Pressespiegel Komsomolskaja Pravda, 31.5.: Hysterie um Nahrungsmittelversorgung

ANGEBLICHER WELTHUNGER

Die Hysterie um die Lebensmittelknappheit im Jahr 2023 ist ein Schmarrn: Wer profitiert davon, die Welt mit Hunger zu bedrohen, und wie wird das enden?

Der Präsident des russischen Getreideverbandes ist sich sicher, dass die Nahrungsmittelpanik im Westen von denen geschürt wird, die „an der Ukraine“ Geld verdienen wollen.
Die angeblich bevorstehende Nahrungsmittelknappheit und Hungersnot sind nichts weiter als Informations-Unsinn, aus dem eine Reihe westlicher Länder Kapital zu schlagen versuchen. Dieser Meinung ist der Präsident des Russischen Getreideverbandes Arkadij Zlochevskij.

All diese aufgeblasene Informationshysterie zum Thema der kommenden Hungersnot hat nur ein Ziel – die Preise zu erhöhen. Es ist dieses Preiserhöhungsspiel, das zu echten Bedrohungen für die weltweite Ernährungssicherheit führt. Denn die physische Versorgung, die Verfügbarkeit von Nahrungsmitteln sei nicht gefährdet, eine mögliche Verknappung sei einfach nicht gegeben und die wird es nicht geben, meint der Experte.

Zlochevskij zitiert Äußerungen westlicher Politiker, dass „die Getreidereserven der Welt nur für zehn Wochen reichen werden – oh, eine Katastrophe!“
Diese an die Wand gemalte Bedrohung ist seiner Meinung nach absolut lächerlich.
Nach den Empfehlungen der FAO sollten Vorräte mindestens 17% des weltweiten Verbrauchs betragen. Rechnet man diese 17% des Jahresverbrauchs in Wochen um, kommt man auf etwa neun Wochen. Das heißt, „die katastrophal niedrigen Lagerbestände“ sind sogar höher als die offiziellen Empfehlungen der UN-Ernährungsorganisation.

Die Informationskanäle des US-Landwirtschaftsministeriums, des US-Getreiderats, der FAO und anderer heizen die Situation an, um das Getreide bis zum Ende der Saison gewinnbringender zu verkaufen. Wir sehen dieses Bild Jahr für Jahr. Und jetzt wird es auch noch durch die Situation in der Ukraine angeheizt, sagt Zlochevskij.
Aus der gleichen – durchaus eingespielten – Quellen stammen seiner Meinung nach die Schreie, dass es dringend notwendig sei, der Ukraine beim Export von 20 Millionen Tonnen Getreide zu helfen.

„Meiner Meinung nach werden sie einfach von den Interessen der europäischen Länder diktiert, mit diesem Getreideexport Geld zu verdienen. Der Transit geht durch ihr Territorium, die Verschiffung erfolgt durch die rumänischen Schwarzmeer- und die (polnischen) Nordsee-Häfen. All dies wird nicht kostenlos gemacht. Sie verdienen damit Geld. Und die Ukraine verliert es natürlich.“ sagt Zlochevskij.

Das Gleiche gilt für Aussagen, dass die Ukraine dieses Jahr ohne Ernte bleiben wird – und das sei ein großes Problem für den gesamten Weltmarkt:

Auch dies ist ein aufgeblasener Unsinn. Betrachten wir die grundlegenden Daten: Wintergetreide wurde in der Ukraine vor dem Herbst angebaut. Und es ist in ausgezeichnetem Zustand, genauso wie das russische. Nach Angaben des Landwirtschaftsministeriums der Ukraine ist derzeit für mindestens 76 % der Anbauflächen eine Sommerernte zu erwarten.

Alle diese „Panikspiele“, prophezeit Zlochevskij, werden schließlich in einem starken Einbruch der Weltgetreidepreise enden. Jetzt werden sie nach seinen Berechnungen um etwa 140 bis 150 Dollar pro Tonne über dem realen, den Kosten angemessenen Preis verkauft. Das ist der „Preis der Hysterie“.

Wie sieht es in Rußland mit der Getreideernte aus?

Die Prognosen des Getreideverbands für die zukünftige Ernte in Rußland sind weniger optimistisch als die des russischen Landwirtschaftsministeriums: 120 Millionen Tonnen Getreide, darunter 80 Millionen Tonnen Weizen (das Landwirtschaftsministerium prognostizierte 130 Millionen Tonnen Getreide, darunter eine Rekordmenge von 87 Millionen Tonnen von Weizen). Das Aussaattempo war etwas geringer als im letzten Jahr.
Aber trotz dieser Verringerung, meint Zlochevskij, wird die Ernte gut sein:
Die Winterkulturen sind in sehr gutem Zustand, die Vegetation blüht, wenn auch langsam, aber durchaus Anlaß gebend zu Optimismus. Die Speicher werden gut gefüllt werden.
Derzeit sind die Lagerbestände an verfügbarem Getreide jetzt fast 20 % höher als im Vorjahr. Die Exportverkäufe sind am Laufen, allein im Mai wurden 1 Million 260 Tausend Tonnen Weizen aus Rußland exportiert.

Große Reserven scheinen in der aktuellen Situation eine gute Sache zu sein. Aber laut Zlochevskij ist das nicht so:
„Die Preise auf dem Inlandsmarkt beginnen ziemlich stark zu fallen. Der Preis für Weizen der 4. Klasse ist im vergangenen Monat von 16.000 auf 14.900 gefallen. Es gab viele Gespräche über die Notwendigkeit, in der aktuellen Situation mehr Reserven zu halten. Aber jetzt üben diese Vorräte Druck auf den heimischen Markt aus. Wir müssen Platz für eine neue Ernte schaffen. Dadurch steigt das Angebot und die Binnennachfrage ist begrenzt. Was bedeutet fallende Preise? Das ist weniger Geld in den Taschen der Bauern, sie können das Arbeitstempo des letzten Jahres für die Aussaat nicht halten (obwohl das Landwirtschaftsministerium von einer Rekordsumme an Subventionen für die Aussaat spricht – Anm. d. Red.).
Bisher ist das Problem nicht so akut. Aber bezüglich der Wintersaat im Herbst kann es schon zu einer Verringerung der Aussaat kommen.“

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Man merkt an diesen Informationen, daß es die Marktwirtschaft und die Medien sind, die zumindest zu einem Teil die Inflation der Lebensmittel und die Probleme der Versorgung verursachen – und gar nicht der Krieg in der Ukraine.
Getreide wäre genug da, aber es ist, wie alles andere auch, ein Mittel der Bereicherung für diejenigen, die damit handeln.  

Die derzeitige Politik Rußlands ist, den Hafen von Mariupol zu reparieren und für den Getreideexport desjenigen ukrainischen Getreides zu verwenden, das sich in Speichern oder auf dem Gelände derjenigen Territorien befindet, die unter russischer Oberhoheit sind – der große Teil des Donbass, und Teile der Regionen von Cherson und Saporoschje.
Derzeit wird bereits einiges an Getreide über Sevastopol exportiert, die Wiederherstellung des Mariupoler Hafens dürfte in einigen Wochen abgeschlossen sein.

27 Gedanken zu “Pressespiegel Komsomolskaja Pravda, 31.5.: Hysterie um Nahrungsmittelversorgung

  1. Bei den Energieträgern ist es übrigens ähnlich wie beim Getreide: Das Geschrei und das Embargo bzw. das Gerede darum nützt vor allem denen, die damit handeln.
    Der Krieg um die Ukraine schafft also gewaltige Profite für die Öl- und Gasfirmen sowie die ganze Logistik drumherum – Häfen, Flüssiggasanlagen, Tanker-Firmen.

  2. Afrikanische Union: Macky Sall „beruhigt“ nach seinem Treffen mit Putin zum Thema Getreide

    Der amtierende Präsident der Afrikanischen Union (AU) und senegalesische Staatschef Macky Sall sagte am Freitag, er sei „beruhigt“ aus seinem Treffen mit seinem russischen Amtskollegen Wladimir Putin in Sotschi hervorgegangen, mit dem er über die Befürchtungen einer Nahrungsmittelkrise aufgrund der russischen Offensive in der Ukraine gesprochen hatte. Nach seinem Treffen mit Wladimir Putin in Sotschi sagte Macky Sall vor Journalisten, dass er den russischen Präsidenten als „engagiert und sich dessen bewusst“ erlebt habe, „dass die Krise und die Sanktionen für schwache Volkswirtschaften, wie die afrikanischen, ernsthafte Probleme schaffen“, berichtet der französische Sender RFI.

    Der Austausch zwischen Wladimir Putin und Macky Sall, der vom Präsidenten der Kommission der Afrikanischen Union, Moussa Faki Mahamat aus dem Tschad, begleitet wurde, habe drei Stunden gedauert, sagte der senegalesische Staatschef und sprach von einem „umfassenden Austausch über die Situation“. „Ich habe ihm mitgeteilt, dass wir in erster Linie gekommen sind, um ihn um Deeskalation zu bitten und für den Frieden zu arbeiten“, so Macky Sall.

    Der Konflikt Russland/Ukraine, – zwei Länder, auf die zusammen 30% der weltweiten Weizenexporte entfallen – hat zu einer Explosion der Getreide- und Ölpreise geführt, die die Preise des Arabischen Frühlings 2011 und der Hungerrevolten von 2008 übertreffen.

    Zu Beginn des Treffens forderte Macky Sall Wladimir Putin auf, sich „bewusst zu werden“, dass die afrikanischen Länder „Opfer“ des Konflikts in der Ukraine sind. Macky Sall rief „alle Partner dazu auf, die Sanktionen“ gegen Russland in Bezug auf diese Produkte aufzuheben.

    „Die Sanktionen gegen Russland haben großen Problemen geführt, da wir keinen Zugang mehr zu Getreide aus Russland haben, insbesondere zu Weizen, aber vor allem zu Düngemitteln. Und das führt zu ernsthaften Bedrohungen für die Ernährungssicherheit des Kontinents.“

    Der Senegal, der derzeit die Afrikanische Union anführt, vertritt seit Beginn des Konflikts eine neutrale Position, woran Macky Sall gegenüber Wladimir Putin erinnerte: „Sie haben die verschiedenen Abstimmungen in den Vereinten Nationen verfolgt. Trotz enormen Drucks hat die Mehrheit der afrikanischen Länder es vermieden, Russland zu verurteilen.“

    In seinem erklärten Willen zur „Neutralität“ hatte Macky Sall zuvor einen Zwischenstopp in Kiew angekündigt. Bisher spricht die Afrikanische Union jedoch nur von einer „Botschaft per Videokonferenz“ des ukrainischen Präsidenten Volodymyr Zelensky vor seinen Amtskollegen auf dem Kontinent, ohne einen genauen Zeitplan zu nennen.

    Während der Krieg eine weltweite Nahrungsmittelkrise befürchten lässt, „ist es kein Problem, Getreide aus der Ukraine zu exportieren“, sagte der russische Präsident in einem Fernsehinterview, kurz nach seinem Treffen mit dem Präsidenten der Afrikanischen Union. Putin erläuterte mehrere Möglichkeiten und sagte, dass der Westen „bluffe“, wenn er behaupte, dass Moskau Getreideexporte aus der Ukraine verhindere.

    Er erwähnte die Möglichkeit, über Mariupol und Berdiansk zu transportieren, zwei von Russland eroberte Häfen im Asowschen Meer, das den Zugang zum Schwarzen Meer ermöglicht, aber auch über Schwarzmeerhäfen, die unter ukrainischer Kontrolle geblieben sind, insbesondere Odessa. Er verlangt, dass die Gewässer vor diesen Häfen von Kiew von Minen geräumt werden, und verspricht im Gegenzug, dass Russland eine sichere Durchfahrt für Schiffe ermöglicht.

    Putin erwähnte auch den Wasserweg über die Donau durch Rumänien, Ungarn und Polen. „Aber am einfachsten, am leichtesten, am billigsten“, sagte er, „wären Exporte über das Territorium von Belarus, von dort aus kann man zu den Ostseehäfen fahren, dann zur Ostsee und dann zu jedem beliebigen Ort auf der Welt.“ Allerdings nur, wenn die westlichen Sanktionen gegen Minsk, das mit Moskau verbündet ist, aufgehoben werden, sagte er.

    https://www.africa-live.de/afrikanische-union-macky-sall-beruhigt-nach-seinem-treffen-mit-putin-zum-thema-getreide/

    Über Weißrußland wäre der Export gegenüber dem über die Schwarzmeerhäfen natürlich genauso ein Umweg, der das Produkt verteuert.
    Aber immerhin ist jetzt das Kriegsziel soweit definiert – Verzicht Rußlands auf Odessa –, daß der Hafen entmint werden kann.

    Der ganzen Episode ist jedenfalls zu entnehmen, daß bei etwas gutem Willen durchaus eine Einigung zu erzielen wäre, auch in anderen Fragen.

  3. Danke für den Artikel. Die Verknappung des Angebots  ist nur zu einem kleinen Teil sachlich begründet, wenn überhaupt, beim Weizen scheinbar gar nicht, sondern hat mit der Spekulation zu tun, die ihren Kunden eine Verknappung des Angebots verkauft: Sie wissen doch Ukrainekrieg. Vielleicht auch dadurch, dass auf Grundlage der Befürchtung alle wie bescheuert Weizen kaufen, weil sie damit rechnen, dass man den mit riesigen Gewinnen weiterverkaufen kann.

    Beim Erdöl ist es etwas anders. Aber auch hier liegt kein sachlicher Mangel vor. Da ist die Krise selbst verursacht, weil Russland von seinen Einnahmen abgeschnitten werden soll. Wie sich jedoch herausstellt sinken die Einnahmen gar nicht, weil die Preise enorm gestiegen sind. 

  4. Außerdem ist bei dem Öl-Boykott der springende Punkt, daß sich nicht so viele Staaten dem Embargo angeschlossen haben, wie es die westlichen Kriegstreiber gerne hätten.

    Rußland kann also denjenigen Staaten, die sich nicht in die Riege der „unfreundlichen“ eingereiht haben, günstigere Preise geben und damit Wettbewerbsvorteile auf dem Weltmarkt verschaffen.

  5. In Deutschland wurde ja ein sogenanntes Entlastungspaket für 3 Monate beschlossen. Unter anderem sollte die Mineralölsteuer um 30-35ct pro Liter gesenkt werden. An den Tankstellen sind die Preisreduzierungen jedoch viel geringer. Jetzt höre ich gerade im Deutschlandfunk, die Mineralölkonzerne seien gar nicht verpflichtet, die gesenkte Steuer voll an die Kunden weiterzugeben.

    Also ehrlich, wie dumm kann man eigentlich sein? Eine Steuersenkung zu beschließen ohne sicherzustellen, dass das Geld bei denen ankommt, für die es vorgesehen ist. Jetzt streichen die Ölkonzerne, die sich gerade sowieso dumm und dämlich verdienen auch noch ein paar Sondermilliarden vom Staat ein.

    Als Reaktion auf diesen Fehlschlag wird jetzt eine Übergewinnsteuer diskutiert. Die selbst im Fall sie kommt gegen die FDP durch, bloß dazu beiträgt, dass Geld in die Taschen des Staates fließt. Der Normalmensch hat davon nichts.

  6. Am 6. Juni berichtete Bloomberg, dass die Türkei und Russland sich auf ein Verfahren zur Freigabe der Schwarzmeerhäfen für den Getreidetransport geeinigt hätten, die Ukraine die vorgeschlagenen Bedingungen jedoch abgelehnt habe.

    Seither wurde die „Izvestia“ über die (anscheinend doch zustandegekommene) Vereinbarung der drei Länder über das Verfahren zum Auslaufen von Schiffen aus dem Hafen von Odessa informiert:
    Eine hochrangige Quelle meldete, dass das türkische Militär Getreideschiffe in neutrale Gewässer eskortieren würde, wo sie auf ihrem Weg zum Bosporus von russische Schiffe abgelöst würden. Es wurde festgestellt, dass der Fahrplan für ein solches Programm am 8. und 9. Juni während des Besuchs des russischen Außenministers Sergej Lawrow und des russischen Verteidigungsministers Sergej Schoigu in der Türkei vereinbart wird.

    (Izvestija, 7.6.)

    Die Frage bleibt derzeit offen, wie diese zu beladenden Schiffe nach Odessa hinkommen? (Die anderen Häfen sind klein und haben eher militärische Bedeutung. Der Frachthafen ist Odessa.)
    Derzeit ist die Frage nicht „heiß“, weil erstens die Entminung noch einige Zeit in Anspruch nehmen wird und außerdem ein Haufen fremde, also nicht-ukrainische Schiffe in diesen Häfen festsitzen.
    Aber dann wird diese Frage wichtig, weil die Haupt-Befürchtung Rußlands (und geheime Hoffnung der ukrainischen Führung) ist, daß über Odessa Waffen in die Ukraine verschifft werden könnten.

  7. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat die Unmöglichkeit des Getreideexports durch Weißrussland angekündigt. Ihm zufolge ist Kiew nicht bereit, (Rußland gegenüber) »freundlichen Nachbarn« zu helfen.

    „Uns wurde angeboten, per Eisenbahn durch Weißrussland zu exportieren. Wir verstehen sogar, daß wir da viel exportieren könnten. Aber wir verstehen, warum uns das angeboten wurde. Wir sind nicht bereit, diesem Format zu folgen und unseren »freundlichen“ Nachbarn Einkünfte zu verschaffen“, berichtet RBC Ukraine über die Worte des ukrainischen Führers.

    (KP, 7.6.)

    Man merkt, wer eigentlich den Getreideexport behindert.

    Dabei wäre der Transport per Bahn durch Weißrußland ans Meer einfacher, weil dort vermutlich noch überall die russisch-sowjetische Spurbreite vorherrscht und die Züge nicht umgesteckt werden müßten.

  8. Laut Selenskij stecken in der Ukraine 25 Millionen Tonnen Getreide fest, die wegen der Blockade der Häfen nicht exportiert werden können.
    Die ukrainische Regierung hat kein Vertrauen in das Versprechen Putins, Odessa nicht anzugreifen, und erinnert daran, daß Rußland auch noch im Februar versprochen hat, die Ukraine nicht anzugreifen. Kiew verlangt Waffen, um seine Schwarzmeerküste gegen Angriffe zu schützen (– sonst wird nicht entmint?)

    Weiters beschuldigt die ukrainische Regierung Rußland des Getreideraubs aus den besetzten Territorien, und nennt Schiffe, die mit geraubtem ukrainischen Getreide in türkischen Häfen angelegt haben.
    (Die Türkei scheint fest an dem Getreidegeschäft mitzuschneiden.)

    Ägypten und der Libanon haben angeblich eine solche Getreideladung zurückgewiesen, die dann in Syrien gelöscht wurde.
    (Wenn sich diese beiden Staaten dergleichen Zurückweisungen leisten können, so kann es mit der Versorgungskrise nicht so schlimm sein.)

    (Alle Infos aus El País, 8.6.)

  9. Mit anderen Worten Selenskyi benutzt das Getreide als Druckmittel gegenüber …ja wem gegenüber eigentlich. Gegenüber afrikanische Staaten, die ihm gar keine Waffen liefern können? Gegenüber der EU? Selenskyi schießt sich selbst ins Knie und behauptet dann die Russen sind schuld.

    Über Weißrussland will er nicht ausführen, weil da könnten ja auch die Weißrussen dran verdienen und über Odessa will er nicht ausführen, weil er Waffen für die Schwarzmeerküste verlangt. Dabei müssten bloß minenfrei Korridore geschaffen werden.

    "Weiters beschuldigt die ukrainische Regierung Rußland des Getreideraubs aus den besetzten Territorien" Das ist nunmal im Krieg so, dass alles was das andere Gewaltsubjekt erobert unter seiner Verfügung steht. Man muss da bloß den Standpunkt der Eigentlichkeit aufmachen. Eigentlich gehört das Getreide den Ukrainern. Das geht aber auch vom russischen Standpunkt aus. Eigentlich ist die Ukraine eh russisches Territorium und das Getreide gehört folglich uns.

  10. Ich nehme an, das mangelnde Kriegsglück läßt S. zu diesem Mittel greifen, das eigentlich keines ist. Er sagt ja im Grunde: Erst wenn ich genug Waffen habe, um den Krieg zu gewinnen, dann laß ich das Getreide raus.

    Die russischen Zeitungen behaupten, die von der ukrainischen Armee praktizierte Politik der verbrannten Erde beziehe sich auch auf die Getreidespeicher. Neben verschiedenen von ihnen werden Raketenwerfer aufgestellt, und wenn die dann von der russischen Seite beschossen werden, so heißt es mit lautem Geschrei: Die Russen vernichten absichtlich die Getreidevorräte!

    Der Getreidespeicher im Hafen von Mariupol wurde angeblich von den ukrainischen Streitkräften abgefackelt, damit die Stadt nach der Einnahme kein Getreide zur Verfügung hat.

    1945 haben die deutschen Truppen die Lebensmittel in Budapest (Februar), Wien (April) und Berlin (Mai) bei ihrem Rückzug bzw. ihrer Niederlage vernichtet, diese Großstädte mußte zumindest die ersten paar Wochen aus sowjetischen Beständen ernährt werden.

  11. "Erst wenn ich genug Waffen habe, um den Krieg zu gewinnen, dann laß ich das Getreide raus."

    Genau. Normalerweise sollte man ja denken, er denkt umgekehrt. Ich verkaufe den Weizen, damit ich mir Waffen kaufen kann. Oder: Den Weizen behalten wir damit die Bevölkerung wenigstens was zu beißen hat. Das lässt erstmal darauf schließen, dass daran kein Mangel herrscht. Aber dass er die Welt mit dem Weizen erpresst, ist schon ein starkes Stück.

    "Die Russen vernichten absichtlich die Getreidevorräte!" Das passt alles ins Bild. Der Krieg der Ukraine ist zum großen Teil darauf ausgelegt dem Westen die russische Verderbtheit vorzuführen und ihn so immer weiter in den Krieg zu ziehen, genau so wie es in ihrer Militärdoktrin steht.

    Deshalb würde sich die EU nichts gutes tun, die Ukraine aufzunehmen. Nur ein kompletter Vollidiot kann sich wünschen mit solchen Kanaillen ständig sich auseinandersetzen zu müssen.

  12. Eine alternative Fragestellung wäre:

    Welches Szenario kann die BRD gebrauchen, um innerhalb der EU die Meinung durchsetzen zu können, dass Aufrüstung gegen Russland [plus die BRD als zukünftig militärisch gleichwertig neben Frankreich] die gemeinsam anstehenden europäischen Duftmarken für die nächsten Jahre sein sollen?    (Deutsche Führerschaft in puncto Militär ist ja, Stand Juni 2022, ein etwas lächerlicher Anspruch. Auch deswegen wird es weiterhin massenweise Bekundungen geben, der Ukraine den Beitritts-Kandidaten-Status zu verleihen. Und dass absehbar mehr nicht draus werden wird, darüber wird schon das Einstimmigkeitsprinzip sorgen. Das tut es ja auch anderwärts, z.B. bei dem ewigen Kandidaten Türkei.). Auch so kann man nämlich sich einen Hinterhof verschaffen, also Staaten, die “positiv” auf die eigene Staatlichkeit orientiert werden. Die EU und die USA haben dafür bekanntlich auch noch weitere Mittel, deren erpresserischer Charakter als supi Angebot an entsprechende Staaten wirken sollen. Würde die BRD offensiv verkünden, dass die Ukraine absehbar nicht Vollmitglied der EU werden solle, bekäme sie dicke Probleme mit den Ostländern der EU. Das wird sie also so nie verkünden. Aber auch der lange vor dem Krieg bereits als ‘failed state’ mit Korruption gehandelte Staat Ukraine soll weiterhin auf die Gesamt-EU orientiert bleiben, nicht nur auf Polen oders Baltikum. https://www.euractiv.de/section/finanzen-und-wirtschaft/news/eu-chefs-einigen-sich-auf-finanzhilfe-fuer-die-ukraine/
    Polen hält sich übrigens anscheinend durchaus an die EU-Richtlinien, viele Waffen zu versprechen. Aber vor allem sie zu versprechen ….
    https://www.euractiv.de/section/eu-aussenpolitik/news/polnisches-unternehmen-liefert-keine-drohnen-an-die-ukraine/
    Martialische Worte gibt es aus Osteuropa en masse:
    https://www.euractiv.de/section/eu-aussenpolitik/news/ukraine-muss-russland-angreifen-und-die-krim-zurueckerobern/
    (Übrigens würde sowohl die faktische Aufnahme der Ukraine wie die der Türkei die jetzige EU sprengen. Dann könnten diese sehr großen Staaten nämlich die EU von A bis Z mitgestalten – d.h. nach ihren Interessen umgestalten. Daran hat nicht nur die BRD null Interesse. Z.B. würden ja selbst die bisherigen “Körbe” und “Regionalfonds” für Osteuropa vermutlich nämlich angesichts des Finanzierungsbedarfes von Türkei bzw. Ukraine gehörig ins Rutschen geraten….)
    —-

    Zu den Perspektiven der EU in Osteuropa vgl.

    https://gegen-kapital-und-nation.org/media/pdfs/de/aktualisiert-si-vis-pacem-para-bellum-wer-frieden-will-ruste-sich-zum-krieg-platon-cicero-russland-ukraine-nato-eu.pdf
    (dort vor allem ab Seite 6)

  13. "Würde die BRD offensiv verkünden, dass die Ukraine absehbar nicht Vollmitglied der EU werden solle, bekäme sie dicke Probleme mit den Ostländern der EU. Das wird sie also so nie verkünden. Aber auch der lange vor dem Krieg bereits als ‘failed state’ mit Korruption gehandelte Staat Ukraine soll weiterhin auf die Gesamt-EU orientiert bleiben, nicht nur auf Polen oders Baltikum."

    Wegen der Ostländer? Wieso?  Doch eher darum um die Ukraine vom russischen Einfluss loszueisen, um Russland zu schädigen, nicht wegen der Ukraine. Das ist ja der einzige Grund warum der Ukraine mit der Möhre EU vor der Nase rumgefuchtelt wird. Insofern muss ich meine obige Einschätzung ergänzen. Die EU besteht eben auch aus lauter Kanaillen und so gesehen passt es ganz gut, wenn die eine Kanaille die Welt mit ihrem Getreide erpresst und die andere dafür den ewigen Kandidatenstatus oder Assoziationsstatus verspricht.

    "Übrigens würde sowohl die faktische Aufnahme der Ukraine wie die der Türkei die jetzige EU sprengen. Dann könnten diese sehr großen Staaten nämlich die EU von A bis Z mitgestalten – d.h. nach ihren Interessen umgestalten. Daran hat nicht nur die BRD null Interesse. Z.B."

    Das sehe ich auch so.

  14. Na ja. Meine Idee war ja, dass. der deutsche Aufrüstungsbeschluss und die anti-russische Festlegung deutscher Politik  in der Öffentlichkeit als Hilfe für die Ukraine verkauft werden soll. Gerade innerhalb der EU-Oststaaten. (Polen z.B. wollte jahrelang unterstreichen, dass sie auch gegenüber der BRD und deren Großmachtinteressen erkleckliche Vorbehalte haben: Polen will nämlich selber europäische Großmacht werden und hat dafür in Washington einen mächtigen Paten.)

    Dass man durch das angebliche Aufnahmegetöber die Ukraine von russischem Einfluss  würde loseisen müssen/sollen, ist zwar prinzipiell ja auch richtig.  Die unterschiedlichen Konzeptionen von ukrainischem Gewaltmonopol, die es innerhalb der Ukraine gab, und die zur 'Zerstrittenheit' dieses Staates jahrelang dazu gehörten – also unterschiedliche Meinungen über die Zusammenarbeit mit Russland, auch angesichts von ukrainisch-russischen Oligarchen u.ä. – mag es jetzt ja noch geben darüber, wie und unter welchen Bedingungen eine Feuerpause akzeptabel wäre. Ansonsten scheint mir der Krieg die ukrainische Frontstellung gegen Russland aber insgesamt doch eher befestigt zu haben.  Jedenfalls außerhalb des Donbas. (Nicht zu vergessen: ist es ganz bewusst Strategie der Ukraine, ihr Volk hinter ihren anti-russischen Kriegskurs einen zu wollen. Und dafür tun sie auch was. [Nicht dass sie das tun ‘müssten’, aber als als selbstverständlich geltende und allem vorausgesetzte allgemeine Regierungsdirektive gegenüber dem Volk gilt die Parole der Einheit von Staat und Volk im Anti-Russentum. Gerade, aber nicht nur, im Krieg.]

    edit: Dass man die zudefinierte ggf. ewige Perspektive, man sei (nur) Hinterhof der EU, je nach eigenen Konzeptionen und je nach eigenen oder auswärtigen Mitteln, für seine Handlungsfreiheit auch gegen die aktuelle Perspektive der EU wenden kann, zeigt z.B. Serbien. Und als Vollmitglied demonstriert das in ähnlicher Weise als Abweichler von der EU-Linie immer mal wieder Ungarn. Insofern ist es für deutsche Politiker und ihren eigenen nationalen Aufrüstungsbeschluss wichtig, den als europäischen Akt bzw. zumindestens im breiten europäischen Konsens [denn bestimmen lässt sich die BRD durch die EU nicht…] durchwinken zu lassen. (Auch Frankreich übrigens lässt sich ja nicht von der EU vorschreiben, welche militärischen Mittel und Ziele es national notwendig befindet.)

    edit II: Dass Frankreich sich stärker von der BRD reinreden ließe, weiß ich nicht. Mag also evtl. nur sein, dass die div. Konzepte dt.-frz. Nuklear-Zusammenarbeit einzig vom Wahn deutscher Politiker und ihrer Besoffenheit über das deutsche Aufrüstungsprogramm zeugen. Desungeachtet bemerkt die frz. Ökonomie einige Dellen.
    https://www.euractiv.de/section/eurozone/news/sovereign-debt-level-causes-new-political-headache-in-france/

  15. Würde die BRD offensiv verkünden, dass die Ukraine absehbar nicht Vollmitglied der EU werden solle, bekäme sie dicke Probleme mit den Ostländern der EU.

    Hier ist die Vorstellung zugegen, daß die BRD die Ukranie nicht will, aber sich wegen Polen und dem Baltikum auf die Zunge beißt.
    Erstens kann doch die BRD die EU-Karotte gegenüber der Ukraine gut brauchen, es geht ja auch mit Serbien so. Also würde sie schon aus Eigeninteresse zumindest nicht sagen: Ukraine – niemals! Aber das Land ein Jahrzehnt lang oder länger im Kandidatenstatus zu lassen, und als Bittsteller zu behandeln, der sich dauernd anpassen muß – das wär doch was.
    Es wurde ja auch ewig Druck gemacht und unter Selenskij endlich durchgesetzt, daß die ukrainische Gesetzgebung den Verkauf von landwirtschaftlichem Boden an Ausländer zuläßt.

    Und dann sind Polen und das Baltikum vor allem Schützlinge der USA, denen die deutsche Führung nicht Wasser auf die Mühlen treiben will, indem sie ihnen in der Ukraine-Politik Freiraum läßt für die Konkurrenz um die US-Freundschaft.

  16. Dass eine US-Diplomatin die BRD für ihre Ukraine-Politik lobt, ist ja aktuell eher selten:

    Karen Donfried über die »Zeitenwende«:   US-Diplomatin nennt Ukrainekrieg »Deutschlands 11. September«

    Die US-Topdiplomatin Karen Donfried hat die Folgen des Ukrainekriegs für Deutschland mit denen der Anschläge vom 11. September 2001 für die USA verglichen.

    (…) Sie verwies auf die »Zeitenwende«-Rede von Olaf Scholz nach Kriegsbeginn in der Ukraine. Dabei habe der Kanzler unter anderem mit der Regel gebrochen, dass Deutschland keine Waffen in Konfliktgebiete liefert. Donfried begrüßte auch die Steigerung der Verteidigungsausgaben durch die Bundesregierung."

    https://www.spiegel.de/politik/deutschland/ukraine-krieg-us-diplomatin-karen-donfried-spricht-von-deutschlands-11-september-a-a1dee387-0d76-438e-ad8f-15d313dbc6b5

    Oder, anders formuliert: Die BRD-Aufrüstung soll im Interesse der USA sein (und auch zukünftig bleiben),  und vergleichsweise, wenn auch einige Stufen niedriger, wie der 'war on terror' nach dem Ende des Ost-West-Gegensatzes ein komplettes neues Weltkriegsprogramm der USA eingeläutet hat,  soll auch der BRD-Aufrüstungsbeschluss ähnlich wuchtig ausfallen, nach Wunsch und im Interesse der USA. Aktuell ist das Baltikum im deutschen Zielpunkt:
    https://www.nd-aktuell.de/artikel/1164352.scholz-im-baltikum-ostflanke-wird-verstaerkt.html

    Einige der dazu passenden aktuellen inneren staatlichen Umstellungen bis Ende Juni in Bayern erläutert ein ‘Infoservice’ des BR
    https://www.br.de/nachrichten/bayern/g7-gipfel-schichtdienst-fuer-richter-und-staatsanwaelte,T8FeXbz
    https://www.heise.de/tp/features/Mit-harter-Hand-fuer-die-G7-7135925.html

  17. In der BRD scheint es Leute zu geben, die die verstärkte Aufrüstung als Chance sehen, sich innerhalb der EU wieder in die Pole-Position zu bringen.

    Andere EU-Staaten hoffen auf US-Waffenhilfe, wie es aussieht.
    Außer Polen scheint sich jetzt auch Spanien in diesen Club zu drängen.

  18. UN-Prognose zu Getreideernte
    Warum Weizen wieder billiger wird

    Die russische Invasion der Ukraine hat weltweit Ängste vor Weizen-Engpässen geschürt. Doch mittlerweile hat sich die Lage am Weizenmarkt deutlich entspannt. Die Preise fallen wieder. Woran liegt das? (…)

    Weizenpreis im Rückwärtsgang

    Begründete Sorge oder Alarmismus? Ein Blick auf den Weizenmarkt zeichnet derzeit jedenfalls ein etwas anderes Bild, als es die Äußerungen aus der Ukraine vermuten lassen. Der Weizenpreis war in den vergangenen Wochen rückläufig, zuletzt beschleunigte sich der Preisrückgang sogar deutlich. Der US-Weizenpreis rutschte in dieser Woche wieder unter die Marke von 1000 US-Cent je Scheffel. Heute werden rund 960 Cent je Scheffel gezahlt – so wenig wie seit Anfang März nicht mehr. (…)

    Russland und EU könnten Ukraine-Ausfälle kompensieren

    Auch die beginnende Weizenernte in den USA und Europa mindert den Preisdruck. "Dadurch rückt der Ausfall der ukrainischen Weizenlieferungen zumindest vorübergehend in den Hintergrund", so Fritsch.

    Dabei zeigt auch ein Blick auf die Statistik, dass die Ukraine zwar ohne Frage ein wichtiger Weizen-Exporteur ist, weltweit aber "nur" auf Rang sieben rangiert. Zudem dürfte mit Blick auf das Erntejahr 2022/2023 die Minderung der ukrainischen Exportmengen um knapp 50 Prozent respektive rund neun Millionen Tonnen im Jahresvergleich von anderen Ländern (über-)kompensiert werden.

    Rudert Indien beim Weizen-Exportstopp zurück?

    So dürfte Russland als wichtigster Weizen-Exporteur seine Exportmenge um sechs Millionen Tonnen nach oben schrauben, der aktuelle Ausblick deutet auf eine Rekordernte hin. Auch die Ausfuhren der EU dürften um fünf Millionen Tonnen steigen. (…)

    Zudem hatte der indische Agrarminister jüngst angekündigt, das Land könne seine Weizen-Exporte nach Indonesien je nach Verfügbarkeit wieder aufnehmen. Erst im Mai hatte Indien – von dem viele hofften, es könne die Ukraine-Delle am Weizen-Markt ausgleichen – seine Weizen-Ausfuhren mit sofortiger Wirkung gestoppt und damit zum Rekordhoch beim Weizenpreis beigetragen. Die teilweise Rücknahme dieser weitreichenden Entscheidung mildert somit maßgeblich die Angebotssorgen an den Märkten. (…)

    https://www.tagesschau.de/wirtschaft/weltwirtschaft/weizen-preis-panik-ukraine-exporte-russland-101.html

  19. Die lange Hand der Ukraine im Libanon:

    Libanon setzte Schiff mit ukrainischem Getreide fest

    Im Libanon ist am Samstag ein Schiff mit Getreide auf Antrag der ukrainischen Botschaft festgesetzt worden. Der Staatsanwalt Ghassan Queidat habe die Polizei mit Ermittlungen zur Ladung der im Hafen von Tripoli eingelaufenen "Laodicea" beauftragt, sagte ein Justizbeamter. Er "ordnete die Beschlagnahme des Schiffes an, bis die Untersuchung abgeschlossen ist".

    Laut dem ukrainischen Botschafter stammt das Getreide aus von Russland
    besetzten Gebieten seines Landes. Der Diplomat Igor Ostasch hatte sich am Donnerstag wegen der "illegalen" Ladung des unter syrischer Flagge fahrenden Schiffes an den libanesischen Präsidenten Michel Aoun gewandt. Dem Justizbeamten zufolge wurde die libanesische Polizei angewiesen, für ihre Ermittlungen mit der ukrainischen Botschaft zusammenzuarbeiten.

    Ersten Erkenntnissen zufolge gehört die Reederei der "Laodicea" einem türkischen Staatsangehörigen und das Getreide einem syrischen Händler, wie der Beamte ausführte. Ein Teil der Ladung sollte demnach im Libanon ausgeladen werden, der Rest war für Syrien bestimmt.

    Ein Zollbeamter sagte zu AFP, die Schiffspapiere seien "in Ordnung, und es gibt keinen Beweis dafür, dass die Waren gestohlen wurden". Die türkischen Behörden hätten das Schiff bereits beschlagnahmt, "sollte es unter Sanktionen fallen". Im wirtschaftlich schwer angeschlagenen Libanon herrscht derzeit große Brotknappheit.

    https://www.derstandard.at/jetzt/livebericht/2000137909458/russland-fordert-un-untersuchung-von-angriff-auf-gefangenenlager

    Was „beschlagnahmt“ wohl heißt? Darf das Getreide verkauft werden und wer kriegt das Geld?

  20. Die ersten Schiffe mit Getreide sind angeblich schon unterwegs, laut türkischen Quellen.

    Da die Gewässer rund um die ukrainischen Häfen aus Zeitnot nicht entmint werden konnten, werden die Schiffe von ukrainischen Lotsen durch einen (angeblich!) sicheren Korridor geleitet. Außerdem werden sie von Drohnen begleitet, zur Kontrolle und weiteren Steuerung durch das Schwarze Meer. Außerdem scheinen irgendwann türkische und russische Schiffe sie weiter begleiten.
    Das alles wird vom Korrdinationszentrum in Istanbul organisiert.

    Die ukrainische Führung ist inzwischen sehr bemüht, das Getreide zu exportieren, gegen den Welthunger. Gleichzeitig macht Selenskij darauf aufmerksam, daß die kommende Ernte sich halbieren könnte.

    Sie sollen am 3. August türkische Gewässer erreichen und auf Initiative der Türkei nach Somalia geschickt werden.

    (KP, 31.7.)

    Der ukrainische Geschäftsmann, Eigentümer des größten Getreidehandelsunternehmens in der Ukraine »Nibulon« Oleksij Vadaturskij ist in Nikolaev gestorben, sagte Andrij Jermak, Leiter des Büros von Wladimir Selenskij.
    „In der Nacht wurden infolge des Beschusses der Stadt Nikolaev der Generaldirektor der Firma Nibulon, Aleksey Afanasyevich Vadatursky, und seine Frau, Raisa Mikhailovna Vadaturskaya, getötet“, zitierte die Ausgabe von Strana.ua Jermak.

    (KP, 31.7.)

    Hmmm.
    Sehr präzise, die russischen Bombardements …

  21. Hier einmal etwas darüber, wie die ukrainischen Getreideexporte bisher tröpfelten:

    Was tut Rumänien, damit das Korn aus der Ukraine in die Welt kommt?

    Einer der größten Schiff-Staus der Welt

    Erste Station meiner Recherche-Reise ist Sulina, ein Grenzkontrollstädtchen Rumäniens, weit draußen im Donau-Delta. Russland hat das Schwarze Meer in eine Albtraum-Zone verwandelt. Weite Gebiete sind "No-Go". Doch ich vertraue Marian Stanciu und der Besatzung seiner rumänischen Grenzschutz-Patrouille, die Mannschaft kennt die Gefahrenzone, die wir vermeiden wollen. Dank Stanciu habe ich eine Ausnahmegenehmigung erhalten, darf meine mobile Filmausrüstung mitnehmen. Wir legen ab, das Polizeiboot nimmt Fahrt auf, es geht mitten hinein in einen der größten Schiff-Staus der Welt.

    Seeminen und Krieg – in die ukrainischen Gewässer vor Odessa traut sich kein Schiff mehr. Weshalb Frachter aus aller Welt nun das Donau-Delta ansteuern, darunter viele Getreidetransporter. Dort, wo das Wasser der Donau in das Schwarze Meer strömt, beginnt die Schaukelei, (…)

    "Wie viele Schiffe liegen hier draußen auf Reede", will ich von Marian Stanciu wissen, dem Chefinspektor der in Sulina stationierten rumänischen Grenzschutzstelle. "Heute sind es 120", meint Stanciu nach einem kurzen Blick auf den Radarschirm. Also, das muss man sich wirklich noch einmal in Zeitlupe ansehen: ein-hun-dert-zwan-zig Schiffe, alle auf Reede, an einem Fleck! Schauen Sie sich das mal selber an, ich stelle Ihnen hier einen Link zu einem Schiffs-Tracker ein.

    Der Ukraine-Krieg ist auch ein Handelskrieg

    Russlands Seeblockade ist auch ein Handelskrieg. Jetzt fürchten viele Länder Afrikas eine Hungersnot. Auch im Nahen Osten werden traditionelle Kunden der Ukraine nervös. Die Ukraine ist der viertgrößte Getreide-Exporteur der Welt. 20 Millionen Tonnen der letztjährigen Ernte hängen in ukrainischen Silos fest und konnten bislang nicht verschifft werden. Was tun? Wohin mit Weizen und Gerste, Soja und Sonnenblumenkernen?

    Der ukrainisch-rumänische Grenzfluss Donau ist (derzeit noch) sicher. Mittlere Getreidefrachter mit geringem Tiefgang schaffen den Weg bis zu den bescheidenen ukrainischen Flusshäfen Izmail und Reni. Doch mehr als 8.000 Tonnen geht nicht pro Schiff, das ist absolute Obergrenze. Wenn einer über genaue Zahlen verfügt, dann ist das Marian Stanciu: "Im vergangenen Jahr haben wir täglich etwa zwei oder drei Schiffe kontrolliert, heute sind es sechs bis sieben. Im vergangenen Jahr konnten die Frachter ohne Wartezeit auf See direkt in die Donau einfahren, heute müssen sie zehn bis 15 Tage auf Reede warten bis zur Grenzkontrolle."

    Warum müssen die Schiffe so lange warten? Was muss sich hier und jetzt ändern, damit es flotter geht, will ich von Viorel Panainte wissen, einem der wenigen Lotsen, die die Frachter zum rumänischen Grenzhafen Sulina steuern dürfen. Die Donau ist nicht ganz unproblematisch, man braucht erfahrene Profis wie Viorel am Steuerrad, um Untiefen zu vermeiden und der Fahrrinne flussaufwärts zu folgen.

    "Wir brauchen mehr Lotsen", sagt Panainte mit müdem Unterton in der Stimme. "Mit der derzeitigen Zahl von Lotsen ist das nicht zu schaffen, unmöglich. Und es müssen weitere Anleger gebaut werden, drei oder vier Kais zusätzlich, es gibt nicht genug Anlegestellen." Dann kommt er auf die miserable Bezahlung zu sprechen, in den vergangenen Jahren seien viele Kollegen gegangen, im Vergleich zu anderen Lotsen verdiene man hier in Sulina einfach zu wenig. Gleichzeitig seien die Arbeitsbedingungen schlecht, die Arbeitszeiten viel zu lang: "Wir arbeiten quasi 24 Stunden pro Tag", formuliert Viorel etwas überspitzt. Die Liste seiner Verbesserungsvorschläge ist lang und endet mit der Forderung nach vernünftigen – also größeren und stabileren – Lotsenbooten. Bei all dem Geld, das aus der EU Richtung Ukraine und Rumänien fließt, sollte eine bessere Materialausstattung, ein vernünftiges Lotsen-Gehalt und das Anheuern von ein paar zusätzlichen Flusslotsen doch drin sein, denke ich mir, bevor ich mich auf den Weg zur Donau-Fähre weiter flussaufwärts mache. Ich will übersetzen auf die andere Seite, von Rumänien auf das Ufer der Ukraine, nach Reni.

    Wege aus der "Sackgasse" im Schwarzen Meer

    In der Ukraine bombardiert Russland Getreide-Silos, verbrennt Felder oder stiehlt die Ernte: aus den von Russland besetzten Gebieten wurden Getreide-Frachter in die Türkei geschickt, wie Satelliten-Aufnahmen belegen. Um zu verhindern, dass russische Kriegsschiffe weitere Teile des Südens erobern, hat die Ukraine vor Odessa Seeminen ausgebracht. Bei den derzeitigen Verhandlungen unter UN-Ägide wird derzeit ausgelotet, ob und wo Wege aus der "Sackgasse" im Schwarzen Meer gefunden werden können.

    Unterdessen sucht die Ukraine weiterhin verzweifelt nach alternativen Exportwegen, denn es könnte ja sein, dass die Schwarzmeer-Verhandlungen scheitern. Neben Polen spielt insbesondere Rumänien eine zentrale Rolle. Auf Schiene und Straße kommt das ukrainische Getreide zu den Flusshäfen Izmail und Reni. Dort wird umgeladen, entweder auf kleine Getreidefrachter – oder aber auf Lastkähne. Kähne sind gewissermaßen der Joker in diesem komplizierten Logistik-Spiel, denn sie können das Korn flussaufwärts zum Donau-Schwarzmeer-Kanal schippern, der die Donau mit dem rumänischen Tiefwasserhafen Constanta verbindet. Dort warten dann die Riesenpötte aus Asien.

    Doch es gibt ein Problem, und das entdecke ich vor Ort, in Reni. Etwa 2000 ukrainische Lastwagenfahrer hängen in dem ukrainischen Hafenstädtchen fest, einige warten seit Wochen darauf, ihre Fracht löschen zu können. Sämtliche Zufahrtsstraßen der Provinzstadt sind über viele Kilometer links und rechts zugeparkt, bis weit in die Landschaft hinein ziehen sich die parkenden LKW-Schlangen am Feldrand. Es ist das reinste Logistik-Chaos. Männer hocken apathisch im Schatten ihrer bewegungslosen Brummis, hier und dort der Geruch nach Grillfleisch, es sieht aus, als hätte sich rings um Reni ein Belagerungsring aus wartenden Trucks gelegt, ein Feldlager mit Lagerfeuern und improvisierten Duschen.

    "Was getan werden sollte", überlegt Vitalii Buria. "Nun, das Abladen sollte besser organisiert werden. Zwei oder drei Tage fürs Abladen wären schon noch ok, aber zwei Wochen hier warten? Schau dich mal hier um! Siehst du, unter welchen Bedingungen wir hier hausen? Und dann die Hitze! Es gibt kaum Wasser, kaum Toiletten. Das sieht man doch, wie wir hier leben: Wir haben einen Wasserkessel, einen kleinen Gaskocher für Tee, Kaffee, Instant-Nudeln – wie kann man nur hier durchhalten, mitten auf einem Feld?" (…)

    Vitalii kommt aus Schytomyr im Norden der Ukraine, stolz zeigt er mir seine Soja-Ladung. Unterwegs ist er mit seinem Sohn Bohdan. Seit über einer Woche hängen die beiden hier schon fest. 

    Neben dem Soja-Truck steht eng geparkt Romans Transporter. Der Mann mit den strahlend blauen Augen und Tätowierungen auf dem Arm kommt aus der Gegend um das heftig bombardierte Mykolaiv und hat Sonnenblumenkerne geladen. "Das derzeit größte Problem sind die Verzögerungen wegen der Frachtkähne", meint Roman. "Wir hängen hier fest, doch irgendwann will man wieder heim, zu seiner Familie. Ich habe Frau und Kind und will wieder bei ihnen sein. Vor dem Krieg war die Arbeit okay, wir brauchten einen Tag zum Laden, die Fahrt zum Hafen und das Abladen. Wir hatten einen sicheren Job und ein stabiles Einkommen. Heute geht das, was wir verdienen, schon fürs Essen drauf."

    Eine Drehgenehmigung für den Fluss-Hafen bekomme ich nicht. Der Hafendirektor von Reni hat uns schon vorab klipp und klar zu verstehen gegeben, dass wir keinen Zugang zum Hafen bekommen, auf gar keinen Fall. Er argumentiert mit Sicherheitsbedenken, immerhin ist es ein Hafen und die Ukraine im Krieg. Auf dem Weg vorbei am Reni-Hafen sind überall Sandsäcke und Checkpoints zu sehen. Ich werde durchgewunken, zwar nicht zum Hafen – aber immerhin ins Stadtzentrum von Reni. Diese ukrainische Stadt könnte ein strategisches Ziel russischer Raketen sein. Ein logistisches Nadelöhr, bald im Fadenkreuz des Kremls?

    Freunde von Freunden schicken mir ein wirklich erstaunliches Video über WhatsApp, etwas verwackelt zwar, aber doch klar erkennbar: Ein Riesenkran im Hafen packt einen mit Getreide vollbeladenen Eisenbahnwaggon, hebt ihn von seinen Achsen, schwenkt das Metallmonster quer über einen Frachtkahn, ein Arbeiter schafft es, nahe genug an die Verschlussräder des in der Luft leicht schwankenden Waggons heranzukommen und daran zu drehen, das Getreide strömt direkt aus dem an der Krankette hängenden Eisenbahnwaggon in den Donaukahn. Als ich das Video etwas später ein paar Hafenarbeitern im rumänischen Constanta zeige, trauen sie ihren Augen nicht – sowas haben sie noch nie gesehen. Die im ukrainischen Reni verwendeten Methoden zum Umladen von Getreide sind schon "recht ungewöhnlich" Ganz klar: Der Provinzhafen ist dem Ansturm nicht gewachsen.

    Verkehrs- und Logistikchaos

    Seit Kriegsbeginn sind 8.000 Menschen aus zerbombten ukrainischen Städten nach Reni gekommen, Firmen aus den Kampfgebieten verlagern ihre Produktion in die westukrainische Provinzstadt. Ich habe eine Verabredung mit dem Präsidenten der Gebietskörperschaft, sein Gemeindegebiet umfasst Reni und das unmittelbare Umland. Seine Sorgen sind der Hafen – aber nicht nur. Ihor Plekhov braucht dringend Müllautos, vertraut er mir an (derzeit hat er nur eines, das reicht bei weitem nicht). Und: moderne Maschinen für den Hafen. Plekhov ist unzufrieden mit der Zentralverwaltung, die habe das Verkehrs- und Logistikchaos viel zu spät wahr genommen.

    Und der Hafen? "Im Jahr schaffen wir etwa zehn Millionen Tonnen Güterumschlag", erklärt mir Plekhov. "Es geht nicht darum, ob wir mehr wollen oder nicht. Mehr ist derzeit nicht drin. Wir brauchen neue Ladeterminals am Donau-Ufer, dann werden wir es auch schaffen, die Zahl der Piers um ein Mehrfaches zu erhöhen. Außerdem müssen wir mit der Eisenbahn (des Nachbarlandes) Moldau darüber reden, wie wir den Gütertransit effektiver und schneller hinbekommen, ohne Bürokratie."

    In letzter Minute schaffe ich es noch auf die Donau-Grenzfähre, weiter geht es, von Reni in der Ukraine nach Galati in Rumänien: Dutzende Frachtkähne warten vor dem rumänischen Donau-Hafen. Galati könnte Reni entlasten – und ist Teil der EU-Hilfsstrategie für die Ukraine.

    Die historischen Getreidesilos von Galati sind berühmt – wegen ihrer Architektur. Industriekultur des 19. Jahrhunderts, imposant, funktional, riesig, beeindruckend.

    25.000 Tonnen Fassungsvermögen, direkter Eisenbahnanschluss, direkter Hafenzugang – das braucht man jetzt.

    Eine Eisenbahn-Verbindung, die Gold wert ist

    Im Schweiße ihres Angesichts schuften die Arbeiter, um die Frachtlinie im Länderdreieck Ukraine, Moldau, Rumänien zu reparieren. Die Verbindung ist Gold wert – denn sonst gibt es nirgends mehr eine Breitspurlinie direkt in die EU. Breitspur – im Gebiet der ehemaligen Sowjetunion ist diese Spurbreite überall gegenwärtig. Doch in Mittel- und Westeuropa liegen die Schienen etwas enger zusammen. Und genau das ist heute das Problem der (mit Breitspur ausgestatteten) Ukraine. Beim Umsetzen oder Umladen geht wertvolle Zeit verloren beim Grenzübertritt von der Ukraine nach Westen. Aber diese eine Breitspurlinie von der Ukraine über Moldau bis auf rumänisches EU-Gebiet, also bis zum Donau-Hafen Galati, erlaubt es, die Fracht ohne Anhalten aus den ukrainischen Silos bis hin zu den Kähnen im rumänischen Galati zu bringen.

    Viorica Grecu zeigt mir das Areal, sie ist zuständig für die Infrastruktur der rumänischen Staatsbahn CFR in Galati: "Diese Breitspurbahn ermöglicht einen Frachtzugang aus Moldau und der Ukraine nach Rumänien. Auf dieser Linie können Millionen Tonnen Getreide exportiert werden. Die Reparatur der Bahnlinie erlaubt den Wagons einen direkten Zugang zu den Getreidespeichern und von dort zu den Frachtkähnen."

    Mit dem Lastkahn nimmt das ukrainische Korn für die Welt weiter seinen Weg donauaufwärts, bis zum Kanal, der die Donau mit Constanta verbindet. Constanta ist einer der ältesten Häfen der Welt. Europas wohl modernster Getreideumschlagplatz findet sich hier, in Rumänien, in Constanta.

    Ein Arbeitsplatz mit Wow-Effekt

    Ich treffe Mihai – der rumänische Kranführer hat die Wandlungen der vergangenen Jahre hautnah miterlebt. Er ist stolz auf die Hightech-Anlagen – und stolz auf seine Arbeit. Rumänien hilft der Ukraine – im Klartext bedeutet das: Mihai drückt aufs Tempo. "Jeder Tag beginnt mit einer Herausforderung", sagt Mihai Sofian. "Wir arbeiten weiter daran, das in der Ukraine blockierte Getreide herauszubekommen: Jeden Tag laden wir tausende Tonnen ab. Das ist keine einfache Situation, es ist harte Arbeit."

    Mihai lädt mich ein, mit hochzuklettern. Sein Ladekran ist quasi brandneu, im Gegenlicht wirkt das hochmoderne Metallmonster wie eine hungrige Riesenspinne.

    Ein Arbeitsplatz mit Wow-Effekt, die Aussicht ist atemberaubend.

    Heute sind wieder Frachtkähne aus Reni in Constanta angekommen. Während Mihai Korn umlädt, damit es seine Reise nach Asien antreten kann, arbeiten hinter den Kulissen die Diplomaten: Die Vereinten Nationen, die Europäische Union und die Türkei bemühen sich, Russland und die Ukraine zu einem Schwarz-Meer-Deal zu bewegen, der freies Geleit für Getreide garantiert – und zwar vom ukrainischen Odessa aus. Dann könnte wieder massenhaft exportiert werden. Doch noch ist der Deal der Diplomaten nicht in trockenen Tüchern: Können die Seeminen problemlos entfernt werden? Ist den Versprechungen des Kreml noch zu trauen? Wer sichert den Deal, sollte er unterschriftsreif sein, letztendlich ab? Mitte Juli (Stand 15.07.2022) sind viele Fragen immer noch ungeklärt. Weshalb die "alternativen Routen" weiter ausgebaut, verbessert, erweitert werden. Das ergibt Sinn, denn die Ukraine kann es sich nicht länger erlauben, nur von einem Exportweg – der Schwarzmeer-Route von Odessa aus – abhängig zu sein. Das Risiko ist einfach zu groß.

    Auf der Suche nach neuen Exportwegen für Getreide

    Ich bekomme Zutritt zum Kontrollraum des COMVEX-Getreideterminals, es sieht aus wie in der Pilotenkapsel von Raumschiff Enterprise, Bildschirme all überall mit Echtzeitgrafiken sämtlicher Materialflüsse, Funkverbindungen zu Mihai und all den anderen Verladern hoch oben in ihren Kränen, hellwache Logistiker, die über ein Heer von tausend Knöpfen herrschen. 

    COMVEX hatte bereits vor Putins Überfall auf die Ukraine investiert, ausgebaut, modernisiert. Weshalb in einem ersten Reflex die Kapazität hochgefahren werden konnte, als die Ukraine nicht mehr wusste, wohin mit dem Getreide. Februar, März, April, Mai, Juni… gute Monate, arbeitsreich. Aber jetzt kommen die Erntezeit, der Sommer – und damit die Probleme. Denn es geht nicht mehr nur um alte ukrainische Lagerbestände, sondern auch um die diesjährige Ernte in der Ukraine – und in Rumänien. Wer realistisch ist, muss erkennen, dass Constanta nicht auf einen Schlag alle Häfen der Ukraine ersetzen kann.

    Ich rede mit Dan Dolghin, dem Getreidemanager von COMVEX: "Die ukrainischen Bauern suchen verzweifelt nach neuen Exportwegen für ihr Getreide", fasst er zusammen. "Bei der jetzigen Geschwindigkeit brauchen sie drei Jahre, um alles zu exportieren. Wir müssen die Grenzabfertigung beschleunigen, wir müssen im Hafen von Constanta das Löschen der Ladungen von Frachtkähnen und -zügen beschleunigen. Um die Entladekapazität zu verdoppeln, brauchen wir Maschinen, Kräne, Pusher. Wir reden hier von 20 Millionen Euro, die benötigt werden. Ich kenne mich aus mit diesen Maschinen, deshalb weiß ich, dass wir mindestens zwei oder drei Monate brauchen, um sie zu bekommen. In diesen zwei, drei Monaten wird es eng werden für die ukrainischen Export-Güter.“

    Man muss sich halt einfach mal die Größenordnungen vor Augen führen: "Die ukrainische Ernte ist rund zwei- bis dreimal so umfangreich, wie unsere hier in Rumänien", erinnert Dolghin – und ursprünglich seien alle Anlagen und Terminals eben auf den rumänischen Exportbedarf ausgelegt worden. Wenn man jetzt auf einmal viel größere Mengen schultern wolle, dann müsse investiert werden. Aber: "Diese ganzen Maschinen, von denen ich hier rede, die werden nach Ende des Krieges nicht mehr benötigt, die sind dann überflüssig, wir brauchen sie bei Normalbetrieb nicht. Okay, einen Teil der Investitionen, wie beispielsweise das Entlade-Terminal für Frachtkähne, haben wir selber getätigt. Doch andere Maschinen werden nach Kriegsende nicht mehr ausgelastet sein, wir wollen da jetzt nicht noch mehr investieren."

    Aus betriebswirtschaftlicher Perspektive ist das nachvollziehbar. Also stellt sich die Frage: Wer bezahlt für die Infrastruktur der "alternativen Exportrouten"? Was den Ausbau der Eisenbahninfrastruktur betrifft, so hat die rumänische Regierung ein Extra-Budget aufgelegt. Manager Dolghin hofft zudem auf Geld der Europäischen Union für weitere Lade-Logistik im ukrainischen Reni, an den diversen Grenzübergängen und auch in Constanta. (…)

    Der Mann mit dem Überblick heißt Florin Goidea, er ist der Hafendirektor von Constanta. Er bittet mich darum, im Gespräch auf die Zeit zu achten, er hat wichtige Termine. "Wenn das Getreide aus der Ukraine überwiegend per Lastwagen nach Constanta geliefert werden sollte, dann wird es schwierig", gibt er offen zu. "Das ukrainische Korn sollte auf Frachtkähnen und mit der Eisenbahn angeliefert werden", betont er, "dann bin ich zuversichtlich, dass wir das Problem lösen können."

    Die bisherigen seit Kriegsbeginn über Constanta ausgeführten Getreidemengen aus der Ukraine halten sich in Grenzen: "Bis jetzt (Ende Juni) wurden 900.000 Tonnen Getreide angeliefert", rechnet Goidea durch, "davon wurden 700.000 Tonnen bereits exportiert und 200.000 Tonnen sind in unseren Silos zwischengelagert." Goidea relativiert diese Zahlen: "Wenn man das in Bezug setzt auf unsere Gesamtlagerkapazität von 1,8 Millionen Tonnen und wenn man zudem bedenkt, dass wir insgesamt eine Verlade-Kapazität von 130.000 Tonnen innerhalb von 24 Stunden haben, dann kann ich mit Fug und Recht behaupten, dass wir mit der derzeitigen Lage zurechtkommen."

    Neue Wege für freien Handel

    Der Hafendirektor ruft in Erinnerung, dass Constanta als Eisenbahnhafen konzipiert wurde. Das gilt auch für die älteren, historischen Teile des riesigen Geländes. Allerdings sehen Teile des Althafens aus wie ein Schrottplatz, über Jahrzehnte hinweg wurden die Gleisanlagen als Abstellgleis für ausrangierte Waggons und Loks verwendet, das rächt sich jetzt, wo man auf einen Schlag Kapazität benötigt. Als ich mich in der glühenden Vormittagshitze vor Ort umsehe, entdecke ich Schienen aus dem Jahr 1939 und eine Landschaft aus Rost und Verfall.

    Doch es tut sich was: Bautrupps haben bereits einige der alten Gleiskörper entfernt, Vermessungsteams sind am Werk, Arbeiter entfernen alte Holzschwellen, hoch türmen sich Materiallieferungen, neue Schienen aus Österreich, meterhohe Berge massiver Betonschwellen. "In sechs Monaten sind wir hier fertig", verspricht Valentin Costea, der zuständige Manager für die Modernisierung der Vom-Gleis-aufs-Schiff-Anschlüsse. "Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit, doch wir wissen, dass wir einen verantwortungsvollen Job erledigen müssen."

    Konkret geht es um etwa 13 Kilometer Bahngeleise mit 75 Weichen, die ausgetauscht, verstärkt, auf Vordermann gebracht werden müssen. Ich laufe Traian Melzer über den Weg, er ist einer der Projektleiter hier vor Ort. Melzer freut sich über die Gelegenheit, Deutsch sprechen zu können und zeigt mir den Aufriss-Plan mit einer Gesamtübersicht des historischen Eisenbahnhafens. 60 Leute schuften auf der Baustelle, davon 27 unter Melzers Aufsicht. Ein paar Zahlen machen deutlich, dass hier etwas bewegt wird: 50.000 Tonnen Schotter für das neue Gleisbett, 22.000 neue Schwellen…

    Ein Wettlauf gegen die Uhr hat begonnen, stimmt, nicht nur in Constanta, auch in Galati, in Reni und Sulina. Die Europäische Union, Rumänien, Moldau und die Ukraine haben ein gemeinsames Ziel: neue Wege für freien Handel.

    https://de.euronews.com/2022/07/15/was-tut-rumanien-damit-das-korn-aus-der-ukraine-in-die-welt-kommt

  22. Inzwischen ist klar, daß der ganze Lärm um die Welternährungskrise ein reiner Schachzug der großen Getreide-Exporteure – USA, EU, Kanada, Australien, Argentinien – war:

    Erstens sind die Getreideexporte Rußlands nach wie vor erschwert, durch das Verbot des Zahlungsverkehrs mit Rußland, und zweitens aufgrund der Versicherungsverbote für russische Schiffe. Diese Sanktionen bleiben auch weiter aufrecht.

    Zweitens führen die Schiffe, die jetzt die Ukraine verlassen, Sonnenblumenöl und Tierfutter und erstmals heute  – das 14 Schiff! – Mini-Ladungen an Weizen, also Brotgetreide.

    Aber das aufgeregte Flügelschlagen um die Ukraine als großem Weizenexporteur hat geholfen, saftige Profite auf diesem Gebiet einzustreifen.
    Auch das Schiff Razoni fährt nicht in den ursprünglich anvisierten Libanon, weil dort offenbar niemand diese Getreidemenge zahlen kann.

  23. Warum versichern die Russen ihre Schiffe eigentlich nicht selbst?

    "Aber das aufgeregte Flügelschlagen um die Ukraine als großem Weizenexporteur hat geholfen, saftige Profite auf diesem Gebiet einzustreifen." Nach wie vor wird die Lebensmittelspekulation totgeschwiegen. Wer erpresst hier wen?

  24. Ich nehme an, es geht nicht um die russischen Schiffe. Die können sie selbst versichern. Außerdem arbeiten sie mit der türkischen und kasachischen Handelsschiffen zusammen. Da tritt dieses Problem auch nicht auf.

    Aber viele der unter panamesischer oder liberianischer Flagge fahrenden Schiffe gehören über ein undurchsichtiges Firmengeflecht den Bürgern anderer Staaten und brauchen solche internationalen Versicherungsschutz. Und diese Schiffe fallen dann eben als Transporteure aus, unter anderem auch deshalb, weil sie eine Beschlagnahmung durch US-Behörden oder -Schiffe befürchten. Die USA kennen inzwischen überhaupt keine rechtlichen Schranken mehr.

    Was die von den Sanktionen erschwerten bzw. verunmöglichten Zahlungen betrifft, so vermute ich, daß die Türkei hier als Vermittler und Strohmann einspringt, gegen entsprechendes Bakschisch.

    Was die Lebensmittelspekulation betrifft, so kommt sie den Russen auch entgegen. Ich vermute, Rußland gewährt, ähnlich wie beim Ölpreis, den Käufern Abschläge vom Weltmarktpreis, um seinen Einfluß in Asien und Afrika zu erhöhen.
    Diese Mais- und Sonnenblumen-Ladungen, die nach Irland, England und die Türkei gehen, können oder wollen solche Abschläge wahrscheinlich nicht gewähren. Sodaß inzwischen auch hier der Freie Westen und seine Freunde höhere Preise zahlen als diejenigen Staaten, die sich den Sanktionen gegen Rußland nicht angeschlossen haben.

  25. Die „Razoni“ mit ihrer Maislieferung hat den türkischen Hafen Mersin verlassen und steuert auf Ägypten zu. (Vorher lag sie – nach dem Auslaufen aus Istanbul – vor Iskenderun. Eine ziemliche Irrfahrt für eine so heiß bejubelte Ladung …)

    Die KP fragt rhetorisch: „Es scheint, dass die Tatsache, dass Getreide in ukrainischen Häfen feststeckt, nicht der Hauptgrund für die Gefahr einer weltweiten Nahrungsmittelkrise ist?“

  26. Putin stellt im Rahmen des Wirtschaftsforums in Wladiwostok fest, Russland habe seine Verpflichtungen zum Export von Getreide aus der Ukraine erfüllt

    Er sagte, dass das aus der Ukraine exportierte Getreide in die EU statt in Entwicklungsländer gehe … Daher wurde fast das gesamte Getreide nicht in die Länder geliefert, die es am dringendsten benötigten.

    »Wenn wir die Türkei als Zwischenhändler ausschließen, dann geht das gesamte Getreide nicht in die Entwicklungs- und ärmsten Länder, sondern in die EU-Staaten. Für das UN-Ernährungsprogramms wurden nur zwei von 87 Schiffen beladen, auf denen 60.000 Tonnen Lebensmittel verladen wurden«, sagte der russische Führer.

    Putin stellte fest, dass nur 3 % des verschifften Getreides in Entwicklungsländer verschickt wurden. »Mit diesem Ansatz wird das Ausmaß der Ernährungsprobleme in der Welt nur zunehmen, was zu einer humanitären Katastrophe führen kann. Dies veranlasst uns, darüber nachzudenken, wie wir den Getreideexport in einige Richtungen einschränken können«, bemerkte der russische Präsident. Er sagte, er werde sich zu diesem Thema mit dem Chef der Türkei, Recep Tayyip Erdogan, beraten. Putin fügte hinzu, dass die rücksichtslosen Schritte der USA und der EU zu dieser Situation geführt hätten.

    Bereits am 26. August erklärte das russische Außenministerium, dass die Routen der Schiffe, die von den Schwarzmeerhäfen der Ukraine abfuhren, nicht den Aufgaben der UNO entspreche, bedürftigen Ländern in Afrika und Asien zu helfen.

    Das Ministerium führte im Detail aus, daß 16 Schiffe in der Türkei anlegten. (Die Türkei verkauft das dann weiter, ob auf dem Land- oder Seeweg), 4 nach Italien, 3 nach Südkorea, jeweils 2 nach Rumänien, China, Ägypten, Israel und die Niederlande, und jeweils eines nach Irland, in den Iran, nach Griechenland, Deutschland und Libyen.

    (Izvestija, 7.9.)

    Was wurde eigentlich aus der Razoni mit all dem Mais? Zuletzt wurde sie in Tartus in Syrien gesichtet …

    Man sieht am Weizenpreis, daß er zwar gesunken ist, aber immer noch astronomische Höhen einnimmt gegenüber dem Wert von 2019, Anfang 2020.
    Seltsamerweise liest man jetzt in dem Medien weitaus weniger über Brotpreis, Afrika und Hunger.

    Der Maispreis ist zwar hinuntergegangen, steigt aber inzwischen wieder:

    In Spanien wird viel Vieh zur Schlachtbank geführt:

    „Es sind schlechte Zeiten für spanische Milchkühe. Alleine in diesem Jahr wurden 40.000 Viecher zu den Schlachthöfen geführt. Die Zahl der Milchkühe ging damit auf unter 800.000 zurück. »Die Milch deckt den Gestehungspreis kaum noch, während das Fleisch gut bezahlt wird«, erklärt Adoración Martín den Grund dafür. … Bereits im vergangenen Jahr erzielten Futtermittel und Energie wie auch anderswo in Europa Rekordpreise. 735 Betriebe mit Milchkühen konnten angesichts der Kostenexplosion nicht mehr mithalten und mussten bereits im Jahr 2021 schließen.“

    Es ist anzunehmen, daß dergleichen in vielen anderen EU-Ländern auch geschieht.

  27. 38% der Ladung (900.000 Tonnen), das nach dem Abkommen aus der Ukraine über das Schwarze Meer ausgeführt wird, ging bisher in die EU. Zwei davon gingen nach Spanien, mit Kukuruz, Sonnenblumenkernen und Gerste.
    20 % landeten in der Türkei und anderen Ländern Asiens: China, Südkorea und Indien. 27,5% wurden nach Afrika und Nahost exportiert.

    Im Schnitt verlassen 5 Schiffe täglich die ukrainischen Häfen von Tschernomorsk, Juschnij und Odessa. Laut einer ukrainischen Quelle wird das Zielland des Exportes nach „rein kommerziellen“ Prinzipien festgelegt. (Ka Göd, ka Musi!)

    Vor dem Krieg sah die Verteilung ähnlich aus: 35-40% gingen in die EU, 30-35% nach Nahost und Afrika und der Rest nach Asien, nach Angaben der ukrainischen Getreidehändler-Vereinigung.
    Das in Frage stehende Abkommen sieht bisher keine Bestimmungen bezüglich des Endziels der Schiffsladungen vor.

    (El País, 8.9.)

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