Pressespiegel El País, 17.4.: Russische Invasion in der Ukraine

DER GENERAL DVORNIKOV SOLL DAS KOMMANDO ÜBER DIE RUSSISCHEN TRUPPEN IN EINER HAND VEREINIGEN, UM SICH DES OSTENS DER UKRAINE ZU BEMÄCHTIGEN

Der Westen hat ihn den „Schlächter von Syrien“ genannt, aber der General, der das Kommando über die russischen Streitkräfte in der Ukraine übernommen hat, gleicht eher einem Trainer, der mitten in der Saison zu einer kaputten Mannschaft kommt, in der jeder auf seine eigene Faust kämpft.
Alexander Vladimirovich Dvornikov (Ussurijsk, 60 Jahre alt) wurde Anfang April zum Befehlshaber aller Truppen auf dem Kriegsschauplatz ernannt, um ein bisher auf drei nicht verbundene Fronten aufgeteiltes Kommando zu vereinen. Eine gescheiterte strategische Planung, die nicht nur die vom Kreml erwarteten blitzschnelle „Sonderoperation“ nach bald 2 Monaten an allen Fronten zum Stillstand kommen ließ, sondern auch Kritik am Generalstabschef Valerij Gerasimov hervorgerufen hat.

Die Ernennung von Dvornikov erscheint logisch, insbesondere nachdem das Verteidigungsministerium seine Ziele auf die östliche Donbass-Region konzentrierte und begann, sich aus dem Kiewer Gebiet zurückzuziehen. Das Terrain ist dem Soldaten bereits vertraut, da es sein Revier war: Er ist seit 2016 Kommandeur des russischen Militärbezirks Süd, wo er die direkte Kontrolle über die 8. Armee der vereinten Waffengattungen und die Streitkräfte des selbsternannten prorussichen Separatisten der Republiken Donezk und Luhansk ausübte. Zudem hat sein Bezirk im Gegensatz zu anderen Fronten in der Offensive gegen die Ukraine einige Erfolge verbuchen können.

Darüber hinaus ist Dvornikov der ranghöchste Wehrkreiskommandant. Der russische Präsident Wladimir Putin beförderte ihn 2020 in den Rang eines Armeegenerals, dem zweithöchsten Rang innerhalb der russischen Streitkräfte. Um das richtig einzuordnen: Er steht er auf dem gleichen Rang wie Verteidigungsminister Sergej Schoigu und Generalstabschef Valeri Gerasimov, der seit Wochen dezent in der Versenkung verschwunden ist.

»Wenn Putin einen anderen Offizier ausgewählt hätte, um die gesamten Kriegshandlungen zu leiten, hätte er wahrscheinlich Dvornikov ablösen müssen. Daher gibt es keinen Grund anzunehmen, dass Dvornikov speziell aufgrund einer bestimmten Fähigkeit oder Erfahrung ausgewählt wurde, über die er möglicherweise verfügt«, hebt eine Analyse des »American Institute for the Study of the War« hervor, die von den Experten Karolina Hird, Mason Clark und George Barros unterzeichnet wurde.

Dvornikovs Militärkarriere unterscheidet sich nicht sehr von derjenigen anderer russischer Offiziere. Als Absolvent der Ussuri-Suworow-Militärschule stieg er allmählich auf und diente bis 2003 als Kommandant eines Schützenregiments im Nordkaukasus. Wahrscheinlich nahm er am zweiten Tschetschenienkrieg teil. Später wurde er zum stellvertretenden Kommandeur des Militärbezirks Ost ernannt und wechselte wie viele andere Kollegen von einem Bezirk zum anderen.

Dank dieser Rotation hatte er die Möglichkeit, im September 2015 als erster Kommandant ausgewählt zu werden, der von Moskau in den Nahen Osten entsandt wurde, um das Regime von Bashar al-Assad zu verteidigen. Ihm den Spitznamen „Der Schlächter von Syrien“ zu geben, bedeutet nach Ansicht von Experten, einem der russischen Generäle, die in diesem Land einen brutalen Krieg zur Unterstützung der Macht von Damaskus geführt haben, zu viel Bedeutung beizumessen. Immerhin hat der Krieg mehr als 350.000 Menschen das Leben gekostet und Millionen von Menschen zur Flucht gezwungen.“

… was natürlich nur auf die Beteiligung Rußlands zurückzuführen ist, der Westen und die Golfstaaten haben damit gaaar nichts zu tun.

„»Dvornikov hat weniger Erfahrung in Syrien als viele seiner Kollegen. Er diente als Kommandant für 10 Monate. Im Vergleich dazu haben die Leiter der westlichen Militärbezirke, Alexander Zhuravlyov, und der östlichen Militärbezirke, Alexander Chaiko, dort 24 bzw. 20 Monate gedient«, betonen die Autoren der Studie, die daran erinnert, dass die russischen Streitkräfte »während ihrer ganzen Zeit ihrer Intervention Zivilisten angegriffen haben« und dass aufgrund der kontinuierlichen Rotation der Offiziere »alle derzeitigen Bezirkskommandeure und viele andere Militärführer an diesen Verbrechen« gegen die syrische Bevölkerung mitschuldig waren.“

Also alle russischen Offiziere in Syrien waren Schlächter, und den NATO-Armeen würde es nie einfallen, Zivilisten anzugreifen.

„Der neue Kommandant in der Ukraine nahm einige Monate an der erbitterten Schlacht um Aleppo teil und erhielt den Titel eines Helden der Russischen Föderation, war aber bereits zum Leiter des Südbezirks ernannt worden, als diese blutige fünfjährige Belagerung im Dezember 2016 endete. Seine Erfahrung im Einrichten der grundlegenden Kommandostruktur im syrischen Szenario hat sicherlich seine Wahl durch Putin mitbestimmt. Dort musste er eine Vielzahl von Milizen und Überresten der syrischen Armee in die russischen Streitkräfte integrieren.

Dvornikov selbst hat sich in der Vergangenheit in verschiedenen Artikeln, die im Laufe der Jahre veröffentlicht wurden, seiner Rolle in diesem Konflikt gerühmt. In einem Interview, das er 2016 der Regierunszeitung Rossískaya Gazeta gewährte, malte der Militärmann ein apokalyptisches Szenario für El Assad bis zum Eintreffen russischer Unterstützung: »Die Regierungstruppen waren nach vier Jahren der Feindseligkeiten erschöpft und hatten mit großer Mühe die Terroroffensive eingedämmt [Moskau und Damaskus bezeichnen die Rebellen und Gegner Assads als »Terroristen«], aber die russischen Aktionen haben die Situation im Laufe von fünfeinhalb Monaten radikal verändert.“

Laut dem General brachte „die koordinierte Arbeit der russischen Luftfahrt mit den Regierungseinheiten [von El Assad] und den patriotischen Milizen vor Ort“ die Entscheidung, sowie »die Schaffung eines Beratersystems in sehr kurzer Zeit, das erfolgreich die Ausbildung von Regierungstruppen, kurdischen Streitkräften und anderen nationalen Verbänden vorangebracht hat.«

Ein weiterer Artikel, der 2018 von ihm selbst verfasst wurde, wiederholte diese Botschaft: Die Schaffung eines einzigen Kommandos unter seiner Führung brachte den Umschwung, »indem es nicht nur die Kontinuität und Effizienz des Oberkommandos garantierte, sondern auch alle Elemente von Aufklärung und Angriff in einem einzigen Informations-Stab vereinte«.
Das heißt, die gleiche Arbeit, die der Kreml jetzt von ihm verlangt, um seine bisherigen Truppen im Süden mit den angeschlagenen Kräften der westlichen und östlichen Bezirke zu koordinieren, die von Fronten wie der in Kiew abgezogen wurden, um die im Donbass zu verstärken. Dazu kommen die anderen Einheiten wie die tschetschenischen Truppen Ramsan Kadyrows und die Donezk- und Lugansk-Milizen.

Experten bezweifeln jedoch, dass diese »verspätete Ernennung« von Dvornikov die Probleme der Führung, Logistik und Moral, mit denen die russische Armee in der Ukraine konfrontiert ist, auf einen Schlag lösen wird.
Zunächst wegen der bisher erlittenen schweren Kommandantenverluste. Tatsächlich wurde am selben Samstag Vladimir Frolov, ein General, der Dvornikov unterstellt war, in Sankt Petersburg begraben.
Weiters »aufgrund der Anzeichen, dass die russischen Truppen nicht in der Lage waren, gleichzeitige Offensivoperationen in Cherson, dem Donbass und in Izjum durchzuführen«.
Und schließlich aufgrund der bisherigen Leistungen von Dvornikov.

Der Südbezirk war aufgrund seiner besonders intensiven Vorbereitungen vor dem Krieg am effektivsten, im Gegensatz zum Rest, dessen Einheiten eingesetzt wurden, ohne vorher genug Zeit zu haben, ihre Strukturen zu vereinen.
Allerdings war die Südgruppe auch nicht ganz erfolgreich: Mariupol hält noch fast zwei Monate nach Kriegsbeginn durch. »Dvornikov hat die Operationen in der Stadt befehligt. Er hat vielleicht versucht, viele der in Syrien gelernten Lektionen anzuwenden, aber seine Führung des Häuserkampfes in Mariupol war weder bemerkenswert in Bezug auf seinen Erfolg, noch auf seine Geschwindigkeit oder seine menschlichen Kosten«, sagen Experten.“

Das hat aber auch damit zu tun, daß dieser Teil der Ukraine als befreundetes bzw. eigenes Gebiet eingestuft ist, wo man Zerstörungen wie in Aleppo tunlichst vermeiden wollte – was nur in begrenztem Ausmaß gelungen ist.

„Darüber hinaus meinen die Experten, dass er, wenn seine Erfahrung in Aleppo ein entscheidender Faktor gewesen wäre, früher an die Kiewer Front berufen worden wäre: »Die Taktiken und Vorgehensweisen der russischen Streitkräfte sowohl in Syrien als auch in der Ukraine sind keine Besonderheit von Dvornikov oder einem anderen bestimmten Kommandanten«.“

Damit ist erstens ausgesprochen, daß die heutige Kriegsführung generell, also auch bei der NATO und ihren Verbündeten, keinen Unterschied mehr zwischen Zivilisten und regulären Truppen macht. Es ist also keine Besonderheit der russischen Strategie.
Zweitens: Daß Kiew irgendwann wie Aleppo aussieht, wollte die russische Führung auf keinen Fall.

„In einem Interview mit der Zeitung »Roter Stern« [die Zeitung des russischen Militärs] im letzten Dezember machte Dvornikov – inmitten hektischer diplomatischer Verhandlungen zwischen Moskau, Washington und der Europäischen Union, um einen Krieg zu vermeiden, während Russland seine Stationierung in Grenznähe zur Ukraine verstärkte –, einige Hinweise auf den zukünftigen Krieg. »Im April 2021 war es das erste Mal, dass die Truppen des südlichen Militärbezirks eine so umfassende Übung im Winter durchgeführt haben«, sagte der General. Dvornikov rühmte sich in Bezug auf diese Manöver, dass seine Streitkräfte mehr als 1.500 Stück »modernster« militärischer Ausrüstung erhalten hätten und dass er über 160 »Stoß«-Bataillone verfüge. »Angesichts der schwierigen politisch-militärischen Lage in unserem Gebiet hat uns die Führung bei der Aufrüstung der Truppen Vorrang eingeräumt. Im Moment haben wir eine Modernisierung von 71 % unseres Arsenals erreicht«, fügte er damals hinzu.

»Wir denken, dass [die Russen] in den nächsten zwei Wochen konkrete, physische Ziele im Donbass erreichen wollen, aber wie weit sie gehen werden, wissen wir nicht so genau«, sagte das Pentagon diese Woche. Das wird die große Herausforderung für Dvornikov, der laut Experten ein starker Kandidat für die Nachfolge seines direkten Chefs als Generalstabschef ist. Valeri Gerasimov bleibt aus der Öffentlichkeit verschwunden – nach dem Scheitern der „Spezialoperation“, die vorsah, die Regierung von Wolodymyr Selenskij in einem schnellen Vormarsch auf Kiew zu stürzen. Zweiundfünfzig Tage später sind noch nicht einmal die Gebiete Donezk und Lugansk vollständig von den bereits von den pro-russischen Sezessionisten kontrollierten Gebieten eingenommen worden.“

Der Pentagon scheint also mit der Einnahme der Ostukraine zu rechnen – früher oder später.

4 Gedanken zu “Pressespiegel El País, 17.4.: Russische Invasion in der Ukraine

  1. Die Soldaten in der Azowstahl-Fabrik in Mariupol sollen mit Hilfe von Bomben und Brandgeschossen vernichtet werden, das ist der derzeitige Stand der Dinge, nachdem ihnen von Kiew verboten wurde, sich zu ergeben.

    Wenn die wirklich ausgeräuchert werden – so eine Art ukrainisches Tora Bora – so wird das auch Verwicklungen geben, weil dort angeblich mehrere Hunderte ausländischer Soldaten sind.

  2. Russische Truppen ziehen sich laut Ukraine aus Charkiw zurück

    Schwere Kämpfe und russische Verluste in Ostukraine – Teil 2

    Die russischen Truppen hätten schwere Verluste erlitten, nachdem die ukrainischen Streitkräfte ihren Versuch der Überquerung des Flusses zurückgeschlagen hätten, teilte auch das britische Verteidigungsministerium mit. "Flussüberquerungen in einem umkämpften Gebiet sind ein höchst riskantes Manöver und sprechen für den Druck, unter dem die russischen Befehlshaber stehen, ihre Operationen in der Ostukraine voranzubringen", hieß es. Das Ministerium fügte hinzu, dass die russischen Streitkräfte "trotz der Konzentration ihrer Kräfte in diesem Gebiet keine nennenswerten Fortschritte gemacht haben".

    (Standard, 14.5.)

    Laut El País ist dieser Rückzug mit einem Vormarsch im Donbass kombiniert, also ein Versuch, an dieser Front Erfolge zu erzielen.

    Die Aufgabe von Charkow deutet schon eine gewisse Einsicht in die Schwäche der eigenen Armee an. Charkow ist wie Odessa eine mehrheitlich russische Stadt und von großer strategischer Bedeutung für die Sicherheit Rußlands.

  3. Interview mit Österreichs Top-Militärstrategen
    Warum Putin den Krieg noch gewinnen kann – „auch wenn das keiner hören will“

    Das verbreitete Narrativ, wonach Russland und Wladimir Putin den Krieg in der Ukraine bereits verloren hätten, hält Österreichs Top-Militärstratege Markus Reisner für wenig objektiv. Im Interview erklärt er, was für welche Kriegspartei aus seiner Sicht spricht und warum der Ausgang des Kriegs nach wie vor offen ist.

    FOCUS: Herr Reisner, ist der Krieg schon entschieden? Steht Putin bereits als Verlierer fest, so wie es immer wieder gerne einmal heißt?

    Markus Reisner: Beide Kriegsparteien versuchen alles, um das Narrativ dieses Krieges zu ihren Gunsten zu prägen. Dass Russland völkerrechtlich der Aggressor ist, steht außer Frage, aber bei der Bewertung des Kriegsverlaufs wird die westliche Sichtweise sehr von den Bildern und Berichten der Ukraine bestimmt. Insofern besteht die Schwierigkeit darin, eine objektive Lagebewertung zu bekommen. Die brauchen wir aber, um beispielsweise eine mögliche Eskalation frühzeitig zu erkennen. Und um auf ihre Frage zurückzukommen: Nein, dieser Krieg ist noch lange nicht entschieden und Putin hat ihn noch nicht verloren – auch wenn das keiner hören will.

    FOCUS: Fakt ist aber doch, dass die russische Armee mit massiven Problemen zu kämpfen hat und Putins Invasion im Osten der Ukraine wie zuvor in Kiew zunehmend ins Stocken gerät.

    Reisner: Das ist richtig. Die Verteidigung Kiews war für die Ukraine ein klarer Sieg, was auch mit ihrer Position als Verteidiger zusammenhing. Auch die jetzige Invasion läuft für Putin nicht, wie geplant. Ich bin mir relativ sicher, der Plan Putin war es, bis zum 9. Mai möglichst weite Teile der Ostukraine einzunehmen. Das ist ihm nicht gelungen, aber deswegen ist der Krieg nicht entschieden. Viel mehr hat er sich zuletzt nochmals gewandelt.

    FOCUS: Wo stehen wir aktuell in diesem Krieg? Wie fällt Ihre objektive Einschätzung aus?

    Reisner: Indem Russland auch im Osten der Ukraine keine schnelle Entscheidung herbeiführen kann, handelt es sich nun um einen Abnutzungskrieg mit offenem Ausgang.  Bei einem Abnutzungskrieg schlagen beide Seiten so lange aufeinander ein, bis eine nachgibt. Genau das erleben wir jetzt im Donbass, wo sich die Fronten nur noch langsam verschieben. Darunter leidet insbesondere die Zivilbevölkerung, die weder in die eine noch in die andere Richtung fliehen kann. Es stellt sich also die Frage, wer den längeren Atem hat. Dabei gibt es jeweils Punkte, die für die eine und die andere Seite sprechen.

    Für russische Armee spricht die sogenannte Luftüberlegenheit. Sie kann ihre Lufteinsätze zwar nicht gefahrlos fliegen, aber doch überall dort, wo sie es für strategisch wichtig hält. Die Ukraine wiederum besitzt nicht die Mittel zur Luftabwehr, die sie eigentlich bräuchte. Bis heute hat Russland schätzungsweise 68 Kampfjets und Hubschrauber verloren: durchschnittlich also etwas weniger als ein Luftfahrzeug pro Tag, was angesichts der Größe dieser Operation unterhalb der Norm liegt. Es handelt sich demnach um keine schweren Verluste.

    Sollte Russland seine Angriffe weiterfliegen, wird die Ukraine sukzessive aus der Luft abgenutzt. Gut zu beobachten ist das derzeit in Odessa, wo russische Jets versuchen, die letzten Überreste der ukrainischen Luftwaffe zu zerstören. Selbst in den offiziellen Pressebriefings des US-Militärs wird von über 300 Einsätzen der russischen Luftwaffe gesprochen, Tendenz steigend. Dieses schmerzhafte Detail wird oft übersehen.

    Problematisch ist auch die immer knapper werdende Treibstoffversorgung auf ukrainischer Seite. In den vergangenen zwei Woche gab es bereits lange Schlangen vor den Tankstellen. Im Fall von Odessa hat Russland die zentrale Zugverbindung gekappt, was dazu führt, dass aus dem Westen kaum noch Treibstoff in den Süden nachgeliefert werden kann.

    FOCUS: Und was spricht für die Ukraine?

    Reisner: Vor allem die massiven Waffenlieferungen, auch von schwerem Kriegsgerät, aus dem Westen. Für einen Abnutzungskrieg braucht es – das lässt schon am Namen erahnen – jede Menge Material und es ist kein Zufall, dass die Ukraine genau in dem Moment begonnen hat, schwere Waffen zu fordern, als Russland sich auf die Ostukraine fokussierte.

    Für die Ukraine spricht auch der Erhalt von westlichen Geheimdienstinformationen über die russischen Stellungen und Pläne. Denken sie nur an die hohe Anzahl an getöteten russischen Offizieren oder an den versenkten russischen Lenkwaffenkreuzer „Moskwa“. Beides war der Ukraine vor allem durch die Nutzung von US-Aufklärungsdaten möglich. Zudem scheinen die ukrainischen Truppen den russischen in der taktischen Einsatzführung immer wieder überlegen zu sein.

    FOCUS: Welche Punkte wiegen aus Ihrer Sicht nun schwerer?

    Reisner: Das ist die Gretchenfrage und sie lässt sich zum jetzigen Zeitpunkt nicht seriös beantworten. Es gibt schlicht zu viele Unwägbarkeiten, denn gekämpft wird ja nicht nur auf dem Schlachtfeld. Wie hoch ist das Mobilisierungspotenzial Russlands wirklich – also wie viele Truppen kann Putin nachschieben? Inwieweit ist die EU geschlossen dazu bereit, ein Energieembargo zu verhängen? Wie schnell können weitere Waffensysteme an die Ukraine geliefert werden? All diese offenen Fragen haben Einfluss auf den Ausgang des Kriegs.

    FOCUS: Es wird oft über Sieg oder Niederlage gesprochen. Auch in diesem Interview. Aber lässt sich überhaupt noch sagen, wie ein Sieg für die jeweilige Seite aussehen würde?

    Reisner: Die Gebietsverluste im Süd-Osten sind für die Ukraine massiv. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass die russische Offensive nun stockt. Für die wirtschaftliche Überlebensfähigkeit der Ukraine sind die Häfen, die Öl-Produktion oder auch die Getreide-Produktion essenziell. Vieles davon ist nun in russischer Hand oder zumindest umkämpft. Es ist also nur logisch, dass die Ukraine die gesamte Rückeroberung der besetzten Gebiete als Kriegsziel ausgegeben hat. Realistisch ist das jedoch nur mit massiven und andauernden Waffenlieferungen aus dem Westen.

    Aus russischer Perspektive geht es darum, der Ukraine möglichst große Gebiete zu entreißen und abzutrennen. Vor allem die beiden Oblaste Luhansk und Donezk stehen dabei im Fokus. Gerade in Donezk fehlt da noch einiges aus russischer Sicht. Russland hat in den vergangenen 20 Jahren das Narrativ aufgebaut, man sei wieder eine globale Weltmacht mit starken und modernen Streitkräften. Das steht nun auf der Kippe. Putin kann nicht zurück und genau deswegen müssen wir uns sehr wahrscheinlich auf einen längeren und verlustreichen Krieg einstellen.

    FOCUS: Von welchem Zeitraum sprechen wir hier?

    Reisner: Sollte das russische Militär oder gar der russische Staat nicht von heute auf morgen kollabieren und die Soldaten fluchtartig die Ukraine verlassen, dann dauert dieser Konflikt mindestens bis Ende dieses oder Mitte nächsten Jahres. Ich betone dabei das Wort „mindestens“, schließlich sind auch diese Zeitangaben nicht mehr als Vermutungen. Wenn eine Seite zu Beginn eines solchen Konflikts nicht schnell zusammenbricht, wird daraus oft ein langer und zäher Krieg. Schauen sie sich das Beispiel Syrien an. Dort stand Machthaber Baschar al-Assad bereits kurz vor der Flucht, als Russland intervenierte. Und heute haben wir einen nicht enden-wollenden Krieg.

    FOCUS: Bei seiner Rede am 9. Mai vermied Putin eine weitere Eskalation. Wie blicken Sie auf den Auftritt?

    Reisner: Ich glaube, die russische Seite verfolgt die westliche Berichterstattung sehr genau und unternimmt oftmals das Gegenteil von dem, was erwartet wird. Einfach, um dem Westen nicht Recht zu geben. Aber natürlich laufen im Hintergrund Gespräche und Überlegungen, wie es nun weitergeht. Von daher lässt sich eine Generalmobilmachung oder die Ausrufung des Kriegszustandes nicht ausschließen.
    ————
    Markus Reisner ist Oberstleutnant im Österreichischen Bundesheer und Leiter der Entwicklungsabteilung an der Militärakademie Wiener Neustadt.

    https://www.focus.de/politik/ausland/ukraine-krise/interview-mit-oesterreichs-top-militaerstratege-putin-hat-den-krieg-noch-nicht-verloren-auch-wenn-das-keiner-hoeren-will_id_97797771.html

  4. Alle Verteidiger des Azovstahlwerkes haben sich ergeben:

    „In der ukrainischen Hafenstadt Mariupol haben sich nach russischen Angaben nun alle Kämpfer in dem belagerten Stahlwerk Asowstal ergeben. Die Industriezone und die Stadt seien damit vollständig unter russischer Kontrolle, teilte das Verteidigungsministerium in Moskau mit. Es seien insgesamt 2439 ukrainische Soldaten seit dem 16. Mai in russische Gefangenschaft gekommen. Das Werk war das letzte Stück der strategisch wichtigen Stadt im Südosten der Ukraine, das noch nicht komplett unter russische Kontrolle gewesen war.

    Verteidigungsminister Sergej Schoigu habe Präsident Wladimir Putin die "vollständige Befreiung des Werks und der Stadt Mariupol" gemeldet. Nach Angaben des Ministeriums kam die letzte Gruppe von 531 Kämpfern in Gefangenschaft. Die Industriezone war seit dem 21. April von russischen Truppen blockiert gewesen.“

    https://www.tagesschau.de/ausland/europa/ukraine-russland-asow-101.html

    Sehr viel Lärm gibt es um diese Aufgabe in den westlichen Medien nicht …
    Aber auch in den russischen liest man nichts über die angeblichen ausländischen Kämpfer, sogar Ausbildner, britische usw.

    Gab es die gar nicht, waren sie eine Erfindung, wurden sie laufen gelassen, stecken sie in irgendwelchen geheimen Orten als Verhandlungsmasse?

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