Pressespiegel Komsomolskaja Pravda, 14.7.: Die Ermordung Abes

EIN TRAGISCHER FEHLER ODER DIE RACHE DER YAKUZA

Nach dem Tod des ehemaligen japanischen Premierministers mehren sich die Versionen dessen, was passiert ist

Die Ermordung des ehemaligen japanischen Premierministers Shinzo Abe wird noch untersucht. Die vorrangige (und offizielle) Version der japanischen Strafverfolgungsbeamten besagt: Abe wurde von einem seiner Landsleute erschossen, der den ehemaligen Regierungschef für die schwierige finanzielle Situation seiner Familie verantwortlich machte.

Der 41-jährige arbeitslose und ehemalige Matrose der japanischen Armee Tetsuya Yamagami sagte während der Verhöre, dass er beschlossen habe, sich an Abe für seine Mutter zu rächen, die Anhängerin einer religiösen Organisation namens Vereinigungskirche (bei uns bekannt als Moon-Sekte) wurde (– in Russland als totalitäre Sekte eingestuft), der sie all ihre Ersparnisse spendete.
Danach mußte sich die Frau bankrott erklären. Der finanzielle Zusammenbruch der Familie war der Grund, der Yamagami veranlasste, den Vertreter derjenigen politischen Dynastie zu töten, die seiner Meinung nach diese religiöse Organisation schützte.
Im Land der aufgehenden Sonne begann die Moon-Sekte nämlich unter Premierminister Nobusuke Kishi, dem Großvater von Shinzo Abe, ihre aktive Missionstätigkeit.

Verdächtiger Stil

Seltsamerweise vermieden es alle führenden japanischen Medien in den ersten Tagen nach der Tragödie, das Wort »Mord« zu verwenden. Journalisten und Fernsehmoderatoren sprachen und schrieben über »Tod infolge von Schußverletzungen«. Gleichzeitig berichteten sie zuvor ohne Einschränkungen und mündliche Zusagen über die Ermordung beispielsweise des Präsidenten von Haiti sowie anderer ausländischer Führer, die infolge von Attentaten starben.
Philologen führen dies auf die Besonderheiten des japanischen Sprachstils zurück, in dem der gewaltsame Tod eines Ausländers als Mord bezeichnet werden kann, aber wenn es sich um einen ähnlichen Fall mit einem lokalen Würdenträger handelt, wird eine kurze Beschreibung der Ursache seines Todes bevorzugt.

»Geplantes« Attentat

Es gibt auch eine Version, dass das Attentat inszeniert wurde. Angeblich plante es Abe selbst es in der Erwartung, dass er lediglich leicht verletzt würde. (In einer Art Nachahmung des Bolsonaro-Attentats von 2018?)
In Japan, einem Land mit einem der härtesten Waffengesetze, sind Attentate auf Politiker nämlich äußerst selten. Und natürlich erregt das Opfer eines Attentats immer Mitgefühl, das Abe bei der nächsten Wahl in Stimmen umwandeln wollte.
Übrigens starb in Japan letztes Jahr eine einzige Person an den Folgen des Schusswaffengebrauchs, und der letzte Mord an einem Politiker fand 1960 statt.

Die Version des inszenierten Attenttats wird indirekt dadurch unterstützt, dass der Schütze eine selbstgebaute Kurzlaufflinte benutzte, deren Schuss auch aus nächster Nähe nicht zum Tod des Opfers führen sollte. Aber es ist möglich, dass Yamagami – der die Waffe großteils selbst gebaut haben soll –, von einem anderen „Regisseur“ angeworben wurde, der ihn im Umgang mit kurzläufigen Waffen ausbildete, was beim japanischen Militär nicht unterrichtet wird.

Die mögliche Rache der Yakuza

Die japanische Mafia – die Yakuza – ist ein jahrhundertealtes Element der japanischen Gesellschaft. Die unteren Ebenen der kriminellen Banden machen weiterhin riesiges Kapital mit Erpressung, Drogenhandel und Menschengütern, und die oberen Ebenen investieren diese Gelder durchaus erfolgreich in verschiedene Bereiche der Wirtschaft, die längst zu einem vollwertigen und maßgeblichen Teil des Establishments geworden sind.
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs hatte die CIA ein Auge auf die Yakuza geworfen – gut organisierte, patriotische Mafia-Gruppen waren eine bequeme Waffe im Kampf gegen die Kommunisten. Im Gegenzug drückten die Amerikaner bei ihren finsteren Finanzgeschäften ein Auge zu.

Mit dem Zusammenbruch der UdSSR verschwand die »rote Bedrohung«. Die Amerikaner brauchten die Yakuza nicht mehr, und als Barack Obama in den Vereinigten Staaten an die Macht kam, erklärte er ihr den Krieg. Washington sanktionierte Japans zweitgrößte Bank Mizuho, die enge Verbindungen zur Mafia gehabt haben soll.
Möglicherweise ist die Eliminierung von Abe weniger eine Rache an dem ehemaligen Ministerpräsidenten dafür, dass er die Aufhebung dieser Sanktionen nicht erreicht hat, sondern ein entsprechendes Signal an seinen Nachfolger, Regierungschef Fumio Kishida, der das Geschöpf des Verstorbenen ist.

Es gibt noch eine andere Version im Zusammenhang mit den Yakuza: Sie sagen, dass Abe, der sich immer für die Interessen eines der Mafia-Clans eingesetzt hat, plötzlich in das Lager der Konkurrenten übergegangen ist. Zu diesem Thema wurde angeblich ein ganzer Bericht veröffentlicht, der an das Weiße Haus, das FBI und die US-CIA geschickt wurde.
Ganze Absätze dieses Dokuments kursieren im Internet, aber es wurde keine Spur seiner Urheberschaft gefunden.

Die chinesische Spur

Chinesische Nationalisten feierten Abes Tod. Der japanische Politiker hat sich zwar immer um freundschaftliche Beziehungen zu China bemüht. Aber Peking ist unzufrieden darüber, dass japanischer Boden zu einem Sprungbrett für das US-Militär geworden ist, das die VR China davon abhält, ihre territorialen Streitigkeiten zu lösen, und Abe hatte sich dabei nie eingemischt.
Die »chinesische Spur« hat auch einen inneren Aspekt. Vielen Japanern gefiel die Rolle ihres Landes nicht, das die Amerikaner nach dem Kalten Krieg im Grunde aufgegeben hatten. (Das stimmt natürlich nicht, sie betrachten es noch immer als Basis, aber es ist neben anderen pazifischen Verbündeten, vor allem Korea, in die zweite Reihe gerückt.) Amerikanische Unternehmen begannen, in China zu investieren, was dem Himmlischen Reich ein beispielloses Wirtschaftswachstum bescherte, und Japan hörte auf, sowohl in der globalen als auch in der regionalen Wirtschaft führend zu sein. Der Ex-Premier trägt nach Meinung solcher Leute seinen Teil der Verantwortung dafür.

Weitere, eher luftige Theorien

Der Mord an Abe war, wie oft in ähnlichen Fällen, von einem ganzen Haufen eher unwahrscheinlicher Vermutungen umgeben, die Verschwörungstheoretikern Nahrung lieferten. Hier sind nur einige davon:

– Noch bevor die japanische Polizei offiziell bestätigte, dass der Schütze festgenommen und identifiziert worden war, veröffentlichte ein Haufen einheimischer Sherlock Holmes ein Porträt eines jungen Mannes in sozialen Netzwerken und behauptete, den Mörder als Samzuki Hidayko identifiziert zu haben, ein Mitglied einer der Yakuza-Syndikate. »Das ist ein Mitglied der Yakuza und ein bekannter politischer Extremist«, versicherten Internetnutzer. Später wurde bekannt, dass das Foto den amerikanischen Komiker Sam Hyde zeigte, der noch nie in Japan gewesen war.

– Seit vielen Jahren verbreitet eine unbekannte Gruppe von Social-Media-Nutzern nach dem Tod einer berühmten Person gefälschte Screenshots der Konten der verstorbenen Person im Internet. Laut Bild »schreibt« eine noch lebende Person ein oder zwei Tage vor ihrem Tod immer das Gleiche: »Ich beabsichtige, kompromittierende Beweise über Hillary und Bill Clinton zu veröffentlichen.« Ein Bild mit genau der gleichen gefälschten Nachricht, angeblich von Abe auf seiner Seite in einem der sozialen Netzwerke gepostet, fing an, sich im World Wide Web zu verbreiten, was in Japan viel Lärm verursachte. Tatsächlich hat Abe so etwas noch nie veröffentlicht.

– Abe wurde angeblich von Mitbürgern getötet, die von den Folgen der COVID-19-Pandemie betroffen waren.
Die Japaner waren mit der Arbeit des Premierministers während der Pandemie wirklich unzufrieden. So verlangte die Regierung keine obligatorische Impfung, lehnte fast 2 Millionen Dosen des Impfstoffs ab, und der Kabinettschef bestand angeblich darauf, dass Menschen wegen Coronavirus ausschließlich mit Ivermectin, einem unsicheren Antiparasitikum, behandelt werden.
Aber der Mörder des Premierministers sagt nichts über eine solche Verschwörung, zumindest noch nicht, unter seinen Angehörigen gibt es keine Todesfälle durch COVID-19. In Bezug auf Impfstoffe lehnte die japanische Regierung eine große Charge ab, nachdem sie erfahren hatte, dass sie unter Verstoß gegen die Technologie (?) hergestellt wurde.
Abe selbst war kein Fan von Ivermectin und forderte nie die Einnahme dieses Arzneimittels.

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Abgesehen davon, ob irgendeine der Theorien zu Abes Ermordung Substanz hat, zeigt sich eine latente Unzufriedenheit in Japan über den beispiellosen Abstieg dieses Landes, beschleunigt durch den Unfall von Fukushima.
Der Yen ist zu einer Regionalwährung verkommen, China – die ehemalige Kolonie! – ist zur Weltmacht aufgestiegen und Japan zu einer Art langgestreckter US-Basis verkommen.

2 Gedanken zu “Pressespiegel Komsomolskaja Pravda, 14.7.: Die Ermordung Abes

  1. How Not to Fight Inflation

    Do the failures of Abenomics in Japan hold lessons for the United States?

    Shinzo Abe, the former Japanese Prime Minister, was assassinated last week in the city of Nara. During his second stint in power, from 2012 to 2020, Abe embarked on a domestic agenda known as Abenomics. Japan had been plagued by a long period of deflation and anemic growth, and Abe’s policies aimed to reverse both trends. I wanted to understand whether he succeeded, and what lessons the Japanese experience fighting deflation might impart to policymakers and central bankers who are currently battling the opposite problem. (Tools that are deployed by the government to fight inflation include monetary policy, by which central banks manipulate interest rates and the over-all supply of money, and fiscal policy, which involves how the government taxes the public and spends money.) To talk through these questions, I recently spoke by phone with Richard Koo, the chief economist at Nomura Research Institute, in Tokyo. He was previously an economist at the Federal Reserve Bank of New York. During our conversation, which has been edited for length and clarity, we discussed how Abe damaged his own economic agenda, what the COVID era has revealed about the dangers of relying too strongly on monetary policy, and why economists might find it harder to fight inflation now than they would have decades ago.

    What problem did Abenomics set out to solve?

    Abe was very concerned that Japan was falling into deflation, and he listened to those economists who argued that, if the Bank of Japan printed tons of money, this problem would go away—all the problems rested with the Bank of Japan’s refusal to do so. That was the argument that a lot of American economists were also making about Japan. Many American economists at that time were saying, “The Bank of Japan is nuts. They should print money and just get this problem out of the way.”

    Many people in Japan were saying that [printing more money] was not going to work very well, but Abe, listening to those you might call reflationists, forced the Bank of Japan to do that by making [Haruhiko] Kuroda its new governor, in 2013. And Kuroda used what is now known as his bazooka asset-buying program by just putting tons of liquidity into the market.

    At that time, the yen was very strong. With Abe’s Prime Ministership, the exchange rate moved significantly toward a weaker yen, all on the assumption that, with the Bank of Japan pumping tons of money into the system, the supply of yen would grow faster relative to the supply of U.S. dollars, and therefore the yen exchange rate would depreciate. That was the anticipation. And, if Japan started having inflation, the yen should also depreciate. Those were the arguments. In a textbook world, if one country starts printing money like crazy and the other one refuses to do so, then you would expect the one that’s printing money to have an exchange rate that would depreciate.

    That was how the market reacted at that time. The yen did depreciate. And that is considered one of the greatest achievements of Abenomics—that the yen was moved away from this very strong position to a much weaker one. But there was an assumption that inflation would come and the economy would improve as a result. That didn’t happen. Until recently, the Japanese inflation rate never reached two per cent, in spite of astronomical monetary easing. Because the economy continued to remain weak, Kuroda, under pressure from Abe, kept on pumping money into the system. The total liquidity in the Japanese economy was almost the size of the Japanese G.D.P.

    So he tried to solve the problem, and the exchange rate responded. But inflation rates remained well below target, and the economy also remained lacklustre, indicating that the monetary policy was far from effective—the Japanese economy was nowhere near the textbook world. I would argue that Abenomics did a little at the beginning in terms of correcting this extraordinarily strong yen, but the rest was not a problem that Abenomics could solve.

    Didn’t Abe also have a more aggressive fiscal policy than his predecessors? And, more broadly, do you think the failure to really jump-start the economy happened because Abe and the Bank of Japan did not go far enough, or is it because they were trying the wrong plan?

    It was the wrong policy to use. They should have used fiscal policy, not the Bank of Japan’s monetary policy. Fiscal policy was the second arrow of Abenomics, and it was put there by his close ally, [Taro] Aso, who was the finance minister. Aso told Abe that monetary policy alone was not going to be enough. You need fiscal policy. That’s why the second arrow was inserted, and that played a very important role in keeping the Japanese economy afloat.

    Unfortunately, Abe promised to raise the consumption tax, and raising the consumption tax is the opposite of a fiscal stimulus. It’s actually austerity. Even though Aso tried to convince Abe that this was not a good idea, Abe chose to do it. That was put in place in 2014, and the Japanese economy immediately lost steam.

    Why was that the case? For the past thirty years, the biggest problem in Japan has been that the household sector is still saving money, as it did for the past five thousand years, but the corporate sector, which used to borrow money, stopped borrowing after the bursting of the bubble [in the nineties], and continues to refuse to borrow money today. When the bubble burst, commercial-real-estate prices fell eighty-seven per cent nationwide. Not just a little corner of Manhattan, a little corner of Chicago. The entire country was down eighty-seven per cent. Almost the entire Japanese corporate sector had huge balance-sheet problems because they had all this debt outstanding at the original level, but the assets were way down.

    How do you repair your balance sheet? You pay back your debt. Even with zero interest rates, Japanese companies have been paying down debt every year since about 1998. If the companies are paying down debt at zero interest rate, there’s nothing a central bank can do, because, even if you bring rates down to slightly below zero, this corporate sector has no choice but to climb out of its negative-equity territory as quickly as possible. Individually, Japanese companies and some Japanese households are doing the right thing repairing their balance sheets, but collectively there will be no borrowers. In the national economy, if someone is saving money or repairing balance sheets, you’d better have someone on the other side borrowing and spending money to keep the economy going. If everybody’s saving money or repairing balance sheets and no one’s borrowing money, then the economy will just collapse. And the private sector has no choice; they have to repair their balance sheets as quickly as possible. Only the government could have come in to borrow that money and spend it—that’s basically fiscal policy.

    People like Ben Bernanke understood this. It’s a balance-sheet recession, the kind of recession that is driven by people repairing balance sheets. And people like Aso also understood this, so he tried to convince Abe not to raise the consumption tax. But it went through anyway, and the economy lost steam. Just before COVID, Japan raised its consumption tax again, and the Japanese economy lost steam again. If you look at this whole period, those mistakes on fiscal policy, I’m afraid, kept the Japanese economy from realizing its potential.

    One critique of U.S. policy over the past couple of decades, especially after the Great Recession, is that monetary policy had to step in because fiscal policy was not sufficient, for political reasons or whatever else. Is that why fiscal policy didn’t take a bigger role in Japan?

    There are two answers. Whether it’s in the United States or in Japan, average people don’t want to hear about large government budget deficits, right? Especially if you have Republicans in power in the United States, they say you don’t want to use your grandchildren’s credit card and things like that. We were told this in our economics classes during our college days. I don’t know how old you are, but I’m sixty-eight. I remember going through economics classes in the seventies and eighties, and we were all taught that such a deficit is a bad thing. And Abe, who was the same age as I am, probably studied the same thing—that government should not be borrowing money. The private sector should borrow the money and keep the economy going.

    Once every several decades, when the bubble bursts and asset prices collapse but liabilities remain at their original values, people who were leveraged find that their balance sheets are underwater—they are technically bankrupt. All of these guys have to repair their balance sheets. Once you get into that situation, if the government refuses to come in to borrow but the household sector and corporate sector are all saving money, then the economy really collapses. That’s basically what happened during the Great Depression, from 1929 to 1933.

    The lesson from the Great Depression was that if there are no private-sector borrowers, even at zero interest rate, then the government must come in and borrow the remaining circle of savings and put that back into the income stream. Ben Bernanke understood that, and he issued a very strong warning, but unfortunately that was not the case in Japan, and the government, plus a lot of people in academia, thought that the budget deficit was a bad thing. Japan already had a budget deficit of over two hundred per cent of the G.D.P., so they said, “No, we cannot use fiscal stimulus anymore. We have to use monetary policies.” That’s the path that Abe took.

    Abe was Prime Minister for the first several months of COVID. How did he respond?

    COVID was a truly exceptional external shock. So the Japanese government did pass a lot of fiscal stimulus—there’s no question about it. A lot of people got cash payments from the government. That’s why the Japanese unemployment rate hardly moved, even though the economy was in very bad shape. At that point, yes, fiscal stimulus was used. If it was not used, the situation would have been far worse. But, before COVID, they could have used more fiscal stimulus and less reliance on monetary policy to keep the economy going.

    (…)

    https://www.newyorker.com/news/q-and-a/how-not-to-fight-inflation

    Das gesamte Frage- und Antwort-Spiel wirft zwar ein interessantes Licht auf Abes Regierungszeit und den Abstieg Japans, aber zeigt auch auf, wie sehr überschätzt Geldpolitik ist.

    Marktwirtschaft ist nun einmal keine Planwirtschaft und die Nationalbank hat wenig Einfluss auf den wirtschaftlichen Erfolg.

  2. Was hat die Ermordung von Shinzo Abe mit einer Sekte zu tun, die für Massenhochzeiten bekannt ist?

    Der Mörder von Japans früherem Ministerpräsidenten Shinzo Abe wollte sich durch die Tat an der aus Südkorea stammenden Vereinigungskirche rächen. Das Attentat wirft ein Schlaglicht auf die Verbindungen der «Moonies» zu rechten Politikern in Japan und den USA.

    Spielt ein Messias aus Korea indirekt eine Rolle in der Ermordung von Japans früherem Regierungschef Shinzo Abe vergangene Woche? Das Motiv des Attentäters Tetsuya Yamagami hat jedenfalls die aus Südkorea stammende Vereinigungskirche, auch bekannt als Moon-Sekte, in den Fokus der japanischen Öffentlichkeit gerückt. Der Gründer der global operierenden Gruppierung, Moon Sun Myung, sah sich als zweiten Messias, der das Werk Jesu auf Erden verwirklichen sollte.

    Japan hat eine der grössten Gemeinden der «Moonies», wie Moons Anhänger oft genannt werden. Yamagamis Mutter war ein aktives Mitglied. Laut den Ermittlern hat der 41-jährige Arbeitslose erklärt, dass er einen Groll gegen die Organisation hege. Denn seine Mutter habe durch Spenden an ihren Heiland die Familie ruiniert.

    Am Freitag teilte die Vereinigungskirche mit, dass die Mutter über die Jahre umgerechnet rund 720 000 Franken gespendet habe. Die Hälfte davon will die Kirche später zurückbezahlt haben. Unklar bleibt, ob die Mutter dieses Geld dann erneut gespendet hat.

    Laut der Tageszeitung «Yomiuri» hätten die Ersparnisse der Familie auch das Studium des Sohnes finanzieren sollen. Yamagami wollte daher eigentlich die Führung der Kirche umbringen. Da sie für ihn unerreichbar war, wählte er sich Abe als Opfer seiner Rache. Denn er glaubte, dass Abe mit der Kirche in Verbindung stehe.

    Auch Donald Trump trat als Redner auf

    Die Tat hat damit schlagartig die enge Verbindung der Vereinigungskirche zu politisch rechten Gruppen in Ländern offengelegt, in denen sie besonders stark missioniert hat. In den USA sprach beispielsweise der ehemalige Präsident Donald Trump voriges Jahr in einer Videobotschaft zu Besuchern einer Veranstaltung, die eine Organisation der Kirche organisiert hatte. Abe hat die «Moonies» gleich mehrmals virtuell gegrüsst.

    Diese Grussworte waren kein Zufall. Sie sind das Ergebnis der Ideologie des 2012 verstorbenen Gründers Moon, der sich als Kämpfer gegen den Kommunismus und für eine Wiedervereinigung des geteilten Korea sah. Während seiner missionarischen Arbeit wurde Moon in seiner nordkoreanischen Heimat jahrelang inhaftiert. Nach dem Korea-Krieg gründete er dann 1954 in Südkorea die «Heilig-Geist-Gesellschaft zur Vereinigung des Weltchristentums», die heute Vereinigungskirche heisst.

    Die Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen bezeichnet die Bewegung als «eine ostasiatische Neureligion mit christlichen, neuoffenbarerischen und schamanistisch-spiritistischen Elementen». Moon warb für die Idee, dass der Messias nicht Gottes Sohn sei, sondern ein perfekter Mann, der Gott nahekommt.

    Mit seiner Frau gab er vor, quasi wie Eltern die gefallene Menschheit als Familie Gottes auf Erden wieder zu errichten. Die «wahren Eltern» waren er und seine heute 79-jährige Frau Han Hak Ja, die seit Moons Tod die Kirche leitet. Ihr Sohn Moon Hyung Jin, bekannt als Liebhaber von Schnellfeuerwaffen, hat aus Protest gegen die wachsende Macht der Mutter seine eigene Sanctuary Church gegründet. Die waffenliebende Sekte ist vor allem in den USA aktiv.

    Die Vereinigungskirche von Moon ist derweil bis heute für ihre Massenzeremonien bekannt, beispielsweise die Segnung von Tausenden von Ehepaaren in grossen Hallen. Die Hierarchie ist strikt, die Erwartungen an die Spendenbereitschaft der Mitglieder hoch. Die Einnahmen fliessen allerdings nicht nur der globalen Missionierung, sondern über eine Vielfalt von Vereinigungen und Organisationen auch der politischen Einflussnahme zu. In den USA gründete die Organisation 1982 sogar eine grössere Zeitung, die konservative «Washington Times» (nicht zu verwechseln mit der viel bekannteren liberalen «Washington Post»).

    Bereits Abes Grossvater stand der Vereinigungskirche nah

    Moons wichtigster Markt ausserhalb Südkoreas ist allerdings Japan. Schon früh kam der Kirchengründer mit der Familie von Abe in Kontakt: Abes Grossvater Nobusuke Kishi, selber auch Ministerpräsident, freundete sich mit Moon an. Die beiden einte der Hass auf Kommunisten. Moon konnte dann sein Japan-Hauptquartier auf einem alten Grundstück der Kishis errichten und genoss politischen Schutz.

    Die Organisation wuchs so sehr, dass Japan als wichtigste Einnahmequelle galt, um die Expansion in anderen Ländern zu finanzieren. Japan soll früher laut der «Washington Post» etwa 70 Prozent der globalen Einnahmen von Moons Organisation ausgemacht haben.

    Der Politologe Koichi Nakano von der Tokioter Sophia-Universität hat daher die Organisation schon lange im Visier: «Der Kult ist sowohl ein soziales als auch ein politisches Thema», erklärt der Professor. Die Medien hätten immer wieder einmal auf die Indoktrinierung von Mitgliedern wie auch das aggressive Eintreiben von Spenden hingewiesen, und dies nicht nur unter Mitgliedern. So studieren Kirchenangehörige die Todesanzeigen, klopfen bei den Trauernden an, um sie zu Spenden für das Seelenheil der Geliebten zu überreden.

    Die Kirche half Abes Partei im Wahlkampf

    Die politischen Verknüpfungen seien aber selten beleuchtet worden, so Nakano. Seit langem unterhalte die Organisation enge Verbindungen zu vielen Politikern des rechten Flügels der regierenden Liberaldemokratischen Partei (LDP), erklärt der Wissenschafter, «darunter Abe, sein Vater und sein Grossvater». Die Kirche unterstützte die ihr verbundenen Mitglieder in der LDP im Wahlkampf durch die Mobilisierung von Stimmen und Werbung.

    Auch im Ort des Attentats, der Stadt Nara, hätten Mitglieder versucht, potenzielle Wähler zu den Reden von Abe zu bringen, sagt Nakano. In vielen politischen Punkten wie Geschlechterfragen und militärischer Aufrüstung ähnelten sich die Positionen des Abe-Lagers und der Kirche. Die der Organisation nahestehende Zeitschrift «Sekai Nippo» sei lange eines der wichtigsten Kampfblätter gegen Feminismus und homosexuelle Beziehungen gewesen, schreibt die japanische Anthropologin Tomomi Yamaguchi, die an der amerikanischen Montana State University lehrt, in einem Aufsatz.

    Wie eng Abe wirklich mit der Kirche verbunden war, ist allerdings noch unklar. Der Chef der Kirche in Japan erklärte am Montag auf einer Pressekonferenz, dass Abe kein Mitglied gewesen sei. Anhänger des konservativen Lagers spielen seine Grussbotschaften an die Kirchenmitglieder als normale Beziehungspflege gegenüber einer Organisation herunter, die Stimmen organisieren kann.

    https://www.nzz.ch/international/mord-an-abe-verbindungen-zu-moon-sekte-in-japan-ld.1693600

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