„DIE USA HABEN GEGENWIND AUS TEHERAN ERHALTEN – WIE GEHT ES IM NAHEN OSTEN WEITER?
Der Krieg im Nahen Osten eskaliert. Der Iran beschießt weiterhin Ziele in Nachbarländern. Gestern beispielsweise griffen Drohnen Saudi-Arabiens größte Ölraffinerie, Saudi Aramco, an. Israelische Raketen flogen auf Teheran, und die iranische Atomanlage in Natanz wurde attackiert.
Die Islamischen Revolutionsgarden meldeten einen Angriff auf die Residenz des israelischen Premierministers Benjamin Netanjahu, während israelische Medien einen Angriff auf das Haus des iranischen Interims-Obersten Führers Alireza Arafi verkündeten.
Die Komsomolskaja Prawda befragte Experten zu den wichtigsten Fragen der Lage um den Iran, und zwar:
Semjon Bagdasarow, Direktor des Zentrums für Nahost- und Zentralasienstudien
Die Orientalistin Karine Geworgjan
Konstantin Blochin, führender Forscher am Zentrum für Sicherheitsstudien der Russischen Akademie der Wissenschaften.
Den ehemaligen Chef der Flugabwehrraketentruppen des Sonderkommandos (ehemals Moskauer Luftverteidigungsbezirk), Oberst a. D. Sergei Chatyljew.
Den international tätigen Journalisten Abbas Dschuma.
1. Warum vertraute der Iran den Verhandlungen mit den USA?
KP: Die Angriffe auf den Iran begannen vor dem Hintergrund iranisch-amerikanischer Gespräche in Genf. Der iranische Außenminister Aragtschi beschwerte sich, Trump habe den Verhandlungstisch »zerbombt«, obwohl eine Einigung kurz bevorstand. Dies ist bereits das zweite Mal – auch im vergangenen Juni liefen Verhandlungen. Warum gelang es den Amerikanern, die Iraner ein zweites Mal in falscher Sicherheit zu wiegen?
Blochin: Ich erinnere daran, dass Israel beim letzten Mal zuerst angriff und die Amerikaner sich erst einige Tage später beteiligten. Daher gingen die Iraner vermutlich davon aus, dass die Amerikaner auch diesmal nicht sofort eingreifen würden. Doch dieses Mal handelte es sich eindeutig um einen gemeinsamen amerikanisch-israelischen Angriff.
KP: Was ist das wahre Ziel der USA im Konflikt mit dem Iran?
Bagdasarov: Das Regime stürzen, es durch ein pro-israelisches, pro-amerikanisches ersetzen – und die Kontrolle über den enormen Reichtum des Landes erlangen.
2. Warum tauchte Ayatollah Ali Khamenei nicht unter?
KP: Irans Oberster Führer Ali Khamenei tauchte nicht unter. Warum? Schließlich kannte er die Risiken. Und warum war seine Familie zum Zeitpunkt des Angriffs bei ihm in Teheran? Hätte er sie – einschließlich seiner 14 Monate alten Enkelin – nicht in einem Bunker verstecken können?
Geworgjan: Israelische und amerikanische Medien berichteten, der iranische Oberste Führer habe sich in einem Bunker versteckt. Er war ein 86-jähriger, kranker Mann. Und er verstand: Was macht es schon für einen Unterschied? Ich werde sowieso sterben, und es wird sofort geschehen.
Er wurde zum heiligen Opfer und bewies damit seine Integrität. Das ist wichtig. Ayatollah Khamenei hat sehr mutig gehandelt.
Es ist schade, dass seine Angehörigen anwesend waren. Ein Kleinkind starb …
Dschuma: Ich erkläre dies mit religiöser und ideologischer Logik. Der Oberste Führer war ein aufrichtiger Gläubiger; seine Priorität war der Erhalt des 1979 etablierten Systems, selbst um den Preis seines eigenen Lebens. In diesem Kontext wird ein würdevoller Tod, insbesondere während des Ramadan, als wertvoller angesehen als ein sicheres Überleben.
Wenn ein Führer zu dem Schluss kommt, dass sein Tod der Sache mehr nützt als sein weiteres Leben, trifft er eine bewusste Entscheidung. In diesem Sinne war Khameneis Entscheidung, nicht in den Bunker zu gehen, seine persönliche.
Was die Todesfälle der Angehörigen betrifft, möchte ich daran erinnern: Der Tag des Angriffs war ein gewöhnlicher Tag, und die Angriffe richteten sich nicht nur gegen militärische, sondern auch gegen zivile Ziele. Kinder wurden getötet. Daher schlage ich vor, dass wir uns nicht fragen, warum Khameneis Enkelin zu Hause war, sondern warum Hunderte anderer Kinder an diesem Tag in der Schule waren.
3. Ist ein Putsch im Iran möglich?
KP: Trump und Netanjahu riefen die iranische Opposition auf, auf die Straße zu gehen und die Macht zu ergreifen. Ist ein solches Szenario realistisch?
Geworgjan: Das ist natürlich eine massive Überschätzung der Fähigkeiten der iranischen Opposition. Sie setzen schlicht auf Kopfabschneider, von denen es viele gibt. So die 25.000 ehemaligen IS-Kämpfer, die von den Kurden in Gefängnissen und Lagern festgehalten und dann in den Irak deportiert wurden. Sie setzen darauf, dass diese Mörder den Iran angreifen. Aber sie sind keineswegs die Opposition. Das ist nicht ernst zu nehmen.
Bomben fallen auf das Land, und jemand kommt heraus und sagt: Lasst uns die Regierung stürzen? Die Antwort wird lauten: Bist du verrückt? So würde jeder reagieren, selbst jemand, der den Ayatollah hasst.
KP: Die iranische Regierung ist nicht homogen. Gibt es derzeit jemanden in der Führung, der mit den USA kooperieren könnte?
Bagdasarov: Es gibt Leute, die mit Washington sympathisieren. Zum Beispiel Mohammad Dschavad Zarif, der ehemalige iranische Außenminister unter Präsident Rohani und ein persönlicher Freund von Präsident Pezeschkian.
Unter Pezeschkian wurde er Vizepräsident für strategische Angelegenheiten. Hinter vorgehaltener Hand wird er als »Amerikaner« bezeichnet; er studierte in den USA und war bereit, in seinen Beziehungen zu ihnen weit zu gehen.
Er verzögerte aktiv die Unterzeichnung eines strategischen Partnerschaftsabkommens zwischen den Iranern und Russland und wartete die US-Wahlen ab. Das war Zarifs Empfehlung, weil: Hätten die Demokraten gewonnen, hätten die Iraner ein solches Abkommen niemals mit Rußland unterzeichnet. Erst nach Trumps Sieg sagten sie: Wir werden unterschreiben.
Dschuma: Es wird über eine ähnliche Rolle für den Vorsitzenden des iranischen Sicherheitsrates, Ali Laridschani, gesprochen. Ich halte ihn aber nicht für jemanden, der bereit wäre, den Iran den Amerikanern »auszuliefern«, obwohl der Einfluss seiner Familie im Land tatsächlich beträchtlich ist. Laridschani selbst hat Berichte über Versuche zur Wiederaufnahme des Dialogs mit Washington, die zuvor insbesondere im Wall Street Journal erschienen waren, bereits öffentlich dementiert. Teherans offizielle Position schließt Verhandlungen mit den USA derzeit aus.
4. Wie unterscheidet sich die militärische Reaktion des Irans von der in früheren Konflikten?
KP: Wie würden Sie die militärische Reaktion des Irans auf den Angriff charakterisieren? Was ist daran neu im Vergleich zu früheren Konflikten?
Bagdasarov: Meiner Meinung nach handelt der Iran völlig falsch. Sie haben gerade eine Ölraffinerie in Saudi-Arabien angegriffen. Warum? Versucht Teheran, die Golfkoalition zu provozieren, damit sie sich am Krieg beteiligt? Wird das dem Iran nützen? Ich verstehe es nicht.
Chatyljew: Der Iran führt primär defensive Operationen durch. Die wichtigste Neuerung ist der aktive Einsatz der Luftstreitkräfte, die zuvor praktisch ungenutzt blieben, nun aber in die vorderste Angriffslinie integriert sind.
Bemerkenswert ist auch der Einsatz von mehr als 6 Hyperschallraketen. Dies deutet darauf hin, dass der Iran über entsprechende Bestände verfügt. Meiner Meinung nach bereitet sich Teheran auf komplexe Operationen zu Land und zu Wasser vor: Die Marine operiert aktiv gegen die US-Marinegruppe und greift gemeinsam mit landgestützten Raketenstreitkräften Ziele auf See und an Land an.
Zuvor gab es keine Angriffe auf europäische Stützpunkte in der Region. Und nun »warnt« der Iran Länder, die die amerikanische Linie unterstützen.
Die Aussagen Deutschlands über seine Bereitschaft zu Vergeltungsaktionen muß man ironisch kommentieren: Deutschland verfügt nicht über Flugzeugträger, eine Luftwaffe oder Tanker wie die USA, und ein Teil seiner Ausrüstung wurde an die Ukraine abgegeben, sodass seine Fähigkeit zur tatsächlichen Teilnahme an Kampfhandlungen begrenzt ist.
KP: Wer ist in der Lage, militärisch zugunsten des Irans zu intervenieren?
Bagdasarov: Niemand. Irans verlängerte Arme wie die Hisbollah und die Hamas sind erschöpft und verfügen über keine nennenswerten militärischen Kapazitäten.
5. Wird der Iran die Straße von Hormuz schliessen?
KP: Wird der Iran die Straße von Hormuz schließen (während er beispielsweise chinesischen Tankern die Durchfahrt erlaubt)? Was wird dann mit den Ölmärkten geschehen? Wir beobachten bereits iranische Angriffe auf Ölanlagen – beispielsweise die Raffinerie von Saudi Aramco …
Blochin: Teheran könnte die Straße für kurze Zeit schließen. Aber nicht dauerhaft. Schließlich wird der Druck nicht nur von den USA und Israel kommen. Auch China bezieht seine Energielieferungen durch die Straße von Hormuz. Peking könnte also fordern, dass seine Interessen berücksichtigt werden, und Teheran hat kein Interesse daran, die Chinesen zu verärgern. Darüber hinaus ist allgemein bekannt, dass Trumps Angriff auf den Iran unter anderem durch den Wunsch motiviert ist, Chinas Aufstieg zu stoppen.
Warum sollte man Chinas Feinden helfen, indem man die Straße von Hormuz schließt?“
Eine Teilsperre ist also nicht möglich, nur eine Gesamtsperre?
6. Wird der Iran in einem Krieg standhalten?
KP: Wie schätzen Sie die Lage im Nahen Osten ein? Wie lange könnte der Konflikt dauern, und ist der Iran in der Lage, durchzuhalten?
Blochin: Ich bin Amerikanist, daher kann ich vor allem die Reaktion in den USA vorhersagen. Es wird keinen organisierten Widerstand gegen Trumps Vorgehen geben, da ein Regimewechsel im Iran seit Langem ein zentrales Anliegen beider amerikanischer Parteien ist.
Die öffentliche Meinung in den USA ist bereit, Risiken einzugehen und Geduld zu üben, um dieses Ziel zu erreichen.
Es ist schwierig, die Dauer des iranischen Widerstands vorherzusagen. Eine weitere Möglichkeit ist der Zerfall des Landes entlang ethnischer Linien.
Geworgjan: Es ist in der Tat schwer vorherzusagen … Die Amerikaner könnten sogar einen Atomangriff auf den Iran starten. Wir müssen uns aber darüber im Klaren sein, dass die Winde über dem Iran im März die gesamte Strahlung auf die Arabische Halbinsel, zu ihren Verbündeten in der Region und zu ihren eigenen Stützpunkten treiben werden.“
Es ist beachtlich, daß keiner der Befragten ein Eingreifen Chinas oder Rußlands in Erwägung zieht. Aber vielleicht ist das ein Tabuthema …
„As of 7:30 am ET, March 2, 4 U.S. service members have been killed in action. The 4th service member, who was seriously wounded during Iran’s initial attacks, eventually succumbed to their injuries.“
(El País Liveticker, 2.3. mit Berufung auf X)
Wo?! – fragt man sich.
Und was ist mit der Nr. 3?
„Die Zahl der Todesopfer in Beit Schemesch steigt
Inzwischen meldet Times of Israel 9 Tote, die israelische Armee untersucht, warum die iranische Rakete nicht abgefangen werden konnte. Das Geschoss traf einen Schutzraum in einem Wohngebiet der zentralisraelischen Stadt.“
(Standard, 2.3.)
„Toter durch iranischen Angriff auf Kuwait
Der Rundumschlag des iranischen Regimes traf am Sonntag auch Kuwait. Das Verteidigungsministerium des Kleinstaates meldete, der Iran habe 97 ballistische Raketen und mehr als 280 Drohnen eingesetzt. Ein Mensch wurde dabei getötet, 30 verletzt.“
(Standard, 2.3.)
Während die Angriffe auf Israel begreiflich sind, sind die auf die anderen Staaten nicht nachvollziehbar.
Möglicherweise handelt es sich um Angriffe gegen US-Einrichtungen, die von Raketen abgefangen werden.
„Spanien verweigert militärische Unterstützung für den Angriff auf den Iran und distanziert sich von Frankreich, Deutschland und Großbritannien
Die USA ziehen ihre Tankflugzeuge vom Luftwaffenstützpunkt Morón ab, nachdem ihnen die Genehmigung für deren Einsatz im Rahmen der Operation Epic Fury verweigert wurde.
Spanien hat die Unterstützung der US-israelischen Militäroperation gegen den Iran abgelehnt und sich von der Position Frankreichs, Deutschlands und Großbritanniens distanziert, die ihre Bereitschaft zu sogar »verhältnismäßigen Offensivaktionen« als Reaktion auf die Angriffe Teherans auf die Golfstaaten und Zypern erklärt haben. »Jedes Land trifft seine eigenen außenpolitischen Entscheidungen. Spanien hat eine klare Position: Die Stimme Europas muss in dieser Zeit von Ausgewogenheit und Mäßigung geprägt sein, auf Deeskalation und die Rückkehr an den Verhandlungstisch hinarbeiten«, sagte Außenminister José Manuel Albares am Montag. »Eine Logik der Gewalt, wie wir sie derzeit erleben, führt lediglich zu einer Spirale der Gewalt und einseitigen Militäraktionen außerhalb der UN-Charta, außerhalb jeglicher kollektiven Vorgehensweise; sie verfolgen kein klares Ziel. Europa muss das Völkerrecht, die Deeskalation und Verhandlungen verteidigen«, betonte er. (…)
Spaniens Weigerung, militärische Unterstützung für den Angriff auf den Iran zu leisten, hat das Pentagon veranlasst, ein Dutzend KC-135-Tankflugzeuge vom Luftwaffenstützpunkt Morón de la Frontera (Sevilla) und … Rota (Cádiz) abzuziehen. Diese Flugzeuge dienten der Luftbetankung von Jagdbombern, wie Verteidigungsministerin Margarita Robles bestätigte.
Nachdem sie »kategorisch« erklärt hatte, Spanien habe keinerlei Unterstützung für den Angriff auf den Iran geleistet, erläuterte Robles, dass das Kooperationsabkommen mit den USA, das den Rahmen für die Präsenz US-amerikanischer Truppen in Spanien bildet, »im Rahmen des Völkerrechts gelten« müsse und dass es sich bei den derzeitigen Aktionen um einseitiges Vorgehen ohne die Unterstützung einer multilateralen Organisation wie der UNO, der NATO oder der EU handle. »Die Stützpunkte werden nur dann Unterstützung leisten, wenn dies aus humanitärer Sicht notwendig ist. Solange keine UNO-Resolution vorliegt, ist der Vertrag nicht anwendbar«, betonte sie.“
(El País, 2.3.)
Die Flugzeuge wurden nach Frankreich und Deutschland transferiert, die ja unbedingt dabei sein wollen.
Was ist denn da los?
„UK’s Starmer breaks with Trump on Iran
The British PM questioned if there is a thought-through plan for the Middle East during a House of Commons statement.
Keir Starmer hit back at Donald Trump’s criticism of the U.K.’s Iran strategy Monday, arguing he does not believe in »regime change from the skies.«
The U.K. has learned not to engage in unlawful wars without a »viable« plan, Starmer told British lawmakers, reiterating his earlier stance that the U.K. will not get involved in offensive strikes in the Middle East.
»We all remember the mistakes of Iraq, and we have learned those lessons. Any U.K. actions must always have a lawful basis and a viable thought-through plan,« Starmer said, referencing the 2003 invasion of Iraq by then U.S. president George W. Bush and ex-British PM Tony Blair.“
Ist es die Erinnerung an den Irak-Krieg oder warum machte Starmer diesen Rückzieher?
„The U.S. will only be allowed to use selected British bases for defensive raids on Tehran’s missile stores and launchers after Iran launches retaliatory strikes across the Middle East, Starmer said.
The British PM addressed a packed House of Commons on Monday afternoon after being publicly rebuked by the U.S. president for not allowing the U.S. to use British bases to target Iran during its initial wave of attacks.
Trump told the Telegraph newspaper that he was »very disappointed« that Starmer had hindered the use of the joint Diego Garcia base in the Chagos Islands, and said the PM »took far too long« to change his mind.“
Oh.
Das ganze Chagos-Archipel und das Atoll, auf dem der Stützpunkt liegt, gehört Großbritannien und die USA haben es nur gepachtet, derzeit bis 2036.
»That’s probably never happened between our countries before,« he said in the interview. »It sounds like he was worried about the legality.«“
Mit guten Gründen.
„Starmer kicked off his statement to MPs on Monday, acknowledging his disagreement with the U.S. president.
»It is my duty to judge what is in Britain’s national interest. That’s what I’ve done and I stand by it,« he said.
The PM said he wants to see a »negotiated settlement« in which Iran agrees to give up its aspiration to develop nuclear weapons.
»We are not joining the U.S. and Israeli offensive strikes,« Starmer said. »This government does not believe in regime change from the skies,« Starmer said in his most direct rebuke to Trump.
After launching »Operation Epic Fury,« the U.S. president told Iranians his barrage of missiles would give them a chance to »take over« their government.
Israel’s Benjamin Netanyahu, too, has told Iranians they have a »once in a generation chance« to oust the regime that’s had a tight grip on their nation since the Islamic Revolution in 1979.
Starmer came under fire in the Commons from political opponents over his stance.
Conservative leader Kemi Badenoch accused the British prime minister of being »too scared« to do anything except »watch others,« claiming U.K. government concern about international law »does not hold.«
Earlier, the leader of the poll-topping Reform UK Nigel Farage – who backed U.S. action over the weekend – said there was a »heck of a lot« the U.K. could do to help the U.S.
»If not boots on the ground, it is Royal Air Force, it is Royal Navy and it is intelligence,« the Trump ally said at a London press conference.“
(Politico, 3.3.)
GB kann sich jedenfalls Distanz zu dem US-Waffengang leisten, weil es selber Öl & Gas hat.
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Noch gestern hieß es:
„Der britische Premierminister Keir Starmer erlaubte den USA, britische Stützpunkte für Schläge gegen Irans Raketenanlagen zu nutzen. Um die Sicherheit der Verbündeten in der Nahost-Region zu verteidigen, haben Deutschland, Großbritannien und Frankreich zugesagt, notfalls militärische Defensivmaßnahmen zu ergreifen. In einer Erklärung heißt es, dass dies mithelfen könne, die Fähigkeit des Iran, Raketen und Drohnen abzufeuern, »an der Quelle« zu zerstören.“
(Standard, 2.3.)
„EIN NEUER FÜHRER
Irans Expertenrat hat Modschtaba Chamenei, den Sohn des verstorbenen Ali Chamenei, zum neuen Obersten Führer der Islamischen Republik gewählt, berichtet Iran International.
Modschtaba Chamenei ist 56 Jahre alt. Für Iran gilt dies als das Alter politischer Reife, doch sein größter Vorteil ist seine Abstammung von Ali Chamenei, der bei der amerikanisch-israelischen Invasion ums Leben kam.
In den 1980er und 1990er Jahren agierte er als »unsichtbarer Soldat«.“
Er war auch tatsächlich an der Front und kämpfte gegen den Irak.
„Anders als viele iranische Politiker, die sich in der Öffentlichkeit präsentieren, baute Modschtaba seine Karriere im Verborgenen auf. Er wurde bei den Islamischen Revolutionsgarden und den Geheimdiensten ausgebildet. Man nimmt an, dass er seit Mitte der 2000er Jahre den »Sicherheitsblock« leitete und seinem Vater half, die Kontrolle über Heer, Marine und Luftwaffe zu behalten, während er selbst ein einfacher Geistlicher blieb.
Warum wurde gerade Modschtaba Chamenei zum iranischen Staatsoberhaupt ernannt?
Der Iran ist eine Theokratie, und laut Verfassung darf es keine Erbmonarchie geben. Der Oberste Führer wird vom Expertenrat gewählt. Doch seit 10 Jahren wird Modschtaba offen als »Nachfolger« bezeichnet. Warum wurde er einem einflussreichen Ayatollah aus einem anderen Lager vorgezogen?
Modschtaba gilt als jemand, der – mehr als sein Vater – ein besseres Gespür für die Stimmung auf der Straße und vor allem für das Offizierskorps hat. Im Iran, wo die Revolutionsgarden seit Langem einen Staat im Staate darstellen, ist die Loyalität der Generäle wichtiger als die Meinung der Mullahs.
Der Architekt des »Widerstands«: Modschtaba gilt als Architekt der Strategie, die Revolution durch Stellvertreterkräfte zu exportieren. Hamas, Hisbollah, schiitische Milizen im Irak und die Huthis im Jemen sind nicht einfach nur Irans Verbündete. Sie bilden ein Netzwerk, das über Jahrzehnte von der »Nummer 2« (und nun Nummer 1), Chamenei Jr., aufgebaut wurde.
Was ist von Modschtaba Chamenei zu erwarten?
Ein Führungswechsel im Iran bedeutet keine Kursänderung, sondern einen Methodenwechsel.
Harter Pragmatismus. Modschtaba ist bekannt als Verfechter der »hybriden Kriegsführung« und einer harten Konfrontation mit dem Westen. Unter seiner Führung könnten die Atomverhandlungen entweder vollständig zum Erliegen kommen oder sich zu einem noch zynischeren Feilschen entwickeln.
Machtökonomie. Anders als die Reformer, die versuchten, mit der Welt zu verhandeln, wird der neue Machthaber Autarkie (Selbstversorgung) und den Ausbau des militärisch-industriellen Komplexes in den Vordergrund stellen. Dies bedeutet, dass der Sanktionsdruck die Mobilisierung im Inland wahrscheinlich nur noch verstärken wird.
Die Ära des »Sayyid«. Während der Titel »Sayyid« (ein Nachkomme des Propheten) zuvor als religiöses Symbol galt, wandelt Modschtaba ihn in ein politisches Markenzeichen für die Dynastie um. Er ist der erste Oberste Führer, der nach der Islamischen Revolution geboren wurde, was die iranische Jugend (60 % der Bevölkerung) vor eine Herausforderung stellt: Die Autorität ihrer Väter gilt für sie nicht mehr; andere Argumente sind gefragt.“
Modschtaba ist 1969 geboren, die Revolution war 10 Jahre später. Dieser obige Satz ist daher Unsinn.
Man kann höchstens sagen, daß er in die islamische Republik sozusagen hineingewachsen ist und nicht zu ihren ursprünglichen Gestaltern gehört.
„Modschtaba Khamenei symbolisiert das Ende der Ära der »Gründungsväter«. Der Iran vollzieht den Übergang von einer revolutionären Ideologie zu einer militärisch-technokratischen Diktatur. Der neue Machthaber ist ein Produkt des Sicherheitsapparats, und sein Hauptziel ist nicht der Erhalt der Revolution, sondern die Aufrechterhaltung der Machtstruktur unter totalem Druck.“
(MK, 3.3.)
„Die Schahed-136-Drohne: Irans Vorteil im Krieg
Die Massenproduktion dieser Bomben tragenden Mini-Flugzeuge, die deutlich weniger kosten als die Raketen, mit denen sie abgefangen werden sollen, verschafft der Armee der Islamischen Republik einen gewaltigen Vorteil.
Erscheint in einem ukrainischen Telegram-Kanal ein Moped-Symbol mit Rufzeichen, ist die Botschaft eindeutig: Eine Drohne nähert sich. Diese unbemannten Fluggeräte, die vom russischen Militär als Geschosse eingesetzt werden, gleiten mit einem surrenden Geräusch, ähnlich dem eines Motorrads oder Rasenmähers. Ihre Geschwindigkeit vor dem Aufprall, durchschnittlich etwa 185 km/h, ist geringer als die einer Rakete. Dadurch ist diese Waffenart, die mit einem einzigen Treffer 4 Stockwerke eines Wohnhauses zerstören kann, für die ukrainische Bevölkerung leicht zu erkennen. Ukrainer bezeichnen diese Kamikaze-Drohnen im Allgemeinen als »Schahed«, in Anlehnung an das iranische Modell, das von Moskau verwendet und mittlerweile in russischen Fabriken nachgebaut wird.“
Die russische Variante dieser Drohne, die gemeinsam entwickelt wurde, heißt „Geranie“, wie neckisch. (Schahed heißt „Märtyrer“ oder „Selbstmord-Attentäter“, damit ist ausgedrückt, daß es eine Ein-Weg-Drohne ist.)
„Die bekannteste dieser Kamikaze-Drohnen ist die Schahed 136, dieselbe, die die iranischen Streitkräfte seit vergangenem Samstag gegen mit den USA verbündete Golfstaaten einsetzen. Eine Waffe, die der Islamischen Republik im Krieg aus zwei Gründen einen Wettbewerbsvorteil verschafft: ihre geringen Produktionskosten und die Schwierigkeit, sie abzuschießen.
In den ersten 3 Tagen des eskalierenden Konflikts im Nahen Osten, der am Samstag mit dem koordinierten Angriff Israels und der USA auf den Iran begann, hat Teheran über 1000 Drohnen gegen das Territorium des jüdischen Staates, seines Hauptfeindes, und gegen arabische Länder der Region mit US-Militärstützpunkten eingesetzt. Die VAE wurden am schwersten getroffen, mit über 600 iranischen Drohnenangriffen, gefolgt von Kuwait (fast 300) und Israel (etwa 50). Auch Katar (ein Dutzend), Bahrain und Jordanien wurden von Drohnen angegriffen.
Die meisten dieser Flugkörper wurden von den Verteidigungskräften dieser Länder abgefangen, einige erreichten jedoch städtische Zentren, wie beispielsweise Manama, die Hauptstadt Bahrains, und das Emirat Dubai. Am Dienstag meldeten die saudischen Behörden, dass 2 dieser Angriffsdrohnen die US-Botschaft in Riad, der Hauptstadt Saudi-Arabiens, getroffen hätten. Die Schahed 136, das Kronjuwel des iranischen Staatsunternehmens Schahed-Forschungszentrum für Luftfahrt-Industrie (mit Verbindungen zu den Revolutionsgarden), kostet rund 30.000 Euro pro Stück und hat sich zu einer entscheidenden Kriegswaffe entwickelt. Ihr im Vergleich zu den Kosten einer der zu ihrer Abwehr eingesetzten Raketen (zwischen 1 und 2 Millionen Euro) sehr niedriger Preis ermöglicht eine Massenproduktion.“
Es ist interessant, wie sich im 21. Jahrhundert der Preis bzw. Aufwand zu einem Faktor der Rüstungsproduktion entwickelt.
Bisher hieß es: Nicht kleckern, klotzen! – und das sicherte die Überlegenheit.
Das scheint vorbei zu sein.
„Die genaue Anzahl der Drohnen in Irans Arsenal ist unbekannt, dürfte aber zweifellos in die Tausende gehen. Im Januar letzten Jahres meldete ein iranischer Militärkommandeur die Ankunft einer Lieferung von 1.000 dieser unbemannten Luftfahrzeuge (UAVs) zur sofortigen Verwendung. Russland produziert in seiner Sonderwirtschaftszone in Tatarstan mit Unterstützung Teherans jährlich über 18.000 Geranien-Drohnen.
Das russische Modell kopiert die internen Komponenten und den Rumpf der iranischen Drohne. Seit Beginn des großangelegten Einmarsches in die Ukraine im Februar 2022 hat Moskau mehr als 60.000 dieser Fluggeräte gegen ukrainisches Territorium eingesetzt. Diese Schätzung basiert auf Beobachtungen zweier Analysezentren: des Instituts für Kriegsforschung und des Zentrums für Strategische und Internationale Studien (CSIS).“
Oftmals fliegen diese Drohnen aber „leer“ und dienen nur dem Verbrauch der knappen Munition der Abwehrraketen des Gegners.
Aufgrund ihrer Größe und Leichtigkeit können sie aber auch mit potenten Bomben bestückt werden und die Abwehrsysteme können den Unterschied nicht erkennen.
„Die meisten Drohnen werden von ukrainischen Luftverteidigungssystemen getroffen, jedoch nicht alle: teils aufgrund von Ressourcenmangel oder ungenauer Zielgenauigkeit, teils weil ihre Flugbahn kein Risiko darstellt und Munition gespart werden soll. Die hohe Dichte militärischer Schutzsysteme schafft jedoch Lücken für diese Geschosse, die beim Auftreffen auf Wohngebiete aufgrund der Mischung aus Sprengstoff und Treibstoff tödlich sind. Mit einer Länge von über 3 Metern, einer Sprengladung von rund 50 Kilogramm und einer Reichweite von etwa 2.000 Kilometern – die neuesten russischen Varianten übertreffen all diese Werte – stellt die Schahed eine erhebliche Herausforderung für die Abfangjäger dar: Sie fliegt niedrig, langsam und auf einer unregelmäßigen, mitunter sogar Zickzack-Flugbahn, wie kürzlich in Dubai und Manama aufgenommene Videos zeigen.“
Sie scheint eine Programmierung für diese Art von Flugbahn zu haben, was sie noch unberechenbarer macht.
„Bislang waren Abwehrsysteme darauf ausgelegt, Hochgeschwindigkeitsraketen mit weniger unregelmäßigen Flugbahnen abzufangen.
»Diese Drohnen sind kostengünstig«, sagte Jasir Atalan vom CSIS in einem kürzlichen Nachrichtenaustausch. »Sich mit teuren Waffensystemen wie Kampfflugzeugen oder modernen Boden-Luft-Raketen gegen sie zu verteidigen, ist langfristig wirtschaftlich nicht tragbar. Das Kosten-Nutzen-Verhältnis spricht für den Angreifer, wenn der Verteidiger ausschließlich auf Premium-Systeme setzt.«
Andere wurden aber bisher nicht entwickelt und es ist auch fraglich, ob so etwas möglich ist, bzw. um welchen Preis.
„In diesem Kontext ist der Iran im Vorteil, wie der Angriff einer iranischen Drohne auf den britischen Militärstützpunkt in Zypern am Montag demonstrierte. Frankreich wird Abwehrsysteme gegen diese Art von Bomben und Raketen zur Verteidigung der Insel entsenden, berichtete Reuters am Dienstag.“
Da sind wir aber neugierig, wie sich die bewähren werden.
Frankreich möchte da offenbar was testen.
„Kelly A. Grieco, Analystin am Stimson Center, hat die Effektivität dieser Schahed-Drohnen im Kriegsfall quantifiziert. In einem kürzlich erschienenen Thread im X-Netzwerk, in dem sie die Produktionskosten von Angriffsflugzeugen und ihren Abfangjägern analysiert, kommt sie zu folgendem Schluss: Für jeden Euro, den der Iran für Drohnen ausgab, gaben die VAE, das am stärksten betroffene Land, zwischen 20 und 28 Euro aus.“
Es trifft zwar keinen Armen, aber der Effekt läßt zu wünschen übrig.
„»Die wichtigste Lehre [aus der Ukraine] ist der Bedarf an mehrschichtigen, kostengünstigen Luftverteidigungslösungen«, betont Atalan, »die massive Drohnenangriffe abwehren können, ohne Reserven oder Budgets zu erschöpfen. … Effiziente Drohnenabwehrsysteme, elektronische Kampfführung, kostengünstigere Abfangraketen und eine widerstandsfähige Infrastruktur müssen zu wesentlichen Bestandteilen der territorialen Verteidigungsplanung werden«, fasst er zusammen.
Übertragen auf das Schlachtfeld bedeutet dies: Es wird ein Schutzschild benötigt, der mehr oder weniger hochentwickelte Radaranlagen, Raketenabwehrbatterien, trainierte Kampfflugzeuge, aber auch dynamische Systeme zur Funklochbildung und schließlich mobile Artillerieeinheiten kombiniert. Genau das hat die ukrainische Armee entwickelt, und dennoch kann sie den täglichen Drohnenangriffen Moskaus auf ihr Territorium nicht standhalten.“
D.h., so ein System gibt es eigentlich nicht. Die hauptsächliche Abwehr gegen Drohnen bleibt ein Gewehr.
(El País, 4.3.)
Frankreich stellt den USA eine Basis für den Einsatz von Tankflugzeugen zur Verfügung – springt also für Spanien ein.
„US-Abgeordnete setzen Trumps Krieg keine Grenzen
US-Kongressabgeordnete haben dem militärischen Vorgehen von US-Präsident Trump im Iran keine Grenzen gesetzt. Eine Abstimmung im Repräsentantenhaus über einen parteiübergreifenden Antrag, der dem Kongress ein stärkeres Mitspracherecht beim Einsatz der Streitkräfte eingeräumt hätte, kam nicht auf genug Stimmen. 4 Demokraten stimmten mit der Mehrheit der Republikaner dagegen. Eine ähnliche Maßnahme war am Mittwoch bereits im Senat geblockt worden.“
Das ist beachtlich, weil erstens wurde der Kongress vor dem Einsatz nicht benachrichtigt und zweitens stimmt er nachträglich zu.
Das Regieren nach Dekreten kommt voran.
„Trump: Großteil der iranischen Raketen ist zerstört
Die Luftabwehr und die Raketen des Irans sind nach der Darstellung von US-Präsident Donald Trump bereits ganz oder in großen Teilen zerstört. »Sie haben also keine Luftwaffe mehr, sie haben keine Luftabwehr mehr. Alle ihre Flugzeuge sind weg«, sagte Trump in Washington. Zudem seien ihre Raketen zu 60 und ihre Abschussvorrichtungen zu 64 Prozent ausgeschaltet, sagte er. »Sobald sie eine Rakete abschießen, wird die Abschussrampe innerhalb von vier Minuten getroffen.«
Unabhängig überprüfen lassen sich diese Angaben nicht. Neben dem Nuklearprogramm und der Marine hatte die US-Regierung die Zerstörung des Raketenprogramms des Irans zuvor als wichtigstes Kriegsziel genannt.“
Letzteres ist offenbar das Hauptziel – der Iran soll, wie Syrien, wehrlos gegen Angriffe gemacht werden. Dann kann man jederzeit von neuem bombardieren, wenn einem was nicht paßt – ob Israel oder die USA.
„Ukraine unterstützt USA bei Drohnenabwehr
Die Ukraine will die USA bei der Abwehr iranischer Drohnen unterstützen. Man habe eine entsprechende Anfrage aus Washington erhalten, erklärt Präsident Wolodymyr Selenskyj auf der Plattform X. Er habe die Entsendung von Spezialisten und Ausrüstung angeordnet, um beim Schutz vor »Schahed«-Drohnen zu helfen. Einem Insider zufolge sollen die ukrainischen Experten in den kommenden Tagen ihre Arbeit aufnehmen.“
Die Schahed-Drohnen sind nur in Kombinantion mit potenteren Raketen oder Marschflugkörpern wichtig, denen sie sozusagen die Bahn frei machen – sind die weg, so kann man mit denen nicht mehr viel Schaden anrichten.
(TT-Live-Blog, 6.3.)
Ein ausführlicher Artikel im New Yorker erörtert die Fähigkeit des US-Präsidenten, Kriege auch ohne Parlament zu eröffnen und zu führen. Die Verfasserin weist darauf hin, daß ab Bush Vater alle Präsidenten ohne Zustimmung des Parlaments begrenzte Kriege ohne Bodentruppen vom Zaun gebrochen haben (Panama 1989, Jugoslawien 1999, 2011 Libyen, 2017 und 2018 Syrien, 2021 Irak & Syrien) und schließt:
“In the meantime, the war shows every sign of widening. On Tuesday, a U.S. submarine torpedoed an Iranian warship near Sri Lanka, more than 2000 miles from Iran; Secretary of Defense Pete Hegseth said that it was the first such action since the II. World War. Hegseth vowed »death and destruction from the sky all day long« and said that the conflict had »only just begun.« If this is not »war in a constitutional sense,« nothing is.”
„Ein durch die Niederschlagung der Proteste verwundeter Iran ist uneinig angesichts des Krieges (…)
Anfang Februar wiesen die Behörden in Teheran 82 U-Bahn-Stationen als Schutzräume aus. Außerdem wurden 300 Tiefgaragen identifiziert. Angesichts der 16 Millionen Einwohner der iranischen Hauptstadt und ihres Ballungsraums ist das nicht viel. (…)
Die von einem Teil der iranischen Diaspora befürworteten Bombardements bieten Iran laut mehreren von dieser Zeitung befragten Experten wahrscheinlich keine bessere Zukunft.
Selbst wenn der Anschlag die Islamische Republik stürzt, könnte der Preis neben vielen Menschenleben die Zerstörung des Staates sein, bemerkt der Wirtschaftswissenschaftler Esfandjar Batmanghelidsch, Gründer und Geschäftsführer der Bourse & Bazaar Foundation, aus London.
»Die Frage ist«, betont er, »wie man die Institutionen, die Infrastruktur und die Funktionsfähigkeit des iranischen Staates vor dem Anschlag schützen kann«, von denen das Wohlergehen und sogar das Überleben seiner 92 Millionen Einwohner abhängen.
Der Iran könnte plattgemacht werden, doch das bedeutet nicht zwangsläufig, dass sein Regime – das mit seinen 2 Armeen, einer Miliz von rund einer Million Mitgliedern und einem dezentralisierten Militärkommando auf Überleben ausgelegt ist – untergehen wird. Dies könne »in seiner jetzigen oder einer anderen Form« geschehen, bestätigt Vali Nasr, ehemaliger Berater des US-Außenministeriums und Professor an der Johns Hopkins University, telefonisch aus Washington. Ohne eine »einfache Alternative zur Islamischen Republik« oder »eine politische Partei oder Organisation im Iran, die die Macht übernehmen könnte«, blicken viele Iraner, die die Islamische Republik ablehnen, mit Unsicherheit in eine Zukunft, in der unklar ist, »wie eine Regierung gebildet werden könnte oder wie die Versorgung der Bevölkerung mit Dienstleistungen, Nahrungsmitteln und Sicherheit gewährleistet werden könnte«, sollte es zu einem solchen politischen Wandel kommen. Im schlimmsten Fall droht Chaos, Teilung oder Bürgerkrieg, wie einige Wissenschaftler warnen. (…)
Die Realität im Iran, der »Zorn« des iranischen Volkes, meint Batmanghelidsch, sei »sehr ähnlich« derjenigen in der Zeit vor dem Sturz der Pahlavi-Monarchie 1978/79. Auch heute gebe es »ein politisches System, das die wirtschaftliche und politische Macht in den Händen einer immer kleiner werdenden Elite konzentriert«, zum Nachteil des »Gesellschaftsvertrags« und der »Verteilung von Privilegien und Ressourcen«. Gleichzeitig sei die »Islamische Republik autoritärer und repressiver geworden und habe ihre Legitimität als politisches Projekt verloren«.
Über die Jahre hinweg hat das iranische Regime neoliberale Sparmaßnahmen im öffentlichen Sektor umgesetzt und einen Vetternwirtschafts- und Machtapparat etabliert, bestätigt der Wirtschaftswissenschaftler. So kontrolliert beispielsweise die Revolutionsgarde, die dem Regime untergeordnete Armee, 20 bis 30 Prozent der iranischen Wirtschaft. Zudem existieren alternative Kanäle zur Umgehung von Sanktionen und zum Ölexport. Der Direktor der Bourse & Bazaar Foundation ist überzeugt, dass die Last dieser Sanktionen nicht zufällig bei der verarmten Bevölkerung ankommt. Er bezeichnet dies als eine bewusste Strategie der Eliten.“
Oder aber, der Sanktionierer.
Das erklärte Ziel von Sanktionen ist ja, in der Bevölkerung des betroffenen Landes Unzufriedenheit zu schüren und sie aber auch gleichzeitig dafür zu bestrafen, daß sie ihre Herrschaft nicht abschüttelt.
(El País, 28.2.)
„Teheran erlebt die schwersten Bombenangriffe des Krieges: »Der Osten der Stadt explodiert. Bomben fallen ununterbrochen.«
Israel verkündet, dass diese Angriffswelle auf die Hauptstadt und andere iranische Städte eine »neue Phase« des Konflikts einleitet. (…) Kurz nach 5:00 Uhr morgens (3:30 Uhr MEZ) brach die »Hölle auf Erden« los, wie mehrere Teheraner in den sozialen Medien berichteten.
Gewaltige Explosionen erschütterten die Megastadt, in der zusammen mit ihrem Ballungsraum mehr als 16 Millionen Menschen leben. (…) »Wir wachten um 5:30 Uhr morgens auf. Ost-Teheran explodierte; die Flugzeuge griffen Kasernen und Polizeistationen an, und Bomben explodierten im Minutentakt. Die Flugzeuge flogen sehr nah, tiefer als in den Tagen zuvor«, berichtet Sevak, einer der wenigen Teheraner mit Internetzugang.
Auch andere Städte wie Isfahan … und Schiras … wurden angegriffen, wenn auch weniger heftig. Wie schon in den 5 Tagen zuvor bleibt die Hauptstadt das Hauptziel der Bombenangriffe.
Sevak, ein Angestellter eines Reisebüros, lebt in Madschidieh, einem Viertel im Nordosten Teherans, das traditionell von der armenischen Minderheit bewohnt wird. Sein Haus, das, wie er sagt, von den Bomben erschüttert wurde, steht noch (… )
Unterdessen sind einige Mitglieder der Basidsch-Miliz(…) auf den Straßen postiert. Die Basidsch, … die von vielen Iranern verachtet werden – die sie größtenteils für die Repression verantwortlich machen –, »verbreiteten Parolen über Lautsprecher an die Bevölkerung«. … Jemand habe ihm erzählt, dass in ihrem Viertel in Teheran »Kontrollpunkte eingerichtet wurden«. Die Stadt … stehe »unter starker Überwachung, mit einer ständigen Präsenz von Sicherheitskräften und Kontrollpunkten«. (…)
Das US-amerikanische Institut für Kriegsstudien (ISW) geht davon aus, dass die vom israelischen Militär am Freitag angekündigte »neue Phase« sich auf Angriffe auf iranische Rüstungsanlagen, insbesondere Raketenproduktionsstätten, konzentrieren wird.
Am Donnerstag ordnete das israelische Militär die Evakuierung der Industriegebiete Abbas Abad und Shenzar in Pakdasht (Provinz Teheran) an, wo sich laut ISW iranische Rüstungsindustrieanlagen befinden.“
Interessant, wie Israel Gegenden in anderen Staaten (auch im Libanon) sozusagen per Anordnung entvölkert.
„Ebenfalls am Donnerstag gab Israel bekannt, seit Beginn der Angriffe mehr als 300 iranische Raketenwerfer außer Gefecht gesetzt zu haben. Sowohl Israel als auch die USA betonen, dass ihre Bombardierungen die iranische Luftverteidigung zerstört oder schwer beschädigt, die iranische Führung und Kontrolle lahmgelegt und die Fähigkeit des Irans zu Gegenangriffen mit ballistischen Raketen und Drohnen eingeschränkt haben. … Trump erklärte am Freitag gegenüber CNN, der Krieg mit dem Iran verlaufe »besser und schneller als erwartet«. Anschließend erklärte er auf seinem sozialen Netzwerk Truth: »Es wird kein Abkommen mit dem Iran geben, außer der bedingungslosen Kapitulation.«
Diese triumphale Erklärung steht im Widerspruch zu der Tatsache, dass »Iran vorerst dagegenhält«, betont Eldar Mamedov, ein externer Forscher des US-amerikanischen Thinktanks Quincy Institute, in einer E-Mail.
Das Land, so der Iran-Experte, zeige Anzeichen dafür, »die Lehren aus dem Krieg mit Israel und den USA im Juni 2025 gezogen zu haben, und die Führung der Militäroperationen wurde bewusst dezentralisiert. Die Kommandeure sind über das ganze Land verteilt und befugt, eigenständig Entscheidungen zu treffen.« Er glaubt, dass Iran weiterhin versucht, »den USA so viel Schaden zuzufügen, dass sie nachgeben und sich mit einem Kompromiss zufriedengeben«, anstatt der von Trump geforderten bedingungslosen Kapitulation.
Zu diesem Zweck konzentriert es seine Angriffe »auf die Länder am Persischen Golf, in denen sich US-Militärbasen befinden.« Laut Mamedov besteht die Logik darin, »die VAE, Katar und Saudi-Arabien zu zwingen, auf Trump einzuwirken, damit er den Krieg beendet, und gleichzeitig Druck auf die Weltwirtschaft auszuüben, indem die Ölpreise, die Inflation und die Zinssätze steigen.“
Es ist laut einem Experten des Quincy Institute nicht sicher, ob diese iranische Strategie Erfolg haben wird. Er ist der Ansicht, dass der entscheidende Faktor für eine Wende im Krieg darin besteht, ob es dem Iran gelingt, dem amerikanischen Militär erhebliche Verluste zuzufügen. Derzeit gibt es 6 amerikanische Tote, während die Zahl der Todesopfer im Iran laut der halbstaatlichen Nachrichtenagentur Fars bereits 1.332 überschritten hat.
Teheran hat es geschafft, bei den ölproduzierenden Staaten des Persischen Golfs Besorgnis auszulösen. Katars Energieminister Saad al-Kaabi warnte am Freitag gegenüber der Financial Times, dass der Rohölpreis auf 150 US-Dollar pro Barrel (etwa 130 Euro) steigen werde, sollten die Golfstaaten gezwungen sein, ihre Produktion einzustellen.
Am Freitag lag der Preis bei etwas über 81 US-Dollar (70 Euro).“
Auf einer österreichischen Website werden hingegen 92 $ für die Sorte Brent angegeben …
Zwischen Samstag und Donnerstag führte der Iran laut Angaben der ACLED-Konfliktbeobachtungsgruppe mindestens 263 Vergeltungsangriffe auf 14 Länder durch, darunter alle Ölproduzenten am Golf.
Im selben Zeitraum griffen die USA und Israel den Iran mindestens 398 Mal an. (…)“
Die Angriffe unterscheiden sich nicht nur nach Quantität, sondern auch nach Qualität. Der Iran setzt hauptsächlich Drohnen ein, die USA und Israel deutlich dickere Brummer.
„Sevak … berichtet, wie Teheran und andere iranische Städte derzeit einen paradoxen Mix aus Alltag und Bombenanschlägen und Explosionen erleben.
Einerseits sind Supermärkte und Online-Shops dank des iranischen Intranets (das von den Behörden als Alternative zum Internet eingerichtet wurde) weiterhin geöffnet und funktionsfähig. Andererseits versetzt das ständige Dröhnen von Kampfjets, Explosionen und Sicherheitskontrollen die Bevölkerung in Angst und Schrecken.
Wasser, Strom und Gas fließen weiterhin, und die Geschäfte haben keine Engpässe, bestätigen Teheraner gegenüber EL PAÍS, doch die Preise sind explodiert. »In Teheran gibt es keine Probleme mit Grundnahrungsmitteln«, sagt Mehdi, ein Experte für Industriemanagement. Es sei lediglich »etwas schwierig, an Wasser in Flaschen zu kommen«, fügt er hinzu und erwähnt, dass sogar noch einige Restaurants offen sind.
Viele Einwohner Teherans haben sich jedoch zur Flucht entschlossen. Nagmeh ist eine von ihnen: »Vor 2 Tagen beschlossen mein Mann, mein Sohn und ich, Teheran zu verlassen und nach Sari zu fahren, weil die Bombenangriffe immer heftiger wurden«, erzählt sie. Auf der viereinhalbstündigen Fahrt »gab es viele Kontrollpunkte«. Die Beamten »trugen Masken und durchsuchten die Autos. Ich war sehr gestresst, aber sie fragten uns nur, woher wir kamen und wohin wir fuhren. Sobald ich sah, wie sie unsere Handys einsammelten und kontrollierten, löschte ich alles, was ich über Regimegegner und Nachrichten aus dem Ausland gespeichert hatte«, erklärt sie.
Andere Einwohner Teherans sind nicht geflohen, weil sie nirgendwo hin können. So wie Nazanin, deren kleine Tochter »total verängstigt« ist, wenn sie die Explosionen hört. Sie sagt, sie habe nirgendwohin zu gehen, obwohl »die Lage furchterregend ist«. Diese Frau klagt: »Die Iraner im Ausland freuen sich [über die Angriffe] und tanzen sogar dafür, während wir bombardiert werden.« (…)“
(El País, 6.3.)