Das Coronavirus und die Altersheime

ALTES EISEN?
Das Coronavirus hat besonders in den Altersheimen gewütet und tut es immer noch. Die Erklärungen dafür fallen bisher eher dürftig aus. Erstens sind alte Leute eine „Risikogruppe“, ohne daß man genau erfährt, warum. Es wird aus der Todesrate auf die Anfälligkeit geschlossen und aus der solchermaßen konstatierten Anfälligkeit auf die erhöhte Sterblichkeit. Eine Begründung im Sinne von „weil“ oder „deshalb“ fehlt. (Generell macht die Wissenschaft im Zusammenhang mit dem Coronavirus keine gute Figur.)
Eine spanische Ärztin spricht in diesem Zusammenhang von „vorgezogenen“ Todesfällen. Das heißt, diese Leute wären sowieso gestorben, aber eben später. Das trifft zwar auf alle Todesfälle zu: Entweder man stirbt früher, oder man stirbt später – hat aber auch wieder den Schein einer wissenschaftlichen Untermauerung.
Was sind das eigentlich für Institutionen, in denen die Leute so massenhaft sterben?
Angesichts dessen, daß jeder selber das Problem hat oder aus seinem Freundeskreis kennt, irgendwelche Eltern oder Großeltern entweder zu Hause pflegen zu lassen – mit Pflegerinnen vom Balkan oder aus Osteuropa, auf der iberischen Halbinsel kommen die Pflegerinnen aus Lateinamerika – oder in einem Altersheim unterzubringen, so ist es angebracht, nachzudenken, um was für eine Art von Einrichtung es sich dabei handelt?
1. Über das Alter überhaupt
In vielen Gesellschaften – in Asien, Afrika und auch im vorkolumbianischen Amerika – genossen und genießen die alten Menschen eine bevorzugte Stellung.
Sie sind deswegen geachtet, weil sie über Lebenserfahrung verfügen.
Sie haben gesellschaftliche – Naturkatastrophen, Kriege, Flucht und Deportation – und individuelle Krisen erlebt und bewältigt. Zu letzteren gehören der Tod von nahestehenden Menschen, die Aufzucht von verwaisten Kindern, der Umgang mit Armut, mit psychischen Problemen, Aggressionen usw. im näheren Umfeld. Diese Menschen, so sahen das die sogenannten „primitiven“ Gesellschaften, also Stammesverbände und auf ihnen aufbauende Reiche, wissen etwas, was den Jüngeren fehlt, aber was sie zur Bewältigung der anstehenden Probleme dieser Gesellschaften brauchen. Deswegen gab es dort Ältestenrate, die in schwierigen Situationen eingesetzt wurden – und manchmal, in modernerer Form, auch immer noch werden.
2. Die gesellschaftliche Reproduktion
Einen wichtigen Anteil hatten diese alten Leute in der gesellschaftlichen Reproduktion. Die jungen Menschen machten die Kinder, dann gingen sie auf die Jagd und bestellten den Acker. Die Aufzucht der Kinder besorgten größtenteils die Alten. Sie beschäftigten sich mit ihnen, während deren Eltern mit ökonomischen Tätigkeiten beschäftigt waren, die der Versorgung der Gemeinschaft mit notwendigen Gütern dienten. Sie kochten für die Kinder und lehrten sie die Fähigkeiten, die für diese Gemeinschaft wichtig waren: Pflanzenkunde, Tierkunde, wie man ein Haus oder Tipi oder eine Jurte baut, Kleidung herstellt, Krankheiten heilt, wie man sich den Jahreszeiten anpaßt usw. usf. Das gesellschaftliche Wissen wurde auf diese Weise weitergegeben, die alten Leute waren ein Teil der gesellschaftlichen Reproduktion. Sie waren keine Belastung, und es wäre unter normalen Umständen niemandem eingefallen, sie auf die Müllkippe zu schicken – außer unter ganz tragischen Umständen, wenn der Stamm ums Überleben kämpfte und allen Ballast, also auch Kleinkinder und Kranke, zurücklassen oder umbringen mußte.
In den sozialistischen Gesellschaften des 20. Jahrhunderts, die auf die 2-Kinder-Familie genormt waren, stellten die Großeltern ebenfalls einen unverzichtbaren Teil der gesellschaftlichen Reproduktion dar. Die jungen Menschen beendeten ihre Lehre oder ihr Studium, heirateten und produzierten ihre 2 Kinder. Oder auch nur eines, oder mehr. Die Norm waren jedoch 2, darauf waren die Institutionen eingestellt. Sie gingen ihrem Job nach, um die Kinder kümmerten sich die Eltern bzw. Großeltern. Das Pensionsalter war niedrig angesetzt, genau deswegen: Damit die Großeltern für die Kindererziehung zur Verfügung standen. Den Sommer verbrachte die Familie dann meistens auf der Datscha, oder auf dem Dorf. Die Großeltern und Enkel den ganzen Sommer, die Eltern wochenendweise. Dazu gab es Ferienlager, wo den Kindern etwas beigebracht wurde, auch dort kamen die Pensionisten als Erzieher zum Einsatz.
Die alten Leute stolzierten – zumindest in der SU – teilweise durchs Dorf mit ihren Auszeichnungen aus dem Krieg, und waren geachtet für ihre Verdienste.
Die Institution des Altersheims war in den sozialistischen Staaten ziemlich unüblich. Die Alten wurden von ihren Familienmitgliedern zuhause betreut, notfalls auch mit institutioneller Unterstützung. Es gab zwar Institutionen, die sich der unbetreuten Alten annahmen, aber sie stellten die Ausnahme dar, waren also nicht sehr zahlreich. (Sie sahen manchmal, wie in Rumänien, sehr schlimm aus, aber waren eben eine Ausnahme, weil die meisten Alten zu Hause blieben.) Diese Institutionen waren den Krankenhäusern angegliedert, stellten also einen Teil des staatlichen Gesundheitswesens dar.
Heute ist dieses System dank des Einbruchs der Marktwirtschaft auf eine absurde Weise immer noch nötig. Es kümmern sich immer noch Großeltern um Kinder, die praktisch ohne Eltern aufwachsen, weil dies im Westen irgendwelchen Berufen nachgehen, um mit dem heimgeschickten Geld die Familie zu ernähren.
Die Frauen sind oftmals selber in der Alten- oder Kinderbetreuung eingesetzt, während in ihren Herkunftsländern diesbezüglich beides im Argen liegt. Die Männer gehen handwerklichen oder landwirtschaftlichen Tätigkeiten nach, während in ihren Heimatländern Felder unbestellt bleiben und Dächer nicht mehr repariert werden.
Die gesellschaftliche Reproduktion ist dort also unterbrochen bzw. prekär geworden, während in den alten Heimatländern der Marktwirtschaft die Familie überhaupt nicht mehr als Ort der gesellschaftlichen Reproduktion angesehen werden kann. Bei den Migranten, die diesbezüglich noch engere Familienbande pflegen, fehlt oft ein Teil ihrer Familie, ist zu Hause geblieben oder umgebracht worden.
Mit den Einheimischen von Kerneuropa ist die Lage schon seit geraumer Zeit noch schlimmer. Die Generationen und Geschlechter können nicht mehr miteinander umgehen. Eltern sind unzufrieden mit ihrer Brut, Gewalt in der Familie und die Scheidungsrate steigt ständig, alleinerziehende Mütter, Patchworkfamilien und in Armut aufwachsende Kinder prägen das Landschaftsbild. Dazu kommt die ständig geforderte Mobilität der Arbeitskraft, die zur Zerrüttung der Verwandtschaftsverhältnisse beiträgt: Die Eltern sitzen da, die Kinder dort, oft sind die Eltern geschieden und die Kinder auch, wodurch die Betreuung der Enkel durch die Großeltern endgültig scheitert – und statt der zerbröselnden Familienstrukturen müssen immer öfter die Institutionen herhalten. Kindergärten und Horte, Heime und die Fürsorge, Schulspeisung und Tagesbetreuung sind immer mehr im Einsatz, um die Jugend irgendwie zu betreuen, was für beide Seiten unerfreulich und stressig ist.
Die Jungen wie die Alten stören in einer Gesellschaft, die möglichst alle ihre Mitglieder ins Juggernaut-Rad des Kapitals einspannen will, damit Profite gemacht werden und die Nation dadurch vorankommt.
So kommt am Ende heraus:
3. Die Altersheime sind Parkplätze für gesellschaftlich Überflüssige
In diesem gesellschaftlichem Rahmen sind die Altersheime Abstellplätze für alte Leute, die keiner mehr braucht, die man aber aus verschiedenen Gründen nicht sich selbst überlassen und zu Hause oder auf der Straße sterben lassen will.
Die Sorge für die Alten und Kranken wird von den staatlichen Institutionen vor allem deshalb übernommen, damit die Lohnabhängigen und Arbeitsfähigen dem Kapital zur Verfügung stehen und nicht mit Pflegetätigkeiten beschäftigt sind. Außerdem hält es die arbeitende Menschheit bei Laune, zu wissen, daß man bei Arbeitsunfähigkeit nicht gleich über die Klippe gestoßen, sondern wieder gesundgepflegt wird.
Die Altersheime sind also ein unabdingbarer Bestandteil der, und ein Instrument für das Funktionieren der kapitalistischen Klassengesellschaft.
Natürlich kommen die lieben Verwandten zum Muttertag und Geburtstag, bringen Blumen und Kuchen, und freuen sich mit der lieben Oma oder dem Opa, aber Hand aufs Herz: Die meisten sind froh, die Alten den Rest des Jahres los zu sein.
Man kann sie ja auch mit gutem Gewissen dort lassen, sie werden dort viel besser betreut, man selbst hat die Zeit ja gar nicht, – bei der inzwischen legal eingeführten 60-Stunden-Woche auch verständlich – und die Verwandtschaft zahlt zur Not auch einiges, um ihren lieben Vorfahren gut aufgehoben zu wissen.
So ist heute der Bedarf an Altenbetreuungsstätten dementsprechend groß und die Marktwirtschaft hat sich da ein neues Geschäftsfeld erschlossen: So wie es private Krankenhäuser gibt, in denen die Patienten für gutes Geld überbetreut und teilweise erst richtig krank gemacht werden, so gibt es auch private Altersheime, wo je nach Zahlungsfähigkeit von ganz grundlegenden bis zu gehobenen Bedürfnissen für die Insassen gesorgt wird.
Wenn manchmal ganz fürchterliche Mißstände in Altersheimen aufgedeckt werden, so kann man annehmen, daß es sich um solche für die unteren Einkommensklassen handelte. Dort schaut nämlich auch seltener ein Verwandter vorbei, um zu schauen, wie die Oma dort eigentlich behandelt wird.
Hierbei handelt es sich eher um staatliche Altersheime. Deren Qualität ist von Land zu Land verschieden, das hängt sowohl vom Zustand der Staatskasse als auch von den Prioritäten ab, die im betreffenden Land bezüglich der Verwendung öffentlicher Gelder gesetzt werden.
Die Altersheim-Betreiber machen, genauso wie ihre Klassenbrüder in Produktion und Handel, eine Kosten-Nutzen-Rechnung auf und sparen, wo es geht, vor allem aber beim Personal. Das hat sowohl für die Betreuer als auch für die Betreuten Folgen. Viele Altersheim-Beschäftigte haben nämlich noch andere Jobs, sind überlastet und machen Fehler – geben z.B. dem einen die Medikamente, die für die andere vorgesehen sind – und sind schnell genervt mit besonders schwierigen oder pflegebedürftigen Patienten.
4. Die Altersheim-Bewohner wissen, daß sie überflüssig sind, oder: Was ist eigentlich „Demenz“?
Die meisten Leute, die diese Institutionen bewohnen, wissen, daß sie lästig und überflüssig sind. Die immer mehr um sich greifende Demenz muß auch unter diesem Gesichtspunkt betrachtet werden.
Die beliebte Ausrede zur Erklärung dieses Phänomens ist: Die Leut werden halt immer älter!
Die gestiegene Lebenserwartung, ein Indikator für den Wohlstand eines Landes, wird hier als eine Art Problem, als Mangel besprochen. Es geht ihnen allen zu gut, sie leben zu lang! Und dann haben „wir“, die Jüngeren, das Gscher!
Daß immer mehr alte Leute dement werden, ihren Verstand aufgeben, ist überhaupt keiner wissenschaftlichen Untersuchung wert. Es wird als eine Art Naturerscheinung besprochen, obwohl es genug Erfahrungen aus Asien gibt, nicht nur von den Alten aus Okinawa, daß Menschen auch ein hohes Alter ohne Beeinträchtigung ihrer geistigen Fähigkeiten erreichen können.
Ähnlich wie mit anderen unerfreulichen Erscheinungen der kapitalistischen Konkurrenzgesellschaft, (wie z.B. der stetig steigenden Selbstmordrate), geht die Psychologie und andere Geisteswissenschaften der Erforschung der zunehmenden Demenz aus dem Weg. Sie wird zu einer rein körperlichen Degeneration erklärt, die mit dem Alter „halt“ irgendwie einhergeht. Und die dementen Alten werden in den Altersheimen abgestellt, wo sich dann schlecht bezahlte Pfleger(innen) mit ihnen abplagen müssen.
Man muß sich einmal in die Verfassung dieser alten Leute hineinversetzen, um die Demenz zu begreifen.
Sie haben jahrzehntelang in Betrieben gearbeitet oder Unternehmen geleitet. Entweder sind sie durch eintönige Beschäftigungen total verblödet und haben im Ruhestand den sogenannten „Pensionsschock“ erlitten: Ihre vorherige Beschäftigung ist weg, sie haben aber verlernt, ihre Zeit mit anderen Beschäftigungen auszufüllen.
Oder aber, sie hatten gesellschaftliche Ambitionen, die zuschanden geworden sind. Sie wollten ihre Unternehmen ausbauen, oder dem Betrieb dienen, mit dem sie sich als Angestellte identifiziert hatten, ihre Kinder reich oder zumindest irgendwie verheiraten, und sich über diese Erfolge selber feiern. Das ist daneben gegangen, jetzt sind sie Niemande, der Betrieb hat zugesperrt, und die Kinder sind Alkoholiker oder drogensüchtig, oder nach woanders ausgewandert, oder an ihnen, den Eltern, desinteressiert.
Die Enkelkinder befassen sich mit Internetspielen oder Kampfsportarten und haben auch kein Interesse an den Geschichten der Alten.
Die Demenz ist die einfachste oder zumindest wirkungsvollste Form, seinen Verstand an den Nagel zu hängen und sich von der unerfreulichen Wirklichkeit freizuspielen. Man entfernt sich schrittweise von den alltäglichen Notwendigkeiten, macht sich dabei nicht zu sehr unbeliebt, sondern zieht Verständnis und Mitleid auf sich, und haust sich ein in die Welt seiner Hirngespinste.
Der/die demente Alte hat sich zurückgezogen aus der realen Welt und wurde zu einer Art pflegeintensiven Pflanze, die von den Pfleger(inne)n irgendwie weitergebracht wird.
Es ist verständlich, daß auch das Pflegepersonal mit diesen Menschen überfordert ist – um so mehr, als ihre Ausbildung, sofern vorhanden, ihnen kein Rüstzeug mit dem Umgang mit diesen Aussteigern aus der Konkurrenzgesellschaft mitgibt. Wie denn, wenn das Phänomen selbst gar nicht wissenschaftlich untersucht wird.
Ähnlich wie für die anderen zwar als solche eingestuften, aber nicht begriffenen „psychischen Krankheiten“ gibt es einen Haufen Medikamente, mit denen diese dementen Leute ruhiggestellt werden. Wenn wirklich Not am Mann ist, die Alten sich aufführen und zuwenig Personal da ist, so werden sie eben zugetörnt und festgebunden – auch wenn das gegen die Menschenrechte und das ganze PiPaPo verstößt.
Wenn man sich einmal bewußt gemacht hat, was Altersheime sind und wie die funktionieren, so ist es auch begreiflich, warum sie eine erhöhte Sterblichkeitsrate aufweisen. Das liegt nämlich nicht oder nur teilweise am Alter der Patienten.
5. Sind alte Menschen per se eine erhöhte Risikogruppe, oder liegt es nicht vielmehr an den Altersheimen?
So, rekapitulieren wir einmal: Da gibt es sozusagen geschlossene Einrichtungen, wo die Alten aufbewahrt werden. Natürlich können sie theoretisch hinaus, aber praktisch gehen sie höchstens im Garten spazieren, weil die restliche Welt wenig Interesse an ihnen hat. Sie sind also wie Kreuzfahrschiffe, Gefängnisse, Internate oder auch Krankenhäuser Institutionen mit einer Anzahl von Leuten, die Tag für Tag aneinander vorbeigehen, miteinander essen, wohnen usw. Wenn eine ansteckende Krankheit dort einmal eingedrungen ist, hat sie alle Gelegenheit, sich zu verbreiten.
Dazu kommt noch ein gesteigertes Hygienebedürfnis, weil die Alten sind oft inkontinent, brauchen mehr Bettwäsche und Reinigung überhaupt, und wenn da noch Krankheiten dazukommen, so unterbleibt aufgrund der knappen Kalkulation einiges an Putz- und Waschtätigkeit, was Infektionen begünstigt.
Schließlich sind diese Menschen wirklich krank. Abgesehen von anderen Vorerkrankungen wie Diabetes, Rheuma, Arthritis usw. verschlechtert die Demenz selbst den körperlichen Zustand derer, die sie an sich hervorgebracht haben. Das Gehirn ist nämlich nicht nur der Ort, an dem geistige Tätigkeit stattfindet, wie Wahrnehmung, Vorstellung, Einbildung usw., sondern dort findet auch die Steuerung des gesamten Stoffwechsels statt. Wenn die eingehenden Informationen dort oben nicht mehr richtig verarbeitet werden und keine Befehle von dort in den Gliedmaßen und dem Verdauungsapparat mehr ankommen, so verfällt der Körper. Und das macht diese Leute noch anfälliger, weil auch das Immunsystem nicht mehr richtig funktioniert.
Die Infektionen kommen von außen auch leicht hinein in die Altersheime. Es nutzt wenig, Besuche von Verwandten zu untersagen, um die Ansteckungsgefahr hintanzuhalten. Es sind ja die Pfleger, die das Virus in die Altersheime hineingetragen haben, und aufgrund dessen, wie diese Heime funktionieren, schiebt sich da mit Abstandhalten überhaupt nichts. Um sich und ihre Betreuten vor Ansteckung zu schützen, würden sie genausolche Schutzanzüge benötigen, wie sie in Intensivstationen verwendet wurden.
Abgesehen davon, daß zum Zeitpunkt des Ausbruchs der Coronavirus-Pandemie nicht einmal die einfachste Schutzkleidung da war wie Masken oder Handschuhe, also weder in den Krankenhäusern oder Sanatorien, noch in den Altersheimen in ausreichender Quantität zur Verfügung stand, gibt und gab es noch andere Gründe, die nicht anzuziehen.
Es ist nämlich nicht so, daß die Dementen nichts mitkriegen, von den Nicht-Dementen ganz zu schweigen. Wenn auf einmal die Pflegekraft mit einem Mundschutz und Handschuhen daherkommt, oder gar mit einem Schutzanzug, so entsteht bei den Alten Paranoia und Panik. Was ist los, sind die Außerirdischen eingedrungen? Verwandelt sich dieser Ort jetzt in eine endgültige Vernichtungsanstalt? Was rennt da ab? Verkleiden sich die Henker, damit man sie nicht mehr erkennt? – und sie flippen endgültig aus.
Man darf ja auch nicht vergessen, daß die Menschen, die heute um die 80 oder darüber sind, noch als Kinder und Jugendliche den Nationalsozialismus bzw. Faschismus und den Krieg miterlebt haben. Die Idee der Vernichtung „unwerten Lebens“ ist ihnen in irgendeiner Form geläufig.
Die Atemnot oder der Herzinfarkt oder der Schlaganfall entstehen dann gar nicht mehr durch die Ansteckung, die ist dafür nicht notwendig, sondern durch die psychische Übertragung der Pandemie.
Dazu kommt die Situation der Pfleger(innen). Die Leute infizieren sich selber, erkranken und bleiben entweder zu Hause oder landen im Krankenhaus. Die sowieso am personellen Limit funktionierenden Altersheime sind auf einmal wirklich unterbesetzt. Die restlichen Betreuer(innen) sind erstens überlastet, wissen aber auch, daß sie Gefahr ausgesetzt sind. Sie wissen, daß sie genauso eine „Risikogruppe“ sind, aufgrund ihres Jobs.
In einem kanadischen Altersheim blieben einfach alle Angestellten zu Hause oder tauchten unter, und überließen die Alten ihrem Schicksal. Da es ein Besuchsverbot gab, merkten Verwandte erst nach Tagen, was da ablief, da waren viele der Betreuten bereits wegen der Unterversorgung gestorben.
Es ist als nicht das biologische Alter, was ältere Menschen zu einer Risikogruppe macht, sondern die Art und Weise, wie das Altern in der kapitalistischen Konkurrenzgesellschaft gehandhabt wird.

3 Gedanken zu “Das Coronavirus und die Altersheime

  1. Es ist eine krasse Verklärung der Lebensverhältnisse von Rentnern in der Sowjetunion, wenn es heißt:

    “Die alten Leute stolzierten – zumindest in der SU – teilweise durchs Dorf mit ihren Auszeichnungen aus dem Krieg, und waren geachtet für ihre Verdienste.”

    Neben den Wehrpflichtigen führten gerade die Rentner in der SU ein elendes Leben:

    “Nach Angaben des Staatlichen Komitees für Statistik der UdSSR erhielten 1987 31,4 Prozent der Bezieher von staatlichen Renten und 84,7 Prozent der Bezieher von Unterstützungen für Kollektivbauern nur eine Rente bis zu 60 Rubel monatlich (vgl. Tabelle 3). Dieser kümmerliche Betrag, der weit unterhalb der amtlichen Armutsgrenze liegt, führt unweigerlich zu Verelendung. „Fast 24 Millionen Menschen beziehen nur eine Rente bis zu 60 Rubel monatlich. An die 11 Millionen vereinsamter alter Menschen sind auf Unterstützung angewiesen. Darüber hinaus gibt es bei uns 0,5 Millionen Menschen, die überhaupt keinen Anspruch auf eine Rente haben. Die Sozialfürsorge zahlt ihnen nur eine kärgliche Unterstützung. Aber was kann man schon heute mit 30 Rubel anfangen?“ (G. ValjuieniÖ: Podajte na bednost’, in: Argumenty i fakty, Nr. 40, 1989, S.4) So bevölkern heute bettelnde alte Menschen – für alle sichtbar und von der Miliz gejagt die Bahnhöfe und Parkanlagen sowjetischer Großstädte.”

    aus “Armut in der Sowjetunion” Osteuropa
    Vol. 40, No. 12 (Dezember 1990)
    https://www.jstor.org/stable/44917904?read-now=1&seq=9#page_scan_tab_contents

  2. Da reden wir schon von Perestroika-Zeiten, als die Sache nicht mehr so gut ausschaute. Also nicht nur für die Rentner, sondern die ganze Versorgung überhaupt, weil die Betriebe und Regionen ihre neue Selbstständigkeit für alle möglichen schwindligen Projekte verwendeten.
    Außerdem habe ich mich nicht auf die materielle Versorgung bezogen, sondern auf die Einbindung in die Familienstrukturen. Gerade eine geringe Rente scheint dort den familiären Zusammenhalt gefördert zu haben.
    Die Rentner waren notwendig für das Funktionieren der Reproduktion, brachten Gemüse von der Datscha und kochten für den Winter ein.
    Vor ein paar Jahren wurde in Rußland das Pensionsalter hinaufgesetzt, und da war auffällig, wie niedrig es bis dahin war, im Vergleich zu Westeuropa, das war eben auch wegen dieses vorgesehen Einsatzes der Großeltern.
    Die SU und überhaupt der Reale Sozialismus waren überhaupt gut im Verleihen von Orden und Privilegien der Art, wie in einer kleineren Schlange beim Schalter anstehen dürfen, also Ehrungen und Privilegien statt materiellen Zuwendungen.
    Aber genau darauf wollte ich hinaus: Die gesellschaftliche Anerkennung des Alters war hoch, nicht die Altersversorgung berauschend.

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