„DIE ESKALATION IM ROTEN MEER NÖTIGT SAUDI-ARABIEN ZUR SCHLIESSUNG SEINER EINZIGEN ALTERNATIVE ZU HORMUZ, DER OST-WEST-PIPELINE NACH YANBU
Die Huthis erobern die Insel Mayun nur wenige Stunden nach der Einnahme des jemenitischen Hafens Mokka. Die sich überschneidenden Krisen im Nahen Osten verschärfen die Bedrohungen für einen ohnehin schon angeschlagenen Ölmarkt.
Während die Straße von Hormuz trotz allen Blablas seitens des Weißen Hauses weiterhin gesperrt ist, schwebt der Schatten einer weiteren Krise mit unvorhersehbaren Folgen über ihrer wichtigsten Alternative: Bab al-Mandab, dem entscheidenden Tor zum Suezkanal und einem Schlüsselexportweg für saudisches Öl. Die Huthi-Milizen stehen kurz davor, die Kontrolle über die Wasserstraße, die das Rote und das Arabische Meer verbindet, zu erlangen. Ihre mögliche Sperre droht, die globale Öl- und Gasknappheit zu verschärfen, gerade jetzt, wo die kalte Jahreszeit auf der Nordhalbkugel naht.
Nach bangen Erwartungen in den letzten Tagen spitzte sich die Lage am Freitag zu. Die mit dem Iran verbundenen und von ihm finanzierten Huthi-Rebellen eroberten am Donnerstag den Hafen von Mokka und nahmen Stunden später auch die Insel Mayun (auch bekannt als Perim) unter ihre Kontrolle. Beide Orte sind entscheidend für die Kontrolle des südlichen Zugangs zum Roten Meer. Stunden später, mitten in der Nacht, verkündete Saudi-Arabien die Schließung seiner einzigen Pipeline, die es bisher ermöglicht hatte, Öl jenseits von Hormuz zu exportieren.
Man muß nicht weit zurückgehen, um zu erkennen, welche Folgen eine teilweise Schließung von Bab al-Mandab haben könnte.
Anfang 2024 zwangen Angriffe derselben Milizen auf mehrere Öl- und LNG-Tanker Hunderte von Schiffen, den einzig möglichen Umweg nach Europa zu nehmen: um das Kap der Guten Hoffnung an der Südspitze des afrikanischen Kontinents. Diese Route verlängert die Fahrt um rund 6.000 Kilometer und die Fahrzeit um fast 2 Wochen – je nach Abfahrts- und Zielort – was zu einem höheren Treibstoffverbrauch und einer geringeren Umschlagshäufigkeit der Schiffe führt. Die Folge? Höhere Inflation, gerade als die Welt versucht, den Preisanstieg infolge der Schließung der Straße von Hormuz zu bekämpfen.
Durch diese Straße wurde vor dem Krieg ein Fünftel des weltweiten Rohöls und Flüssigerdgases transportiert.
Das ist zunächst die Sichtweise der Verbraucher.
Auf der Verkäuferseite befürchtet vor allem Saudi-Arabien eine Verschärfung der Eskalation im Jemen. Der weltweit größte Rohölexporteur – und zweitgrößte Produzent nach den USA – hat den Hormuz-Sturm viel leichter überstanden als seine Nachbarn am Persischen Golf, was vor allem auf … die Ost-West-Pipeline und dessen anschließenden Abtransport per Schiff über den Hafen von Yanbu zurückzuführen ist.
Riad leitete gut ein Drittel seiner Ölproduktion und die Hälfte seiner Exporte – rund 3,5 Millionen Barrel pro Tag – durch diese Pipeline. Bis Freitagabend, als sie sicherheitshalber stillgelegt werden musste. Es ist noch unklar, wie nahe die Offensiven der Huthi der Pipeline gekommen sind. Satellitenbilder zeigten Rauch in der Nähe des Pipeline-Endes, unweit des Anschlusses in der Stadt Yanbu.
CNN berichtet unter Berufung auf US-Militärquellen, dass die über 1.000 Kilometer lange Pipeline am Freitag von Drohnen aus dem Irak getroffen wurde. Seit Kriegsbeginn haben pro-iranische Milizen die Umgebung der Samref-Raffinerie in mehreren Wellen angegriffen. Die Raffinerie, die sich am Ende der Ost-West-Pipeline befindet, ist zu einer der größten im Nahen Osten geworden. »Die Saudis haben Grund zur Sorge, denn die Bedrohungen rücken näher«, betont Jorge León, Leiter der geopolitischen Analyse beim norwegischen Beratungsunternehmen Rystad Energy.“
Die Ansarollah im Jemen, die die restlichen arabischen Regierungen wegen ihrer unterwürfigen Haltung gegenüber den USA und Israel verachten, sind sozusagen zum Hoffnungsträger und Leuchtturm der Bevölkerung der arabischen Staaten geworden, was jenseits der Ölfrage auch Bedenken gegenüber der eigenen bisherigen Politik dieser Regierungen auslöst.
„Von Yanbu aus wurde der Großteil des saudischen Öls nach Asien verschifft. »In den letzten Wochen sind jedoch viele Schiffe durch den Suezkanal gefahren, obwohl dies bei Weitem nicht die optimale Route ist«, erklärt León, ein ehemaliger Analyst der Organisation erdölexportierender Länder (OPEC), telefonisch. »Dadurch wird der Transport deutlich teurer. Und obwohl die Saudis das Rohöl auch nach Europa statt nach Asien verkaufen könnten, liegt ihr Hauptinteresse darin, den asiatischen Markt zu schützen.«“
Teurer ist es nur, durch den Suezkanal nach Asien zu fahren. Nach Europa ist es der kürzere Weg, der auch der traditionelle Weg des saudischen Erdöls nach Europa war.
Man merkt daran, wie Saudi-Arabien sich umorientiert und Europa immer weniger wichtig wird.
„Die Spannungen im Roten Meer wirken sich bereits auf das Schiffsaufkommen in der Region aus. »Die Betreiber wenden bereits unterschiedliche Strategien an, um mit diesem erhöhten Risiko umzugehen«, heißt es in einem Bericht, der am Freitag von dem Analyseunternehmen S&P Global Commodities at Sea veröffentlicht wurde. »Einige Schiffe befahren diese Seeroute weiterhin, vermeiden aber das direkte Anlaufen von saudischen Häfen. Andere wiederum haben sich entschieden, diese Route ganz zu meiden und ihre Fahrten um das Kap der Guten Hoffnung herumzuführen, obwohl die Reise dadurch deutlich länger ist.«
Ein Sprecher der Huthi-Rebellen erklärte am Donnerstag, die Schifffahrt durch das Rote Meer und die Meerenge von Bab al-Mandab sei weiterhin »sicher und normal« für alle Schiffe außer »saudischen Schiffen, die Embargos unterliegen«. Ihre Operationen seien rein defensiv und würden eingestellt, sobald die Blockade gegen den Jemen beendet sei.“
Hier wird sozusagen nebenbei darauf hingewiesen, daß Saudi-Arabien und seine Verbündeten seit 2015 den Jemen verschiedenen Blockaden unterziehen – zu Land und zu Wasser, was um so komplizierter ist, als es ja auch in Aden und anderen Gegenden des Südens eine nicht sehr einflußreiche „Regierung“ gibt die mit Saudi-Arabien verbündet ist, teilweise auch dort sitzt, während die den größten Teil des Landes kontrollierenden Ansarollah nach wie vor als „Huthi-Rebellen“ bezeichnet werden.
„Mickrige Reserven
Die Wiedereröffnung der Straße von Hormuz ist seit Längerem von höchster Dringlichkeit,
– für wen? Für die USA offenbar nicht. –
„doch die Lage im Roten Meer hat sie noch einmal verschärft. Laut der Financial Times findet am Montag in Salalah, Oman, das erste Treffen zwischen den Außenministern mehrerer Golfstaaten und ihrem iranischen Amtskollegen statt. Dieses Treffen fällt zeitlich mit jüngsten Fortschritten in den Verhandlungen zwischen Teheran und Maskat über die künftige Verwaltung der Meerenge zusammen, die den Persischen Golf mit dem Arabischen Meer verbindet.
Der Westen ist auf diese erneute Widrigkeit, eine weitere in dieser Ära ständiger Umbrüche, nicht gerade gut vorbereitet. Ende Februar, als US-Präsident Donald Trump und der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu massive Bombenangriffe gegen den Iran anordneten, befanden sich die strategischen Öl- und Gasreserven Europas in gutem Zustand – die beste Garantie, um die Versorgungskrise unter Kontrolle zu halten.
Das hat sich geändert: Die doppelte Schließung der Straße von Hormuz – zuerst durch Teheran, dann durch Washington – hat die europäischen Staaten genötigt, einen Großteil ihrer Reserven zu verbrauchen.
Verschärft wurde dieser Rekordverbrauch durch die schwere Krise im russischen Energiesektor: Fast die Hälfte der Raffinerien ist aufgrund der ukrainischen Angriffe außer Betrieb. Nun droht die Meerenge von Bab al-Mandab die Situation noch weiter zu verschlimmern.“
Ob die Zahl der Hälfte der Raffinerien tatsächlich stimmt, sei dahingestellt. Es kann sich auch um Jubelmeldungen der Ukraine-Lobby handeln.
Allerdings gibt die Einschränkung der russischen Ölexporte zu denken.
Erstens hat natürlich der Inlandsbedarf Vorrang.
Zweitens will ja Europa unbedingt vom russischen Öl loskommen, nicht wahr?
Drittens hat auch Rußland seine Exporte mehr nach Asien verlagert, sofern das logistisch möglich war.
Aber viertens stellt sich heraus, daß die von westlichen beklatschten Beschädigungen der russischen Ölraffinerien auf Europa zurückwirken, weil sie eine weitere Verknappung des weltweiten Öl-Angebots darstellen, und damit die Preise in die Höhe treiben.
Abteilung weitere „Schüsse ins Knie“, um den abgewählten Viktor Orbán zu zitieren.
„Allein im August sanken die weltweiten Rohölvorräte laut den am Freitag von der Internationalen Energieagentur (IEA, der Energieabteilung der OECD) veröffentlichten Zahlen um 95 Millionen Barrel. Seit Beginn des Krieges gegen den Iran vor gut 6 Monaten wurden bereits über 500 Millionen Barrel entnommen, mit einer Rate von fast 3 Millionen Barrel pro Tag. Und das, obwohl die Wiederaufnahme der Lieferungen durch die Straße von Hormuz während der wochenlangen Waffenruhe den Druck auf die strategischen Reserven vorübergehend verringerte.
Die Erinnerung an das Schiff »Ever Given«
Neben Rohöl und Gas stellen die erneuten Drohungen der Huthi im Roten Meer und im Suezkanal auch ein Problem für den Seehandel dar. Der Suezkanal ist mit Abstand die wichtigste Route für den Transport von Gütern aller Art (von Technologie über Textilien bis hin zu Maschinen und fast allen anderen Konsumgütern des täglichen Bedarfs) von Asien nach Europa.
Der beste Indikator dafür, welche Folgen die Schließung des einzigen möglichen südlichen Zugangs zum Suezkanal für den Warentransit hätte, ist die Katastrophe der »Ever Given« im März 2021. https://de.wikipedia.org/wiki/Ever_Given Als das Schiff, eines der größten Containerschiffe der Welt, 5 Tage lang im Suezkanal auf Grund lief, mussten über 400 Schiffe auf beiden Seiten des Kanals warten, was zu einem beispiellosen globalen Handelsstau führte.
Es war nach der Pandemie das 2. unvorhergesehene Ereignis innerhalb weniger Monate. Die Liste solcher Ereignisse ist seither jedoch weiter gewachsen: die russische Invasion in der Ukraine, der Krieg zwischen den USA und Israel gegen den Iran und nun schließlich eine gefährliche Blockade des Roten Meeres, die sich allmählich abzeichnet.“
Wie weit diese letzteren Ereignisse anläßlich der vorangegangenen öffentlichen Erklärungen, Drohungen und Embargos wirklich „unvorhergesehen“ waren, ist eher fraglich …