun (auch bekannt als Perim) unter ihre Kontrolle. Beide Orte sind entscheidend für die Kontrolle des südlichen Zugangs zum Roten Meer. Stunden später, mitten in der Nacht, verkündete Saudi-Arabien die Schließung seiner einzigen Pipeline, die es bisher ermöglicht hatte, Öl jenseits von Hormuz zu exportieren.

Man muß nicht weit zurückgehen, um zu erkennen, welche Folgen eine teilweise Schließung von Bab al-Mandab haben könnte.
Anfang 2024 zwangen Angriffe derselben Milizen auf mehrere Öl- und LNG-Tanker Hunderte von Schiffen, den einzig möglichen Umweg nach Europa zu nehmen: um das Kap der Guten Hoffnung an der Südspitze des afrikanischen Kontinents. Diese Route verlängert die Fahrt um rund 6.000 Kilometer und die Fahrzeit um fast 2 Wochen – je nach Abfahrts- und Zielort – was zu einem höheren Treibstoffverbrauch und einer geringeren Umschlagshäufigkeit der Schiffe führt. Die Folge? Höhere Inflation, gerade als die Welt versucht, den Preisanstieg infolge der Schließung der Straße von Hormuz zu bekämpfen.
Durch diese Straße wurde vor dem Krieg ein Fünftel des weltweiten Rohöls und Flüssigerdgases transportiert.
Das ist zunächst die Sichtweise der Verbraucher.

Auf der Verkäuferseite befürchtet vor allem Saudi-Arabien eine Verschärfung der Eskalation im Jemen. Der weltweit größte Rohölexporteur – und zweitgrößte Produzent nach den USA – hat den Hormuz-Sturm viel leichter überstanden als seine Nachbarn am Persischen Golf, was vor allem auf … die Ost-West-Pipeline und dessen anschließenden Abtransport per Schiff über den Hafen von Yanbu zurückzuführen ist.

Riad leitete gut ein Drittel seiner Ölproduktion und die Hälfte seiner Exporte – rund 3,5 Millionen Barrel pro Tag – durch diese Pipeline. Bis Freitagabend, als sie sicherheitshalber stillgelegt werden musste. Es ist noch unklar, wie nahe die Offensiven der Huthi der Pipeline gekommen sind. Satellitenbilder zeigten Rauch in der Nähe des Pipeline-Endes, unweit des Anschlusses in der Stadt Yanbu.
CNN berichtet unter Berufung auf US-Militärquellen, dass die über 1.000 Kilometer lange Pipeline am Freitag von Drohnen aus dem Irak getroffen wurde. Seit Kriegsbeginn haben pro-iranische Milizen die Umgebung der Samref-Raffinerie in mehreren Wellen angegriffen. Die Raffinerie, die sich am Ende der Ost-West-Pipeline befindet, ist zu einer der größten im Nahen Osten geworden. »Die Saudis haben Grund zur Sorge, denn die Bedrohungen rücken näher«, betont Jorge León, Leiter der geopolitischen Analyse beim norwegischen Beratungsunternehmen Rystad Energy.“

Die Ansarollah im Jemen, die die restlichen arabischen Regierungen wegen ihrer unterwürfigen Haltung gegenüber den USA und Israel verachten, sind sozusagen zum Hoffnungsträger und Leuchtturm der Bevölkerung der arabischen Staaten geworden, was jenseits der Ölfrage auch Bedenken gegenüber der eigenen bisherigen Politik dieser Regierungen auslöst.

„Von Yanbu aus wurde der Großteil des saudischen Öls nach Asien verschifft. »In den letzten Wochen sind jedoch viele Schiffe durch den Suezkanal gefahren, obwohl dies bei Weitem nicht die optimale Route ist«, erklärt León, ein ehemaliger Analyst der Organisation erdölexportierender Länder (OPEC), telefonisch. »Dadurch wird der Transport deutlich teurer. Und obwohl die Saudis das Rohöl auch nach Europa statt nach Asien verkaufen könnten, liegt ihr Hauptinteresse darin, den asiatischen Markt zu schützen.«“

Teurer ist es nur, durch den Suezkanal nach Asien zu fahren. Nach Europa ist es der kürzere Weg, der auch der traditionelle Weg des saudischen Erdöls nach Europa war.
Man merkt daran, wie Saudi-Arabien sich umorientiert und Europa immer weniger wichtig wird.

„Die Spannungen im Roten Meer wirken sich bereits auf das Schiffsaufkommen in der Region aus. »Die Betreiber wenden bereits unterschiedliche Strategien an, um mit diesem erhöhten Risiko umzugehen«, heißt es in einem Bericht, der am Freitag von dem Analyseunternehmen S&P Global Commodities at Sea veröffentlicht wurde. »Einige Schiffe befahren diese Seeroute weiterhin, vermeiden aber das direkte Anlaufen von saudischen Häfen. Andere wiederum haben sich entschieden, diese Route ganz zu meiden und ihre Fahrten um das Kap der Guten Hoffnung herumzuführen, obwohl die Reise dadurch deutlich länger ist.«

Ein Sprecher der Huthi-Rebellen erklärte am Donnerstag, die Schifffahrt durch das Rote Meer und die Meerenge von Bab al-Mandab sei weiterhin »sicher und normal« für alle Schiffe außer »saudischen Schiffen, die Embargos unterliegen«. Ihre Operationen seien rein defensiv und würden eingestellt, sobald die Blockade gegen den Jemen beendet sei.“

Hier wird sozusagen nebenbei darauf hingewiesen, daß Saudi-Arabien und seine Verbündeten seit 2015 den Jemen verschiedenen Blockaden unterziehen – zu Land und zu Wasser, was um so komplizierter ist, als es ja auch in Aden und anderen Gegenden des Südens eine nicht sehr einflußreiche „Regierung“ gibt, die mit Saudi-Arabien verbündet ist, teilweise auch dort sitzt, während die den größten Teil des Landes kontrollierenden Ansarollah nach wie vor als „Huthi-Rebellen“ bezeichnet werden.

„Mickrige Reserven

Die Wiedereröffnung der Straße von Hormuz ist seit Längerem von höchster Dringlichkeit,“

– für wen? Für die USA offenbar nicht. –

„doch die Lage im Roten Meer hat sie noch einmal verschärft. Laut der Financial Times findet am Montag in Salalah, Oman, das erste Treffen zwischen den Außenministern mehrerer Golfstaaten und ihrem iranischen Amtskollegen statt. Dieses Treffen fällt zeitlich mit jüngsten Fortschritten in den Verhandlungen zwischen Teheran und Maskat über die künftige Verwaltung der Meerenge zusammen, die den Persischen Golf mit dem Arabischen Meer verbindet.

Der Westen ist auf diese erneute Widrigkeit, eine weitere in dieser Ära ständiger Umbrüche, nicht gerade gut vorbereitet. Ende Februar, als US-Präsident Donald Trump und der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu massive Bombenangriffe gegen den Iran anordneten, befanden sich die strategischen Öl- und Gasreserven Europas in gutem Zustand – die beste Garantie, um die Versorgungskrise unter Kontrolle zu halten.

Das hat sich geändert: Die doppelte Schließung der Straße von Hormuz – zuerst durch Teheran, dann durch Washington – hat die europäischen Staaten genötigt, einen Großteil ihrer Reserven zu verbrauchen.
Verschärft wurde dieser Rekordverbrauch durch die schwere Krise im russischen Energiesektor: Fast die Hälfte der Raffinerien ist aufgrund der ukrainischen Angriffe außer Betrieb. Nun droht die Meerenge von Bab al-Mandab die Situation noch weiter zu verschlimmern.“

Ob die Zahl der Hälfte der Raffinerien tatsächlich stimmt, sei dahingestellt. Es kann sich auch um Jubelmeldungen der Ukraine-Lobby handeln.
Allerdings gibt die Einschränkung der russischen Ölexporte zu denken.
Erstens hat natürlich der Inlandsbedarf Vorrang.
Zweitens will ja Europa unbedingt vom russischen Öl loskommen, nicht wahr?
Drittens hat auch Rußland seine Exporte mehr nach Asien verlagert, sofern das logistisch möglich war.
Aber viertens stellt sich heraus, daß die von westlichen beklatschten Beschädigungen der russischen Ölraffinerien auf Europa zurückwirken, weil sie eine weitere Verknappung des weltweiten Öl-Angebots darstellen, und damit die Preise in die Höhe treiben.
Abteilung weitere „Schüsse ins Knie“, um den abgewählten Viktor Orbán zu zitieren.

„Allein im August sanken die weltweiten Rohölvorräte laut den am Freitag von der Internationalen Energieagentur (IEA, der Energieabteilung der OECD) veröffentlichten Zahlen um 95 Millionen Barrel. Seit Beginn des Krieges gegen den Iran vor gut 6 Monaten wurden bereits über 500 Millionen Barrel entnommen, mit einer Rate von fast 3 Millionen Barrel pro Tag. Und das, obwohl die Wiederaufnahme der Lieferungen durch die Straße von Hormuz während der wochenlangen Waffenruhe den Druck auf die strategischen Reserven vorübergehend verringerte.

Die Erinnerung an das Schiff »Ever Given«

Neben Rohöl und Gas stellen die erneuten Drohungen der Huthi im Roten Meer und im Suezkanal auch ein Problem für den Seehandel dar. Der Suezkanal ist mit Abstand die wichtigste Route für den Transport von Gütern aller Art (von Technologie über Textilien bis hin zu Maschinen und fast allen anderen Konsumgütern des täglichen Bedarfs) von Asien nach Europa.

Der beste Indikator dafür, welche Folgen die Schließung des einzigen möglichen südlichen Zugangs zum Suezkanal für den Warentransit hätte, ist die Katastrophe der »Ever Given« im März 2021. Als das Schiff, eines der größten Containerschiffe der Welt, 5 Tage lang im Suezkanal auf Grund lief, mussten über 400 Schiffe auf beiden Seiten des Kanals warten, was zu einem beispiellosen globalen Handelsstau führte.
Es war nach der Pandemie das 2. unvorhergesehene Ereignis innerhalb weniger Monate. Die Liste solcher Ereignisse ist seither jedoch weiter gewachsen: die russische Invasion in der Ukraine, der Krieg zwischen den USA und Israel gegen den Iran und nun schließlich eine gefährliche Blockade des Roten Meeres, die sich allmählich abzeichnet.“

Wie weit diese letzteren Ereignisse anläßlich der vorangegangenen öffentlichen Erklärungen, Drohungen und Embargos wirklich „unvorhergesehen“ waren, ist eher fraglich …