Pressespiegel El País, 17.9.: Militärische Perspektiven Rußlands

„RUSSLAND FEHLEN DIE KRÄFTE

Vladimir Dolin

Nach den erfolgreichen Offensiven der ukrainischen Truppen in Charkow und Cherson kam in Rußland das Thema der Mobilisierung auf die Tagesordnung. Die amtierenden Politiker versichern, daß es dazu nicht kommen wird. Aber Rußland sucht schon seit Monaten hektisch Kanonenfutter für den Ukrainekrieg. Man muß sich fragen, wie dieser Nachschub sich auf die Pläne an anderen Abschnitten seiner weiträumigen Grenzen (60.932 km) auswirken wird.
Der globale Ehrgeiz Rußlands befindet sich nicht in Einklang mit seiner Wirtschaft, seiner Geographie und seiner Bevölkerungsentwicklung. Putin steht vor dem Dilemma, entweder die Niederlage einzugestehen oder eine Generalmobilmachung auszurufen, was riskant ist, weil Waffen in den Händen des Volkes sich leicht gegen den Kreml wenden können, wie es bereits in der Geschichte Rußlands geschehen ist.“

Das ist allerdings im Augenblick das geringere Risiko. Was in erster Linie gegen eine Generalmobilmachung spricht, ist, daß gezwungene Soldaten schlechte Soldaten sind. Das hat sich am Einsatz der ukrainischen Streitkräfte gezeigt. Sie konnten ihre Erfolge in Charkow und Cherson nur feiern, weil sie jede Menge NATO-Unterstützung hatten, auch personelle.
Abgesehen davon hätte eine Generalmobilmachung auch wirtschaftliche Folgen: Rußland müßte auf Kriegswirtschaft umstellen, in kriegswichtige und nicht kriegswichtige Sektoren unterscheiden und die Bevölkerung auf eine Zeit von Blut, Schweiß und Tränen vorbereiten.
Die NATO-Kriegsführung zielt genau darauf hin, in der Hoffnung, damit Aufstände und Unruhen in Rußland auszulösen.

„Am 26. August unterzeichnete Präsident Putin ein Dekret, gemäß dem die russischen Streitkräfte um 137.000 Personen verstärkt werden sollen. Rußlands Armee hätte dann die Stärke von 1,150.000 Mann. Außerdem hat der Kreml die Staatsbetriebe und die Oligarchen dazu verpflichtet, auf eigene Kosten private militärische Einheiten aufzustellen, um sie den Tausenden von Söldnern einzugliedern, die bereits in der Ukraine kämpfen. Die russischen Regionen haben ungefähr 40 Bataillone aus sogenannten Freiwilligen aufgestellt, deren Ausbildung und Bezahlung sie aus ihren Mitteln bestreiten. Das Höchstalter für die Freiwilligen wurde angehoben – in manchen Provinzen bis auf 60 Jahre – und die gesundheitlichen Anforderungen wurden herabgesetzt. Da sich nicht genug Freiwillige melden, werben die privaten Söldnervereine Gefangene in Gefängnissen an. Das Oberhaupt der kaukasischen Republik Tschetschenien, Ramsan Kadyrow, hat alle russischen Regionen zur Generalmobilisierung aufgerufen.“

Das heißt, Kadyrow will damit der Zentralregierung die Initiative aus der Hand nehmen und die Regionen zu einer Art Wettbewerb aufrufen, wer Rußland am meisten zu verteidigen bereit ist.

„Das heißt, es gibt bereits eine verdeckte Generalmobilmachung.
Warum gibt es zuwenig Soldaten in Rußland?
Am Vorabend des Krieges war die offizielle Mannschaftsstärke der russischen Armee 4x so hoch wie die der ukrainischen. Es ist allerdings möglich, daß die reale Anzahl um einiges darunter lag.
Um in die Ukraine einzumarschieren, zog Rußland 250.000 Mann aus seinen 4 Militärbezirken zusammen.“

Rußland hat 5 Militärbezirke. Es fragt sich, ob der Analyst einen vergessen hat oder ob bei der Rekrutierung wirklich einer ausgespart blieb. Möglicherweise der Nordbezirk um Kaliningrad.

„Aber die Einheiten des westlichen Militärbezirkes kriegten bei den Kämpfen das meiste Fett ab und zahlten einen hohen Preis. Im täglichen Bericht des britischen Verteidigungsministeriums vom 13. September wird darauf hingewiesen, daß die I. Panzerarmee zu Anfang des Einmarsches schwere Verluste hinnehmen mußte und nach der ukrainischen Invasion in Charkow den Rückzug antrat.“

Es ist bemerkenswert, daß die westlichen Quellen immer auf die russischen Verluste zu Anfang der Invasion hinweisen. Daraus läßt sich schließen, daß es Rußland seither gelungen ist, seine Verluste zu minimieren, im Unterschied zu den ukrainischen Streitkräften, die im Sommer selbst hohe Verluste eingestanden.
Was offenbar nicht gelungen ist, darauf weist der Analyst hin, ist, diese Verluste wieder angemessen auszugleichen.

„In dem Bericht seht: »Der Krieg hat diese Armee – wie auch andere Einheiten des westlichen Militärbezirks – geschwächt und auf diese Weise die Fähigkeit Rußlands, im Konfliktfall der NATO etwas entgegenzusetzen. Es wird Jahre brauchen, bis dieses Potential wiederhergestellt werden wird.«
Als Ergebnis des Eintritts Finnlands in die NATO verlängert sich die Grenze dieses Bündnisses zu Rußland um 1272 Kilometer. Der russische Verteidigungsminister Schoigu veranschlagt die durch den NATO-Beitritt Schwedens und Finnlands gestiegenen Verteidigungsbedürfnisse Rußlands auf 12 neue Militäreinheiten, die erst noch zu schaffen sind.
Obwohl viele Soldaten aus dem östlichen – am besten dotierten – Militärbezirk an die Front geschickt wurden, kann der Kreml nicht so einfach Truppen aus dem Osten in den Westen des Landes verlegen, wie es mit den sibirischen Truppen während des II. Weltkriegs möglich war. Rußland hat nie einen Friedensvertrag mit Japan geschlossen und seine Oberhoheit über die Kurilen ist von Japan nicht anerkannt.“

Hier einige Hintergrundinformation zum östlichen Kriegsschauplatz im II. Weltkrieg.

„Tokio hat sein Militärbudget erhöht und Rußland muß das in seine Planungen einbeziehen. Außerdem muß Rußland mit seinen Truppen die Grenze in der Länge von 4209 Kilometer zu China absichern.
Moskau und China befanden sich in einem Kalten Krieg,“

– Hier muß man hinzufügen, damals noch nicht allzu lange –

„der in eine militärische Auseinandersetzung mündete, um den Besitz der Damanski-Insel.“

Die – übrigens unbewohnte – Damanski-Insel (chinesisch: Zhenbao Dao) wurde 2005 mit einem Vertrag von Rußland an China abgetreten.

„Zwischen 1991 und 2008 wurden die territorialen Konflikte zwischen Rußland und China gelöst, aber die Chinesen haben nicht vergessen, daß das russische Imperium sich im Fernen Osten Gebiete angeeignet hat, die sie als die ihrigen betrachten. Außerdem verursacht der Exodus von Sibirien ins Zentrum Rußlands die Entvölkerung großer Gebiete, wo Chinesen die Russen ersetzen.“

Das klingt so, als wäre dort alles in Ordnung. Aber das will der Analyst nicht behaupten, er spielt mit der Angst vor der „Gelben Gefahr“:

„Im Augenblick handelt es sich um eine friedliche Expansion. Unter diesen Bedingungen kann nur eine russische Militärpräsenz die Souveränität über Sibirien und den Fernen Osten garantieren. Rußland und China sind heute Partner, keine Verbündeten. Chinas Militärbudget 2019 betrug 177 Milliarden $, gegenüber dem russischen von 46 Milliarden.
Angesichts dieser Daten kann die Verlegung eines bedeutenden Militärkontingents aus dem Osten des Landes in die Ukraine die Verteidigung des Fernen Ostens und Sibiriens schwächen und und die Chinesen könnten in Versuchung kommen, das Verlorene zurückzuerobern.“

In der Möglichkeitsform spekuliert der Analyst mit territorialen Gelüsten Chinas, obwohl China in der gegenwärtigen Situation nichts weniger gebrauchen könnte als einen Konflikt mit Rußland, ihn daher sicher nicht aktiv suchen würde.
Angesichts der Bedrohungen seiner Seegrenzen durch USA und NATO ist es China nur recht, wenn an der Landgrenze mit Rußland Ruhe ist.

„Der zentrale Militärbezirk grenzt an Kasachstan, auf einer Länge von 7548 km. Die Machtübernahme der Taliban in Afghanistan und die Grenzkonflikte zwischen den zentralasiatischen Staaten nötigen Rußland, hier eine ausreichende Truppenpräsenz aufrechtzuerhalten, um Bedrohungen abwehren zu können. Das Eindringen der Taliban in Zentralasien gefährdet nicht nur die Staaten in dieser Region, sondern auch die russischen muslimischen Republiken von Bachkortostan und Tatarstan.“

Auch hier wird ein wenig mit Ängsten gespielt. Die Taliban sind seit ihrer Einnahme Afghanistans hauptsächlich mit internen Problemen beschäftigt. Wenn es eine Grenze gibt, die gefährdet ist, so ist es die umstrittene Durand-Grenze zu Pakistan. Es gibt praktisch keine Hinweise, daß sie nach Zentralasien „eingedrungen“ sein sollten.
Aber bei dieser Formulierung werden die muslimischen Minderheiten Rußlands zu einer Art Fünfter Kolonne erklärt, auf die man auch ständig ein Auge haben muß.

„In Georgien und Moldawien redet man von der Wiedereingliederung der sezessionistischen Gebiete. Der russische Militärbezirk Süd entsandte seine fähigsten Einheiten, namentlich die 58. Armee, mit Kampferfahrung aus Armenien und Georgien, in die Ukraine. Infolgedessen konnte die OVKS, deren Mitglieder Armenien und Rußland sind, ihrer Verpflichtung um Unterstützung nicht nachkommen, als Eriwan um Hilfe bat. In Aserbaidschan haben die Verantwortlichen entschieden, daß die Zeit zum Handeln reif war. In der Nacht zum 13. September eröffneten sie das Feuer auf armenisches Territorium. Rußland ist der Garant für Sicherheit in dieser Region, aber im Augenblick ist es zu sehr beschäftigt mit dem Ukrainekrieg. Nach der offiziellen Doktrin müßten die russischen Streitkräfte fähig sein, in zwei militärischen Konflikten gleichzeitig ihre Aufgaben wahrzunehmen, ohne zusätzlich mobilisieren zu müssen. Tatsächlich jedoch war Rußland nicht fähig, gleichzeitig die Auseinandersetzung zwischen Armenien und Aserbaidschan und den Ukrainekrieg zu betreuen.“

Es ist hier aber nicht nur eine Frage von genug oder nicht genug Soldaten.
Aserbaidschan ist ein enger Verbündeter der Türkei, und Aserbaidschan ist auch eine Öl- und Gas-Großmacht, verfügt also im Unterschied zu seinem angegriffenen Rivalen über ausreichend Mittel, um Armenien im Notfall auch zu überrennen.
Mit der Türkei kann und will sich Rußland aber keineswegs anlegen, weil unter anderem diese Regionalmacht den Schlüssel zu den Meerengen und damit zu einer weiteren Eskalation des Konfliktes hat:

„Hinter Aserbaidschan steht die Türkei, die sich anschickt, ihren Willen zur militärischen und politischen Dominanz über den Südkaukasus zu demonstrieren und ein ambivalentes Verhältnis zu Rußland hat. Das militärische Potential der Türkei übertrifft im Kaukasus dasjenige Rußlands. Daher kann Rußland nicht seine ganzen Streitkräfte in die Ukraine schicken, die langsam ihre technische Unterlegenheit gegenüber Rußland dank der Waffenlieferungen aus dem Westen ausgleicht. Allein der Umstand, daß sich die Ukraine im grausamsten Krieg in Europa seit 1945 erfolgreich verteidigt, ist eine nicht anerkannte Niederlage für Putin.

Außer der Mobilisierung oder dem Eingeständnis der Niederlage gibt es eine dritte Option: Den Einsatz von Atomwaffen. Aber diese Lösung ginge weit über den ukrainisch-russischen Krieg hinaus und würde eine globale Katastrophe hervorrufen.“

38 Gedanken zu “Pressespiegel El País, 17.9.: Militärische Perspektiven Rußlands

  1. "Nach den erfolgreichen Offensiven der ukrainischen Truppen in Charkow und Cherson …"

    Woher hat der Typ denn den Erfolg in Cherson?? Mit dieser Attacke hat sich die ukrainische Armee wohl doch eher eine blutige Niederlage eingehandelt ohne den russischen Truppen größere Verluste zuzufügen oder sie entscheidend zurückdrängen zu können.

    Rußland sucht schon seit Monaten hektisch Kanonenfutter für den Ukrainekrieg

    Wirklich? Es sieht doch eher so aus, daß Putin vorgegeben hat, daß die russischen Soldaten gerade kein Kanonenfutter werden, sondern dank der überlegenen Artillerie der russischen Truppen, die AFU-Soldaten in großer Zahl umkommen oder zumindest außer Gefecht gesetzt werden.

    Der globale Ehrgeiz Rußlands befindet sich nicht in Einklang mit seiner Wirtschaft, seiner Geographie und seiner Bevölkerungsentwicklung. 

    Will Rußland denn, so wie die USA wirklich auf der ganzen Welt militärisch eingreifen? Bisher tun sie das mit bescheidenen rund 150.000 Mann doch nur in der Ukraine.

    Putin steht vor dem Dilemma, entweder die Niederlage einzugestehen oder eine Generalmobilmachung auszurufen, was riskant ist,

    Es hat aber bisher gar keine Niederlage gegeben, nur der Gebietsverlust vor Charkow ist sowas gewesen, hat aber die Kampfkraft der Truppen wohl nur marginal eingeschränkt und eher die Ukraine militärisch geschwächt, weil sicher ein bedeutender Teil von deren Reserven bei den beiden Angriffsaktionen ausgeblutet wurden. Offensichtlich denkt Putin ja, daß die bisherige Taktik, die ukrainischen Verbände einfach solange in ihren Stellungen zuzubombardieren, bis deren schweres Gerät zerhauen und deren Truppen außer Gefecht gesetzt werden, noch eine ganze Weile weitergeführt werden kann, soviel mehr Waffen als Nachschub erwartet die russische Führung offensichtlich nicht, als daß sie das jetzt panisch machen würde.

  2. Das ist alles zu bedenken, was du bemerkst.

    Allerdings sind verschiedene Dinge, wie die mittelasiatischen und Kaukasus-Fronten, auch nicht von der Hand zu weisen.

  3. Ganz interessante Debatte aus dem Standard-Forum:

    London: Russische Marine verlegt U-Boote zurück nach Russland

    Die russische Schwarzmeerflotte hat einige ihrer U-Boote aus dem Hafen von Sewastopol auf der Krim nach Noworossijsk in der Region Krasnodar im Süden Russlands verlegt, teilt das britische Militär mit.

    Die Verlegung sei wahrscheinlich auf die jüngste Änderung der lokalen Sicherheitsbedrohungslage angesichts der verstärkten ukrainischen Langstreckenschlagskapazitäten zurückzuführen, teilte das Verteidigungsministerium in seinem täglichen Lagebericht auf Twitter mit.

    Kommentar I:
    U-Boote sind in diesem Krieg ziemlich obsolet.
    Eine ukrainische Angriffsflotte ist nicht vorhanden, kein atomarer Erst-, Zweitschlag in Sicht und die paar Marschflugkörper können auch von anderer Stelle abgefeuert werden.

    Kommentar II:
    Kann es sein, dass die UBoote mit neuen Langstreckenraketen bestückt werden müssen und deshalb einen anderen Heimathafen ansteuern? Eventuell ist es für solch wichtiges Gut zu gefährlich auf der Krim geworden.

  4. Der sehr verläßliche Korrespondent des ORF in der Ukraine, Christian Wehrschütz, hat die Lage heute in den Abendnachrichten so kommentiert:

    Mit den Referenden in der Ostukraine will Rußland diese Gebiete an Rußland anschließen, um dann wirklich den Verteidigungsfall ausrufen zu können und den Krieg zu erklären.
    Durch die Wortwahl der „Spezialoperation“ hat sich nämlich Rußland selbst verfassungsmäßig die Hände gebunden, weil es erstens nur im Kriegsfall eine Generalmobilmachung ausrufen kann.
    Zweitens ist dann auch die Atom-Option offen …

    Was die ukrainische Seite angeht, vermutet er, daß sie noch vor dem Winter eine Offensive starten wollen, um der russischen Seite noch etwas an Territorium zu entreißen, bevor der Winter die Kampfhandlungen erschwert.

    Auch ihm war etwas mulmig zumute, er meinte, das sei die schwerste Krise seit der Kuba-Krise.

  5. Der Ex-US-Generalleutnant Ben Hodges, der mehrere Jahre Oberkommandierender der US-Streitkräfte in Europa war, ist sich sicher, dass die Teilmobilisierung "keine große Wirkung" haben werde. "Ohne massive Artillerieunterstützung werden diese neuen Soldaten reines Kanonenfutter sein", sagt er der "Bild"-Zeitung.

    Im Winter säßen die russischen Soldaten in kalten, nassen Schützengräben, während die ukrainischen Streitkräfte weiter vorrückten, so Hodges, der leitender Forscher bei der US-Denkfabrik CEPA ist. "Zum Leidwesen dieser Soldaten verliert die russische Artillerie durch die ukrainischen Angriffe auf das logistische System, das die Munition zu den Geschützen bringt, immer mehr an Wirksamkeit."
    https://www.spiegel.de/ausland/ex-praesident-in-den-usa-warum-die-neue-klage-gegen-donald-trump-so-heikel-ist-a-9edb4fa7-4713-45d0-9fbf-dfce3f04e23b#ref=rss#rssowlmlink

    Und ich dachte bisher, daß es genau anders rum ist: Die russische Artillerie ist der ukrainischen haushoch überlegen, der Ukraine geht eher die Munition aus als Rußland, auch wenn die HIMARS-Angriffe sicherlich einen beträchtlichen Teil des russischen Nachschubs ausgeschaltet haben.
    Ein weiteres "Vorrücken" der ukrainischen Streitkräfte scheint mir so gut wie ausgeschlossen zu sein, einerseits, weil sicher der größte Teil der dafür zur Verfügung stehenden Einheiten in den beiden Offensivversuchen bei Cherson und Charkow massiv an Kampfkraft verloren hat, und ich zudem nicht sehe, wo eventuell noch vorhandene frische ukrainische Truppen denn überhaupt noch angreifen könnten ohne auf massivste russische Gegenwehr aus verschanzten und verbunkerten Stellungen zu treffen, in der Mitte um Sporischja vielleicht, aber sicher nicht im Donbass-Gebiet.

  6. Das Wesentliche scheint mir zu sein, daß keine der beiden Seiten auch nur einen Zentimeter nachgeben will und mit den Atomwaffen wedelt.

  7. Daß beide Seiten nicht nachgeben wollen, ist bei einem Krieg häufig so, der beiden Seiten als noch nicht entschieden gilt. Wobei Ich nicht sehe, wie denn die Ukraine ihre Kriegsziele noch erreichen könnte.
    Was die Atomwaffen angeht, die beide Seiten haben und auf die beide Seiten immer wieder hinweisen, so denke ich, das bisher beide Seiten den Krieg nicht so geführt haben, als wenn sie eine Eskalation bis zum Einsatz von Atomwaffen einkalkulieren. Jedenfalls führen beide Seiten den Krieg so nicht. Die NATO z.B. ist erst mal offiziell immer noch keine Kriegspartei (sie führt "nur"  einen Wirtschaftskrieg gegen Rußland), und defakto hat sie sich auch zurückgehalten und der Ukraine eine Reihe von wichtigen Waffensystemen bisher *nicht* geliefert, weder weitreichende Raketen, die direkt Ziele in Rußland angreifen könnten, noch Kampfpanzer wie den Leopard 2 oder den Abrams. Umgekehrt hat Rußland den Krieg bisher auch zurückhaltend geführt und nur die Front angegriffen, die Restukraine aber weitgehend in Ruhe gelassen bis auf ein paar Demonstrationen, daß sie auch anders könnten, wenn sie wollten.

  8. Deine Worte in Gottes Ohr.

    Ich erinnere mich, daß es bei der Krim immer wieder Drohungen gegeben hat und gerade an der Frage der Krim scheint keine der beiden Seiten nachgeben zu wollen.

  9. Aber das "Gute" an der Krim-Frage ist doch, daß die USA bisher der Ukraine Angriffe auf die Kertshc-Brücke untersagt haben, weil es dann ums Eingemachte gehen würde. Wie auch immer der Krieg ausgehen mag (jedenfalls solange es keinen dritten atomaren Weltkrieg gibt), die Krim wird hinterher immer noch zu Rußland gehören.

  10. Der Generalleutnant Guruljew sagt in einem Interview, daß er mit einem langen Krieg rechnet, und erwähnt die Jahre 2027-2030.

    „Es geht hier nicht um die Ukraine. Sondern um den globalen Westen. Erst wenn die Welt einen anderen Aufbau erhält, geht dieser Krieg zu Ende.“

    (KP, 24.9.)

    Schluck!

  11. Russischer Angriff auf Odessa: Die Drohnen der Mullahs

    Der Angriff auf die Hafenstadt Odessa führt zu einer diplomatischen Eiszeit zwischen Kiew und Teheran. Der Iran hatte die Drohnen an Russland geliefert

    Am Hafen von Odessa simmerten noch die letzten Glutnester, als in Kiew ein neues Feuer ausbrach. Anders als im ersten Fall beschränkten sich die Folgen letzteren auf die diplomatische Front. Per Twitter bestätigte Oleg Nikolenko, der Sprecher des Außenministeriums der Ukraine, was Präsident Wolodymyr Selenskyj bereits am Vorabend angekündigt hatte. Ihr Land entzieht dem Botschafter des Iran mit sofortiger Wirkung die Akkreditierung. Weiteren Beamten der Islamischen Republik, die in der ukrainischen Hauptstadt ihren Dienst versehen, wurde ebenfalls unmissverständlich die Ausreise nahe gelegt. Der drastische Schritt bildet die bislang letzte Konsequenz einer Eskalation der russischen Kriegsführung, die am Freitagnachmittag im Süden der Ukraine eine neue Stufe erreichte.

    Angriff ohne Vorwarnung

    Kurz vor drei Uhr nachmittags war die Innenstadt von Odessa zum Ziel der Attacke eines von der russischen Schwarzmeerflotte ausgeschickten Drohnen-Schwarms geworden. Der Angriff auf die wichtigste Hafenstadt des Landes erfolgte so unvermittelt wie plötzlich. Während sich die Ankunft von russischen Marschflugkörpern sonst durch das Heulen der Sirenen der Luftabwehr ankündigt, gab es diesmal keinerlei Vorwarnung. Entsprechend setzte auf den Straßen der Schwarzmeer-Metropole, die vor dem Krieg über eine Million Einwohner hatte, in der Sekunde, in der die Drohnen am Himmel über dem Zentrum sicht- und hörbar wurden, kurzfristig Panik ein.

    Während die gleichermaßen überraschte Luftabwehr aus allen Rohren feuerte, suchten die Menschen Deckung in Hauseingängen, Innenhöfen und allem, was sonst irgendwie Schutz versprach. So laute wie gefühlt endlose Flak-Salven, Sirenen im Dauereinsatz, mit Maschinengewehren in die Luft feuernde Soldaten, immer wieder durchbrochen von Einschlägen und Explosionen: Eine runde Viertelstunde lang fühlte es sich an, als ob Odessa, das rund 100 Kilometer westlich der Frontlinie liegt und trotz regelmäßiger Raketenangriffe bisher von gröberen Kampfhandlungen weitgehend verschont worden war, endgültig im Krieg angekommen war.

    Zwei Tote, zwei Verletzte

    Als sich die Lage wieder einigermaßen beruhigt hatte, lag über der Innenstadt jener Art von Schleier aus Rauch und Pulverdampf, den man sonst nur aus umkämpften Städten wie Charkiw kennt. Im Vergleich zu der Intensität, mit der die Odessiter den Angriff wahr nahmen – keine fünf Minuten, nachdem der Himmel über der Stadt wieder frei war, stellten viele von ihnen per Smartphone aufgenommen Videos online, deren Inhalte von dem allgemeinen Schock zeugten – fiel seine Bilanz laut den lokalen Militärbehörden am Ende relativ glimpflich aus: zwei Tote, zwei schwer Verletzte, vier zerstörte Gebäude.

    Die Tatsache, dass sich die Schäden und Verluste in Grenzen hielten, verdankte Odessa laut den Leuten, die für seine Verteidigung verantwortlich sind, dem Umstand, dass von den insgesamt acht Drohnen trotz ihrer späten Entdeckung sechs abgeschossen werden konnten. Wiewohl sich diese Angaben nicht letztgültig überprüfen lassen, herrscht indes kein Zweifel darüber, was ihr Fabrikat angeht.

    Bei den von Russland nach Odessa geschickten Drohnen, die laut übereinstimmenden Angaben westlicher Militärexperten bereits seit Wochen auch an der Front eingesetzt werden, handelt es sich um Kriegsgerät made in Teheran. Konkret um so genannte Unmanned Aerial Combat Vehicles (UACVs) vom Typ Shahed-136 und Mohajer 6, die das iranische Regime in den vergangenen Monaten Richtung Moskau geschickt hat. Bereits im Juli hatte die US-Regierung verlautbart, dass der Kreml erfolgreich auf die Lieferung der Drohnen gedrängt habe, die beträchtliche Aufklärungs- wie Angriffskapazitäten haben. Mittlerweile sollen mehrere hundert davon im Besitz der russischen Streitkräfte sein, deren Piloten zudem von iranischen Experten im Umgang mit ihnen geschult werden. Entsprechend fürchten jetzt nicht nur in Odessa viele Menschen, dass es sich bei dem Angriff am Freitag nur um einen Testlauf gehandelt habe.

    https://www.derstandard.at/story/2000139391913/russischer-angriff-auf-odessa-die-drohnen-der-mullahs

  12. Seit 21. September, als die Teilmobilmachung ausgerufen wurde, sind 98.000 russische Staatsbürger nach Kasachstan ausgereist.

    Kasachstan versucht dem einen Riegel vorzuschieben, indem die Behörden verlautbaren, Fahnenflüchtige unter bestimmten Bedingungen ausliefern zu wollen.

    (KP, 27.9.)

  13. Über vor allem Positionen Russlands und der Ukraine sei empfohlen:

    Kommunistische Organisation (KO):
    Podcast #21 – Reinhard Lauterbach über Russland, die Ukraine und den Krieg (23.07.2022)

    Wir haben den Osteuropakorrespondenten der jungen Welt interviewt. Dabei ging es u.a. um die Entwicklung der Russischen Föderation seit den 1990ern, die Genese der ukrainischen Nation und die Hintergründe des derzeitigen Krieges.

    https://www.youtube.com/watch?v=0s6141pAKjc

    https://kommunistische.org/allgemein/live-streams-vom-kommunismus-kongress-2022/

  14. Referent: Jonas Köper     Ukraine-Krieg: Seine drei Macher und ihre Gründe  (22.09.)

    Mehr als ein halbes Jahr Krieg in der Ukraine beweist, dass allen drei beteiligten Seiten ihre Gründe, ihn zu führen, so wichtig sind, dass sie sich von einer Fortsetzung bisher auch dadurch nicht haben abbringen lassen, dass sie sich wechselseitig den Preis für einen Sieg immer weiter in die Höhe treiben. „Die berechtigten Sicherheitsinteressen Russlands“, „Friedensordnung in Europa und der Welt“, „Freiheit, Unabhängigkeit und Souveränität für die Ukraine“:

    Für diese drei offensichtlich unverträglichen Güter wird seit über sechs Monaten in der Ukraine zerstört, getötet, gestorben. Dass sie es wert sind, verkünden die russischen, westlichen und ukrainischen Führer ihren Völkern am laufenden Band.

    Worin die Gründe bestehen und warum sie diesen Krieg notwendig machen, das wollen wir mit der Veranstaltung klären.

    Audio-Aufzeichnung:  https://kk-gruppe.net/ukraine-krieg-seine-drei-macher-und-ihre-gruende/

    https://kk-gruppe.net/wp-content/uploads/2022/09/kriegsgruende-b-20220922-verb.mp3

  15. Selenskyj bittet Scholz um Waffen und schärfere Sanktionen

    Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat Deutschland um weitere Waffenlieferungen an Kiew und die Verschärfung des geplanten achten EU-Sanktionspakets gegen Moskau gebeten. "Zum Thema Verteidigung habe ich unsere Erwartung an ein Raketenabwehrsystem aus Deutschland unterstrichen – vielen Dank für Ihre Hilfsbereitschaft bei der Luftverteidigung", sagte Selenskyj am Mittwoch in seiner täglichen Videoansprache nach einem Telefonat mit Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD).

    Beim Gespräch sei auch das neue Sanktionspaket der EU erörtert worden. "Stand heute gibt es zum achten Sanktionspaket noch etwas hinzuzufügen", forderte er. Neben dem Scholz-Telefonat, bei dem laut Selenskyj auch die mutmaßliche Sabotage an der Pipeline Nord Stream besprochen wurde, berichtete der ukrainische Präsident über weitere Gespräche – und bedankte sich in erster Linie beim türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan für dessen Vermittlung beim Gefangenenaustausch und die Militärkooperation. Bei US-Präsident Joe Biden bedankte er sich für die neuen Militärhilfen über 1,1 Milliarden Dollar.

    https://www.derstandard.at/jetzt/livebericht/2000139519635/1000281375/eu-kommission-kuendigt-nach-pipeline-lecks-belastungstests-an

    Das sind ja schöne Töne …

  16. Es brodelt in Russlands Hinterhof

    Während sich an Russlands Südflanke die Konfliktherde mehren, hadert das von Russland geführte Militärbündnis mit seiner Glaubwürdigkeit. Postsowjetische Staaten verlieren ihre Angst vor Moskau

    An Russlands Südflanke bebt es derzeit heftig. Die Gründe dafür sind jedoch vielmehr Waffendetonationen und wankende Allianzen, als seismische Aktivitäten. Rund 20.000 Kilometer Landgrenze trennen die Russische Föderation von ihren 14 direkten Nachbarn an Land – alleine acht davon sind aus der Zerfallsmasse der Sowjetunion wieder zu stolzen, eigenständigen Nationen erweckt worden. Aber auch die restlichen postsowjetischen Staaten gelten dem russischen Selbstverständnis nach immer noch fallweise als dessen "nahes Ausland", als russischer Hinterhof. Die Südflanke Russlands, das ist seit mindestens einem Jahrhundert Moskaus direkter Einflussbereich. Andere regionale Großmächte werden dort eigentlich nicht geduldet. Das ist jener Bereich, wo die mächtigen Herren im Kreml auch vor massiver Waffengewalt und der Aufopferung der eigenen Bevölkerung nicht zurückschrecken, um russische Interessen zu vertreten.

    Der Überfall auf die Ukraine seit 2014 mit der weiteren Eskalation im heurigen Jahr ist aktuell der stärkste Beweis dafür, der Krieg gegen Georgien, wo man mithilfe russischer Truppen seit 2008 ein Fünftel des Landes illegal besetzt hält, ein weiteres. Aber auch in der Ex-Sowjetrepublik Armenien war man in der Vergangenheit bereit, prorussische Interessen zu verteidigen. In der Vergangenheit wohlgemerkt.

    Im Fall Armeniens umso eifriger, weil es sich bei dessen Widersacher Aserbaidschan um ein turksprachiges Land handelt, das von dessen Schutzmacht Türkei militärisch massiv unterstützt wird. Zudem verfolgen die Türkei und Russland etwa in Syrien gänzlich unterschiedliche Interessen. Als sich der schwelende Konflikt um die umstrittene Region Bergkarabach 2020 erneut zu einem Krieg aufschaukelte, den Aserbaidschan trotz russischer Unterstützung Armeniens letztlich gewann, blieb Russland nur die Vermittlerrolle in einem brüchigen Friedensabkommen sowie die Stationierung russischer Friedenstruppen. Mitte September 2022 krachte es fernab von Bergkarabach allerdings schon wieder zwischen den zwei Ex-Sowjetrepubliken.

    Schwindender Respekt

    "Dass sich Aserbaidschan traut, nicht nur von russischen Friedenssoldaten kontrollierte Gebiete Bergkarabachs, sondern auch armenisches, völkerrechtlich völlig unumstrittenes Territorium anzugreifen, wäre nicht möglich, wenn nicht ein Großteil der russischen Truppen in der Ukraine gebunden wäre", sagt der Russland-Experte Gerhard Mangott von der Uni Innsbruck zum STANDARD. Selbst wenn es wollte, könnte Moskau aktuell nicht zur Verteidigung Armeniens schreiten, sagt Mangott. Nicht zuletzt deshalb seien die erneuten aserbaidschanischen Angriffe ein Anzeichen dafür, "dass der politische Respekt vor Russland zum Teil nicht mehr existiert".

    Die russische Nichthilfe für seinen Verbündeten Armenien untergräbt dabei nicht nur das allgemeine Vertrauen alliierter Kräfte in Moskau, es stellt auch ein russisch-dominiertes Militärbündnis ganz grundsätzlich infrage, die Organisation des Vertrags über kollektive Sicherheit, kurz: OVKS. Diese sieht sich immerhin zur Beibehaltung "der territorialen Integrität der Mitgliedstaaten" verpflichtet.

    Neben Russland und Armenien gehören auch Belarus, Kasachstan, Kirgisistan sowie Tadschikistan dem Bündnis – in dem auch Afghanistan und Serbien einen Beobachterstatus haben – an. Aserbaidschan ist nicht mehr dabei, weshalb die armenische Regierung auch die OVKS anrief und an die Beistandspflicht appellierte – immerhin verfügt die Organisation ähnlich dem berühmten Artikel 5 der Nato über einen Passus, der einen Angriff auf einen als Angriff auf alle Mitglieder wertet.

    Zwar ist in keinem Bündnisvertrag expliziert verankert, dass eine Reaktion immer auch eine militärische Antwort bedingt, betont Mangott, "das Selbstverständnis der Organisation war und ist es aber jedenfalls, dass bei einem Angriff auf einen Mitgliedsstaat eine militärische Reaktion erfolgen muss", so der Experte. Geschieht dies nicht, "untergräbt das natürlich das Vertrauen und den Glauben an die Sinnhaftigkeit dieses militärischen Bündnisses", sagt Mangott.

    Tatsächlich wurden die schnellen Eingreiftruppen der OVKS in der Vergangenheit nur äußerst selten aktiv. Im Jänner halfen sie dem kasachischen Machthaber und Präsidenten Kassym-Schomart Tokajew aber, die Massenproteste gegen sein Regime gewaltsam niederzuschlagen. Offiziell war die Rede von "kriminellen westlichen Kräften", die im postsowjetischen Raum angeblich wieder einmal eine Farbrevolution anzetteln würden. Berichte, wonach "russische Lastwagen, die sanktionierte Güter über kasachisches Territorium nach Russland bringen sollten, aber ausgerechnet in Kasachstan aufgehalten und festgesetzt wurden", zeigen ebenfalls den Respektverlust Russlands Alliierter, glaubt Mangott. Tokajew gelte in Moskau mittlerweile als Verräter.

    Hausgemachte Probleme

    Bleibt die Frage, wie viel Sicherheit diese Organisation in einem Raum kollektiver Unsicherheit noch bieten kann? Fernab der russischen Grenze, laut russischer Ansicht aber immer noch in dessen Einflussgebiet, kracht es im tadschikisch-kirgisischen Grenzbereich seit September mindestens ähnlich heftig wie im Südkaukasus. Russische Medien sprachen schnell von "Grenzscharmützeln" verarmter Sowjetrepubliken, wie sie nun einmal immer wieder vorkommen würden.

    Der Politikwissenschafter Emil Joroew betonte auf Twitter jedoch, dass es einen enormen Unterschied mache, ob es lediglich um "Grenzstreitigkeiten" oder "unverblümte Invasionen handelt, die großflächig und willkürliche zivile Opfer" in Kauf nehmen würden. Tatsächlich soll etwa die 10.000 Einwohner zählende kirgisische Stadt Batken, die mehr als zehn Kilometer von der noch immer nicht endgültig markierten und umstrittenen Grenze liegt, beschossen wurden sein. Die OVKS kann aktuell also nicht einmal die territoriale Integrität seiner Mitgliedsstaaten untereinander wahren, geschweige denn sie gegen Angriffe von außen verteidigen.

    Dabei sind viele der russischen Probleme an der südlichen Flanke des Staatsgebiets sozusagen "hausgemacht". Auch Mangott bezeichnet viele Grenzkonflikte als ein "sowjetisches Erbe". Die sogenannte Territorialisierung der Nationalitäten wurde 1924 auch schon von einer Grenzkommission im heutigen Konflikthotspot Ferghanatal zwischen Usbekistan, Tadschikistan und Kirgistan versucht. Die Grenzen der damaligen Sowjetrepubliken waren allerdings nur grob entlang ethnischer Zusammensetzung der Teilrepubliken ausgerichtet – der nationale Unabhängigkeitsgedanke innerhalb des Mutterstaates Sowjetunion sollte schließlich nicht überhandnehmen. Auch deshalb wurden ethnische Minderheiten mitunter bewusst in anderen Sowjetrepubliken angesiedelt, oder sie bekamen gewisse Autonomierechte zugesprochen.

    Abnabelung?

    Ebenfalls galt es, ökonomische und soziale Überlegungen mit der Grenzziehung zu respektieren. Das führte dazu, dass viele Grenzen heute noch "einfach nicht nachvollziehbar" sind und nicht "entlang irgendwelcher natürlicher Barrieren oder der ethnischen Zusammensetzung" aufgebaut sind, sagt Mangott. Damals in der Sowjetunion war das alles kein Problem, solange es eben alles nur weiche Grenzen innerhalb eines großen Landes waren, die jederzeit problemlos überquert werden konnten. Nach dem Auseinanderbrechen der Sowjetunion sollte der ethnische Nationalismus dann aber ein Revival feiern, sodass die Grenzen im postsowjetischen Raum immer wieder infrage gestellt werden.

    Grundsätzlich wird Russland kurz- bis mittelfristig weder willens noch fähig sein, sich dieser Unruheherde anzunehmen. In Kombination mit der militärischen Verwundbarkeit Russlands, die die Ukraine seit ihrer beeindruckenden Gegenoffensive aufzeigt, ist es letztlich gar möglich, dass eine selbstbewusstere Abnabelung der postsowjetischen Staaten gegenüber Russland stattfindet. Tatiana Zhurzhenko vom Zentrum für Osteuropa- und internationale Studien merkt an, dass die neue Generation von Politikern in den Ex-Sowjetrepubliken politisch wie kulturell nicht mehr in der Sowjetunion sozialisiert wurde. "Viele Politiker, vor allem aber ein großer Teil der Bevölkerung in diesen Staaten wollen nicht mehr so abhängig sein von Russland."

    Moldau nähert sich immer intensiver der EU an, die Ukraine nach einem etwaigen Kriegsende vermutlich auch. Zentralasiatische Staaten könnten sich vermehrt der wirklichen Regionalmacht China zuwenden. Und im südkaukasischen Georgien scherzte kürzlich Irakli Kobachidse, Generalsekretär der regierenden Partei Georgischer Traum, dass es womöglich an der Zeit sei, die Bevölkerung zu fragen, ob Georgien eine zweite Front zu Russland eröffnen soll, indem man mit einer Rückeroberung Abchasiens und Südossetiens beginnt.

    https://www.derstandard.at/story/2000139468791/es-brodelt-in-russlands-hinterhof

  17. Der nächste General ist an der Reihe: Putin wechselt erneut seinen Oberbefehlshaber im Ukraine-Krieg aus

    General Surowikin, der Favorit vieler Hardliner in Moskau, hat seine bisherige Führungsrolle verloren. Seine Ausbootung hat mit militärischer Logik wenig zu tun. Es geht vielmehr um einen Machtpoker hinter den Kremlmauern.

    Dwornikow, Schidko, Surowikin und nun Gerasimow: Der russische Grosskrieg gegen die Ukraine dauert noch keine elf Monate, und doch holt sich Präsident Putin bereits den nächsten – mittlerweile den vierten – Oberbefehlshaber für sein verlustreiches Abenteuer. Künftig soll Waleri Gerasimow, der Generalstabschef der russischen Streitkräfte, persönlich das Kommando über die Operationen im Nachbarland führen. Als höchster Offizier des Landes spielte er schon bisher eine zentrale Rolle. Die am Mittwoch vom Verteidigungsministerium in Moskau völlig überraschend verkündete neue Kommandostruktur hat jedoch zur Folge, dass der bisherige Ukraine-Befehlshaber, General Sergei Surowikin, ins zweite Glied versetzt wird.

    Er ist künftig nur noch als Stellvertreter in die Leitung der «militärischen Spezialoperation» eingebunden. Ausserdem werden ihm zwei weitere Generäle gleichrangig zur Seite gestellt. Die Umbesetzung wirkt daher wie ein grobschlächtiges bürokratisches Manöver, um Surowikin kaltzustellen. Nun zeigt sich, dass Putin im vergangenen Oktober nur ein taktisches Zugeständnis machte, als er diesen General zähneknirschend beförderte.

    Die Stunde der Rache

    Surowikin war ihm damals regelrecht aufgedrängt worden, und zwar von einer Gruppe forscher Militaristen, die nach den vielen Rückschlägen in der Ukraine den Moskauer Generalstab immer lauter kritisierten. Allen voran pries der Chef der paramilitärischen Wagner-Truppe, Jewgeni Prigoschin, den bulligen Glatzkopf Surowikin als den fähigsten General des Landes. Ähnliches Lob kam vom tschetschenischen Machthaber Ramsan Kadyrow. Eine Weile lang genoss Surowikin, bis dahin der Chef von Russlands Luftstreitkräften, in den Staatsmedien einen Heldenstatus. Nun jedoch schlug für das Lager um Generalstabschef Gerasimow offensichtlich die Stunde der Rache.

    Die Vorgänge hinter den dicken Kremlmauern bleiben Aussenstehenden vielfach ein Rätsel. Aber offensichtlich sah Putin die Notwendigkeit, die Machtverhältnisse im Sicherheitsapparat neu auszubalancieren. Aufschlussreich ist dabei besonders der Zeitpunkt: Noch am Vortag hatte Prigoschin triumphierend die Eroberung der ostukrainischen Stadt Soledar verkündet und betont, dies sei ganz allein das Werk seiner Parallelarmee, der Gruppe Wagner. Hatte er gehofft, aus diesem Sieg machtpolitische Dividenden herauszuholen, so sieht er sich nun getäuscht.

    Viel deutet darauf hin, dass man in Moskau dem vorlauten Militärunternehmer den Erfolg nicht gönnen will und seinen Ambitionen entgegentritt. Nicht nur hat das Verteidigungsministerium mit Surowikin den wichtigsten Verbündeten Prigoschins in der Armee auf ein Nebengleis geschoben. Es hat am Mittwoch auch geradezu maliziös betont, dass in Soledar weiterhin Kämpfe in Gang seien, und hob dabei den Einsatz von Luftlandetruppen und Luftwaffe hervor. Die Gruppe Wagner fand in der offiziellen Verlautbarung nicht die geringste Erwähnung.

    Zu diesen Intrigen passt, dass der Kreml Anfang der Woche einen alten Gegner des Tandems Prigoschin-Kadyrow aus der Versenkung holte: Generaloberst Alexander Lapin. Dieser sah im vergangenen Jahr lange Zeit wie Putins Lieblingsoffizier in der Ukraine aus, wurde dann aber nach dem Debakel in der Provinz Charkiw zur Zielscheibe der Hardliner. Ende Oktober liess ihn der Kreml fallen, Lapin musste jäh einen «Erholungsurlaub» antreten. Nun ist er laut Informationen aus Regierungskreisen zurück, formal sogar in einer höheren Position als vorher, als neuer Stabschef der russischen Landstreitkräfte.

    Auch dies wirkt wie eine Revanche der traditionellen Generalskaste gegenüber Emporkömmlingen wie Prigoschin und überhaupt allen Kritikern. Lapin stammt aus derselben Stadt wie Generalstabschef Gerasimow und hat dieselbe Offiziersschule besucht; jemanden wie ihn lässt man nicht einfach im Regen stehen.

    Vor Wut kochen dafür nun jene Militaristen, die seit langem den totalen Krieg fordern und – mit durchaus guten Argumenten – über die Unfähigkeit hoher Generäle lamentieren. Der grossrussische Nationalist und frühere «Verteidigungsminister» der Donezker Separatisten Igor Girkin äusserte sich fassungslos über die Beförderung des «Versagers» Lapin und geisselte die Arroganz der Militärführung.

    Girkin richtete seine Kritik sogar direkt gegen den Präsidenten und überschritt damit eine Grenze, die Russlands Hardliner sonst meist respektieren. Er schrieb auf seinem Telegram-Kanal, dass Russland am Rande einer militärischen Niederlage stehe und dafür nicht nur unfähige Generäle den Kopf hinhalten müssten, sondern auch der Chef, der sie eingesetzt habe. Wenn sich an der Personalpolitik des Präsidenten nichts ändere, so sei die Niederlage unabwendbar, prophezeite Girkin.

    https://www.nzz.ch/international/ukraine-krieg-putin-wechselt-erneut-seinen-oberbefehlshaber-aus-ld.1720799

    Der Angriff auf Makejewka hat offensichtlich zu einem gewissen Köpferollen geführt. Es zeigt jedenfalls, daß auf der russischen Seite keineswegs alles nach Plan läuft.

  18. Es zeigt jedenfalls, daß auf der russischen Seite keineswegs alles nach Plan läuft.

    Überraschung! Auf Seiten der Ukraine auch nicht! Es ist ja noch nicht mal entschieden, ob die NATO endlich die geforderte und sicherlich auch erforderliche Wiederbewaffnung der ukrainischen Armee vornimmt (trotz der offiziellen Bekundungen, daß man leider nur symbolische Sachen liefern könne) (was sie dann aber schon seit Monaten hätte machen müssen, damit das an den Fronten was ausrichten könnte), oder ob sich doch diejenigen durchsetzen, denen das jetzt reicht mit dem nimmersatten Zelenskyj und auch zu gefährlich erscheint. Wenn die Front im Donbass ins Rutschen käme in den nächsten Wochen, würden diese Debatten sicher verschärft weitergeführt werden. Vielleicht auch so schon.

  19. Aha-Erlebnisse bei der Mobilisierung:

    „Der Leiter des Untersuchungsausschusses Russlands, Alexander Bastrykin, sagte, der Grund für das Fehlen von Militäruniformen für mobilisierte Russen sei ein eklatanter Fall von Diebstahl aus Lagerhäusern.“

    (KP, 13.1.)

  20. In Rußland ist die Militärkleidung traditionell auch die Freizeitkleidung. Fischer, Jäger, Bergsteiger usw. kleiden sich in dieses Zeug, weil es am haltbarsten ist.

    Während es in den USA für solche Leute die Army Surplus Stores gibt, wo man sich auch als Ziviler (günstigst!) mit Militärsachen einkleiden kann, scheint sich in Rußland, vielleicht schon in der SU, ein Schwarzmarkt um diese Sachen gebildet zu haben, der ja von irgendwo beliefert werden muß.

  21. In meiner Jugend liefen junge Leute auch in Deutschland zu hauf mit ausgemusterten BW-Sachen rum: Anoraks, Schlafsäcke, Umhängetaschen. 

  22. Na, ja. Diese Podiumsdiskussion ist ja eher traurig, wenn man von den Aussagen von Sevim Dagdelen mal absieht. Die die Situation eigentlich richtig erkennt in ihren beiden Beiträgen.

    "Es ist davon auszugehen, dass es zum Ja für die »Leopard 2«-Panzerlieferungen kommen wird. Das galt bisher immer als rote Linie. Die ersten, die nach Kampfflugzeugen rufen, sind auch schon da. Und nach den Kampfflugzeugen werden es die Raketen, und am Ende werden es die Soldaten sein. Dann wird man nach dieser Logik die Bundeswehr schicken müssen. "

    Das auch nochmal Richtung Neoprene, der immer nur halbherziges Agieren der Nato erkennen kann, das gar nicht dazu geeignet ist die Niederlage von der Ukraine abzuwenden, wegen den Brücken und so. Daran musste ich übrigens bei dem Slogan denken: »Stahl für Brücken statt für Waffen«. Von wegen "statt". Als würde sich das gegenseitig ausschließen. Offenbar braucht es die Brücken aus Stahl, damit die Waffen aus Stahl an die Front kommen.

  23. Wir leben in verrückten Zeiten. Während die angeblich „linksliberale“ Presse im Gleichschritt mit einer übergroßen Mehrheit im Bundestag tagein, tagaus den Krieg in der Ukraine durch Waffenlieferungen weiter eskalieren und verlängern will, mahnen Generäle zur Zurückhaltung und fordern Friedensverhandlungen, um dem Sterben ein Ende zu setzen und eine gemeinsame Sicherheitsarchitektur mit Russland aufzubauen, die die Gefahr eines Dritten Weltkrieges minimiert. Dies fordert unter anderem General a.D. Erich Vad, der von 2006 bis 2013 militärpolitischer Berater von Angela Merkel war. Und da wir in verrückten Zeiten leben, bekam Vad nicht die Gelegenheit, seine Forderungen im SPIEGEL, der ZEIT, der WELT oder einem Format der Öffentlich-Rechtlichen zu äußern, sondern „musste“ auf die nicht eben als sicherheitspolitisches Fachblatt bekannte Zeitschrift „Emma“ ausweichen. Dafür muss man der Emma und Vad dankbar sein
    https://www.emma.de/artikel/erich-vad-was-sind-die-kriegsziele-340045

    https://www.nachdenkseiten.de/?p=92557

     

  24. Notizen vom Ende der unipolaren Welt – 65

    Für Emmanuel Todd, Anthropologe und einer der bekanntesten Intellektuellen Frankreichs,  hat bereits “der dritte Weltkrieg begonnen”. Hier einige Passagen aus einem Interview im “Figaro” (mit Bezahlschranke), die ich auf MoonOfAlabama entdeckt und mit deepl.com aus dem Englischen gehievt habe:

    “Es ist offensichtlich, dass der Konflikt, der als begrenzter Territorialkrieg begann und sich zu einer globalen wirtschaftlichen Konfrontation zwischen dem gesamten Westen auf der einen Seite und Russland und China auf der anderen Seite ausweitet, zu einem Weltkrieg geworden ist.”

    Todd stimmt mit John  Mearsheimers Analyse des Konflikts überein:

    “Mearsheimer sagt uns, dass die Ukraine, deren Armee seit mindestens 2014 von NATO-Soldaten (Amerikanern, Briten und Polen) übernommen wurde, daher de facto Mitglied der NATO war und dass die Russen angekündigt hatten, dass sie die Ukraine niemals in der NATO dulden würden. Aus ihrer Sicht führen die Russen daher einen defensiven und präventiven Krieg. Mearsheimer fügte hinzu, dass wir keinen Grund hätten, uns über die eventuellen Schwierigkeiten der Russen zu freuen, denn da es sich für sie um eine existenzielle Frage handele, würden sie umso härter zuschlagen, je schwieriger es sei. Diese Analyse scheint zuzutreffen.”
    Aber:
    “Mearsheimer überschätzt, wie ein guter Amerikaner, sein Land. Er ist der Meinung, dass der Krieg in der Ukraine für die Russen existenziell ist, während er für die Amerikaner im Grunde nur ein ‘Machtspiel’ unter anderen ist. Nach Vietnam, Irak und Afghanistan, was ist da ein weiteres Debakel? Das Grundaxiom der amerikanischen Geopolitik lautet: “Wir können tun, was wir wollen, denn wir sind geschützt, weit weg, zwischen zwei Ozeanen, uns wird nie etwas passieren”. Nichts wäre für Amerika existenziell. Eine unzureichende Analyse, die Biden heute dazu bringt, kopflos vorzugehen. Amerika ist zerbrechlich. Der Widerstand der russischen Wirtschaft bringt das amerikanische imperiale System an den Rand des Abgrunds. Niemand hatte erwartet, dass die russische Wirtschaft der “Wirtschaftsmacht” der NATO standhalten würde. Ich glaube, dass die Russen selbst nicht damit gerechnet haben….
    Wenn die russische Wirtschaft den Sanktionen auf unbestimmte Zeit widersteht und es schafft, die europäische Wirtschaft zu erschöpfen, während sie selbst, unterstützt von China, bestehen bleibt, würde die amerikanische Währungs- und Finanzkontrolle über die Welt zusammenbrechen und damit auch die Möglichkeit der Vereinigten Staaten, ihr riesiges Handelsdefizit umsonst zu finanzieren. Dieser Krieg ist also für die Vereinigten Staaten existenziell geworden. Genauso wenig wie Russland können sie sich aus diesem Konflikt zurückziehen, sie können nicht loslassen. Deshalb befinden wir uns jetzt in einem endlosen Krieg, in einer Konfrontation, deren Ergebnis der Zusammenbruch des einen oder des anderen sein muss.”

    https://www.broeckers.com/2023/01/15/notizen-vom-ende-der-unipolaren-welt-65/

  25. "Wenn die russische Wirtschaft den Sanktionen auf unbestimmte Zeit widersteht und es schafft, die europäische Wirtschaft zu erschöpfen, während sie selbst, unterstützt von China, bestehen bleibt, würde die amerikanische Währungs- und Finanzkontrolle über die Welt zusammenbrechen und damit auch die Möglichkeit der Vereinigten Staaten, ihr riesiges Handelsdefizit umsonst zu finanzieren. Dieser Krieg ist also für die Vereinigten Staaten existenziell geworden."

    Dieses Urteil teile ich nicht. Was soll denn eine erschöpfte europäische Wirtschaft sein? Und warum sollte dann die amerikanische Finanzkontrolle zusammenbrechen?  Dass der eine oder andere (?) "zusammenbrechen" muss, was immer das bedeutet, ist ungefähr so konkret wie die Aussage, dass die Kriegsparteien in unterschiedlicher Art und Weise geschädigt aus dem Krieg hervorgehen. Was für jeden Krieg zutrifft. 

    Betrachtet man diese Kluft aus anthropologischer Sicht, so stellt man fest, dass die Länder des Westens häufig eine Kernfamilienstruktur mit bilateralen Verwandtschaftssystemen haben, d. h., dass männliche und weibliche Verwandtschaft bei der Definition des sozialen Status des Kindes gleichwertig sind. In den übrigen Ländern, dem Großteil der afro-euro-asiatischen Bevölkerung, finden wir gemeinschaftliche und patrilineare Familienorganisationen. Wir sehen also, dass dieser Konflikt, der von unseren Medien als politischer Wertekonflikt beschrieben wird, auf einer tieferen Ebene ein Konflikt anthropologischer Werte ist. Es ist dieser unbewusste Aspekt der Kluft und diese Tiefe, die die Konfrontation gefährlich machen.”

    Das ist natürlich idiotisch. Eine Konfrontation daraus abzuleiten, dass es im Westen gleichwertige Verwandschaftssysteme gibt, im "Großteil der afro-euro-asiatischen Bevölkerung" aber "gemeinschaftliche und patrilineare Familienorganisationen". Meine Herren, da kann man eine Konfrontation ebensogut aus der Farbe des Urins ableiten. Ist "gleichwertig" und "gemeinschaftlich" nicht dasselbe?

  26. Mir gings ausschließlich um die oben einkopierten Aussagen von Todd. Das Leute wie Todd, Vad, Ritter, Mearsheimer, Mcgregor, Dohnanyi, Schwarzer, Guerot, Wagenknecht…sonst auch noch viel verkehrtes Zeugs denken und aufschreiben ist mir nicht verborgen geblieben. Aber angesichts der unmittelbaren Schäden und Gefahren dieses immer mehr eskalierenden Krieges freue ich mich über jeden klaren Gedanken, auch aus dem Lager "etablierter Politik und Kultur".

  27. Gegenüber dem manchmal etwas eskalierenden Tonfall hier verweise ich darauf, daß in keinem der „Lager“ irgendetwas definitiv entschieden ist.

    Die Entscheidungen der NATO-Kriegstreiber sind nicht nur vom Kriegsgeschehen in der Ukraine beeinflußt, sondern auch von dem, was sonstwo auf der Welt geschieht. In den USA gibt es von Anfang an eine Diskussion, ob man sich da nicht an der Ukraine-Front verzettelt, während gleichzeitig China erstarkt.
    Es ist auch noch nicht heraußen, wie es Rußland gelingen wird, seinen Außenhandel umzustellen und wie sich das auf die BRICS auswirken wird.

    Während die Golfstaaten schon dem Westen die Kalte Schulter zeigen und sich Asien zuwenden, ist Lateinamerika dabei, immer mehr dem Griff der westlichen Staaten zu entwinden.

    Das alles gebe ich denen zu bedenken, die schon deutsche Panzer im Ural sehen. laugh

  28. "sonst auch noch viel verkehrtes Zeugs denken und aufschreiben ist mir nicht verborgen geblieben."

    @Phineas: Sollte auch keine Kritik an dir sein, sondern an dem verkehrten Zeug. Aber du hast schon recht, dass sich vor dem Hintergrund einer kriegsgeilen, nationalistisch verblödeten, selbstständig gleichgeschalteten Öffentlichkeit (das ist kein eskalierender Tonfall, sondern Fakt) jeder Gedanke, der davon abweicht und wenigstens etwas Rationalität einfordert wirkt wie ein Leuchtfeuer in dunkler Nacht.

    Der V(l)ad ist ein Transatlantiker und will "die Ukraine militärisch zu unterstützen, aber dosiert und besonnen, um Rutschbahneffekte in eine Kriegspartei zu vermeiden." Das rationale an ihm ist, dass er die militärische Unterstützung an einem politischen Zweck messen will. Er meint Russland zu zerstören, kann nicht das Ziel sein, weil Russland gebraucht wird und Russland zu demütigen könnte nach hinten losgehen. Damit hat er recht.

    Es ist bloß so, dass es auch ein bisschen blöd ist den Kurs Richtung WK3 als "Rutschbahneffekt" zu beschönigen. "Oh, verdammt leider ausgerutscht, und im 3. WK gelandet." Das wissen die Verantwortlichen doch, da wird bewusst mit Millionen Menschenleben gezockt. Da gerät niemand versehentlich auf rutschiges Terrain, obwohl er es nicht will. Die Möglichkeit des WK3 wird einfach ausgeblendet und so getan, als bestünde dieses Risiko nicht.

    Und je länger der Krieg dauert, desto mehr wird dieses Bedenken hinten angestellt. Jeder Eskalationsschritt befreit sich ein Stück weiter von der Schranke, die die Atomkriegsdrohung darstellt. Wo neoprene immer das Problem sieht, dass die westliche Unterstützung keinen wirklichen Ersatz der ukrainischen Verluste darstellt und auch nicht zur Rückeroberung taugt. Ist der Westen eigentlich gerade dabei sich zu einen Standpunkt vorzuarbeiten, der das Risiko einer atomaren Eskalation in Kauf nimmt.

    Nestor hat aber auch recht, "daß in keinem der „Lager“ irgendetwas definitiv entschieden ist."

  29. How Russia’s New Commander in Ukraine Could Change the War

    Why has Vladimir Putin promoted Valery Gerasimov, who helped plan the disastrous initial invasion last year, to lead the fight?

    Last week, Russia announced that it was replacing General Sergei Surovikin—who had been put in charge of the war in Ukraine only three months earlier—with another general, Valery Gerasimov. The change surprised many observers. Surovikin was thought to have improved the Russian war effort, and Gerasimov was at least partially responsible for planning the disastrous initial invasion. But Gerasimov is close to the Kremlin, and will now get another chance. “They have taken someone who is competent and replaced him with someone who is incompetent, but who has been there a long time and who has shown that he is loyal,” Dara Massicot, a senior policy researcher at the RAND Corporation, told the Times.

    To talk about the reshuffling at the top of the Russian command, and the current state of the war, I spoke by phone with Rob Lee, a senior fellow at the Foreign Policy Research Institute and an expert on the Russian military. During our conversation, which has been edited for length and clarity, we discussed possible reasons for the latest shakeup, where the Russian war effort has and hasn’t improved, the strange role of the mercenary Wagner Group, and what has surprised Lee most about the past eleven months of fighting.

    (…)

    https://www.newyorker.com/news/q-and-a/how-russias-new-commander-in-ukraine-could-change-the-war

    Das Interview ist wirklich lesenswert, weil es ohne irgendwelche Feindbilder auskommt und die Interview-Partnerin in militärischen Fragen und auch was Rußland angeht ziemlich kompetent ist.

  30. Deutschland hat einen neuen Kriegsminister, dem von allen Seiten gutes Gelingen gewünscht wird. Warum die Frau Lamprecht in die Kritik geraten ist und sie schließlich zurückgetreten ist, ist mir etwas unverständlich einerseits. Die Großbotschaft zum neuen Jahr geißelt ein Herr Korte im ZDF als "würdelos", obwohl inhaltlich das gar nichts besonderes ausgesagt wird. Im Hintergrund explodiert Feuerwerk und man versteht sie schlecht – aber seit wann ist schlechte Sprachqualität ein Rücktrittsgrund.

    Andererseits kann ich mir schon denken, warum die Lamprecht die falsche Charaktermaske für Kriegszeiten ist. Sie wirkt eher wie eine Gymnasiallehrerin und nicht wie ein Kriegsminister. Die Medien sind voll von Forderungen doch jetzt endlich den Leopard zu liefern. Für die anstehende Eskalation braucht es eine Figur, die diese Linie glaubwürdig vertritt.

    Jeder dritte Artikel auf tagesschau.de in der Rubrik Ukraine handelt vom Leopard:

    EU-Parlament macht Druck auf Scholz18.01.2023 – 16:08 UhrDas EU-Parlament hat den Druck auf Kanzler Scholz erhöht. Die Mehrheit der Abgeordneten forderte Scholz auf, Lieferungen von "Leopard"-Panzern an die Ukraine zu ermöglichen. Der Beschluss gilt gleich mehrfach als außergewöhnlich.

    Debatte um "Leopard-2"-LieferungPartner hoffen auf Scholz und die Panzer18.01.2023 – 11:49 UhrAm Nachmittag spricht Bundeskanzler Scholz beim Weltwirtschaftsforum in Davos. Erwartet wird, dass er sich in der Debatte um deutsche "Leopard"-Kampfpanzer für die Ukraine äußert. Der Ruf danach wird immer lauter.

    rieg gegen die Ukraine++ Duda will in Davos über "Leopard"-Panzer sprechen ++16.01.2023 – 23:44 UhrPolens Präsident Duda will beim Weltwirtschaftsforum in Davos über Kampfpanzer für die Ukraine sprechen. Der türkische Präsident Erdogan hat erneut mit Russlands Präsident Putin telefoniert. Die Entwicklungen vom Montag zu Nachlesen.

    "Leopard"-Panzer für UkraineDruck aus Estland, Finnland und Polen16.01.2023 – 17:08 UhrSeit Tagen wächst der Druck auf die Bundesregierung, sich zu einer Lieferung von "Leopard"-Panzern an die Ukraine zu positionieren. Heute kamen Forderungen aus drei westliche Staaten, vom Kanzler gab es dazu wieder keine Aussage.

    Manchmal gibt es aber doch einen interessanten Artikel:

    Wer bezahlt deutsche Waffen für die Ukraine? Antwort: Fast immer Deutschland – aber aus verschiedenen Töpfen. Kein Wunder, dass Blinken Deutschland ein Lob ausspricht.

  31. Was passiert in Bachmut? Der Krieg in der Ukraine, konzentriert auf eine Schlacht Meter für Meter

    Der Vormarsch auf Soledar, der erste Vorstoß der russischen Armee seit einem halben Jahr, ebnet dem Kreml den Weg zu einem größeren Ziel

    Graphik aus El País, das den derzeitigen Stand des Frontverlaufs zeigt

    (El País, 21.1.)

    Da die Angaben der letzten Woche widersprüchlich waren, ist dieses Bild doch einmal eine verläßliche Angabe, um so mehr, als diese Zeitung einen Korrespondenten in Bachmut hat.

  32. Hat die drohende russische Offensive in der Südukraine bereits begonnen?
    Ukraine: Heftige Kämpfe in Oblast Saporischschja

    Aus dem Südosten der Ukraine, aus der Region Saporischschja, werden derzeit heftige Kämpfe gemeldet.

    Laut ukrainischen Medien wurden in dieser zwischen den Donbass und dem Dnjepr gelegenen Region in den vergangenen Stunden besonders starke Artillerieangriffe Russlands verzeichnet, während russische Stellen Geländegewinne und die Eroberung von Ortschaften melden. Sprecher der ukrainischen Armee bezeichneten die Lage im Donbass und Saporischschja als „schwierig“, so die Kiew Post.

    Russische Medien sprechen von etlichen eingenommenen Dörfern und einen Vorstoss auf die Stadt Orichiw, die eine strategische Rolle spielt. Orichiw sei demnach ein zentraler regionaler Verkehrsknotenpunkt, der russische Angriffe in Richtung der Grossstadt Saporischschja erleichtern könnte. Eine erfolgreiche russische Offensive entlang des Ostufers des Dnjepr würde die ukrainischen Armee im Donbass von ihren Versorgungslinien abschneiden. Die ukrainischen Verteidigungslinien in Saporischschja sollen an etlichen Stellen durchbrochen worden sein, was mit den blutigen Kämpfen um die ostukrainische Stadt Bachmut in Zusammenhang stehen dürfte.

    Um Bachmut zu halten, hat die ukrainische Armeeführung Truppen aus etlichen Frontabschnitten abgezogen – und so die ukrainischen Verteidigungspositionen vielerorts zwangsläufig geschwächt. Vor Kurzem sind Einschätzungen des Bundesnachrichtendienstes (BND) zur militärischen Lage im Osten durchgesickert, laut denen sich die ukrainische Armee inzwischen in einer schwierigen Lage befindet. Demnach verliert die Ukraine allein in Bachmut, das längst symbolisch aufgeladen ist, täglich eine „dreistellige Zahl an Soldaten“. Überdies drohten bei einem Verlust der Stadt „weitere Vorstösse ins Landesinnere“ der russischen Truppen, da die gesamte ukrainische Verteidigungslinie aufgegeben werden müsste (siehe hierzu auch „Kiews verpasste Chance?“).

    Mörderischer Wettlauf

    Die Angriffe der russischen Söldner-Truppen um Bachmut gehen derweil mit unverminderter Intensität weiter. Die ukrainische Armee muss nun entscheiden, wie sie ihre verbliebenen Reserven einsetzen wird: im Donbass, um weiterhin Bachmut zu halten und einen Rückzug auf eine neue Verteidigungslinie bei Slowjansk/Kramatorsk weiter zu verzögern, oder in Saporischschja, um den russischen Vormarsch in Richtung Norden aufzuhalten. Zudem verfügt Moskau weiterhin über hohe Reserven, die noch in die Schlacht geworfen werden können. Mehrere hunderttausend Mann, die bislang noch nicht in die Kämpfe eingegriffen hätten, stünden demnach dem Kreml für weitere Angriffe zur Verfügung. Ukrainische Stellen sprachen gegenüber US-Medien von rund 200 000 Mann. Andere Schätzungen, die den derzeit einberufenen Jahrgang von Wehrpflichtigen im Fall einer allgemeinen Mobilmachung durch den Kreml berücksichtigen, kommen auf mehr als 500 000 Mann.

    Die plötzlichen Angriffe des russischen Militärs in der strategisch entscheidenden Region Saporischschja – wo Russland zu Beginn der Invasion eine Landbrücke zwischen Donbass und der Krim erobern konnte, scheinen im Zusammenhang mit den jüngst beschlossenen westlichen Waffenlieferungen zu stehen, die mitunter sehr wirkungsvolle Systeme beinhalten. Zwar blockierte Berlin die Lieferung deutscher Panzer, doch wird Kiews bald weitreichende Artilleriesysteme (GLSDB) erhalten, die den russischen Nachschub und die Kommandosysteme effektiv stören können. Der Kreml will offensichtlich nun seinen imperialistischen Eroberungszug intensivieren, solange die neuen Waffensysteme noch nicht auf dem Schlachtfeld zum Einsatz kommen, was aufgrund der schwierigen Lieferung und notwendigen Ausbildungszeit mitunter Wochen, wenn nicht Monate dauern kann.

    Es ist faktisch ein mörderischer Wettlauf zwischen westlichen Waffenlieferungen und russischen Vormarschbemühungen, bei dem der Kreml die ohnehin geplante Offensive gerade in der Region zu entfachen scheint, in der Russland am verwundbarsten ist. Die Region Saporischschja wäre auch ein wichtiges Ziel für eine ukrainische Gegenoffensive, bei der die Landbrücke zwischen Donbass und der Krim zurückerobert würde, was eine Vorbedingung jeglicher Offensivbemühungen gegen die Krim wäre.

    Russland hat die Krim schon 2014 okkupiert und später auch formell annektiert. Mitte Januar liessen US-Medien aber durchblicken, dass die Vereinigten Staaten künftig der Ukraine auch dabei helfen wollen, die Krim direkt anzugreifen – die Moskau längst als russisches Territorium betrachtet.8 Bislang weigerte sich Washington, Kiew entsprechende Waffensysteme zu liefern. Moskau schient gerade durch diese Überlegungen getriggert worden zu sein, um in einer – eventuell verfrühten? – Offensive in Saporischschja diese ukrainische Offensivoption zunichtezumachen.

    (Thomas Konicz, 23.1.)

  33. Zu meiner Überraschung stelle ich fest, daß es in der Ukraine nordwestlich von Soledar, nahe der Verbindungsstraße T0513 einen aus einigen Häusern bestehenden Weiler namens „Sacco und Vanzetti“ gibt, der von den russischen Truppen eingenommen wurde.
    Bewohner laut Jandex: 3 Personen.

    Es ist mir nicht gelungen, herauszufinden, wann diese 2-3 Häuser diesen ehrenvollen Namen erhalten haben.

  34. Sehr interessant, wie die Kriegswirtschaft in Rußland funktioniert: Für jeden zerstörten Leopard oder Abrams werden den Soldaten von einer Privatfirma und einer Provinzregierung hohe Summen versprochen, noch mehr, wenn sie ihn unbeschädigt erobern.

    (El País, 1.2.)

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