Aktuell: ein Staat wird geboren (?)

ANERKENNUNGSPOLITIK

Angesichts der Zerstörung und des Massenmordes, den die israelische Regierung und Armee in Gaza veranstalten, wollen immer mehr Staaten einen palästinensischen Staat anerkennen.
Würde das jemandem in Gaza helfen?

Was geht da vor, wenn ein Staat anerkannt wird?

Zur Anerkennung überhaupt

Annerkennung ist eine Gepflogenheit in der Staatenwelt ebenso wie im individuellen Verkehr der Staatsbürger demokratischer Staaten.
Rein formell bzw. juristisch ist die Anerkennung als selbstbestimmtes Subjekt notwendig, damit ein Mensch überhaupt als Person agieren kann. Also Verträge unterschreiben, Prüfungen ablegen, Käufe und Verkäufe tätigen kann, usw.
Das war eine Leistung der französischen Revolution, die sich dann schrittweise in Europa und später auf der ganzen Welt durchsetzte. Die Gleichheit vor dem Gesetz, unabhängig von Vermögensverhältnissen und sozialer Herkunft ermöglicht nämlich erst die Konkurrenz aller gegen alle und verschafft dem Eigentum Gültigkeit.

Das betrifft, noch einmal wiederholt, die formelle Anerkennung durch den Staat, die Behörden, also die Obrigkeit bzw. das Gewaltmonopol.

Daraus hat sich jedoch die Gewohnheit, um nicht zu sagen Unart, entwickelt, derzufolge viele Menschen diese Anerkennung nicht nur im Geschäftsverkehr und bei den oben beschriebenen Transaktionen begehren und verlangen, sondern immer und von jedem, der ihnen über den Weg läuft. Gute Noten, Erfolge in der Konkurrenz, im Sport und auch bei der Partnersuche werden diesbezüglich über einen Kamm geschoren: Alles fällt unter erhaltene Anerkennung. Alle Mißerfolge auf diesem Gebiet werden folglich als mangelnde Anerkennung aufgefaßt, die einem die Umwelt gemeinerweise verweigert, obwohl sie einem doch zustünde.

Das Streben solcher Individuen nach Anerkennung ist ebenso inhaltsleer wie universell, weil eben an alle zwischenmenschlichen Kontakte darauf abgeklopft werden, ob sie diesem Bedürfnis entsprechen. Erfolg und Mißerfolg messen sich an diesem trostlosen Drehen um die eigene Achse: Wie komme ICH als Person an? bzw. wie komme ich bei anderen vor?
Die mangelnde Anerkennung können die als „Verlierer“ eingestuften und sich auch als solche empfindenen Personen gegen sich kehren oder gegen die anderen. Amokläufe, Schul-Schießereien und hohe Selbstmordraten sind nicht rätselhaft, wenn man das Streben nach Anerkennung zur Kenntnis nimmt und seine Folgen begreift. Das nach Anerkennung strebende Individuum will ja nicht einzelne Leistungen gewürdigt wissen, sondern diese, sofern tatsächlich vorhanden, dienen immer nur zur Bestätigung seiner eigenen Vortrefflichkeit.
Mehr noch soll diese anerkannt werden, wenn gar keine Leistungen da sind. In diesem Fall ist das Verlangen nach Anerkennung die Kompensation für Leute der Abteilung „Hat nix, kann nix, is nix“.

Unterhalb der Schwelle der unmittelbaren Gewalt stellt sich heute diese Abteilung: Ich werde nicht genügend anerkannt! – als frauenfeidliche Blogger, Incels oder überhaupt Haß-Verbreiter im Internet dar, die auf irgendwelche Personengruppen seine Wut und Verachtung abladen – und darüber dann von gleichermaßen Frustrierten in Form von Likes oder durch sonstige Anhängerschaft diejenige Anerkennung erhalten, auf die diese Subjekte so scharf sind.

Für den Staat und die Behörden ist diese Überhöhung der gewöhnlichen juristischen Anerkennung sehr angenehm, auch wenn sie sich in unschönen Formen und Tragödien entlädt: Wer von anderen Leuten anerkannt werden will und sich in dieser leeren Selbstbespiegelung herumtreibt, ist ein guter Untertan. Er wird sich nie gegen die Grundlagen der Konkurrenz und der Klassengesellschaft wenden, läßt sich aber leicht für alle möglichen staatlichen Vorgaben und Ziele einsetzen, sofern sie seinem Anerkennungsbedürfnis entsprechen.

Das psychologische Bedürfnis nach Anerkennung ist übrigens genauso bei dem vorhanden, der Anerkennung ausspricht bzw. sonstwie spendet – er stellt sich dabei, wie ein Lehrer, der einen Schüler lobt, ein Stück weit über den anderen und stellt sich damit gleichzeitig als jemanden dar, der um die Wichtigkeit dieses hohen Gutes weiß und es daher maßvoll verteilt. Meine Anerkennung zählt was, weil ich bin der große Zampano!
In gewisser Weise reproduziert sich diese zwischenmenschliche Dynamik auch auf der staatlichen Ebene.

2. Anerkennung von Staaten und Regierungen

Die Anerkennung einer Regierung bzw. eines Staates ist in einer fertig eingerichteten imperialistischen Staatenkonkurrenz, wie sie nach dem II. Weltkrieg endgültig eingerichtet wurde, eine Notwendigkeit, damit diese Regierung diplomatische Beziehungen zu anderen Staaten aufnehmen, in Handelsbeziehungen treten und sich verschulden kann.

Umgekehrt ist die Anerkennung eines anderen Staates bzw. einer Regierung ein probates Mittel, das eigene Gewicht in der Welt zu betonen.

An einigen Beispielen läßt sich das erläutern: Es war Montenegro 2008 sehr wichtig, den Kosovo anzuerkennen – weil es damit SICH SELBST als Staat und seine Regierung als Teil der Staatengemeinschaft etablierte – der Staat war noch keine 2 Jahre alt! – und seinen Gönnern gegenüber als verantwortungsvolles Mitglied der NATO-Wertegemeinschaft präsentierte.

Damit sicherte sich auch der Langzeit-Chef dieses Staates, Milo Đukanović, das Wohlwollen der EU-Politiker und die Straffreiheit gegenüber all seinen trüben Geschäften.

Als das marokkanische – bis heute existierende – Königshaus als erster Staat überhaupt 1777 die USA anerkannte, bewies es Gespür für die sich anbahnenden Veränderungen im kolonialen Gefüge. Bis heute kann es auf den Schutz der inzwischen zur Weltmacht gewordenen USA zählen, ohne dafür besonders viel leisten zu müssen, was den Interessen des Königs und der herrschenden Eliten widerspräche.

Als in Haití nach 13 Jahren der Kämpfe gegen die eigenen Eliten und gegen Invasionsheere 1804 die Unabhängigkeit verkündet wurde, gab es kaum Staaten, die diesen Staat anerkannten. Die Sklaverei war damals in den Kolonien noch ziemlich üblich und ein erfolgreicher Sklavenaufstand war nichts, was die sklavenhaltenden Eliten der Alten und Neuen Welt begrüßten. Es war für sie im Gegenteil angesagt, ein Exempel zu statuieren: So nicht!
Unter allgemeinem Beifall europäischer Staaten und der USA nötigte Frankreich die haitianische Regierung 1825 (mit Blockade und Einmarschdrohungen) dazu, anzuerkennen, daß sie das Eigentum ihrer ehemaligen Sklavenhalter entschädigen mußte.
Die enorme Schuld, die dieser Staat damit auf sich nahm und die erst Mitte des 20. Jahrhunderts abgezahlt wurde, sorgte dafür, daß Haití nie eine Ökonomie entwickeln und prosperieren konnte. Alle wirtschaftliche Tätigkeit stand im Schatten dieses Schuldendienstes.
Hier war die staatliche Anerkennung das Mittel, Haití in diesen Strudel der Verschuldung hineinzuziehen.

Im 20. Jahrhundert war vor allem die Anerkennung der Sowjetunion ein strittiges Thema. Die europäischen Siegermächte waren aus verschiedenen Gründen sauer auf die SU, rangen sich aber doch 1924 zu einer Anerkennung hin, um Handelsbeziehungen wieder aufleben zu lassen und der SU Kreditwürdigkeit zu verleihen – da Europa ohne die russischen bzw. sowjetischen Ressourcen den Wiederaufbau nach dem I. Weltkrieg nicht stemmen konnte.
Die Anerkennung durch die USA 1933 eröffnete der Regierung von F. D. Roosevelt schließlich die Möglichkeit, außenpolitisch mit Hilfe der Sowjetunion auf die Auflösung der europäischen Kolonialreiche hinzuarbeiten.

Das aktuelleste Beispiel für die Widersprüche um Anerkennung oder Nicht-Anerkennung einer Regierung sind die Taliban. Seit ihrer Machtübernahme 2022 hat nur ein einziges Land sie anerkannt: Rußland im Juli 2025. Weder Pakistan, das sie groß gemacht hat noch irgendein anderes Nachbarland oder ein anderer muslimischer Staat erkennt sie an.
Dadurch können die europäischen Staaten keine Verhandlungen aufnehmen, um ein Schubabkommen zu erzielen, wie es mit der Vorgängerregierung von Ashraf Ghani bestanden hat.
Auch sonst gibt es keine Möglichkeiten, auf die Regierung Einfluß zu nehmen, oder andere Verträge abzuschließen, solange es keine diplomatischen Beziehungen gibt.
Die Taliban selber erhalten das eingefrorene Auslandsvermögen Afghanistans nicht zurück und können auch keine Handels- oder Schulden-Regelungs-Abkommen abschließen.

Die Liste der Beispiele für die vielen Kriterien, die von Seiten der anerkennenden Mächte an die anerkannten oder anzuerkennenden Staaten und Regierungen angelegt wurden und werden, ließe sich noch lange fortsetzen.
Sie ändern sich mit den weltpolitischen Konstellationen und hatten seit der Gründung der UNO eine gewisse Transparenz der Kriterien – die aber inzwischen abhanden gekommen zu sein scheint.

Die Anerkennung des palästinensischen Staates

ist eigentlich eine Absurdität, weil es geht ja um einen Staat, den es nicht gibt – und den Israel niemals zulassen würde.
Um einen rein virtuellen Staat also.

Diesem imaginären Staat fehlt alles, was einen Staat ausmacht: Er verfügt über kein Territorium, keine Grenzen und vor allem kein Gewaltmonopol. Die Bevölkerung, auf die sich dieser Staat beziehen könnte, ist neben Gaza und dem Westjordanland über die ganze Welt verstreut. Palästinensische Flüchtlinge und deren Nachfahren leben in den Nachbarstaaten Israels, in anderen muslimischen und arabischen Staaten und auch sonst überall, in Europa, in Rußland, in Australien und den USA. Gerade in den USA gibt es, wie man den letzten Protesten entnehmen konnte, eine große palästinensische Gemeinde.
Es gibt auch im engeren Territorium Israels selbst Palästinenser, die israelische Staatsbürger sind, wie z.B. die Christen von Nazareth, die sich um die Weihnachtszeit stets über Pilger aus aller Welt freuten und mit ihnen schöne Geschäfte machten – was inzwischen alles der Vergangenheit angehört.

Die Palästinenser in Syrien, in Jordanien und in Ägypten sind teilweise immer noch nicht als Staatsbürger dieser Staaten anerkannt – weil sich diese Staaten erstens nicht zu Befehlempfängern der israelischen Vertreibungspolitik machen wollten, aber auch, um den Einfluß dieser Migranten durch deren dauerhaft prekären Status kleinzuhalten.

In Syrien hat die jetzige Regierung ebenfalls das Problem, wie sie es mit den Palästinensern halten will. Man erinnere sich an den großen Stadtteil Jarmuk in Damaskus, wo sich verschiedene aufständische Gruppen und die Assad-Regierung heftige Kämpfe lieferten und das ganze Stadtviertel in Schutt und Asche legten.
Man hat fast den Eindruck, die Zerstörung Gazas sei hier in kleineren Dimensionen vorweggenommen worden.

Was bewegt also diverse europäische Staaten dazu, einen palästinensischen Staat anzuerkennen und was für Folgen hat bzw. hätte das?

Grün: Staaten, die Palästina anerkannt haben

1. Die Geschichte dieses Staatsgedankens und seiner internationalen Anerkennung

Wenn man sich im Internet kundig macht, welche Staaten Palästina bereits anerkannt haben, so ist das Überraschende: Die überwiegende Mehrheit.

„Von den 193 Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen haben aktuell 157 (d. h. etwa 81 %) den Staat Palästina als unabhängigen Staat anerkannt, darunter mit China, Russland, Frankreich und Großbritannien vier der fünf Vetomächte im UN-Sicherheitsrat.“ (Wikipedia, Palästina)

Sehr viele Staaten Asiens, Afrikas und des damaligen sozialistischen Blocks haben Palästina 1988 anerkannt, nach seiner Ausrufung durch die PLO. Damals wurde das Westjordanland, der Gazastreifen und Ostjerusalem als Staatsgebiet dieses erst zu schaffenden Staates beansprucht. Auch Saudi-Arabien, Katar und die VAE erkannten damals Palästina an.

Nach 1990 erfolgte eine weitere Welle der Anerkennung durch neue, aus dem Zerfall der SU und des Warschauer Paktes hervorgegangene Staaten, aber auch Südafrikas, das nach Beendigung des Apartheid-Regimes auch außenpolitisch zu neuen Ufern aufbrechen wollte.
Montenegro erkannte Palästina noch vor dem Kosovo an, kurz nach seiner Unabhängigkeitserklärung 2006!

Von 2009-2011 erkannten auch die meisten Staaten Lateinamerikas Palästina an.
Was Europa angeht, so zog fast keiner der ehemals sozialistischen Staaten seine Anerkennung zurück. Island erkannte 2011 und Schweden 2014 als erster West-EU-Staat Palästina an.
Nach dem Beginn des Gaza-Kriegs folgten Spanien, Norwegen und Irland im Mai 2024, gefolgt von Slowenien im Juni. Schließlich folgten im September 2025 Australien, Kanada und wichtige europäische Staaten wie das UK und Frankreich, gefolgt von einigen kleineren Staaten.

Das Erste, was man daran erkennen kann, ist, daß die Anerkennung für die Palästinenser selbst offenbar nicht viel bringt, weil auch vor 2023 schon viele Staaten, sogar aus dem arabischen Raum, den Staat anerkannt hatten, aber sich an der Lage der Palästinenser dadurch nicht viel zum Besseren gewendet hat.
Umgekehrt zementierte die reichliche Anerkennung das brüchige Verhältnis zwischen palästinensischer Selbstverwaltung und israelischer Ordnungsmacht und band bis zu einem gewissen Grad auch Israel die Hände.

Für beide Seiten des Konfliktes war der Zustand unbefriedigend.

2. Anerkennung als Akt der Souveränität

Warum erkannten alle diese Staaten Palästina an?

Hier sind die Ursachen ganz verschieden. Kleine unbedeutende Staaten wie Burundi, Swasiland oder Suriname betätigten sich durch ihr Votum als richtige Staaten und gaben kund, daß sie auch noch da waren.
Frischgebackene Staaten wie Montenegro oder Bosnien gaben zu Protokoll, daß sie auch in der Staatengemeinschaft eingetroffen waren, ebenso wie vor ihnen bereits die Ukraine oder Georgien.
Bei vielen Staaten Afrikas oder Lateinamerikas spielte sicher auch die koloniale Vergangenheit mit und die Anerkennung Palästinas war für sie ein Akt der Solidarität gegenüber neueren Kolonialisierten.
Schließlich war es auch in der muslimischen Welt ein Versuch, Außenpolitik zu machen und sich gegen die Präsenz der USA im nahen Osten zu positionieren.

In allen diesen Fällen geht es jedoch den betreffenden Staaten erst einmal um sich, die Palästinenser oder ihr imaginärer Staat sind nur Material, an dem die eigene Staatsräson betont wird und die jeweilige Regierung sich darstellt und beweist als eine, die zu solchen außenpolitischen Schritten fähig und willens ist.

3. Die neuesten Entwicklungen

Bis zum Überfall der HAMAS am 7.10. 2023 hatten jedoch in Europa nur rund 10 Staaten den Palästinenserstaat anerkannt, davon nur einige der EU und dies – mit Ausnahme Schwedens – vor ihrem EU-Beitritt.
Seit Mai 2024 sind jedoch 12 weitere dieser Palästina-Gemeinde beigetreten – warum und warum jetzt?

Erstens, um unabhängige Außenpolitik gegenüber der EU-Führung zu betreiben. Immerhin konnte sich die EU als Ganzes bisher nicht zu diesem Schritt durchringen.
Zweitens, um in der Weltpolitik angesichts des Gemetzels in Gaza nicht ganz in Bedeutungslosigkeit – als bloße Beobachter – unterzugehen, da sich andere Schritte in EU- und Euro-Europa nicht so einfach verwirklichen lassen.
Drittens, um Deutschland als Möchtegern-Führungsmacht der EU eins auszuwischen.

Was bedeutet das für Israel?

Hier fallen nicht so sehr die vielen Staaten der Welt und auch nicht diejenigen in Europa, die sich erst kürzlich zu diesem Schritt entschlossen haben, ins Gewicht, sondern die ständigen Sicherheitsratsmitglieder China, Rußland, Frankreich und das UK, denen gegenüber nur noch die USA als einzige Unterstützung Israels steht.

Es mag sein, daß das der Grund für den Trump’schen Friedensplan war – die Situation drohte unübersichtlich zu werden.

Auf weitere Entwicklungen darf man gespannt sein.

2 Gedanken zu “Aktuell: ein Staat wird geboren (?)

  1. „Eine Waffenruhe, die immer wieder von israelischen Angriffen unterbrochen wird:“

    Also eigentlich keine ist.

    „Seit der Verkündung des Waffenstillstands sind im Gazastreifen mehr als 200 Menschen ums Leben gekommen.

    Weder die internationale Gemeinschaft noch die Vermittler des Friedensplans von Trump haben eingegriffen, um diese Eskalation der Gewalt zu stoppen. (…)

    Die Sonderberichterstatterin der UNO für die besetzten palästinensischen Gebiete, Francesca Albanese, hat diesen Waffenstillstand vor Tagen mit einem Wortspiel definiert. Waffenstillstand heißt auf Englisch »ceasefire«. Für Albanese gilt in Israel die Politik »You cease, I fire.« (…)

    Was Haizam Amirah-Fernández, Leiter des Center for Contemporary Arab Studies (CEARC), als »Mitschuld« der internationalen Gemeinschaft definiert, ist für diesen Experten nicht überraschend: »Wenn ein Staat ungestraft einen Völkermord [in Gaza] begehen konnte, was hindert ihn daran, einen Waffenstillstand zu brechen?«
    Inmitten dieses internationalen Schweigens wendet Israel ein ähnliches Schema an wie seit einem Jahr im Libanon, – in einem Land, mit dem es im November 2024 einen Waffenstillstand unterzeichnet hat.
    Seitdem bombardiert es den Süden des Landes »fast täglich« ohne Konsequenzen, prangerte der libanesische Präsident Joseph Aoun am Dienstag an. (…)

    Amirah-Fernández … weist auch auf die Notwendigkeit hin, »den israelischen Führern zuzuhören, wenn sie auf Hebräisch und nicht auf Englisch sprechen«.

    »Jeden Tag sagen diese Führer, dass sie ihren Krieg fortsetzen werden, da die Geiseln zu Hause sind«, sagt er.
    Dabei gehe es nicht nur um Netanjahus rechtsextreme Verbündete, »sondern auch um die inoffiziellen Sprecher seiner Exekutive« (wie Kanal 14 des israelischen Fernsehens). »Das israelische Projekt hat sich durch den Waffenstillstand nicht geändert«, sagt Amirah-Fernández, der behauptet, dass ihre Ziele »die ethnische Säuberung des Gazastreifens, die Vertreibung der Palästinenser, die Annexion des Gazastreifens und dann des Westjordanlandes« seien.“

    (El País, 30.10.)

  2. „Israels Anerkennung Somalilands sorgt aufgrund der strategischen Überlegungen und möglichen Folgen für Aufsehen am Golf

    Netanjahu hat viele verärgert, indem er diplomatische Beziehungen zu der abtrünnigen Region Somalias aufnahm. Israel ist das erste Land, das diesen Schritt unternimmt – ein Schritt, der das Horn von Afrika und den Nahen Osten grundlegend verändern könnte

    Israels Anerkennung Somalilands – die erste seit der Unabhängigkeitserklärung von Somalia 1991 und dem faktischen Funktionieren als eigenständiger Staat – hat innerhalb von nur drei Tagen ihre strategische Bedeutung unter Beweis gestellt: Dies zeigt sich in den unzähligen Verurteilungen (und dem teils bemerkenswerten Schweigen), die im Vorfeld der Präsentation vor dem UN-Sicherheitsrat am Montag erfolgten.

    Auf die Frage, ob die USA ebenfalls eine Anerkennung Somalilands erwägen, antwortete Donald Trump: »Weiß überhaupt irgendjemand, wo dieses Somaliland ist?«“

    Das klingt nicht sehr nach einer baldigen Anerkennung … 

    „Die Welle der Empörung wächst jedoch in jenen Regionen, in denen die potenziellen, insbesondere militärischen, Folgen am deutlichsten zu spüren sind. Mit Zugang zum Roten Meer und nur etwa 300 Kilometer von der von den Huthis kontrollierten Region im Jemen entfernt, ist Somaliland auch eines der drei Gebiete, die die Regierung von Benjamin Netanjahu als Umsiedlungsgebiete für Gaza-Bewohner in Betracht zieht. Hintergrund ist Trumps Plan, Gaza zu entvölkern und eine »Nahost-Riviera« zu schaffen.

    Somaliland ist eine 137.600 Quadratkilometer große, separatistische Region mit westlich orientierten Interessen,

    – was immer das heißen mag – 

    „die seit drei Jahrzehnten vergeblich um Anerkennung kämpft. Kürzlich startete sie eine diplomatische Offensive Richtung USA (Senator Ted Cruz gehört zu den Befürwortern der Anerkennung).
    Im vergangenen Monat erklärte Somaliland, die von Somalia ausgestellten Visa nicht mehr anzuerkennen und für jedes Flugzeug, das in seinen Luftraum einfliegt, eine direkte Genehmigung zu verlangen. Damit trennte es sich faktisch von der nominellen Souveränität Mogadischus. Am vergangenen Freitag erkannte Israel überraschenderweise als erstes Land Somaliland an.“

    Aus diesen 2 Zeitpunkten läßt sich schließen, daß die Verhandlungen schon seit einiger Zeit dauern.  

    Die offizielle Erklärung, unterzeichnet von Netanyahu und seinem Außenminister Gideon Saar, nennt »gemeinsame Werte und strategische Interessen«. Tausende Somaliländer feierten mit Feuerwerk, Tanz und vereinzelten israelischen Flaggen.“

    Ähnliches spielte sich übrigens im irakischen Kurdistan ab, als es 2017 seine Unabhängigkeit erklärte, die bis heute nur von Israel anerkannt wurde. 

    „Die Feierlichkeiten setzten sich am Sonntag in einem Stadion in der Hauptstadt Hargeisa fort. Die Stimmung war in weiten Teilen des Horns von Afrika und des Nahen Ostens deutlich anders. Die Verurteilungen waren ebenso vorhersehbar wie nahezu einhellig und dauern bis heute an. In Mogadischu, der somalischen Hauptstadt, gingen Tausende auf die Straße und zertrampelten und rissen Plakate mit Netanjahus Bild herunter.
    Andernorts blieb das Thema weitgehend unbeachtet. Die EU bekräftigte beispielsweise »die Bedeutung der Achtung der Einheit, Souveränität und territorialen Integrität Somalias«, ohne jedoch die israelische Anerkennung zu kritisieren. Die Erklärung erwähnte sie lediglich.“

    Typisch EU – weder Fisch noch Fleisch, wenn es um Prinzipien geht, die von Israel nicht beachtet werden. 

    „Asher Lubotzky ist leitender Wissenschaftler am Israel-Afrika-Institut in Herzlia, Israel, und Assistenzprofessor an der Universität Houston in den USA. Er ist überzeugt, dass die Anerkennung »zu 100 %« mit der Rivalität zwischen Israel und dem Iran zusammenhängt. Genauer gesagt bezieht sie sich auf die Huthis im Jemen, Teherans Verbündete, die die USA und Israel bombardiert haben, nachdem sie in den letzten zwei Jahren den Schiffsverkehr im Roten Meer gestört und Raketen und Drohnen (die fast immer abgefangen wurden) gegen den jüdischen Staat eingesetzt hatten – »aus Solidarität mit unseren Brüdern in Gaza« angesichts des dort stattfindenden Massakers.

    »Aus israelischer Sicht ist die Region des Roten Meeres für die nationale Sicherheit von großer Bedeutung geworden«, betont Lubotzky per Videokonferenz. »Früher hat er es vernachlässigt oder übersehen, weil die Region relativ friedlich war und Israels ohnehin spärliche Interessen nicht berührte. 
    Doch jetzt, da die Huthis Israel mit relativer Leichtigkeit angreifen und den Golf von Eilat und den Suezkanal praktisch blockieren könnten, ist das Rote Meer zu einem globalen Problem geworden. Israel hat verstanden, dass es sich um eine sehr ernsthafte Bedrohung handelt, nicht nur um eine lästige Angelegenheit.“

    Zumindest definiert die derzeitige israelische Führung das so. 

    „Der Schlüssel liegt offensichtlich in den (von Somaliland zu erbringenden) Gegenleistungen, die bisher nicht offengelegt wurden. Lubotzky deutet auf »etwas Bedeutendes« hin und erinnert an die Vorteile, die Somalilands Lage Israel bietet, insbesondere für die Informationsgewinnung.
    Anders als im Iran, wo Israel die Unterstützung seiner kurdischen Verbündeten und Aserbaidschans hatte, war dies in den letzten zwei Jahren schwierig.“

    Hier werden unter der Hand Geheimnisse ausgeplaudert, die verstehen lassen, warum das iranisch-kurdische Verhältnis angespannt ist. Und daß Israel und Aserbaidschan gut-freundschaftliche Verhälnisse pflegen. 

    „Er merkt auch an, dass israelische Kampfflugzeuge lange Anflugstrecken benötigten, um den Jemen zu bombardieren. Eine militärische Präsenz (sei es in Form eines Stützpunktes oder des Zugangs zu einem solchen) ermöglicht nun den Einsatz von Drohnen (wie sie im Iran verwendet wurden) oder lasergesteuerten Raketenabwehrsystemen. Durch die geographische Lage gesehen wären diese Systeme gegen Raketen (von denen eine im Mai das Gelände des Flughafens Tel Aviv traf) nicht nützlich, wohl aber gegen Drohnen – genau jene Waffen, die Israels Verteidigung am effektivsten umgangen haben. Eine Drohne verletzte im September mehr als 20 Menschen, als sie in einem Gewerbegebiet von Eilat abstürzte.

    Am Samstag verurteilten 21 Länder – hauptsächlich aus Afrika und dem Nahen Osten – in einer gemeinsamen Erklärung die Anerkennung Somalilands. Sie sprachen von »schwerwiegenden Folgen für den internationalen Frieden und die Sicherheit« (insbesondere für das Horn von Afrika und das Rote Meer) und von Israels »völliger und eklatanter Missachtung des Völkerrechts«.

    Sie wiesen zudem auf eine mögliche geheime Verbindung zu einem israelischen Regierungsplan zur Vertreibung der Palästinenser aus dem Gazastreifen hin. Im vergangenen März, als Israel erfolglos Länder auslotete, die Palästinenser aufnehmen würden (ohne Garantie auf deren Rückkehr in der Zukunft), und dies als humanitäre Maßnahme darstellte, teilten offizielle Quellen in Israel und den USA der Associated Press unter der Bedingung der Anonymität mit, dass sie drei Regierungen in Afrika kontaktiert hätten. Eine davon war Somaliland. 3 Monate später behauptete Netanjahu, Israel und die USA stünden kurz davor, »mehrere Länder zu finden«, die die Gaza-Bewohner aufnehmen würden.

    Die Angelegenheit verlief dann im Sande, was Lubotzky zu der Annahme veranlasst, dass die USA nicht hinter der Anerkennung stehen. Die Debatte um Rafah, den Grenzübergang zwischen Gaza und Ägypten, der derzeit von Israel kontrolliert wird, dauert in Israel jedoch an. Die Wiedereröffnung »in beide Richtungen« ist im Waffenstillstandsabkommen vom Oktober vorgesehen, das auch die Rückkehr aller Ausreisenden vorsieht. Israel hält den Grenzübergang jedoch weiterhin geschlossen und kündigte am 3. Oktober an, ihn in den kommenden Tagen zu öffnen, allerdings nur für Ausreisen. Kairo protestierte – aus Angst vor einer Flüchtlingskrise auf seinem Territorium –, doch diese Befürchtung blieb aus.

    Der israelische Fernsehsender Kanal 12 enthüllte am Sonntag, dass Netanjahu seiner Regierung am Vortag (kurz vor seinem Treffen mit Trump in Florida) vorgeschlagen hatte, Rafah für den Verkehr in beide Richtungen zu öffnen.
    Mehrere Minister – angeführt von den rechtsextremen Bezalel Smotrich und Itamar Ben Gvir – legten jedoch ihr Veto gegen den Vorschlag ein. Diese Fraktion setzt sich seit Jahrzehnten für die vollständige ethnische Säuberung der Palästinenser ein, die sie nun als »freiwillige Auswanderung« bezeichnet. Laut Kanal 12 erfolgte Netanjahus Vorschlag unter Druck aus Washington, das die Schließung von Rafah als Hauptbeweis dafür sieht, dass er die vollständige Umsetzung des Waffenstillstandsabkommens, das sich noch in der ersten Phase befindet, verzögert.

    Saudi-Arabien distanziert sich

    Die drei arabischen Länder, die Israel im Rahmen der Abraham-Abkommen anerkannten, welche von Trump während seiner ersten Amtszeit (2017–2021) vorangetrieben wurden, gehören nicht zu den Unterzeichnern der Erklärung. Es handelt sich um Marokko, Bahrain und die Vereinigten Arabischen Emirate, die dafür Gegenleistungen erhielten.
    Im ersten Fall geht es um die Anerkennung der Souveränität Marokkos über die Westsahara, die von Washington anerkannt wurde.“

    Und bei den anderen beiden?

    „Alles deutete darauf hin, dass Saudi-Arabien als Nächstes an der Reihe wäre. Kurz vor dem Hamas-Anschlag im Oktober 2023, der den Nahen Osten für immer veränderte, schien dies unmittelbar bevorzustehen.
    Aziz Alghasian, Experte für die Beziehungen zwischen den beiden Ländern und Forschungsdirektor der in Dubai ansässigen Denkfabrik Observer Research Foundation, glaubt nun, dass die Anerkennung Somalilands die ohnehin schon schwindende Wahrscheinlichkeit einer baldigen Anerkennung Israels durch Riad weiter verringert.

    Dieser Schritt, so schreibt er in den sozialen Medien, bestärke die Wahrnehmung, dass Netanjahus Regierung eine regionale Ordnung zu ihrem eigenen Vorteil »auf Kosten der saudischen Sicherheit« vorantreibe.

    Ein weiteres Schlüsselland in dieser Angelegenheit ist die Türkei. Sie unterhält ihren größten ausländischen Militärstützpunkt und ihre Botschaft in Somalia – eine Beziehung, die beinahe einer Patronage gleicht. Bis zu 15.000 somalische Soldaten wurden dort seit 2017 von der Türkei ausgebildet.

    Für Israel ist Ankara der neue wichtigste strategische Konkurrent, und Behörden und Denkfabriken arbeiten zunehmend daran, die Türkei als Erzfeind, eine Art neues Iran, darzustellen.“

    Dabei ist der alte Iran ja auch noch da … 

    „Lubotzky meint, mit der Anerkennung Somalilands würden »zwei Fliegen auf einen Streich« erwischt: Ein Schachzug gegen Teheran und die Gelegenheit, Ankara »eins auszuwischen«.

    Der Kampf zwischen Israel und der Türkei hat zwei Schauplätze. Einer ist Syrien, mit dem beide Länder eine Grenze teilen. Die Regierung von Recep Tayyip Erdoğan spielte eine Schlüsselrolle bei der Unterstützung loyalistischer Rebellenmilizen, die vor einem Jahr zum Sturz von Diktator Baschar al-Assad beitrugen. Nun versucht sie, diese Unterstützung in verschiedene Einflussformen umzumünzen. Ihre wirtschaftliche und kommerzielle Rolle ist in Nordsyrien deutlich erkennbar, und Israel fordert, dass die Türkei zumindest im Süden und Zentrum des Landes keine Militärbasen errichtet.

    Der andere Bereich ist der Gazastreifen. Erdoğan hat Israel wiederholt des Völkermords beschuldigt. Netanyahu hat öffentlich versprochen, dass keine türkischen Truppen an der Stabilisierungstruppe beteiligt sein werden, deren Einsatz für die zweite Phase des Waffenstillstands geplant ist.
    Trump, der Architekt dieses Waffenstillstands, pflegt hingegen gute Beziehungen zu Erdoğan und hat die Türkei (die direkten Kontakt zur Hamas unterhält) für die entscheidende Verhandlungsphase gewinnen können.“

    (El País, 30.12.)

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