Pressespiegel El País, 2.7.: Abstrakter Reichtum versus konkreten

„DIE WIRTSCHAFT BRICHT EIN UND DER WALL STREET IST ES WURSCHT
Amanda Mars, Washington
Durch Stimuli berauscht und immer weiter von der Straße entfernt, schließt die US-Börse ihr bestes Quartal seit 1998. Gleichzeitig geht das Land durch die schwerste Krise seit der Großen Depression.

Der S & P-Index, der das Auf und Ab der 500 größten börsennotierten Unternehmen erfaßt, schloss das zweite Quartal mit dem höchsten Gewinn seit 1998, mit bis zu 20% ab. Für den Dow Jones, beschränkt auf die 30 ganz Großen, der um 18% gestiegen ist, war es der beste Zeitraum seit 1987. Und die Technologieunternehmen von Nasdaq sind um 31% gestiegen, der höchste Wert seit fast zwei Jahrzehnten.
Parallel dazu sind die Vereinigten Staaten in eine Rezession eingetreten und haben sich von ihrer größten Wachstumsphase in der Geschichte verabschiedet. Der Abbau von Arbeitsplätzen ist auf einem Niveau, das seit der Weltwirtschaftskrise nicht mehr erreicht wurde. Trotz der Anzeichen einer Erholung in der frühen Phase der Aufsperrens sind seit Februar fast 20 Millionen Arbeitsplätze verloren gegangen, und die Insolvenzen werden mit dem schnellsten Tempo seit sieben Jahren gemeldet, wobei die Opfer so vielfältig sind wie die Autovermietung Hertz, das Kaufhaus JC Penney oder Chesapeake, der Pionier des Fracking.
Als Draufgabe ist die Coronavirus-Epidemie wieder außer Kontrolle geraten, Infektionen haben sich in weiten Teilen des Landes wieder erhöht und mindestens 16 Staaten bremsen beim Wieder-Hochfahren der Wirtschaft. Der Internationale Währungsfonds schätzt, dass das BIP der USA in diesem Jahr um 8% schrumpfen wird.
Woher diese Aufbruchsstimmung an der Wall Street?
Es gibt eine schnelle Antwort für dieses befremdliche Verhalten der Märkte: Die beispiellose Ausschüttung der Federal Reserve von 2 Billionen $ hat die Taschen von Anlegern gefüllt, die angesichts der Unsicherheit nicht genau wussten, wo sie das Geld anlegen sollten – außer in Aktien. Die Zinssätze für die 10-jährige US-Anleihe, eine dieser klassischen Häfen in Krisenzeiten, liegen bei 0,6%, verglichen mit 2% vor einem Jahr und 3% Ende 2018. Diese Impulse, zusammen mit dem vom Kongress genehmigten wirtschaftlichen Rettungsplan haben den wirtschaftlichen Aderlaß eingedämmt. Und laut Sam Stovall, Chief Investment Officer bei CFRA, »lässt die neue Zunahme von Covid-19-Fällen keine Befürchtungen aufkommen, dass die Erholung entgleist. Die Anleger erwarten keine neue Schließung auf nationaler Ebene, sondern gelegentliche Rückschläge.«
Die längerfristige Entwicklungen beachtende Antwort hingegen deutet auf einen seit Jahren sichtbaren Trend hin: Die Trennung der Börse von der sogenannten Realwirtschaft – die der Unternehmen, die investieren, Verträge abschließen und produzieren, und der Menschen, die konsumieren – nimmt kontinuierlich zu. Die fünf größten Werte des Parketts sind Apple, Alphabet(Google), Microsoft, Amazon und Facebook – Kolosse, die rund 20% des Wertes des gesamten S & P ausmachen, den höchsten Anteil seit 30 Jahren, und die auch in der Welt des Lockdowns bevorzugt wurden. Der hat einen Großteil des täglichen Trubels in die virtuelle Sphäre verlagert, sei es professionell, für Verbraucher oder in der Freizeit. Im April, dem ersten vollen Monat der Quarantäneregelungen, stiegen die Aktien dieser 5 nach Angaben von Goldman Sachs um 10%, während die anderen 495 um 13% fielen.
Wenn eine Wirtschaft als real bezeichnet wird, könnte man daraus schließen, dass die andere etwas Fiktives hat, als ob Apple oder Amazon nicht existierten, keine Mords-Hauptquartiere, keine trendsettenden Produkte und klingelnden Kassen aufweisen würden. Sie haben sie, aber der Beitrag der Technologiegiganten zum Wohlstand auf der Straße ist geringer als der, den die Börsenführer der Vergangenheit generiert haben, als im Wesentlichen Bankwesen, Energie und Dienstleistungen den Kuchen unter sich aufteilten.“
Hier wird die Sache etwas seltsam, weil war da nicht irgendetwas mit Industrie? Die Autorin kennt sich offenbar selber nicht ganz aus mit real und fiktiv.
„Eine Studie der Brookings Institution, einer der renommiertesten Denkfabriken Washingtons, vergleicht die Schaffung von Arbeitsplätzen und den Kapitalmarkt des 20. und 21. Jahrhunderts und liefert aufschlussreiche Daten: 1962 waren die beiden größten börsennotierten Unternehmen in den Vereinigten Staaten die Telefongesellschaft AT & T und die Autofirma General Motors mit 564.000 bzw. 605.000 Mitarbeitern. Das sind fast 1,2 Millionen zusammen. Im Jahr 2002 hatte Microsoft den ersten Platz belegt (51.000 Mitarbeiter), gefolgt von General Electric (315.000). Weniger als die Hälfte als 1962. Im vergangenen Jahr beschäftigten die beiden Top-Unternehmen im S & P-Index, Microsoft und Apple, insgesamt rund 297.000 Mitarbeiter.“
Daß immer weniger Leute immer mehr Profit schaffen, ist aber vermutlich nicht eine reine Besonderheit der Börsenführer, sondern für die gesamte Unternehmenslandschaft 2020 charakteristisch.
„Der Wechsel in der Arena der Wall Street in diesem Jahr war radikal, der drastischste seit acht Jahrzehnten. Der erste Schock der Sperre, als die Gesundheitskrise bereits global und kapital war, ereignete sich Mitte März und führte im ersten Quartal des Jahres zu einem Rückgang des S & P um 20%. Die Aufholjagd des 2. Quartals hat es ermöglicht, fast den gesamten verlorenen Boden wiederzugewinnen. Die Aussichten bis zum Jahresende sind jedoch mehr als ungewiss. Die Anleger wurden nicht nur durch die Impulse stimuliert, sondern spielten bis zu einem gewissen Grad auch blind an der Börse. Laut Factset, einer Finanzinformationsplattform, haben 200 der 500 Unternehmen des Leitindexes ihre Prognosen für das Jahr wieder zurückgezogen, rechnen jedoch damit, dass die Profite der großen konsolidierten und daher widerstandsfähigeren Unternehmen (die Blue Chips im Börsenjargon) im vorgenannten zweiten Quartal um 44% geschrumpft sind.“
Seltsam ausgedrückt. Es soll heißen: Die Profite aus laufendem Geschäft sind geschrumpft, während die Börsengewinne anwuchsen.
Dazu noch soziale Unruhen und Wahlen in den USA, und wer weiß, was für Stützungsprogramme es noch geben wird

11 Gedanken zu “Pressespiegel El País, 2.7.: Abstrakter Reichtum versus konkreten

  1. “Die Technologieunternehmen von Nasdaq sind um 31% gestiegen, der höchste Wert seit fast zwei Jahrzehnten”, heißt vermutlich, dass sonstige Wirtschaftsunternehmen für die Börsenanleger und deren Wachstumsfantasien als nicht (so) zugkräftig erscheinen. Das virtuelle und Internetbasierte Zeugs aber schon. Die Börse erwartet also eine noch größere Konzentration des Kapitals auf diese Bereiche, da gibt es, wie am Streit um Huawei ersichtlich, ja auch einzig China, das die Dominanz der US-Konzerne in diesen Bereichen in Frage stellt.
    Digitalisierung heißt Beschleunigung der Realisierungsgeschwindigkeiten, Bündelung von Bestellen, Prodizieren, Ausliefern, Bezahlen auf möglichst denselben Plattformen, so dass die Schritte zwischen diesen Etappen des Kapitalkreislaufs erstens extrem verkürzt werden. Möglichst sogar aber zweitens in eins fallen, diverse Realisierungsprobleme fallen damit nämlich dann ganz weg. Production just in time ist dann noch mal einen Takt schneller möglich, auch Warenhaltung, Vorratshaltung etc. als lästige Notwendigkeit entfällt damit dann auch noch mehr.
    Wenn die großen Firmen jetzt Facebook Werbung entziehen, so heißt das vielleicht ja auch, dass sie damit behindern wollen, dass von der Konzentration des Kapitals einzig immer nur dieselben paar Adressen (Facebook, Amazon etc.) auf Kosten der Konkurrenten profitieren können.
    https://www.contradictio.de/blog/?s=Digitalisierung+des+Kapitalkreislaufs

    Und dass die EU-Kommission die Konzentration des Kapitals auf schlagkräftigere europäische Firmen und auf aufzubauendes europäisches Digitalisieren gleichfalls als Krisenbewältigungsstrategie nach Corona entdeckt – zeigt erst einmal einzig, in welchen Bereichen kapitalistisches Wachstum erwartet wird, und daher auf die Beine gestellt werden soll.
    Soll…
    Und jetzt kommt der superkluge Einwand, und der einzige Debatteninhalt, dass ein Plan nur ein Plan ist. Wer hätte das gedacht….
    Und Vorsicht: Dass Kapitalismus ein Wachstumsprojekt ist, oder besser eine einzige Wachstumsprojektion in die Zukunft, und, wie nicht nur an der Börse ersichtlich, daher Wachstumsfantasien als vorher schon bereits eingetretene Bestandteile des Kapitalumschlags behandelt werden – das gilt anscheinend z.B. so lange, bis irgendein Staatsanwalt oder Konkursrichter die Geschäftsräume hier von WireCard endgültig ganz und gar versiegelt hat. Bis gestern noch galt Wirecard als Vorzeigeobjekt für europäisches Digitalisieren. Wie andernorts für andernorts z.B. auch Facebook. Allerdings kann nicht nur der Konkursrichter klarstellen, dass sich die Fantasien über Wachstum auszufantasieren haben.
    Und sich dann auf andere Bereiche oder Firmen ausrichten.
    Ein Generalstreik selbstbewusster Arbeiterinnen und Arbeiter zwecks und als Auftakt zur Herstellung einer vernünftigen Art und Weise des Produzierens ist nämlich derzeit (noch…) nirgends ersichtlich. (Auch die superklugen Wortmeldungen zu diesem Punkt – schmiert sie euch einfach woanders hin ab.)

  2. Und jetzt kommt der superkluge Einwand, und der einzige Debatteninhalt, dass ein Plan nur ein Plan ist.

    ???
    —–
    Die Digitalisierung –
    – eigentlich müßte es heißen: Die fortschreitende Digitalisierung, weil bisher wurde ja auch schon viel digitalisiert, es ist also nichts, was einem erst bevorstünde –
    beschleunigt den Umschlag des Kapitals, soweit, so gut.
    Aber irgendetwas muß ja auch hergestellt werden, damit Amazon es verschicken, Facebook und Google es bewerben können.
    Letztlich können diese Technologie-Giganten also nur bestehen, solange die gute alte Produktion ihre Produkte herstellt.

  3. Der Fortschritt aus Sicht dieser digitalen Giganten legt nahe, sich zunehmend mehr Bereiche der sonstigen Produktion, des Vertriebs und der Bezahlvorgänge subsumieren zu wollen. Oder auch sie anschließend wieder neu zu privatisieren oder teilzuprivatisieren, je nach Einschätzungen von Marktlagen.
    Ähnliche Prozesse gibt es ja längst auch in anderen Sphären: Automobilkonzerne leisten sich eigene Banken, um für sich selber und für ihre Kunden-Services bessere Angebote herausschlagen zu können. Und selber Kredit als Voraussetzung ihrer eigenen Produktion sicherstellen zu können.
    Amazon baut eigene Vertriebswege auf, um sich von Post und United Parcel emanzipieren zu können, ganze Buchreihen werden von Amazon in Osteuropa für Amazon gedruckt und amazon-intern anschließend an die Kunden ausgeliefert. Das dürfte von amazon auch in anderen Bereichen gemacht oder angestrebt werden, vom Buchmarkt her kennt es der Normal-Wahnsinn-Leser.
    (Z.B. Aufgrund des neuen Buches von Georg Loidolt… :-))
    Diverse große konkurrierende Unternehmen aus Konkurrenzgründen und Staaten aus ihren staatlichen Gründen beäugen dergleichen misstrauisch, das war auch schon bei libra Thema.
    Ein weiteres noch extremeres Beispiel ist nämlich das geplante digitale facebook-Geld ‘Libra’.
    Übrigens meines Wissens zufolge sind das allesamt Entwicklungen, die in China bereits noch viel weiter fortgeschritten sind. (Und darin auch so etwas wie einen Konkurrenzvorteil für China beinhalten, den die USA nicht so bestehen lassen wollen, schließlich wollen doch sie am chinesischen Markt verdienen.)

  4. In China ist das alles eben unter einem nationalen Dach vereint, während Amazon und Facebook usw. in anderen Staaten Produktion, Vertrieb und möglicherweise sogar Zahlungsverkehr mit Libra subsumieren, oder sogar aneignen wollen.

  5. Äußerst skeptisch registriert Stephan Kaufmann den derzeitigen Hausse-Trend an den Börsen …
    https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/sie-pumpen-wieder
    Die Spekulation auf die Spekulation interpretiert die Welt im Licht ihrer Interpretation der Spekulation auf die Spekulation … – ggf. so lange, bis der Konkursrichter jegliche Spekulation auf zukünftiges Wachstum dadurch dann verunmöglicht, dass er das entsprechende Unternehmen für Bankrott erklärt…
    Die Funktionsweise ganzer Staaten oder Staatszusammenschlüsse, z.B. im Euro, ist von derartigen “Urteilen” der Finanzwelt abhängig gemacht worden, denn an den Börsen, da zähle nichts als die kalte Vernunft der Sachlogik des kapitalistischen Systems ….
    Und ob es um langfristige Gesundheitspolitik geht, oder um Schulentwicklungsplanung, oder um Wohnungsbau geht – etliche frühere staatliche Aktivitäten wurden eingestellt, weil der kapitalistische Markt regele all das doch viel besser mittels seiner kapitalistischen Planungsinstrumente. Verschlankung des Staates, und “Reform” des Staates – ausgerechnet zugunsten der Logik der Börsenheinis…
    Lustigerweise sind die Börsenheinis so dann abhängig von der Politik: “Was die Börse treibt, sind also zwar lediglich Reaktionen der Staaten auf eine vorliegende Krise. Diese Reaktionen nehmen die Akteure an den Finanzmärkten zum Anlass, auf steigende Kurse zu wetten.” (Kaufmann)
    Wenn ein Moment der Eurokrise nach der Finanzkrise 2008 darin bestand, dass das Finanzkapital skeptisch geworden ist gegenüber der Haltbarkeit seiner eigenen Finanz-Konstruktionen – dann besteht ein gewichtigtes Momentum derzeit darin, keinen Anlass für solche Skepsis aufkommen zu lassen.
    Entweder wird die Standfestigkeit durch schnelle Entscheidung demonstriert: ganz Europa stehe wie ein Mann hinter den Beschlüssen der EU-Kommission. Oder aber z.B. der US-Präsident hat ganz andere Hinweise auf Wucht und Durchschlagskraft seiner Kreditprogramme in Petto. Nämlich militärische und weltordnungspolitische.
    Und das ist es dann, das “Vertrauen in zukünftiges Wachstum” der kapitalistischen Geschäfte?
    Abhängig von derlei “Scheißhausüberlegungen” (1000 Fliegen können sich nicht irren…) von Börsenheinis wird das gesamte weitere Fortexistieren der gesamten Menschheit gemacht. So funktioniert sie dann wohl, die kapitalisische Vernunft, die erbärmliche “Sachlogik”, der kapitalistischen Gesellschaft 2020.

  6. Ich sehe die ganze Spekulation etwas nüchterner als Kaufmann: Die Börsenspekulanten vertrauen auf die freigiebige Hand der Notenbanken, und auf den Willen der regierenden Eliten, das ganze luftige System durch Geldspritzen am Laufen zu halten.
    Gleichzeitig, so nehme ich an, werden Rückzugs-Routen geplant, für den Fall, daß das Ganze zu krachen anfängt.
    Ob diese Überlegungen und Pläne was wert sind, falls wirklich ein Crash einsetzt, werden wir sehen.

  7. Ich kann an Kaufmanns Artikel nicht erkennen, daß der *nicht* nüchtern wäre. Schließlich liegt er in zentralen Punkt der “Geldspritzen” ja auch auf deiner Linie:

    “Die Spekulation braucht also keinen Aufschwung, sondern lediglich Anhaltspunkte dafür, dass es an den Märkten bergauf gehen wird. Und die gibt es: Die Corona-Ansteckungszahlen gehen zurück, die Wirtschaft erholt sich zaghaft. Vor allem aber haben die Staaten der Welt elf Billionen Dollar zur Stützung ihrer Ökonomien aufgeboten, weitere fünf Billionen sollen folgen. Dazu kommen Wertpapierkäufe der Zentralbanken, die Billionen an Liquidität in die Märkte pumpen.

    Und anders als Hinweis kann ich auch nicht herauslesen, daß Kaufmann an der Börse eine “kalte Vernunft der Sachlogik des kapitalistischen Systems” konstatiert. Eher im Gegenteil.
    Welche “Rückzugs-Routen” könnten denn die Finanzer planen, um vom eventuell gar nicht mehr so entfernten “Krachen” verschont zu bleiben bzw. davon zu profitieren? Da fällt mir für die genausowenig ein wie für mich selber.

  8. Das mit der kalten Vernunft des Kapitalismus (!) sollte hervorheben, dass das “Verhalten” der Leute an der Börse nicht an denen (z.B. als deren Gier oder Schnäppchenjagd o.ä.) zu kritisieren ist, sondern sie tun, was Aufgabe der Börse ist: nach irgendwelchen Anhaltspunkten für ihre Vorstellungen von “Wachstum” zu fahnden, und daraufhin ihre Käufe zu platzieren. So praktizieren sie die Trennung des Finanzkapitals von den ‘produktiven’ Abteilungen des Kapitals, und darin ihre Zusammengehörigkeit. So mobilisieren sie die Finanzkraft von Gesellschaft und Staat, und richten sie auf Firmen, denen sie eine gute Wachstumsperspektive unterstellen wollen.
    Diese Herdenmentalität bewirkt umgekhrt umgekehrt den Absturz: Sobald sie misstrauisch gegen Haltbarkeit und Verlässlichkeit ihrer eigenen Konstruktionen werden. Mag sein, dass dafür bereits ein missglückter EU-Gipfel ausreicht. Oder umgekehrt. Umgekehrt…
    P.S. Die Hauptkonstruktion, die sich aus Sicht der Börse am Wochenende in Brüssel bewahrheiten muss, ist die von der Einigkeit und Geschlossenheit und Entschlussfähigkeit von Europa.
    Schaunmermal…

  9. @Neoprene
    Ja, du hast recht.
    Die Billionen hab ich überlesen, und mich eher daran aufgehängt:

    Die Corona-Ansteckungszahlen gehen zurück, die Wirtschaft erholt sich zaghaft.

    Und das kann ich beides eigentlich nicht erkennen. Ersteres ist kontrafaktisch, letzteres scheint eher auf Wunschdenken zu beruhen. Wobei die Schönwettermacher mit den Begriffen „erholen“ und „zaghaft“ ja sowieso ein breites Spektrum offenlassen.
    Es sind also m.E. nicht, wie von Hinweis eher aufgegriffen, die Bewegungen der Spekulanten selbst, die die Nach-Oben-Bewegung auslösen, sondern das Vertrauen auf die Geldspritzen der staatlich gestützten Institutionen.
    Außer EZB und Fed gibt es ja diese ominösen Entwicklungs- und Wiederaufbaubanken, über die man auch Geld in die Ökonomie leeren kann, an den nationalen Parlamenten vorbei.
    Als Modell dafür erinnere ich mich an eine Bankenrettungsinitiative vor 10 Jahren:
    https://www.alanier.at/BankenOsterr.html#WI1

    Welche „Rückzugs-Routen“ könnten denn die Finanzer planen, um vom eventuell gar nicht mehr so entfernten „Krachen“ verschont zu bleiben?

    Was weiß ich.
    Derivate in Singapur, durch einen asiatischen Währungskorb abgesichert, oder Kaufoptionen auf Edelmetalle oder Bitcoin. Irgend so etwas gibt es sicher, zahlt sich erst ab Summen aus, über die du gewiß nicht verfügst.
    Generell läßt sich über die Börsenspekulation sagen, daß die dicken Brummer gegenüber den immerzu gerupften Kleinanlegern den Vorteil haben, daß sie ihr Risiko streuen, und Verluste auf einem Gebiet durch Gewinne auf einem anderen wettmachen können.
    Ob es dann klappt, wenn der Hut wirklich brennt, ist noch eine andere Frage.

  10. Finanzhilfe aus Eigennutz
    Corona-Krise: Arme Länder stehen am Rand der Pleite. Die Reichen helfen – sonst wäre das ganze System in Gefahr
    Vier Prozent sind nicht besondes viel. Oder? Nun ja, es kommt auf den Kontext an. Es ist durchaus dramatisch, dass die Weltwirtschaftsleistung in diesem Jahr wegen der Corona-Pandemie um exakt diese Zahl sinken wird. Dass das Minus nicht noch größer ausfällt, verdankt sich den Billionen neuer Schulden, mit denen Staaten die Krise des Privatsektors auffangen. Doch hier sind nicht alle Staaten gleich. Während die reichen Regionen aus dem Vollen schöpfen können, sind die Ressourcen der Schwellenländer begrenzt – und arme Länder stehen am Rand der Pleite. Um diese Pleiten zu verhindern, hat der Internationale Währungsfonds (IWF) nun Schuldenerleichterungen veranlasst und weitere gefordert – nicht aus Mildtätigkeit, sondern um das System am Laufen zu halten.
    Laut IWF haben die Regierungen bislang rund zwölf Billionen US-Dollar an Unterstützungsmaßnahmen für ihre Wirtschaften beschlossen, dazu kommen die 7,5 Billionen Dollar, die Zentralbanken ins System gepumpt haben. Deutschland hat eine Summe mobilisiert, die laut Commerzbank rund 35 Prozent seiner Wirtschaftsleistung entspricht, in den USA sind es immerhin 15 Prozent. „Für die fortgeschrittenen Volkswirtschaften lautet das Motto ‚So viel, wie nötig ist‘“, sagt IWF-Chefin Kristalina Georgieva, „für die ärmeren Länder lautet es dagegen ‚So viel, wie möglich ist‘.“
    Denn ihre Möglichkeiten sind begrenzt, ihre Kreditwürdigkeit an den internationalen Finanzmärkten beschränkt. Laut IWF hat seit März kein einziges Land in der Region Subsahara-Afrika neue Schulden an den internationalen Märkten aufgenommen. Etwa die Hälfte der sogenannten Low Income Countries stand bereits vor der Pandemie am Rand einer Schuldenkrise.
    Georgieva drängt daher auf weitere Schuldenerleichterungen in Form von neuen Krediten zur Bedienung der alten oder von der Streckung der Schuldenbedienung. Dies mache finanzielle Ressourcen frei, mit denen die Länder „medizinische Notfälle und andere Hilfsmaßnahmen finanzieren können“. Sollten die Schulden nicht gestreckt werden, so die IWF-Chefin, wären die betroffenen Regierungen zu Sparmaßnahmen gezwungen, was „das menschliche Leiden zusätzlich verschlimmern würde“.
    Geld, das in Schuldenbedienung fließt, kann nicht für die Linderung der Armut ausgegeben werden – dies trifft allerdings immer zu. Die Frage ist daher, warum die IWF-Chefin ausgerechnet derzeit an eine „Bruder- und Schwesternschaft der Menschheit“ appelliert und Schuldenerleichterungen fordert.
    Die Antwort auf die Frage ergibt sich aus der Funktion des Währungsfonds. Er ist keine Organisation zur Verhinderung menschlichen Leids, sondern ein Instrument der Gläubigerstaaten, die ihn hauptsächlich finanzieren, zum Schutz ihrer Kredite. In dieser Funktion warnt der IWF derzeit die Gläubiger davor, dass es besser ist, auf einen Teil der Schulden zu verzichten, um den verbleibenden Rest zu sichern – also um die Schuldner als Schuldner zu erhalten. „Wo Schulden nicht nachhaltig sind, müssen sie restrukturiert werden, je früher, umso besser“, erklärt Georgieva. „Die Solvenzprobleme zu ignorieren, macht diese nur schlimmer.“ Neue Untersuchungen des IWF hätten ergeben: Präventive Schuldenerleichterungen seien ökonomisch sinnvoller als das Warten auf einen Zahlungsausfall. Das bedeutet: Mit den Erleichterungen verzichten die Gläubiger nicht auf etwas, was sie eigentlich bekommen könnten.
    Als zweiten Grund für Schuldenerleichterungen nennt der IWF die Gefahr einer Schwellenländerkrise, die in eine globale Finanzkrise münden könnte. Schließlich werden die weltweiten Staatsschulden dieses Jahr auf 100 Prozent der Weltwirtschaftsleistung klettern und damit so hoch sein wie zuletzt am Ende des Zweiten Weltkriegs. Die Schulden der Industrieländer dürften nächstes Jahr sogar auf 125 Prozent der Wirtschaftsleistung steigen – und danach noch weiter. Denn die staatliche Stützung der Privatwirtschaft darf laut IWF nicht „vorzeitig zurückgezogen“ werden. Damit steht die Welt vor einem „schwierigen und unsicheren Aufstieg“, so Georgieva. Und da alle Staaten in diesem Aufstieg „an einem Seil hängen, sind wir nur so stark wie der schwächste Kletterer“.
    Und von diesen „schwächsten Kletterern“ gibt es viele. Der Fonds und die Weltbank haben bereits nicht weniger als 81 Staaten mit ihrer Debt Service Suspension Initiative und dem Catastrophe Containment and Relief Trust unterstützt. Die Kreditzusagen des IWF sind mit 280 Milliarden Dollar so hoch wie noch nie, ein Drittel davon wurde seit Beginn der Pandemie vereinbart. Auf diese Weise werden Länder, die eigentlich schon nicht mehr zahlungsfähig sind, im System gehalten und ihre Zahlungsfähigkeit fingiert. (…)
    Stephan Kaufmann | in: ‘der Freitag’, 04.11.2020
    https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/finanzhilfe-aus-eigennutz

  11. Dieser Hinweis auf zahlungsunfähige Staaten erinnert an Argentinien, und seine Schulden.
    Ein Grund mehr für den IWF, dort einen Bankrott auf jeden Fall zu vermeiden.

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