Bad news

TERRORISMUSBEKÄMPFUNG
Anläßlich der Anschläge von Brüssel hört man einiges zu dem Thema: „Wie konnte es dazu kommen?!“ und die Erklärungsangebote sind beunruhigend: Es werden nämlich ausnahmslos Unterlassungen dingfest gemacht. Das, was geschehen ist, ist durch etwas entstanden, was nicht geschehen ist.
Das ist wissenschaftlich betrachtet Unsinn. Die Abwesenheit von etwas kann nie der Grund für etwas anderes sein. Was nicht ist, tut niemandem weh.
Diese Deutungen des Terrors sind aber gar nicht als Erklärungen der Wirklichkeit zu verstehen. Es sind vielmehr zukunftsweisende Absichtserklärungen, mit denen die politischen Akteure kundgeben, was sie zu tun gedenken, und die Medien fordern sie damit auf, das auch wirklich zu tun.
Eine dieser Verlautbarungen ist, die Integration sei gescheitert. Eine zweite lautet, die Überwachung hätte nicht hingehaut und daran anschließend, die Geheimdienste hätte versagt, unter anderem deshalb, weil sie nicht zusammenarbeiten.
„Integration“ „gescheitert“?
Was ist damit gemeint? Was ist eigentlich „Integration“? Ein ordentlicher Arbeitsplatz und damit ein gesichertes Einkommen, so der allgemeine Konsens. Und das hätten die Leute in der Banlieue, in Molenbeek, die Rioters in Großbritannien und die Jugendlichen in Griechenland vermutlich auch gerne. In der krisengeschüttelten EU mit 23 oder mehr Millionen Arbeitslosen, dazu jeder Menge working poor mit Sozialhilfezuschüssen usw. gibt es diese Arbeitsplätze allerdings nicht mehr. Gerade in Belgien, man erinnere sich, gab es 2014 große Proteste gegen die Betriebsschließungen in der Schwerindustrie und die Angriffe auf das Lohn- und Pensionsniveau – übrigens vergeblich. Die Arbeitslosigkeit ist gestiegen, der Druck auf die noch Beschäftigten gewachsen.
Die berufliche Perspektivenlosigkeit kettet die jungen Leute an das Elternhaus oder treibt sie in die Kriminalität.
Der Begriff „Integration“ beinhaltet jedoch noch mehr. Er vermittelt den Eindruck, es läge nur an den Betroffenen selbst, sich zu integrieren, sich zu bemühen, Ausbildungen zu machen, miese Jobs anzunehmen, anständig zu bleiben, usw. usf. Bestenfalls werden noch Behörden angewiesen, ihnen dabei unter die Arme zu greifen und Hilfen für diese Integration anzubieten.
Dabei sind weder die Jugendlichen noch die Behörden diejenigen, die über den Arbeitsmarkt gebieten und Arbeitsplätze schaffen. Das kann nur das Kapital, und das hat in seiner inzwischen schrankenlosen Freiheit der Auswahl der Sphären und Standorte beschlossen, daß es einen guten Teil der europäischen Bevölkerung nicht benötigt.
Es ist also die Integration nicht „gescheitert“, sondern die Schaffung von überflüssiger Bevölkerung ist ein Ergebnis der Akkumulation des Kapitals, nicht der Abwesenheit von gutem Willen und Investitionen.
Kontrolle der Bevölkerung mangelhaft?
Hier schlagen sich alle möglichen Vertreter der nationalen Gewaltapparate der EU auf die Brust und seufzen „mea culpa“. Andere wiederum meinen, ihre Hausübungen bereits gemacht zu haben und auf dem richtigen Weg zu sein. Man müßte mehr Telefongespräche abhören, mehr Spitzel anwerben, mehr Verkehrskontrollen veranstalten, mehr Sicherheitskräfte einsetzen usw. Die Staaten sind aufgerufen, ihrerseits zu investieren, den ganzen Sicherheitsapparat aufzustocken, mehr Polizisten mit Waffen patrouillieren zu lassen, die Grenzen besser zu überwachen – Schengen ade! – und die Gesetzeslage dahingehend zu verändern, daß sich die Polizei und Justiz von allen falschen Rücksichten gegenüber den Untertanen möglichst entfesseln. Dabei können sie auf Medien zählen, die diese Aufhebung der bürgerlichen Rechte begrüßen und beklatschen.
Man erinnere sich, daß in Frankreich seit Monaten der Ausnahmezustand herrscht. In dem Land, das seinerzeit die Deklaration der Menschenrechte verabschiedete, können heute Leute ohne richterlichen Befehl verhaftet und Hausdurchsuchungen vorgenommen werden, Versammlungen verboten und Leute recht lange ohne Anklage in Haft gehalten werden. Ähnliche Entwicklungen sind in ganz Europa zu erwarten, ähnlich wie in den USA durch dem Erlaß der Antiterrorgesetze nach 9/11.
Das totalitäre Ideal, den Menschen ins Hirnkastl hineinschauen und dadurch alle strafbaren Handlungen bereits im Vorfeld unterbinden zu können, wird hier wieder einmal gepäppelt. Ein Ideal bleibt es allemal, und den Terror damit zu bekämpfen, ist unmöglich: Staaten, wo ein Teil der Bevölkerung hauptberuflich damit beschäftigt ist, den anderen zu überwachen, können auf Dauer nicht bestehen – die Demokratie, und das war ihr Erfolgsmodell, beruht auf dem Konsens der Bürger, nicht auf ihrer Kontrolle.
Bei all diesen Verfahrensformen und Aussagen, und auch beim lockeren Umgang mit Asylrecht und Flüchtlingen, der schon die UNO als Kritiker auf den Plan gerufen hat, zeigt sich auch noch ein weiteres wichtiges Moment der Demokratie: sie ist eine Staatsform, erfüllt sie ihren Zweck nicht mehr, so wird eben anders Staat gemacht.
Rückerinnerung: DSCHIHAD (25.8. 2014)

20 Gedanken zu “Bad news

  1. Na ja, das krude an der ganzen Argumentation von US, EU etc. ist ja, die ganze Zeit zu behaupten, es handele sich um einen Bürgerkrieg, während Assad im letzten Interview darauf hinweist, wer wirklich beteiligt ist. Insofern ist wirklich spooky, dass ein US-Senator ausgerechnet auf die Russen hofft …

  2. Zu der Sache mit dem Bürgerkrieg ist zu sagen, daß die Zurückweisung Assads begreflich, aber nicht ganz richtig ist. Es ist ja nicht so, daß der Krieg in Syrien nur auf ausländische Intervention zurückzuführen ist. Wäre es so, so hätte er nie diese Ausmaße annehmen können.
    Es gab stets einer inner-syrische Opposition, die im Großen und Ganzen ein Ergebnis der Tätigkeit der Muslimbrüder in Syrien ist, die sich dort zur Zeit des französischen Mandats konstituiert haben. Diese islamistische Opposition, gegen die Assads Vater mit aller Härte vorgegangen ist, hat das säkuläre Baath-Regime immer bekämpft, und das ist die Basis, auf der die von außen eingesickerten Kämpfer des IS aufbauen.
    Wenn sich diese Opposition durchsetzen würde, – und darauf weisen die Vertreter der christlichen Konfessionen in Syrien seit Jahren hin – so müßten alle Mitglieder anderer Konfessionen (Christen, Schiiten, Drusen, Alewiten usw.) Syrien verlassen. Deswegen hat auch Assad mehrfach betont, daß Syrien nur als säkulärer, überkonfessioneller Staat bestehen kann.
    Es handelt sich also um zwei unversöhnliche Konzepte, zwischen denen kein Dialog möglich ist.

  3. Diese islamistische Opposition, gegen die Assads Vater mit aller Härte vorgegangen ist, hat das säkuläre Baath-Regime immer bekämpft, und das ist die Basis, auf der die von außen eingesickerten Kämpfer des IS aufbauen.

    Das bestreite ich gar nicht. Allerdings halte ich jede religös begründete Opposition für einigermaßen vorgeschoben, die m.E. stets einen materiellen Hindergrund hat. Saddam ist auch vorgeworfen worden, er hätte Leute aus ‘seinem Clan’ bevorzugt mit Posten ‘versorgt’ und die Muslimbrüder werden mindestens ähnliche Absichten hegen.
    Dass Syrien nur als säkulärer Staat bestehen bleiben kann, hat m.E. weniger mit unvereinbaren religiösen Konzepten zu tun, zwischen denen nicht zu vermitteln wäre (das träfe dann auf alle christlichen Glaubensvarianten gleichermaßen zu), dafür aber um so mehr damit, wer mit wem zukünftig welche Geschäfte mit Öl und Gas macht. Deswegen gibt es die massive ausländische Intervention.

  4. Eine Staatsräson aus Bereicherungswillen abzuleiten, halte ich für verkehrt. Und was die religiöse Motivation angeht, so ist die kein „bloß“. Es geht ja nicht darum, was für einen Schleier Fruaen tragen sollen, sondern um die eben fundamentale Frage der Trennung von Staat und Religion. Die Muslimbrüder, der IS und die Mullahs im Iran sagen: wir werden nur wieder groß, stark und mächtig, wenn wir eine Theokratie einrichten – so wurden die großen Reiche geschaffen.
    Ob die Führer dieser Staaten dabei etwas mehr Butter aufs Brot schmieren, ist dann wurscht. Khomeini oder seinen Nachfolgern kann man nicht gerade ein Lotterleben nachsagen. Die sind doch bis heute stolz drauf, eben durch Opfer und Bescheidenheit das Land zusammengehalten und den USA getrotzt zu haben.
    Bei Saddam Hussein wars in seiner Art genauso: die Baath-Partei meinte, das Arabertum als identitätsstiftendes Moment gäbe eine gute Grundlage für einen mächtigen Staat, oder ein Staatenbündnis her, die Religion sei hierbei ein antimodernes Hindernis.
    Der IS führt es inzwischen vor, wie Mittelalter und modernste Technologie kombinierbar sind.

  5. Die Muslimbrüder, der IS und die Mullahs im Iran sagen: wir werden nur wieder groß, stark und mächtig, wenn wir eine Theokratie einrichten – so wurden die großen Reiche geschaffen.

    Ob die das sagen ist doch gar nicht die Frage. Aber du willst doch nicht allen Ernstes erzählen, dass die großen Reiche geschaffen wurden, weil die Untertanen mit den Herrschenden im Aberglauben vereint waren.
    Zudem werden Muslimbrüder, IS und weiß der Geier wer noch praktisch, von wem auch immer, eben nicht mit Missionaren und Gebetsbüchern, sondern mit Kämpfern incl. ‘Ausbildung’ und Waffen unterstützt. Und diese Unterstützer, egal ob die nun im Orient oder Okzident oder in Übersee residieren, haben handfeste geschäftliche Interessen, bei deren Durchsetzung der Aberglaube sowenig eine Rolle spielt wie bei Alexander dem Großen oder Philipp II. Im Unterschied zu IS etc. verfügten die allesamt über ihre eigene Waffenproduktion. Und große Reiche kamen zustande, weil sie ihren Gegnern militärisch überlegen waren.
    Insofern würde ich aus der Propaganda von Muslimbrüdern, IS, Mullahs etc. keine Staatsraison herleiten wollen. Wenn die einen Staat bekommen, dann wird das ein von auswärtigen Kapitalinteressen bestimmter sein, gleichgültig welche auswärtige Instanz ihren säkularen Segen dazu gibt. Mehr als eine moderne Variante von Vasallenstaat kommt dabei kaum zustande. Insofern könnte man sogar handfeste, eben ökonomische, Gründe nennen, warum den Russen daran gelegen ist, Syrien als Staat zu erhalten, ganz egal, ob der Präsident Assad heißt oder sonstwie, Hauptsache, er wird von den Syrern selber gewählt.
    Der Arabismus geht m.W. auf Nasser zurück und war eine Variante von antikolonialer Befreiungsbewegung, ebenso wie die Baath-Parteien. Khomeni lässt sich m.E. nicht ohne Pahlavi erklären, und die Gründe der Differenzen liegen eben nicht in verschiedenen Auslegungen des Aberglaubens sondern in der Ökonomie – ganz abstrakt geht es da schon um die grundsätzliche Frage, wer wieviel Butter auf dem Brot hat und vor allem wem darüber was zu sagen erlaubt ist und wer gefälligst demütig das Maul zu halten hat.

    Der IS führt es inzwischen vor, wie Mittelalter und modernste Technologie kombinierbar sind.

    Die Saudis, wo bspw. Frauen nichtmal Autofahren erlaubt ist, praktizieren das eigentlich schon immer, nur hat sich die ‘westliche Wertegemeinschaft’ noch nie daran gestört.

  6. weil die Untertanen mit den Herrschenden im Aberglauben vereint waren.

    Erstens ist eine Religion wie der Islam kein „Aberglaube“. Aberglaube wäre so etwas wie „schwarze Katze von links bringt Unglück“, also etwas ganz Zufälliges und Individuelles.
    Eine monotheistische Religion ist ein System von Denk- und Moralvorschriften, deren Einhaltung ja auch überwacht wird. So kann man zwar sagen, oben und unten seien in dem Glauben „vereint“, verlassen tun sich Leute, die Sittenwächter und Religionspolizisten einsetzen, jedenfalls nicht darauf, daß die unten auch so ticken wie gewünscht.
    Und schließlich, natürlich wurden die Reiche so geschaffen, daß die Untertanen die Idee geteilt haben, mit der gegen die anderen Vertreter in ihren Augen inferiorer Glaubensgrundsätze vorgegangen wurde. Der IS will ausprobieren, ob sich das wiederholen läßt, und rekrutiert seine Kämpfer damit auf der ganzen Welt.
    Daß sie Unterstützer haben und hatten – manche haben inzwischen ja schon kalte Füße bekommen –, tut dem keinen Abbruch. Diejenigen, die sich dem IS anschließen, müssen Überzeugungstäter sein. (Sofern es sich nicht um eingeschleuste Spitzel handelt, derer es, wie man in letzter Zeit hört, ja auch einige geben soll.)
    Wie man ausländische „Kapitalinteressen“ und Selbstmordattentäter zusammenbringt, ist mir jedoch schleiherhaft. Das Kapital ist sowieso immer und überall dabei, im Frieden wie im Krieg. In einem Krieg geht es aber um mehr: da geht es Einflußzonen derjenigen Gewalten, die ihrem Kapital den Weg bereiten wollen.
    Saudi-Arabien hätte sich mit dem IS gerne als Vormacht in der Region etabliert, um dann die Karten neu zu mischen bezüglich der Terms of Trade mit dem Öl, und Katar hat sich da angehängt.
    Die Türkei würde sich gern als Vermittler zwischen Orient und Okzident aufspielen, eventuell mit kleineren Gebietsgewinnen.
    Was sich die USA und die EU erwartet haben, ist schon gar nicht mehr wichtig, da es ganz anders gekommen ist, als die jeweiligen Akteure sich das vorgestellt haben.
    Der Panarabismus war eine Zeitlang „in“, in Syrien und dem Irak hat ihn eben die Baath-Partei verkörpert, in Libyen Ghaddafi. Er ist sowohl an den inneren Widersprüchen von Supranationalismus als auch an der Auseinandersetzung mit Israel gescheitert. Nach Nassers Tod wurde er ad acta gelegt, übrig blieben Landesväter, die Staat und Religion trennen wollten.
    Es hat nicht nur nicht gestört, daß die Saudis sich daran nicht beteiligt haben, ihre Religionspflege war als Gegengewicht gegen den Einfluß der gottlosen Sowjetunion durchaus gefragt. Erst recht im Afghanistan-Krieg und auch in der Auseinandersetzung der USA mit dem Iran.

    Khomeni lässt sich m.E. nicht ohne Pahlavi erklären

    Ohne-nicht-Erklärungen heißen sowieso nichts, und außerdem ging es nicht darum, Khomeini zu „erklären“, sondern darauf hinzuweisen, daß weder er noch seine Nachfolger ihren Gottesstaat aus schnöden materiellen Interessen betreiben.

  7. Bei Libyen gibts schon seit geraumer Zeit Säbelgerassel, aber so richtig drüberzutrauen scheint sich dort keiner.

  8. Eine monotheistische Religion ist ein System von Denk- und Moralvorschriften, deren Einhaltung ja auch überwacht wird.

    Denk- und Moralvorschriften beinhaltet jede Religion, egal ob darin ein oder zig eingebildete höhere Wesen angebetet werden. Bezogen auf den Islam ist indes sogar historisch verbürgt, dass selbst noch unter den Mauren im heutigen Spanien weitgehende Religionsgleichheit anzutreffen war. Solange sich niemand in die weltlichen Geschäfte einmischte, war egal, wer wen zum Nachtgebet anrief.
    Im Übrigen, wenn die Herrschaft die Einhaltung von Denk- und Moralvorschriften überwachen muss, dann deswegen, weil sie gerade nicht davon ausgeht, dass die Untertanen darin mit ihr übereinstimmen. Wieso sollten sie auch, an die Vorschriften hatten sich ohnehin immer nur die Untertanen zu halten.

    Und schließlich, natürlich wurden die Reiche so geschaffen, daß die Untertanen die Idee geteilt haben, mit der gegen die anderen Vertreter in ihren Augen inferiorer Glaubensgrundsätze vorgegangen wurde.

    Quatsch, die Reiche entstanden immer, weil Einheimische von Auswärtigen militärisch besiegt und anschließend in Schach gehalten wurden. Römern wie Mongolen war wurscht, welchen Gott die Unterworfenen favorisierten, solange sie entweder regelmäßig materiellen Tribut ablieferten oder als Sklaven zu gebrauchen waren. Dafür ließen sie sogar, ebenso wie Jahrhunderte später die protestantischen Briten in ihren Kolonialgebieten eine einheimische Oberschicht die Dreckarbeit organisieren. Bezogen auf den Islam ist sogar historisch verbürgt, dass selbst noch unter den Mauren im heutigen Spanien weitgehende Religionsgleichheit anzutreffen war. Solange sich niemand in die weltlichen Geschäfte einmischte, war egal, wer wen zum Nachtgebet anrief. Die vermeintliche Inferiorität anderer Religionen war immerzu nur Argument gegen Hierarchieansprüche. Die heutigen Muslime in Bosnien sind Nachfahren von Leuten, die unter den Osmanen quasi Karriere machen wollten und deswegen konvertierten, aber doch nicht, weil sie plötzlich den anderen für den ‘richtigen’ Gott hielten o.s.ä. Und Juden durften im katholischen Europa in keiner Zunft ein Handwerk ausüben, vielmehr als Geldwechsler zu werden blieb da nicht …

    Diejenigen, die sich dem IS anschließen, müssen Überzeugungstäter sein.

    Wie kommst du denn auf die Idee? Söldner hat es zu allen Zeiten gegeben, das sind halt die Profis, denen jedwede Skrupel fremd sind. Genau diese Skrupel müssen den Überzeugungstätern von ‘Ausbildern’ erst genommen (genau deswegen beschäftigten sich damit vorwiegend Geheimdienstabteilungen, deren Angehörige selber schon entsprechend ‘geschult’ wurden). Fanatiker sind bestenfalls tollkühn, aber selten brauchbare Kämpfer. Wehrlose Zivilisten abschlachten kann jeder halbwegs bewaffnete Strolch. Gegen reguläre Truppen, egal ob von wem, kommt kein Fanatiker weit, der taugt halt bloß als Selbstmordattentäter im Schulbus oder in der Fußgängerzone; schon den Banküberfall übernehmen Profis, die Kriegführung erst recht. Mag sein, dass der eine oder andere Überzeugungstäter sich zum Profi qualifiziert, nur ist er dann eben primär Profi, scheißegal wie fanatisch er bei der Sache ist.

    Wie man ausländische „Kapitalinteressen“ und Selbstmordattentäter zusammenbringt, ist mir jedoch schleiherhaft.

    Dann frag dich einfach mal, warum die ‘internationale Gemeinschaft’, oder wie immer das Interesse global agierender Kapitaleigner sonst bezeichnet werden mag, seit ungefähr dem Ende des Kalten Krieges ‘Krieg gegen Terror’ betreibt und überall nur verbrannte Erde hinterlässt. Die Angst vor dem Terror ersetzt jetzt halt die vor der ‘roten Gefahr’ o.s.ä. Und Verängstigten kann man eben allerlei ‘Schutzmaßnahmen’ glaubhaft vertickern. Gegen die Notstandsgesetze gabs in der BRD noch Massendemos, nach den Attentaten von Paris akzeptieren selbst die freiheitsliebenden Franzosen einen permanenten Ausnahmezustand.

    Saudi-Arabien hätte sich mit dem IS gerne als Vormacht in der Region etabliert, um dann die Karten neu zu mischen bezüglich der Terms of Trade mit dem Öl, und Katar hat sich da angehängt.

    Ja eben! Die Saudis hätten das aber ohne das Einverständnis der Nato resp. Amis, also ohne Rücksichtnahme auf deren Geschäftsinteressen gar nicht erst versuchen können, weil ihnen schlicht die militärischen Mittel gefehlt hätten. Dito die Türkei als Nato-Mitglied. Dass die Pläne nur zum Teil oder gar nicht aufgingen, liegt einfach daran, dass die Russen irgendwann gesagt haben, bis hierhin und nicht weiter. Die haben eben andere Pläne. Es behauptet ja niemand ernsthaft, dass die vernünftiger wären.

  9. und außerdem ging es nicht darum, Khomeini zu „erklären“, sondern darauf hinzuweisen, daß weder er noch seine Nachfolger ihren Gottesstaat aus schnöden materiellen Interessen betreiben.

    Ob materielle Interessen schnöde sind, ist m.E. nicht die Frage, sie sind halt (wenigstens wenn man’s irgendwie mit Marx halten will) die Basis, auf der sich ideologische Interpretationen (bspw. Denk- und Moralvorschriften) entwickeln.
    Andernfalls sind Religionen immer schon Welterklärungen, die sich auf den nicht hinterfragbaren Willen überirdischer Wesen berufen, denen sich Menschen bestenfalls demütig unterordnen können.

  10. Ich habe ja auch nicht den Islam von anderen Religionen unterscheiden wollen, wie du bei aufmerksamem Lesen feststellen hättest können, sondern von deiner Bezichtigung, es handle sich um einen „Aberglauben“.

    das Interesse global agierender Kapitaleigner

    gibt es sowieso nicht, da es sich um konkurrierende Subjekte handelt, die im allgemeinen gegeneinander agieren.
    Alles, was du ferner aufzählst, hat gar nichts mit dem Interesse einzelner Kapitale zu tun, sondern mit der Praxis der politischen Gewalten, die sich die Bewohner eines Territoriums als Bürger unterwerfen.

    Die Saudis hätten das aber ohne das Einverständnis der Nato resp. Amis, also ohne Rücksichtnahme auf deren Geschäftsinteressen gar nicht erst versuchen können

    Davon bin ich auch überzeugt. Das ist allerdings schon einige Zeit her, und inzwischen ist es den USA nicht mehr so recht, was die Saudis in der Gegend treiben. Auch der IS hat ja eine Eigendynamik entfaltet, die seinen ehemaligen Schutzmächten nicht mehr in den Kram paßt.
    Das ist eben das Problem der konzessionierten Souveräne oder erwünschten Marionetten:
    http://nestormachno.blogsport.de/2016/01/20/nation-building-in-libyen/
    Was materielle Interessen als „Basis“ angeht, halte ich es nicht mit Marx oder deiner Interpretation von ihm.
    Es ist doch absurd, einen Gedanken damit zu argumentieren, daß man sich auf eine (vermeintliche) Autorität beruft, auch und gerade dann, wenn der betreffende theoretische Gegenstand für dieses Erklärungsschema überhaupt nicht taugt.
    Du sagst ja mehr oder weniger: auch wenn die Mullahs ganz andere Beweggründe haben, so interessieren mich die nicht, weil bei Marx steht geschrieben: es geht ihnen immer um materielle Interessen!

  11. “… auch wenn die Mullahs ganz andere Beweggründe haben, so interessieren mich die nicht, weil bei Marx steht geschrieben: es geht ihnen immer um materielle Interessen!”
    Bei Marx selber finden sich übrigens ja auch Andeutungen über den eigenen “Stellenwert” von Ideologien, die berühmteste ist wohl die (progressiv gemeinte), dass auch Ideologien zu Waffen bzw. zur materiellen Gewalt, werden können, wenn sie die Massen ergreifen, was ja bei großen Religionen, in deren Namen ganze Kriege und Kreuzzüge veranstaltet werden, durchaus der Fall ist. Marx schreibt glaube ich, dass das dann der Fall sei, wenn diese Ideologien “ad hominem” gehen würde. Und so die Massen ergreifen würden.
    Dass Ideologien im Regelfall weitere Nutznießer nach sich ziehen oder gar in materiellen Interessen als Konstrukte eines “falschen Bewusstseins” begründet sind, wird dabei schon so sein.
    Diese Vermutung erspart aber nicht Nachweis (bzw. Beweis).

  12. “… materielle Interessen (…) sind die Basis, auf der sich ideologische Interpretationen (bspw. Denk- und Moralvorschriften) entwickeln.”
    Das ist ja ein gängiges Schema: Basis – Überbau.
    Als solches Schema ist es tragender Teil der “Weltanschauung des Marxismus-Leninismus” und wird zu einem überhistorischen allgemeinen Gesetz dogmatisiert.
    Der Hinweis von Marx, dass auch die Kritikvorstellungen eines klassenbewussten Proletariats “zur materiellen Gewalt” werden können, ist ein Hinweis, dass es innerhalb der Klassengesellschaften auch ein kritikabler Zustand ist, wenn aus allen möglichen Vorstellungen immerzu ansonsten nur herauskommt, dass sie Überbau über materielle Interessen sind.
    Das ist ein kritischer Hinweis von Marx, nicht aber ein Dogma der Unfehlbarkeit über den Gang der gesamten Weltgeschichte.
    Als solches Billiggericht vrscherbelt nur der ML den kritischen Marx.

  13. Dem ist noch hinzuzufügen, daß „Ideologie“ zu Marx Zeiten einen anderen Stellenwert bzw. eine andere Bedeutung hatte. Da verständigten sich Mitglieder der Eliten in Zeitungen und gelehrten Abhandlungen über die einzuschlagende Innen- und Außenpolitik.
    Die arbeitende Menschheit in Stadt und Land hatte keine Stimme, kein Wahlrecht; es gab keine allgemeine Schulbildung, und sie waren von all diesen Erörterungen der herrschenden Klasse relativ unberührt.
    Heute haben die Ideologien die gesamte Gesellschaft ergriffen.

  14. “Ob materielle Interessen schnöde sind, ist m.E. nicht die Frage, sie sind halt (wenigstens wenn man’s irgendwie mit Marx halten will) die Basis, auf der sich ideologische Interpretationen (bspw. Denk- und Moralvorschriften) entwickeln.” (SAMSON)
    Vielleicht könnte man sich darauf verständigen, dass trotz allen möglichen religiösen Hokuspokus es um einen solchen realer Menschen geht (um deren Gedankenwelt), der sicherlich eine reale Funktion für eben diese Menschen ausübt.
    Und der Wahnsinn und seine Funktion dürfte für einen stinknormalen Sunniten im Irak (oder gar für einen ehemaligen Soldaten oder sonstigen ‘Funktionsträger der Baath-Partei’) darin bestehen, dass die Ungläubigen in seinen Augen alles Elend über seine Form der Staatlichkeit gebracht haben, und warum: weil sie als Ungläubige eigentlich gar keine Chance gegen die wahren Gläubigen hätten, würden sie nicht von den Mächten des Satans, die im Ausland noch dicker fest sitzen, untestützt werden: USA, Frankreich, Iran. (Die Mullahs in Iran haben vor 20 bis 30 Jahren übrigens auch so gegen die Mächte des Bösen, vornehmlich die USA, “argumentiert”. Was so den Iran zusammenhaltende Ideologie sein sollte, und in den Zeiten der Chomenie-Revolution waren die Mächte des Bösen gegen die iranische Staatlichkeit vor allem Husseins Irak und die damals noch Hussein unterstützende bzw. billigende USA.)
    Was den einfachen Gläubigen betrifft, möchte ich an die sehr allgemeinen Bemerkungen des jungen Marx über die zwei Seiten des religiösen Wahns erinnern: Ausdruck des Elends und Protest gegen dasselbige; wobei der Protest im Namen eines religiös verstandenen Nationalismus geführt wird: [erst dann…] wenn wir alle die Gemeinschaft der Gläubigen sind, dann ist ein wahrer Staat möglich. ISIS rottet den Rest der Welt wegen dieses “erst dann” aus, und nicht wegen der Interessen weltweiter Waffenkonzerne, und auch nicht wegen der regionalen Vormachtinteressen der Saudis. [Unbestritten ist, dass denen das dann nützlich ist!]
    (Dass das Christentum nicht mehr auf dieser ideologischen Haltung seiner Altvorderen, z.B. des Vorbeters Augustinus besteht, war übrigens bei Augustin schon in seiner Trennung, in der Zwei-Reiche-Lehre, angelegt: Das Reich Gottes sei als Gemeinschaft der Gläubigen mehr als die Reiche von dieser Welt. Aber der Gläubige solle dem Staat geben, was des Staates sei. Das ganze Mittelalter bis ins 20. Jahrhundert hat es in Deutschland trotzdem gedauert, diese fiktive Sorte religiösen Nationalismus dem realen Nationalismus des erst am Schluss komplett bürgerlich gefestigten Nationalstaates unterzuordnen.)
    [Der letzte Satz ist irgendwie krumm, er will den religiösen Wahn des Mittelalters teleologisch von seiner späteren Funktion als untergeordnet im bürgerlichen Staat her erklären. Zwar war das zu Beginn des 20. Jhdt. so; das erklärt aber ja nicht das Mittelalter. Und was Augustin gesagt oder nicht gesagt hat, kann dies auch nicht erklären; das ist ein Holzweg von mir.
    Das stimmt also so nicht; hab aber jetzt keine Zeit mehr.
    Vermutlich ging es um den ideologischen Zusammenhalt des spätrömischen Reiches angesichts der von Norden hereinbrechenden ‘Völkerwanderung’ und der Konflikte mit Ostrom. Das war der Übergang, an dem die frühere christliche “Sklavenideologie” ganz offiziell die “Herrschaftsideologie” des römischen Reiches und seiner Elite geworden ist. Als gemeinschaftliche Ideologie von oben und unten hat es allerdings nicht genau dieselbe Funktion für den Gläubigen gehabt. Das sei nur angedeutet, ist aber ja ziemlich wurschtegal in diesem Zusammenhang.]

  15. Auch im Christentum, darauf weist Freerk n seinem Vortrag
    http://argudiss.de/node/123
    hin, hat die Trennung zwischen Staat und Kirche immer das Moment, daß wirklich Gläubige das Reich des Himmels über die irdischen Reiche stellen und eine besondere Form des Ungehorsams gegen die Obrigkeit entwickeln können.
    Beim IS geht es darum, daß durch die Aufhebung dieser Trennung das Reich Gottes auf Erden errichtet werden soll und die Protagonisten meinen, damit eine Ideologie gefunden zu haben, die sie zum Sieg führen muß: in hoc signo vinces!

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