Serie „Lateinamerika heute“. Teil 26: Französisch-Guayana

VON DER STRAFKOLONIE ZUM WELTRAUMBAHNHOF: DIE SCHWIERIGE ENTWICKLUNG FRANZÖSISCH-GUAYANAS

Niemand wollte dort hin

Aus den einigermaßen verwirrenden Angaben über die Anfänge der europäischen Besiedlung Französisch-Guayanas ergibt sich, daß die ersten Bewohner des heute französischen Küstenstreifens Briten und Holländer waren und daß Cayenne eine holländische Gründung ist. Verschiedene französische Könige und Regierungen bemühten sich, dort Siedler hinzulocken. Jesuiten wurden hingeschickt. Dann kamen aus südlicheren Küstengegenden sefardische Juden, die von den Portugiesen vertrieben worden waren. Aber alle diese Siedlungen waren klein und und vor allem: kurzlebig.

Die Umstände waren widrig: Die Einheimischen hatten bereits mitbekommen, daß die Europäer, die da mit Schiffen ankamen, keine Freunde waren und bekämpften sie, so gut sie konnten. Das Klima, die Natur und die Krankheiten, die über Parasiten und Nahrung die Siedler weiter dezimierten, taten ein Übriges, und die Korsaren und Militärexpeditionen der anderen Kolonialmächte gaben den Ansiedlungsversuchen meistens den Rest.

Nachdem Frankreich im 7-jährigen Krieg seine ganzen nordamerikanischen Territorien an Großbritannien verloren hatte, wurde dieser kleine leere Küstenstreifen, den eigentlich niemand wollte, um so interessanter. Immerhin Festland, und von den Briten nicht besetzt. Es gab damals – 1763 – ein Fort und ein paar Hundert Bewohner, einen Brückenkopf sozusagen.
In Frankreich wurde die Werbetrommel gerührt und Siedler angelockt.
Es gelang, um die 15.000 Personen in Richtung Guayana zu verschiffen. Der größte Teil dieser Kourou-Expedition ging an Krankheiten zugrunde oder verhungerte, um die 3000 schafften es zurück nach Europa, wo sie dann auch noch kleinere Epedemien verursachten.
Viel Aufwand, wenig Ergebnis: Die Kolonie wuchs auf etwas mehr als 1000 Personen an.

Damals rückten die 3 Inseln vor Kourou in den Blickpunkt, weil sie etwas bessere Überlebensbedingungen boten als das Festland. Sie wurden „Îles du Salut“ genannt, was man als „Inseln der Gesundheit“, oder auch der „Zuflucht“ übersetzen kann.

Die Berichte der Überlebenden hatten zur Folge, daß sich dort niemand mehr freiwillig ansiedeln würde. Die nächsten Ankömmlinge waren daher Sklaven, die meistens über andere lateinamerikanische Kolonien eingekauft und nach Guayana geliefert wurden, in kleineren Partien und oft durch holländische Händler.

Die zweite Art von Neuankömmlingen waren Häftlinge. Zunächst, in den Wirren der französischen Revolution und des Kaiserreichs, waren es politische Gefangene, die dorthin geschickt wurden, wo der (Cayenne-)Pfeffer wächst.

Nach einer kurzen Zeit des relativen Aufschwungs durch Plantagenwirtschaft mittels Sklaven kehrte nach der Aufhebung der Sklaverei 1848 wieder Stagnation ein, die Plantagen verfielen. Sie waren allerdings sowieso zum größten Teil auf das Hinterland Cayennes beschränkt gewesen.

In Französisch-Guayana scheiterte auch der Versuch, in Anlehnung an die Nachbarländer Arbeiter anzuwerben: Sie kamen in geringer Anzahl und suchten ihr Heil in den Ortschaften. Niemand ließ sich auf den Plantagen einspannen.

Strafkolonie

Schließlich wurde unter Napoleon III. Französisch-Guayana als Strafkolonie wiederentdeckt und offiziell eingerichtet: Bereits am 8. Dezember 1851, 4 Tage nach seinem Staatsstreich, wurden Deportationen nach Cayenne organisiert.
„Französisch-Guayana erwies sich bald als ideale Kolonie, um in Frankreich unerwünschte Personen loszuwerden. Ab 1852 wurde Cayenne als vorrangiger Haftort für alle politischen Gefangenen und gewöhnlichen Kriminellen genutzt. Die Deportation von Menschen in dieses ferne Land bot einen doppelten Vorteil: das endgültige Verschwinden der als gefährlich geltenden Bevölkerung und die Ersetzung der 1848 freigelassenen Sklaven durch eine ebenso wohlfeile Arbeitskraft.“
Man hoffte zumindest auf diesen dualen Effekt, er trat aber, was den 2. Teil betrifft, nicht ein.

„Das Gesetz vom 30. Mai 1854 … ordnete die Deportation nicht nur aller zu Zwangsarbeit verurteilten Sträflinge nach Cayenne an, sondern erstmals auch von Frauen, die zur Heirat mit Sträflingen bestimmt waren und so zur Bevölkerungszahl der Kolonie beitragen sollten. Das Gesetz, weiterhin vom gleichen Kolonisierungsstreben getrieben, führte die Verpflichtung ein, nach Verbüßung der Strafe in der Kolonie zu bleiben. Diese »Verdopplung« ging bei guter Führung mit der Zuteilung von Landparzellen im Falle ländlicher Konzessionen bzw. von Läden oder Werkstätten für Handwerker im Falle städtischer Konzessionen einher.
Das letzte grundlegende Gesetz der »Abschiebung« vom 27. Mai 1885 ordnete die Abschiebung von Wiederholungstätern nach Französisch-Guayana an.
Für das Festland war dies ein Weg, die Mittellosen, die Kleinkriminellen, die Obdachlosen, die »Verlierer« ohne festen Wohnsitz, die Landstreicher und die aus Gefängnissen Entlassenen loszuwerden.“ (Publikation des Ministeriums für Kolonien und des französischen Nationalarchivs für Übersee)

Es stellte sich mit der Zeit heraus, daß diese Form der Bestrafung sehr teuer war und nicht zu einer stabilen Besiedlung führte.
Obwohl die Deportation schon 1938 gesetzlich abgeschafft wurde, wurde die Rückführung der Sträflinge und Verbannten erst nach 1945 organisiert.
Vom Standpunkt der Besiedlung hatte die Strafkolonie wenig gebracht, wie sich am Ende herausstellte. Die meisten der Sträflinge und Verbannten vermehrten sich nicht, gingen zugrunde, oder kehrten nach Frankreich zurück.

Goldrausch

Ungefähr um die gleiche Zeit, als die Strafkolonie gesetzlich eingerichtet wurde, kam es erstmals zu Goldfunden an einem kleineren Fluß im Urwald.

Ein kleiner und begrenzter Goldrausch setzte ein. Eine wichtige Rolle als Vermittler spielten die Nachfahren entlaufener Sklaven, die die Wege durch den Dschungel kannten. Sie fanden als erste das Gold und waren Mittelsmänner für Firmen, die nach Gold zu schürfen begannen.

Französisch-Guayana präsentierte sich also ungefähr ein Jahrhundert lang als ein geographisch und wirtschaftlich zweigeteiltes Territorium, wo außerhalb der Küstenregion, in der sich die Ortschaften und die Strafkolonien befanden, eine Art Niemandsland prosperierte, in dem sich jeder nahm, was er kriegen konnte.
Neben den dorthin deportierten Häftlingen wanderten Personen aus anderen Kolonien, aus dem Mutterland und von anderen Staaten des amerikanischen Kontinents ein, um an dem Goldboom teilzuhaben.

Nach 1945 wurde die Zeit der Strafkolonie durch die Eingliederung in den Staatsverband abgelöst. Die Stellung Guayanas änderte sich grundlegend: Administrativ, von der Versorgung her und auch von der Bevölkerungsentwicklung.

Teil Frankreichs

Mit der Erklärung zum „Überseedepartement“ im Jahr 1946 wurde nämlich gleichzeitig entkolonialisiert und das Territorium behalten, indem es kurzerhand, ungeachtet der Distanz, Teil der französischen Nation wurde.
Diese Aufnahme in das nationale Hoheitsgebiet ist ein historisch relativ einmaliger Fall, in dem einerseits die Kolonie keinerlei Widerstand leistet, keinerlei Abspaltung versucht. Hier unterscheidet sich Französisch-Guayana deutlich von anderen Kolonien Frankreichs, wie Vietnam, Kambodscha oder Algerien.
Auf der anderen Seite gab es jedoch auch ein Mutterland, das im Gegensatz zu den benachbarten anderen Guayanas, dieses Territorium behalten wollte – und sich das etwas kosten ließ.
Der Grund für diesen Schritt mag die damals von der neuen Weltmacht USA angeordnete bzw. zumindest betriebene Entkolonialisierung sein, vor der diese Territorien durch Aufnahme in den Staatsverband sozusagen „gerettet“ wurden. Da es sich um kleine oder dünn besiedelte Territorien handelte, war das verkraftbar. (Noch 1961 war die offizielle Bevölkerungszahl Französisch-Guayanas 33.000 Personen.)

Als Überseedepartement und budgetärer Zuschußposten auf dem südamerikanischen Festland hatte Französisch-Guayana eine Zeitlang einen ähnlichen Status wie z.B. die Falkland-Inseln für Großbritannien vor 1983: Es war zwar da, aber niemand interessierte sich dafür.
Das änderte sich jedoch Anfang der 60-er Jahre.

Das französische Weltraumprogramm

Die Grande Nation interessierte sich nach 1945 für die deutschen Wunderwaffen V1 und V2. Während bei den Marschflugkörpern lange keine großen Fortschritte erzielt wurden, war die Entwicklung von Raketen mit Flüssigantrieb in Frankreich Chefsache.
Die V2 als Langstreckenrakete mit Flüssigantrieb ließ sich auch in ein Gerät umwandeln, das hoch hinauf schießen konnte. Auf ihr baut das Raumfahrtsprogramm der USA, der Sowjetunion und auch Frankreichs auf.

In der algerischen Wüste wurden einige Stationen eingerichtet, um dort Teststarts durchzuführen. Diese fanden ungeachtet der Aufstände und Kampfhandlungen während des algerischen Unabhängigkeitskriegs kontinuierlich statt.
Nach den Verträgen von Evian, die 1962 die algerische Unabhängigkeit einleiteten, mußte Frankreich diese Stützpunkte binnen einiger Jahre räumen.

Nachdem Algerien als Kolonie abhanden gekommen war, besannen sich die zuständigen Behörden auf das ja auch noch vorhandene Überseedepartement Guayana, das weiterhin dünn besiedelt zwischen ein paar Verwaltungsbeamten, Eingeborenen und Goldschürfern vor sich hin kümmerte – und siehe da: Es stellte sich heraus, daß dieses Territorium viel besser geeignet war als die algerische Wüste, von seiner Lage, der schwachen Besiedlung, der Küste usw.

Damals kamen die Verantwortlichen des 1961 gegründete „Zentrums für Weltraumforschung“ (CNES) auch auf die Idee, Trägerraketen für Satellitentransport zu entwickeln und das kommerziell anzubieten. Der Bedarf nach dieser Dienstleistung war entstanden, nachdem mehr und mehr Staaten Satelliten verschiedenster Art in den Weltraum schickten und dafür ein entsprechendes Transportgerät benötigten.

… und sein irdisches Zuhause: Kourou

Ausgerechnet die Ortschaft Kourou, die in Frankreich eine Art Symbol für die gescheiterte Besiedlung Französisch-Guayanas im 18. Jahrhundert und die Schrecken der Tropen geworden war, wurde als neue Basis für Starts in den Weltraum ausgesucht. Vor allem die Nähe zum Äquator, die Nähe zum Meer und die völlige Gestaltungsfreiheit für die französischen Forscher und Behörden gaben den Ausschlag für diese Wahl.

Nachdem Frankreich lange Zeit die einzige europäische Macht gewesen war, die ein Weltraumprogramm verfolgte, drängten mit der Zeit auch andere europäische Staaten in diese Domäne. Von 1975 bis 1980 wurde die Europäische Weltraumorganisation ESA gegründet. Nachdem ihre Vorgängerorganisationen bereits einige Satelliten, aber keine Trägersysteme geschaffen hatten, mußten diese Satelliten durch die USA in den Weltraum gebracht werden.
Mit französischem Know-How und multinationaler Finanzierung gingen schließlich die Ariane-Raketen in Serie, die mit Modifikationen seit 1979 die europäischen Forschungs- und Nachrichtensatelliten ins Weltall tragen.

So hat sich das ungeliebte Gebiet für Frankreich schließlich doch noch bewährt. Mit dem Weltraumbahnhof in Kourou und der tragenden Rolle im Weltraumgeschäft hat Frankreich sich erstens einen zentralen Platz in der EU-Weltraum-Aktivität und zweitens auch im Satelliten-Business gesichert.

Im 21. Jahrhundert kam es zu der über ein Jahrzehnt andauernden Kooperation mit Rußland.
Da Rußland mit einer Variante der Sojus-Raketen über leichtere und bewährte Trägerraketen verfügte als die inzwischen etwas groß geratene Ariane 5, wurde einige Jahre lange diese von Kourou gestartet, um kleinere europäische Satelliten ins All zu befördern. Diese Kooperation wurde nach dem Beginn des Ukraine-Krieges abgebrochen. Dann wurde eine Zeitlang auf Trägerraketen von Elon Musks Firma Space-X zurückgegriffen, bis 2026 die Ariane 6 mit Erfolg startete, wieder von Kourou.

Unter allen Weltraumbahnhöfen weltweit ist Kourou der beste. Das Paradox ist, daß das europäische Raumfahrtszentrum auf einem anderen Kontinent liegt.

Energie

Vom französischen Energieversorger EdF wurde zur Versorgung der Bevölkerung, des Kosmodroms und auch einiger Rundfunksendeanlagen in den Jahren 1989-94 der Petit-Saut-Staudamm gebaut. Der solchermaßen entstandene Stausee deckt zwei Drittel des Strombedarfs von Französisch-Guayana, der Rest wird auf andere Weise – ebenfalls vor Ort – erzeugt.
Die Leistung des Staudamms wird durch das geringe Gefälle und die große im See angesammelte – durch abgesoffene Bäume verursachte – Biomasse beeinträchtigt, und ist auch durch die beim Goldbergbau entstandenen quecksilberhaltigen Abwässer recht giftig.

Aber immerhin: Hier sorgt der französische Staat für die Energieversorgung der Region, wovon die anderen beiden Guayanas auch nur träumen können.

Gegenüber 1961 hat sich die Bevölkerung beinahe verzehnfacht, auf mehr als 300.000. (Die Einwohnerzahl entspricht ungefähr der zweitgrößten Stadt Österreichs, Graz.) Französisch-Guayana ist die Provinz Frankreichs mit dem größten Bevölkerungswachstum. Obwohl in den Urwaldgegenden – ähnlich wie in den anderen beiden Guayanas – Goldabbau, Schmuggel und Holzraub stattfinden, sind die Küstenregionen und die dortigen Ortschaften wohlgeordnet und wohlversorgt.

Man könnte deshalb diesen Staat als das „glückliche Guayana“ bezeichnen, im Vergleich zu den anderen beiden.

eine ausführlichere Version dieses Artikels befindet sich hier.

Ansonsten kann über verschiedene lateinamerikanische Staaten hier nachgelesen werden.

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