„MAILAND – EINE VON LUXUS UND UNGLEICHHEIT ZERSTÖRTE STADT“
Das mit der »Ungleichheit« ist beliebt, dumm und vom ideologischen Standpunkt sehr praktisch: Die Klassengesellschaft wird zu einer quasi Naturgewalt verfabelt und diese als eine Art Monster betrachtet, das verantwortungsvolle Politiker in den Griff zu kriegen hätten.
Schaffen sie es nicht, so haben sie »versagt«.
Eigentum? Kapital? Lohnarbeit? Gewinn? Markt? – alles Fehlanzeige!, das ist alles super gut und funktioniert einwandfrei – wenn nur diese blöde »Ungleichheit« nicht wäre, die dem Staat und der Politik dann überall in die Quere kommt.
„Die Unruhen in der italienischen Metropole kommen nicht aus dem Nichts;“
– komisches Dementi – das hat ja niemand behauptet –
„sie sind ein Extrembeispiel für die Probleme, unter denen auch andere Hauptstädte leiden: Mailand beherbergt eine der weltweit höchsten Konzentrationen an Millionären, verdrängt aber gleichzeitig seine eigenen Bewohner.
Mailand ist die Stadt, in die die Sängerin Dua Lipa ziehen möchte – doch für viele der dort Ansässigen ist es ein Ort, den sie zwangsläufig verlassen müssen. Die Stadt zählt weltweit zu den Orten mit der höchsten Millionärsdichte; diese lassen sich in neuen Wolkenkratzern nieder, die von namhaften Architekten entworfen wurden.
Angelockt werden sie durch eine in Italien seit 2017 angebotene steuerliche Pauschalregelung – eine Einmalzahlung von 300.000 Euro (was 2018 auch Cristiano Ronaldo dazu bewog, von Real Madrid zu Juventus zu wechseln). Es ist das sogenannte »Mailänder Modell«: eine Stadt des Luxus, der Kultur, der Mode und der Investmentbanken – ein idealer Wohnort, wäre da nicht die Tatsache, dass das Leben dort aufgrund der Immobilien- und Mietpreise unerschwinglich geworden ist. Laut Daten von Immobilienportalen kosten Eigentumswohnungen heute 57% mehr als vor einem Jahrzehnt, und die Mieten sind seit 2018 um 70% gestiegen.
Laut der Financial Times ist das Verhältnis zwischen Einkommen und Wohnkosten in Mailand inzwischen schlechter als in London. Italien ist ein Land, in dem die Löhne seit 25 Jahren stagnieren – während sie im übrigen OECD-Raum um 35% gestiegen sind –, es keinen gesetzlichen Mindestlohn gibt und die Inflation innerhalb von 5 Jahren 27,1% erreicht hat. Dies bildet den Nährboden für soziale Unruhen in ganz Italien; in Mailand jedoch ist die Situation noch prekärer.
Die Stadt ist ein Extrembeispiel für die Missstände in anderen europäischen Metropolen – zumal sie mit 1,3 Millionen Einwohnern gar nicht so groß ist. Dennoch hat sie ihre Bürger besonders schnell vertrieben: Sie wurden in den weitaus weniger attraktiven Großraum abgedrängt, in dem heute 1,8 Millionen Menschen leben. In Mailand wurde »Der Teufel trägt Prada 2« gedreht, doch hinter dem ganzen Dekor ist die Stadt durch Ungleichheit zerstört.“
Das wird wohl nicht an dem Film liegen.
„Die 2000 Jugendlichen, die am Wochenende im Stadtzentrum für Aufruhr sorgten, kommen nicht aus dem Nichts.“
Der Unsinn wird durch Wiederholung nicht besser.
Wie soll irgendein Mensch aus dem Nichts kommen?
„Oder besser gesagt: Sie kommen genau aus dem Nichts – aus jener Peripherie, die scheinbar gar nicht existiert und vom Luxus ausgeschlossen ist. Am Wochenende beschlossen sie, Schaufenster einzuschlagen und Markenturnschuhe zu stehlen. Der Jüngste der Festgenommenen war 11 Jahre alt.“
Daß man deswegen, weil man nicht im Luxus lebt, im »Nichts« lebt, ist eine eigenartige Auffassung der Klassengesellschaft, nach der der überwiegende Teil der Menschheit gar nicht zu existieren scheint.
»Wie soll man 1.200 Euro für ein Paar Turnschuhe bezahlen, wenn man 1.400 Euro im Monat verdient? Multinationale Konzerne zu bestehlen, finde ich in Ordnung – Privatpersonen hingegen nicht«, sagt der 20-jährige Lello, einer der bei den Unruhen Festgenommenen. Es ist Montag, und er wurde gerade – zusammen mit seinem Bruder und zwei weiteren jungen Männern, die sie in der Zelle kennengelernt hatten – aus dem Polizeirevier in der Via Fatebenefratelli entlassen.
Sie sind ganz in Schwarz gekleidet und wollen zunächst nicht mit Journalisten sprechen. Dann taucht jedoch jemand auf, der angibt, für den YouTube-Kanal von Fabrizio Corona zu arbeiten – einem berühmten Paparazzo, der selbst im Gefängnis saß und zu einer sehr populären Figur geworden ist. Sein Kanal heißt »Falsissimo«. Daraufhin sind sie bereit zu reden; für sie ist er ein »Großer«.
Wie fast alle jungen Leute, die am Wochenende in Mailand auftauchten, stammen sie aus den Vororten – aus Rho, San Donato oder sogar aus Lecco, das eine Zugstunde entfernt liegt.“
Lecco ist wirklich kein Vorort von Mailand, sondern ein hübsches Städtchen an einem See nördlich von Mailand.
Es mag sein, daß großer Luxus dort nicht möglich ist, aber so weit fahren, um zu randalieren, nur weil man sich keine sündteuren Turnschuhe leisten kann?
Es mag alles stimmen, wirft aber kein gutes Licht auf den geistig-seelischen Zustand dieser jungen Leute.
„Die vier, die zwischen 18 und 21 Jahre alt sind, berichten von schwierigen Lebensumständen: Sie arbeiten nicht, studieren nicht, kommen aus problematischen Familienverhältnissen, sind arbeitslos oder schlagen sich mit prekären Jobs durch. Einer von ihnen hat bereits Zeit in einer Jugendstrafanstalt verbracht. Die beiden Brüder erzählen, dass sie vor kurzem 2 Monate lang obdachlos waren. Keiner von ihnen hat bisher seine Eltern angerufen; diese wissen also gar nicht, was aus ihnen geworden ist. Sie beteuern, dass sie bei dem Chaos am Sonntag nichts getan hätten – sie seien einfach nur vor Ort gewesen, bis sie schließlich geschnappt wurden. Auf dem Revier waren sie zu 27. in einer Zelle untergebracht: die 4 Italiener und 23 Personen ausländischer Herkunft.
Von Politik haben sie keine Ahnung.
»Wir haben es getan, um uns Gehör zu verschaffen«
Warum sind sie am Sonntag zum Dom gegangen? Alle hatten auf TikTok mitbekommen, dass dort etwas im Gange war, und schlossen sich an: »So wie in Frankreich – denn hier hatte bisher niemand die Eier, sich zur Wehr zu setzen. Man muss die Situation umkehren. Wegen der Bildung, der Arbeit, der Benzinpreise, der Steuern. Wir haben es getan, um uns Gehör zu verschaffen. Wenn sich die Lage nicht ändert, wird es immer schlimmer – also ab auf die Straße und für Aufruhr sorgen!
Die neue Generation hat Eier, ganz anders als die von früher«, sagt Alessandro.“
Eine No-Future-Generation, die nichts zu verlieren hat.
Nicht einmal die Eier … 😆
„Zwei von ihnen sagen, sie würden es wieder tun; einer verneint, weil er eine Nacht auf der Polizeiwache als zu heftig empfunden hat; der Vierte ist sich unsicher.
Mario Calabresi, Journalist und Schriftsteller, der gerade seine Kandidatur für das Amt des Bürgermeisters von Mailand bekannt gegeben hat, hatte so etwas erwartet – wenn auch nicht in einer derart gewaltsamen Form. »Schon im September sagte ich, dass wir 2 Städte haben. Eine glänzende, wie ein Schaufenster, und eine andere, die sich unsichtbar fühlt – eine, in der es weniger Licht gibt. Ich sagte, wir müssten diesen Riss heilen, sonst würde irgendjemand dieses Schaufenster einschlagen. Diese Jugendlichen empfinden das Stadtzentrum als ein Geschäft, das sie nicht betreten dürfen. Wir müssen eine Gemeinschaft und ein bürgerschaftliches Miteinander wiederaufbauen«, erklärt er.
Zudem zeichnet sich ein Problem bei der Integration der zugewanderten Bevölkerung ab.“
Hier scheint es sich nicht nur um die aus dem Ausland, sondern auch aus anderen Teilen Italiens, wie dem Mezzogiorno, eingewanderte Menschen zu handeln.
„Wann hat die Politik begonnen, diese Menschen zu vergessen? »Sie hat eigentlich nie damit begonnen, sich um sie zu kümmern.« Er weist darauf hin, dass es sich um das erste Mal handelt, dass es in Italien zu einem sozialen Ausbruch nach französischem Vorbild kommt: »Die Einwanderung setzte Mitte der 90er Jahre ein. Für uns ist dies die erste ‚2. Generation‘ – ein völlig neues Problem.«
Für Calabresi ist der Brexit von 2016 ein Teil der Erklärung: Viele, die London verließen – Unternehmer, Führungskräfte –, gingen nach Mailand. Auch Studierende kamen hinzu; er nennt eine Zahl: Vor 10 Jahren gab es 150.000 Studierende in der Stadt, heute sind es 230.000. Dies hat den Immobilienmarkt zusätzlich unter Druck gesetzt – zumal es 4 Privatuniversitäten gibt, die Studierende mit höherer Kaufkraft anziehen. Hinzu kamen Touristen und Ferienwohnungen.
Das ist bemerkenswert für eine Stadt, die – im Vergleich zu Rom, Venedig oder Florenz – stets als grau und wenig attraktiv galt. Doch all dies ist das Ergebnis einer groß angelegten Image-Kampagne, die Lucia Tozzi, eine Forscherin für Stadtpolitik, in ihrem 2023 erschienenen Essay »Die Erfindung Mailands« (»L’invenzione di Milano«) schonungslos analysiert hat. Das Buch brach mit dem Tabu, die vermeintliche Großartigkeit der Stadt zu verneinen – einer Stadt, die, so Tozzi bei einem Kaffee in ihrem Viertel Isola, »ganz in der Selbstinszenierung ihres Image-Erfolgs versunken« ist.
Auch ihr eigenes Viertel, Isola, hat eine Gentrifizierung durchlaufen; es liegt direkt am Fuße eines der Wahrzeichen des neuen Mailands: der beiden Hochhäuser des »Vertikalen Waldes« (Bosco Verticale), entworfen vom Architekturbüro Boeri im neuen Stadtviertel Porta Nuova. Doch jedes dieser Symbole hat dazu geführt, dass die Preise in der Umgebung in die Höhe schnellten und alte Gebäude abgerissen wurden. »Eine enorme Zahl von Menschen wurde aus der Stadt vertrieben. Zuerst die Ärmsten, dann die Mittelschicht. In der Klasse meines Sohnes habe ich miterlebt, wie alle seine Klassenkameraden – Familien, die schon immer hier im Viertel gelebt hatten – weggezogen sind. Sie haben Mailand verlassen.«
Das Gericht in Mailand schrieb 94 Stellen für Justizbeamte aus, konnte aber – wie nun bekannt wurde – nur fünf davon besetzen. Der Grund: Die hohen Mieten lassen sich mit Gehältern zwischen 1.500 und 1.600 Euro schlicht nicht finanzieren. In der Region fehlen zudem zwischen 2.500 und 3.000 Pflegekräfte, und bei der jüngsten Ausschreibung für Hausärzte bewarben sich auf 600 Stellen lediglich 20 Personen. Ähnlich sieht es in anderen Bereichen aus – vom Lehrpersonal bis hin zum Fahrpersonal im Mailänder öffentlichen Nahverkehr, wo 400 Kräfte benötigt werden.
Für Tozzi begann alles mit der Expo 2015. Die Ausstellung selbst war zwar keine große Sache, diente aber als Vorwand, um einen massiven Zustrom öffentlicher Investitionen zu generieren. »Es war Geld, das anderen Städten und Regionen entzogen wurde. Zudem gab es – was für einen Herrscher in Italien ideal ist – Sondergesetze, die es ermöglichten, die regulären Verfahren zu umgehen. Mailand wurde fast zu einer Art Steuerparadies. Zahlreiche ausländische Investoren strömten herbei, allen voran aus Katar.«
Diese überaus laxen Regeln führten im Jahr 2025 zu einer umfassenden Untersuchung wegen städtebaulicher Unregelmäßigkeiten – ein Verfahren, das noch immer andauert und 14 große Immobilienprojekte betrifft. Dies hat nicht nur Projekte ausgebremst, sondern bedroht – zusammen mit der zunehmenden Erschöpfung des Baulands – das gesamte Modell.“
Interessant, wie die beiden befragten Mailänder singuläre Ereignisse für die Entwicklung verantwortlich machen, niemals aber die seit 1990 völlig entfesselte kapitalistische Wirtschaftsordnung, die Konkurrenz und Gewinne über alles stellt.
»Zuerst wurden die Gebäude ausgetauscht, dann die Bevölkerung – so begann die Touristifizierung Mailands«, erklärt Tozzi. In den letzten 6 Jahren hat sich die Zahl der Touristen in der Stadt verfünffacht. Für sie war das gesamte »Mailänder Modell« ein einziger kultureller Schwindel: Unter dem Deckmantel von Events, Greenwashing, Inklusion und Unterhaltung verbargen sich in Wahrheit »eine Konzentration von Reichtum in wenigen Händen sowie eine rücksichtslose Privatisierung von Gütern und Dienstleistungen«. Und das alles unter einer Mitte-links-Stadtverwaltung. Beppe Sala, der seit 2016 als Bürgermeister amtiert, war zuvor der Kommissar der Expo.
Dass es zu sozialen Unruhen kommen würde, war für sie absehbar – auch wenn sie meint, es sei noch zu früh, um die Geschehnisse abschließend zu deuten. Unabhängig von den Unruhen ist sie überzeugt, dass vielen Mailändern inzwischen klar geworden ist, dass die vergangenen Jahre »ein einziger Betrug« waren.
»Die Perspektivlosigkeit betrifft alle, nicht nur die Jugend. Es handelt sich nicht um einen Generationenkonflikt, sondern um einen Klassenkonflikt. Die Menschen haben begriffen, dass ihre missliche Lage nicht auf persönliches Versagen zurückzuführen ist, sondern auf eine Situation, die sich politisch lösen ließe“
– ließe sie sich wirklich? Bei derzeit gültiger EU-Gesetzgebung, die gegen jegliche Beschränkung von Zinsfuß und Profit als „Kommunismus“ Zetermordio schreit? –
„– auch wenn hier derzeit keine Kandidaten in Sicht sind, die mit der Berliner Bürgermeisterin vergleichbar wären; und ich glaube auch nicht, dass wir solche Persönlichkeiten hier sehen werden«, argumentiert sie.“
Ein ganz typisches, nicht italienenisches Argumentationsmuster: Woanders gibt es Hoffnungsträger, aber leider hierzulande nicht! Und das, obwohl Franziska Giffey in Deutschland wenige überzeugt hat …
„Was sie am meisten schmerzt, ist, dass eine Stadt, die in den 60er und 70er Jahren – was öffentliche Dienstleistungen und sozialen Wohnungsbau betrifft – tatsächlich beispielhaft war, innerhalb weniger Jahre systematisch zerstört wurde.
Der Journalist und Schriftsteller Michele Serra, einer der führenden Kolumnisten der Tageszeitung La Repubblica, erzählt, dass er als Kind in der Nähe von Santa Maria delle Grazie wohnte – der Basilika, in der sich »Das letzte Abendmahl« Leonardos befindet. »Mein Vater war ein einfacher Bankangestellter, und wir wohnten zur Miete. Doch heute ist es für eine Familie undenkbar, dort zu leben. Um in Mailand wohnen zu können, muss man mindestens 5.000 Euro im Monat verdienen – andernfalls muss man wegziehen«, bemerkt er.
Er erinnert sich, dass all die neuen Hochhausviertel noch bis in die 90er Jahre hinein Brachflächen waren. Seiner Ansicht nach ging die Entwicklung danach sehr schnell vonstatten. Ihn interessiert nun, was in den Köpfen jener Jugendlichen vorgeht, die Geschäfte plündern: Geht es ihnen nur um teure Turnschuhe, oder steckt dahinter eine echte Kritik am gesellschaftlichen Modell?
»Wir waren arm, aber wir waren gut gekleidet«
Die Psychologin Roberta Milanese, eine in Italien anerkannte Expertin für strategische Kurzzeittherapie, ist der Ansicht, dass die Haltung dieser Jugendlichen – entgegen anderslautender Behauptungen – wenig mit Wut zu tun hat: »Auf mich wirkte es so, als hätten sie das Ganze fast wie ein Spektakel erlebt. Die Jugendlichen wurden sozusagen über die sozialen Medien dazu eingeladen, an einem Ereignis teilzunehmen – alle waren gleich gekleidet. In einigen Interviews sagten sie, es habe wie ein Flashmob oder ein Videospiel gewirkt. Es kam zu einem Gruppeneffekt, einem Mechanismus der Zugehörigkeit – für Jugendliche ein grundlegender Aspekt.«
Sie meint, viele dieser jungen Menschen seien auf der Suche nach einer Identität: »Das bedeutet, dass es uns nicht gelungen ist, in ihnen ein Gefühl der Zugehörigkeit zur Gemeinschaft zu wecken.« Ihrer Meinung nach haben sich diese Jugendlichen »für einen Tag wie Helden gefühlt«.
Baby Gang, ein 25-jähriger italienischer Rapper marokkanischer Herkunft, der in Lecco bei Mailand geboren wurde, war im Jahr 2025 der meistgehörte italienische Künstler auf Spotify – mit 6,5 Millionen Nutzern. Ein bekannter Song von ihm lautet: »Alcott, Zara, Bershka – wir haben Kleidung geklaut / Die Diebstahlsicherungen ließen wir in den Umkleidekabinen zurück / Es war ein Gewusel aus Afrikanern und Maghrebinern / Wir waren alle arm, aber gut gekleidet.«
Er stammt aus dem Jahr 2021.“