„Sparpakete“ allerorten

SOZIALSTAAT ADE
Um den Sozialstaat europäischer Machart – als unerreichtes Vorbild „sozialer Marktwirtschaft“ – ranken sich unter Sozialdemokraten und anderen Linken viele Legenden. Den Gegensatz von Kapital und Arbeit soll es durch „Umverteilung“ gelungen sein, aufzuheben. Armut und Elend seien durch seine Einführung abgeschafft worden. Er gilt als „Errungenschaft“ der Arbeiterklasse, und für manche Gerechtigkeitsfanatiker und Menschenfreunde kam und kommt seine Existenz gar schon der Aufhebung des Kapitalismus gleich.
Warum es die europäischen Regierungen nach 1945 für angebracht gehalten haben, ihre Gesellschaft mit einem umfassenden Bildungswesen, einer kostenlosen Gesundenversorgung, Renten- und Arbeitslosenversicherung zu versehen, ist allen diesen Sozialstaats-Anhängern keinen Gedanken wert. Es könnte sich dabei nämlich herausstellen, daß es gar nicht ein Dienst am Proletariat war, sondern einer fürs Kapital, und daß die Staatsgewalt dabei außerdem an sich gedacht hat, in dem Sinne, daß die Verwaltung der Klassengesellschaft so am besten geklappt und sehr gute Ergebnisse gezeitigt hat: Die europäischen Unternehmen sind auf diese Weise aus den Ruinen des 2. Weltkriegs auferstanden, erfolgreich geworden und haben sich auf der Welt umgetan. Der Sozialstaat hatte sich als Instrument der gelungenen Ausbeutung bewährt.
Weiterführende Literatur zum Thema findet sich hier (kürzer) und hier (länger).
Mit dem anderen System, dem verkehrten Sozialismus, hatte das insofern zu tun, als „der Westen“ damals seine imperialistische Konkurrenz ein Stück weit zurücknahm, um eine einige Front gegen das Reich des Bösen zu bilden, und keinen Wert darauf legte, seine Waffen oder seinen Kredit gegen die anderen Staaten in Anschlag zu bringen. Der Sozialstaat entsprang also nicht einem Trieb zur „Bestechung“ der einheimischen Arbeiterklasse, sondern Nützlichkeitserwägungen politischer und ökonomischer Natur. Der so erreichte soziale Frieden und „Wohlstand“ ließ sich allerdings sehr gut als Propagandainstrument gegen diejenigen Staaten in Anschlag bringen, die von sich behaupteten, die Interessen der arbeitenden Menschheit zu vertreten.
Heute ist das alles anders, und der Sozialstaat ist ein Auslaufmodell – in den einen Staaten mehr, in den anderen weniger. Und zwar deshalb, weil der inzwischen weltweit durchgesetzte Kapitalismus mit seinem auf Gewinnstreben beruhendem Drang, immer mehr Waren durch immer weniger Menschen erzeugen zu lassen – „Entwicklung der Produktivkräfte“ hieß das bewundernd in Marxismus-Leninismus-Lehrbüchern –, jede Menge überflüssiger Bevölkerung hervorgebracht hat. Es gibt einfach einen Haufen Leute, die das Kapital im Inland nicht brauchen kann, und die auch vom Ausland nicht wirklich nachgefragt werden. Die sitzen herum, überschreiten das Maß der fürs Lohndrücken durch die Unternehmer äußerst nützlichen industriellen Reservearmee um ein Mehrfaches und müssen vom Staat durchgefüttert werden, ohne daß dabei irgendein volkswirtschaftlicher Nutzen absehbar wäre.
Von dieser Last wollen sich nun die Regierungen Europas Stück für Stück befreien. Und die Medien sekundieren eifrig, indem sie allen unproduktiven Bevölkerungsteilen ins Ohr posaunen, daß sie doch ihr „Anspruchsdenken“ aufgeben und „der Gesellschaft“ nicht unnötig zur Last fallen sollen.
Im Visier sind zunächst einmal die Pensionssysteme.
Bisher waren die staatlichen Pensionssysteme ein fixer Budgetposten, sowohl was Einnahmen als auch was Ausgaben betraf. Die privaten Pensionsfonds verschafften Banken und anderen Finanzdienstleistern gute Gewinne und sorgten auch für die sichere Abnahme öffentlicher Schuld, von Staatsanleihen bis Kommunalobligationen.
Beides ist inzwischen aus dem Lot geraten.
Nicht nur, daß die Anzahl der Beitragsleister in die staatlichen Pensionskassen gesunken ist, sondern auch die Zahlungen pro Kopf haben sich verringert, da sich die meisten europäischen Staaten im Rahmen der „Standortpflege“ um die Verbilligung ihrer Arbeiterklasse bemüht und die „Lohnnebenkosten“, also auch die Pensions-Beiträge gesenkt haben – unter kräftiger Mithilfe ihrer national denkenden Gewerkschaften. Gleichzeitig haben die Leistungen des Gesundheitswesens dazu geführt, daß die Lebenserwartung sich erhöht hat und die Pensionisten den Pensionskassen immer länger auf der Tasche liegen.
Unlängst hat der IWF in einer Studie dazu aufgerufen, das Pensionsalter anzuheben angesichts des Risikos, daß die Leute länger leben als vorgesehen: „IWF warnt Welt vor Vergreisung“ titelte die FTD ihren diesbezüglichen Artikel.
Die ganze diesbezügliche Argumentation lebt von der insgeheim unterstellten Lüge, daß das Unternehmerwelt nichts lieber wollte als die Leute möglichst lang zu beschäftigen, während in Wahrheit ältere Leute im Falle einer Entlassung kaum einen Job mehr finden und deswegen oft in Frühpension geschickt werden, um die Arbeitslosenkassen zu entlasten. Die von Frau Lagarde und anderen Menschenfreunden geforderte Anhebung des Pensions-Antrittsalters ist also eigentlich ein Versuch, immer mehr arme Schlucker aus dem Pensionswesen hinauszudrängen und entweder der Obdachlosigkeit oder der privaten Fürsorge zu überantworten, weil sie die geforderte Anzahl an Beitragsjahren nicht zusammenkriegen.
Oder sie in das private Pensionswesen zu drängen, was natürlich den staatlichen Pensionskassen weitere Beiträge entziehen würde.
Die privaten Pensionsversicherungs-Unternehmen waren lange Zeit verläßliche Abnehmer von Staatsschuldverschreibungen, weshalb viele von ihnen inzwischen herbe Verluste schreiben, wenn sie die falschen eingekauft hatten. Es ist noch nicht bekannt, was der 100 Milliarden-Griechenland-Schuldenschnitt auf diesem Gebiet verursachen wird.
Ungarn hat seine privaten Zwangs-Pensionskassen verstaatlicht – unter fester Schelte von Seiten der EU-Organe und der Medien –, Portugal hat das Geld seiner staatlichen Pensionskassen einfach dem Budget einverleibt, um sein Defizit zu senken, weswegen es von Brüssel gelobt wurde. Es ist nicht absehbar, wie lange diese Länder noch Pensionen auszahlen werden. In Griechenland macht die Regierung Stimmung für die von der EU geforderten Kürzungen mit der Drohung, ansonsten könnten gar keine Pensionen mehr gezahlt werden. Deswegen sollen sich die Alten mit allen Pensionskürzungen abfinden.
Unlängst hat sich ein Pensionist aus Protest vor dem griechischem Parlament umgebracht. Das hat bei der Bevölkerung Entrüstung gegen die Regierung hervorgerufen.
Es ist nämlich nicht zu übersehen, daß sowohl die Maßnahmen der Regierungen wie der Propagandafeldzug der Medien den Pensionisten nahelegen, sich möglichst rasch – und wenn geht geräuschlos – selbst zu entsorgen.
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29 Gedanken zu “„Sparpakete“ allerorten

  1. Musst du dir wirklich solche Sachen suggerieren, wie …

    Er gilt als „Errungenschaft“ der Arbeiterklasse, und für manche Gerechtigkeitsfanatiker und Menschenfreunde kam und kommt seine Existenz gar schon der Aufhebung des Kapitalismus gleich.

    … um anschließend zu bestreiten, was außer dir niemandem “gilt”, der noch halbwegs alle Tassen im Schrank hat?

  2. Der Einwand ist eigenartig. Es geht ja aus dem Text hervor, daß ich dieses Urteil nicht teile, also der erste Teil deines Satzes, ich würde etwas „suggerieren“, was außer mir niemand so sehen würde, ist schon einmal unsinnig.
    Zweitens, wenn man so schaut, was manche Leute von der Linkspartei oder Frau Wagenknecht in ihrem Buch zum Besten geben, also gar nicht „suggerieren“, sondern mit voller Überzeugung behaupten, so finde ich es nicht so abwegig, auf diese Sichtweise hinzuweisen.
    Inwiefern da jemand alle Tassen im Schrank hat, ist mir gleich. Es ist eine seltsame und von mir nicht praktizierte Art der politischen Debatte, den anderen von vornherein für nicht ganz dicht zu erklären.

  3. Es kommt aber auch ein bißchen darauf an was einige unter Kapitalismus verstehen! Sein Zweck, seine Funktionsweise, seine Wirkungen. Noch irritierender wird es für diese Leute weil der Kapitalismus eigentlich nur, eingebettet in einem politischen System, wirklich zur Entfaltung gelangt. Und darin gemessen sehen diese linken Menschenverbesserer keinen Gegensatz zwischen tatsächlichen bzw. eingebildetetn Umverteilungsfunktionen, und die Einrichtung des Sozialstaats als einen Dienst für´s Kapital.
    Eben auch auf Grundlage dessen dass sie den systemimmanenten Zweck der Marktwirtschaft, aus Geld mehr Geld machen zu können für gut befinden, und zugleich das durch Marktwirtschaft eingerichtete System der Arbeitsteilung als eleganten Distributionsmechanismus, für sich entdeckt haben.

  4. Ja, so sehe ich das Problem dessen, was sich heute als „links“ bezeichnet, auch: An Markt, Geld, Wachstum und Gewinn haben sie nichts auszusetzen, und so entwickeln sie sich immer mehr zu Ratgebern der Politik, wie man „es“, d.h. den Kapitalismus, doch besser machen könnte.
    Wahrscheinlich ist das noch immer das Erbe des Abdankens der Sowjetunion und dem Klein-Beigeben der Kapitalismus-Kritiker vor der fraglosen „Überlegenheit“ der Marktwirtschaft. Man will „realistisch“ sein.

  5. Es geht um die Behauptung, der Sozialstaat sei eine „Errungenschaft“ der Arbeiterklasse, Nestor, von der nun wirklich jeder der es wissen will, in Erfahrung bringen kann, dass die Humbug ist.
    Die Frage für mich ist eher, warum du ausgerechnet sowas als Aufhänger benutzen musst, um dich über den ganz normalen Wahnsinn beim Canceln des Sozialstaats auszulassen. Dass der über kurz oder lang geschliffen werden würde, war spätestens sicher, als der Ostblock von der politischen Bühne verschwand. Ob die Wagenknecht das mittlerweile nur vergessen hat oder bewusst unterschlägt, spielt dabei überhaupt keine Rolle.
    @ star wars
    Das “durch Marktwirtschaft eingerichtete System der Arbeitsteilung” ist deine Erfindung, belegen wirst du das kaum können. Arbeitsteilung gabs lange vor dem Warentausch und wird es, so die Menschheit die Warenproduktion ‘übersteht’ resp. überwindet, ohne sich dabei selbst abzuschaffen, auch nachher notwendig geben.

  6. @ Samson: Den Zusammenhang zwischen dem (Ende des) das Proletariat verhexenden Sozialstaat und (dem Verschwinden) der Sowjetunion siehst du einerseits, andererseits soll genau dieser Sozialstaat mit dem erfolgreichen Kampf der Arbeiterklasse, deren Errungenschaft genau diese Sowjetunion doch war, nichts zu tun haben? Wirklich nicht?

  7. @Samson
    Es ist nicht zu übersehen, daß ein guter Teil der Leute, die sich als links bezeichnen, meinen, der Sozialstaat sei gut für die Arbeiterklasse und von ihr „erkämpft“ worden, und sei es auch nur mit einem Stimmzettel für die Sozialdemokratie. Du befaßt dich offenbar nicht mit der Selbstbeweihräucherung von Gewerkschaften und Jungsozialisten, die so argumentieren, wenn sie gegen Unternehmer oder die Parteienkonkurrenz diese „Errungenschaften“ verteidigen wollen.
    Es scheint dir auch, der du ja seit 20 Jahren weißt, daß er dem Untergang geweiht ist, entgangen zu sein, daß ein guter Teil der Linken sich seine Verteidigung zu ihrem Anliegen gemacht hat, gegen den bösen Neoliberalismus, der dem Kapitalismus sein menschliches Antlitz nehmen will.
    Auf diesen Umstand meinte ich hinweisen zu müssen, weil ich auch mir nicht nahestehende politische Strömungen zur Kenntnis nehme und es für angebracht gehalten habe, angesichts der offensichtlichen und stückweisen Demontage desselben auf diejenigen hinweisen zu müssen, die seinen Grund falsch besprechen.
    Was star wars und die Arbeitsteilung betrifft, so ist es natürlich richtig, daß es Arbeitsteilung auch ohne Kapitalismus gibt, aber heute wird die Scheidung in Arbeiter, Unternehmer, Beamte usw. ja auch als „Arbeitsteilung“ besprochen und damit auch gerechtfertigt. Vielleicht meinte star wars nur das.

  8. Zu der Frage Sozialstaat und SU meine ich nicht, daß Samson die Herkunft der SU als Ergebnis des Kampfes der Arbeiterklasse bestritten hat – er hat diesen Punkt überhaupt nicht berührt.
    Eher umgekehrt: Nach dem Ende der SU hat die Arbeiterklasse nix mehr zu melden gehabt, meint er.
    Oder hab ich da wen falsch verstanden?

  9. @ Samson

    star wars Das „durch Marktwirtschaft eingerichtete System der Arbeitsteilung ist deine Erfindung, belegen wirst du das kaum können. Arbeitsteilung gabs lange vor dem Warentausch und wird es, so die Menschheit die Warenproduktion ‚übersteht‘ resp. überwindet, ohne sich dabei selbst abzuschaffen, auch nachher notwendig geben.

    Das entspricht ja auch nicht meinen Auffassungen sondern den Auffassungen der Linken (@ Nestor). Aber auch die wissen ja dass Arbeitsteilung schon vor dem Kapitalismus existiert hat.

  10. Also, ich weiß jetzt nicht mehr ganz, worum es geht, kann dazu aber nur bemerken, daß Einwände gegen die Eigentumsordnung und das kapitalistische Wirtschaftssystem oft damit abgetan werden, die Kritiker wollten „zurück ins Mittelalter“ und wer den Markt ablehne, sei für die geschlossene Hauswirtschaft.
    Also die Behauptung, Arbeitsteilung sei der Grund für Marktwirtschaft und ohne Markt kein Fortschritt, ist weitverbreitet und gehört auch zum Repertoire von heutigen Geldkritikern.
    Wie es diejenigen Linken, auf die ich mich bezogen habe, die nämlich, die soziale Marktwirtschaft für das Höchste betrachten, was die Arbeiterklasse erreichen kann, es mit der Frage der Arbeitsteilung halten, ist mir nicht bekannt.

  11. @ Nestor

    Wie es diejenigen Linken, auf die ich mich bezogen habe, die nämlich, die soziale Marktwirtschaft für das Höchste betrachten, was die Arbeiterklasse erreichen kann, es mit der Frage der Arbeitsteilung halten, ist mir nicht bekannt.

    Also sie machen das ähnlich. Sie unterstellen zunächst einmal (wie alle Politikwissenschaftler und VWL-Apologeten) dem kapitalistischen Wirtschaftssystem den Zweck Versorgung. Sie unterstellen darüber hinaus dem kapitalistischen Wirtschaftssystem Kollektivität, wo in Wirlichkeit nur der (kollektiv) organisierte Ausschluß, unter- und gegeneinander, zwischen den ökonomischen Interessensträgern, gilt. Sie unterstellen darüber hinaus ein exklusives Zugriffsbedürfnis auf Reichtum, Eigentum und Bentham, was selbstverständlich immer und überall, über alle Wirtschaftssysteme im Vergleich hinaus, gelten müsse.
    Dann unternehmen sie den, in der Art und Weise nur von ihnen erfundenen, Systemvergleich mit der Planwirtschaft (gibt es immer noch in Lehrbüchern). Und kommen anschließend messerscharf zu ihrem ureigenen Schluß dasss die “unsichtbare Hand” des Marktes, im kapitalistischen Wirtschaftssystem, viel effizienter die Menschen mit Gütern und Armut versorgt, als es die Planwirtschaft des Sozialismus je tun könnte. Schlüsselvariablen dabei: Selbstinitiative, Allokationseffizienz des Marktes, Koordinationsminimierung.
    Natürlich wissen alle bürgerlichen Experten dass die “unsichtbare Hand” des Marktes mancherortens Fehlallokationen verursacht (Wirtschaftskrisen, fehlerhafte bzw. nicht existierende Allokationssignale und –anreize des Marktes). Dabei braucht es einen Staat der solche Fehlallokationen eingeifend korrigiert. Der Staat müsse außerdem, die am Individuum orientierte laissez faire-Haltung bzw. das unkontrollierte Fremdsteuerungsprinzip des Marktes, ergänzende Prinzip der Solidarität einführen, bzw. von Staats wegen gewaltträchtig absichern.
    Und an der Stelle streiten sich dann konservative Experten mit den verbliebenen Linksdemokraten darum wie das richtige Maß zwischen Fremdsteuerung des Marktes, „Eigeninitiative“ und das Prinzip der „Solidarität“ unter bzw. gegeneinander wirtschaftspolitisch bzw. ideell austariert werden könnte.

  12. Bei all dem – was ich dir als korrekte Ausführung dieser Position keineswegs bestreiten will – ist offenbar die Überzeugung, daß es für den „Fortschritt“ auf jeden Fall Arbeitsteilung braucht, und die nur in der Marktwirtschaft möglich ist, eine Selbstverständlichkeit.
    Dabei hat, unvoreingenommen betrachtet, das eine (A) gar nichts mit dem anderen (M) zu tun.

  13. @ SJH
    Was ich dazu zu sagen hätte, hat Nestor treffend ausgedrückt:

    Nach dem Ende der SU hat die Arbeiterklasse nix mehr zu melden gehabt, meint er.

    Hinzuzufügen wäre vielleicht (aber das gehört eben nicht zu Nestors Thema), dass mindestens fraglich ist, ob das was im Ostblock ökonomisch lief, was anderes war als staatlich organisierte materielle Absicherung der Arbeiter(klasse) auf der Basis von Warenproduktion (was auf die Dauer einen Selbstwiderspruch enthält).
    @Nestor
    Okay, akzeptiert. Wegen “der Selbstbeweihräucherung von Gewerkschaften” bin ich da auch ‘nur’ passives Mitglied und ‘agitiere’ bestenfalls im Bekanntenkreis dafür, die quasi ‘von unten’ aufzumischen, was aber i.d.R. zu nix führt. M.E. vor allem deshalb, weil an komplexen Zusammenhängen wenig bis kein Interesse besteht. Daher halte ich es eher für einen Reflex, sowas wie den Sozialstaat zu ‘retten’. Für Reflexe genügen offenbar (austauschbare) Feindbilder, fraglich ob dagegen mit Analyse was machen kann, vielleicht aber den Versuch wert.
    Btw, zu deinem Disput mit star wars wäre noch anzumerken, dass 1) selbst die “geschlossene Hauswirtschaft” kaum ohne Arbeitsteilung auskommt, 2) Fortschritt sich offenbar auch (gesellschaftlich) in fortschreitenden Bedürfnissen ausdrückt, 3) aus der Teilung der produktiven Arbeit sich auch analytisch kein Warentausch herleiten, aber 4) historisch sehr wohl aus der gesellschaftlichen Trennung von produktiver und geistiger Arbeit ein Herrschaftsverhältnis entwickeln lässt, welches die Grundlage von Reichtum und Armut darstellt, und zwar vollkommen unabhängig vom jeweils gerade erreichten Fortschritts-Level o.s.ä. Womöglich gehts, seit Marx den Produktionsprozess quasi ‘entzaubert’ hat, deswegen bei VWL/BWL etc. ums Missverhältnis von knappen Ressourcen und angeblich unendlichen Bedürfnissen, statt wie noch bei Smith um wealth of nations …
    Die ‘Linken’, die du zu Recht kritisierst, sehen halt Unsummen an Geld und denken sich, was man damit an ‘sozialen Wohlttaten’ o.s.ä. volbringen könnte statt bspw. Kriege zu finanzieren. Die Frage, die sie sich nicht stellen ist eben, weshalb es überhaupt solcher Wohltaten bedarf, wenn doch Arbeit (haben) etwas sein soll, das dazu taugt, einen Lebensunterhalt o.s.ä. zu bestreiten.

  14. @Samson

    historisch sehr wohl aus der gesellschaftlichen Trennung von produktiver und geistiger Arbeit ein Herrschaftsverhältnis entwickeln lässt, welches die Grundlage von Reichtum und Armut darstellt, und zwar vollkommen unabhängig vom jeweils gerade erreichten Fortschritts-Level o.s.ä.

    Find ich nicht. Erstens ist die Gegenüberstellung von „geistig“ und „produktiv“ nicht richtig – ein Architekt z.B. ist auch produktiv. „Kopf-“ und „Handarbeit“ hieß das früher einmal, aber weder die vorkapitralistischen noch die heutigen Herrschaftsverhältnisse haben sich aus dieser Trennung „entwickelt“, sondern sind ihr Ergebnis. Es braucht doch Professoren und Ärzte nur deshalb, damit die Klassengesellschaft und die Kapitalakkumulation funktionieren.
    Etwas anderes war der Reale Sozialismus, wo die Herrschaft der Partei über den Rest der Gesellschaft damit legitimiert, also nachträglich gerechtfertigt wurde, daß die Partei eben weiß, was für das Volk gut ist. Aber auch dort galt, daß der Geist der Macht gedient hat, und nicht umgekehrt.

  15. @Nestor
    Was ist der Unterschied zwischen es entwickelt sich was und es ergibt sich was.
    Historisch ging das doch viel früher los, Architekt ist doch schon Trennung von dem, der dessen Plan ausführt, also des Bauarbeiters. Geistige Arbeit meint in dem Zusammenhang eher gesellschaftlich notwendiges Anbeten von Göttern (Geld ist womöglich eine bloß modernisierte resp. neuzeitliche Variante davon). Wenn die Gesellschaft der Überzeugung ist, egal auf Grund welcher Propaganda, der Jagdgott müsse seinen Segen geben, dann geht niemand ohne den Segen zur Jagd. Im Gegenteil, den Segen zu bekommen, wird zum Zwang, und das Segen-Beschaffen zur notwendigen Arbeit. Daraus kann sich eine Hierarchie ergeben, die sich ausdrückt, muss aber nicht.
    Den realen Sozialismus resp. das Gebaren der Partei sehe ich nun wieder anders. Die haben sich nicht damit legitimiert, dass sie wüssten, was gut fürs Volk war, sondern damit, dass sie
    geplant produzierten und es dafür quasi Leitung und Fußvolk geben müsste. Letzteres wurde übrigens permanent dazu aufgefordert, sich an den Planungen zu beteiligen. Ob und vor allem warum Pläne aufgingen oder nicht, steht auf einem ganz anderen Blatt (die Frage wäre eher, wenn Plan, wozu dann Markt).

  16. Der Satz “Daraus kann sich eine Hierarchie ergeben, die sich ausdrückt, muss aber nicht” ist unvollständig. Selbstverständlich drückt sich eine Hierarchie immer materiell aus, egal ob in bloßen Statussymbolen oder größerem Anteil am gesellschaftlichen Gesamtprodukt.

  17. Also, Samson, was irgendwelche Medizinmänner mit ihren Schäfchen für einen Hokuspokus getrieben haben, hat wirklich nichts zu tun mit Kapitalismus, Eigentum oder demokratischer Herrschaft.
    Ein Architekt – und da kann ich genug Beispiele aus meinem Bekanntenkreis anführen, für Deutschland wie für Österreich – ist ein etwas besser bezahlter Lohnarbeiter, sonst nichts. Er beutet nicht aus, schon gar nicht übt er Herrschaft aus.
    Auch daß sich aus Planung Leitung und Fußvolk ergeben, ist verkehrt. Es kommt eben sehr drauf an, was geplant wird. Die Bolschewiki und ihre Nachfolger legten großen Wert auf das von ihnen am Kapitalismus sehr bewunderten Kommando über die Arbeit, weil sich damit so toll die „Produktivkräfte entwickeln“ lassen.

  18. was irgendwelche Medizinmänner mit ihren Schäfchen für einen Hokuspokus getrieben haben, hat wirklich nichts zu tun mit Kapitalismus, Eigentum oder demokratischer Herrschaft.

    Ich weiß nicht mehr wer, aber jemand hat dazu mal sinngemäß gesagt, verglichen mit den sinnverlassenen Kalkulationen, die Wirtschafts’wissenschaftler’ heutzutage anstellen (in denen es eben nur noch um Abstraktionen geht), wären die Versuche der Altvorderen, die Zukunft aus Tierknochen oder Eingeweiden rauszulesen, beihnahe schön höhere Vernunft gewesen.
    Ich kenne auch Architekten, die sind Lohnarbeiter und Taxifahrer, Bäcker, Ärzte etc., die gleichzeitig, d.h. primär Unternehmer sind, und was besagt das, beuten etwa ‘scheinselbständige’ Handwerker oder Akademiker, die als ‘freie’ Dozenten rumwursteln sich selber aus?
    Btw, “daß sich aus Planung Leitung und Fußvolk ergeben” hat auch niemand behauptet, aber von dir stammt die Unterstellung, die Realsozialisten hätten die Herrschaft der Partei übers Staatsvolk, damit legitimiert, dass “die Partei eben weiß, was für das Volk gut ist”. Dagegen war mein Einwand, dass deren eigene Legitimation in der Planung der Produktion bestanden habe. Dazu bedurfte es des Kommandos über die Produktionsmittel, die im Kapitalismus eben nicht der Staat sondern die Kapitalisten haben. Von denen hatten sich die Realsozialisten die industriellen Produktionsmethoden abgeguckt, aber im ganzen Leben nicht das Kommando über die Arbeitskraft. Denn dann wäre deren Produktivität kaum der der Kapitalisten hinterher gehinkt.

  19. möchtest du jetzt behaupten, das kommando über die arbeitskraft in der SU wäre sanfter ausgefallen als in den USA, und das wäre grund gewesen für den produktivitätsunterschied?

  20. @Samson,
    bei dir geht wieder einmal alles durcheinander.
    Ärzte und Architekten beuten aus, Wirtschaftswissenschaftler üben Herrschaft aus, und eigentlich ist das alles so was ähnliches wie Schamanismus.
    Der reale Sozialismus ist eben unter anderem daran gescheitert, daß er die Trennung zwischen staatlicher Herrschaft und privater Ausbeutung nicht hingekriegt bzw. als vermeintliches Hemmnis des gesellschaftlichen Fortschritts betrachtet hat.

  21. “Denn dann wäre deren Produktivität kaum der der Kapitalisten hinterher gehinkt.”
    Du bist auf einen fiktiven Systemvergleich hereingefallen. Die Produktivität einer DDR war viel höher als in den meisten kapitalistischen Ländern. Kommt wohl darauf an, WAS man vergleicht und WOMIT man “Produktivität” misst – unproduktive Arbeitslose gelten im Kapitalismus als Ausweis von Produktivität!

  22. Na ja, ich nehme an, Samson meint das, was „systemneutral“ als Produktivität gilt, die Stückkosten, also wieviel von irgendeinem Zeug in welcher Zeit hergestellt wird.
    Wenn Name auffordert, das zusammenzuzählen, was wirklich in einer Gegend produziert wurde, wo alle Arbeit hatten, so schaut die alte DDR gegen ihre NeBuLä-Nachfolger sehr gut aus.
    So viel nur zum Systemvergleich – es ist einfach unredlich, auch wenn es neben westlichen Hetzern auch verschiedene osteuropäische Politiker selbst so gehandhabt haben, immer das zu vergleichen, worauf man scharf ist, und das wegzulassen, was nicht ins Bild paßt.

  23. “die Stückkosten, also wieviel von irgendeinem Zeug in welcher Zeit hergestellt wird”
    Ahem. Stückkosten und Produktivität bei der Herstellung von Gebrauchsgütern sind zweierlei. Wer (Stück-)Kosten kalkuliert, geht von einem Verhältnis bezahlten Geldes zu Profiten aus – Stückkosten konnte es im Realsozialismus gar nicht geben, es ist also absurd deren Produktion am Maßstab von Kostpreis und Profit messen zu wollen.
    Dass die im Osten immer neidisch auf die höhere Ausbeute der Arbeitskraft geglotzt haben, war ein Fehler der Realsozialisten. Schon der Konter im Systemvergleich: “Dafür habt ihr mehr Arbeitslose” hat den falschen Anspruch verraten: die Gebrauchswertproduktion sollte für eine gerechtere und flächendeckende Ausbeutung sorgen – wer gemeinsam für den täglichen Bedarf produzieren möchte, lässt sich nicht auf den Vergleich ein mit Halsabschneidern, die irgendwas schneller hinkriegen wollen.

  24. So ist es, aber was heißt „Fehler“? Offenbar haben sie ihre Produktion und ihr ganzes Staatswesen so eingerichtet, daß der Vergleich mit dem Kapitalismus in ihr angelegt war.
    Und wenn man die Absichten der Politiker im seinerzeitigen Realsozialismus bespricht, muß man sich schon entscheiden: Daß es bei ihnen gerecht zugehen sollte, das haben sie oft genug betont. Aber mit Ausbeutung wollten sie nie was zu tun haben – ihnen ging es doch um gerechte Verteilung. Also: sie nehmen doch im Unterschied zu den kapitalistischen Unternehmern den Werktätigen nix weg, sondern tun nur das Mehrprodukt unter der ganzen Gesellschaft verteilen.

  25. “sie nehmen doch im Unterschied zu den kapitalistischen Unternehmern den Werktätigen nix weg”
    So haben die das gesehen: Kapitalismus als ungerechte Verteilungswirtschaft! Und “Über-Soll” zum Wohl der Arbeiter …

  26. … und für das Verteilen müssen natürlich die Verteiler durchgefüttert werden.
    Super Arbeitsteilung ^^

  27. Das war auch die Kritik Djilas’, als er die Verteiler als „Neue Klasse“ charakterisiert hat.

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