Marokko und die Westsahara, Teil 2

DAS MAGHREBINISCHE KÖNIGREICH

1. Die Dynastie der Alawiden

Die im 17. Jahrhundert an die Macht gekommenen Alawiden sind die älteste Dynastie im arabischen Raum. Ihre Gründer kamen aus dem Hedschas, auch der heutige Herrscher Mohammed VI. führt sich auf die Familie Mohammeds zurück.
Als Zugereiste waren sie nie besonders populär. Sie nutzten aber mit Geschick die Rivalität der verschiedenen Stämme und Städte aus, um nach dem Prinzip „Teile und Herrsche“ an die Macht zu gelangen und dort zu bleiben.
Als machtpolitisch genialer Schachzug erwies sich die Unterstützung der USA in deren Unabhängigkeitskrieg im Jahr 1777. Bis heute genießt das marokkanische Herrscherhaus die Rückendeckung der USA. Auch während der Besetzung des Gebietes durch Frankreich und Spanien blieben die Alawiden an der Macht. Sie bedienten sich also mit Erfolg der Unterstützung durch auswärtige Mächte, um das Ruder gegenüber der einheimischen Bevölkerung in der Hand zu behalten, Aufstände niederzuschlagen und Bauern zu enteignen. Sie verwendeten im Verlauf ihrer Herrschaftsgeschichte verschiedene islamische Führer-Titel. Nach der Erlangung der Unabhängigkeit 1956 erklärte sich der bisherige Sultan zum König, und diesen Titel führten seither alle Landesväter.

Sozialistische Experimente gab es in Marokko nie. Geschweige denn liberal-demokratische Strömungen. All das betrachtet die marokkanische Königsfamilie als Gefahr für ihre Herrschaft.

Als der Sozialismus in der arabischen Welt gewisses Ansehen genoß, Allianzen mit der SU, Jugoslawien oder Kuba geschlossen wurden – verknüpft mit den Namen Nasser, Kassem, Ghaddafi u.a. – verbündete sich Marokko mit Saudi-Arabien, um dergleichen auf eigenem Territorium zu unterbinden. Das ist die zweite wichtige außenpolitische Allianz, die auch einen Pol der arabischen Liga ausmacht, und bringt Marokko Investitionen und dem alawidischen Königshaus finanzielle Zuwendungen aus dem ölreichen Königreich der Wüste. Man kann sagen, die Achse oder besser die Zange des Guten umspannt mit diesen 2 besonders reaktionären Monarchien den Maghreb und den Maschrik. Die Position der beiden ist auch global-strategisch von Bedeutung, sie dienen nämlich als mögliche Brückenköpfe möglicher militärischer Interventionen.

2. Der westliche Türsteher Europas

zum Aufhalten der Flüchtlinge ist Marokko.

Bereits 1992, als das Flüchtlingsproblem noch gar nicht groß Thema war, schloß Spanien mit Marokko ein Schubabkommen für Flüchtlinge, die über das Territorium Marokkos nach Spanien gelangen.
Dieses Abkommen wurde im Windschatten des Dubliner-Übereinkommens der EU von 1990 abgeschlossen, das die Zuständigkeit der Mitgliedsstaaten für die Asylverfahren von Flüchtlingen regelt. In einer gewissen Wechselwirkung beeinflußte es dann die Weiterentwicklung des Florianiprinzips in der EU, wonach innerhalb der EU die Flüchtlinge in dasjenige Land zurückgeschoben werden können, wo sie erstmals EU-Boden betreten haben. Das spanisch-marokkanische Abkommen diente auch als Modell für das zwischen der Türkei und der EU 2016 geschlossene Abkommen zur Unterbindung des Flüchtlingsstroms aus der Türkei.
Die „warmen Rückgaben“ (von lebenden Flüchtlingen, offensichtlich im Unterschied zu „kalten“, also Toten im Sarg), d.h. von Personen, die über die meterhohen, mit Stacheldraht und Messerklingen gespickten Zäune oder schwimmend durch das Meer nach Ceuta und Melilla gelangt sind, haben zweifelsohne eine abschreckende Wirkung und nötigen diejenigen Flüchtlinge, die es auf der afrikanischen Westroute versuchen, zu dem noch gefährlicheren Seeweg auf die kanarischen Inseln. Auch von dort können sie nach Marokko abgeschoben werden, aber das ist aufgrund der größeren Distanz komplizierter, und den Flüchtlingen bietet sich die Möglichkeit, auf den Inseln unterzutauchen oder per Boot auf das spanische Festland zu gelangen. Eine ebenfalls komplizierte und gefährliche, inzwischen von der spanischen und marokkanischen Küstenwache unterbundene Route führte auf die unbewohnte Alborán-Insel im Mittelmeer.
Nach Berechnungen der UNHCR sind seit 1988 mehr als 20.000 Menschen bei dem Versuch ertrunken, nach Spanien zu gelangen. Die Schätzungen sind schwierig, weil drei Viertel der solcherart Verunfallten nie gefunden werden.
Die „warmen Rückgaben“ verstoßen gegen EU-Recht, weil sie den solchermaßen relativ schnell Abgeschobenen ein Asylverfahren verunmöglichen. Spanien läßt sich diese Gefälligkeit Marokkos sicher einiges kosten, und wird von der EU dafür gelobt, wie gut es sein Flüchtlingsproblem handhabt, ohne die EU-Institutionen damit zu nerven.</p>

3. Die große marokkanische Mauer

Um das eroberte Gebiet der Westsahara gegen Guerilla-Überfälle der Polisario zu schützen, begann Marokko 1981 den Bau eines Systems von militärisch überwachten Mauern, die sich zur Behinderung der Bewegungsfreiheit der Polisario-Kämpfer als sehr effektiv erwiesen. Sie sind offenbar weder mit Geländefahrzeugen noch mit Kamelen zu überwinden. Dieses Mauersystem ist angeblich in Summe die längste Mauer der Welt mit 2500 Kilometern Länge.
So kontrolliert Marokko heute praktisch alle größeren Siedlungen, die Küste, die Phosphatminen von Bukra und ungefähr drei Viertel des Territoriums. Mit dem Rest, der sogenannten „Freien Zone“, kann auch die Polisario nicht viel anfangen, vor allem deshalb, weil der größte Teil an Mauretanien angrenzt, wo sie keine Unterstützung genießt.

Das Bemerkenswerte ist, wie viel Marokko in dieses Gebiet investiert hat, das es vorher als herrenloses Land qualifiziert hatte. Die Erlöse aus dem Phosphatabbau decken diese militärischen und administrativen Kosten nicht ab, die Westsahara ist ein gewaltiger Zuschußposten des marokkanischen Budgets. Man kann vermuten, daß ein guter Teil des Geldes, das es von Spanien für Flüchtlingsrücknahme und Fischereirechte erhält, in die Absicherung des Gebietes der Westsahara fließt, in einer Art Nord-Süd-Kanalisation.

Zu den Investitionen gehört auch der Versuch, marokkanische Siedler in das Gebiet zu locken, die sich dann im Falle eines doch abzuhaltenden Referendums mit lauter Stimme zu Marokko bekennen sollen. Das Projekt kommt aber nicht so recht voran. Die Gegend ist doch recht unwirtlich, die beruflichen Perspektiven trostlos und der Andrang endenwollend.

Aber die Frage der Westsahara ist in Marokko Chefsache, darüber gibt es keine Diskussion.

4. Ein außergewöhnlich reaktionärer Staat, inzwischen ziemlich verelendet

Man wird von der europäischen gleichgeschalteten Presse regelmäßig mit Berichten über böse Diktatoren in der muslimischen Welt gefüttert. Saudi-Arabien erhält aber dieses Etikett nicht, obwohl es dort mehr als angebracht wäre.

Ähnlich verhält es sich in Marokko. Um dem Schein Genüge zu tun, es handle sich dort um so etwas wie eine Demokratie, wurde in den 1990-er Jahren ein Parlament eingerichtet, das nichts zu sagen hat. In dieses Potemkinsche Parlament – mit 2 Kammern! – können dann bei regelmäßig stattfindenden Wahlen handverlesene Parteien ihre Vertreter schicken, die dann für Schein-Tätigkeiten ein sicheres Einkommen als demokratisches Aushängeschild genießen.
Die Regierung wird jedenfalls vom König ernannt. Die wichtigsten Organe dieser Regierung sind die Polizei und der Geheimdienst. Der ist sehr aktiv in allen Ländern, wo es nennenswerte marokkanische Exilgemeinden gibt, vor allem Spanien, Frankreich, Holland und Deutschland. Dort sind seine Augen und Ohren überall, in Gestalt zahlreicher Spitzel. Marokko sorgt dafür – in guter Zusammenarbeit mit den betreffenden Staaten – daß sich dort keine Auslandsopposition bilden kann.

Das wichtigste Einsatzgebiet ist jedoch das Inland, wo alle Opposition unter dem Deckmantel „Bekämpfung des Terrorismus“, Sicherung der „nationalen Einheit“ und ähnlichem verfolgt wird. Das trifft kritische Journalisten, Vertreterinnen von Frauenrechten, Demonstranten gegen Polizeiwillkür, Mitglieder der islamischen Bewegung „Gerechtigkeit und Nächstenliebe“, die das alawidische Königshaus nicht als religiöses Oberhaupt anerkennt, und andere mehr. Wie viele politische Gefangene mit geschobenen Verfahren verurteilt wurden oder gar ohne irgendein Verfahren in marokkanischen Gefängnissen schmachten, gefoltert werden und verschwinden, fragt keine nennenswerte internationale Organisation nach. Mohammed VI., ebenso wie sein Vater Hassan II., ist unser Hurensohn und damit basta.

Neben den politischen Verhältnissen befindet sich auch die marokkanische Wirtschaft in einem beklagenswerten Zustand. Und das in einem Land, das über gute landwirtschaftliche Voraussetzungen und auch Traditionen und Techniken verfügen würde, den Boden produktiv zu machen und die Produkte weiterzuverarbeiten. Die Landwirtschaft kann teilweise nicht einmal ihre eigenen Produzenten ordentlich ernähren. Zudem werden auf den besseren Böden oft Cash Crops für den Devisenexport angebaut.
Der internationale Handel und die Häfen haben keine nennenswerte Bedeutung mehr. Hauptsächlich findet Schmuggel von Haschisch über die Meerenge von Gibraltar statt.
Die verarbeitende Industrie drängt nicht nach Marokko. Einzig der Tourismus und in Verbindung damit das Kunsthandwerk haben sich in den letzten Jahrzehnten zur Haupt-Einnahmequelle vieler Marokkaner entwickelt.
Dem hat die Covid-Pandemie ein Ende gesetzt.
Ebenso war ein wichtiger Geschäftszweig Nord-Marokkos der Handel und Schmuggel mit den spanischen Enklaven, das wurde durch Grenzsperren wegen Covid-19 unterbunden.
Diese Kombination von politischer Repression und wirtschaftlicher Trostlosigkeit hat die Flüchtlingsströme verändert. Immer mehr Marokkaner sagen: Nichts wie weg hier!
So kam es vor einigen Wochen zu einem Ansturm von ca. 6.000 Marokkanern nach Ceuta, mit Schwimmreifen und Schlauchbooten legten sie die Strecke zwischen Marokko und den Stränden Ceutas zurück. Die ansonsten in der Ausgangszone in Marokko patrouillierende Polizei hatte sich zurückgezogen, sodaß die Bahn Richtung Ceuta frei war.
Der Grund: Spanien hatte akzeptiert, daß der in Algerien lebende und an Covid-19 erkrankte Generalsekretär der Polisario, Brahim Ghali, zur Behandlung nach Spanien überstellt worden war.

5. Die Sahrauis: Dauerflüchtlinge, Staatenlose und politisch Verfolgte

In der Westsahara leben nach Schätzungen von UNO-Organisationen ungefähr 600.000 Menschen. Wieviele davon nach 1975 eingewanderte Marokkaner und wieviele aus dem Gebiet stammende Sahrauis sind, läßt sich nicht feststellen, da dort weder Volkszählungen veranstaltet werden noch von irgendeiner Seite ein Interesse daran besteht.
Es ist der marokkanischen Führung recht, wenn der Mantel des Unwissens und des Schweigens über diese Gegend gebreitet wird.
Die meisten Bewohner der Westsahara haben keinen Paß und können daher auch nirgendwohin ausreisen. Erstens kostet so ein Dokument einiges und viele können das Geld dafür nicht aufbringen. Außerdem würde das Ansuchen um einen Paß die Anerkennung der Hoheit Marokkos bedeuten, und diesen Schritt wollen viele nicht gehen, die in der Westsahara leben. Die Sahrauis in der Westsahara sind also Staatenlose.

Ähnlich verhält es sich mit den ca. 150.000 Sahrauis, die in 5 Flüchtlingslagern rund um die algerische Stadt Tinduf leben. (Marokkanische Quellen sprechen von unter 100.000.) Jedes dieser Lager ist nach einer Ansiedlung der Westsahara benannt: El Aiun, Smara, Boujdour, Awsard, Dachla. Damit wird der Anspruch angemeldet, einmal in diese Gebiete zurückkehren zu können. Diese Lager werden schlecht und recht über die UNHCR, das Rote Kreuz, den Roten Halbmond und andere internationale Organisationen versorgt.
Algerien legt keinen Wert darauf, den Sahrauis die algerische Staatsbürgerschaft zu verleihen. Ihr Flüchtlingsstatus soll aufrechterhalten bleiben, als Garant des Rechtsanspruchs auf die Westsahara. Die in Algerien lebenden Sahrauis sind also ebenfalls staatenlos. Sie brauchen auch eine besondere Erlaubnis, sowohl von der Polisario als auch von Algier, um die Zone um Tinduf überhaupt verlassen zu dürfen.

Die Lebensumstände der Sahrauis haben sich seit dem Anschluß der Westsahara an Marokko drastisch verändert. Sie mußten ihre nomadische Lebensweise aufgeben und seßhaft werden. Dadurch wurden sie zu abhängigen Hilfeempfängern. Die Versorgung von Siedlungen in der Wüste ist jedoch sehr aufwendig: Für sehr schlechte Lebensqualität muß viel Geld gezahlt werden. Die Lager werden von der Polisario selbstverwaltet, aber die Versorgung wird größtenteils aus dem Ausland finanziert und geliefert.

Während die Bevölkerung der Lager in Algerien in vor allem mit Naturkatastrophen (manchmal regnet es gewaltig, dann schwimmt alles davon) zu kämpfen haben, kommt es im marokkanisch besetzten Teil regelmäßig zu Demonstrationen, Verhaftungen und dem Einsatz polizeilicher Gewalt. Es gibt keine gemeinsame Ebene, keinen Dialog zwischen den Behörden und den Bewohnern. Mindestens 150 Sahrauis sind in Marokko verschollen.

Die Polisario hält an der Fiktion eines eigenen Staates fest, gibt Geld heraus und betrachtet sich als Regierung der DARS – einer Fiktion, die sich nach Leseart der Führer der Polisario irgendwann manifestieren und zu Wirklichkeit werden muß.

27 Gedanken zu “Marokko und die Westsahara, Teil 2

  1. Krise zwischen Marokko und Deutschland
    Von der Partnerschaft zur Eiszeit
    Marokko und die Europäische Union liegen wegen der Westsahara-Frage über Kreuz. Weil Deutschland die marokkanischen Ansprüche auf das Gebiet nicht unterstützt, ist es zu einem massiven Konflikt zwischen beiden Ländern gekommen. Die deutsch-marokkanische Krise wird langsam teuer – für beide Seiten, wie Hans-Christian Rößler berichtet.

    https://de.qantara.de/inhalt/krise-zwischen-marokko-und-deutschland-von-der-partnerschaft-zur-eiszeit

    Auf dem Spiel stehen u.a. 1,4 Milliarden Euro jährliche Entwicklungshilfe, die Deutschland an Marokko überweist – offenbar als eine Art Anerkennung der Türsteherqualitäten Marokkos. Offiziell sind sie für die Bekämpfung der Covid-Pandemie gedacht, die in Marokko vor allem durch Grenz- und Ausgangssperren stattfindet. Das Geld kann also direkt den Sicherheitskräften übergeben werden, ohne groß gegen den Verwendungszweck zu verstoßen.

    Man kann also sagen, die deutsche Entwicklungshilfe wird größtenteils für die Bezahlung von Polizei und Geheimdienst in Marokko verwendet.

    Wenn Marokko wieder ein paar Wellen von Migranten auf die EU losläßt, oder gar mit der Kündigung des Schubabkommens droht, wird die Entwicklungshilfe schon wieder fließen …

  2. Nachwehen der diplomatischen Krise in Spanien:

    Marokko hält wieder Flüchtlinge vor einem Ansturm auf die spanischen Enklaven ab und verhandelt wieder neu über Fischereirechte. Inzwischen wurde auch ein Vertrag unterzeichnet, nach dem sich Marokko bereit erklärt, 740 Minderjährige zu repatriieren, die im Mai nach Ceuta gelangt sind, als Marokko seiner Grenzpolizei Untätigkeit verordnete.

    Offenbar verlangt die marokkanische Regierung aber eine Untersuchung der Umstände, unter denen Brahim Ghali nach Spanien gelangte, um sich wegen einer schweren Covid-19-Erkrankung (in einem Spital in Logroño) behandeln zu lassen.

    So stellt sich heraus, daß er weder bei seiner Einreise über den Flughafen von Zaragoza noch bei seiner Ausreise über den Flughafen von Pamplona irgendwelche Papiere vorweisen mußte und in hoher militärischer Begleitung war.

    (El País, 13.8.)

    Es ist schon – analog zur Türkei – interessant, wie Marokko mit einem EU-Mitgliedsstaat verfährt und ihm seine Forderungen ein Stück weit aufnötigt.

  3. Tauwetter zwischen Marokko und Deutschland

    Nach monatelanger Eiszeit erwägt die Regierung in Rabat eine Normalisierung der Beziehungen zu Berlin. Hintergrund ist der Regierungswechsel in Deutschland.

    In der diplomatischen Krise zwischen Marokko und Deutschland zeichnet sich Entspannung ab. Das Außenministerium in Rabat verwies im Kurznachrichtendienst Twitter auf "positive Erklärungen und eine konstruktive Haltung" der neuen Regierung in Berlin. Man hoffe auf eine Rückkehr zur normalen Arbeit der diplomatischen Repräsentanten beider Länder. Das Auswärtige Amt hatte nach dem Regierungswechsel auf seiner Internetseite den Eintrag zu Marokko aktualisiert und spricht nun von einem "zentralen Partner" der EU und Deutschlands in Nordafrika. Marokko spiele eine "wichtige Rolle für die Stabilität und nachhaltige Entwicklung in der Region".

    https://www.dw.com/de/tauwetter-zwischen-marokko-und-deutschland/a-60233822

    Sehr viel Spielraum gibt es nicht: Entweder Deutschland erkennt ebenfalls das Recht Marokkos auf die Westsahara an, gibt also klein bei, oder es beharrt weiter – gegen alle politischen Möglichkeiten – auf einer anderen Lösung, nur welcher?

    In jedem Fall zeigt sich, daß Deutschland nicht mehr die Macht über Grenzen und Annexionen hat, die es sich 1991 angemaßt hat.

  4. Als zweites Land nach den USA
    Israel erkennt Westsahara als Teil Marokkos an

    Israel erkennt die Souveränität Marokkos über die Westsahara an. Damit wird das Land zum einzigen Staat neben den USA, der die Annexion der ehemaligen spanischen Kolonie in Nordafrika durch das Königreich anerkennt. Israels Ministerpräsident Benjamin Netanyahu habe König Mohammed VI. den Entschluss in einem Brief mitgeteilt, teilte der Königshof in Rabat mit. In seinem Schreiben habe Netanyahu erklärt, die Position seines Landes werde "in allen einschlägigen Handlungen und Dokumenten der israelischen Regierung" berücksichtigt.

    Israel bestätigte den Vorgang. Der israelische Außenminister Eli Cohen sagte, die Anerkennung des Territoriums als Teil Marokkos werde die Beziehungen zwischen beiden Ländern stärken und die regionale Stabilität voranbringen. Das Land werde den Beschluss nun den Vereinten Nationen und anderen internationalen Organisationen mitteilen. International wird der von Marokko formulierte Anspruch auf die Westsahara bisher von keinen weiteren Staaten anerkannt.

    Normalisierung der Beziehungen unter Vermittlung Trumps

    Israel und Marokko hatten im Rahmen der vom früheren US-Präsidenten Donald Trump vermittelten sogenannten Abraham-Abkommen zwischen Israel und arabischen Staaten ihre diplomatischen Beziehungen wiederhergestellt. Im Gegenzug für die Normalisierung der Beziehungen zu Israel versprach die Regierung Trumps Marokko im Dezember 2020 die Anerkennung der marokkanischen Souveränität über die Westsahara.

    (…)

    (Tagesschau, 18.7.)

  5. Anläßlich des Putsches in Niger habe ich die Welt-Uran-Lagerstätten nachgeschaut und siehe da: Die weitaus größten weltweit befinden sich in Marokko, und zwar im alten Teil Marokkos, im Dreieck zwischen Casablanca, Marrakesch und Safi.

    Sie sind zwar festgestellt worden, es gab aber bisher keinen Versuch, an den Abbau zu schreiten. Vielleicht ändert sich das jetzt.
    (Damit dürfte die Westsahara-Frage endgültig entschieden sein … )

  6. Wenigstens ein Artikel, der über das rein Deskriptive und das Jammern über eine unfähige Führung hinausgeht:

    Over 2,000 people killed as earthquake devastates Morocco

    On Friday night, an earthquake in Morocco hit mountainous areas near the city of Marrakech, killing at least 2,000 people and injuring more than 2,000. Of the wounded, over 1,400 are in critical condition, according to Morocco’s Interior Ministry.

    The death toll is tragically expected to rise, as the worst-affected areas are remote mountain villages which rescue teams are struggling to reach due to poor infrastructure and emergency planning. It remains unclear how many more thousands of people may still be buried under the rubble.

    The epicentre of Friday’s earthquake was near Ighil in Al-Haouz Province, roughly 70 kilometres south of Marrakech, Morocco’s fourth-largest city. The 6.8-magnitude quake shook the High Atlas mountain range at a relatively shallow depth of 18.5 kilometres, according to the United States Geological Survey (USGS). It was Morocco’s deadliest earthquake since 1960, when a magnitude 5.8 quake struck near Agadir, killing at least 12,000 people.

    UN officials estimate 300,000 people have been impacted by the earthquake. The quake was felt across Morocco including the coastal towns of Imsouane and Essaouira, 180 and 200 km west of Marrakesh; in the capital, Rabat, 350 km north of the epicentre; and in Portugal and Algeria.

    Most of the deaths were reported in mountainous Al-Haouz and Taroudant provinces. According to the Moroccan Interior Ministry, the death toll reached 1,293 in the Al-Haouz region, 452 in the Taroudant region, 191 in the town of Chichaoua, 41 in the Ouarzazate region, 15 in Marrakech prefecture, 11 in the Azilal province, 5 in the Agadir Ida-Outanane prefecture, 3 in Casablanca province and 1 in the Youssoufia province. The village of Tafeghaghte, 40 miles southwest of Marrakech, was almost entirely destroyed.

    Hospitals in Marrakesh are seeing a huge influx of injured people, and authorities are calling on residents to donate blood.

    The region is located in a well-known earthquake zone and is home to members of Morocco’s Amazigh (or Berber) community. Moroccan King Mohamed VI’s regime has systematically isolated the region to focus on development projects in large cities such as Marrakech and repressed the region’s inhabitants when they protested against this.

    Samia Errazzouki, a research fellow studying Morocco at Stanford University, said: “This region, outside of any natural disaster and on a normal day, is one of the most difficult regions to get to as the infrastructure is so poor. Roads and access to this region are already difficult, before you compound that with difficulties like rubble or problems with the roads. It’s going to take a miracle to get immediate aid there.”

    “These regions have historically been hit with earthquakes, but they have also been marginalised. In moments when people requested, demanded aid, infrastructure and development like in the Hirak movement in 2016, those who do so are thrown in jail,” she added. “On a good day, this region is difficult to access and deprived of basic infrastructure. The hospital system there is abysmal.”

    Anger is mounting over the monarchy’s slow response to the disaster and the inaction of King Mohammed VI, who was at a residence in France when the quake hit. The Guardian noted, “Despite him returning to chair the emergency response meeting, some said vital hours may have been lost due to a need for the palace’s approval and control.”

    As the rescue operation is delayed, residents in many villages are using homemade tools or their bare hands to dig the dead from the rubble. The destruction caused by the quake has left many survivors homeless, shortage of water and food, and other necessary aid as many prepare to spend a third night without shelter.

    From the village of Ait Yahya in Taroudant province, Al Jazeera’s Ayman Al Zubair reported: “There is an air of sorrow among the people, and they expressed fear [about] when aid will arrive for them. … They received some aid in terms of food, but their main demand is a place to stay. The area is also experiencing a shortage of water, and there are dead animals that have not been cremated yet so there are concerns diseases could emerge.”

    A resident from Amizmiz, 55 km south of Marrakesh, told Al Jazeera that all of its inhabitants lost their homes, and that each family is grieving loved ones who died in the quake.

    “We are living in a crisis situation,” another Amizmiz resident told Al Jazeera. “We ask that King Mohamed VI intervene and send us some help because we are living through a traumatic situation,” he said, adding the village lacks electricity, food and other necessary aid.

    A resident of the village of Moulay Brahim, 36-year-old Yassin Noumghar, said: “We lost our houses, we lost people also, and we have slept two days outside. No food. No water. We lost also electricity. We want just for our government to help us.”

    As in the massive February 2023 earthquake in Turkey and Syria, the horrific death toll in the Morocco quake is not primarily a natural disaster, but above all a social disaster rooted in the grotesque social inequality of the capitalist system. With proper, safe building infrastructure, cities can survive even more powerful quakes than the one that struck Morocco on Friday. Only four people died from earthquake damage from the 7.4-magnitude quake in Fukushima in Japan in 2022.

    Over 50,000 died in Turkey in Syria, and thousands more have now died in Morocco, because state authorities ignore basic safety guidelines, and safe housing and infrastructure is not built.

    In Morocco, despite recent earthquakes, many buildings and especially rural homes in earthquake zones are not built to withstand such tremors. This was further underscored when hotel managers in Marrakech, desperate to reassure tourists coming to the city, spoke of the vast difference between the relatively limited quake damage in Marrakech itself compared to the devastation in nearby villages.

    Samuel Roure, who presides over the association of guest houses in Marrakesh, told Le Monde: “[W]hen I see the images of the earthquake and read about Marrakech in the media, I don’t feel like I’m living in the same country. … I’ve been touring the medina since 7:30 a.m. and, of the 10,000 riads (homes and guest rooms) in the city, barely 50 have collapsed.” He added that in Marrakesh, unlike the hard-hit surrounding villages, “the infrastructure is intact, the airport is up and running, and so are the telecommunications, water and electricity networks.”

    With massive public works programs focused on creating essential social infrastructure and strengthening homes, humanity could build earthquake-resistant cities worldwide. However, the capitalist system is incapable of allocating the necessary resources for it, as trillions of dollars are instead spent on imperialist wars and bank bailouts for the super-rich. Stopping needless earthquake deaths requires the international working class in struggle against capitalism, fighting to subordinate private profit to essential social needs.

    (WSWS, 11.9.)

  7. Marokko blockiert Bebenhilfe

    Rabat setzt nur auf die Hilfe weniger Staaten und begründet das mit der schwierigen Koordination. Doch zumindest in manchen Fällen, wie bei Frankreich, ziert sich Marokko aus politischen Gründen

    Am dritten Tag nach dem schweren Erdbeben ist die Opferzahl auf fast 2.500 gestiegen. Mindestens ebensoviele wurden durch die Folgen der Erdstöße der Stärke 6,8 am späten Freitagabend verletzt, und hunderte Menschen werden noch immer vermisst. Hilfe erreicht die Opfer in entlegenen Bergdörfern jedoch nur langsam, Erdrutsche versperren den Weg durch das Atlasgebirge. Marokko hat bisher erst von vier Staaten Unterstützungsangebote angenommen. Diese extrem zurückhaltende Vorgehensweise wurde damit argumentiert, dass sich Mängel in der Koordinierung nachteilig auswirken würden. Daher habe man zunächst "auf die Unterstützungsangebote der befreundeten Länder Spanien, Katar, Großbritannien und Vereinigte Arabische Emirate reagiert", erklärte das Innenministerium. Großbritannien ist mit sechzig Rettungsexperten sowie vier Suchhunden in Marokko, teilte der britische Botschafter Simon Martin mit. Auch eine Spezialeinheit des spanischen Militärs mit Suchhunden beteiligt sich. Auf die Hilfsangebote anderer Staaten, darunter Österreich, Deutschland und die USA, wurde zunächst aber nicht zurückgegriffen.

    Frankreich bot Hilfe an

    Auch Frankreich wollte als "Bruderland" den Opfern des Bebens zu Hilfe eilen – schließlich teilt man mit dem ehemaligen Protektorat Geschichte, Sprache und zum Teil auch die Kultur. Die Regierung in Paris hat sofort fünf Millionen Euro bereit- und Rettungsteams zusammengestellt. Losgeflogen sind sie bis heute nicht, denn Hilfe aus Paris ist in Rabat nicht erwünscht. Die Erklärung dafür ist politisch. Der franko-marokkanische Journalist Mustapha Tossa erklärte, schuld sei "in erster Linie" die Weigerung Frankreichs, die Westsahara als marokkanisches Staatsgebiet zu akzeptieren. Mehrere Länder wie Spanien haben die seit Jahrzehnten umstrittene Wüstenregion mittlerweile als marokkanisch anerkannt.

    Paris liegt eher auf der Linie Algeriens, das die Ansprüche Marokkos auf die Westsahara ablehnt. Seit Beginn des Ukrainekriegs setzt Präsident Emmanuel Macron noch stärker als bisher auf die algerische Karte, um auch Öl- und Gaslieferungen zu gewährleisten. Macron hatte die Marokkaner schon 2022 verärgert, als er die Zahl der Visa halbierte. Französische Touristen können dagegen nach wie vor ohne Visum nach Marokko einreisen; viele haben gerade in Marrakesch einen Riad (Stadtvilla) als Ferienresidenz.

    Der marokkanische König Mohammed VI. hat deshalb seinen Botschafter in Paris im Jänner zurückberufen. Zudem ärgerte er sich dem Vernehmen nach über ein Video, in dem er womöglich betrunken im nächtlichen Paris zu sehen ist – obwohl er als guter Muslim keinen Alkohol trinken sollte. Die marokkanischen Zeitungen berichteten keine Zeile darüber, doch via sozialer Medien erfuhren es die Untertanen des Königs trotzdem.

    (…)

    (Standard, 11.9.)

  8. Ein ständig steigender Strom von marokkanischen Migranten kommt nach Spanien – in normalen Schiffen oder in Schnellbooten, die ansonsten von den Drogenhändlern benützt werden.

    Sie stammen alle aus dem Rif, wo es seit den Protesten von 2016 brodelt. Vor allem Al Houcema ist ein bevorzugter Abreise-Ort.
    Diese Migration wird von Marokko begünstigt, um Störenfriede loszuwerden und sich weiter nicht um die Entwicklung dieser vernachlässigten Region kümmern zu müssen.

    (El País, 1.10.)

    Das ganze könnte Experimental-Charakter haben.

    Vielleicht kommen als nächstes die Erdbeben-Opfer aus dem Atlas, die keine Mittel haben, ihre zerstörten Häuser wieder aufzubauen, oder die aufgrund ihrer Erfahrungen doch irgendwo wohnen wollen, wo wenigstens in Krankenhaus in der Nähe und zugänglich ist.

  9. Marokko zieht Immobilien Algeriens ein, möglicherweise sogar das ehemalige Botschaftsgebäude in Rabat. (Beide Staaten haben 2021 ihre diplomatischen Beziehungen aufgrund der Westsahara-Frage abgebrochen.) Allerdings wurden diese Immobilien Algerien in besseren Zeiten – nach der Erlangung der Unabhängigkeit – kostenlos übergeben, es hat also kein Geld dafür hingelegt.

    Der Grund für diesen neuesten Schritt ist, daß Algerien eine Vertretung der marokkanischen separatistischen „Rif-Nationalpartei“ in Algier eröffnet hat.

    Daraufhin erkärte der in Frankreich lebende algerische Raï-Sänger Ferhat Mehenni, der Anführer der Unabhängigkeitsbewegung der Kabylei ist, offen seinen Dank für die Unterstützung durch Marokko.

    (El País, 2.4.)

  10. Marokko baut jetzt – mit Hilfe ausländischen Kapitals, vermutlich vor allem aus Saudi-Arabien – einen großen Hafen nördlich von Dachla.

    Damit soll 1. den Staaten der Sahara ein Zugang zum Meer geboten werden, damit sie sich besser in den Welthandel einklinken können.

    2. will Marokko damit Einfluß in der Sahara-Region gewinnen und damit Algerien ausstechen bzw. überholen.

    3. will es damit seine Herrschaft in der Westsahara sozusagen zementieren.

    4.  soll damit die Wirtschaft der Westsahara belebt werden, damit die Provinz sich selbst – zumindest teilweise – trägt und sie nicht ein einziger Zuschußposten für die ohnehin nicht sehr gut gefüllte marokkanische Staatskasse ist.

    5. will Marokko mit dieser Perspektive die Saharauris aus Tinduf zur Heimkehr anregen und zur Akzeptanz der marokkanischen Oberhoheit bewegen – und damit das Polisario-Problem in Luft auflösen.

    (El País, 24.6.)

  11. So sieht Dankbarkeit aus:

    „Marokko widmet Trump seine neue, 1.000 Kilometer lange Autobahn in die Sahara.
    Der US-Präsident kam der offiziellen Nachricht aus Rabat zuvor, indem er sich in den sozialen Medien bei Mohammed VI. für die Benennung der Straße bedankte. (…)

    Die Botschaft Trumps wird von einem Video begleitet, das beeindruckende Luftaufnahmen einer Wüstenstraße zeigt.
    Eine Stimme aus dem Off erinnert daran, dass Marokko als erstes Land die Gründung der USA anerkannte, deren 250. Jahrestag im Juli gefeiert wurde. Weiterhin wird erwähnt, dass die beiden Länder 9 Jahre später, 1786, einen »Friedens- und Freundschaftsvertrag« unterzeichneten, der »den Grundstein für die bis heute längste ununterbrochene diplomatische Beziehung in der Geschichte der USA legte … Der President Donald J. Trump Expressway ist sein konkretster und beständigster Ausdruck«, heißt es im Video mit Bezug auf ein Projekt mit Kosten von »fast einer Milliarde Dollar« (etwa 880 Millionen Euro).

    (El País, 26.7.)

    Das Video hätte auch etwas von einer Tourismuswerbung an sich, die die Hörer auf die Schönheiten der Sahara aufmerksam macht, meinen die Autoren des Artikels.

    Alle die tollen Dinge, die nach Trump benannt sind, kann man ja nach seiner Präsidentschaft wieder umbenennen …

  12. Vorläufige Bilanz des Ansturms auf Ceuta im Juli-August:

    60.000 Jugendliche versuchten, nach Europa zu gelangen. Die meisten davon wurden bis 2. August wieder zurückgeschickt.
    67 Tote auf spanischer, geschätzte 17 auf marokkanischer Seite.
    In den sozialen Netzen kursierte das Gerücht, man könne einfach nach Spanien hinüber.
    In Fnideq/Castillejos wurden Verkaufsstände für Ausrüstung zum Hinüberschwimmen eingerichtet und diese ebenfalls im Internet angezeigt, ebenso wie die Route, die Schwimmende nehmen sollten.

    „Marokkanische humanitäre Organisationen und NGOs hatten in den letzten Wochen vor Ansammlungen junger Menschen im Norden des Landes gewarnt, die den Sprung nach Spanien wagen wollen. Jadiya Inani, Leiterin der Migrationsabteilung der Marokkanischen Vereinigung für Menschenrechte (AMDH), beklagte, dass »tausende junge Menschen aufgrund der schwierigen wirtschaftlichen und sozialen Lage das Land verlassen wollen«.

    Mehr als 1,5 Millionen von ihnen, zwischen 15 und 25 Jahre alt, studieren oder arbeiten laut öffentlicher Statistik weder. Wenn man den Bereich auf 35 Jahre erweitert, sind es mehr als vier Millionen. »Anstatt in Marokko eine stabile Situation für ein würdevolles Leben zu finden, fliehen junge Menschen nach Europa«, betonte Inani. »Die marokkanische Regierung scheint andere Prioritäten zu haben, für die sie Milliarden ausgibt, wie zum Beispiel die Organisation der Fußball-Weltmeisterschaft« …“

    (El País, 2.8.)

    Aha.
    Man hätte es kommen sehen können.
    Warum sah es niemand auf spanischer Seite?

  13. Die deutsche Presse am Montag: Die toten  Marokkaner und deren Lebensbedingungen werden nicht einmal mehr erwähnt (sondern es wird nur noch mengenmäßig an der Anzahl der Leichen nachgezählt, ob man das unter 'Katastrophenfall' einsortieren will oder unter 'Unglücksfall' – wenn überhaupt.)

    Hauptthema allseits ist ansonsten, dass Europa sich zukünftig noch weniger durch solch Staaten wie Marokko (oder Marokko in Gegensätzen zu  Algerien) "erpressbar" machen dürfe – ein totalitäres Wahngemälde angesichts der Kräfteverhältnisse.  (Was nur auf den Absolutheitswahn erwünschter europäischer National-Idiotie schließen lässt…)

    Und ja – Trump sieht so etwas bekanntlich ziemlich haargenau auch so.  [Nur da bezogen auf die heiligen Vorrechte von Gods Own Country….]

    Wie sich die europäischen Perspektiven auf die Flüchtlinge. [… sowohl als auch nicht…] verändert haben, verrät nicht nur ein Blick auf einen Aufsatz von Freerk Huisken von 2015. https://www.magazin-auswege.de/data/2015/09/Huisken_Gegenrede38_Wir_schaffen_das.pdf

  14. Jeder wie ers braucht.

    Andere Staaten bzw. Medien meinten, gegen Spanien zu Felde ziehen zu müssen, weil das ja angeblich diesen Ansturm selbst verschuldet hätte. Zumindest waren das die ersten Reaktionen. 

    Was Marokko, Trumps und Israels guten Freund, angeht, so sei darauf hingeweisen, daß erstens das Abkommen, daß Spanien vor geraumer Zeit mit Marokko geschlossen hat – Flüchtlinge, die von dort kommen, können ohne größere Prozeduren dorthin (sicherer Drittstaat) abgeschoben werden, ohne viel Federlesens – daß dieses Abkommen das Muster für jenes war, das Frau Merkel seinerzeit mit Erdogan abgeschlossen hat. 

    Zweitens ist es etwas leichtfertig, von „solch Staaten wie Marokko“ zu reden, weil das maghrebinische Königreich hat sehr gewichtige Unterstützer und kann sich deshalb einiges herausnehmen.

    Manches weist darauf hin, daß die Aktion von Trump, Netanjahu und Marokko gemeinsam geplant war, weil alle 3 Staaten Sánchez eins auswischen wollten. 

  15. Die spanischen Behörden kommen zu dem Schluß, daß die „Menschenlawine“ in Ceuta nicht von den marokkanischen Behörden geplant, aber durch sie ermöglicht wurde. 

    Das kann natürlich auch eine Geste sein, um die Zusammenarbeit mit Marokko, auf die Spanien ja angewiesen ist, nicht zu gefährden. 

    Immerhin wurde festgestellt, daß die marokkanischen Behörden am fraglichen Donnerstag den Grenzschutz völlig abgezogen hatten:

    „Zeitgleich mit den Feierlichkeiten zum »Tag des Thrones« (Krönungsjubiläum des derzeitigen Königs Mohammed VI., 30.Juli), einem festlichen Feiertag in Marokko, wurden die Grenzkontrollen in Marokko auf ein Minimum reduziert, bis sie schließlich ganz aufgehoben wurden, wodurch der Weg für die Menschenmassen frei wurde.“

    Verschiedene Akteure kochten sich jedenfalls ein Süppchen mit den Ereignissen und hetzten gegen die spanische Regierung:

    „Obwohl die Operation“

    angeblich

    „nicht vom marokkanischen Staatsapparat geplant war, sah er laut spanischen Experten darin eine Chance. Trotz der hohen Verluste an Menschenleben gelang es Marokko, seinen Anspruch auf Ceuta und Melilla weltweit in den Fokus der Medien und auf die Tagesordnung von Regierungen zu rücken.

    Bilder von Menschenmassen, die die Grenze irregulär überquerten, dienten der extremen Rechten dazu, ihre Rhetorik gegen Einwanderung zu verschärfen und sie der vermeintlichen Politik der offenen Tür der linken spanischen Regierung gegenüberzustellen.

    Das US-Außenministerium bezeichnete die Ereignisse als »eklatante Verletzung der spanischen Souveränität«, um im Weiteren  – ebenso wie Präsident Trump – die Einwanderungspolitik von Sánchez dafür verantwortlich zu machen.

    Der israelische UN-Botschafter ging sogar so weit, Ceuta als »Kolonialenklave« zu bezeichnen, eine Aussage, die von der israelischen Botschaft in Madrid korrigiert werden musste.

    In einem Brief an die Leiter europäischer Institutionen beklagte der spanische Präsident die »egoistische, polarisierende und illegale« Reaktion einiger europäischer Länder, darunter Italien, das die Aussetzung der Freizügigkeit mit Spanien ankündigte, sowie Finnland und Dänemark, die drohten, Spanien aus dem Schengen-Raum auszuschließen.
    Eine Gruppe von 22 Ländern, die sich für strengere Einwanderungskontrollen aussprechen, forderte ein Treffen der EU-Innenminister für Dienstag.
    Die marokkanische Zeitung Le 360, die dem Königshaus nahesteht, bezeichnete Ceuta und Melilla am vergangenen Donnerstag als »besetzte Städte auf marokkanischem Territorium, deren gegenwärtiger Status eindeutig nicht tragbar ist« und folgerte, dass die Frage nicht sei, ob sie irgendwann in Marokko »wieder integriert« würden, sondern wann dies geschehen werde.

    Der spanische Innenminister Fernando Grande-Marlaska behauptete am Samstag in Ceuta, die spanischen Geheimdienste hätten sie nicht vor den Entwicklungen jenseits der Grenze gewarnt, und beschuldigte dabei das Nationale Nachrichtendienstzentrum (CNI).
    Diese Aussage hat im Verteidigungsministerium erheblichen Unmut ausgelöst. Das Ministerium bestätigte sie weder, noch dementierte es sie und verwies auf die Geheimhaltung der Berichte des CNI.
    Fest steht jedoch, dass die marokkanischen Geheimdienste, mit denen das Innenministerium und das CNI nach eigenen Angaben eng zusammenarbeiten, ihre spanischen Kollegen nicht über die Migrationsbewegung informierten, die über soziale Medien organisiert wurde – die vom marokkanischen Geheimdienst überwacht werden.“

    Der spanische König hat die spanischen Parteien zur Einigkeit aufgerufen. Ob er auch persönlich mit Mohammed VI. sprechen soll, muß erst die spanische Regierung entscheiden.

    (El País, 3.8.)

  16. „Nach Ceuta: EU-Staaten stellen sich verspätet hinter Spanien
    Bei der Sondersitzung der Innenminister wurde das Vorgehen Spaniens kollektiv gewürdigt. (…)

    72.000 statt 50.000

    Allerdings musste der spanische Innenminister am Dienstag auch die Zahlen nach oben korrigieren. Nicht rund 50.000, sondern etwa 72.000 Menschen sind vergangene Woche irregulär nach Ceuta gelangt. Circa 70.000 von ihnen sind bereits wieder nach Marokko zurückgekehrt. Auch wurden 3 weitere Leichen geborgen, sodass die Zahl der Todesopfer nun auf 75 stieg. Die Rettungskräfte vor Ort rechnen laut Medienberichten aber noch mit weit mehr.“

    (Standard, 4.8.)

  17. Das marokkanische Außenministerium „wies … darauf hin, dass Marokko jährlich fast 500 Millionen € für die Bewältigung des Migrationsproblems aufbringen muss, während die europäischen Fördermittel 145 Millionen Euro nicht übersteigen.

    Ebenso dementierte das Außenministerium kategorisch jegliche Lockerung der Migrationspolitik durch die marokkanischen Behörden und betonte, dass jeder, der versuche, die Grenze irregulär zu überqueren, wisse, dass er zurückgeschickt werde und Marokko seine Rückkehr akzeptieren werde – was von Seiten Rabats seit Jahren geschieht.“

    (El País, 5.8.)

  18. Langsam scheint sich herauszustellen, daß Marokko die ganze Angelegenheit gar nicht recht ist und daß die wirklichen Drahtzieher womöglich woanders stecken:

    „Der essentielle Beitrag der in Spanien lebenden Marokkaner: »Die Überweisungen sind für Marokko unverzichtbar.«

    Die aus Spanien überwiesenen Gelder machen mehr als 1% des marokkanischen BIP aus, während die Überweisungen aller Emigranten sich auf 7,5% des BIP belaufen. … Laut Angaben der spanischen Zentralbank beliefen sich die Überweisungenaus Spanien im Jahr 2025 auf ca. 1,6 Milliarden Euro. 

    »Die marokkanische Gemeinschaft in Spanien ist ein wichtiger Wirtschaftsfaktor für Marokko und aufgrund ihrer Fähigkeit, einen stetigen Geldfluss zu generieren, vergleichbar mit einem bedeutenden nationalen Exportgut« … 
    Spanien liegt an 2. Stelle für Überweisungen nach Marokko und macht laut Daten marokkanischer und europäischer Währungsbehörden rund 15% der gesamten Überweisungen aus.
    Frankreich liegt mit etwa 3,4 Milliarden Euro an 1. Stelle, was mehr als 30% der Gesamtüberweisungen entspricht. Frankreichs führende Position ist darauf zurückzuführen, dass Frankreich mit über 1,5 Millionen Menschen die mit Abstand größte marokkanische Expat-Gemeinschaft weltweit beherbergt.
    Italien folgt an 3. Stelle mit rund 800 Millionen Euro, etwas weniger als 10% der Gesamtüberweisungen.“

    Insgesamt machen die Auslandsüberweisungen nach Marokko um die 12 Milliarden Euro jährlich aus, was eben die eingangs erwähnten 7,5% des BIP sind. Das sagt auch einiges über die Wirtschaft Marokkos aus … 

    „»Überweisungen sind für Marokko überlebenswichtig. Ohne sie wäre es völlig unmöglich, das derzeitige Importniveau aufrechtzuerhalten«, erklärte Íñigo Moré vom Forschungszentrum Remesas.org … Wie viele Entwicklungsländer importiert Marokko mehr als die Hälfte seiner Konsumgüter (53% des BIP laut Weltbank).
    Dies ist mit der schwachen Währung, dem Dirham, der weniger als 10 Euro-Cent wert ist, nur schwer zu finanzieren. Ein weiterer Vorteil, so Moré, ist, dass es sich um Einnahmen ohne irgendwelche Kosten handelt, anders als die Einnahmen aus produktiven Sektoren wie dem Tourismus, die Investitionen in die Infrastruktur oder Gehälter erfordern. Es handelt sich um kostenloses und sofort verfügbares Geld.

    Internationale Geldüberweisungen kurbeln zudem die lokale Wirtschaft an und kommen der Gesamtwirtschaft kurz- wie langfristig zugute, wie Bermejo erklärt: »Die Überweisungen werden genutzt, um Eltern, Kinder oder Verwandte, die in Marokko bleiben, zu unterstützen und damit Wohnraum oder die Ausbildung und Gesundheit dieser Kinder zu finanzieren. Sie können Verwandten auch helfen, kleine Unternehmen zu gründen.«

    Zur Erleichterung der marokkanischen Wirtschaft zeigt der Trend, dass marokkanische Auswanderer in Spanien immer mehr Geld in ihre Heimat am südlichen Mittelmeer überweisen. Diese Rücküberweisungen haben sich im letzten Jahrzehnt mehr als verdreifacht.“

    !!!

    „Diese Rate ist deutlich höher als die der gesamten Überweisungen spanischer Haushalte in andere Länder, die sich im gleichen Zeitraum kaum verdoppelten und laut der spanischen Zentralbank 12,207 Milliarden Euro erreichten. Moré führt den Anstieg der Überweisungen aus Spanien vor allem darauf zurück, dass marokkanische Auswanderer seit der Pandemie weniger reisen und ihr Geld vermehrt über Banken oder Geldtransferunternehmen senden. Ein weiterer Faktor, den der Experte nennt, ist die Erhöhung des Mindestlohns in Spanien: Dieser ist seit 2018 um mehr als 60% gestiegen und liegt nun bei 1.221 Euro pro Monat.

    »Die Mindestlohn-Erhöhung zeigt stärkere Wirkung bei den Marokkanern, da sie aufgrund der Sprachbarriere vorwiegend in der Landwirtschaft und im Baugewerbe schlechter bezahlte Jobs ausüben.
    Wer kein Spanisch spricht, kann weder als Kellner arbeiten noch hat er Zugang zu vielen Jobs im Dienstleistungssektor«, betont Moré. Eine Studie des Elcano Instituts, basierend auf Daten des INE (Nationales Statistikinstitut) von Ende 2024, bestätigt diese Ansicht: Insgesamt stellen afrikanische Einwanderer 15,6% der Beschäftigten in der Landwirtschaft und 14% im Baugewerbe – in beiden Fällen deutlich mehr als jede andere Gruppe. Im Gastgewerbe liegt ihr Anteil bei 12% und damit hinter Lateinamerikanern und Asiaten.“

    Kein großer Unterschied.
    Schließlich ist das Gastgewerbe auch nicht gut bezahlt und in der Küche braucht man auch nicht gut Spanisch – oder Englisch – sprechen. 

    „Unabhängig davon, ob sie mehr oder weniger verdienen als andere Einwanderer, verdienen Marokkaner in Spanien deutlich mehr als in ihrer Heimat, und das ist für sie das Wichtigste. Laut der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) verfügen Menschen, die an der nördlichen Mittelmeerküste den Mindestlohn verdienen, über eine fast dreifach höhere Kaufkraft als mit dem Mindestlohn in Marokko.
    Der Traum vom Leben in Spanien lässt sich also rational erklären.“

    (El País, 6.8.)

  19. In Ceuta bleiben noch zwischen 2000 und 6000 Personen, die bei diesem Ansturm über die grenze gekommen und nicht zurückgetrieben worden sind: Erwachsene und Minderjährige, größtenteils aus Marokka, aber auch einige aus Schwarzafrika und sogar eine Familie von den Komoren.

    Während im ärmsten Viertel, dem Barrio del Príncipe, das als Brutbett des Drogenhandels gilt und wo die Polizei ihren Fuß nicht hineinsetzt, Minderjährige aufgenommen werden und zu Essen erhalten, sind in den bessergestellten Vierteln von Vox aufgestachelte Patroullien unterwegs, die mit Stöcken und Messern bewaffnet Jagd auf Gruppen von Migranten machen – sorgfältig darauf achtend, daß sie selbst immer in der Überzahl sind.
    Einige bekannte spanische Neonazis der Gruppe »Nucleo Nacional« (nationaler Kern) haben sich sogar nach Ceuta begeben, um dort selbst aktiv zu werden und andere anzustacheln.
    Sie wurden aber sowohl von der Polizei als auch von Bewohnern Ceutas hinausgeworfen. Dort ist man auch nicht interessiert an dieser Art von Störenfrieden.

    (El País, 5. und 6. August)

    Die meisten Bewohner Ceutas sind übrigens marokkanischer Herkunft und 40% von ihnen sind Muslime.

  20. Man merkt, wer hinter der Aktion „Auf nach Spanien!“ stecken könnte:

    „To the Kingdom of Morocco, its leadership and its people, we extend our warmest congratulations on the occasion of the Glorious Throne Day.

    Sincerely,
    Israel“

    Israel Foreign Ministry, 30. Juli 2026
    https://x.com/IsraelMFA/status/2082…4845600993

    ————————–

    „Spain, which never misses an opportunity to lecture Israel, has declared a state of emergency in Ceuta following the crisis over its immigration policy.

    Maybe before it continues lecturing us, it’s time it explained to the world why it still maintains colonial enclaves in Africa.«

    Danny Danon, Israels UN Botschafter, 31. Juli 2026
    https://x.com/dannydanon/status/208…3957770527

    —————————–

    „Meine herzlichen Glückwünsche an den Präsidenten der spanischen Regierung, Pedro Sánchez, für sein tiefes Engagement bei der Aufnahme der Einwanderung und der »menschlichen Vielfalt«.

    Als jemand, der großes Mitgefühl für Hamas und die Bewohner von Gaza zeigt, fordere ich Sie auf, Worte in Taten umzusetzen: Öffnen Sie die Tore Spaniens und gewähren Sie den Bewohnern von Gaza, die auswandern möchten, Asyl. Dies ist eine ausgezeichnete Gelegenheit, noch ein wenig mehr zur »menschlichen Vielfalt« Spaniens beizutragen.“

    Ben-Gvir, 31. Juli 2026
    https://x.com/itamarbengvir/status/…5941901598

  21. Auch die USA haben Ceuta und Melilla entdeckt, um ihre Ansprüche auf Grönland besser aussehen zu lassen, mit der Berufung auf „Entkolonialisierung“:

    „Ceuta und Melilla mögen vergleichsweise kleine Städte sein, doch sie stellen illegitime Stützpunkte dar und beherbergen rund 170.000 spanische Siedler. Sie sind ein Schwachpunkt für die europäische Sicherheit, da afrikanische Migranten regelmäßig den Zaun durchbrechen, um Asyl zu beantragen.

    Die Marokkaner sollten sich versammeln, Bulldozer an die Grenze schicken und dann unbewaffnet in Ceuta und Melilla einmarschieren, um die Flagge zu hissen. Sánchez und die spanische Presse protestieren lautstark, haben aber keine Handhabe zum Handeln. Auch die NATO hätte dazu keine Handhabe, …“

    Michael Rubin, American Enterprise Institute, Washington DC
    https://www.aei.org/commentary/moro…d-melilla/

    Dazu ist zu bemerken, daß die Bewohner der beiden Enklaven keineswegs nach Marokko wollen, gerade weil sie oder manche ihrer Vorfahren von dort stammen. 

    Das maghrebinische Königreich ist kein Land, wo es Leute hinzieht. Es ist übrigens auch keine Demokratie, aber das scheint niemanden in Politik und Medien zu stören. 

  22. Der spanische Außenminister klopft Sprüche in Ceuta:

    „Albares garantiert die Integrität des Schengen-Raums und versichert, dass keine Migranten auf die Iberische Halbinsel überstellt wurden

    »Jede einzelne Person, die irregulär nach Spanien eingereist ist, wird nach Marokko zurückgeschickt«, erklärte José Manuel Albares in Ceuta nach einem Treffen mit dem Präsidenten der Autonomen Stadt, Juan Jesús Vivas.

    Der Außenminister bekräftigte damit am Dienstag den, wie er es nannte, »ausdrücklichen Willen« Rabats, das am Montag die Rückführung seiner minderjährigen Kinder aus Spanien gefordert und dabei die etablierten Rückführungswege für Kinder und Jugendliche umgangen hatte.“

    Minderjährige genießen nach dem EU-Asylrecht und auch dem spanischen Recht den Sonderstatus, daß ihre Situation geprüft werden muß und sie nicht einfach repatriiert werden dürfen. 
    Es wäre also ein Präzedenzfall, wenn ihnen dieser Status verwehrt werden würde, und das hätte auch Auswirkungen auf den Rest der EU. 

    „Es ist das erste Mal, dass ein Außenminister diese spanische Exklave besucht hat. Albares reiste dorthin, um die Bedenken auszuräumen, die durch die Masseneinreise von mehr als 70.000 Menschen aus Marokko am 30. und 31. Juli entstanden waren.
    Albares bezeichnete die Grenze zu Ceuta am Dienstag als »den komplizierteste in Spanien und Europa«“

    und Melilla? 

    „und versicherte, dass »die Integrität des Schengen-Raums in Ceuta und Melilla uneingeschränkt gewährleistet ist«. “

    Die beiden Enklaven sind ohnehin nicht Teil des Schengen-Raums.

    „Seine Äußerungen erfolgten eine Woche nach dem Treffen der EU-Innenminister, bei dem Spanien angesichts der Krise in Ceuta die Solidarität seiner europäischen Partner forderte. Der Minister versuchte zudem, sowohl das spanische Festland als auch den Rest Europas zu beruhigen: »Niemand hat die Stadt in Richtung Festland verlassen, und das ist auch nicht möglich.«“

    Nun ja.
    Es gibt die Verpflichtung spanischer Provinzen, Minderjährige und auch Erwachsene aufzunehmen, solange ihr Status unklar ist, um Ceuta und Melilla zu entlasten. 
    „Möglich“ ist es also schon.

    „Trotz dieser Zusicherungen von Albares hinsichtlich der Rückführung der nach Ceuta eingereisten Migranten gestaltet sich der Prozess weder einfach noch schnell. Die Rückführung Minderjähriger muss einem festgelegten Verfahren mit entsprechenden Schutzmaßnahmen folgen, auch wenn das Außenministerium bereits diplomatische Bemühungen unternommen hat.

    Unter den irregulär Eingereisten befinden sich auch Menschen aus Ländern, die sich im Krieg befinden oder von Gewalt betroffen sind; diese Personen können Asyl beantragen und müssen es erhalten.“

    müssen?

    „Andererseits gibt es marokkanische Minderjährige, die sich einer Anhörung bei der Staatsanwaltschaft unterziehen müssen, um nachzuweisen, dass die Bedingungen in ihrem Heimatland, zu Hause und in ihren Familien ein würdevolles Aufwachsen ermöglichen: dass beispielsweise keine extreme Armut oder Missbrauchssituationen vorliegen. Nach der Anhörung der Minderjährigen erstellt die Staatsanwaltschaft mit juristischer Unterstützung einen Bericht, der von der Regierungsdelegation geprüft wird.“

    (El País, 11.8.)

    In Spanien steht also das europäische Asylrecht auf dem Prüfstand und es ist zu beobachten, inwiefern dieses aus Anlaß weiter modifiziert wird.

  23. Weitere Details zum Ansturm auf Ceuta:

    „MAROKKO BEFINDET SICH IM KRIEG MIT SPANIEN …

    Auf Anordnung von König Mohammed VI. lud die marokkanische Polizei junge Menschen aus armen Vierteln ein, in spanische Enklaven einzudringen. Ihnen wurde versprochen, Spanien würde sie mit offenen Armen empfangen und ihnen europäische Dokumente, möblierte Häuser, Markenschuhe usw. zur Verfügung stellen. Sie wurden in Lastwagen transportiert, zwischen 70 und 150 junge Menschen pro LKW.

    Es gibt ein Video, das zeigt, wie sie von einem LKW mit marokkanischem Kennzeichen (5812-o-11) steigen. Unter dem Kennzeichen steht „Al Boraq“. Im Koran wird Al Boraq als das Fahrzeug bezeichnet, mit dem der Prophet von der Erde in den Himmel aufstieg.

    Halten wir fest: Ceuta und Melilla sind zwei spanische Städte im hohen Norden Afrikas. Zusammen erstrecken sie sich über 31 Quadratkilometer. Dort leben etwa 170.000 Spanier. 14 Kilometer Meer trennen sie von Spanien in der Straße von Gibraltar… Da es gerade in Mode ist, von offenen und geschlossenen Meerengen zu sprechen, ist Gibraltar eine der strategisch wichtigsten Passagen der Welt.

    Deshalb wollen die USA und Israel Ceuta und Melilla Spanien entreissen – natürlich mit der kräftigen Unterstützung von Mohammed VI.

    400 Jahre bevor Marokko unabhängig wurde (1956), waren Ceuta und Melilla bereits spanisch.

    Wer in einem fort mit dem Wortblase »Demokratie« von sich gibt, sollte Marokko besuchen und dort Demokratie, Freiheit und Menschenrechte fordern und sehen, wie es ihm ergeht …

    Das Land wird von einem König regiert: Mohammed VI., 63, ein Pädophiler, der ständig mit Mädchen zwischen 9 und 12 Jahren versorgt wird. Neben Palästen und Villen in aller Welt besitzt Mohammed eine Sammlung von Luxusautos, darunter mehrere Rolls-Royce mit goldenen Lenkrädern und Armaturenbrettern.

    Während der Pandemie kaufte Mohammed VI. eine Wohnung in Paris mit Blick auf den Eiffelturm in einem der teuersten Viertel der Welt. Das marokkanische Volk zahlte 80 Millionen Dollar für die Immobilienlust seines Königs.

    Mohammed VI. ist ein »aktives Mitglied« des Epstein-Clubs (wenn Sie mir die Ironie verzeihen) und spielt im Team von Israel und den USA. Marokkos wichtigste Autobahn ist inzwischen nach Donald Trump benannt.

    Der Kampf um Ceuta und Melilla gegen Spanien hat bereits begonnen. Die Rechte und die extreme Rechte wollen sie Washington und Tel Aviv auf dem Silbertablett servieren.

    Bislang sind 67 junge Marokkaner, angelockt vom Versprechen einer kostenlosen Überfahrt nach Spanien, im Meer ertrunken (man schätzt, dass die Zahl der Todesopfer über hundert liegen wird).
    Tausende weitere irren in Ceuta und Melilla umher und betteln um Wasser und Essen. Arme, hoffnungslose junge Menschen aus einem Land, dessen König einen vergoldeten und diamantbesetzten Rolls-Royce in seiner Sammlung von Luxusautos besitzt.“

    (Jon Kokura/Quora – mit El País liierte Nachrichtenseite, 12.8.)

  24. Bericht Mohammeds, eines der jungen Männer, der nach Ceuta geschwommen ist:

    „Ich hatte keine Angst. Ich wollte schon immer nach Spanien. Ich habe Elektrotechnik studiert und in einer Fabrik in Tetouan gearbeitet, 12 Stunden am Tag, 6 Tage die Woche, für etwa 300 Euro im Monat.
    Ich konnte mir nicht vorstellen, wie ich mir so ein Leben aufbauen sollte.

    Ich kam morgens um 9 vor Ceuta an. Ich bin losgelaufen. Und immer weiter. Dort waren Tausende und Abertausende von Menschen. Manche waren in Kleinbussen aus Städten so weit wie Casablanca (mehr als 360 km) angereist.

    Ich ging zum Industriepark El Tarajal [in Ceuta], weil meine Eltern dort gearbeitet hatten. Vor der Pandemie waren die Lagerhallen voller Firmen, und der grenzüberschreitende Handel bot vielen Familien in Castillejos (Fnideq) Arbeit. Als Covid kam, wurde die Grenze geschlossen, und die Menschen aus meinem Dorf durften nicht mehr einreisen. Meine Eltern verloren ihre Arbeit und ihr Einkommen.
    Jetzt bin ich die einzige Hoffnung meiner Familie.“

    Dieses Gewerbegebiet von El Tarajal, das seit der Pandemie vollkommen tote Hose ist, dient jetzt vielen von den Neuankömmlingen als Schlafplatz.

    „Einmal pro Tag wird Essen gebracht. Sie werden von der NGO Luna Blanca unter Begleitung von 8 Polizisten verteilt. Noch bevor die Lebensmittelpakete eintreffen, bilden sich bereits lange Schlangen. Die Warteschlange erstreckt sich auf einen Kilometer. …

    In diesem Gebiet leben auch Frauen und Kinder.
    Manche tragen noch immer die Narben ihrer Flucht über die Grenze. Die Wunden, die sie bei ihrer Ankunft erlitten haben, sind nicht immer richtig verheilt, und aufgrund des mangelnden Zugangs zu Hygiene und Medikamenten haben sich einige infiziert. Andere leiden an Krätze oder Pilzinfektionen und warten auf Behandlung. Raúl Arnáiz, Programmdirektor von Save the Children in Spanien, beschreibt die Situation im Industriepark als »extremes Elend«.“

    Wieder Mohammed:

    „Ich sitze auf dem Bordstein gegenüber dem Industriegebiet, neben einer Gruppe besorgter Menschen. Sie schauen auf ihre Handys und zeigen sich gegenseitig die Nachrichten, die in den marokkanischen sozialen Medien kursieren.
    Sie sprechen darüber, dass der marokkanische Justizminister seine Entschlossenheit bekräftigt hat, die Kinder und Jugendlichen aus Spanien zurückzuholen. Wir sehen auch die Aussagen des spanischen Außenministers, der versichert, dass »jede einzelne Person, die illegal nach Spanien eingereist ist, nach Marokko zurückgeschickt wird« … Wir bekommen Angst.“

    (El País, 16.8.)

  25. „Marokko fühlt sich gestärkt: Mohammed VI. gewinnt dank Trumps (und Israels) Unterstützung an Format (…)

    Marokko hat auf der internationalen Bühne enorme diplomatische Fortschritte erzielt, die weit über seine Bedeutung als aufstrebende Regionalmacht in Nordafrika hinausgehen.
    Dies ist dem Segen dreier ständiger Mitglieder des UN-Sicherheitsrats – der USA, Frankreichs und des UK – und der Enthaltung der beiden anderen – Russlands und Chinas – zu verdanken. In den letzten 5 Jahren hat sich dieses Land mit seinen gut 38 Millionen Einwohnern und einem Bruttoinlandsprodukt, das 10x kleiner ist als das Spaniens, zudem zum größten Waffenimporteur des Kontinents entwickelt.“

    Viel von dem Geld, über das das magrebinische Königreich verfügt, kommt von seinen Sponsoren, zu denen auch Saudi-Arabien gehört – aber auch Geld, das Spanien und möglicherweise die EU – für Migrationskontrolle und Abschiebeabkommen an Marokko zahlen. 

    „Donald Trumps Anerkennung der marokkanischen Souveränität über die Westsahara Ende 2020 markierte einen Wendepunkt in der marokkanischen Außenpolitik, so der Arabist und Marokko-Experte Bernabé López García: »Zum ersten Mal bestätigte eine Großmacht wie die USA die Position Rabats und missachtete dabei offenkundig die UN. Es geschah in den letzten Tagen der Amtszeit des Präsidenten im Weißen Haus, was der Entscheidung einen Anschein von Improvisation verlieh, als sei sie hinter verschlossenen Türen getroffen worden«, erinnert sich der Honorarprofessor der Autonomen Universität Madrid.
    »Im Gegenzug für die Aufnahme diplomatischer Beziehungen mit Israel bestärkte Trump Marokko, das seine Außenpolitik seither verschärft und Druck von links und rechts ausgeübt hat, bevor die Resolution 2797 des Sicherheitsrates, die im Oktober letzten Jahres von der neuen Trump-Administration in ihrer zweiten Amtszeit verabschiedet wurde, angenommen wurde.« Rabat profitierte davon, seinen Autonomieplan für die Westsahara in den Mittelpunkt der UN-Debatte zu rücken. »Es war ihm eine große Hilfe, als er deutlich mehr Unterstützung erhielt, unter anderem von wichtigen Ländern wie Frankreich, Großbritannien, Deutschland oder Spanien, der ehemaligen Kolonialmacht.«“

    Die Allianz mit den USA ist alt, aber die mit Israel wurde durch den Beitritt Marokkos zum Abraham-Abkommen neu etabliert, und da ist noch einiges an Zusammenarbeit zu erwarten.
    Als Spanien z.B. seine Häfen wegen des Gaza-Kriges für Waffenlieferungen und seine Basen für USA-Kriegsschiffe sperrte, wichen die USA nach Tanger aus.
    Die derzeitige Ceuta-Krise wird sicher nicht der letzte Akt in diesem Bündnis-Theater sein. 

    „Die nächste Abstimmung im Sicherheitsrat über die Westsahara steht unmittelbar bevor und ist für Ende Oktober angesetzt. Bis dahin, so Bernabé López, fragen sich einige Beobachter, ob die aktuelle Situation in Ceuta eine Geste der Hardliner-Fraktion in Marokko sein könnte, um »ihren amerikanischen Freunden einen Gefallen zu tun, indem sie Pedro Sánchez (als Feind der Republikaner) in eine schwierige Lage bringt und gleichzeitig die Irredentisten (Befürworter eines Großmarokko jenseits seiner anerkannten Grenzen) unterstützt«, mit Blick auf den Wahlkampf am 23. September.“

    Wahlen in Marokko sind sowieso eine Farce, weil das Parlament reine Schmuckfunktion und keine Macht hat und die Regierung vom König ernannt wird.
    Die Wahlbeteiligung ist dementsprechend gering und baut auf einem Klientelsystem auf, da die Parlamentsposten Möglichkeiten der Bereicherung eröffnen. 

    „Die Wahlen dümpelten vor sich hin und fanden kaum Beachtung in der Öffentlichkeit, bevor die Migrationskrise in Ceuta die Wahlbeteiligung deutlich erhöhte.

    Das Maghreb-Land erscheint heute in seinen Außenbeziehungen stabiler als während der Krise um die Insel Perejil (von den Marokkanern Laila genannt), die die ersten Jahre der Herrschaft Mohammeds VI. im Jahr 2002 prägte und Marokko und Spanien an den Rand eines bewaffneten Konflikts brachte. Marokkanische Sicherheitskräfte besetzten eine unbewohnte Insel vor der Küste, bis sie vom spanischen Militär vertrieben wurden.
    Die derzeitige Haltung Marokkos ist selbstbewußter als während der Grenzkrise in Ceuta im Jahr 2021, als fast 10.000 Marokkaner in die spanische Sonderverwaltungszone eindrangen und die lasche Reaktion der Sicherheitskräfte in Rabat ausnutzten: Angesichts der seit Juli letzten Jahres andauernden Migrationskrise hat Marokko die Frage der Souveränität über Ceuta und Melilla erneut aufgeworfen – durch Erklärungen mehrerer Minister, darunter eine im Beisein von König Mohammed VI. –, nachdem es in seiner diplomatischen Position zur Westsahara international bedeutende Fortschritte erzielt hatte.“

    Der Autor des Artikels erinnert daran, daß auch Spanien 2022 die Souveränität Marokkos über die Westsahara anerkannt hat, und damals ein Dokument unterzeichnet wurde, demzufolge keiner der beiden Staaten dem anderen Souveränitätsrechte bestreitet. 
    Völkerrechtlich sind Ceuta und Melilla Teile Spaniens, keine Kolonien, aber wen schert heute noch das – bislang auch nur eingeschränkt gültige – Völkerrecht?

    „Mit Unterstützung Washingtons hat das nordafrikanische Land seine Rüstung so weit aufgerüstet, dass es die Militärkäufe seines wichtigsten regionalen Rivalen Algerien laut dem jüngsten Bericht des Stockholmer Internationalen Friedensforschungsinstituts (SIPRI) übertroffen hat. Die USA liefern 60% der marokkanischen Waffen, verglichen mit 10% aus Frankreich, das nach der Wiederaufnahme der Beziehungen zu Israel vor 6 Jahren den 2. Platz verloren hat,“

    der offensichtlich jetzt von Israel eingenommen wird. 
    Seit 2020 haben sich die Handelsbeziehungen rasant entwickelt, nicht nur bei Waffenimporten.
    Immerhin ist ein guter Teil der israelischen Sefardí marokkanischer Herkunft, laut El País 1 Million.

    „Neben Sicherheits- und Verteidigungsabkommen hebt Lahcen Haddad, marokkanischer Akademiker und Experte für internationale Angelegenheiten, die Ausweitung der Zusammenarbeit in Bereichen wie Technologie und Cybersicherheit hervor.

    Marokko hat das in Israel hergestellte Flugabwehr- und Raketenabwehrsystem Barak MX erworben, das als »Eiserne Kuppel« in der Sahara stationiert ist.“

    Dieses System richtet sich in erster Linie gegen Algerien. Vor wem sonst müßte man sich in der Sahara schützen?

    „Die Kosten beliefen sich auf 430 Millionen Euro. Gleichzeitig unterzeichneten die israelischen und marokkanischen Streitkräfte in diesem Jahr erstmals einen gemeinsamen Militäraktionsplan, der das 2021 von beiden Regierungen geschlossene Verteidigungsabkommen bekräftigt.
    Dieser Plan umfasst gemeinsame Manöver wie die von den USA in Südmarokko organisierte Übung »African Lion«, an der israelische Truppen teilnehmen, sowie den Bau von zwei Ofek-13-Spionagesatelliten für die marokkanischen Streitkräfte. Die Satelliten wurden von Israel Aerospace Industries entwickelt und kosten 925 Millionen Euro.

    Abkommen mit Russland, China und Lateinamerika

    Die Sahara ist ein zentrales Thema der außenpolitischen Strategie Rabats. Haddad räumt ein, dass die Resolution 2797 des Sicherheitsrates angesichts der wachsenden Aufmerksamkeit für Marokkos Autonomieinitiative »einen bedeutenden diplomatischen Fortschritt darstellt, ohne jedoch dem endgültigen Ergebnis der Verhandlungen vorzugreifen«.“

    Der wesentliche Fortschritt im Sinne Marokkos besteht darin, daß es kein Referendum mehr über den Status der Westsahara abhalten muß. 
    Damit ist mehr oder weniger anerkannt, daß die Westsahara Teil Marokkos ist und nur mehr die administrative Eingliederung zu bewerkstelligen ist. 

    „Er ist der Ansicht, dass die Enthaltungen Russlands und Chinas als Ausdruck ihrer Vorbehalte und ihrer traditionellen Herangehensweise an die Sahara-Frage interpretiert werden können. Der Umstand, dass kein ständiges Mitglied sein Veto eingelegt hat, bestätigt jedoch »das Vorhandensein diplomatischen Spielraums für die Fortsetzung der Gespräche« auf Grundlage des Autonomieplans.“

    Die Enthaltung Rußlands ist bemerkenswert im Lichte dessen, daß die SU die Polisario und die algerische Regierung unterstützte. Bis vor kurzem war Algerien einer der Verbündeten Rußlands, was sich aber in letzter Zeit zu ändern scheint, siehe weiter unten.

    „Rabat unterzeichnete 2020 ein Fischereiabkommen mit Russland, das 2025 verlängert wurde. Die europäische Fischereiflotte stellte 2023 die Fischerei in marokkanischen Gewässern ein. Auch China hat erste Schritte unternommen, um in diesen Gewässern zu fischen, konzentriert sein wirtschaftliches Interesse jedoch auf die Errichtung von Gigafabriken zur Herstellung von Elektroautobatterien und anderen Automobilkomponenten.

    Die Westsahara-Frage ist »das Prisma, durch das Marokko sein internationales Umfeld betrachtet«, so die Doktrin, die König Mohammed VI. 2022 in einer Rede formalisierte. Die ausgestreckte Hand gilt nur jenen, die Rabats Auffassung von der Autonomie des Gebiets unter marokkanischer Hoheit teilen.

    Während seiner Regierungszeit verfolgte der jetzige Monarch eine Strategie der Annäherung an die Staaten Subsahara-Afrikas mit dem Ziel, sein Land 2016 wieder in die Afrikanische Union zu integrieren.
    Sein Vater, Hassan II., trat 1984 nach dem Beitritt der von der Polisario-Front ausgerufenen Demokratischen Arabischen Republik Sahara (DARS) abrupt aus der Union aus. Die Eröffnung von 30 Konsulaten in El Aaiún und Dachla, den wichtigsten Städten der Westahara, und die sich wandelnden Positionen mehrerer afrikanischer Staaten belegen laut Haddad, einem Mitglied der konservativen und nationalistischen Istiqlal-Partei, die zunehmende Stärkung der marokkanischen Beziehungen in Afrika.
    Marokko hat diesen Kontinent zu einem zentralen Schwerpunkt seiner diplomatischen Interessen gemacht. Seit Jahrzehnten baut das Land ein wirtschaftliches, diplomatisches und religiöses Netzwerk in Afrika auf und übt durch Investitionen im Banken-, Versicherungs- und Telekommunikationssektor Einfluss auf zahlreiche Länder Subsahara-Afrikas aus. Die Anzahl der afrikanischen Ziele, die von der nationalen Fluggesellschaft Royal Air Maroc angeflogen werden, hat sich in den letzten Jahren verdreifacht, wodurch der Flughafen Mohammed V in Casablanca zu einem wichtigen Drehkreuz zwischen Afrika und Europa geworden ist.

    In Lateinamerika hat Marokko ebenfalls Anstrengungen unternommen, seine Bündnisse zu diversifizieren und zu festigen.
    Einige Staaten haben ihre Position gegenüber der Demokratischen Arabischen Republik Sahara (DARS) neu bewertet. Zuletzt Kolumbien, das am 8. August Marokkos Souveränität über die Westsahara anerkannte und seine Beziehungen zur DARS einfror.
    Damit folgte es anderen konservativen lateinamerikanischen Regierungen, die progressive Führungsspitzen abgelöst hatten.

    Wie die meisten Marokkaner bekräftigt Haddad die historische Position seines Landes zu Ceuta und Melilla – als »besetzte Städte«, die in die nationale Souveränität reintegriert werden müssen. Gleichzeitig räumt er ein, dass dieses Thema im Wahlkampf mit Bedacht und im Geiste des Dialogs angegangen werden muss. »Marokko kann seine [souveränitätsorientierte] Position weiterhin vertreten und gleichzeitig der Zusammenarbeit und Stabilität in seinen Beziehungen zu Spanien Priorität einräumen.«

    Marokkos internationale Strategie in der Sahara-Frage wurde durch das Bündnis mit den USA unter Präsident Trump und mit Israel unter Premierminister Benjamin Netanjahu gestärkt. Diese vorteilhafte Position mag dazu beitragen, ihren diplomatischen Einfluss insgesamt zu stärken, aber, wie Haddad in einer versöhnlichen Botschaft hinzufügt, »will sie Ceuta und Melilla nicht zu einer Streitfrage machen«. Er glaubt, dass diese Frage »schrittweise, wenn die politischen und diplomatischen Bedingungen günstig sind, unter Berücksichtigung der Interessen der betroffenen Bevölkerung und der Stabilität des westlichen Mittelmeers (…) durch einen Ansatz, der auf Konsultation, Vertrauen und der Suche nach friedlichen Lösungen beruht«, angegangen werden könnte.“

    Die Freundschaft mit den USA hat mit Trump Schwung aufgenommen, aber es gab bereits vorher eine Entfremdung mit der EU, als diese verschiedene Abkommen mit Marokko wegen der ungeklärten Westsahara-Frage nicht verlängerte.
    Marokko wartete auf Trumps 2. Amtszeit, um jetzt mit mehr Nachdruck auf die Anerkennung seiner Souveränität über die Westsahara zu bestehen und die UNO-Mission Minursio hinauszukomplimentieren.

    „»Die USA haben Anfang des Jahres einen neuen Verhandlungsprozess eingeleitet, der jedoch an Dynamik verloren hat und vor allem seit Beginn des Irankriegs im Sande verlief.« Die Professorin für Internationale Beziehungen, Irene Fernández Molina, bezieht sich auf die von Washington einberufenen Treffen zwischen Marokko und der Polisario-Front in Anwesenheit Algeriens und Mauretaniens, die im Februar in Madrid offiziell begannen. (…)

    Analysten fragen sich nun, ob Rabat in der Lage ist, sich mit der Frage von Ceuta und Melilla auseinanderzusetzen. »Es gibt eine Hierarchie der Prioritäten«, betont Fernández Molina, »und Marokko ist noch weit davon entfernt, die vollständige internationale Anerkennung seiner Annexion der Westsahara erreicht zu haben. Es handelt sich um eine Frage, die noch nicht im Sinne seiner Interessen geklärt wurde. Die Frage von Ceuta und Melilla hat daher vorerst eine untergeordnete Rolle.«

    Obwohl in Marokko inzwischen verschiedene Stimmen zum Thema der beiden autonomen Städte laut werden, erklärt sich die politische und mediale Aufregung laut Fernández Molina eher durch die Parlamentswahlen vom 23. September als durch eine wirkliche Änderung der strategischen Ausrichtung im Herzen des marokkanischen Regimes.“

    (El País, 6.9.)

    Aufgeschoben ist nicht aufgehoben, die beiden Enklaven sind immerhin auf der To-Do-Liste des marokkanischen Herrschers. 

  26. In Spanien kristallisiert sich auch eine außenpolitische Streiterei heraus. 

    Während die Regierung Sánchez den Ball, wer schuld an der Misere in Ceuta ist, hin und herspielt, sieht die Opposition die Hand Marokkos hinter dem Ansturm Ende Juli und plädiert für eine härtere Gangart gegenüber Marokko – auch deshalb, um klarzustellen, daß die beiden Enklaven für immer und ewig spanisch bleiben sollen. 

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