Marokko und die Westsahara

DER BLINDE FLECK DER MENSCHENRECHTSFREUNDE

I. Die Westsahara

Während bei verschiedenen Ländern mit der Lupe nachgeschaut wird, was es dort an politischen Gefangenen gibt und wie sie behandelt werden, sind andere Staaten vor dem aufmerksamen Blick von HRW und ähnlich gearteten menschenfreundlichen Organisationen und politischen Institutionen der EU sicher.
Eines davon ist Marokko und seine Behandlung der Bewohner der seit Jahrzehnten besetzten Westsahara.

„Es ist eines der 17 Gebiete ohne eigene Regierung unter der Aufsicht des Sonderausschusses der Vereinten Nationen für Entkolonialisierung. Es wurde am 15. Dezember 1960 durch die Resolution 1542 (XV) der Generalversammlung der Vereinten Nationen in die Liste der »Gebiete ohne Regierung« aufgenommen, als es noch eine spanische Provinz war.
Der Entkolonialisierungsprozess wurde 1976 unterbrochen, als Spanien die Westsahara an Marokko und Mauretanien übergab – nach dem »grünen Marsch« und auf Grundlage des Madrider Abkommens (1975), das völkerrechtlich ungültig ist.
Das Gebiet ist derzeit besetzt – zum größten Teil von Marokko, das es seine „Südprovinz“ nennt, obwohl die marokkanische Souveränität von den Vereinten Nationen nicht anerkannt wird. Sie wird von der Polisario-Front abgelehnt, die 1976 ihre Unabhängigkeit verkündete und die Demokratische Arabische Republik Sahara gründete, die bisher von 82 Staaten anerkannt wurde, von denen allerdings 51 keine Beziehungen zu ihr unterhalten. Sie verwaltet die nicht von Marokko kontrollierte Region im Osten, die sie »Freie Zone« nennt.“ (span. Wikipedia)

Daß Marokko dieses Gebiet zugestanden bekommen hat und dort eigentlich machen kann, was es will, hat mehrere Gründe.

I.1. Spanien, Marokko und die Westsahara

Spaniens Hunger auf afrikanisches Gebiet geht Jahrhunderte zurück. Zunächst setze es sich an der Mittelmeerküste fest. Auf der Berliner Afrikakonferenz von 1884, als Afrika unter die Kolonialmächte aufgeteilt wurde, meldete Spanien seinen Anspruch auf den Küstenstreifen nördlich des heutigen Nuadhibou in Mauretanien an.
Da sich keine nennenswerten Konkurrenten unter den europäischen Kolonialmächten fanden, setzte Spanien sich mit Niederlassungen auf den Halbinseln von Nuadhibou und Dachla fest. Anfang des 20. Jahrhunderts dehnte Frankreich sein Kolonialreich südlich davon aus. Generell handelte es sich um ein Territorium, an dem im Wettlauf der europäischen Mächte wenig Interesse bestand. Wirtschaftlich gar nicht, höchstens militärisch-strategisch, oder als Verbindung zwischen anderen Beutestücken auf dem afrikanischen Kontinent.
Dafür wurde das nördlich gelegene Marokko zum Zankapfel der Großmächte und 1912 zwischen die Protektoratsmächte Spanien und Frankreich aufgeteilt.
Als Marokko 1956 die Unabhängigkeit erlangte, erhob es Anspruch auf die Westsahara als Teil „Groß-Marokkos“, ebenso wie auf die Enklaven Ceuta, Melilla und Sidi Ifni.

Während das erst 1934 von Spanien gegründete Sidi Ifni 1969 an Marokko fiel, und Ceuta und Melilla bis heute Teil Spaniens geblieben sind, gestaltete sich die Frage der Westsahara komplizierter.

I.2. Marokko und Algerien

Während des algerischen Krieges gegen die französische Kolonialmacht wurde die nationale Befreiungsfront Algeriens FLN vom marokkanischen Königshaus – und auch der marokkanischen Bevölkerung – unterstützt.

Kaum waren 1962 die Verträge von Évian unterzeichnet, die Algerien die Unabhängigkeit sicherten, änderte sich dieses gute Verhältnis, das Marokko bisher zu den algerischen Widerstandskämpfern gepflogen hatte.

Der im Prozeß der Entkolonialisierung stets auftretende Umstand, daß sich hier neue Staaten gegeneinander konstituierten, war die Grundlage dieses Gegensatzes. Alle Nachbarstaaten definieren ihr Verhältnis über die gemeinsame Grenze. Diese will erst einmal gezogen und dann verteidigt werden. Dazu bedienen sich diese Staaten gerne Verbündeter, die keine gemeinsame Grenze, aber strategische und wirtschaftliche Interessen in der Region haben.

Die Grenze zwischen Marokko und dem kolonialen Algerien war nie festgelegt worden und ihr Verlauf wurde durch die Unabhängigkeit Algeriens zu einer heißen Frage. Marokko erwartete sicher auch eine Art Belohnung für die Unterstützung in Form von territorialen Zugeständnissen – um so mehr, als die Bevölkerung der Grenzgebiete mehrheitlich zu Marokko neigte.
In den Verträgen von Évian war jedoch Algerien praktisch das Recht auf die ganze Westsahara eingeräumt worden – u.a. deshalb, weil Frankreich im algerischen Teil der Sahara ein Atomtestgelände und französische Unternehmen den Abbau von Öl und Gas betrieben.

Die Auseinandersetzungen gipfelten im „Krieg des Sandes“ oder „der Säbel“ im Jahr 1963, der durch die Intervention der kurz vorher gegründeten Organisation für afrikanische Einheit (OAU) und dessen Initiator Haile Selassie im Oktober beendet wurde.

Marokko wurde von den USA unterstützt, Algerien von Kuba und dem Ägypten Nassers.
Die umstrittenste Grenzregion war diejenige von Tinduf. Erst 1972 wurde ein Friedensvertrag unterzeichnet, in dem Marokko auf Tinduf verzichtete.

I.3. Entkolonialisierung

Im und nach dem II. Weltkrieg drängten die USA ihre Verbündeten zur Aufgabe der Kolonien und Protektorate und leiteten damit das Ende des British Empire und des französischen Kolonialreiches ein.
Keine Macht sollte mehr exklusive Verfügung über Territorien und deren Rohstoffe und Bevölkerung haben. Im Rahmen der bis heute geltenden Pax Americana sollte die ganze Welt dem Kapital zur Verfügung stehen.
Überall Souveräne, die durch ökonomische und militärische Abhängigkeiten zur Willfährigkeit gegenüber den Unternehmen genötigt werden, damit die dort Rohstoffe und Agrarprodukte abschleppen können – so wurde die Welt Stück für Stück eingerichtet.

Marokko hatte hierbei bessere Karten als Algerien, weil es dort eine Monarchenfamilie gab, die in Anlehnung an die USA ihrem Volk nichts versprechen und nichts bieten mußten, außer dem Abzug der Besatzungsmächte. Die algerische FLN hingegen versprach eine Verbesserung der ökonomischen Verhältnisse und wurde rasch unpopulär, als daraus nichts wurde.

Im Rahmen der weltweit verordneten Entkolonialisierung forderte die UNO Spanien 1967 dazu auf, die Westsahara zu räumen.

I.4. Die Rolle der Westsahara in der spanischen „Transición“

In Franco-Spanien war die Führung gespalten. Ein Teil der franquistischen Politiker war strikt gegen jede Aufgabe von Territorium, weil das als Schwäche ausgelegt werden und sich auf den Status von Ceuta und Melilla auswirken könnte. Wenn überhaupt, so sollten alle Verhandlungen mit solchen über den Status von Gibraltar verknüpft werden – wovon Großbritannien nichts hören wollte.

Der entschiedenste Vertreter der harten Linie in der Kolonialfrage war der 1973 bei einem Attentat der ETA zu Tode gekommene Luis Carrero Blanco.

Nach dem Tode von Carrero Blanco setzte sich bei den spanischen Politikern die Erkenntnis durch, daß die Westsahara eine Art Pfand für ihre weitere Karriere nach Franco sein könnte. Immerhin war nicht klar, wie viel von ihrer gesellschaftlichen Macht nach dem Ableben des Caudillo in den Händen der bisherigen Eliten verbleiben würde. Es war geraten, sich rechtzeitig bei den Weltmächten als Nachfolgepartei abzusichern.

Als Franco bereits in den letzten Zügen lag, übernahm Juan Carlos als interimistisches Staatsoberhaupt die Zügel und ließ sich außenpolitische Vollmachten zusichern. Er hatte inzwischen sehr genaue Positionsbestimmungen der USA bekommen, die die Westsahara ihrem treuen Verbündeten Marokko zuschanzen wollten. Um als legitimes spanisches Staatsoberhaupt anerkannt zu werden, orchestrierte er in Zusammenarbeit mit anderen franquistischen Politikern im November 1975 – Franco lag damals bereits im Koma und verstarb wenige Tage später – die Dreiparteienverträge von Madrid, bei denen die Westsahara unter Marokko und Mauretanien aufgeteilt werden sollte. Marokko erhielt dabei den größten Teil, Mauretanien nur den südlichen Grenzstreifen.

Diese Verträge von Madrid sind von der UNO bis heute nicht anerkannt.

Für die spanischen Eliten hingegen hatte sich der Schritt ausgezahlt, sie sitzen bis heute recht fest im Sattel. Sie hatten sich als verläßliche Verbündete der USA präsentiert, allen voran der König.

Zusätzlich scheint es einen Deal zwischen Marokko und Spanien gegeben zu haben, Ceuta und Melilla in Zukunft nicht mehr zum Thema zu machen.

I.5. Marokko und die Westsahara

Marokko inszenierte im Oktober 1975 den „Grünen Marsch“, im Rahmen dessen mehrere hunderttausend Teilnehmer den historischen Anspruch auf das Gebiet verkörpern und die Spanier hinauskomplimentieren sollten. Der Grüne Marsch sollte den kollektiven Willen Marokkos zeigen, sich dieses Land als das seinige einzuverleiben.

Außerdem stellte Marokko Ende 1975 einen Antrag an den Internationalen Gerichtshof mit der Aufforderung, die Westsahara zu Niemandsland (terra nullius) zu erklären, auf das niemand Besitzrechte habe.

Eine interessante rechtliche Wende.

Eigentlich fragt man sich, warum überhaupt Individuen oder Staaten Besitzrechte auf Land haben. Immerhin ist die Erde von der Natur geschaffen und alle Besitzrechte müssen mit Gewalt von den Besitzern gegen andere Prätendenten, Benützer usw. durchgesetzt werden. Die ganze Geschichte Europas, seiner Kolonien und der USA dreht sich um diesen Punkt – wem gehört das Land? Wessen Ansprüche gelten? Welche Gesellschafts- und Eigentumsordnung bemächtigt sich des Territoriums und seiner Bodenschätze, mit welchen Mitteln?

Besonders auffällig ist die Absurdität oder der Gewaltcharakter solcher Besitzrechte bei einem Wüstenstreifen, der hauptsächlich von Nomaden bewohnt wird, die mit ihren Herden von Oase zu Oase ziehen. Die einzigen festen Siedlungen der Westsahara waren zu diesem Zeitpunkt spanische Handels- und Militärstützpunkte.

Marokko rechnete sich daher gute Chancen aus, seine Rechte auf dieses „Niemandsland“ bestätigt zu erhalten.
Der Internationale Gerichtshof entschied jedoch, daß die Bewohner dieses Wüstengebietes zu entscheiden hätten, welcher Herrschaft sie unterstellt sein wollten. Der Gerichtshof schrieb ein Referendum vor. Auf dieses wartet die Westsahara seither, also seit 1975.

I.6. Die Polisario und ihr Papierstaat

Die Polisario (Volksfront zur Befreiung der Westsahara) bzw. ihre Vorläuferorganisation wurde Ende der 60-er Jahre gegründet, gegen die spanische Kolonialmacht. Damals wurde die Bewegung von Marokko unterstützt. Viele politische und militärische Führer der Polisario wuchsen in Marokko auf und gingen dort zur Schule. Das marokkanische Königshaus verfolgt die Polisario daher – jenseits der staatlichen Ansprüche – mit besonderer persönlicher Hartnäckigkeit: Es betrachtet die Sahrauis als Schlangen, die es an seinem Busen genährt hat.

Der heutige Generalsekretär und Präsident der Demokratischen Arabischen Republik Sahara (DARS), Brahim Ghali, begann jedoch seine Karriere bei den Hilfstruppen der spanischen Kolonialmacht. Viele künftige Kämpfer der Polisario erhielten dort ihre militärische Ausbildung. In der Endphase der Kolonialzeit kehrten sie die Waffen um und nutzten sie zur Bekämpfung der Spanier, die ihnen personell kaum etwas entgegensetzen konnten, da sie sich größtenteils auf die einheimischen Hilfskräfte gestützt hatten.
Nach dem Aufstand von Zemla 1970, Scharmützeln und fruchtlosen Verhandlungen mit Spanien wurde die Polisario 1973 gegründet, mit dem Ziel, aus dem spanischen Kolonialgebiet einen eigenen Staat zu machen. Damit geriet die Polisario in Gegensatz zu Marokko, das seinen Anspruch auf das Territorium gefährdet sah. Der „Grüne Marsch“ richtete sich in erster Linie gegen die Polisario, mit Spanien war Marokko damals bereits einig bezüglich der Überlassung des Territoriums.

Nach dem Abzug Spaniens rief die Polisario im Februar 1976 einen eigenen Staat aus, die DARS. Bis heute befindet sich dessen Regierung im Exil im algerischen Tinduf.

Während des Kalten Krieges hatte die von Algerien, Kuba und der SU unterstützte Polisario wenig Freunde unter den westlichen Regierungen. Nach 1990 hingegen war der Konflikt völlig unwichtig, und Marokkos Regierung war gut Freund mit vielen europäischen Regierungen und den USA. Die Polisario wird heute nur mehr von Algerien aktiv unterstützt, das sich damit eine Grenzschutz-Truppe gegen Marokko sichert und die Option aufrechterhält, vielleicht doch einmal einen Zugang zum Atlantik zu erhalten.
Von den 82 Staaten, die die DARS anerkannten, zogen die meisten dank der diplomatischen Bemühungen Marokkos inzwischen diese Anerkennung zurück. Nur 36 Staaten erhalten die Anerkennung aufrecht, darunter verschiedene afrikanische Staaten, der Iran, Syrien, Mexiko, Bolivien, Kuba, Laos, Vietnam und Nordkorea.

Nachdem die Polisario einige Erfolge gegen das zunächst auch noch beteiligte Mauretanien erzielen konnte, zog dieses sich 1979 zurück und überließ Marokko auch noch den Südstreifen der Westsahara, den es vorher besetzt hatte.

Fortsetzung: II. Marokko

2 Gedanken zu “Marokko und die Westsahara

  1. Die Abgeordneten des Europaparlaments, die der Korruption bezichtigt werden, haben nicht nur von Katar Geld bekommen, sondern auch von Marokko – vermutlich, um die Westsahara-Frage im Sinne Marokkos zu behandeln (= sie zumindest einschlafen zu lassen). Diesbezüglich haben sie ja gute Arbeit geleistet.

    Dazu muß man bedenken, daß Marokko einiges an Geld von Spanien und der EU erhält, um ähnlich wie die Türkei Flüchtlinge zurückzuhalten bzw. zurückzunehmen.

    Das wurde sozusagen reinvestiert …

    Die europäischen Interessen Marokkos und Katars

    Während die abgesetzte Vizepräsidentin des EU-Parlaments zugegeben hat, dass sie von den Aktivitäten ihres Lebensgefährten wusste, wird die Frage laut, wie die Staaten profitiert haben sollen (…)

    Von „Katar-Gate“ ist in den Medien die Rede – in Anlehnung an den Watergate-Skandal. Denn das Emirat soll hunderttausende Euro an Abgeordnete gezahlt haben, um sich günstige politische Entscheidungen zu sichern.

    Spekuliert wird, ob es dabei etwa um das Luftfahrtabkommen der EU mit Katar geht, das der staatlich finanzierten Fluglinie Qatar Airways einen besseren Zugang zum EU-Markt ermöglicht. Auch der Internationale Gewerkschaftsbund steht im Verdacht, Bestechungsgelder erhalten zu haben. Immerhin änderte die Organisation ihre Position zum Arbeitsrecht in Katar von lauter Kritik zu Lobpreisungen ob angekündigter Fortschritte. Doch vor allem mit dem Ende der Fußball-WM in dem Emirat rückt die angeblich versuchte Einflussnahme durch das Königreich Marokko zusehends in den Fokus der Öffentlichkeit.

    Marokkos Fische

    Folgt man den Erkenntnissen von Polizei und Justiz, soll Rabat bereits viel früher als Katar interveniert haben. Panzeri – der als zentrale Figur im Korruptionsnetz gilt – war als EU-Abgeordneter nicht nur Vorsitzender im Unterausschuss für Menschenrechte, sondern führte auch den Vorsitz der Gruppe für Beziehungen zu den Maghrebstaaten.

    Über Abderrahim Atmoun, den marokkanischen Botschafter in Polen, soll Panzeri Aufträge aus Marokko erhalten haben – angeleitet durch einen Agenten seines Landes. Dass der Auslandsgeheimdienst DGED seine Finger im Spiel hatte, das hat der belgische Justizminister vergangene Woche im belgischen Parlament offiziell bestätigt: „Die Interessen können vielfältig sein. Um nur eines zu nennen: Fischereirechte.“

    Im Zusammenhang mit Marokko sind diese seit eh und je ein hochsensibles Thema in Brüssel. Denn daran geknüpft ist die Frage, wie die EU mit dem umstrittenen Gebiet der Westsahara umgeht, auf das Rabat Anspruch erhebt – aber auch die Unabhängigkeitsbewegung, die durch die Polisario-Front vertreten wird. Das Königreich fordert, dass Meerestiere aus den fischreichen Gewässern vor der Westsahara ebenfalls Teil der Handelsvereinbarung mit der EU werden. Damit könnte Rabat seinen Gebietsanspruch weiter untermauern.

    Tatsächlich hat die Union im Jahr 2019 ein Fischereiabkommen mit Marokko abgeschlossen, in dem die Westsahara eingebunden wurde, was vom Europäischen Gerichtshof wieder aufgehoben worden ist. Ob es dabei zu Einflussnahmen mit Bestechungsgeldern kam, wird derzeit untersucht. (…)

    https://www.derstandard.at/story/2000141973975/die-europaeischen-interessen-marokkos-und-katars

  2. „Marokko sichert sich Lufthoheit in der Westsahara und stört die Nachfolgeregelung der Polisario
    Die marokkanische Armee hat sich mit israelischen und türkischen Drohnen ausgerüstet, um sahrauische Vorstöße durch die Wüste mit Angriffen wie dem, bei dem ein hochrangiger Anführer getötet wurde, abzuwehren“

    Diejenigen Drohnen, mit denen Marokko gegen die Polisario vorgeht, lassen sich in ernsthaften Kriegen wie denen gegen die Ukraine oder den Iran nicht mehr sinnvoll einsetzen.
    Gegen eine leicht bewaffnete Guerillatruppe wie die Polisario, die im Grunde nur einfach Territorium besetzt und gar nicht große Einsätze vornimmt, taugen sie aber immer noch, als eine Art Billigstdorfer-Luftwaffe.

    „Marokko hat die Nachfolge der Polisario-Front zerbrochen, indem es den jungen Militär- und Politikführer Lahbib M. Abdelaziz, Sohn eines der Gründer der Unabhängigkeitsorganisation, bei einem Drohnenangriff tötete.
    Der Tod des zum zukünftiger Anführer gekürten Mannes hat die sahrauischen Exilanten in den Flüchtlingslagern von Tinduf im Südwesten Algeriens während des Vermittlungsbesuchs des UN-Sondergesandten für die Westsahara, Staffan de Mistura, tief getroffen.

    Mit dieser Operation, die eindeutig die Handschrift des Militärgeheimdienstes trägt, eliminiert Marokko einen wichtigen Nachfolger von Brahim Ghali, der mit 80 Jahren seine 3. Amtszeit als Polisario-Chef innehatte. Vor allem aber demonstriert Rabat der Welt die Stärke seiner unbestreitbaren Luftüberlegenheit nach 50 Jahren Konflikt um die ehemalige 53. Provinz Spaniens, die durch die Anschaffung von mehr als 230 unbemannten Luftfahrzeugen in den letzten 4 Jahrzehnten noch verstärkt wurde.

    Marokko begann 1980 mit dem Import türkischer und israelischer Aufklärungsdrohnen. Mittlerweile produziert das Land diese selbst. Seit 2000 setzt Marokko bewaffnete Drohnen in der Westsahara zum Schutz seiner Truppen ein. Seit dem Zusammenbruch des Waffenstillstands mit der Polisario-Front im Jahr 2020 spielen Drohneneinsätze eine entscheidende Rolle. »Der Einsatz von Drohnen war maßgeblich daran beteiligt, die Vorstöße östlich der Trennmauer (die das Gebiet teilt) einzudämmen«, erklärt der Militärberater Abdelhamid Harifi gegenüber dem Online-Nachrichtenportal Medias 24. »Sie entscheiden keinen Krieg allein, aber sie wirken abschreckend«, so der Experte.

    Marokko hat die Drohnenproduktion in Zusammenarbeit mit 2 strategischen Partnern aufgenommen. Einer davon ist das israelische Unternehmen Blue Bird Aero Systems, mit dem Marokko die Kamikaze-Drohne Spy X montiert, die 2023 im Nahen Osten eingeführt wurde.
    Das türkische Unternehmen Baykar plant die Produktion eines speziellen Modells der Kampfdrohne TB2 für Marokko. Diese Drohne wurde in unzähligen Flugstunden im türkischen Kurdistan und in Nordsyrien erprobt.

    Rabat strebt zudem die Kontrolle über die Fertigung von Radargeräten, Kameras, Feuerleitsystemen und Kommunikationsausrüstung für unbemannte Luftfahrzeuge an.“

    Der Ausbau der Rüstungsindustrie ist offenbar weltweit eine Art Gebot der Stunde. Diverse Staaten entdecken bei ihrer Bewaffnung schwere Defizite und buttern in ihre Rüstungsbetriebe, was nur geht.

    „Blue Bird Aero Systems ist eine Tochtergesellschaft von Israel Aerospace Industries (IAI), dem Hersteller der Harop-Kampfdrohne. Diese Drohne verfügt über eine große Reichweite und ist schwer von Radar zu orten. Auch die israelischen Streitkräfte setzen die Harop ein. IAI beschreibt sie als »Kombination der Fähigkeiten eines unbemannten Flugzeugs und einer tödlichen Rakete«. Ihr Einsatz trug zur aserbaidschanischen Luftüberlegenheit über Armenien im Krieg von 2021 bis 2023 bei. Marokko betreibt seit dem letzten Jahr außerdem die große, weitreichende Akinci-Drohne des türkischen Herstellers Baykar, die zur Luftüberlegenheit in der Sahara beiträgt.

    Marokkanische Drohnen operieren hauptsächlich in den 20% des Territoriums östlich des Erdwalles, der die beiden Länder trennt und nicht direkt von Marokko kontrolliert wird. Rabat bezeichnet dieses Gebiet als »entmilitarisierte Pufferzone«, während die Polisario es als »befreites Gebiet« der Demokratischen Arabischen Republik Sahara (DARS) definiert, die von Dutzenden von Ländern, vorwiegend in Afrika und Lateinamerika, anerkannt wird.

    Die Polisario-Front hat den Tod Dutzender Kämpfer und Zivilisten bei Drohnenangriffen in der Westsahara, die Marokko zugeschrieben werden, verurteilt. Im April 2021 meldete sie den Tod ihres Kommandeurs der Nationalgarde, Adaj el Bendir, der bei einem Drohnenangriff getötet wurde, als er sich nach einem Vorstoß in das von der marokkanischen Armee kontrollierte Gebiet zurückzog. 7 Monate später berichtete die sahrauische Organisation außerdem vom Tod 11 Zivilisten bei zwei Angriffen, die marokkanischen Drohnen zugeschrieben wurden.

    Langjährige militärische Zusammenarbeit

    Israel und Marokko unterhalten eine langjährige militärische Zusammenarbeit, die jahrzehntelang weitgehend im Verborgenen blieb. Die beiden Länder nahmen 1993 nach den Oslo-Abkommen zwischen Israelis und Palästinensern Beziehungen auf, die jedoch nach dem Ausbruch der Zweiten Intifada im Jahr 2000 ausgesetzt wurden. Der damalige US-Präsident Donald Trump hob den Status quo 20 Jahre später auf, indem er die marokkanische Souveränität über die Westsahara anerkannte, im Gegenzug für die Normalisierung der Beziehungen Rabats zu Israel.

    Nach der Eskalation der militärischen Spannungen in der Sahara seit dem Ende des Waffenstillstands mit der Polisario-Front und dem Abbruch der diplomatischen Beziehungen zu Algerien vor 5 Jahren hat Israel seine Beziehungen zu Marokko intensiviert. »Eine Vereinbarung über Nachrichtendienste, Rüstungsindustrie und militärische Ausbildung wird es uns ermöglichen, an gemeinsamen Projekten zu arbeiten«, erklärte der damalige israelische Verteidigungsminister, Ex-General Benny Gantz, 2021 in Rabat nach der Unterzeichnung des Militärkooperationsabkommens zwischen den beiden Ländern.

    Hochtechnologische Übungen

    In den letzten Jahren hat Israel auch an den Militärübungen »African Lion« auf marokkanischem Territorium teilgenommen. Seit über 2 Jahrzehnten nutzen die USA diese Übungen, um gemeinsam mit ihren Verbündeten militärische Überlegenheit in Afrika und schnelle Reaktionsfähigkeit zu demonstrieren. Der Einsatz von Kamikaze- und Aufklärungsdrohnen sowie von elektronischer Kampfführungsausrüstung zur Drohnenabwehr bei den jüngsten Übungen unterstreicht die Entschlossenheit der USA, diese Position zu halten.

    Marokkos Verteidigungsausgaben erreichten 2025 6,3 Milliarden US-Dollar (5,385 Mrd. Euro), ein Anstieg um 14% gegenüber dem Vorjahr. Damit entsprachen sie fast 3,5% des Bruttoinlandsprodukts (BIP), wie Daten des Stockholmer Internationalen Friedensforschungsinstituts (SIPRI) zeigen.
    Algerien, Marokkos wichtigster regionaler Rivale, erhöhte seine Militärausgaben gleichzeitig um 11% auf 25,4 Milliarden US-Dollar bzw. 8,8% des BIP. Spanien verfügt über ein Verteidigungsbudget von 40,2 Milliarden US-Dollar, was 2% des BIP entspricht.“

    Die beiden Staaten können also unterschiedlich hoch hupfen …

    „Zum ersten Mal seit 22 Jahren fanden die Militärübungen »African Lion« in diesem Jahr in der Westsahara statt. Der US-Botschafter in Rabat, Duke Buchan, reiste im Mai mit einer Delegation von US-Militärärzten nach El Aaiún, der Hauptstadt der Sahara. Nur wenige Stunden vor der Landung in der Sahara schlugen 3 Artilleriegranaten am Stadtrand von Smara im Nordosten der ehemaligen spanischen Kolonie ein, ohne jedoch Schaden anzurichten. Im Jahr 2023 bekannte sich die Polisario-Front zu Angriffen, bei denen in Smara, einer Stadt mit einer bedeutenden marokkanischen Militärpräsenz, ein Mensch getötet und drei weitere verletzt wurden.

    Angesichts des offiziellen Schweigens Marokkos und der begrenzten Informationen, die von der sahrauischen Seite bereitgestellt werden, hat die Mission der UNO für das Referendum in der Westsahara (MINURSO) lediglich bestätigt, dass am Sonntag ein Militärfahrzeug der Polisario in der Nähe der Trennmauer und der Grenze zu Mauretanien von einem Drohnenangriff getroffen wurde.“

    (El País, 9.6.)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert