Pressespiegel El País, 11.9.: Von allen Seiten betriebene Ölverknappung

„DIE ESKALATION IM ROTEN MEER NÖTIGT SAUDI-ARABIEN ZUR SCHLIESSUNG SEINER EINZIGEN ALTERNATIVE ZU HORMUZ, DER OST-WEST-PIPELINE NACH YANBU

Die Huthis erobern die Insel Mayun nur wenige Stunden nach der Einnahme des jemenitischen Hafens Mokka. Die sich überschneidenden Krisen im Nahen Osten verschärfen die Bedrohungen für einen ohnehin schon angeschlagenen Ölmarkt.

Während die Straße von Hormuz trotz allen Blablas seitens des Weißen Hauses weiterhin gesperrt ist, schwebt der Schatten einer weiteren Krise mit unvorhersehbaren Folgen über ihrer wichtigsten Alternative: Bab al-Mandab, dem entscheidenden Tor zum Suezkanal und einem Schlüsselexportweg für saudisches Öl. Die Huthi-Milizen stehen kurz davor, die Kontrolle über die Wasserstraße, die das Rote und das Arabische Meer verbindet, zu erlangen. Ihre mögliche Sperre droht, die globale Öl- und Gasknappheit zu verschärfen, gerade jetzt, wo die kalte Jahreszeit auf der Nordhalbkugel naht.

Nach bangen Erwartungen in den letzten Tagen spitzte sich die Lage am Freitag zu. Die mit dem Iran verbundenen und von ihm finanzierten Huthi-Rebellen eroberten am Donnerstag den Hafen von Mokka und nahmen Stunden später auch die Insel Mayun (auch bekannt als Perim) unter ihre Kontrolle. Beide Orte sind entscheidend für die Kontrolle des südlichen Zugangs zum Roten Meer. Stunden später, mitten in der Nacht, verkündete Saudi-Arabien die Schließung seiner einzigen Pipeline, die es bisher ermöglicht hatte, Öl jenseits von Hormuz zu exportieren.

Man muß nicht weit zurückgehen, um zu erkennen, welche Folgen eine teilweise Schließung von Bab al-Mandab haben könnte.
Anfang 2024 zwangen Angriffe derselben Milizen auf mehrere Öl- und LNG-Tanker Hunderte von Schiffen, den einzig möglichen Umweg nach Europa zu nehmen: um das Kap der Guten Hoffnung an der Südspitze des afrikanischen Kontinents. Diese Route verlängert die Fahrt um rund 6.000 Kilometer und die Fahrzeit um fast 2 Wochen – je nach Abfahrts- und Zielort – was zu einem höheren Treibstoffverbrauch und einer geringeren Umschlagshäufigkeit der Schiffe führt. Die Folge? Höhere Inflation, gerade als die Welt versucht, den Preisanstieg infolge der Schließung der Straße von Hormuz zu bekämpfen.
Durch diese Straße wurde vor dem Krieg ein Fünftel des weltweiten Rohöls und Flüssigerdgases transportiert.
Das ist zunächst die Sichtweise der Verbraucher.

Auf der Verkäuferseite befürchtet vor allem Saudi-Arabien eine Verschärfung der Eskalation im Jemen. Der weltweit größte Rohölexporteur – und zweitgrößte Produzent nach den USA – hat den Hormuz-Sturm viel leichter überstanden als seine Nachbarn am Persischen Golf, was vor allem auf … die Ost-West-Pipeline und dessen anschließenden Abtransport per Schiff über den Hafen von Yanbu zurückzuführen ist.

Riad leitete gut ein Drittel seiner Ölproduktion und die Hälfte seiner Exporte – rund 3,5 Millionen Barrel pro Tag – durch diese Pipeline. Bis Freitagabend, als sie sicherheitshalber stillgelegt werden musste. Es ist noch unklar, wie nahe die Offensiven der Huthi der Pipeline gekommen sind. Satellitenbilder zeigten Rauch in der Nähe des Pipeline-Endes, unweit des Anschlusses in der Stadt Yanbu.
CNN berichtet unter Berufung auf US-Militärquellen, dass die über 1.000 Kilometer lange Pipeline am Freitag von Drohnen aus dem Irak getroffen wurde. Seit Kriegsbeginn haben pro-iranische Milizen die Umgebung der Samref-Raffinerie in mehreren Wellen angegriffen. Die Raffinerie, die sich am Ende der Ost-West-Pipeline befindet, ist zu einer der größten im Nahen Osten geworden. »Die Saudis haben Grund zur Sorge, denn die Bedrohungen rücken näher«, betont Jorge León, Leiter der geopolitischen Analyse beim norwegischen Beratungsunternehmen Rystad Energy.“

Die Ansarollah im Jemen, die die restlichen arabischen Regierungen wegen ihrer unterwürfigen Haltung gegenüber den USA und Israel verachten, sind sozusagen zum Hoffnungsträger und Leuchtturm der Bevölkerung der arabischen Staaten geworden, was jenseits der Ölfrage auch Bedenken gegenüber der eigenen bisherigen Politik dieser Regierungen auslöst.

„Von Yanbu aus wurde der Großteil des saudischen Öls nach Asien verschifft. »In den letzten Wochen sind jedoch viele Schiffe durch den Suezkanal gefahren, obwohl dies bei Weitem nicht die optimale Route ist«, erklärt León, ein ehemaliger Analyst der Organisation erdölexportierender Länder (OPEC), telefonisch. »Dadurch wird der Transport deutlich teurer. Und obwohl die Saudis das Rohöl auch nach Europa statt nach Asien verkaufen könnten, liegt ihr Hauptinteresse darin, den asiatischen Markt zu schützen.«“

Teurer ist es nur, durch den Suezkanal nach Asien zu fahren. Nach Europa ist es der kürzere Weg, der auch der traditionelle Weg des saudischen Erdöls nach Europa war.
Man merkt daran, wie Saudi-Arabien sich umorientiert und Europa immer weniger wichtig wird.

„Die Spannungen im Roten Meer wirken sich bereits auf das Schiffsaufkommen in der Region aus. »Die Betreiber wenden bereits unterschiedliche Strategien an, um mit diesem erhöhten Risiko umzugehen«, heißt es in einem Bericht, der am Freitag von dem Analyseunternehmen S&P Global Commodities at Sea veröffentlicht wurde. »Einige Schiffe befahren diese Seeroute weiterhin, vermeiden aber das direkte Anlaufen von saudischen Häfen. Andere wiederum haben sich entschieden, diese Route ganz zu meiden und ihre Fahrten um das Kap der Guten Hoffnung herumzuführen, obwohl die Reise dadurch deutlich länger ist.«

Ein Sprecher der Huthi-Rebellen erklärte am Donnerstag, die Schifffahrt durch das Rote Meer und die Meerenge von Bab al-Mandab sei weiterhin »sicher und normal« für alle Schiffe außer »saudischen Schiffen, die Embargos unterliegen«. Ihre Operationen seien rein defensiv und würden eingestellt, sobald die Blockade gegen den Jemen beendet sei.“

Hier wird sozusagen nebenbei darauf hingewiesen, daß Saudi-Arabien und seine Verbündeten seit 2015 den Jemen verschiedenen Blockaden unterziehen – zu Land und zu Wasser, was um so komplizierter ist, als es ja auch in Aden und anderen Gegenden des Südens eine nicht sehr einflußreiche „Regierung“ gibt, die mit Saudi-Arabien verbündet ist, teilweise auch dort sitzt, während die den größten Teil des Landes kontrollierenden Ansarollah nach wie vor als „Huthi-Rebellen“ bezeichnet werden.

„Mickrige Reserven

Die Wiedereröffnung der Straße von Hormuz ist seit Längerem von höchster Dringlichkeit,“

– für wen? Für die USA offenbar nicht. –

„doch die Lage im Roten Meer hat sie noch einmal verschärft. Laut der Financial Times findet am Montag in Salalah, Oman, das erste Treffen zwischen den Außenministern mehrerer Golfstaaten und ihrem iranischen Amtskollegen statt. Dieses Treffen fällt zeitlich mit jüngsten Fortschritten in den Verhandlungen zwischen Teheran und Maskat über die künftige Verwaltung der Meerenge zusammen, die den Persischen Golf mit dem Arabischen Meer verbindet.

Der Westen ist auf diese erneute Widrigkeit, eine weitere in dieser Ära ständiger Umbrüche, nicht gerade gut vorbereitet. Ende Februar, als US-Präsident Donald Trump und der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu massive Bombenangriffe gegen den Iran anordneten, befanden sich die strategischen Öl- und Gasreserven Europas in gutem Zustand – die beste Garantie, um die Versorgungskrise unter Kontrolle zu halten.

Das hat sich geändert: Die doppelte Schließung der Straße von Hormuz – zuerst durch Teheran, dann durch Washington – hat die europäischen Staaten genötigt, einen Großteil ihrer Reserven zu verbrauchen.
Verschärft wurde dieser Rekordverbrauch durch die schwere Krise im russischen Energiesektor: Fast die Hälfte der Raffinerien ist aufgrund der ukrainischen Angriffe außer Betrieb. Nun droht die Meerenge von Bab al-Mandab die Situation noch weiter zu verschlimmern.“

Ob die Zahl der Hälfte der Raffinerien tatsächlich stimmt, sei dahingestellt. Es kann sich auch um Jubelmeldungen der Ukraine-Lobby handeln.
Allerdings gibt die Einschränkung der russischen Ölexporte zu denken.
Erstens hat natürlich der Inlandsbedarf Vorrang.
Zweitens will ja Europa unbedingt vom russischen Öl loskommen, nicht wahr?
Drittens hat auch Rußland seine Exporte mehr nach Asien verlagert, sofern das logistisch möglich war.
Aber viertens stellt sich heraus, daß die von westlichen beklatschten Beschädigungen der russischen Ölraffinerien auf Europa zurückwirken, weil sie eine weitere Verknappung des weltweiten Öl-Angebots darstellen, und damit die Preise in die Höhe treiben.
Abteilung weitere „Schüsse ins Knie“, um den abgewählten Viktor Orbán zu zitieren.

„Allein im August sanken die weltweiten Rohölvorräte laut den am Freitag von der Internationalen Energieagentur (IEA, der Energieabteilung der OECD) veröffentlichten Zahlen um 95 Millionen Barrel. Seit Beginn des Krieges gegen den Iran vor gut 6 Monaten wurden bereits über 500 Millionen Barrel entnommen, mit einer Rate von fast 3 Millionen Barrel pro Tag. Und das, obwohl die Wiederaufnahme der Lieferungen durch die Straße von Hormuz während der wochenlangen Waffenruhe den Druck auf die strategischen Reserven vorübergehend verringerte.

Die Erinnerung an das Schiff »Ever Given«

Neben Rohöl und Gas stellen die erneuten Drohungen der Huthi im Roten Meer und im Suezkanal auch ein Problem für den Seehandel dar. Der Suezkanal ist mit Abstand die wichtigste Route für den Transport von Gütern aller Art (von Technologie über Textilien bis hin zu Maschinen und fast allen anderen Konsumgütern des täglichen Bedarfs) von Asien nach Europa.

Der beste Indikator dafür, welche Folgen die Schließung des einzigen möglichen südlichen Zugangs zum Suezkanal für den Warentransit hätte, ist die Katastrophe der »Ever Given« im März 2021. Als das Schiff, eines der größten Containerschiffe der Welt, 5 Tage lang im Suezkanal auf Grund lief, mussten über 400 Schiffe auf beiden Seiten des Kanals warten, was zu einem beispiellosen globalen Handelsstau führte.
Es war nach der Pandemie das 2. unvorhergesehene Ereignis innerhalb weniger Monate. Die Liste solcher Ereignisse ist seither jedoch weiter gewachsen: die russische Invasion in der Ukraine, der Krieg zwischen den USA und Israel gegen den Iran und nun schließlich eine gefährliche Blockade des Roten Meeres, die sich allmählich abzeichnet.“

Wie weit diese letzteren Ereignisse anläßlich der vorangegangenen öffentlichen Erklärungen, Drohungen und Embargos wirklich „unvorhergesehen“ waren, ist eher fraglich …

Pressespiegel Komsomolskaja Pravda, 18.3.: Bilanz nach 19 Tagen Krieg gegen den Iran

„IRANS »GRAUE EMINENZ« LARIDSCHANI WURDE ERMORDET, ÖL- UND GASFELDER STEHEN IN FLAMMEN: DER KRIEG SPALTET SOGAR DAS WEISSE HAUS

Der Iran reagierte auf Israels Tötung Laridschanis mit Raketen, die mit Streumunition bestückt waren

Um Mitternacht (vom 17. auf den 18.3.) bestätigte Teheran offiziell den Tod einer Schlüsselfigur des Irans, die dem Obersten Führer ebenbürtig war – des Vorsitzenden des Obersten Nationalen Sicherheitsrates, Ali Laridschani (die Israelis hatten den Tod am Dienstagmorgen bekannt gegeben).

Bis vor Kurzem betrachteten die USA Laridschani als möglichen Führer des Iran während einer »Übergangsphase«. Doch er wurde nicht zum Verräter, sondern zum Helden.

Und US-Präsident Donald Trump erlitt einen schweren Schlag von einem scheinbar loyalen Verbündeten: Der Direktor des Nationalen Zentrums für Terrorismusbekämpfung, Joe Kent, trat mit einem Paukenschlag zurück. Er erklärte, Israel habe das Weiße Haus getäuscht und der Krieg mit dem Iran wäre verheerend für Amerika. Handelt es sich hier um eine Spaltung der republikanischen Elite, eine Meuterei an Bord eines Schiffes oder eine isolierte Demarche?

Ein sicheres Indiz dafür, ob das Ende des Konflikts naht oder sich verzögert, sind die Treibstoffpreise. Je höher sie sind (und sie steigen derzeit), desto wahrscheinlicher ist es, dass Washington nachgibt.

Wer war Ali Laridschani?

Obwohl das offizielle Teheran behauptet, für jeden Chef und Kommandeur seien 3 Stellvertreter ausgebildet – sollte einer getötet werden, würde ein anderer die Führung übernehmen –, ist die Bedeutung der Persönlichkeit in der Geschichte nicht verschwunden.

Nach dem Tod von Ayatollah Chamenei übernahm der 67-jährige Ali Laridschani faktisch die Herrschaft über das Land. Zuvor hatte er mit dem Westen über das Atomprogramm verhandelt, Kontakte zu wichtigen Verbündeten gepflegt und Notfallpläne entwickelt.
Offiziell koordinierte er die Zusammenarbeit zwischen dem Präsidenten, den Revolutionsgarden und der Armee, bereitete Entscheidungen für den Obersten Führer vor und sorgte für deren Umsetzung.

Laridschani galt als Befürworter wirtschaftlicher Reformen; es hieß sogar, er würde im Falle eines Erfolgs der Proteste im Iran eine Übergangsrolle in einer vom Westen unterstützten Regierung übernehmen. Doch er ging mit brutaler Härte gegen die Aufstände vor.

Sein Mut war unbestreitbar: Als das Pentagon eine Belohnung von 10 Millionen Dollar für Informationen über iranische Führungskräfte, darunter Laridschani, aussetzte, ging er unbewacht zu Fuß zu einer Demonstration in Teheran. Gestern spotteten die Israelis: »Seht euch die Belohnung an, und wir haben es umsonst getan.«“

Wen trifft der Spott eigentlich?
Den Iran oder die USA?

„Donald Trump reagierte auf Laridschanis Tod: »Ihr oberster Mann wurde getötet. Er war für den Tod der Demonstranten verantwortlich.«“

Wer kann Laridschani ersetzen?

Neben Laridschani wurden auch sein Sohn Morteza und sein Sicherheitschef getötet. Dies geschah vermutlich im Haus der Tochter des Politikers in der Nähe von Teheran. Aufnahmen eines Trümmerhaufens – alles, was von dem Gebäude übrig ist – kursieren im Internet.

Der iranische Präsident Masud Pezeschkian wandte sich an die Nation: »Es ist sehr schwer, diesen Verlust zu verkraften. Doch den reinen Seelen der großen Märtyrer der Islamischen Revolution nahe zu sein, war ein lang gehegter Wunsch meines lieben Bruders.«

Boris Dolgov, ein führender Forscher am Zentrum für Islamwissenschaften des Instituts für Orientalistik der Russischen Akademie der Wissenschaften, erklärte gegenüber KP.RU: »Laridschanis Einfluss auf das politische Leben im Iran war in den letzten 20 Jahren enorm, und er spielte eine entscheidende Rolle bei der Organisation der Landesverteidigung im aktuellen Krieg.

Das wirklich Tragische ist, dass Israel mit solchen gezielten Tötungen von Politikern in anderen Ländern die Büchse der Pandora öffnet. Jede Möglichkeit von Verhandlungen wird dadurch zunichtegemacht.«“

Das ist vermutlich auch genau das, was Israel will.
Wenn es niemanden mehr zum Verhandeln gibt, so kann Israel diktieren – zumindest ist das die Hoffnung der israelischen Führung.

„Zu Laridschanis potenziellen Nachfolgern zählt Ali Bagheri, ein Diplomat und Laridschanis Stellvertreter für internationale Angelegenheiten. Auch der ehemalige Stabschef des Obersten Führers, Saeed Jalili, der die Atomverhandlungen leitete und enge Verbindungen zu den Revolutionsgarden unterhält, steht auf der Liste. Ebenso wie der Oberbefehlshaber der Revolutionsgarden, Ahmad Vahidi, der nach der Ermordung seines Vorgängers das Amt übernahm.

Vahidi ist ehemaliger Verteidigungsminister, ein Veteran des Iran-Irak-Krieges und Gründer der Auslandsoperationskräfte der Revolutionsgarden, die für die Unterstützung von Stellvertretergruppen wie der Hisbollah, der Hamas und den Huthis verantwortlich sind.

Und wo befindet sich der Oberste Führer Modschtaba Chamenei selbst? Die Nachricht von seiner Verlegung nach Russland zur medizinischen Behandlung wurde vom Botschafter der Islamischen Republik in Russland, Kasem Jalali, dementiert. »Dies ist der neue psychologische Krieg«, erklärte er.

Unterdessen prahlten die Israelis damit, den Anführer der Basidsch-Freiwilligenmiliz, Gholamreza Soleimani, bei einem gezielten Luftangriff getötet zu haben.
Israel und die USA schließen einen iranischen Aufstand weiterhin nicht aus – genau deshalb eliminieren sie iranische Führungskräfte. In den sozialen Medien kursieren immer mehr Aufrufe: Eure Anführer sind weg, eure Soldaten desertieren, geht in die Offensive!

Die Behörden ihrerseits haben ihre Anhänger zu Massenprotesten aufgerufen. Eine große Abschiedszeremonie für Laridschani ist geplant, die mit der Beerdigung der gefallenen iranischen Seeleute zusammenfällt.

Wer ist Joe Kent, der wegen des Iran-Krieges zurücktritt?

Donald Trump befand sich trotz seines »durchschlagenden Erfolgs« – den Ansagen aus dem Weißen Haus nach zu urteilen – in einem äußerst nervösen Zustand. Und man musste die Ansagen gar nicht erst ansehen: Personen aus dem Umfeld des US-Präsidenten verkündeten, sie hätten ihn noch nie so wütend erlebt.

Dafür gibt es 3 Gründe. Der erste und wichtigste ist, dass der Krieg nicht nach dem Plan verläuft, der zu Beginn so schön skizziert wurde. Zweitens verweigerten die europäischen Verbündeten den USA in der Straße von Hormuz die Unterstützung und behinderten Washington offen. Drittens wurde Donald Trump öffentlich von seinem Vertrauten, dem hochrangigen Sicherheitsbeamten Joe Kent, verraten.

Kent, ein Veteran der Spezialeinheiten und ehemaliger CIA- und Geheimdienstoffizier, wurde in Trumps zweiter Amtszeit zum Direktor des Nationalen Zentrums für Terrorismusbekämpfung ernannt. Dieses Zentrum ist das »Gehirn« der nationalen Terrorismusbekämpfung und koordiniert die Arbeit aller Sicherheitsbehörden. Und wer könnte besser als Kent beurteilen, ob der Iran Amerika tatsächlich bedrohte oder nicht – ob beispielsweise Teheran einen Mordanschlag auf Trump plante, wie die Israelis ihn glauben ließen?
Joe veröffentlichte in den sozialen Medien einen ausführlichen offenen Brief an den Präsidenten und kündigte seinen Rücktritt an. Hier die wichtigsten Punkte seiner Botschaft:

– Der Iran stellte keine Bedrohung für die USA dar; der Krieg wurde unter dem Druck Israels und seiner Lobby in Amerika begonnen.
– Die Israelis und ihre Unterstützer in der amerikanischen Presse täuschten Trump, indem sie ihm vorgaukelten, der Iran stelle eine Bedrohung für die USA dar und die Operation würde einen schnellen Sieg bringen.
– Israel zog die Amerikaner auf ähnliche Weise in den verheerenden Irakkrieg hinein.
– Es ist noch nicht zu spät, den Kurs zu ändern, sonst wird das Land in Niedergang und Chaos versinken.

Kent hat ein zutiefst persönliches Motiv: Seine Frau Shannon, eine Unteroffizierin der Marine, starb 2019 in Syrien, als sich ein Selbstmordattentäter in einem Restaurant in die Luft sprengte. Joe sieht darin eine der fatalen Folgen der amerikanischen und israelischen Nahostpolitik.

Auf die Frage eines Reporters zu Kents Ausführungen antwortete Trump kurz: Er halte ihn für einen netten Kerl, aber in Sicherheitsfragen sei er immer schwach gewesen.
Wenn er schwach war, warum wurde er dann ernannt?

Trumps Aussagen zum Krieg gegen den Iran

Aus den jüngsten – und umstrittenen – Aussagen des US-Präsidenten:

– »Wir haben enorme militärische Erfolge erzielt, aber wir brauchen keine Hilfe von NATO-Staaten im Kampf gegen den Iran. Er ist völlig zerstört.«
– Wenn die (NATO-)Kollegen Washington nicht unterstützen, kommt die Idee eines amerikanischen Austritts aus dem Bündnis auf: »Ich brauche den Kongress nicht für diese Entscheidung. Ich kann sie selbst treffen.«
– Es gibt keine Gefahr, dass eine Bodenoffensive im Iran zu einem zweiten Vietnam führen könnte: »Ich fürchte nichts.«
– Die USA werden sich »in naher Zukunft« aus dem Krieg gegen den Iran zurückziehen.

Und am bemerkenswertesten: Der Iran hat kein Recht, die Straße von Hormuz zu blockieren: »Das ist richtig unfair von ihnen! Wir haben bereits gewonnen!«

Tatsächlich hat Washington keine bahnbrechenden militärischen Lösungen angeboten. Bombardieren, Töten. Töten, Bombardieren. Und was dann?

Doch amerikanische Seeleute scheinen eine Lösung von unten gefunden zu haben. Ein Brand in der Wäscherei des ruhmreichen Flugzeugträgers USS Gerald Ford konnte erst nach 30 Stunden gelöscht werden, und das Schiff kehrt nun nach Kreta zurück. Es besteht der Verdacht, dass die Besatzung das Feuer gelegt hat, um »die lange Mission des Schiffes zu beenden«. Die Ermittlungen laufen.

Die Lage in Israel

Die israelischen Behörden verbrachten den ganzen Tag damit, sich in Spott zu Laridschanis Tod zu ergehen. Ministerpräsident Netanjahu, in dessen Nähe eine iranische Rakete einschlug, träumte weiter: »Wir untergraben das Regime, damit das Volk es stürzen kann.«“

Das ist eigentlich ein Befehl an die iranische Bevölkerung: Räumt die Mullahs weg oder wir bombardieren euch in Grund und Boden!

„Lokale Medien berichten: Seit Beginn des Krieges wurde im Gelobten Land »kein einziges militärisches Ziel getroffen.«
Wirklich?
Wer israelische Online-Foren liest, sieht ständig neue Meldungen: »Sirenenalarm … Alarm … Sirenenalarm … Alle in Sicherheit bringen …«“

Das sind aber in der Tat keine militärischen Ziele.
Außerdem berichtet der Korrespondent des ORF, die Laune in Israel sei gut: Endlich weg mit den Mullahs, dafür ist jedes Opfer recht!
Muß nicht stimmen, ist aber erwähnenswert.

„Nach den Angriffen auf Teheran und andere iranische Städte (eine der Raketen traf das Kernkraftwerk Buschehr, wo ein Reaktor in Betrieb ist) warnte die israelische Armee die Israelis: Der Iran werde den Tod Laridschanis rächen. Bereitet euch auf noch heftigere Angriffe vor.
Und so geschah es: Raketen mit Streumunition wurden auf Israel abgefeuert.

Welche Angriffe hat der Iran am 17. März durchgeführt?“

Hier handelt es sich offenbar um offizielle Verlautbarungen des Iran.

„– Die Revolutionsgarden griffen weiterhin Jerusalem, Tel Aviv und amerikanische Stützpunkte im Nahen Osten mit überschweren Raketen und Drohnen an.“

Was bedeutet hier „überschwer“?

– In Saudi-Arabien wurde auf dem Flughafen Al-Qaisumah ein wichtiges amerikanisches AN/FPS-117-Luftverteidigungsradar zerstört. Es konnte Drohnen, Raketen und Flugzeuge in einer Entfernung von 500 km erfassen.
– Das Luftverteidigungssystem zum Schutz der US-Botschaft in Bagdad wurde zerstört und geriet in Brand.
– Die Angriffe auf den israelischen Waffenfabrikkomplex Rafael (Hersteller von Raketen und Komponenten des Raketenabwehrsystems Iron Dome) dauerten an.
– Ein hochrangiger israelischer Beamter wurde getötet (Name wird nicht genannt).
– Laut iranischen Geheimdienstquellen haben die US-Streitkräfte an Verlusten 200 Tote und über 3.000 Verwundete. Die Amerikaner und ihre Verbündeten verloren 150 Raketenwerfer, 24 Patriot-Systeme, 37 Flugzeuge und Hubschrauber sowie 43% ihrer Waffenbestände.

– Der Iran griff erstmals Öl- und Gasförderanlagen an – eines der größten Gasfelder der Welt, Schah (VAE), dessen Betrieb eingestellt wurde, sowie das Ölfeld Majnoon im Irak. Der staatliche emiratische Ölkonzern Adnoc stellte die Ölverladung im Hafen von Fudschaira ein, nachdem ein Tanker nach einem Treffer in Brand geraten war.“

Nach Fudschaira am Golf von Oman verläuft die Pipeline der VAE, die den persischen Golf umgeht.
Selbst wenn die Verluste des Gegners übertrieben dargestellt werden, so ist der Schaden dennoch gewaltig.

„Die Lage in der Straße von Hormuz und die Ölpreise

Die Straße von Hormuz bleibt für alle Schiffe gesperrt, mit Ausnahme einiger Tanker, die Öl nach Indien und China transportieren. Gleichzeitig sind die Ölpreise gestiegen – um 3% innerhalb von 24 Stunden.

Das Weiße Haus ist vor allem über den sprunghaften Anstieg der Kraftstoffpreise im Inland besorgt: Der durchschnittliche Dieselpreis hat erstmals seit 4 Jahren die Marke von 5 US-Dollar pro Gallone überschritten. Insgesamt ist der Dieselpreis seit Kriegsbeginn um 34% gestiegen, und Diesel ist für das Wirtschaftswachstum unerlässlich. Die Bevölkerung beginnt sich zunehmend darüber zu ärgern.

Die Dieselprobleme haben auch Polen betroffen: Polen strömten in die Slowakei und leerten dort die Tankstellen an der Grenze. Ministerpräsident Fico drohte, die Preise für Ausländer zu erhöhen oder Beschränkungen einzuführen.“

Wieso ist Diesel in der Slowakei billiger als in Polen?

„Doch Brüssel bereitet sich darauf vor, die Lage für die Europäer noch zu verschärfen: Ein vollständiges Verbot von russischem Öl steht unmittelbar bevor.

Nebenbei bemerkt: Indien kauft unser »schwarzes Gold« bereits für 98,93 Dollar pro Barrel – 40 Dollar mehr als vor dem Krieg im Iran.

Wann wird der Krieg zwischen den USA und dem Iran enden?

Responsible Statecraft analysierte das Vorgehen der Amerikaner. Die Schlussfolgerungen sind unerfreulich für Washington: Das Weiße Haus hatte keinen wirklichen Anlass für den Krieg, und es herrscht kein klares Verständnis über dessen letztendlichen Ausgang.

»Trump und seine Verbündeten scheinen beschlossen zu haben, dass sie durch Zerstörung ohne klares politisches Ziel die geopolitischen Interessen der USA voranbringen und gleichzeitig eine Pattsituation vermeiden können«, so das Fazit der Analyse. »Doch die Zerstörung militärischer Anlagen ist keine Strategie, sondern eine Taktik.«
Der Bewohner des Weißen Hauses, der verkündet hatte, dass große Nationen keine endlosen Kriege führen, hat seine Wahlversprechen gebrochen und das Land in ein Abenteuer gestürzt.

Reuters berichtete, dass das Weiße Haus Teheran einen Waffenstillstand angeboten hatte. Modschtaba Chamenei lehnte ihn ab. Wie hätte er auch zustimmen können, nachdem seine Familie durch Bomben getötet worden war?

Nach Laridschanis Ermordung ist es inzwischen besser, den Waffenstillstand gar nicht erst zu erwähnen. Die Amerikaner mögen sich noch immer der Illusion hingeben, der Krieg könne für beendet erklärt werden, sobald die Treibstoffpreise bereits in Gold gemessen werden. Doch Teheran hat keinerlei Absicht, ihn zu beenden.

Während die Republikaner bei den Zwischenwahlen im November lediglich Sitze im Kongress zu verlieren riskieren, geht es für die Iraner um Leben und Tod. Und um Ehre.“

Pressespiegel Komsomolskaja Pravda, 2.3.: Angriff auf den Iran

„DIE USA HABEN GEGENWIND AUS TEHERAN ERHALTEN – WIE GEHT ES IM NAHEN OSTEN WEITER?

Der Krieg im Nahen Osten eskaliert. Der Iran beschießt weiterhin Ziele in Nachbarländern. Gestern beispielsweise griffen Drohnen Saudi-Arabiens größte Ölraffinerie, Saudi Aramco, an. Israelische Raketen flogen auf Teheran, und die iranische Atomanlage in Natanz wurde attackiert.
Die Islamischen Revolutionsgarden meldeten einen Angriff auf die Residenz des israelischen Premierministers Benjamin Netanjahu, während israelische Medien einen Angriff auf das Haus des iranischen Interims-Obersten Führers Alireza Arafi verkündeten.

Die Komsomolskaja Prawda befragte Experten zu den wichtigsten Fragen der Lage um den Iran, und zwar:

Semjon Bagdasarow, Direktor des Zentrums für Nahost- und Zentralasienstudien
Die Orientalistin Karine Geworgjan
Konstantin Blochin, führender Forscher am Zentrum für Sicherheitsstudien der Russischen Akademie der Wissenschaften.
Den ehemaligen Chef der Flugabwehrraketentruppen des Sonderkommandos (ehemals Moskauer Luftverteidigungsbezirk), Oberst a. D. Sergei Chatyljew.
Den international tätigen Journalisten Abbas Dschuma.

1. Warum vertraute der Iran den Verhandlungen mit den USA?

KP: Die Angriffe auf den Iran begannen vor dem Hintergrund iranisch-amerikanischer Gespräche in Genf. Der iranische Außenminister Aragtschi beschwerte sich, Trump habe den Verhandlungstisch »zerbombt«, obwohl eine Einigung kurz bevorstand. Dies ist bereits das zweite Mal – auch im vergangenen Juni liefen Verhandlungen. Warum gelang es den Amerikanern, die Iraner ein zweites Mal in falscher Sicherheit zu wiegen?

Blochin: Ich erinnere daran, dass Israel beim letzten Mal zuerst angriff und die Amerikaner sich erst einige Tage später beteiligten. Daher gingen die Iraner vermutlich davon aus, dass die Amerikaner auch diesmal nicht sofort eingreifen würden. Doch dieses Mal handelte es sich eindeutig um einen gemeinsamen amerikanisch-israelischen Angriff.

KP: Was ist das wahre Ziel der USA im Konflikt mit dem Iran?

Bagdasarov: Das Regime stürzen, es durch ein pro-israelisches, pro-amerikanisches ersetzen – und die Kontrolle über den enormen Reichtum des Landes erlangen.

2. Warum tauchte Ayatollah Ali Khamenei nicht unter?

KP: Irans Oberster Führer Ali Khamenei tauchte nicht unter. Warum? Schließlich kannte er die Risiken. Und warum war seine Familie zum Zeitpunkt des Angriffs bei ihm in Teheran? Hätte er sie – einschließlich seiner 14 Monate alten Enkelin – nicht in einem Bunker verstecken können?

Geworgjan: Israelische und amerikanische Medien berichteten, der iranische Oberste Führer habe sich in einem Bunker versteckt. Er war ein 86-jähriger, kranker Mann. Und er verstand: Was macht es schon für einen Unterschied? Ich werde sowieso sterben, und es wird sofort geschehen.
Er wurde zum heiligen Opfer und bewies damit seine Integrität. Das ist wichtig. Ayatollah Khamenei hat sehr mutig gehandelt.
Es ist schade, dass seine Angehörigen anwesend waren. Ein Kleinkind starb …

Dschuma: Ich erkläre dies mit religiöser und ideologischer Logik. Der Oberste Führer war ein aufrichtiger Gläubiger; seine Priorität war der Erhalt des 1979 etablierten Systems, selbst um den Preis seines eigenen Lebens. In diesem Kontext wird ein würdevoller Tod, insbesondere während des Ramadan, als wertvoller angesehen als ein sicheres Überleben.
Wenn ein Führer zu dem Schluss kommt, dass sein Tod der Sache mehr nützt als sein weiteres Leben, trifft er eine bewusste Entscheidung. In diesem Sinne war Khameneis Entscheidung, nicht in den Bunker zu gehen, seine persönliche.
Was die Todesfälle der Angehörigen betrifft, möchte ich daran erinnern: Der Tag des Angriffs war ein gewöhnlicher Tag, und die Angriffe richteten sich nicht nur gegen militärische, sondern auch gegen zivile Ziele. Kinder wurden getötet. Daher schlage ich vor, dass wir uns nicht fragen, warum Khameneis Enkelin zu Hause war, sondern warum Hunderte anderer Kinder an diesem Tag in der Schule waren.

3. Ist ein Putsch im Iran möglich?

KP: Trump und Netanjahu riefen die iranische Opposition auf, auf die Straße zu gehen und die Macht zu ergreifen. Ist ein solches Szenario realistisch?

Geworgjan: Das ist natürlich eine massive Überschätzung der Fähigkeiten der iranischen Opposition. Sie setzen schlicht auf Kopfabschneider, von denen es viele gibt. So die 25.000 ehemaligen IS-Kämpfer, die von den Kurden in Gefängnissen und Lagern festgehalten und dann in den Irak deportiert wurden. Sie setzen darauf, dass diese Mörder den Iran angreifen. Aber sie sind keineswegs die Opposition. Das ist nicht ernst zu nehmen.
Bomben fallen auf das Land, und jemand kommt heraus und sagt: Lasst uns die Regierung stürzen? Die Antwort wird lauten: Bist du verrückt? So würde jeder reagieren, selbst jemand, der den Ayatollah hasst.

KP: Die iranische Regierung ist nicht homogen. Gibt es derzeit jemanden in der Führung, der mit den USA kooperieren könnte?

Bagdasarov: Es gibt Leute, die mit Washington sympathisieren. Zum Beispiel Mohammad Dschavad Zarif, der ehemalige iranische Außenminister unter Präsident Rohani und ein persönlicher Freund von Präsident Pezeschkian.
Unter Pezeschkian wurde er Vizepräsident für strategische Angelegenheiten. Hinter vorgehaltener Hand wird er als »Amerikaner« bezeichnet; er studierte in den USA und war bereit, in seinen Beziehungen zu ihnen weit zu gehen.
Er verzögerte aktiv die Unterzeichnung eines strategischen Partnerschaftsabkommens zwischen den Iranern und Russland und wartete die US-Wahlen ab. Das war Zarifs Empfehlung, weil: Hätten die Demokraten gewonnen, hätten die Iraner ein solches Abkommen niemals mit Rußland unterzeichnet. Erst nach Trumps Sieg sagten sie: Wir werden unterschreiben.

Dschuma: Es wird über eine ähnliche Rolle für den Vorsitzenden des iranischen Sicherheitsrates, Ali Laridschani, gesprochen. Ich halte ihn aber nicht für jemanden, der bereit wäre, den Iran den Amerikanern »auszuliefern«, obwohl der Einfluss seiner Familie im Land tatsächlich beträchtlich ist. Laridschani selbst hat Berichte über Versuche zur Wiederaufnahme des Dialogs mit Washington, die zuvor insbesondere im Wall Street Journal erschienen waren, bereits öffentlich dementiert. Teherans offizielle Position schließt Verhandlungen mit den USA derzeit aus.

4. Wie unterscheidet sich die militärische Reaktion des Irans von der in früheren Konflikten?

KP: Wie würden Sie die militärische Reaktion des Irans auf den Angriff charakterisieren? Was ist daran neu im Vergleich zu früheren Konflikten?

Bagdasarov: Meiner Meinung nach handelt der Iran völlig falsch. Sie haben gerade eine Ölraffinerie in Saudi-Arabien angegriffen. Warum? Versucht Teheran, die Golfkoalition zu provozieren, damit sie sich am Krieg beteiligt? Wird das dem Iran nützen? Ich verstehe es nicht.

Chatyljew: Der Iran führt primär defensive Operationen durch. Die wichtigste Neuerung ist der aktive Einsatz der Luftstreitkräfte, die zuvor praktisch ungenutzt blieben, nun aber in die vorderste Angriffslinie integriert sind.
Bemerkenswert ist auch der Einsatz von mehr als 6 Hyperschallraketen. Dies deutet darauf hin, dass der Iran über entsprechende Bestände verfügt. Meiner Meinung nach bereitet sich Teheran auf komplexe Operationen zu Land und zu Wasser vor: Die Marine operiert aktiv gegen die US-Marinegruppe und greift gemeinsam mit landgestützten Raketenstreitkräften Ziele auf See und an Land an.
Zuvor gab es keine Angriffe auf europäische Stützpunkte in der Region. Und nun »warnt« der Iran Länder, die die amerikanische Linie unterstützen.
Die Aussagen Deutschlands über seine Bereitschaft zu Vergeltungsaktionen muß man ironisch kommentieren: Deutschland verfügt nicht über Flugzeugträger, eine Luftwaffe oder Tanker wie die USA, und ein Teil seiner Ausrüstung wurde an die Ukraine abgegeben, sodass seine Fähigkeit zur tatsächlichen Teilnahme an Kampfhandlungen begrenzt ist.

KP: Wer ist in der Lage, militärisch zugunsten des Irans zu intervenieren?

Bagdasarov: Niemand. Irans verlängerte Arme wie die Hisbollah und die Hamas sind erschöpft und verfügen über keine nennenswerten militärischen Kapazitäten.

5. Wird der Iran die Straße von Hormuz schliessen?

KP: Wird der Iran die Straße von Hormuz schließen (während er beispielsweise chinesischen Tankern die Durchfahrt erlaubt)? Was wird dann mit den Ölmärkten geschehen? Wir beobachten bereits iranische Angriffe auf Ölanlagen – beispielsweise die Raffinerie von Saudi Aramco …

Blochin: Teheran könnte die Straße für kurze Zeit schließen. Aber nicht dauerhaft. Schließlich wird der Druck nicht nur von den USA und Israel kommen. Auch China bezieht seine Energielieferungen durch die Straße von Hormuz. Peking könnte also fordern, dass seine Interessen berücksichtigt werden, und Teheran hat kein Interesse daran, die Chinesen zu verärgern. Darüber hinaus ist allgemein bekannt, dass Trumps Angriff auf den Iran unter anderem durch den Wunsch motiviert ist, Chinas Aufstieg zu stoppen.
Warum sollte man Chinas Feinden helfen, indem man die Straße von Hormuz schließt?“

Eine Teilsperre ist also nicht möglich, nur eine Gesamtsperre?

6. Wird der Iran in einem Krieg standhalten?

KP: Wie schätzen Sie die Lage im Nahen Osten ein? Wie lange könnte der Konflikt dauern, und ist der Iran in der Lage, durchzuhalten?

Blochin: Ich bin Amerikanist, daher kann ich vor allem die Reaktion in den USA vorhersagen. Es wird keinen organisierten Widerstand gegen Trumps Vorgehen geben, da ein Regimewechsel im Iran seit Langem ein zentrales Anliegen beider amerikanischer Parteien ist.
Die öffentliche Meinung in den USA ist bereit, Risiken einzugehen und Geduld zu üben, um dieses Ziel zu erreichen.
Es ist schwierig, die Dauer des iranischen Widerstands vorherzusagen. Eine weitere Möglichkeit ist der Zerfall des Landes entlang ethnischer Linien.

Geworgjan: Es ist in der Tat schwer vorherzusagen … Die Amerikaner könnten sogar einen Atomangriff auf den Iran starten. Wir müssen uns aber darüber im Klaren sein, dass die Winde über dem Iran im März die gesamte Strahlung auf die Arabische Halbinsel, zu ihren Verbündeten in der Region und zu ihren eigenen Stützpunkten treiben werden.“

Es ist beachtlich, daß keiner der Befragten ein Eingreifen Chinas oder Rußlands in Erwägung zieht. Aber vielleicht ist das ein Tabuthema …

https://www.kp.ru/daily/27761/5217013