Pressespiegel El País, 17.9.: Militärische Perspektiven Rußlands

„RUSSLAND FEHLEN DIE KRÄFTE

Vladimir Dolin

Nach den erfolgreichen Offensiven der ukrainischen Truppen in Charkow und Cherson kam in Rußland das Thema der Mobilisierung auf die Tagesordnung. Die amtierenden Politiker versichern, daß es dazu nicht kommen wird. Aber Rußland sucht schon seit Monaten hektisch Kanonenfutter für den Ukrainekrieg. Man muß sich fragen, wie dieser Nachschub sich auf die Pläne an anderen Abschnitten seiner weiträumigen Grenzen (60.932 km) auswirken wird.
Der globale Ehrgeiz Rußlands befindet sich nicht in Einklang mit seiner Wirtschaft, seiner Geographie und seiner Bevölkerungsentwicklung. Putin steht vor dem Dilemma, entweder die Niederlage einzugestehen oder eine Generalmobilmachung auszurufen, was riskant ist, weil Waffen in den Händen des Volkes sich leicht gegen den Kreml wenden können, wie es bereits in der Geschichte Rußlands geschehen ist.“

Das ist allerdings im Augenblick das geringere Risiko. Was in erster Linie gegen eine Generalmobilmachung spricht, ist, daß gezwungene Soldaten schlechte Soldaten sind. Das hat sich am Einsatz der ukrainischen Streitkräfte gezeigt. Sie konnten ihre Erfolge in Charkow und Cherson nur feiern, weil sie jede Menge NATO-Unterstützung hatten, auch personelle.
Abgesehen davon hätte eine Generalmobilmachung auch wirtschaftliche Folgen: Rußland müßte auf Kriegswirtschaft umstellen, in kriegswichtige und nicht kriegswichtige Sektoren unterscheiden und die Bevölkerung auf eine Zeit von Blut, Schweiß und Tränen vorbereiten.
Die NATO-Kriegsführung zielt genau darauf hin, in der Hoffnung, damit Aufstände und Unruhen in Rußland auszulösen.

„Am 26. August unterzeichnete Präsident Putin ein Dekret, gemäß dem die russischen Streitkräfte um 137.000 Personen verstärkt werden sollen. Rußlands Armee hätte dann die Stärke von 1,150.000 Mann. Außerdem hat der Kreml die Staatsbetriebe und die Oligarchen dazu verpflichtet, auf eigene Kosten private militärische Einheiten aufzustellen, um sie den Tausenden von Söldnern einzugliedern, die bereits in der Ukraine kämpfen. Die russischen Regionen haben ungefähr 40 Bataillone aus sogenannten Freiwilligen aufgestellt, deren Ausbildung und Bezahlung sie aus ihren Mitteln bestreiten. Das Höchstalter für die Freiwilligen wurde angehoben – in manchen Provinzen bis auf 60 Jahre – und die gesundheitlichen Anforderungen wurden herabgesetzt. Da sich nicht genug Freiwillige melden, werben die privaten Söldnervereine Gefangene in Gefängnissen an. Das Oberhaupt der kaukasischen Republik Tschetschenien, Ramsan Kadyrow, hat alle russischen Regionen zur Generalmobilisierung aufgerufen.“

Das heißt, Kadyrow will damit der Zentralregierung die Initiative aus der Hand nehmen und die Regionen zu einer Art Wettbewerb aufrufen, wer Rußland am meisten zu verteidigen bereit ist.

„Das heißt, es gibt bereits eine verdeckte Generalmobilmachung.
Warum gibt es zuwenig Soldaten in Rußland?
Am Vorabend des Krieges war die offizielle Mannschaftsstärke der russischen Armee 4x so hoch wie die der ukrainischen. Es ist allerdings möglich, daß die reale Anzahl um einiges darunter lag.
Um in die Ukraine einzumarschieren, zog Rußland 250.000 Mann aus seinen 4 Militärbezirken zusammen.“

Rußland hat 5 Militärbezirke. Es fragt sich, ob der Analyst einen vergessen hat oder ob bei der Rekrutierung wirklich einer ausgespart blieb. Möglicherweise der Nordbezirk um Kaliningrad.

„Aber die Einheiten des westlichen Militärbezirkes kriegten bei den Kämpfen das meiste Fett ab und zahlten einen hohen Preis. Im täglichen Bericht des britischen Verteidigungsministeriums vom 13. September wird darauf hingewiesen, daß die I. Panzerarmee zu Anfang des Einmarsches schwere Verluste hinnehmen mußte und nach der ukrainischen Invasion in Charkow den Rückzug antrat.“

Es ist bemerkenswert, daß die westlichen Quellen immer auf die russischen Verluste zu Anfang der Invasion hinweisen. Daraus läßt sich schließen, daß es Rußland seither gelungen ist, seine Verluste zu minimieren, im Unterschied zu den ukrainischen Streitkräften, die im Sommer selbst hohe Verluste eingestanden.
Was offenbar nicht gelungen ist, darauf weist der Analyst hin, ist, diese Verluste wieder angemessen auszugleichen.

„In dem Bericht seht: »Der Krieg hat diese Armee – wie auch andere Einheiten des westlichen Militärbezirks – geschwächt und auf diese Weise die Fähigkeit Rußlands, im Konfliktfall der NATO etwas entgegenzusetzen. Es wird Jahre brauchen, bis dieses Potential wiederhergestellt werden wird.«
Als Ergebnis des Eintritts Finnlands in die NATO verlängert sich die Grenze dieses Bündnisses zu Rußland um 1272 Kilometer. Der russische Verteidigungsminister Schoigu veranschlagt die durch den NATO-Beitritt Schwedens und Finnlands gestiegenen Verteidigungsbedürfnisse Rußlands auf 12 neue Militäreinheiten, die erst noch zu schaffen sind.
Obwohl viele Soldaten aus dem östlichen – am besten dotierten – Militärbezirk an die Front geschickt wurden, kann der Kreml nicht so einfach Truppen aus dem Osten in den Westen des Landes verlegen, wie es mit den sibirischen Truppen während des II. Weltkriegs möglich war. Rußland hat nie einen Friedensvertrag mit Japan geschlossen und seine Oberhoheit über die Kurilen ist von Japan nicht anerkannt.“

Hier einige Hintergrundinformation zum östlichen Kriegsschauplatz im II. Weltkrieg.

„Tokio hat sein Militärbudget erhöht und Rußland muß das in seine Planungen einbeziehen. Außerdem muß Rußland mit seinen Truppen die Grenze in der Länge von 4209 Kilometer zu China absichern.
Moskau und China befanden sich in einem Kalten Krieg,“

– Hier muß man hinzufügen, damals noch nicht allzu lange –

„der in eine militärische Auseinandersetzung mündete, um den Besitz der Damanski-Insel.“

Die – übrigens unbewohnte – Damanski-Insel (chinesisch: Zhenbao Dao) wurde 2005 mit einem Vertrag von Rußland an China abgetreten.

„Zwischen 1991 und 2008 wurden die territorialen Konflikte zwischen Rußland und China gelöst, aber die Chinesen haben nicht vergessen, daß das russische Imperium sich im Fernen Osten Gebiete angeeignet hat, die sie als die ihrigen betrachten. Außerdem verursacht der Exodus von Sibirien ins Zentrum Rußlands die Entvölkerung großer Gebiete, wo Chinesen die Russen ersetzen.“

Das klingt so, als wäre dort alles in Ordnung. Aber das will der Analyst nicht behaupten, er spielt mit der Angst vor der „Gelben Gefahr“:

„Im Augenblick handelt es sich um eine friedliche Expansion. Unter diesen Bedingungen kann nur eine russische Militärpräsenz die Souveränität über Sibirien und den Fernen Osten garantieren. Rußland und China sind heute Partner, keine Verbündeten. Chinas Militärbudget 2019 betrug 177 Milliarden $, gegenüber dem russischen von 46 Milliarden.
Angesichts dieser Daten kann die Verlegung eines bedeutenden Militärkontingents aus dem Osten des Landes in die Ukraine die Verteidigung des Fernen Ostens und Sibiriens schwächen und und die Chinesen könnten in Versuchung kommen, das Verlorene zurückzuerobern.“

In der Möglichkeitsform spekuliert der Analyst mit territorialen Gelüsten Chinas, obwohl China in der gegenwärtigen Situation nichts weniger gebrauchen könnte als einen Konflikt mit Rußland, ihn daher sicher nicht aktiv suchen würde.
Angesichts der Bedrohungen seiner Seegrenzen durch USA und NATO ist es China nur recht, wenn an der Landgrenze mit Rußland Ruhe ist.

„Der zentrale Militärbezirk grenzt an Kasachstan, auf einer Länge von 7548 km. Die Machtübernahme der Taliban in Afghanistan und die Grenzkonflikte zwischen den zentralasiatischen Staaten nötigen Rußland, hier eine ausreichende Truppenpräsenz aufrechtzuerhalten, um Bedrohungen abwehren zu können. Das Eindringen der Taliban in Zentralasien gefährdet nicht nur die Staaten in dieser Region, sondern auch die russischen muslimischen Republiken von Bachkortostan und Tatarstan.“

Auch hier wird ein wenig mit Ängsten gespielt. Die Taliban sind seit ihrer Einnahme Afghanistans hauptsächlich mit internen Problemen beschäftigt. Wenn es eine Grenze gibt, die gefährdet ist, so ist es die umstrittene Durand-Grenze zu Pakistan. Es gibt praktisch keine Hinweise, daß sie nach Zentralasien „eingedrungen“ sein sollten.
Aber bei dieser Formulierung werden die muslimischen Minderheiten Rußlands zu einer Art Fünfter Kolonne erklärt, auf die man auch ständig ein Auge haben muß.

„In Georgien und Moldawien redet man von der Wiedereingliederung der sezessionistischen Gebiete. Der russische Militärbezirk Süd entsandte seine fähigsten Einheiten, namentlich die 58. Armee, mit Kampferfahrung aus Armenien und Georgien, in die Ukraine. Infolgedessen konnte die OVKS, deren Mitglieder Armenien und Rußland sind, ihrer Verpflichtung um Unterstützung nicht nachkommen, als Eriwan um Hilfe bat. In Aserbaidschan haben die Verantwortlichen entschieden, daß die Zeit zum Handeln reif war. In der Nacht zum 13. September eröffneten sie das Feuer auf armenisches Territorium. Rußland ist der Garant für Sicherheit in dieser Region, aber im Augenblick ist es zu sehr beschäftigt mit dem Ukrainekrieg. Nach der offiziellen Doktrin müßten die russischen Streitkräfte fähig sein, in zwei militärischen Konflikten gleichzeitig ihre Aufgaben wahrzunehmen, ohne zusätzlich mobilisieren zu müssen. Tatsächlich jedoch war Rußland nicht fähig, gleichzeitig die Auseinandersetzung zwischen Armenien und Aserbaidschan und den Ukrainekrieg zu betreuen.“

Es ist hier aber nicht nur eine Frage von genug oder nicht genug Soldaten.
Aserbaidschan ist ein enger Verbündeter der Türkei, und Aserbaidschan ist auch eine Öl- und Gas-Großmacht, verfügt also im Unterschied zu seinem angegriffenen Rivalen über ausreichend Mittel, um Armenien im Notfall auch zu überrennen.
Mit der Türkei kann und will sich Rußland aber keineswegs anlegen, weil unter anderem diese Regionalmacht den Schlüssel zu den Meerengen und damit zu einer weiteren Eskalation des Konfliktes hat:

„Hinter Aserbaidschan steht die Türkei, die sich anschickt, ihren Willen zur militärischen und politischen Dominanz über den Südkaukasus zu demonstrieren und ein ambivalentes Verhältnis zu Rußland hat. Das militärische Potential der Türkei übertrifft im Kaukasus dasjenige Rußlands. Daher kann Rußland nicht seine ganzen Streitkräfte in die Ukraine schicken, die langsam ihre technische Unterlegenheit gegenüber Rußland dank der Waffenlieferungen aus dem Westen ausgleicht. Allein der Umstand, daß sich die Ukraine im grausamsten Krieg in Europa seit 1945 erfolgreich verteidigt, ist eine nicht anerkannte Niederlage für Putin.

Außer der Mobilisierung oder dem Eingeständnis der Niederlage gibt es eine dritte Option: Den Einsatz von Atomwaffen. Aber diese Lösung ginge weit über den ukrainisch-russischen Krieg hinaus und würde eine globale Katastrophe hervorrufen.“

18 Gedanken zu “Pressespiegel El País, 17.9.: Militärische Perspektiven Rußlands

  1. "Nach den erfolgreichen Offensiven der ukrainischen Truppen in Charkow und Cherson …"

    Woher hat der Typ denn den Erfolg in Cherson?? Mit dieser Attacke hat sich die ukrainische Armee wohl doch eher eine blutige Niederlage eingehandelt ohne den russischen Truppen größere Verluste zuzufügen oder sie entscheidend zurückdrängen zu können.

    Rußland sucht schon seit Monaten hektisch Kanonenfutter für den Ukrainekrieg

    Wirklich? Es sieht doch eher so aus, daß Putin vorgegeben hat, daß die russischen Soldaten gerade kein Kanonenfutter werden, sondern dank der überlegenen Artillerie der russischen Truppen, die AFU-Soldaten in großer Zahl umkommen oder zumindest außer Gefecht gesetzt werden.

    Der globale Ehrgeiz Rußlands befindet sich nicht in Einklang mit seiner Wirtschaft, seiner Geographie und seiner Bevölkerungsentwicklung. 

    Will Rußland denn, so wie die USA wirklich auf der ganzen Welt militärisch eingreifen? Bisher tun sie das mit bescheidenen rund 150.000 Mann doch nur in der Ukraine.

    Putin steht vor dem Dilemma, entweder die Niederlage einzugestehen oder eine Generalmobilmachung auszurufen, was riskant ist,

    Es hat aber bisher gar keine Niederlage gegeben, nur der Gebietsverlust vor Charkow ist sowas gewesen, hat aber die Kampfkraft der Truppen wohl nur marginal eingeschränkt und eher die Ukraine militärisch geschwächt, weil sicher ein bedeutender Teil von deren Reserven bei den beiden Angriffsaktionen ausgeblutet wurden. Offensichtlich denkt Putin ja, daß die bisherige Taktik, die ukrainischen Verbände einfach solange in ihren Stellungen zuzubombardieren, bis deren schweres Gerät zerhauen und deren Truppen außer Gefecht gesetzt werden, noch eine ganze Weile weitergeführt werden kann, soviel mehr Waffen als Nachschub erwartet die russische Führung offensichtlich nicht, als daß sie das jetzt panisch machen würde.

  2. Das ist alles zu bedenken, was du bemerkst.

    Allerdings sind verschiedene Dinge, wie die mittelasiatischen und Kaukasus-Fronten, auch nicht von der Hand zu weisen.

  3. Ganz interessante Debatte aus dem Standard-Forum:

    London: Russische Marine verlegt U-Boote zurück nach Russland

    Die russische Schwarzmeerflotte hat einige ihrer U-Boote aus dem Hafen von Sewastopol auf der Krim nach Noworossijsk in der Region Krasnodar im Süden Russlands verlegt, teilt das britische Militär mit.

    Die Verlegung sei wahrscheinlich auf die jüngste Änderung der lokalen Sicherheitsbedrohungslage angesichts der verstärkten ukrainischen Langstreckenschlagskapazitäten zurückzuführen, teilte das Verteidigungsministerium in seinem täglichen Lagebericht auf Twitter mit.

    Kommentar I:
    U-Boote sind in diesem Krieg ziemlich obsolet.
    Eine ukrainische Angriffsflotte ist nicht vorhanden, kein atomarer Erst-, Zweitschlag in Sicht und die paar Marschflugkörper können auch von anderer Stelle abgefeuert werden.

    Kommentar II:
    Kann es sein, dass die UBoote mit neuen Langstreckenraketen bestückt werden müssen und deshalb einen anderen Heimathafen ansteuern? Eventuell ist es für solch wichtiges Gut zu gefährlich auf der Krim geworden.

  4. Der sehr verläßliche Korrespondent des ORF in der Ukraine, Christian Wehrschütz, hat die Lage heute in den Abendnachrichten so kommentiert:

    Mit den Referenden in der Ostukraine will Rußland diese Gebiete an Rußland anschließen, um dann wirklich den Verteidigungsfall ausrufen zu können und den Krieg zu erklären.
    Durch die Wortwahl der „Spezialoperation“ hat sich nämlich Rußland selbst verfassungsmäßig die Hände gebunden, weil es erstens nur im Kriegsfall eine Generalmobilmachung ausrufen kann.
    Zweitens ist dann auch die Atom-Option offen …

    Was die ukrainische Seite angeht, vermutet er, daß sie noch vor dem Winter eine Offensive starten wollen, um der russischen Seite noch etwas an Territorium zu entreißen, bevor der Winter die Kampfhandlungen erschwert.

    Auch ihm war etwas mulmig zumute, er meinte, das sei die schwerste Krise seit der Kuba-Krise.

  5. Der Ex-US-Generalleutnant Ben Hodges, der mehrere Jahre Oberkommandierender der US-Streitkräfte in Europa war, ist sich sicher, dass die Teilmobilisierung "keine große Wirkung" haben werde. "Ohne massive Artillerieunterstützung werden diese neuen Soldaten reines Kanonenfutter sein", sagt er der "Bild"-Zeitung.

    Im Winter säßen die russischen Soldaten in kalten, nassen Schützengräben, während die ukrainischen Streitkräfte weiter vorrückten, so Hodges, der leitender Forscher bei der US-Denkfabrik CEPA ist. "Zum Leidwesen dieser Soldaten verliert die russische Artillerie durch die ukrainischen Angriffe auf das logistische System, das die Munition zu den Geschützen bringt, immer mehr an Wirksamkeit."
    https://www.spiegel.de/ausland/ex-praesident-in-den-usa-warum-die-neue-klage-gegen-donald-trump-so-heikel-ist-a-9edb4fa7-4713-45d0-9fbf-dfce3f04e23b#ref=rss#rssowlmlink

    Und ich dachte bisher, daß es genau anders rum ist: Die russische Artillerie ist der ukrainischen haushoch überlegen, der Ukraine geht eher die Munition aus als Rußland, auch wenn die HIMARS-Angriffe sicherlich einen beträchtlichen Teil des russischen Nachschubs ausgeschaltet haben.
    Ein weiteres "Vorrücken" der ukrainischen Streitkräfte scheint mir so gut wie ausgeschlossen zu sein, einerseits, weil sicher der größte Teil der dafür zur Verfügung stehenden Einheiten in den beiden Offensivversuchen bei Cherson und Charkow massiv an Kampfkraft verloren hat, und ich zudem nicht sehe, wo eventuell noch vorhandene frische ukrainische Truppen denn überhaupt noch angreifen könnten ohne auf massivste russische Gegenwehr aus verschanzten und verbunkerten Stellungen zu treffen, in der Mitte um Sporischja vielleicht, aber sicher nicht im Donbass-Gebiet.

  6. Das Wesentliche scheint mir zu sein, daß keine der beiden Seiten auch nur einen Zentimeter nachgeben will und mit den Atomwaffen wedelt.

  7. Daß beide Seiten nicht nachgeben wollen, ist bei einem Krieg häufig so, der beiden Seiten als noch nicht entschieden gilt. Wobei Ich nicht sehe, wie denn die Ukraine ihre Kriegsziele noch erreichen könnte.
    Was die Atomwaffen angeht, die beide Seiten haben und auf die beide Seiten immer wieder hinweisen, so denke ich, das bisher beide Seiten den Krieg nicht so geführt haben, als wenn sie eine Eskalation bis zum Einsatz von Atomwaffen einkalkulieren. Jedenfalls führen beide Seiten den Krieg so nicht. Die NATO z.B. ist erst mal offiziell immer noch keine Kriegspartei (sie führt "nur"  einen Wirtschaftskrieg gegen Rußland), und defakto hat sie sich auch zurückgehalten und der Ukraine eine Reihe von wichtigen Waffensystemen bisher *nicht* geliefert, weder weitreichende Raketen, die direkt Ziele in Rußland angreifen könnten, noch Kampfpanzer wie den Leopard 2 oder den Abrams. Umgekehrt hat Rußland den Krieg bisher auch zurückhaltend geführt und nur die Front angegriffen, die Restukraine aber weitgehend in Ruhe gelassen bis auf ein paar Demonstrationen, daß sie auch anders könnten, wenn sie wollten.

  8. Deine Worte in Gottes Ohr.

    Ich erinnere mich, daß es bei der Krim immer wieder Drohungen gegeben hat und gerade an der Frage der Krim scheint keine der beiden Seiten nachgeben zu wollen.

  9. Aber das "Gute" an der Krim-Frage ist doch, daß die USA bisher der Ukraine Angriffe auf die Kertshc-Brücke untersagt haben, weil es dann ums Eingemachte gehen würde. Wie auch immer der Krieg ausgehen mag (jedenfalls solange es keinen dritten atomaren Weltkrieg gibt), die Krim wird hinterher immer noch zu Rußland gehören.

  10. Der Generalleutnant Guruljew sagt in einem Interview, daß er mit einem langen Krieg rechnet, und erwähnt die Jahre 2027-2030.

    „Es geht hier nicht um die Ukraine. Sondern um den globalen Westen. Erst wenn die Welt einen anderen Aufbau erhält, geht dieser Krieg zu Ende.“

    (KP, 24.9.)

    Schluck!

  11. Russischer Angriff auf Odessa: Die Drohnen der Mullahs

    Der Angriff auf die Hafenstadt Odessa führt zu einer diplomatischen Eiszeit zwischen Kiew und Teheran. Der Iran hatte die Drohnen an Russland geliefert

    Am Hafen von Odessa simmerten noch die letzten Glutnester, als in Kiew ein neues Feuer ausbrach. Anders als im ersten Fall beschränkten sich die Folgen letzteren auf die diplomatische Front. Per Twitter bestätigte Oleg Nikolenko, der Sprecher des Außenministeriums der Ukraine, was Präsident Wolodymyr Selenskyj bereits am Vorabend angekündigt hatte. Ihr Land entzieht dem Botschafter des Iran mit sofortiger Wirkung die Akkreditierung. Weiteren Beamten der Islamischen Republik, die in der ukrainischen Hauptstadt ihren Dienst versehen, wurde ebenfalls unmissverständlich die Ausreise nahe gelegt. Der drastische Schritt bildet die bislang letzte Konsequenz einer Eskalation der russischen Kriegsführung, die am Freitagnachmittag im Süden der Ukraine eine neue Stufe erreichte.

    Angriff ohne Vorwarnung

    Kurz vor drei Uhr nachmittags war die Innenstadt von Odessa zum Ziel der Attacke eines von der russischen Schwarzmeerflotte ausgeschickten Drohnen-Schwarms geworden. Der Angriff auf die wichtigste Hafenstadt des Landes erfolgte so unvermittelt wie plötzlich. Während sich die Ankunft von russischen Marschflugkörpern sonst durch das Heulen der Sirenen der Luftabwehr ankündigt, gab es diesmal keinerlei Vorwarnung. Entsprechend setzte auf den Straßen der Schwarzmeer-Metropole, die vor dem Krieg über eine Million Einwohner hatte, in der Sekunde, in der die Drohnen am Himmel über dem Zentrum sicht- und hörbar wurden, kurzfristig Panik ein.

    Während die gleichermaßen überraschte Luftabwehr aus allen Rohren feuerte, suchten die Menschen Deckung in Hauseingängen, Innenhöfen und allem, was sonst irgendwie Schutz versprach. So laute wie gefühlt endlose Flak-Salven, Sirenen im Dauereinsatz, mit Maschinengewehren in die Luft feuernde Soldaten, immer wieder durchbrochen von Einschlägen und Explosionen: Eine runde Viertelstunde lang fühlte es sich an, als ob Odessa, das rund 100 Kilometer westlich der Frontlinie liegt und trotz regelmäßiger Raketenangriffe bisher von gröberen Kampfhandlungen weitgehend verschont worden war, endgültig im Krieg angekommen war.

    Zwei Tote, zwei Verletzte

    Als sich die Lage wieder einigermaßen beruhigt hatte, lag über der Innenstadt jener Art von Schleier aus Rauch und Pulverdampf, den man sonst nur aus umkämpften Städten wie Charkiw kennt. Im Vergleich zu der Intensität, mit der die Odessiter den Angriff wahr nahmen – keine fünf Minuten, nachdem der Himmel über der Stadt wieder frei war, stellten viele von ihnen per Smartphone aufgenommen Videos online, deren Inhalte von dem allgemeinen Schock zeugten – fiel seine Bilanz laut den lokalen Militärbehörden am Ende relativ glimpflich aus: zwei Tote, zwei schwer Verletzte, vier zerstörte Gebäude.

    Die Tatsache, dass sich die Schäden und Verluste in Grenzen hielten, verdankte Odessa laut den Leuten, die für seine Verteidigung verantwortlich sind, dem Umstand, dass von den insgesamt acht Drohnen trotz ihrer späten Entdeckung sechs abgeschossen werden konnten. Wiewohl sich diese Angaben nicht letztgültig überprüfen lassen, herrscht indes kein Zweifel darüber, was ihr Fabrikat angeht.

    Bei den von Russland nach Odessa geschickten Drohnen, die laut übereinstimmenden Angaben westlicher Militärexperten bereits seit Wochen auch an der Front eingesetzt werden, handelt es sich um Kriegsgerät made in Teheran. Konkret um so genannte Unmanned Aerial Combat Vehicles (UACVs) vom Typ Shahed-136 und Mohajer 6, die das iranische Regime in den vergangenen Monaten Richtung Moskau geschickt hat. Bereits im Juli hatte die US-Regierung verlautbart, dass der Kreml erfolgreich auf die Lieferung der Drohnen gedrängt habe, die beträchtliche Aufklärungs- wie Angriffskapazitäten haben. Mittlerweile sollen mehrere hundert davon im Besitz der russischen Streitkräfte sein, deren Piloten zudem von iranischen Experten im Umgang mit ihnen geschult werden. Entsprechend fürchten jetzt nicht nur in Odessa viele Menschen, dass es sich bei dem Angriff am Freitag nur um einen Testlauf gehandelt habe.

    https://www.derstandard.at/story/2000139391913/russischer-angriff-auf-odessa-die-drohnen-der-mullahs

  12. Seit 21. September, als die Teilmobilmachung ausgerufen wurde, sind 98.000 russische Staatsbürger nach Kasachstan ausgereist.

    Kasachstan versucht dem einen Riegel vorzuschieben, indem die Behörden verlautbaren, Fahnenflüchtige unter bestimmten Bedingungen ausliefern zu wollen.

    (KP, 27.9.)

  13. Über vor allem Positionen Russlands und der Ukraine sei empfohlen:

    Kommunistische Organisation (KO):
    Podcast #21 – Reinhard Lauterbach über Russland, die Ukraine und den Krieg (23.07.2022)

    Wir haben den Osteuropakorrespondenten der jungen Welt interviewt. Dabei ging es u.a. um die Entwicklung der Russischen Föderation seit den 1990ern, die Genese der ukrainischen Nation und die Hintergründe des derzeitigen Krieges.

    https://www.youtube.com/watch?v=0s6141pAKjc

    https://kommunistische.org/allgemein/live-streams-vom-kommunismus-kongress-2022/

  14. Referent: Jonas Köper     Ukraine-Krieg: Seine drei Macher und ihre Gründe  (22.09.)

    Mehr als ein halbes Jahr Krieg in der Ukraine beweist, dass allen drei beteiligten Seiten ihre Gründe, ihn zu führen, so wichtig sind, dass sie sich von einer Fortsetzung bisher auch dadurch nicht haben abbringen lassen, dass sie sich wechselseitig den Preis für einen Sieg immer weiter in die Höhe treiben. „Die berechtigten Sicherheitsinteressen Russlands“, „Friedensordnung in Europa und der Welt“, „Freiheit, Unabhängigkeit und Souveränität für die Ukraine“:

    Für diese drei offensichtlich unverträglichen Güter wird seit über sechs Monaten in der Ukraine zerstört, getötet, gestorben. Dass sie es wert sind, verkünden die russischen, westlichen und ukrainischen Führer ihren Völkern am laufenden Band.

    Worin die Gründe bestehen und warum sie diesen Krieg notwendig machen, das wollen wir mit der Veranstaltung klären.

    Audio-Aufzeichnung:  https://kk-gruppe.net/ukraine-krieg-seine-drei-macher-und-ihre-gruende/

    https://kk-gruppe.net/wp-content/uploads/2022/09/kriegsgruende-b-20220922-verb.mp3

  15. Selenskyj bittet Scholz um Waffen und schärfere Sanktionen

    Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat Deutschland um weitere Waffenlieferungen an Kiew und die Verschärfung des geplanten achten EU-Sanktionspakets gegen Moskau gebeten. "Zum Thema Verteidigung habe ich unsere Erwartung an ein Raketenabwehrsystem aus Deutschland unterstrichen – vielen Dank für Ihre Hilfsbereitschaft bei der Luftverteidigung", sagte Selenskyj am Mittwoch in seiner täglichen Videoansprache nach einem Telefonat mit Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD).

    Beim Gespräch sei auch das neue Sanktionspaket der EU erörtert worden. "Stand heute gibt es zum achten Sanktionspaket noch etwas hinzuzufügen", forderte er. Neben dem Scholz-Telefonat, bei dem laut Selenskyj auch die mutmaßliche Sabotage an der Pipeline Nord Stream besprochen wurde, berichtete der ukrainische Präsident über weitere Gespräche – und bedankte sich in erster Linie beim türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan für dessen Vermittlung beim Gefangenenaustausch und die Militärkooperation. Bei US-Präsident Joe Biden bedankte er sich für die neuen Militärhilfen über 1,1 Milliarden Dollar.

    https://www.derstandard.at/jetzt/livebericht/2000139519635/1000281375/eu-kommission-kuendigt-nach-pipeline-lecks-belastungstests-an

    Das sind ja schöne Töne …

  16. Es brodelt in Russlands Hinterhof

    Während sich an Russlands Südflanke die Konfliktherde mehren, hadert das von Russland geführte Militärbündnis mit seiner Glaubwürdigkeit. Postsowjetische Staaten verlieren ihre Angst vor Moskau

    An Russlands Südflanke bebt es derzeit heftig. Die Gründe dafür sind jedoch vielmehr Waffendetonationen und wankende Allianzen, als seismische Aktivitäten. Rund 20.000 Kilometer Landgrenze trennen die Russische Föderation von ihren 14 direkten Nachbarn an Land – alleine acht davon sind aus der Zerfallsmasse der Sowjetunion wieder zu stolzen, eigenständigen Nationen erweckt worden. Aber auch die restlichen postsowjetischen Staaten gelten dem russischen Selbstverständnis nach immer noch fallweise als dessen "nahes Ausland", als russischer Hinterhof. Die Südflanke Russlands, das ist seit mindestens einem Jahrhundert Moskaus direkter Einflussbereich. Andere regionale Großmächte werden dort eigentlich nicht geduldet. Das ist jener Bereich, wo die mächtigen Herren im Kreml auch vor massiver Waffengewalt und der Aufopferung der eigenen Bevölkerung nicht zurückschrecken, um russische Interessen zu vertreten.

    Der Überfall auf die Ukraine seit 2014 mit der weiteren Eskalation im heurigen Jahr ist aktuell der stärkste Beweis dafür, der Krieg gegen Georgien, wo man mithilfe russischer Truppen seit 2008 ein Fünftel des Landes illegal besetzt hält, ein weiteres. Aber auch in der Ex-Sowjetrepublik Armenien war man in der Vergangenheit bereit, prorussische Interessen zu verteidigen. In der Vergangenheit wohlgemerkt.

    Im Fall Armeniens umso eifriger, weil es sich bei dessen Widersacher Aserbaidschan um ein turksprachiges Land handelt, das von dessen Schutzmacht Türkei militärisch massiv unterstützt wird. Zudem verfolgen die Türkei und Russland etwa in Syrien gänzlich unterschiedliche Interessen. Als sich der schwelende Konflikt um die umstrittene Region Bergkarabach 2020 erneut zu einem Krieg aufschaukelte, den Aserbaidschan trotz russischer Unterstützung Armeniens letztlich gewann, blieb Russland nur die Vermittlerrolle in einem brüchigen Friedensabkommen sowie die Stationierung russischer Friedenstruppen. Mitte September 2022 krachte es fernab von Bergkarabach allerdings schon wieder zwischen den zwei Ex-Sowjetrepubliken.

    Schwindender Respekt

    "Dass sich Aserbaidschan traut, nicht nur von russischen Friedenssoldaten kontrollierte Gebiete Bergkarabachs, sondern auch armenisches, völkerrechtlich völlig unumstrittenes Territorium anzugreifen, wäre nicht möglich, wenn nicht ein Großteil der russischen Truppen in der Ukraine gebunden wäre", sagt der Russland-Experte Gerhard Mangott von der Uni Innsbruck zum STANDARD. Selbst wenn es wollte, könnte Moskau aktuell nicht zur Verteidigung Armeniens schreiten, sagt Mangott. Nicht zuletzt deshalb seien die erneuten aserbaidschanischen Angriffe ein Anzeichen dafür, "dass der politische Respekt vor Russland zum Teil nicht mehr existiert".

    Die russische Nichthilfe für seinen Verbündeten Armenien untergräbt dabei nicht nur das allgemeine Vertrauen alliierter Kräfte in Moskau, es stellt auch ein russisch-dominiertes Militärbündnis ganz grundsätzlich infrage, die Organisation des Vertrags über kollektive Sicherheit, kurz: OVKS. Diese sieht sich immerhin zur Beibehaltung "der territorialen Integrität der Mitgliedstaaten" verpflichtet.

    Neben Russland und Armenien gehören auch Belarus, Kasachstan, Kirgisistan sowie Tadschikistan dem Bündnis – in dem auch Afghanistan und Serbien einen Beobachterstatus haben – an. Aserbaidschan ist nicht mehr dabei, weshalb die armenische Regierung auch die OVKS anrief und an die Beistandspflicht appellierte – immerhin verfügt die Organisation ähnlich dem berühmten Artikel 5 der Nato über einen Passus, der einen Angriff auf einen als Angriff auf alle Mitglieder wertet.

    Zwar ist in keinem Bündnisvertrag expliziert verankert, dass eine Reaktion immer auch eine militärische Antwort bedingt, betont Mangott, "das Selbstverständnis der Organisation war und ist es aber jedenfalls, dass bei einem Angriff auf einen Mitgliedsstaat eine militärische Reaktion erfolgen muss", so der Experte. Geschieht dies nicht, "untergräbt das natürlich das Vertrauen und den Glauben an die Sinnhaftigkeit dieses militärischen Bündnisses", sagt Mangott.

    Tatsächlich wurden die schnellen Eingreiftruppen der OVKS in der Vergangenheit nur äußerst selten aktiv. Im Jänner halfen sie dem kasachischen Machthaber und Präsidenten Kassym-Schomart Tokajew aber, die Massenproteste gegen sein Regime gewaltsam niederzuschlagen. Offiziell war die Rede von "kriminellen westlichen Kräften", die im postsowjetischen Raum angeblich wieder einmal eine Farbrevolution anzetteln würden. Berichte, wonach "russische Lastwagen, die sanktionierte Güter über kasachisches Territorium nach Russland bringen sollten, aber ausgerechnet in Kasachstan aufgehalten und festgesetzt wurden", zeigen ebenfalls den Respektverlust Russlands Alliierter, glaubt Mangott. Tokajew gelte in Moskau mittlerweile als Verräter.

    Hausgemachte Probleme

    Bleibt die Frage, wie viel Sicherheit diese Organisation in einem Raum kollektiver Unsicherheit noch bieten kann? Fernab der russischen Grenze, laut russischer Ansicht aber immer noch in dessen Einflussgebiet, kracht es im tadschikisch-kirgisischen Grenzbereich seit September mindestens ähnlich heftig wie im Südkaukasus. Russische Medien sprachen schnell von "Grenzscharmützeln" verarmter Sowjetrepubliken, wie sie nun einmal immer wieder vorkommen würden.

    Der Politikwissenschafter Emil Joroew betonte auf Twitter jedoch, dass es einen enormen Unterschied mache, ob es lediglich um "Grenzstreitigkeiten" oder "unverblümte Invasionen handelt, die großflächig und willkürliche zivile Opfer" in Kauf nehmen würden. Tatsächlich soll etwa die 10.000 Einwohner zählende kirgisische Stadt Batken, die mehr als zehn Kilometer von der noch immer nicht endgültig markierten und umstrittenen Grenze liegt, beschossen wurden sein. Die OVKS kann aktuell also nicht einmal die territoriale Integrität seiner Mitgliedsstaaten untereinander wahren, geschweige denn sie gegen Angriffe von außen verteidigen.

    Dabei sind viele der russischen Probleme an der südlichen Flanke des Staatsgebiets sozusagen "hausgemacht". Auch Mangott bezeichnet viele Grenzkonflikte als ein "sowjetisches Erbe". Die sogenannte Territorialisierung der Nationalitäten wurde 1924 auch schon von einer Grenzkommission im heutigen Konflikthotspot Ferghanatal zwischen Usbekistan, Tadschikistan und Kirgistan versucht. Die Grenzen der damaligen Sowjetrepubliken waren allerdings nur grob entlang ethnischer Zusammensetzung der Teilrepubliken ausgerichtet – der nationale Unabhängigkeitsgedanke innerhalb des Mutterstaates Sowjetunion sollte schließlich nicht überhandnehmen. Auch deshalb wurden ethnische Minderheiten mitunter bewusst in anderen Sowjetrepubliken angesiedelt, oder sie bekamen gewisse Autonomierechte zugesprochen.

    Abnabelung?

    Ebenfalls galt es, ökonomische und soziale Überlegungen mit der Grenzziehung zu respektieren. Das führte dazu, dass viele Grenzen heute noch "einfach nicht nachvollziehbar" sind und nicht "entlang irgendwelcher natürlicher Barrieren oder der ethnischen Zusammensetzung" aufgebaut sind, sagt Mangott. Damals in der Sowjetunion war das alles kein Problem, solange es eben alles nur weiche Grenzen innerhalb eines großen Landes waren, die jederzeit problemlos überquert werden konnten. Nach dem Auseinanderbrechen der Sowjetunion sollte der ethnische Nationalismus dann aber ein Revival feiern, sodass die Grenzen im postsowjetischen Raum immer wieder infrage gestellt werden.

    Grundsätzlich wird Russland kurz- bis mittelfristig weder willens noch fähig sein, sich dieser Unruheherde anzunehmen. In Kombination mit der militärischen Verwundbarkeit Russlands, die die Ukraine seit ihrer beeindruckenden Gegenoffensive aufzeigt, ist es letztlich gar möglich, dass eine selbstbewusstere Abnabelung der postsowjetischen Staaten gegenüber Russland stattfindet. Tatiana Zhurzhenko vom Zentrum für Osteuropa- und internationale Studien merkt an, dass die neue Generation von Politikern in den Ex-Sowjetrepubliken politisch wie kulturell nicht mehr in der Sowjetunion sozialisiert wurde. "Viele Politiker, vor allem aber ein großer Teil der Bevölkerung in diesen Staaten wollen nicht mehr so abhängig sein von Russland."

    Moldau nähert sich immer intensiver der EU an, die Ukraine nach einem etwaigen Kriegsende vermutlich auch. Zentralasiatische Staaten könnten sich vermehrt der wirklichen Regionalmacht China zuwenden. Und im südkaukasischen Georgien scherzte kürzlich Irakli Kobachidse, Generalsekretär der regierenden Partei Georgischer Traum, dass es womöglich an der Zeit sei, die Bevölkerung zu fragen, ob Georgien eine zweite Front zu Russland eröffnen soll, indem man mit einer Rückeroberung Abchasiens und Südossetiens beginnt.

    https://www.derstandard.at/story/2000139468791/es-brodelt-in-russlands-hinterhof

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