Die EU und ihr Hinterhof, Teil II

INDUSTRIEFRIEDHÖFE
Fortsetzung von: 1. Die Zerstörung der Landwirtschaft
Um die Zerstörung der industriellen Kapazitäten der EU-Hinterhöfe richtig würdigen zu können, muß man sich vor Augen halten, daß der ganze Sozialismus für viele seiner Parteisoldaten seine Attraktivität darüber hatte, daß er ihnen die in der vorherigen internationalen Arbeitsteilung „verweigerte“ Industrialisierung ermöglichte, in einer Art nachholender Entwicklung.
Die Industrie war der ganze Stolz, die Belegschaften der Fabriken marschierten bei diversen nationalen Feiertagen auf und priesen den Fortschritt, den sie sozusagen verkörperten und den anderen ermöglichten.
Während die Landwirtschaft immer eine Art Stiefkind der sozialistischen Parteien und Rhetorik war, lief ein bedeutender Teil des nationalen Selbstbewußtseins über die Fabriken ab, über die dort hergestellten Produkte, und die Parteigrößen schmückten sich gerne über die Eröffnung neuer Produktionsstandorte und Vorzeigebetriebe im Industriesektor.
In den 70-er und 80-er Jahren kriegte diese prästabilisierte Harmonie des steten Fortschritts deutliche Risse – vor allem dank des Westhandels und des Vergleichs, dem sich die sozialistischen Betriebe dabei aussetzten.
Sozialistische Politiker und Betriebsleiter schielten neidig auf vermeintliche bessere und billigere West-Produkte. Auf den Universitäten machte sich die Lobpreisung des „Wettbewerbs“ breit, und irgendwann gab es immer mehr saure Gesichter über die technologische Zurückgebliebenheit der sozialistischen Betriebe, und über die Rücksichten, die sie auf ihre Belegschaft nehmen mußten.
Und so entstanden die „Reformer“: Parteimitglieder in den höheren Ebenen der Staatsapparate, die immer lauter davon redeten, daß der Westen irgendwie fortschrittlicher sei, bessere Methoden hätte, und das zumindest in Elementen für die heimische Wirtschaft übernommen werden müßte.
Nach der Wende kamen diese Leute als Wendehälse an die Macht und boten dem westlichen Kapital die gesamte Nationalökonomie an: billig, billiger! Wir machen die Gewerkschaften platt, oder verwenden sie zum Stillhalten unserer Arbeiter! Wir drücken die Löhne! Wir fordern keine Schutzmaßnahmen – jeder freie Lohnarbeiter ist seines Glückes Schmied! Umweltauflagen – was ist das? Hauptsache, ihr kommt, liebe Kapitalisten, und beutet bei uns aus, daß es nur so kracht! Dafür breiten wir euch den roten Teppich aus!
Bei aller Untertänigkeit und Anbiederung saßen diese Menschenfreunde jedoch einem kapitalen Irrtum auf: Sie dachten, bei entsprechender Behandlung würde das ausländische Kapital herbeiströmen und in die Produktion investieren.
Stattdessen kamen das Handels- und das Finanzkapital und bereiteten des Boden dafür, woanders erzeugte Ware auf diesen neuen Märkten abzusetzen. Eine der Voraussetzungen für diese Funktion als Markt war Zahlungsfähigkeit, eine weitere ein Bankennetz, sowie Konvertibilität der Währungen. Die wichtigste Bedingung war jedoch die Herstellung einer tabula rasa in Sachen Produktion, einer Art Wüstenei, um die eigenen Waren dort verscherbeln zu können.
2. Die Zerstörung der Industrie der ex-sozialistischen Staaten
Auch dieses Zerstörungswerk ging in mehreren Schritten vonstatten.
Es handelte sich hier nicht um einen schlau ausgedachten Masterplan, der von irgendwelchen Bösewichtern a la Soros & Co. ausgeheckt und Schritt für Schritt umgesetzt worden wäre. Auch die kapitalistischen Eroberer lernten durch Erfahrung, durch Enttäuschung, aber auch durch Entgegenkommen der örtlichen Funktionäre, die sich natürlich gerne bei dieser ganzen Chose bereichern wollten, so gut es ging. In trauter Zusammenarbeit von Medien, Ideologen, dem IWF, der EU-Gesetzgebung usw. wurden Arbeitskräfte freigesetzt, Industrien zugesperrt und Gesetze angepaßt.
Auch hier begann alles mit der Auflösung des RGW und der Umstellung von Zusammenarbeit und Tausch auf Konkurrenz und Geschäft. Nur „richtiges“ Geld, also DM oder Dollar, wurden akzeptiert. Vorprodukte und Rohstoffe sowie Energie wurden nicht mehr geliefert, Fabriken standen still, unverkaufte Waren füllten die Fabrikshallen, und Löhne wurden nicht mehr gezahlt.
Das alles fand in Ökonomien statt, in denen die Entlassung nicht vorgesehen war, es keine Arbeitslosenkassen gab, in die vorher eingezahlt worden wäre, in denen es keine Abfindungen gab – der Zusammenbruch war total.
Manche Betriebsleitungen versuchten sich mit Schmuggel, vor allem auf dem Balkan, da Jugoslawien viel mehr Erfahrung mit Westhandel hatte. Aber die Voraussetzungen waren ungünstig, bald waren die Grenzen nach Westen streng überwacht, und dort, wo man noch hinkam, war kein Geld da, weil die ursprünglichen Abnehmer in der gleichen Lage waren wie ihre seinerzeitigen Lieferanten: Die Kasse war leer.
Dann kamen die Privatisierer. Banken und Berater trugen sich an, Börsen wurden gegründet, Wertpapiere wurden geschaffen – Anteilsscheine, Betriebsaktien, Kupons. Die Staaten gründeten Vermögensagenturen und emittierten mit westlichen Banken zusammen „Aktien“, um ihre Betriebe zu privatisieren. Schmierige Geschäftleute mit obskuren Kreditquellen kauften und verkauften diese Aktien und verschwanden nach Kursgewinnen spurlos, während die Staaten zuschießen mußten, um den Betrieb bis zur „endgültigen“ Privatisierung am Leben zu erhalten.
Die Privatisierungen dienten vor allem dazu, über wenig transparente Finanztransaktionen und schwindlige Wertpapiere Geld aus anderen Wirtschaftszweigen zu waschen, oder staatliche Quellen für private Bereicherung anzuzapfen, was seither als Evergreen „Korruption“ durch die Medien geistert. Dieses Geld floß mehr oder weniger aus staatlichen Zuschüssen über Wertpapierkäufe an Private, bei den Betrieben kam es nicht an.
Manche Betriebe fanden nach jahrelangem Hin und Her zwar einen Käufer, aber der entließ einmal mindestens die Hälfte der Beschäftigten, krempelte den ganzen Betrieb um, und hängte diverse Schulden und Forderungen dem betroffenen Staat oder der Gemeinde an, was dort wieder Probleme aller Art mit Krediten und Banken und dem IWF verursachte.
Schlecht erging es Firmen, die weltmarktfähige Produkte herstellten und dadurch gierige Blicke auf sich zogen. Die wurden dann von „Investoren“ oft sehr günstig erworben, die die Maschinen abbauten und woanders hin transportierten, in ihre Mutterländer und Stammfabriken. So erging es Papier-, Lebensmittel- und Maschinenbau-Fabriken in Osteuropa und vor allem in Bosnien.
Oder es wurden mit der Firma nur die Marke gekauft, und statt der ursprünglichen Fabrik ein Warenlager und eine Geschäftskette eingerichtet, über die der einheimische Markt von den Firmen des Mutterlandes beliefert wurde.
(Ausnahmen aus dieser Entwicklung waren Tschechien und Slowenien, die ihre Produktion ein Stück weit bewahren und ausbauen konnten, und Polen, das aufgrund seiner Größe und Lage als Produktionsstandort für ausländisches Kapital attraktiv genug war.)
Aus den solchermaßen entindustriaisierten Staaten setzte eine Wanderungsbewegung von Arbeitsemigranten nach Westeuropa ein, die dort als industrielle Reservearmee die Löhne senken half und zu enormem Bevölkerungsverlust in den osteuropäischen Staaten führte.
Das minderte deren Brauchbarkeit als Markt ein Stück weit. Die Nachfrage ist dadurch eher schwach.
Aber um das zu begreifen, muß man auch einen Blick darauf werfen, wie die dortige Zahlungsfähigkeit überhaupt zustande kam und kommt.
Fortsetzung: 3. Banken, Geld und Kredit: Die Herstellung von Zahlungsfähigkeit in EU-Weichwährungen

5 Gedanken zu “Die EU und ihr Hinterhof, Teil II

  1. Guter Artikel! Zwei Ergänzungen:
    Die Landwirtschaft zumindest in der DDR war kein “Stiefkind”. Sie waren meist gut organsierte Zentren das ganzen dörflichen Lebens. Sie hatten ab den späteren 70er Jahren auch keine Nachwuchsprobleme mehr. Man frage einstige Genossenschaftmitglieder – es waren sehr souveräne Leute. Die (dann umgewandelten) LPGen waren auch nach der Wende – nachdem auch hier alle sozialen Aufgaben (Essenversorgung, teils auch Betreiben von Gaststätten, Dorfklubs, Ferienunterkünfte, Recht auf Jahresurlaub, Hilfe beim Bau von Wohnungen und Eigentumshäusern, fachliche Weiterbildungen usw.) abgeworfen worden – den meisten westdeutschen Betrieben überlegen. Die Vernichtung ihrer sozialen Funktion und die westliche Missachtung der Leistungen der LPG hatte für viele Dörfer verheerende Konsequenzen und peitscht bis heute eine (diffuse und teils fragwürdige) Wut auf das jetzt herrschende System an.

  2. Danke für die Ergänzung.
    Aber den größten Teil dieser Entwicklungen habe ich schon im vorherigen Beitrag skizziert. Zugegeben, bei der DDR kenne ich mich nicht so besonders gut aus.
    Das mit dem Stiefkind habe ich auch nicht so gemeint, daß dort nicht investiert worden wäre, sondern daß im allgemeinen in den sozialistischen Staaten die Industrie auf- und ausgebaut werden sollte, weil zuviel Gewicht auf dem Agrarsektor als „rückständig“ angesehen wurde, im Sinne einer fortschrittsorientierten Entwicklungs-Strategie.
    Bei der DDR war die Lage insofern anders, als es dort ja Industrie gab, und die in den folgenden Jahrzehnten im Sinne der RGW-Arbeitsteilung dazu benützt wurde, woanders Industrien aufzubauen.
    Es kann durchaus sein, daß sich deshalb die DDR-Führung verstärkt der Landwirtschaft zuwandte, und dort ihre Erfolge feierte, während in der Industrieproduktion teilweise Produktionsabläufe fortbestanden, die ins Museum gehört hätten.

  3. Die sozialistische Landwirtschaft war aber ganz und gar nicht rückständig. Immerhin konnten in den LPG wegen der Zusammenlegung von einstmals durch das Eigentum zersplitterten Äcker, riesige zusammenhängen Flächen bewirtschaftet werden. Also in der Realsozialistischen Staaten wurde eine industrielle Landwirtschaft betrieben, die der Westen zumindest Deutschlands nicht hatte. Dort wurde lange Zeit ein Bauernlegen betrieben, das die Industrialisierung der Landwirtschaft hervorbringen sollte, die in sozialistischen Staaten längst existierte.
    Schau dir einfach mal in Google Earth die Ackergrößen in Bayern oder Baden-Württemberg und dann die in Sachsen-Anhalt an, z.B. Magdeburger Börde.

  4. Nein, es wurde nicht in allen realsozialistischen Staaten eine industrielle Landwirtschaft betrieben: In Polen z.B. hat sich die Partei nie getraut, das Kleinbauerntum abzuschaffen. Hat ihnen zwar anfangs eine gewisse politische Ruhe verschafft, sich aud Dauer aber bitter gerächt, zudem die katholische Kirche als einer ihrer Hauptfeinde in den Kleinbauern eine unerschütterliche politische Basis hatte.

  5. @Kehrer

    Die sozialistische Landwirtschaft war aber ganz und gar nicht rückständig.

    Das hat ja auch niemand behauptet.
    Aber es gab große Unterschiede zwischen einzelnen sozialistischen Staaten.
    Mir ging es beim Begriff „Stiefkind“ nicht um den Zustand der LW, sondern um den Ehrgeiz der Politiker, der in Ungarn z.B. zum Systemwechsel führte, weil sie kein „Agrarland“ bleiben wollten.
    @Neoprene
    In Jugoslawien wurde die Kollektivierung aufgehört nach dem Bruch mit der SU.
    Aber auf enteigneten Gütern von Kollaborateuren und Kriegsverbrechern wurden große Kombinate aufgebaut, die maschinell alle Stückln spielten – während woanders, vor allen in den gebirgigen Landesteilen, die Familienbetriebe und teilweise sogar Zugtiere weiterbestanden.
    Sehr viel von den Modernisierungs-Schritten wurde mit westlichen Krediten und Importen bewerkstelligt. Jugoslawien war Mitglied des IWF und Betriebe konnten selber über die Kreditaufnahme entscheiden.
    So kam es zu Überschuldung, und im Rahmen der weltpolitischen Veränderungen zur Schuldenfalle. Der Rest ist dann etwas bekannter …

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