Zinserhöhungen

KONKURRENZ DER WÄHRUNGEN UM DAS VERTRAUEN DES FINANZKAPITALS

1. Die Schuldenkrise kommt wieder

Die EZB hat nach langem Hin und her und einer jahrzehntelangen Nullzinspolitik die Leitzinsen von 0% auf 0,25% erhöht. Eine minimale Erhöhung, im Vergleich zu den Leitzinsen der Vor-Finanzkrisenzeit. Und dennoch, die Reaktionen waren sofort da und geben Anlaß zu Bedenken.

„Die Entscheidung der EZB, Schuld von Staaten in Schwierigkeiten zu kaufen, hat nicht die nötige Entschlossenheit, um die Spekulation zu verhindern.“ (El País, 16.6., Leitartikel)

Die EZB hat die letzten 10 Jahre Staatsschuld von Staaten sowie Anleihen von Banken und Unternehmen aufgekauft, um diese zu stützen. Kaum erhöht sie die Zinsen, schon sind die weiterhin gefährdet. Das weist darauf hin, daß die Krise nie weg war, sondern nur durch die Stützungskäufe eingefroren wurde.

„Die an diesem Mittwoch von der Europäischen Zentralbank (EZB) angekündigte Maßnahme will die „Fragmentierung“ des Euroraums vermeiden und damit eine Rückkehr zu hohen Risikoprämien, also zu unterschiedlichen Kosten verhindern, die die Finanzmärkte von den Ländern des Südens für ihre Kreditierung verlangen – zum Unterschied von dem, was sie von Deutschland verlangen.“ (ebd.)

Die Eurokrise ist nämlich sonst wieder da und es stellt sich heraus, daß der Euro nicht von den stärksten Wirtschaften gestützt, sondern von den schwächsten Nationalökonomien gefährdet wird.

„Die Entscheidung will die Glaubwürdigkeit ihrer Absicht untermauern, bei Fälligkeit so viele italienische, spanische, griechische und portugiesische Anleihen wie nötig zu kaufen, obwohl die Erklärung dies nur implizit sagt.“ (ebd.)

Sie nennt also die Wackelkandidaten nicht, obwohl sich an den Risikoprämien genau ablesen läßt, um wen es sich handelt.

Das ist aber nur ein Teil des Problems, der durch diese mickrige Zinserhöhung hervorgerufen wurde.

2. Wettlauf der imperialistischen Blöcke: Wer bietet mehr?

„Die Fed genehmigt die größte Zinserhöhung seit 1994, um die Inflation zu bekämpfen. Die Zentralbank erhöht den Preis des Geldes um 0,75 Punkte auf 1,75 %.“ (El País, 15.6.)

Daß das gegen die Inflation irgendetwas helfen wird, glauben nur Menschen, die auch an den Weihnachtsmann glauben. Diese Schimäre der Inflationsbekämpfung durch Zinserhöhungen dient nur mehr als ziemlich verbrauchtes Feigenblatt für die Konkurrenz der Währungen um das weltweit herumschwappende Finanzkapital, das nur zwei Momente vor Augen hat: Risiko und Zinshöhe.

Japan hat 0,1% Minuszinsen, das Land ist mit 270% seines BIP verschuldet und erhält Kredit nur mehr im Inland. Wenn z.B. die Fed japanische Staatsschuld aufkauft – wie das in der Vergangenheit öfter vorgekommen ist –, so sind das politische Stützungskäufe, um Japan als Verbündeten zu erhalten und an einer Annäherung an China zu hindern.
Aber vom Standpunkt der internationalen Finanzmärkte ist Japan abgemeldet, der Yen ist als Reserve- und auch als Handelswährung unattraktiv geworden. Deswegen gab es auch Verhandlungen mit China über Bartergeschäfte, und deswegen auch die Stützung durch die Fed, um das zu verhindern.

Jetzt hat also die Fed als Reaktion auf die Zinserhöhung der EZB gleich einen Schritt im Sinne von „Nicht Kleckern, Klotzen!“ gesetzt. Sie hat damit eigentlich der Eurozone den Fehdehandschuh hingeworfen und damit einen Wettlauf eingeleitet, wer sich das eigentlich leisten kann: Die Neue oder die Alte Welt?
Seit ca. einem Jahr sinkt der Euro gegenüber dem Dollar und nähert sich der Parität an. Derzeit notiert 1 Dollar mit 0,95 €, das kann sich aber bald ändern, wenn die Eurokrise wieder kommt und für die Finanzanleger der Dollar sowohl nach Risiko als auch nach Zinshöhe wesentlich attraktiver wird.

Dazu kommt noch die drohende Rezession hüben und drüben des großen Teiches und die immer weiter fortschreitende Inflation aufgrund des Höhenfluges der Energiepreise, den die westlichen Nationen aufgrund ihrer Sanktionspolitik selber hervorgerufen haben und weiter hervorrufen.

An dieser Bewegung nach oben ändern die Zinsänderungen der Notenbanken nichts.

Aber auch damit sind die Folgen der 0,25%-Erhöhung nicht alle erfaßt.

3. Börsenflaute

Die meisten wichtigen Börsen der Welt gingen nämlich zunächst abwärts.
Aus mehreren Gründen.
Erstens stehen unter den Wertpapieren die festverzinslichen, also Anleihen, in einem Konkurrenzverhältnis zu den Aktien. Wenn man mit Anleihen hohe Zinsen erzielen kann, so hat die Aktienspekulation weniger Akteure, weil viele den sicheren Hafen der garantierten Gewinne vorziehen. Umgekehrt-umgekehrt: Die Finanzkrise hat das Vertrauen in den sicheren Hafen erschüttert und die Zinsen sind ins Bodenlose gefallen, was die Aktienspekulation beflügelt hat.
Inzwischen haben die Notenbanken ihre Anleihen garantiert, also haben diese ihre sichere-Hafen-Funktion zurückerlangt. Wenn jetzt noch die Zinsen steigen, so zieht ein guter Teil derjenigen Meute, die zu viel Geld hat, von den Share- in die Bond-Märkte und die Aktienspekulation verliert an Treibstoff.

Viel von den Gewinnen der letzten Jahre beruhte auf Schwindel, der von allen Akteuren mitgetragen wurde: Gewinne wurden künstlich aufgeblasen, Verluste in Bilanzen versteckt, und wenn gar kein Gewinn da war, so wurden Schulden aufgenommen, um dennoch Dividenden zahlen und ein Plus vorweisen zu können. Dieses ganze Treiben konnte dann noch in Hochglanzbroschüren durch Börsenexperten-Hofdichter weiter beschönigt werden. Gut erkennbar war das z.B. am Fall Wirecard u.a.
Wenn jetzt ein guter Teil des Finanzkapitals die Aktienmärkte verläßt, so ist zu befürchten, daß in der darauffolgenden Ebbe viel von diesem Schwindel, sozusagen finanzielle Wasserleichen, ans Tageslicht kommt.

Schließlich stehen der westlichen Welt aufgrund des Ukraine-Krieges und der gestiegenen – und weiter steigenden – Energiepreise magere Jahre bevor, die überhaupt die Börsen alt ausschauen lassen könnten …

Dann kann noch dazu eine Fluchtbewegung aus Währungen entstehen, die schlecht ausschauen, wie dem Euro und dem Yen, die weitere Folgen auf das Börsengeschehen haben könnten.

102 Gedanken zu “Zinserhöhungen

  1. „Die USA und die EU stehen vor der Aufgabe, die Preise zu senken, ohne in eine Rezession zu verfallen“ (El País, 17.6.)

    Daraus wird nix, das läßt sich bereits jetzt sagen.

    Um die Energiepreise zu senken und damit den Rest der Waren, müßten sich diese beiden Blöcke mit Rußland einigen, was sie um keinen Preis wollen.
    Die Rezession hingegen steht bereits vor der Tür und wird durch Maßnahmen wie Zinserhöhungen nur verstärkt.

  2. Zusatz – der Bitcoin-Markt crasht,  – Denn:

    "Krypto-Anlagen sind kein Billionen-Geschäft mehr. Der Wert aller digitalen Währungen, mittlerweile sind es rund 20 000, ist nach dem jüngsten Kurseinbruch kumuliert nicht mehr 1000 Milliarden Dollar wert. Im November 2021 waren es noch mehr als das Dreifache gewesen. Der Bitcoin hat in den vergangenen drei Tagen über 20 Prozent eingebüsst und notierte nun unter 23 000 Dollar. Bei anderen bekannten Kryptowährungen wie Ether und Solana sind die jüngsten Wertverluste noch gravierender. Viel Kritiker sehen das von ihnen schon lange beschworene Ende des «Schneeballsystems Krypto» nahen.

    https://www.nzz.ch/finanzen/investoren-trennen-sich-von-risikobehafteten-anlagen-der-bitcoin-faellt-und-faellt-und-notiert-bereits-auf-unter-23-000-dollar-ld.1688736

    Dass man irgendwas zu Geld machen kann, ist allerdings keine Besonderheit dieses Marktes, denn dass Preissteigerungen.B. bei Kunstobjekten irgendwas mit deren Botschaft oder kunstfertiger Technik zu tun habe, das glaubt doch auch keine Sau….

    https://www.nzz.ch/finanzen/devisen/bitcoin-hat-keinen-wert-und-keine-zukunft-ld.1653625

    https://de.gegenstandpunkt.com/artikel/alles-gutes-geld

  3. Der Verweis auf den Kunstmarkt ist passend, weil der wird ja auch als Investitions-Sphäre gesehen, wo man ähnlich wie bei Tulpenzwiebeln aus einem relativ einfach herzustellenden Objekt (moderne Kunst) eine Riesen-Sache machen, oder ein bereits hergestelltes Objekt (alte Bilder) preismäßig in die Höhe treiben kann.

  4. "Dass man irgendwas zu Geld machen kann, ist allerdings keine Besonderheit dieses Marktes, denn dass Preissteigerungen.B. bei Kunstobjekten irgendwas mit deren Botschaft oder kunstfertiger Technik zu tun habe, das glaubt doch auch keine Sau…."

    1. "Irgendwas" kann man nicht zu Geld machen, sonst könnte das jeder. Es muss schon etwas sein, das nicht beliebig vermehrbar ist und das eine zahlungsfähige Nachfrage auf sich zieht.
    2. Na dann ist es ja ein Glück, dass außer dir auch keiner behauptet, der Preis hätte was mit der Botschaft zu tun.

    Bei Marx gibt es die Kategorie des Monopolpreises, in welche die Kunstprodukte gehören. Dafür gibt es drei Bedingungen.

    1. Die Sphäre muss in der Lage sein, sich der Reduktion der Profit auf den Durchschnittsprofit zu entziehen. Dies trifft zu, wenn ein Produkt nicht beliebig vermehrbar ist, der Eigentümer also ein Monopol hat. Es ist also nicht die Botschaft oder Virtuosität des Handwerks, die das Monopol begründet, sondern schlicht, dass die Werke eines Künstlers nicht beliebig vermehrbar sind. Deshalb  spielt es auch eine große Rolle, ob es sich um ein Original handelt.

    "Ein Surplusprofit kann aber außerdem noch entstehn, wenn gewisse Produktionssphären in der Lage sind, sich der Verwandlung ihrer Warenwerte in Produktionspreise und daher der Reduktion ihrer Profite auf den Durchschnittsprofit zu entziehn. MEW 25 S.209"

    2. Bedingung ist eine existierende zahlungskräftige Nachfrage. Und natürlich kann ein Monopolpreis der sich vom allgemeinen Produktionspreis losgelöst hat und nur durch die Kauflust der potenten Geldbesitzer bestimmt wird, eh nur durch den Mehrwert bezahlt werden den Kapitalisten einstreichen.

    Die 3. Bedingung wäre also die Existenz einer Klasse, deren Reproduktion nicht durch v beschränkt ist, die also nicht auf ihre Arbeitskraft als Einkommensquelle verwiesen ist, sondern die ihr Einkommen aus der Ausbeutung von Arbeitskraft bezieht. Nur eine solche Klientel kann sich eine Preisschlacht um die einmaligen, originalen Gemmen der kapitalistischen Produktion überhaupt leisten.

    "Wenn wir von Monopolpreis sprechen, so meinen wir überhaupt einen Preis, der nur durch die Kauflust und Zahlungsfähigkeit der Käufer bestimmt ist, unabhängig von dem durch den allgemeinen Produktionspreis, wie von dem durch den Wert der Produkte bestimmten Preis. Ein Weinberg, der Wein von ganz außerordentlicher Güte erzeugt, Wein, der überhaupt nur in relativ geringer Quantität erzeugt werden kann, trägt einen Monopolpreis. Der Weinzüchter würde infolge dieses Monopolpreises, dessen Überschuss über den Wert des Produkts allein durch den Reichtum und die Liebhaberei der vornehmen Weintrinker bestimmt ist, einen bedeutenden Surplusprofit realisieren. MEW 25 S.783"

  5. Mir ist nicht ganz klar, wie man diese Ausführungen zum Monopolpreis – die den Kunstmarkt treffen – auf die Kryptowährungen umlegen kann?

  6. "Vom Bitcoin bis zur Industriebeteiligung wird alles unter ein und dasselbe Urteil subsumiert und nach den Kriterien erwarteter Sicherheit und Rendite als Anlageobjekt in Augenschein genommen. Zur Vermehrung ihres und des von ihnen verwalteten Geldreichtums der Gesellschaft schichten die Finanzmarktakteure ihre Vermögen beständig um, vergleichen die Kapitalqualität verschiedenster Investments, spekulieren auf deren Zukunft, ziehen das Geld bei Bedarf auch wieder ab, um es gleich in das nächste Anlageobjekt zu stecken, und stellen  damit beständig das maßgebliche Urteil über den ökonomischen Nutzen und die Zukunftsaussichten eines jeden Vehikels ihrer Spekulation her. Die überwiegende Mehrheit, die sich daran aus Mangel an Vermögen nicht beteiligt, geht all das nichts an – einerseits. Andererseits ist sie in ihrer Eigenschaft als Mieter, Häuslebauer, lohnabhängige Dienstkraft, Konsument, Sparer usw. als nützliches Anhängsel verplant für die Haltbarkeit der unzähligen Renditeerwartungen von Finanzinvestoren und daher praktisch immerzu von deren Anlageentscheidungen betroffen."

    https://de.gegenstandpunkt.com/artikel/alles-gutes-geld

    "Geldanlage" -als Thema – das  betrifft in der Tat nicht jedermann. Erkleckliche Massen der Leute haben im Todesfall gar nichts zu vererben. Sondern massig Schulden aufgehäuft. Solch erbärmliche Armut zeigt sich derzeit, wenn angesichts der derzeitiger  Preissteigerungen manch notwendiges Zubehör proletarischen Konsums gecancelt oder verschoben wird (vom Urlaub bis zur Sofagarnitur…)

    Aber umständehalber kommen auch die einen oder anderen aus solchen Kreisen,  die früher mal "Mittelschicht" genannt wurden, mal in den Besitz von 10.000 EUR;  auch zum Erwerb mancher Güter schätzt so jemand zwischendurch sein Kleingeld mal auf.  Und will es zwischendurch anlegen, als Variation seiner eigenen Lebensplanung. Gerade Bitcoins scheinen gerade bei Youngstern dafür enorm beliebt gewesen zu sein,  und dass die spätere Rente hinten wie vorne nicht reiche, das wird ja überall verlautbart. Sowohl das Hergeben seiner Ersparnisse für Bitcoins als auch das derzeitige Resultat: die Knete ist weitgehend futsch, führt im Regelfall jedoch nicht zur Einsicht, dass man die gesellschaftlichen Verhältnisse selber in die Hand nehmen müsse, und sie umstürzen müsse, Obendrein, wie oben erläutert,  wird man selbst als Mieter davon betroffen gemacht, wenn die Millionen-Bitcoin-Geldanlage des Wohnungsinvestors in die Binsen gegangen ist…

    [Ich wollte deine Ausführungen also nur darin ergänzen, dass es sich hier nicht um ein "Luxus-Problem" des Geldadels handelt. – Ja, das hast du auch nicht behauptet.]

    Dass die verschiedenen Geldanlage-Möglichkeiten aktuell anders begutachtet (bzw. ‘geschlecht’achtet) werden, also aktuell kritisch(er) beäugt werden, das liegt daran, dass Festgeldanlage wieder interessanter wird. Und obendrein wird insgesamt eine Rezession im kapitalistischen Konjunkturverlauf erwartet, weil in die Gewinnerwartungen der höhere Zins und eine zukünftig striktere staatliche Schuldenpolitik eingepreist sein muss, was schon dadurch manche kapitalistische Gewinnerwartung auf noch weiteren Kredit verweist, was …. ….

  7. Den Verweis auf den Kunstmarkt bzw. Lesers Ansicht man müsse einer vorgestellten Behauptung widersprechen, dass Kunstwerke wegen ihrer Botschaft oder ihrer Kunstfertigkeit hohe Preise erzielen, fand ich ein wenig zu locker vom Hocker. Deshalb die Aufklärung wie die Preise auf diesem Markt bestimmt sind. Wenn ihr da jetzt Differenzen zum Bitcoin entdeckt, dann war das durchaus beabsichtigt.

    Tulpenzwiebeln waren Spekulationsobjekte. Meines Wissens hat man auf das Auftreten seltener Farben und Kreuzungen spekuliert. Wie so eine Tulpe später aussieht, kann man an der Zwiebel nicht erkennen. Es wird auf einen zukünftigen Gewinn spekuliert, den die Tulpe einbringen kann und soll.

    Beim Wein ist das normalerweise nicht so, denn der soll ja getrunken werden und er verdirbt auch mit der Zeit. Einige Sorten schneller als andere. Ein Bild bringt auch keinen Gewinn hervor. Das bleibt ein Bild. Der Preis ergibt sich aus der Konkurrenz der zahlungsfähigen Nachfrager. Natürlich kann man darauf wetten, dass diese Konkurrenz die Preise in die Höhe treibt. 

    Da hat jetzt Leser ein gutes Zitat gebracht. Denn unter dem Gesichtspunkt Anlageobjekt zu sein, wird alles gleich. Welchen ökonomischen Grund das Plus oder Minus hat interessiert nicht die Bohne. Es interessiert alleine die Differenz, die positiv ausfallen soll, das aber nur gelegentlich tut. Diesen Betrachtungsweise sollte man nicht theoretisch einnehmen, indem man alles was als Spekulationsobjekt benutzt werden kann in einen Topf packt.

    "Gerade Bitcoins scheinen gerade bei Youngstern dafür enorm beliebt gewesen zu sein,  und dass die spätere Rente hinten wie vorne nicht reiche, das wird ja überall verlautbart."

    Das wäre auch ein Unterschied zum Kunstmarkt. Denn Bitcoins sind ausschließlich als Geldanlage bzw. als Spekulationsobjekt beliebt. Die sind so immateriell, dass man sie noch nicht mal betrachten kann. Die sind noch nicht mal ne Währung hinter der der Staat steht, sondern quasi die Idee des Spekulationsobjekts bei dem Beteiligten auf die Nachfragebewegung wetten, die sie selbst herstellen.

  8. Aber die Ausführungen von Marx und auch die Kunstobjekte und sogar die Tulpenzwiebel beziehen sich auf eine Ware, die aus verschiedenen Gründen zu einem Spekulationsobjekt wird und deshalb Preise erzielt, die mit ihren Herstellungskosten nichts zu tun haben.

    Ich hatte

    @Kehrers Bemerkung

    "Irgendwas" kann man nicht zu Geld machen, sonst könnte das jeder. Es muss schon etwas sein, das nicht beliebig vermehrbar ist und das eine zahlungsfähige Nachfrage auf sich zieht.

    so verstanden, daß er damit den Vergleich von Bitcoin und Kunst zurückweisen wollte, weil beim Kunstgegenstand eben eine reale Sache gehandelt wird.

    Jetzt schreibt der selbe:

    unter dem Gesichtspunkt Anlageobjekt zu sein, wird alles gleich.

    Das denke ich, war ja auch

    @Lesers Gedanke, als er schrieb:

    Dass man irgendwas zu Geld machen kann, ist allerdings keine Besonderheit dieses Marktes,

    was ja Kehrer nicht gefiel!

    Mir haben auch junge Leute Bitcoin als die Währung der Zukunft charakterisiert, aber nicht wegen der Rente.
    Einer meinte, die Kriminalität werde zunehmen, weil normale Jobs rar werden, und für die Kriminellen ist das Darknet und die Kryptowährungen unverzichtbar.

    Der andere meinte, die Fähigkeit der Staaten, die auf Schulden beruhende Währung ewig zu garantieren, würde einmal kippen und dann blieben nur virtuelle Währungen übrig.

    Meine Stellung in der Frage ist, daß Geld eine Gewalt braucht, die die Leute auf dieses allgemeine Äquivalent und Zahlungsmittel verpflichtet. Angebot und Nachfrage genügen hier nicht. Die Kryptowährungen können deshalb nur im Schatten der vorhandenen Staatspapiergelder florieren und können sie nicht ersetzen.

  9. Ralf Streck: EZB rudert wegen Angst vor neuer Schuldenkrise zurück. Notenbank verkündete erst Stopp der Anleihekäuf, beschließt aber auf Krisensitzung wegen steigender Staatsanleihen-Zinsen wieder Anleihen zu kaufen; FED legt Vollbremsung hin.

    "Erst kürzlich hatte die Europäische Zentralbank (EZB) nach viel zu langem Zögern eine leichte Abkehr von der Null- und Negativzinspolitik sowie der Geldschwemme angekündigt, die seit 14 Jahren die EZB-Geldpolitik bestimmen. Damit wollte die EZB, angesichts der Rekordinflation von offiziell 8,1 Prozent, eine zaghafte geldpolitische Wende einleiten.  (…)  Klar war, dass real die Anleihekäufe nicht einmal eingestellt werden sollten. Denn fällig werdende Anleihen sollten noch mindestens bis 2024 reinvestiert wissen. [… refinanziert werden? Leser] Es sollten also weiter Anleihen gekauft werden. Da aber mit den Ankündigungen der Zentralbank die Zinsen für Staatsanleihen von Schuldenländern wie Italien seither wieder deutlich angestiegen sind, rudert die EZB aus Angst vor dem Aufflammen einer neuen Schuldenkrise auch in dieser Frage längst wieder zurück. (…)"

    https://www.heise.de/tp/features/EZB-rudert-wegen-Angst-vor-neuer-Schuldenkrise-zurueck-7144997.html?seite=all

    Das schaut nach einem stärkeren Gegensatz – nicht mehr innerhalb Europas aus. Sondern nach einem Zinsgefälle zwischen USA und Europa, – und einer Delle für den Euro insgesamt in seiner Stellung auf dem Weltkapitalmarkt.

  10. "(…) Zudem wurde (am Mittwoch im EZB-Rat) über neue Instrumente diskutiert, um die Fragmentierung der Eurozone, sprich ein Auseinanderdriften der Anleiherenditen zu verhindern. Die Medien sprechen von einem "Geheimplan für Europa". Die Währungshüter wollen vorerst möglichst keine Details verraten. Sie befürchten, dass die Marktteilnehmer dann die Notenbank auf die Probe stellen würden."  https://www.tagesschau.de/wirtschaft/finanzen/euro-schuldenkrise-ezb-italien-anleihenmarkt-zinsen-zinswende-101.html

    Ulrike Herrmann:  EZB-Hilfen für Italien und Griechenland: Vermeidbare Panik.             An der Fast-Eurokrise hat die EZB Schuld. Sie hatte Zweifel an Staatsanleihen aus Ländern wie Italien oder Griechenland gesät.   https://taz.de/EZB-Hilfen-fuer-Italien-und-Griechenland/!5858376/

    https://taz.de/EZB-unterstuetzt-Suedeuropa/!5861638/

    Die gegensätzlichen Interessen im Euro-Raum müssten durch die EZB nur besser miteinander “kommuniziert” werden – und dann ginge alles schiedlich-friedlich und harmonisch auf, was da so an gegensätzlichen Gewinnerwartungen europaweit bzw. weltweit kapitalistisch unterwegs ist?

  11. Rußland will die nächte Tranche seiner Staatsschuld in Rubeln auszahlen, mit einem Mechanismus ähnlich dem der Energiezahlungen.

    Eine Frage ist, ob die Gläubiger das annehmen, und wenn nicht, was ein Zahlungsausfall für das internationale Finanzsystem bedeuten würde, vor allem für den Euro.

  12. @Leser

    fällig werdende Anleihen sollten noch mindestens bis 2024 reinvestiert wissen. [… refinanziert werden? Leser

    Gemeint ist offenbar, daß die Schuldensumme nicht reduziert werden soll, sondern die Gläubiger (= die EZB) von dem Geld wieder Anleihen kaufen werden.

    Diese Ausdrucksweise ist einerseits der Beweis, daß die obersten Währungshüter zwischen Investment und Schulden gar nicht mehr unterscheiden können und zweitens das Eingeständnis, daß die EZB bisher die Wackelstaaten kreditmäßig am Leben erhalten hat.

  13. "so verstanden, daß er damit den Vergleich von Bitcoin und Kunst zurückweisen wollte, weil beim Kunstgegenstand eben eine reale Sache gehandelt wird."

    Hier wollte ich nicht auf den Unterschied real oder ideell raus, sondern darauf, dass es eben nicht "irgendwas" beliebiges ist, das man zu Geld machen kann. Es muss schon eine zahlungsfähige Nachfrage danach geben und im Fall des Monoplopreise, darf dieses etwas auch nicht durch allgemein menschliche Arbeit beliebig vermehrbar sein. Also nicht irgendwas, sondern etwas auf das diese zwei Bestimmungen zutreffen.

    Mein Plädoyer ging dahin Kunst, Wein und Bitcoin nicht gleich zu machen, weil man mit Geld darum eine Konkurrenz austragen kann. Denn beim Wein ist der Grund der Nachfrage der Genuss den die betuchten Weintrinker haben. Ein Erwerber von Bitcoin will kein materielles Bedürfnis befriedigen, für ihn ist der Kauf von Bitcoin bloß eine Wette um das Steigen seines Kurses. Die Gemeinsamkeit ist bloß, dass mit Geld darum konkurriert wird.

  14. @Kehrer

    Es sollten ja auch diese Dinge nicht gleichgesetzt, sondern nur Gemeinsamkeiten zwischen ihnen festgehalten werden. Das schließt natürlich ein, daß es Unterschiede auch gibt. Das Gemeinsame ist, daß sie Objekte der Spekulation sind, also nicht einfach „etwas zu Geld gemacht“ wird, sondern der Preis sich von allen materiellen Werten, Erzeugungskosten emanzipiert.

    Was die Attraktivität von Bitcoin angeht, so ist es unrichtig, die auf das Spekulationsinteresse zu reduzieren. Wenn die Türkei oder El Salvador es als Zahlungsmittel oder Devisenersatz zulassen, so haben sie gerade nicht das Moment der Spekulation im Auge, sondern das Bitcoin soll sich als werthaltiger als die eigene Währung erweisen, bzw. Devisenmangel und Kapitalflucht bekämpfen.

    Dazu kommt die Unterwelt, das Darknet usw., für die ist es ein Zahlungsmittel, das sich der Kontrolle durch eine ausgebende Nationalbank entzieht.

  15. Fed-Chef will Zinserhöhung um einen Prozentpunkt nicht ausschließen

    Jerome Powell, der Vorsitzende der US-Notenbank, will die hochgeschossene Inflation rasch senken. Er stellt weitere zügige Zinsanhebungen in Aussicht

    Die US-Notenbank wird sich laut ihrem Chef Jerome Powell mit entschlossenem Handeln dafür einsetzen, die hochgeschossene Inflation zu senken. Die Währungshüter gingen zügig vor, um dies zu erreichen, erklärte Powell am Mittwoch in seiner halbjährlichen Anhörung im US-Kongress. "Es ist wichtig, dass wir die Inflation herunterbringen, wenn wir eine anhaltende Phase starker Arbeitsmarktbedingungen haben wollen, die allen zugutekommt", sagte er im Bankenausschuss des Senats.

    Das Ziel sei, die Inflation auf zwei Prozent zu drücken, während der Arbeitsmarkt stark bleibe. Die Notenbank wolle die Inflation senken, ohne eine Rezession auszulösen. "Wir tun, was wir können", sagte Powell.

    https://www.derstandard.at/story/2000136801037/fed-chef-will-zinserhoehung-um-einen-prozentpunkt-nicht-ausschliessen

    Viel können sie ja nicht, aber für eine Währungskonkurrenz reicht es allemal.

  16. "Was die Attraktivität von Bitcoin angeht, so ist es unrichtig, die auf das Spekulationsinteresse zu reduzieren. Wenn die Türkei oder El Salvador es als Zahlungsmittel oder Devisenersatz zulassen, so haben sie gerade nicht das Moment der Spekulation im Auge, sondern das Bitcoin soll sich als werthaltiger als die eigene Währung erweisen, bzw. Devisenmangel und Kapitalflucht bekämpfen."

    Also der Bitcoinkurs reduziert sich nicht auf das  Spekulationsinteresse, weil El Salvador drauf spekuliert, dass sein Kurs weniger sinkt als die eigene Währung? Ich würde da umgekehrt auf die erbärmliche Güte der Währung von El Salvador schließen, als auf die Werthaltigkeit von Bitcoin.

    Wert hat der Bitcoin sowieso nicht, weil er kein Arbeitsprodukt ist. 

    Viel können sie ja nicht, aber für eine Währungskonkurrenz reicht es allemal.

    Allerdings. Die EZB wird dem nicht folgen, weil das hierzulande Pleiten auslöst. Dann gäbe es wieder eine Finanzkrise. Das heißt Kapital fließt in die USA. Der Dollar steigt. Und in der EU geht die Inflation weiter, weil die dummen Deutschen und die EU weiterhin von russischer Energie unabhängig sein wollen und dabei ihre Konkurrenzfähigkeit einbüßen. Na immerhin fällt dann der Euro und dadurch werden die Waren aus der EU wieder billiger. Allerdings reduziert das auch den gesamte Reichtum der sich in Euro darstellt.

  17. Anlässlich von G7-Gerüchten, Russland solle der Goldexport verunmöglicht werden: Welche Funktion hat heutzutage denn weltweit das Gold überhaupt?

    Ein (anderer) Leser  bezweifelt: „dass bloß, weil es keine Goldwährung, Golddeckungs- oder Goldkernwährung mehr gibt, die sog. reelle Geldware abgedankt habe. Der Staat alleine könne seinen Wertzeichen keinen Wert verleihen.“ Die GSP-Redaktion antwortete in 3/2001: Die „politökonomische Substanz“, von der du weißt, dass sie im Geld „vergegenständlicht“ vorliegt, ist nichts anderes als das Gewaltverhältnis, das die kapitalistische Gesellschaft beherrscht. (Diesen Text hat der GSP wohl noch mal überarbeitet, jedenfalls ist er online nicht aufrufbar.) Sondern: https://de.gegenstandpunkt.com/artikel/wert
    https://wissenundkritik.de/wp-content/uploads/2021/02/Zum-Wert-I-Jour-fixe-12.4.2010.pdf
    https://wissenundkritik.de/wp-content/uploads/2021/02/Zum-Wert-II-Jour-fixe-26.4.2010.pdf

    Oder, andere Frage: Russland soll vom weltweiten Kapitalverkehr abgeschnitten werden, und für Kapitalimport benutzt es anscheinend auch Goldvorräte.  Außer durch Gelder, die es über den Verkauf von Rohstoffen erhält, scheint es sonstige internationale Geldmittel ja kaum zu erhalten. https://de.gegenstandpunkt.com/artikel/kapitalisierung-russlands-marktwirtschaft-vom-feinsten#section15
    Russischen Zugriff auf weltweite Waren zu verunmöglichen, die Russland für seine industrielle Entwicklung benötigt – ist das der Zweck des G7-Goldkriegs?

    Dass der westliche Imperialismus geschwächt sei, und solchen Goldkrieg verlieren müsse, – das meint die jw. https://www.jungewelt.de/artikel/429213.alles-auf-risiko.html?sstr=Gold. Ob das so stimmt?

  18. @Kehrer

    Ich würde da umgekehrt auf die erbärmliche Güte der Währung von El Salvador schließen, als auf die Werthaltigkeit von Bitcoin.

    Es geht nicht um die Güte oder den Wert, sondern um den Zweck, zu dem das Bitcoin gekauft wird. Es soll Tausch- und Zahlungsmittel sein, und natürlich war gedacht, daß es im Wert steigt, aber das ist zweitrangig.

    @Leser

    Gold soll offenbar für Rußland Devisen im internationalen Zahlungsverkehr ersetzen. Was das angestrebte Verbot angeht, so kann „der Westen“ mit seinen Sanktionen auch nur so viel erreichen wie mit den bisherigen: Indien oder China, auch andere fernöstliche Staaten werden sich nicht an Embargos halten, und letztlich schießt sich der Westen auch hier wieder ins Knie, weil sich bei solchen Aktionen zeigt, wie begrenzt seine Macht ist.
    Was auch noch interessant wird, ist die Rolle von Gold überhaupt, wenn es wieder zu einer Euro-Währungskrise kommen sollte.

  19. Angeblich haben die Sanktionen des Westens sogar den Wert des Rubel ansteigen lassen.   Warum das denn?  https://www.tagesschau.de/wirtschaft/finanzen/rubel-russland-sanktionen-101.html

    Russland habe aufgrund der gestiegenen Preise sogar mehr Erlöse erzielt, obwohl es weniger abgesetzt habe. (Gerüchteweise verdiene Russland auch deswegen mehr, weil es die fürs offizielle Westgeschäft gedrosselten Exporte nun auf dem Spot-Markt zu erhöhten Preisen – übrigens an denselben Westen – verkauft habe….) Außer Spekulationen habe ich darüber aber nichts gefunden. Sondern dies:

    “Die ungewöhnlich aggressiven Maßnahmen Russlands, die verhindern sollten, dass Geld das Land verlässt, in Kombination mit einem dramatischen Anstieg der Preise für Brennstoffe auf dem Weltmarkt, haben eine höhere Nachfrage nach Rubel geschaffen. Zu den Maßnahmen der russischen Regierung zählt unter anderem die Verpflichtung von Käufern ihre Rohstoffe wie Öl und Gas in russischer Währung zu bezahlen – aber auch der zeitweise Zwang, dass russische Unternehmen große Teile ihrer Deviseneinnahmen in Rubel umzutauschen hatten. Aber aktuell treiben wohl vor allem die hohen Rohstoffpreise auf dem Weltmarkt den russischen Rubel weiter an. (…). Ein zweiter Effekt hilft dabei den russischen Rubel zu stärken. Der Westen stellt so viel wie möglich Technologietransfer Richtung Russland ein seit dem Ausbruch des Angriffskriegs gegen die Ukraine. Das bedeutet deutlich weniger westliche Warenexporte nach Russland. Folglich müssen russische Importeure weniger Geld ins Ausland überweisen. Sie müssen also weniger Rubel in Fremdwährungen tauschen, was den Rubel stärkt. In den ersten vier Monaten des Jahres stieg der russische Handelsbilanzüberschuss – also die Differenz zwischen Exporten und Importen – auf einen Rekordwert von 96 Milliarden Dollar!”
    https://finanzmarktwelt.de/russischer-rubel-staerkste-waehrung-2022-gruende-238049/

    “(…) Zu Beginn des Krieges wertete der Rubel vorhersehbar stark ab. Neben der großen Unsicherheit eilten viele Russen zu den Banken, um Devisen zu kaufen oder vorhandene Ersparnisse umzutauschen, was den Wechselkurs weiter ansteigen ließ. Die Panik war einer der Hauptgründe für den Anstieg der Warenpreise.
    Heute ist der Rubel gegenüber dem Dollar so stark wie seit 2015 nicht mehr. Dies ist vor allem auf zwei Faktoren zurückzuführen: die weltweit hohen Öl- und Gaspreise und die Kapitalverkehrskontrollen. (…)”. https://www.cicero.de/wirtschaft/russische-rubel-waehrung-im-hoehenflug-sanktionen-paradoxon

    —–

    Aus dem neuen GSP: https://de.gegenstandpunkt.com/artikel/wirtschaftskrieg

  20. Gold ist einerseits eine zu verkaufende Ware, bzw. ein Rohstoff, der in die Produktion eingeht, und für den man Weltgeld hinlegt, weil man diesen Stoff im eigenen Produktionsprozess braucht.  Und andererseits ist Gold  die Ware, mit der andere Geschäfte bezahlt werden können. In Verlängerung dieser Funktion gilt es als die absolute Ware, die weltweiten Zugriff auf alles ermöglichen soll.  Als solche Ware hatte das Gold früher eine viel wichtigere Funktion, weil heute braucht man für diesen Zweck Weltgeld. Und normalerweise – heutzutage – fast nie Gold.

    Die bisherigen Verbote des Westens hat Russland mit der Pflicht gekontert, sein Öl nicht in Dollars, sondern in Rubel bezahlen lassen zu müssen. Das hat einerseits den Rubel aufgewertet, ihm andererseits nicht den Status eines wirklichen Weltgeldes verliehen. Er ist immer noch vor allem in Russland gültig. Zwecks Bezahlung industrieller Güter, Hi-Tec, Computerkrams etc. braucht Russland aber Weltgeld, denn selbst die Chinesen oder Inder dürften mit dem Aufschatzen russischer Rubel in ihren Nationalbanken (falls die Geschäfte insgesamt mit Russland ausgeweitet werden, dann fallen auch mehr russische Gelder in diesen Ländern an, denn es geht ja nicht nur ums Verkaufen von russischem Gas, sondern auch um das Einkaufen von Russland in diesen Ländern….) nur sehr eingeschränkt zufrieden sein, weil ihnen das zwar weiteres Geschäft mit Russland ermöglicht. Aber eben auch nur mit Russland, weil der Rubel eben trotzdem kein Weltgeld ist.

    Rubel für den inneren Verkehr, um Geschäfte innerhalb Russlands besser zu ermöglichen, kann die russische Nationalbank bekanntlich schlicht selber mehr drucken. Den “Wert” des Rubels (die Höhe des Rubelpreises international) hat Russland aber auch der Wertschätzung durch die weltweiten Geldmärkte überantwortet: freie Konvertibilität aller Währungen. (was einschließt, dass bei Panikzuständen u.ä. dgl. auch mal für ein paar Tage zwecks Marktberuhigung außer Kraft gesetzt werden kann. Dauert das länger, dann beruhigt es gar niemanden mehr…) Die international bilanzierenden Geldmärkte konnte bisher überzeugen, dass die Nachfrage nach Rubel gestiegen ist, weil Russland für den Export von Öl und Gas nun neuerdings, als Gegenschlag, ausschließlich Rubel verlangt hat. Da der Preis von Öl und Gas enorm gestiegen ist, sind dadurch sehr viele Rubel nachgefragt worden, das hat das russische Gelddrucken also ein Stück weit “kompensiert” in seinen Auswirkungen auf den Kurs des Rubel. Da der Westen eine längerfristige Schädigung Russlands vorhat, ist er nun auf das Verbot des russischen Goldexports gekommen. (Ein Land, das internationale Geschäfte vor allem mit dem Export von Rohstoffen erzielt, bewerkstelligt damit nicht, dass sein nationales Geld international als Weltgeld gilt.)

  21. "(…) Ein hochrangiger US-Regierungsmitarbeiter sagte am Sonntag in einer Telefonschalte mit Journalisten, die G7-Staaten würden den Importstopp offiziell am Dienstag verkünden, dem letzten Tag des Gipfels auf Schloss Elmau. „Damit wird Russland weiter von der Weltwirtschaft isoliert.“ Gold sei für Russland nach Energie das zweitwichtigste Exportgut. (…) Künftig seien weitere Schritte zu erwarten, „die den Druck auf Putin und Russland kontinuierlich erhöhen sollen“, sagte der Regierungsvertreter.”

    https://www.focus.de/finanzen/boerse/f100/biden-kuendigt-verbot-von-gold-importern-aus-russland-an_id_107991614.html

  22. Die Goldkäufe auf der Welt sind angeblich zu 60% von der Schmuckindustrie, und dann noch von anderen Industrien, für Legierungen, Zahnersatz usw. Als Reserve und Zahlungsmittel hat Gold ziemlich ausgedient.
    Die Haupt-Käufer sind Indien und China, und da wird der Westen vermutlich seine nächste Niederlage einfahren, weil die lassen sich sicher nix dreinreden.

    Vermutlich ist das ganze ein von den USA lancierte Aktion, von Australien gestützt, weil auf diese 2 Staaten 25% der Goldexporte weltweit entfallen. Und wenn der Goldpreis steigt, so profitieren die beiden enorm.

    Bei den ganzen Sanktionen geht es, so scheint es mir langsam, nur vordergründig um Rußland, aber in Wirklichkeit ist das alles ein probates Mittel zur Rohstoffspekulation, zu Lasten der EU.

  23. Russland wird erstmals seit 1918 zahlungsunfähig – was bedeutet das?

    Die russische Zentralbank hat in der Nacht auf Montag eine Frist für Zinszahlungen von 100 Millionen Dollar verstreichen lassen. Moskau sieht sich allerdings nicht als zahlungsunfähig. Was heisst das?

    In der Nacht auf Montag hat Russland eine Schonfrist von 30 Tagen verstreichen lassen, innerhalb deren das Land fällige Zinsen hätte begleichen müssen. Konkret hätte Moskau Zinsen von 100 Millionen Dollar für zwei Fremdwährungsanleihen zahlen müssen – 29 Millionen für eine auf Euro lautende Staatsanleihe (Laufzeit bis 2036) und 71 Millionen Dollar für ein bis 2026 laufendes Papier in Dollar.

    Die Anleger haben bis Montag vergeblich auf ihr Geld gewartet. Laut der Nachrichtenagentur Reuters gaben mehrere Investoren in Taiwan bekannt, dass sie die vereinbarten Zinszahlungen für ihre russischen Staatsanleihen nicht erhalten hätten. Es gibt auch keinerlei Anzeichen, dass die Zinszahlungen verspätet noch eintreffen könnten.

    Damit ist das Land im Prinzip «zahlungsunfähig». Es ist der erste Zahlungsausfall Russlands für Staatsschulden in Fremdwährungen seit 1918. Der Fall ist kompliziert, und die Folgen sind nicht ganz klar. Hier die wichtigsten Fragen und Antworten.

    (…)

    Russland ist aufgrund seiner Finanzlage eigentlich kein Fall für einen Staatsbankrott. Gemessen an der Finanzkraft Russlands sind die geschuldeten Zinsen unbedeutend. Das Land verfügt über genug finanzielle Mittel im In- und Ausland. Die russische Zentralbank ist laut eigenen Angaben im Besitz von Devisenreserven von knapp 600 Milliarden Dollar. Allerdings sind diese durch die Sanktionen mindestens zur Hälfte blockiert. Insgesamt rund 40 Milliarden Dollar der russischen Schulden lauten auf Dollar oder Euro; davon wird etwa die Hälfte ausserhalb des Landes gehalten.

    Haupteinnahmequelle für den Staat sind die grossen Mengen an Rohstoffen, die Russland ins Ausland verkauft hat. Dazu kommt, dass das Land im internationalen Vergleich nicht hoch verschuldet ist: Mit etwa 20 Prozent der Wirtschaftsleistung liegt die Schuldenquote deutlich niedriger als in vielen westlichen Industrieländern.

    (…)

    Es ist nicht auszuschliessen, dass Russland noch über mehrere Jahre von westlichen Finanzierungsquellen ausgeschlossen bleibt, sogar im Falle eines Waffenstillstandes. Ohne ausländische Investitionen lassen sich die Bestrebungen des Landes, von der vollständigen Abhängigkeit von Öl und Gas wegzukommen, kaum realisieren. Zumal der Wiederaufbau der angeschlagenen Armee bereits erhebliche Ressourcen benötigen dürfte.

    https://www.nzz.ch/finanzen/russland-ist-erstmals-seit-1918-zahlungsunfaehig-was-bedeutet-das-ld.1690820

    Der Schlußabsatz ist ein deutliches und grummeliges Eingeständnis, daß eigentlich der Schaden für Rußland nicht sehr groß ist und die Folgen für das westliche Finanzsystem noch nicht absehbar sind.

  24. Der Vorsitzende des russischen Parlaments Volodin weist darauf hin, daß der Euro bald wieder wackeln könnte und erinnert an die dort aufgehäuften Schuldenberge:

    Griechenland: 185% des BIP
    Italien: 150%
    Portugal: 121%
    Spanien: 116%
    Frankreich: 112%

  25. "Russland hat keinen neuen Versuch angekündigt, in letzter Minute noch einen neuen Zahlungsweg zu finden. Das Land sieht sich aber keineswegs als zahlungsunfähig. In einer Telefonkonferenz sagte Kreml-Sprecher Dmitri Peskow am Montag, Russland habe die fälligen Zinsen bereits am 20. Mai überwiesen, fünf Tage bevor das vom amerikanischen Finanzministeriums erlassene Transaktionsverbot für russische Zahlungen in Kraft getreten sei. «Wenn das Geld wegen der westlichen Sanktionen blockiert bleibt, ist das nicht unser Problem».

    Präsident Putin hatte vergangene Woche angekündigt, dass die Schuldverpflichtungen als erfüllt gelten, sobald eine Rubelzahlung in Höhe des fälligen Betrags erfolgt ist. Anleihegläubiger müssten halt ein Konto bei einer russischen Bank eröffnen, um die Zahlung zu erhalten.

    Moskau argumentiert, dass die Nichtzahlung vom Westen künstlich herbeigeführt worden sei. Russlands Finanzminister Anton Siluanow bezeichnete die Situation denn auch als eine «Farce». In Anbetracht der Milliarden von Dollar, die trotz dem Krieg jede Woche durch Energieexporte in die Staatskasse fliessen, bekräftigte er, dass das Land die Mittel und den Willen habe, seine Schuldzinsen zu zahlen.

    Der russische Finanzminister wies darauf hin, dass es für die Gläubiger wenig Sinn ergebe, auf dem Gerichtsweg eine Zahlungsunfähigkeitserklärung zu erwirken. Für solche Klagen seien nur russische und keine ausländischen Gerichte zuständig.

    Er drohte sogar mit Konsequenzen: Wenn Gläubiger im Ausland auf russische Vermögenswerte zugreifen wollten, sei das gleichbedeutend mit einem direkten Konflikt, erklärte Siluanow. In diesem Fall würde Moskau anders reagieren – «und zwar nicht auf dem Rechtsweg»."

    Das ist in der Tat ein Schmierentheater und nichts sonst. Wenn der Westen alle Zahlungskanäle dicht macht, ist das in der Tat sein Problem. Der Westen schießt sich ins Knie und sagt: Russland wars.

    “Bei den ganzen Sanktionen geht es, so scheint es mir langsam, nur vordergründig um Rußland, aber in Wirklichkeit ist das alles ein probates Mittel zur Rohstoffspekulation, zu Lasten der EU.”

    Das seh ich auch so. Wenn der Konflikt so weitergeht (und das ist zu befürchten, z.B. angesichts der Gelder, die die USA langfristig für die Ukraine bereitstellt, die nur zu einem kleinen Teil tatsächlich an die Ukraine gehen.) dann richtet das die europäische Wirtschaft zugrunde. Ich sagte auch schon, dass ich das für dumm halte. Europa und Russland schädigen sich gegenseitig. China und Indien sind die Gewinner. Auch die USA tut sich keinen Gefallen, wenn die europäischen Verbündeten ihre Ökonomien ruinieren.

  26. Im Kampf gegen Geldwäsche mit Kryptowährungen wie Bitcoin haben EU-Länder und Europäisches Parlament sich in der Nacht zu Donnerstag auf ein Gesetz geeinigt, mit dem Kryptoüberweisungen nachverfolgt werden können. Kryptoplattformen sollen künftig Informationen über Sender und Empfänger ermitteln, wenn sie Transaktionen abwickeln. Die Höhe des Betrags spielt dabei keine Rolle. Für Transaktionen zwischen Kryptoplattformen und unabhängigen Wallets soll die Informationspflicht ab Beträgen von 1.000 Euro gelten. EU-Parlament und -Länder müssen das Gesetz noch bestätigen. (dpa/jW)

    https://www.jungewelt.de/artikel/429526.eu-neue-regeln-für-kryptowährungen.html?sstr=Bitcoin

    https://www.nd-aktuell.de/artikel/1163727.bitcoin-das-ende-einer-aera.html?sstr=bitcoin

    Bitcoin unter 20.000 Dollar
    (…) Investoren werfen Bitcoin auf der Suche nach sicheren Anlagehäfen aus den Depots. Die Cyberdevise verbilligt sich um 4,4 Prozent auf ein Elf-Tages-Tief von 19.293 Dollar. “Die Furcht vor raschen Zinserhöhungen im Kampf gegen die galoppierende Inflation und die damit im Zusammenhang stehenden Rezessionsängste bleiben die bestimmende Thematik am Markt”, sagte Analyst Timo Emden von Emden Research. Dazu gesellten sich die Sorgen rund um den Krypto-Verleiher Celsius Network. “Sollte sich die Talfahrt beschleunigen, droht ein Rutsch bis auf 14.000 Dollar.”
    https://www.manager-magazin.de/finanzen/boerse/boerse-dax-talfahrt-geht-weiter-bitcoin-unter-20-000-dollar-a-b5643e49-3188-43d8-b9df-afb0a2a90342

  27. Wirklich witzig: 

    Aber woher nahmen Sie die Gewissheit, dass das eine Blase war?

    Das war nicht besonders schwer. Man musste bloß zugucken, wie der Preis stieg und stieg und wie die Leute sich daran aufgeilten. Das Ganze war getrieben von großen Investoren, die ihr Geld in den Kryptosektor gesteckt hatten und dann Marketingsprüche verzapften, die die Medien einfach eins zu eins wiedergaben. Man konnte sehen, dass da nichts dahinter war und sie immer wieder neue Hypes brauchten, um die Blase zu stützen:

    Also wenn der Preis "steigt und steigt" ist es eine Blase? Außerdem frage ich mich was denn ausgerechnet bei Bitcoins "dahinter" sein soll.

    Sie müssen das etwas genauer erklären. Was zum Beispiel ist denn ein Stablecoin?
    Das ist so was wie eine digitale Wertmarke, die ein Unternehmen herausgibt. Tether zum Beispiel: Ein Tether entspricht theoretisch einem Dollar und kann jederzeit gegen einen Dollar eingetauscht werden. Die Leute verwenden Tether und andere Stablecoins, um damit in der Kryptoszene für Dinge zu bezahlen, weil sie das nicht mit ihren normalen Bankkonten machen können. Sie brauchen Tethers, um damit Trades abzuwickeln und damit spekulieren zu können.

    Klingt doch erst mal einleuchtend, oder? Tether sagt, der Kurs ist an den Dollar gekoppelt, und alle Tethers sind gedeckt, damit der Kurs stabil ist.

    Ja, das Problem ist nur: Niemand weiß, ob dem wirklich so ist. Tether pumpte einfach immer neue Tethers in den Markt, ohne seine Bücher jemals offenzulegen. Im Jahr 2020 gab es vier Milliarden Tethers, im Mai 2022 überstieg die Marktkapitalisierung 83 Milliarden. Das ist eine gigantische Summe! Niemand weiß, ob die wirklich von Einlagen gedeckt waren, weil Tether nie seine Bücher offengelegt hat.

    Also im Prinzip ganz normales Bankgeschäft. Denn wenn man für jeden Tether einen Dollar auf ein Konto legt, kann man ja auch gleich Dollar verwenden. So werden eben wie bei den Banken auch so viele Dollars  in den Tresor gelegt, wie es braucht um die Umtauschwünsche zu befriedigen. Das funktioniert so lange, wie der Thether nicht massenhaft in Dollar zurückgetauscht wird. Wenn das dann doch passiert bricht die ganze Konstruktion zusammen.

    Sie meinten, das könne man auch am Beispiel Tether ablesen? – Ja, auf jeden Fall. Im Mai waren mehr als 80 Milliarden Tethers im Umlauf, jetzt sind wir bei nur mehr 68 Milliarden. Wo sind die hin? Ich glaube, dass Tethers Großkunden wissen, dass es eben nur eine begrenzte Anzahl von Tethers gibt, die wirklich gedeckt sind. Also kommt es darauf an, nicht unter den Letzten zu sein, die dann auf ihren Tethers wie auf ungedeckten Schecks sitzenbleiben.

    Wenn Sie richtigliegen, dann werden wir bald rausfinden, ob Bitcoin auch einen anderen Nutzen hat, als Spekulation.

    Ich denke, wir wissen schon längst, dass es keinen anderen Nutzen hat als den eines Spekulationsvehikels. Klar, es wurde eigentlich als digitales Zahlungsmittel erfunden, aber niemand hat es wirklich dafür verwendet: Weil es sich dafür nicht eignet. Erstens ist es zu volatil, der Preis schwingt die ganze Zeit wild rauf und runter. Dann ist es ziemlich kompliziert in der Verwendung, weil bei jedem Kauf und Verkauf gegenüber dem Finanzamt gemeldet werden muss, ob man einen Gewinn oder Verlust gemacht hat. Und es gibt keine Absicherung. Bei einer Kreditkarte kriegen Sie Ihr Geld zurück, wenn Sie sich vertun oder wenn Sie über den Tisch gezogen werden. Bei Bitcoins ist Ihr Geld weg.

    Das Ganze hat wirklich keinen Nutzen?

    Wofür Bitcoins sich noch am ehestens eignen, sind Lösegeldzahlungen. Oder Geldwäsche. Aber sonst? Eigentlich dient das Ganze nur der Hoffnung, dass man damit schnell und mühelos reich werden kann.

    Wer sind die Gewinner, wer die Verlierer?

    Die Kryptoökonomie funktioniert in weiten Teilen wie ein Schneeballsystem. Jedes Mal, wenn jemand Bitcoins verkauft und also Geld aus dem Kryptosystem rausnimmt, muss er jemanden finden, der neues Geld reinsteckt. Es gibt ja keinen Wert, wofür der Bitcoin steht, er ist keine Aktie, keine Unternehmensbeteiligung oder so etwas, es gibt keine Dividende und es wird auch nichts produziert. Es braucht also einen ständigen Zufluss von neuem Geld. Gerade gibt es aber keine Zuflüsse in die Kryptowirtschaft mehr. Zugleich scheint es so, als müssten einige „Miners“, die die von ihnen geschürften Bitcoins einige Zeit zurückgehalten hatten, die jetzt abstoßen, um Kredite zu bedienen und ihre horrenden Stromrechnungen zu bezahlen. Also verlässt noch mehr Geld die Kryptosphäre.

    Derzeit besitze ich gar keine Bitcoins mehr. Warum? Weil es einen verrückt macht! Es ist wie eine Droge. Wenn man Bitcoins besitzt, guckt man die ganze Zeit nach: Wo steht der Kurs? Steigt er? Fällt er? Gewinne ich oder verliere ich? Sollte ich verkaufen? Oder vielleicht noch mehr kaufen? Das vergiftet einem das Hirn. Ich will das nicht, also habe ich alle meine Bitcoins verkauft.

    Super Artikel, sehr erhellend. 

  28. Also alles, was hier über das Bitcoin gesagt wird, kann man auf jedes „normale“, in Weltwährungen abgewickelte Spekulationsgeschäft auch sagen.

    Die Ankündigung der Kontrolle von Bitcoin-Zahlungen durch die EU-Behörden ist auch erhellend: Offenbar war das bisher kein Thema – warum eigentlich?
    Man kann nur vermuten, daß die Finanzkapital-Größen das bisher nicht wollten, weil sie selber das Bitcoin oder andere Kryptowährungen benutzt haben.

  29. Fortsetzung des o.g. Aufsatzes von Georg Schuster:

    Die EZB entwickelt ein "neues Instrument"? Kurzer Durchgang durch die Verlautbarungen zum aktuellen Preisauftrieb, (Teil 2 und Schluss).

    Mit diversen Maßnahmen versucht die EZB, auf die schon zitierte "Bremse" zu treten, die laut Lehrmeinung, "die Geldflut beendet". "Wegen der hohen Unsicherheit über die Zukunft sei es aber nicht möglich, einen präzisen Pfad für die Zinsentwicklung zu nennen"….   (Forts.):

    https://www.heise.de/tp/features/Wie-der-Geldflut-begegnet-wird-7162452.html?seite=all

  30. Der Dollar nähert sich der Parität mit dem Euro, weil die Verschuldungsfähigkeit der USA vom Finanzkapital höher eingeschätzt wird als die der EU. Der Wechselkurs erhöht die Attraktivität des Dollar zusätzlich.

    Was die höheren Gehälter angeht, so kann man den Teufelskreis hierzulande im Tourismus schön beobachten: Alle Wirtshäuser haben Ruhetage eingelegt, die Hotels können nicht alle Zimmer belegen – weil es zuwenig Personal gibt.
    Bedient werden die lieben Gäste inzwischen verstärkt – nach den Gastarbeitern vom Balkan und aus Osteuropa – von Flüchtlingen aus Syrien, dem Irak und Afghanistan. Ohne die wäre die Lage noch prekärer.

    Gleichzeitig ist alles ordentlich teuer geworden und man ist einmal mehr froh über die arabischen Touristen, weil die sich das immer noch leisten können. Der europäische Tourismus ist schon merklich zurückgegangen, und die, die da sind, drehen oftmals den Cent um.

  31. Die EZB hat ihre Zinserhöhung von einem halben Prozentpunkt mit einer Maßnahme kombiniert, die eine erneute Schuldenkrise abwehren soll: dem TPI (Transmission Protection Instrument).

    EZB: Auf die dicke Bertha folgt das TPI

    Besser spät als nie – die Europäische Zentralbank läutet die Zinswende gleich mit einem Doppelsprung ein. Ebenfalls zieht sie einen neuen Verteidigungswall hoch. Schweizer Banken reagieren.

    Nun sind es mehr als die erwarteten 0,25 Prozent geworden. Die Europäische Zentralbank (EZB) hat an der regulären Sitzung vom (gestrigen) Donnerstag Abend die Leitzinsen um 0,5 Prozent angehoben. Damit folgte die Notenbank des Euroraums auch dem Beispiel der Schweizerischen Nationalbank, die im vergangenen Juni die Zinsen in einem «Doppelsprung» von 50 Basispunkten erhöht hatte.

    Die Massnahme kommt nach Ansicht vieler Beobachter spät. Die Teuerung breitet sich in Europa in immer mehr Segmenten aus.

    Unbegrenzte Anleihenkäufe

    EZB-Präsidentin Christine Lagarde wies am Donnerstag darauf hin, dass in den kommenden Monaten anlässlich jeder weiteren Sitzung Zinserhöhungen zu erwarten seien. In einer Einschätzung zum Entscheid rechneten die Experten des deutschen Fondshauses DWS damit, dass die Währungshüterin mittelfristig einen neutralen Zins bei 1,5 bis 2 Prozent anstrebt.

    Beim lang erwarteten Zinsschritt hat es Lagarde nicht belassen. Ebenfalls brachte die EZB das neue Anti-Fragmentierungsinstrument TPI (Transmission Protection Instrument) offiziell in Stellung, auch wenn sie von einem Einsatz noch absieht. Das TPI soll den geldpolitischen Normalisierungskurs unterstützen und kann bei Bedarf aktiviert werden. Es ermöglicht gezielte und unbegrenzte Käufe der Anleihen einzelner Länder und soll damit Verwerfungen am Obligationenmarkt begegnen, die in den vergangenen Wochen die Angst vor einer «Schuldenkrise 2.0» nährten.

    PEPP, APP und Bertha

    Im Gegensatz zu den Anleihekäufen im Rahmen des PEPP oder APP kommt beim TPI eine Konditionalität ins Spiel, die sich an fiskalischen Bedingungen der Euroländer orientiert. Ultimativ soll dass Instrument eine Fragmentierung oder gar ein Auseinanderbrechen der Eurozone verhindern.

    Das TPI steht in einer Tradition von EZB-Instrumenten, mit denen die Notenbank ihre «Feuerkraft» gegenüber den Finanzmärkten demonstriert. In Erinnerung ist Ex-Präsident Mario Draghi, der im Jahr 2012 nach eigenen Worten die «Dicke Bertha» aufgefahren und notleidenden Banken eine Geldspritze von mehr als 500 Milliarden Euro verpasst hatte. Die «Dicke Bertha» war eine Kanone, die im Ersten Weltkrieg zum Einsatz kam.

    Julius Bär verzichtet auf Strafzinsen

    Auf das deutliche Zeichen aus Frankfurt hat die Schweizer Privatbank Julius Bär bereits reagiert. Wie das Institut am Freitag mitteilte, belastet es ab 1. August auf Kundeneinlagen in Euro, Schweizer Franken und Dänischen Kronen keine Negativzinsen mehr. Im anhaltenden Negativzins-Umfeld hatte Julius Bär Negativzinsen auf Bargeldbeständen von Kunden in diesen Währungen erhoben.

    https://www.finews.ch/news/banken/52510-ezb-zinsentscheid-tpi-julius-baer

    Man erinnere sich: Das Anleihenaufkauf-Programm Draghis bezog sich nicht nur auf Staatsanleihen, sondern auch auf Anleihen von Banken oder Firmen.
    Von diesen ist bei dem TPI nicht die Rede.

    Weiters wird hier von einer „Konditionalität“ berichtet, die Anleihenkäufe sollen zum Unterschied von den bisherigen Käufen an Bedingungen geknüpft sein. Deren Inhalt bleibt im Dunkeln. Vielleicht ist es nur eine Beruhigung für alle Beteiligten, daß jetzt das Geld – anscheinend im Unterschied zu früher – nicht ganz so leicht zur Verfügung gestellt wird.
    (Bisher war offenbar: Anruf genügt?)

    Schließlich soll diese Zinserhöhung die Preissteigerungen bremsen. Angesichts der Tatsache, daß die Gründe für die Preissteigerungen ganz woanders liegen als beim Zinsniveau, ist zu erwarten, daß bald das Rätselraten losgehen wird, warum die Zinserhöhung keinen inflationsdämpfenden Effekt hat.

  32. "Weiters wird hier von einer „Konditionalität“ berichtet, die Anleihenkäufe sollen zum Unterschied von den bisherigen Käufen an Bedingungen geknüpft sein."

    Kann aber nicht sein: Entweder die EZB kauft alle Anleihen von Schwachstaaten auf, ohne Mengenbegrenzungen, um das Auseinanderdriften der Renditen der Anleihen der Mitgliedsstaaten zu verhindern. Oder sie sagt, das geht jetzt nicht mehr weiter, denn die „Konditionalität“ läßt das nicht mehr zu. Dann laufen die Renditen auseinander, dann gibt es eben "Fragmentierung".

  33. Eben.

    Auf was das ganze hinausläuft, ist: Das Gleiche wie bisher, nur mit höheren Zinsen, was heißt, daß vor allem die EZB mehr zahlen muß für die Anleihen-Aufkäufe und möglicherweise die Banken beim Weiterverkaufen der Anleihen an die EZB andere Gewinnmargen haben.

  34. Die Zinswende der Notenbanken
    Schuldenberge in Bewegung

    Die wunderbare Welt der Anleihemärkte – derzeit weitaus spannender, als es vielen Funktionsträgern in Staat und Finanzwirtschaft lieb sein dürfte.

    (…)

    Der Zinsunterschied, der sogenannte Spread zwischen deutschen und italienischen Staatsanleihen ist stark in den vergangenen Wochen angestiegen. Rom muss höhere Zinsen für seine Staatspapiere zahlen als Berlin, was die enorme Schuldenlast Italiens, das mit rund 150 Prozent seiner Wirtschaftsleistung in der Kreide steht, untragbar zu machen droht – und die gesamte Eurozone sprengen könnte. Die EZB sieht sich aufgrund galoppierender Inflation und untragbarer Schuldenlast in der südlichen Peripherie der Eurozone in einer Sackgasse, da sie eigentlich die Zinsen zwecks Inflationsbekämpfung erhöhen und zugleich absenken müsste, um die Schuldenlast in dem Währungsraum erträglich zu halten.

    In den USA mussten Beobachter noch weiter zurückschauen, um Parallelen zu den massiven Verschiebungen auf dem Markt für Staatsschulden zu finden. Auf dem Markt für amerikanische Staatsanleihen, für die sogenannten Treasuries, kann eine seltene, als inverse Zinskurve bezeichnete Konstellation beobachtet werden, die als ein sicherer Rezessionsindikator dient. Die Renditen langfristiger Bonds, wie der 10-jährigen Staatsanleihe, sind unter die Renditen kurzfristiger T-Bonds gefallen, wie der Treasuries mit zweijähriger oder sogar dreimonatiger Laufzeit. Für gewöhnlich werden langfristige Anleihen höher verzinst als Schuldscheine mit einer kurzen Laufzeit, um das grössere Risiko zu kompensieren.

    Wenn nun Anleihen mit kurzer Laufzeit als genauso risikoreich gelten wie T-Bonds mit Laufzeiten von zehn Jahren, dann deutet dies auf eine kommende, grosse Erschütterung, auf einen nahenden Krisenschub hin. In den vergangenen 50 Jahren ist diese Marktkonstellation immer einer Rezession vorausgegangen. Laut der Financial Times (FT) ist diese inverse Zinskurve auf den US-Anleihemärkten so stark ausgeprägt wie zuletzt im Jahr 2000, als die globale Dot-Com-Blase mit Internet- und Hightech-Aktien platzte. Somit scheinen gerade die US-Anleihemärkte ein sicheres Rezessionssignal auszusenden.

    (…)

    Zudem führen die fallenden Kurse der US-Anleihen dazu, dass sich auch ausländische Anleger sehr genau überlegen, ob es sich bei den Treasuries Washingtons noch um eine bombensichere Anlage handelt. Japan ist inzwischen – noch vor China – der grösste Auslandsgläubiger der Vereinigten Staaten, japanische Investoren halten US-Bonds im Wert von 1,2 Billionen US-Dollar. Wie die Nachrichtenagentur Bloomberg meldete, finden angesichts der fallenden Kurse seit sieben Monaten Nettoverkäufe von US-Anleihen in Japan statt, was einen neuen Rekordwert seit Beginn der Aufzeichnungen darstellt. Der grösste Auslandsgläubiger der USA soll allein im Mai Treasuries im Wert von 2,4 Milliarden Dollar abgestossen haben, im April belief sich das Volumen der Verkäufe gar auf 17 Milliarden Dollar. Sollten sich diese Abflüsse beschleunigen und weitere Auslandsgläubiger Washingtons ähnlich verfahren, dann könnte sich die Fed mit einer regelrechten Schuldenkrise konfrontiert sehen.

    (…)

    https://www.untergrund-blättle.ch/wirtschaft/theorie/schuldenberge-in-bewegung-6895.html

    Das mit den kurzfristigen und langfristigen Anleihen – war das nicht ein Auslöser der Finanzkrise 2008?

    Was Japan angeht, so ist hier eine interessante Entwicklung angesprochen: Die USA und Japan begannen anscheinend schon vor einiger Zeit, gegenseitig Staatsanleihen aufzukaufen, um ihre Währungen damit gegen China zu stützen. Das dürfte auch ein Versuch gewesen zu sein, Japan aus dem von den BRICS angestrebten und auch anderen Staaten angebotetenen bilateralen Abrechnungen, ohne über den $ zu gehen, herauszuhalten und weiter auf den Dollar zu verpflichten.
    Besonders nach Fukushima war diese Stützung für Japan wichtig, und offenbar an die Bedingung geknüpft, sich durch Anleihenkäufe von US-Anleihen zu bedanken.

  35. Schweizer Inflation verharrte im Juli bei 3,4 Prozent

    Im internationalen Vergleich ist die Teuerung damit verhältnismäßig niedrig

    Die Inflation in der Schweiz ist im Juli vorerst nicht weiter gestiegen. Mit 3,4 Prozent verharrte die Jahresteuerung aber auf dem hohen Wert des Vormonats Juni. Teurer sind weiterhin vor allem die Importgüter, die im Berichtsmonat um 8,4 Prozent mehr kosteten als vor Jahresfrist, wie das Bundesamt für Statistik (BFS) am Mittwoch mitteilte. Bei den Inlandsgütern betrug die Jahresteuerung lediglich 1,8 Prozent.

    (…)

    https://www.derstandard.at/story/2000137991529/schweizer-inflation-verharrte-im-juli-bei-3-4-prozent

  36. Spekulationen um sehr große Zinserhöhung durch EZB nehmen zu

    Am Geldmarkt sind die Spekulationen auf eine sehr große Zinserhöhung nach den jüngsten Äußerungen von EZB-Währungshütern auf einem Notenbank-Symposium zu Wochenbeginn ins Kraut geschossen.

    Aus den Kursen ging dort am Montag hervor, dass Händler inzwischen 0,67 Prozentpunkte an Zinserhöhungen für die kommende Zinssitzung der Europäischen Zentralbank (EZB) am 8. September in den Kursen eingerechnet haben. Dies bedeutet, dass eine Anhebung um 0,50 Prozentpunkte bei Investoren als bereits ausgemachte Sache gilt und die Wahrscheinlichkeit einer noch stärkeren Anhebung um 0,75 Prozentpunkte mit etwa 67 Prozent taxiert wird. Vor den Auftritten der Notenbanker am Wochenende war am Geldmarkt am Freitag die Wahrscheinlichkeit für einen solchen noch kräftigeren Zinsschritt nur mit 24 Prozent taxiert worden.

    Auf dem von der US-Notenbank organisierten Geldpolitik-Symposium in Jackson Hole in Wyoming hatten am Samstag sowohl EZB-Direktorin Isabel Schnabel als auch die Notenbank-Chefs von Frankreich und Lettland, Francois Villeroy de Galhau und Martins Kazaks, für kraftvolle oder deutliche Zinserhöhungen argumentiert, um die ausufernde Inflation zu bekämpfen. "Wir sollten offen dafür sein, sowohl 50 als auch 75 Basispunkte als mögliche Schritte zu diskutieren", merkte beispielsweise Kazaks an. EZB-Direktorin Schnabel zufolge müsse die Notenbank "starke Entschlossenheit" signalisieren, die Inflation schnell zur Zielmarke zu bewegen. Frankreichs Notenbankchef sprach sich für einen "signifikanten" Zinsschritt im September aus.

    Die Inflation im Euro-Raum war im Juli auf einen neuen Rekordwert von 8,9 Prozent geklettert. Damit ist die Teuerung inzwischen mehr als vier mal so hoch wie das Ziel der EZB, die zwei Prozent für die Wirtschaft als Optimalwert anstrebt. Ein Ende des Inflationsschubs ist zudem nicht absehbar. Zudem nahm zuletzt die Gefahr zu, dass sich die langfristigen Inflationserwartungen vom Ziel der EZB entfernen könnten.

    https://www.finanzen.net/nachricht/zinsen/geldmarkt-spekulationen-um-sehr-grosse-zinserhoehung-durch-ezb-nehmen-zu-11666796

    Bisher haben die Zinserhöhungen keine Auswirkungen auf die Inflation gehabt. Die betreffenden Notenbakchefs scheinen zu meinen, mehr vom Gleichen wäre wohl das Beste …

    Die Konkurrenz der Währungen geht also weiter. Der Kurs des Euro war kurzfristig bereits unter dem des $ …

  37. Die Weltwoche ist ja sehr pessimistisch für den Euro, aber es mag sein, aufgrund der Stellung der Schweiz durchaus realistisch:

    Der Euro stirbt langsam und stetig. Was bedeutet der Zerfall für die Schweiz?

    Die Inflation im Euroraum liegt bei 9,1 Prozent und der Euro fällt weiter gegenüber dem Dollar.

    Da die US-amerikanische Zentralbank Fed die Zinsen entschlossen erhöht und der Europäischen Zentralbank durch die hohe Verschuldung der Euro-Südländer bei Zinserhöhungen die Hände gebunden sind, dürfte sich dieser Trend fortsetzen.

    Was heisst das für den Schweizer Franken?

    Hält die Schweizer Nationalbank den Franken gegenüber dem Euro stabil, dann importiert sie die hohe Inflation aus dem Euroraum. Lässt sie hingegen den Franken gegenüber dem Euro aufwerten, dann dämpft das die Inflation.

    Eine Aufwertung des Franken macht die Exporte der Schweiz im Euroraum teurer. Industrie und Tourismus müssen um ihre Kunden bangen.

    Aber die Importe werden gerechnet in Franken billiger. Das gilt insbesondere für Rohstoffe und Rohöl, deren Preise auf den Weltmärkten zuletzt stark gestiegen sind.

    Auch der Druck die Löhne zu erhöhen fällt geringer aus.

    Von den Kapitalzuflüssen, die der stabile Franken anzieht, profitieren die Schweizer Banken. Gleichzeitig müssen die exportorientierten Industrieunternehmen und der Tourismus die Kosten niedrig und die Produkte attraktiv halten. Die Schweizer Wirtschaft lernt mit dem starken Franken leben und bleibt fit.

    Fazit: Da die Schweiz eng mit dem Euroraum verwoben ist, wird der Druck der importierten Inflation steigen.

    Eine kontinuierliche Aufwertung des Franken könnte helfen, die Schweiz zu einer Insel der Stabilität in einem instabilen Europa zu machen.

    https://weltwoche.ch/daily/der-euro-stirbt-langsam-und-stetig-was-bedeutet-der-zerfall-fuer-die-schweiz/

    Interessant, daß die Rohölpreise in der Schweiz offenbar in Euro gehandelt werden.

    Auch hier ein entsprechendes Bild, zur Ergänzung:

  38. Die Zinserhöhungen könnten zu einem Immobiliencrash führen, da die Hypothekarkredite in vielen, wenn nicht allen Euro-Ländern an den Euribor gebunden sind. Und der steigt inzwischen, so auch die Verbindlichkeiten der Hypothekarnehmer.

    Bankenstützungspakete, wie in und nach der Finanzkrise 2088 ff. dürften auch schwierig werden, wenn der Euro weiter fällt.

  39. Anhebung um 0,75 Prozentpunkte: EZB wagt den großen Zinsschritt

    Die Währungshüter erhöhen zum zweiten Mal heuer die Zinsen. Mit einem Zinsschritt um einen Dreiviertelprozentpunkt stemmt sich die Notenbank gegen die Inflation

    Die Europäische Zentralbank (EZB) hebt angesichts des zunehmenden Inflationsdrucks am Donnerstag zum zweiten Mal in diesem Jahr die Zinsen an. Ihre Schlüsselzinssätze werden um jeweils einen Dreiviertelprozentpunkt erhöht. Das ist die stärkste Anhebung der EZB seit 22 Jahren. Zudem kündigte die Notenbank weitere Zinsanhebungen bei ihren nächsten Sitzungen an.

    Damit beträgt der Leitzins nun 1,25 Prozent und der Zinssatz für Bankeinlagen bei der Notenbank 0,75 Prozent. Somit ist zwar der Weg geebnet für höhere Sparzinsen, allerdings werden auch Kreditnehmer mit variablen Zinssätzen und bei neuen Ausleihungen tiefer in die Tasche greifen müssen.

    "Der Preisdruck hat sich weiter verstärkt und an Breite gewonnen", sagte EZB-Chefin Christine Lagarde im Anschluss an die Zinsentscheidung. Die Inflation sei "viel zu hoch" und werden auch eine Zeit auf erhöhtem Niveau bleiben. Gleichzeitig werde die Wirtschaft der Eurozone in der zweiten Jahreshälfte an Schwung verlieren und rund um den Jahreswechsel stagnieren. Eine Rezession erwartet Lagarde nur, wenn die Gasversorgung aus Russland komplett zum Erliegen kommt.

    Diskussionen in EZB-Spitze

    Im Vorfeld hatten sich mehrere Währungshüter, darunter der niederländische Notenbankchef Klaas Knot, für einen großen Zinsschritt um einen Dreiviertelprozentpunkt starkgemacht. Der italienische EZB-Direktor Fabio Panetta und Griechenlands Notenbankchef Yannis Stournaras hatten Argumente für ein nicht so starkes Vorgehen vorgebracht. "Wir hatten unterschiedliche Ansichten am Tisch, eine gründliche Diskussion, aber das Ergebnis unserer Diskussionen war eine einstimmige Entscheidung", sagte Lagarde dazu.

    "Jetzt kommt es darauf an, dass sie ihre Leitzinsen in den kommenden Monaten trotz steigender Rezessionsrisiken auch tatsächlich weiter kräftig anhebt", sagt Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer. Andere Finanzprofis hatten sich schon im Vorfeld mehrheitlich für eine kräftige Erhöhung ausgesprochen, darunter Gilles Moëc, Chefökonom bei AXA Investment Managers. Er plädiert für eine rasche Anhebung der Zinssätze, selbst wenn die Eurozone dadurch in eine Rezession rutschen sollte: "Es ist klar, dass eine Rezession nicht als bloßer Nebeneffekt der notwendigen geldpolitischen Straffung gesehen werden darf, sondern als die einzige Lösung, um das Ziel zu erreichen."

    Inflation auf Rekordwert

    Die Notenbank ist in den vergangenen Wochen immer stärker unter Handlungsdruck geraten, weil die Inflation im Euroraum mit 9,1 Prozent im August einen neuen Rekordwert erreicht hat. Bis eine Änderung der Zinssätze ihre dämpfende Wirkung auf den Preisauftrieb entfaltet, wird es bis ins nächste Jahr dauern. Kurzfristig kann die EZB dadurch nur die sogenannte importierte Inflation dämpfen. Denn höhere Zinsen ziehen Kapital wie ein Magnet an, bereits im Vorfeld des Zinsschritts hat sich der Euro gegenüber dem US-Dollar von einem 20-Jahres-Tief erholt und wieder im Bereich der Parität stabilisiert. Waren aus dem Dollarraum und vor allem auch viele Rohstoffe werden bei einem schwachen Euro hierzulande teurer.

    Weil die US-Notenbank Fed bisher wesentlich hemdsärmeliger gegen die Inflation vorgegangen ist und den Leitzins wegen der hohen Teuerung auf 2,5 Prozent hochgetrieben hat, hat die Gemeinschaftswährung gegenüber dem Dollar stark an Wert verloren. Wie stark der Effekt der importierten Inflation sein kann, zeigt sich am Beispiel Erdöl: Das in US-Dollar abgerechnete Nordseeöl Brent hat sich heuer um etwa elf Prozent verteuert, während der Preisanstieg in Euro mehr als 25 Prozent beträgt. Da Erdöl die Grundlage der Treibstoffpreise darstellt, hat dies auch einen entsprechend großen Einfluss auf die Inflationsrate. (…)

    https://www.derstandard.at/story/2000138926419/ezb-erhoeht-zinsen-wagt-notenbankchefin-lagarde-den-grossen-schritt

    Ein unglaublich dümmlicher Artikel. Alles soll gegen die Inflation gemacht werden, obwohl das eine gar nichts mit dem anderen zu tun hat. Da die bisherigen Zinserhöhungen keine Wirkung auf die Inflation hatten, so schließen die Analysten messerscharf: Zuwenig davon!

    Dabei zeigen die Graphiken gut, wie der Hase läuft und daß der Euro einfach zusehends unattraktiv wird für Investoren, was sich in seiner Talfahrt gegenüber dem $ ausdrückt.

  40. Die EZB vermutet in einem Bericht, daß das Ansteigen der Zinsen einen Fall der Kosten für Wohnungen zur Folge haben könnte. Sie rechnet mit bis zu 9% Fall von Immobilienpreisen pro 1% Anstieg Zinsen.

    (El País, 20.9.)

    Der besondere Anstieg im Baltikum dürfte durch Übersiedlung von Leuten aus Rußland erfolgt sein.

  41. Lagarde: EZB wird kein dauerhaftes Inflationsproblem zulassen

    Für EZB-Chefin Lagarde zeigt die Anhebung der Leitzinsen die Entschlossenheit der Zentralbank, die Inflation auf ein mittelfristiges Ziel von zwei Prozent zurückzuführen

    Sie verwies darauf, dass die Anhebung der Leitzinsen um insgesamt 125 Basispunkte auf den vergangenen beiden Sitzungen "die schnellste Zinsänderung in der Geschichte der EZB" gewesen sei. Dies zeige deutlich, dass die Zentralbank fest entschlossen sei, die Inflation zeitnah auf das mittelfristige Ziel der EZB von 2,0 Prozent zurückzuführen.

    Das angemessene Tempo künftiger Erhöhungen werde "von Sitzung zu Sitzung" beschlossen werden. Eine entscheidende Frage werde sein, wie hartnäckig die aus Corona- und Energiekrise resultierenden Schocks die Inflationserwartungen und das Produktionspotenzial belasteten.

    Die EZB-Chefin signalisierte, dass der Leitzins auch auf ein Niveau steigen könne, das die Wirtschaft bremst. Dies gelte für den Fall, dass es Hinweise geben sollte, dass letztlich das Vertrauen der Bürger in das Erreichen des mittelfristigen Inflationsziels verloren zu gehen drohe: "Bei Hinweisen darauf, dass die hohe Inflation zu einer Entankerung der Inflationserwartungen führen könnte, läge der mit unserem Zielwert kompatible Leitzins im restriktiven Bereich."

    Die EZB hat im Juli die Zinswende eingeläutet und Anfang des Monats mit einer deutlichen Straffung ihrer Geldpolitik nachgelegt. Sie reagiert damit auf die hohe Inflation, die im August 9,1 Prozent erreichte. Der Leitzins liegt nach der jüngsten Anhebung um 0,75 Prozentpunkte inzwischen bei 1,25 Prozent. An den Börsen wird damit gerechnet, dass er bis zum nächsten Frühjahr auf über 2,5 Prozent steigen wird.

    https://www.derstandard.at/story/2000139267432/lagarde-ezb-wird-kein-dauerhaftes-inflationsproblem-zulassen

    Seltsam, bisher haben die Zinserhöhungen keine Auswirkung auf die Inflation gehabt. Aber die Chefin der EZB meint „Weiter so!“ – weil sie von der FED dazu getrieben wird, was sie aber nicht zugeben kann.

    Euro pendelte am Dienstagmorgen um Parität zum Dollar

    Aufgrund des starken Preisauftriebs hatten sich unlängst zahlreiche EZB-Vertreter für eine weitere deutliche Zinsanhebung ausgesprochen
    (…)

    https://www.derstandard.at/story/2000138653086/euro-pendelte-am-dienstagmorgen-um-paritaet-zum-dollar

    Es wird schon als Meldung gebracht, daß der Euro die Parität hält.
    Noch.

  42. Der Zinskrieg geht weiter, und der Euro fällt.

    DRITTE ZINSERHÖHUNG IN FOLGE:
    Jerome Powell hat den Falken in sich befreit

    er Präsident der Federal Reserve, Jerome Powell, hat den Falken in sich befreit. Er wird die Geldpolitik solange straffen, bis die Inflation deutlich nach unten geht, kündigte er an. Die jüngsten Teuerungszahlen vom August hatten einen leichten Schock ausgelöst, weil mit ihrer Veröffentlichung alle Hoffnungen in Luft aufgingen, das Schlimmste könnte vorbei sein.

    Schon im Kurort Jackson Hole hatte Powell klar gemacht, dass von nun an der ausschließliche Kampf der Fed der Inflation gilt und dass er dafür eine schmerzhafte Therapie als nötig erachtet. Was genau zu dieser Kehrtwende beigetragen hat, ist schwer zu sagen.

    (…)

    https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/us-notenbank-fed-hat-der-inflation-den-kampf-angesagt-18333942.html

    Wie gut, daß es die Inflation gibt, da kann man das alles als Maßnahme für das p.t. Publikum verkaufen.

  43. Britisches Pfund sinkt auf 37-Jahres-Tief

    Vor den Ergebnissen der zinspolitischen Sitzung der Fed ist der Dollar-Index am Mittwoch auf ein 20-Jahres-Hoch gestiegen. Die US-Währung wurde von der Teilmobilmachung Russlands getrieben.

    Die US-Währung hat am Mittwoch vor der Bekanntgabe der Ergebnisse der zinspolitischen Sitzung der Fed den höchsten Stand seit 20 Jahren erreicht. Der Dollar-Index, der den Wert des Greenback zu sechs anderen Industrieländerwährungen abbildet, stieg bis auf 111,06 Punkte und lag am frühen Abend mit einem Plus von 0,7 % bei 110,97 Zählern. Getrieben wurde der Dollar von der Teilmobilmachung Russlands. Darunter litten insbesondere europäische Währungen. Der Euro sank bis auf 0,9867 Dollar und streifte damit sein am 6. September 2022 erreichtes 20-Jahres-Tief von 0,9865 Dollar.

    https://www.boersen-zeitung.de/kapitalmaerkte/britisches-pfund-sinkt-auf-37-jahres-tief-081f5602-39ad-11ed-b314-79642049aebe

    Pfund Sterling nach BoE-Zinsentscheid unter Druck

    Enttäuscht reagieren Devisenanleger auf die Zinsentscheidung der Bank von England (BoE). Das Pfund Sterling fiel am Donnerstagmittag auf 1,1288 von 1,1355 Dollar.

    Die britische Notenbank hob den Leitzins um einen halben Prozentpunkt auf 2,25 Prozent an. Zahlreiche Börsianer hatten wegen der anhaltend hohen Inflation mit einem Schritt von 0,75 Prozentpunkten gerechnet. Da aber immer mehr Mitglieder des Führungsgremiums für kräftigere Zinsschritte plädierten, bleibe unklar, ob sich die BoE im November zu einer deutlicheren Anhebung durchringen könne, sagte Naeem Aslam, Chef-Marktanalyst des Brokerhauses AvaTrade. Mehrheitlich erwarten Investoren einen erneuten Anstieg um einen halben Prozentpunkt.

    https://fundscene.com/pfund-sterling-nach-boe-zinsentscheid-unter-druck/

  44. Stephan Kaufmann:  Unter Kontrolle der Finanzmärkte
    Eine Euro-kritische Regierung in Italien wäre eine Bedrohung für die Stabilität – noch wetten die Märkte nicht gegen das Land. Doch das könnte sich nach der Wahl ändern
    In Italien wird am Sonntag voraussichtlich ein rechtes Parteienbündnis an die Macht gewählt. Die EU wie auch Anleger und Anlegerinnen an den Finanzmärkten sind beunruhigt. Denn eine EU- oder Euro-kritische Staatsführung in Europas viertgrößter Ökonomie wäre eine Bedrohung der Stabilität mitten in einer kommenden Wirtschaftskrise. Bislang allerdings wetten die Märkte nicht gegen Italien. Denn angesichts der etablierten Abhängigkeiten bleibt einer neuen Regierung in Rom kaum Spielraum für abweichende Politik. (…). Forts.:

    https://www.fr.de/wirtschaft/unter-kontrolle-der-finanzmaerkte-91804671.html

    —-

    Anna Maldini: Meloni und die »Brüder«
    Die rechtsextreme Partei Fratelli d’Italia wittert den Wahlsieg, aber viele Italiener sind noch unentschlossen
    (….) Die Wahlprognosen sehen Fratelli d’Italia als Partei vorn und als Koalition deren Bündnis mit der Lega und Berlusconis Forza Italia. Ein einheitlicher Block ist das allerdings nicht. Die Positionen zu fast allen Fragen sind unterschiedlich, vor allem in der Wirtschafts- und Außenpolitik. Der 86-jährige Berlusconi präsentiert sich gerne als Garant der atlantischen Blockzugehörigkeit, während seine jungen Freunde Salvini und Meloni in der nahen Vergangenheit enge, auch finanzielle Bindungen zu extremistischen Gruppen in Russland hatten. Salvini setzt auf höhere Staatsverschuldung, was die beiden anderen strikt ablehnen. Und alle machen Versprechungen – von höheren Renten bis zu niedrigeren Steuern –, die sie nicht einhalten können, da das Geld fehlt.(…)

    https://www.nd-aktuell.de/artikel/1167117.wahlen-in-italien-meloni-und-die-brueder.html

    (…) Europa, so Meloni, hat schlicht gar nichts zu befürchten, angefangen bei der ordnungsgemäßen Verwendung der 190 Milliarden Euro, die gerade im Rahmen des Corona­wiederaufbauprogramms nach Italien fließen. Ein „absurdes Narrativ“ sei es, wenn jetzt behauptet werde, eine Rechtsregierung werde die Next-generation-EU in Gefahr bringen. (…)

    https://taz.de/Italienische-Politikerin-Giorgia-Meloni/!5870739/

  45. Ich denke auch, daß das ganze Geschrei der rechten Gefahr für EU und Euro sich ebenso geben wird wie bei Le Pen, den Jobbik und anderen.

    Die Gefahren für die EU und den Euro kommen derzeit eher von außen als von innen.

  46. "Die Gefahren für die EU und den Euro kommen derzeit eher von außen als von innen."

    Da bin ich mir nicht so sicher: Die jetzt mit Macht auf die EU-Staaten zurollende Energie-Inflation mit ihren ganz unterschiedlichen Verwerfungen in der jeweiligen Wirtschaftsstruktur, mit den ganz unterschiedlichen Möglichkeiten, das "abzufedern", die sich daraufhin sicher ergebenden unterschiedlichen Risikoeinschätzungen der "Finanzmärkte" für die unterschiedlichen EU-Staaten, könnte sehr wohl wieder mal für richtigen Ärger sorgen.

  47. Ich denke mir, daß diese EU-Gegner stets klein beigeben, wenn die eigenen Wirtschaftstreibenden zu ihnen laufen und die Hände ringen und sagen: Nur das nicht!
    Ob EU- oder Euro-Austritt.

    So war es doch auch mit Le Pen und dem Euro.

    Aber abgesehen davon ist die Erhöhung der Energiepreise, die Energieknappheit und die daraus resultierende Inflation eben erst einmal eine Bedrohung von außen. Zumindest meinte ich das mit äußeren Bedrohungen.

    Lassen wir uns überraschen. Vielleicht macht diese italienische Mannschaft ja mit Ungarn und der FPÖ eine Anti-Sanktions-Politik und dann gibts Zoff.

  48. Das Pfund sinkt weiter:

    Folge der Steuersenkungspläne
    Pfund stürzt auf niedrigsten Stand seit 37 Jahren

    Die neue britische Regierungschefin Liz Truss will mit mehr Schulden und niedrigeren Steuern die Wirtschaft stützen. Die Opposition kritisiert, dass vor allem Reiche profitieren. Auch Anleger reagieren schockiert.

    (…)

    https://www.spiegel.de/wirtschaft/grossbritannien-plaene-zur-steuersenkung-lassen-pfund-auf-niedrigsten-stand-seit-37-jahren-stuerzen-a-3015effb-a524-4d2d-a062-057a5cf21b68

  49. Analysten vermuten, daß das die britische Nationalbank bis November die Leitzinsen auf bis zu 6% erhöhen könnte, um den Fall des Pfundes zu bremsen.

    (El País, 27.9.)

  50. Rechtsruck kommt Italiens Steuerzahler teuer zu stehen

    Die Zinsen für italienische Staatsschulden springen nach der Parlamentswahl auf den höchsten Stand seit neun Jahren. Der Euro rutscht auf ein 20-Jahrestief

    Hohe Wellen hat der Wahlsieg von Giorgia Melonis Fratelli d’Italia an den Finanzmärkten geschlagen. Sorgen über die Auswirkungen des Rechtsrucks in Italien trieben den Euro auf ein 20-Jahrestief gegenüber dem US-Dollar. "Auch wenn sich das Rechtsbündnis offiziell zur EU bekennt – der politische Gegenwind aus Italien wird größer werden", warnte Thomas Gitzel, Chefvolkswirt der VP Bank. Neben politischen Unsicherheiten trug auch die Zinsentwicklung zu den Kursverlusten bei, die den Euro im Tief unter 0,96 Dollar drückten.

    Da die US-Notenbank in der Vorwoche mit einem weiteren großen Schritt den Leitzins auf nunmehr 3,25 Prozent hievte, ist der Unterschied zum Euroraum deutlich angewachsen. Das sorgt für Kapitalabflüsse aus der Gemeinschaftswährung in den höher verzinsten US-Dollar. Zum Vergleich: Der Leitzins der Europäischen Zentralbank (EZB) liegt derzeit bei 1,25 Prozent.

    Zinsen auf Neunjahreshoch

    Deutliche Auswirkungen hat der Urnengang in Italien auch auf die Anleihenmärkte. Das hoch verschuldete Land muss künftig für neue Schulden noch tiefer in die Tasche greifen, die Rendite für zehnjährige Schulden stieg auf fast 4,5 Prozent – höchster Stand seit neun Jahren. Das ist mehr als der doppelte Zinssatz von jenem, den Deutschland mit 2,1 Prozent für zehnjährige Anleihen berappen muss. Allerdings sind dessen Staatsschulden mit 69 Prozent der Wirtschaftsleistung auch wesentlich geringer als die italienischen mit 151 Prozent.

    Dadurch ist die EZB in die Kritik geraten, konkret ihr neues Krisenprogramm TPI. Mit diesem will die Notenbank die Anleihenrenditen ohne Auflagen für einzelne Eurostaaten wie Italien gezielt drücken, sobald sie es für geboten hält. "Die EZB hat Europas Populisten einen Blankoscheck ausgestellt", kritisiert das deutsche Zentrum für europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) das TPI-Programm. Eigentlich müsse die EZB diesen Scheck nun wieder einkassieren, meint ZEW-Volkswirt Friedrich Heinemann. Dies würde sie allerdings zu einem "politischen Wächter über Wahlergebnisse" machen. Daraus folgert der Ökonom: "Es zeigt sich immer deutlicher, dass die EZB mit ihren massiven Käufen von Staatsanleihen mehr und mehr eine Rolle übernommen hat, für die sie keinen Auftrag und keine Legitimation hat."

    Denn das Mandat der EZB lautet nicht auf günstige Finanzierungsbedingungen für Mitgliedsstaaten, sondern auf Währungsstabilität. Darunter versteht sie eine Inflation von zwei Prozent. Im August erreichte die Teuerung in der Eurozone den Rekordwert von 9,1 Prozent.

    https://www.derstandard.at/story/2000139433520/rechtsruck-kommt-italiens-steuerzahler-teuer-zu-stehen

    Na, was würden die schlauen Ökonomen empfehlen? Das TPI zu streichen und Italien aus dem Euro zu werfen?
    Das wohl auch wieder nicht …

  51. Operation Yenrettung

    Die Bank of Japan war gezwungen, eine erste Intervention am Devisenmarkt vorzunehmen, um die Abwertung ihrer Währung zu stoppen. Aber es kann sein, daß das nicht reicht.

    Die japanische Regierung hat widerwillig, fast zwangsläufig, auf den Zinserhöhungszyklus der Fed reagiert, um den schwächelnden Yen zu stützen, die erste Intervention dieser Art seit 1998. Die „entschlossene Aktion“, wie der stellvertretende Finanzminister für internationale Angelegenheiten sagte, Masato Kanda, erhöhte die Währung auf 140 Yen pro Dollar. Aber die wirtschaftlichen Aussichten des Landes machen es unwahrscheinlich, dass die Intervention funktionieren wird.

    Es gibt keinen Grund, die Zinssätze in Japan zu erhöhen: Die Inflation liegt leicht über ihrem Ziel von 2 %, aber aus den falschen Gründen, nämlich dem Krieg in Europa und zu vielen Anreizen aus den USA. Das japanische Wachstum von 2,2 % im letzten Quartal ist wenig inspirierend. Die Bank of Japan zieht es vor, das Ergebnis der jährlichen Unternehmenslohnverhandlungen im nächsten Jahr abzuwarten, bevor sie Schlussfolgerungen für ihre Geldpolitik zieht.

    Und doch hat die grassierende Inflation in den USA die US-Notenbank überrascht und ihren Vorsitzenden Jerome Powell gezwungen, die Zinsen aggressiv anzuheben, selbst als Kuroda am Donnerstag die ultralockere Geldpolitik von Japan verlängerte.
    Das vergrößert die Kluft zwischen den Benchmark-Anleiherenditen der USA und Japans weiter, die bereits weit über drei Prozentpunkte liegt, und schadet dem Yen weiter. Die japanische Währung hat seit dem im Dezember 2020 erreichten Maximum 29% verloren, das meiste seit letztem März. (…)

    Aus diesem Grund hat Tokio beschlossen, einen Teil seiner Reserven in Höhe von 1,3 Billionen US-Dollar zu verwenden, um den Niedergang einzudämmen. Die wirtschaftliche Abweichung Japans von seinen westlichen Konkurrenten bedeutet jedoch, dass die Regierung höchstens darauf hoffen kann, den Abwärtstrend des Yen zu mildern.

    Es gibt jedoch ein noch schlimmeres Szenario. Anleihenkäufer haben bereits Skepsis gegenüber der Zusage der Bank of Japan geäußert, die Renditen 10-jähriger Staatsanleihen unter 0,25 % zu halten. Im Juni und erneut in dieser Woche haben sie die Rentabilität … über diese Schwelle hinausgetrieben.
    Die Tokioter Finanzwelt ist voll von Gerüchten, dass ausländische Hedgefonds den Yen während der Handelszeiten in New York und London zügig verkauft haben. Das könnte die Entscheidung der Regierung erklären, einzugreifen.
    Aber wenn es nicht funktioniert und da die Bilanz einseitiger Interventionen nicht sehr gut ist, könnte die Glaubwürdigkeit der japanischen Behörden einen schweren Schlag erleiden. Das würde die Arbeit der Bank of Japan noch schwieriger machen.

    (El Pais, 29.9.)

  52. Auf europäischer Ebene ist der BRD-Finanzminister kritisiert worden, weil solch massive Eingriffe in den europäischen Wettbewerb, wie sie das deutsche 'Doppel-Wumms'-Schuldenpaket  vorsieht, eigentlich verboten sind.
    https://www.tagesschau.de/ausland/europa/lindner-eu-entlastungspaket-101.html
    https://www.euractiv.de/section/energie/news/deutschland-bleibt-wegen-milliardenschwerem-abwehrschirm-in-der-kritik/
    Die Merkel hatte dafür in der Finanzkrise 2008 die Parole parat, die BRD  wolle gestärkt aus der Krise hervorgehen.  Resteuropa sieht sich mit deutscher Finanzmacht konfrontiert, und begehrt um so eindrücklicher, dass Europa für alle Nationalismen ein Erfolgsprojekt zu sein habe – bei Strafe seines Niedergangs …. Lindner wollte noch vor einem Monat striktere europäische Schuldenregelungen durchsetzen. – Aber eben anscheinend vor allem bei den anderen Ländern….
    https://www.sueddeutsche.de/politik/eu-lindner-noch-viel-arbeit-bei-reform-von-eu-schuldenregeln-dpa.urn-newsml-dpa-com-20090101-220910-99-705675

    Deutsch-Finnische Streitigkeiten entzünden sich an der deutschen Verstaatlichung von Uniper.  Dort würden u.a. Grundsätze des Investitionsschutzes für finnische Großanleger bei Uniper missachtet …
    https://www.euractiv.de/section/energie/news/energieriese-uniper-finnische-opposition-mobilisiert-gegen-deutschland/

    Nationale Regierungen und EU-Kommission schieben sich wechselseitig die Schuld für die Krisenlage – bzw. ‘die schlechte Krisenbewältigung’ – zu ….
    https://www.euractiv.de/section/finanzen-und-wirtschaft/news/eu-mitgliedsstaaten-kritisieren-das-binnenmarkt-notfallinstrument/

    Auch die Abwälzung europäischer Krisenkosten mittels Kürzungen der Projekte mit Afrika findet erwartungsgemäß dort keinen Beifall. https://www.euractiv.de/section/eu-aussenpolitik/news/streit-um-gaspipelines-offenbart-kluft-zwischen-eu-und-afrika/

    [Lindners sture Entgegnung auf die europäische Kritik lautet übrigens: Das deutsche Finanzpaket sei keine Konjunkturhilfe und heize doch die Inflation in Europa gar nicht zusätzlich an…. – Und das heißt:
    “Lindner hält von einer Neuauflage der Gemeinschaftsschulden nicht viel: ‘Andere Instrumente gemeinsam in Europa, als die, die wir gegenwärtig haben, sehen wir zum jetzigen Zeitpunkt nicht als erforderlich an.’ Lindner ist in der Zwickmühle. Einerseits muss er die 200 Milliarden Euro für Deutschland verteidigen. Andererseits will er verhindern, dass die Partner mit den gleichen guten Argumenten einen ähnlichen Geldsegen für ganz Europa verlangen – dann allerdings finanziert aus der Gemeinschaftskasse, also mit einem großen deutschen Beitrag.” (Tagesschau, s.o.) ]

  53. Die Fragestellung  "Was tun gegen die Energiekrise" verharmlost den Wirtschaftskrieg gegen Russland (für den ganz Europa diesem Zweck untergeordnet werden soll)  in so was quasi Natur-Katastrophales wie  einen Vulkanausbruch, der  quasi von selbst, quasi  als Schicksal,  hinterrücks und unerwartbar  ganz Europa  getroffen habe.   Den Wirtschaftskrieg gegen Russland einzustellen, kommt jedenfalls als heilendes Mittel gegen solche Wirtschaftseinschläge garantiert gar nicht in die Tüte. Eher schon überlegt man, welche zukünftigen Wirtschaftsschäden vermutlich eintreten werden, wenn schwerere Waffen an die Ukraine geliefert werden, – und die Eskalationsspirale sich dann also noch weiter dreht. Der Übergang zur Kriegswirtschaft wird mittels Ankurbeln der Geld-Druckerpresse bewerkstelligt. Zunächst deutsch-national: – Und Resteuropa wird schon sehen, zu welchen dem Kriegskurs zustimmenden Bedingungen die BRD die Folgsamkeit Resteuropas gegen deutsch ermöglichte Krediterleichterungen wird erpressen können. Ein europäisch durch die EU-Kommission durchregulierter Gesamt-EU-Energiemarkt steht schon zur Debatte.

    Generell sollen Rohstoffversorgungsketten europäisch gemanagt werden:
    https://www.euractiv.de/section/finanzen-und-wirtschaft/news/frankreich-und-deutschland-legen-ihre-prioritaeten-fuer-das-kommende-eu-rohstoffgesetz-fest/

  54. ….   die eigene europäische Abhängigkeit von außer-europäischen (Rohstoff-) Lieferanten solle verringert werden….  [Zitat aus der letzten Quelle von Euractiv] – Und wieso kommen die Europapolitiker dabei zielstrebig und ratzfatz auf Russland und China …  (und nicht etwa auf außer-europäische Kakao- oder Kaffeeproduzenten, denn solche Pflanzen wachsen bekanntlich doch in hiesigen Breiten auch nicht)? Fragt sich nur, wer sich hier auf kommende Kriege und auf Wirtschaftskriege – und warum – vorbereiten will.

  55. Thomas Pany: Entlastungspaket Energiepreise: EU-Mitglieder gegen deutschen Alleingang
    Reaktionen auf den Scholz-Wumms: Das 200-Milliarden-Paket mit der Gaspreisbremse wird für gut befunden, wenn es zu einer EU-weiten Ausweitung “mit der Zulassung gemeinsamer Schulden” kommt. Der deutsche 200-Milliarden-Abwehrschirm, der vergangene Woche von Kanzler Scholz und seinen Vizes Habeck und Lindner angekündigt wurde, beunruhigt EU-Mitgliedsstaaten. Man will kein deutsches Solo, sondern Solidarität.
    https://www.heise.de/tp/features/Entlastungspaket-Energiepreise-EU-Mitglieder-gegen-deutschen-Alleingang-7283790.html?seite=all

    Pokern für mehr Armut
    Für selbstverschuldete Krise zahlen Bund und Länder nur Peanuts. NRW-Regierungschef Wüst setzt dafür auf »Pakt für nationale Einheit«
    Von Arnold Schölzel
    https://www.jungewelt.de/artikel/435962.bund-l%C3%A4nder-treffen-pokern-f%C3%BCr-mehr-armut.html

    Berliner Dilemma
    Streit um deutsche Entlastungspakete
    Von Jörg Kronauer
    https://www.jungewelt.de/artikel/435999.berliner-dilemma.html

    Der Euro ohne deutsche Industrie
    Sanktionen gegen Russland führen die EU in die wirtschaftliche Depression. Sabotage von Nord-Stream-Pipelines legt Berlin auf US- und NATO-Kurs fest
    Von Michael Hudson
    https://www.jungewelt.de/artikel/435973.us-imperialismus-der-euro-ohne-deutsche-industrie.html

    Russland liefert kein Gas mehr nach Italien
    https://www.jungewelt.de/artikel/435851.russland-liefert-kein-gas-mehr-nach-italien.html?sstr=Russland

    [In diesen Zusammenhang stelle ich noch einmal ein:]
    Florian Rötzer: Washington setzt Europa unter Druck, der Ukraine mehr und regelmäßig Finanzhilfe zu leisten
    Washington richtet sich auf einen langen Krieg ein, hat wieder ein Hilfspaket von 12 Milliarden verabschiedet und will angeblich monatlich 1,5 Milliarden an Finanzhilfe an die Ukraine leisten. Es wird Druck auf die EU ausgeübt, damit mitzuziehen. In Deutschland soll ein neues US-Kommando zur Koordinierung der militärischen Unterstützung der Ukraine eingerichtet werden.
    https://overton-magazin.de/krass-konkret/washington-setzt-europa-unter-druck-der-ukraine-mehr-und-regelmaessig-finanzhilfe-zu-leisten/

    —-

    Suitbert Cechura: Die Berichterstattung über „Putins Krieg“ ist irre
    Die gepflegte moralische Aufrüstung der Berichterstattung erschlägt jede sachliche Beurteilung mit dem Zwang zur Parteinahme. (…) Es braucht eben moralisch gefestigte Bürger mit der entsprechenden Sicht auf die Dinge, damit sie nicht nur die Kriegsfolgen an der Heimatfront hinnehmen, sondern gegebenenfalls auch auf wildfremde Bürger anderer Staaten schießen, wenn das Kommando von oben kommt.

    https://overton-magazin.de/allgemein/die-berichterstattung-ueber-putins-krieg-ist-irre/

    Eine Zwischenbemerkung zu den beabsichtigten bzw. erwartbaren Folgen von sogenannten Wirtschaftssanktionen:

    https://gegen-kapital-und-nation.org/media/pdfs/de/deutschland-im-kriegstaumel-eine-zwischenbemerkung.pdf

  56. Wie der Staat die Energiemärkte derzeit "reguliert,” – man beachte auch den Namen des neu benamsten Konzerns "Securing Energy for Europe" –  dazu Florian Rötzer:

    "(…) Vor einigen Tagen berichtete  Bloomberg, dass die frühere Gazprom Germania, die von der Bundesnetzagentur treuhänderisch übernommen wurde und jetzt  SEFE  (Securing Energy for Europe) heißt, ihren Auftrag, die Gasversorgung für Deutschland und Europa zu sichern, zum Schaden anderer zu erfüllen scheint. So würden gegen eine relativ kleine Strafsumme aufgrund langfristiger Verträge vom indischen staatlichen Gaskonzern bestellte LNG-Lieferungen umgeleitet, um sie auf den lukrativeren Spot-Markt zu gegenwärtigen Höchstpreisen zu verkaufen.
    Als Vertragsstrafe wird von der Singapur-Niederlassung von SEFE Marketing & Trading Ltd., frühert Gazprom Marketing & Trading Ltd., 20 Prozent der Vertragssumme bezahlt, was sich auf  4 Prozent des Preises am Spot-Markt beläuft. Das habe ein indisches Regierungsmitglied Bloomberg berichtet. Weniger verwunderlich ist dies Verhalten auf einem kapitalistischen Markt, auch wenn es sich um ein Staatsunternehmen handelt und man auch in Deutschland gerne Russland vorwirft, Verträge nicht einzuhalten. (…)"

    https://overton-magazin.de/krass-konkret/der-winter-und-ein-globaler-kampf-um-fluessiggas-kommt/

    … Und was bei einem selber Bauernschläue ist, das ist beim Gegner selbstredend abgrundtiefe systemisch begründete Bösartigkeit ….

    Lieferketten aus China könnten im nächsten Wirtschaftskrieg stören. Also:

    https://www.euractiv.de/section/eu-aussenpolitik/news/eu-will-mit-rohstoffgesetz-abhaengigkeit-von-china-verringern/

    Die Kalkulation scheint zu sein, dass europäische Regulierung bzw. größere Kompetenzen für EU-Wirtschaftspolitik auch den kleineren europäischen Staaten größere Schlagkraft im globalen Wettbewerb verschaffe. (Vermutlich sollen dafür die einzelnen Staaten davon dann aber nicht mehr ausscheren dürfen – und so, mit diesem “Pferdefuß”, wächst, als Vorstellung erst einmal, Europa mit größeren Befugnissen und größeren Souveränitätsrechten heran.) Ob es dazu wirklich kommt? Als Überredungsmittel, um den Abbau von Souveränität als Stärkung nationaler Souveränität zu verdrehen, dürften vermutlich neue europäische Kreditversprechen tauglich sein. Dass der deutsche Finanzminister dies so vehement ausgeschlossen hat, dürfte also das letzte Wort in dieser Angelegenheit noch nicht gewesen sein. Einstweilen gelten Frankreich und BRD in der EU angeblich als extreme Energie-Egoisten. https://www.focus.de/politik/analyse-von-hans-juergen-moritz-deutschland-und-frankreich-als-energie-egoisten-unter-verdacht_id_156597566.html. (Dieser Focus-Artikel verdeutlicht die Gemengelage der unterschiedlichen nationalen Energie-Konstellationen rund um Europa.)

  57. Heutiges Gründungstreffen der “Europäischen Politischen Gemeinschaft”

    ….   dann gründ’ ich einen Arbeitskreis ….
    ….  oder – ein neues sonstiges europäisches bzw. europa-zentristisches Gremium …

    “(…) Allerdings sind noch viele Fragen offen, sagt Janis Emmanouilidis vom EPC, einer Denkfabrik für europäische Politik in Brüssel. Zum Beispiel, was am Ende das Ergebnis sein könnte – oder womit sich die Runde überhaupt beschäftigen soll. (…). Bundeskanzler Olaf Scholz wird sich auf eine Reihe kritischer Fragen gefasst machen müssen. Denn viele seiner EU-Kolleginnen und Kollegen halten das 200-Milliarden-Euro schwere Hilfspaket der Bundesregierung für einen ziemlich unsolidarischen Alleingang.”

    https://www.tagesschau.de/ausland/europa/prag-gipfel-101.html

    (Die Idee scheint zu sein, dass die bloße Masse von Staaten die darunter befindlichen Skeptiker zu den Russland-Sanktionen würde zur Teilnahme an der Kriegspolitik gegen Russland überreden können. (Das könnte aber leicht zu einem ‘Rohrkrepierer’ und einer öffentlichen ‘Blamage’ der Kriegsfront-Hetzer sich entwickeln. Immerhin ist z.B. auch die Türkei dabei… Schaunmermal.)

  58. Ein zukünftiger digitaler Euro – soll einerseits auf weltweite Digitalisierungstendenzen anderer Weltwährungen reagieren – bzw. Europa will mit denen mithalten – andererseits aber dem bereits etablierten europäischen Geschäft der privaten (oder halbstaatlichen…)  Geschäftsbanken in Europa nicht zusätzliche Gewinnambitionen durch unmittelbare Verfügbarkeit von Zentralbankgeld abschneiden – so erläutert es Stephan Kaufmann ….

    https://www.nd-aktuell.de/artikel/1167647.digitaler-euro-ein-neues-feld-in-der-weltwaehrungskonkurrenz.html

    —-

    Vgl. auch diesen Artikel – bereits aus dem letzten Jahr

    https://www.euractiv.de/section/eu-innenpolitik/opinion/europas-kampf-gegen-die-dominanz-digitaler-plattformen/

    und aus 6/2022: https://www.euractiv.de/section/digitale-agenda/opinion/frankreich-steuert-in-richtung-digitalen-nationalismus/

  59. Irgendwie scheint die Strategie derjenigen Staaten, die noch Kredit haben, darauf hinauszulaufen, ihre Wirtschaft zu subventionieren, damit dort einige Geschäfte machen können:

    "Kampf gegen die Inflation: Spendable Staaten werden zum großen Risiko für die Weltwirtschaft

    Die Inflation dürfte länger hoch bleiben als gedacht. Dafür sorgen die Energiekrise, Strukturprobleme am Jobmarkt sowie die Spätfolgen der Pandemie. Und spendable Staaten unterlaufen die Strategie der Notenbanken in der Inflationsbekämpfung

    Larry Fink, Chef der Fondsgesellschaft Blackrock, versteht nicht, dass sich noch jemand wundert. Neun Billionen US-Dollar (9,2 Billionen Euro) habe die US-Regierung allein in den vergangenen vier Jahren für Wirtschaftshilfen ausgegeben. Es gab Schecks für alle, um die Konjunktur in der Pandemie am Laufen zu halten. Ex-Präsident Donald Trump hat Steuergeschenke für Reiche draufgepackt. Sein Nachfolger gibt Geld an verschuldete Studierende. Die USA könnten nicht aufhören, "Helikoptergeld" zu verteilen, sagt Fink, der mit Blackrock den größten Vermögensverwalter der Welt führt, in Richtung Publikum. "Und dann rätseln alle, wieso wir eine so hohe Inflation haben." Die Lacher sind auf seiner Seite.

    Es ist später Nachmittag in Washington D.C. Fink spricht bei der Jahrestagung des Internationalen Bankenverbandes IIF vor einer Gruppe von Bankern und Investoren über die Zukunft der Weltwirtschaft. Es geht um die USA, Europa, China, um den Krieg in der Ukraine und die Demografie in Amerika, aber in Wahrheit nur um ein Thema, das alle diese Stränge zu verbinden scheint: die Rekordinflation.

    Fink zeichnet für die kommenden Monate ein düsteres Bild. Nachdem die USA ihre Schecks verteilt haben und nun diese Rechnung in Form höherer Inflation präsentiert bekommen – die Teuerung liegt bei 8,2 Prozent im Land –, nehmen aktuell europäische Regierungen hunderte Milliarden Euro in die Hand, um ihren Bürgerinnen und Bürgern zu helfen. "Ich will nicht urteilen", sagt Fink. Aber es sei bemerkenswert, dass mitten in einer Krise so viel Geld ausgegeben werde, obwohl es sein könne, dass genau das die Inflation antreibe und die Probleme verschlimmere. Da lacht keiner.

    Nachdenkliche Banker

    Ein Investmentbanker, den hohe Staatsausgaben nachdenklich stimmen. Das allein ist vielleicht noch keine Geschichte. Diese Woche kamen in Washington hunderte Zentralbankerinnen und Zentralbanker, Finanzministerinnen und Finanzminister sowie Ökonominnen und Ökonomen zur Jahrestagung des Internationalen Währungsfonds (IWF) und der Weltbank zusammen, um zu vermessen, wie sich die Weltwirtschaft entwickeln wird. Viele treibt dieselbe Sorge um wie Fink.

    Die Weltwirtschaft ist dabei, in eine neue Phase einzutreten. Auf die rasante Erholung nach der Pandemie folgt Stagnation, ein Nullwachstum also, ein Zustand, bei dem es keine Wohlstandsgewinne zu verteilen gibt, was Konflikte zwischen Arbeit und Kapital verschärft.

    Ein Drittel der Weltwirtschaft soll in eine Rezession stürzen, prognostiziert der IWF. Die Wirtschaftskraft wird in vielen Ländern, darunter auch Österreichs Nachbarn Italien und Deutschland, schrumpfen. Das bedeutet, dass die Arbeitslosigkeit steigen wird. Und die Hinweise verdichten sich, dass parallel dazu die Periode der hohen Inflation nicht vorüberzieht, sondern die Krise erst am Anfang steht.

    In der Eurozone zogen die Preise im Jahresabstand um zehn Prozent an. Schon gibt es Prognosen, dass in Deutschland die Teuerung 2023 noch einmal um sieben, in Österreich um 6,5 Prozent zulegen wird. Butter ist binnen zwölf Monaten um ein Drittel teurer geworden, Milch um ein Fünftel, Hotelübernachtungen um ein Zehntel. Und jetzt soll es noch weiter raufgehen?

    Dafür gibt es mehrere Gründe. Als Folge des Krieges sind Energiepreise weltweit gestiegen, vor allem aber in Europa. Das Erdölkartell Opec will seine Förderung drosseln, um die Ölpreise hoch zu halten. Ab 5. Dezember greift ein Ölembargo gegen Russland, das neue Verwerfungen auslösen könnte. Auch abseits solcher Schocks deute alles darauf hin, dass Energie mittelfristig, also im Laufe von zehn Jahren, teurer bleiben wird, sagt der Ökonom Daron Acemoğlu vom Massachusetts Institute of Technology (MIT). Die Zeiten von billigem Gas sind für Europa vorbei. Und bis erneuerbare Quellen, die in Europa etwa 20 Prozent des Energiekonsums abdecken, Gas voll ersetzen könnten, werde es dauern.

    (…)

    https://www.derstandard.at/story/2000139999601/kampf-gegen-die-inflation-zu-viel-geld-vom-staat-gehoert

  60. Digitalisierung ist einerseits anscheinend ein Schlachtruf, der kapitalistische Fortschritte in der Konkurrenz ankündigt (vor allem in Bezug auf den Vergleich mit China, das hier bereits um Längen voraus ist). Johannes Schillo interviewt zum Thema Peter Schadt https://overton-magazin.de/krass-konkret/noch-ein-wirtschaftskrieg-deutschland-in-der-digitalisierungs-offensive/

    Vgl. auch diesen etwas älteren Artikel von Schadt. https://www.nd-aktuell.de/artikel/1143245.technologie-macht-der-technik.html?fbclid=IwAR2hfsVx9xqu0TvIIGco7fAC2hdz0Yc_e85r2veaCH-qOl-8PNZ72VQ1wdQ

    Zusätzliches und Nachdenkliches über Künstliche Intelligenz (und wie das Zuarbeiten zu Systemen der KI die Ausbeutungsmethoden der Fabrikarbeit 'modernisiert') u.a.  ist einer Reportage auf arte zu entnehmen.  
    https://www.arte.tv/de/videos/099618-000-A/ki-im-test-mensch-vs-maschine/

  61. A Humiliating End to Trussonomics

    The British government’s dramatic U-turn shows how policy mistakes can be rapidly punished in times of global economic uncertainty.

    On Monday morning, Britain’s new finance minister, Jeremy Hunt, delivered a funeral oration for Trussonomics — the regressive and ill-advised tax-cutting scheme of Britain’s new Conservative Prime Minister, Liz Truss. In a televised address that lasted about five minutes, Hunt said that he was eliminating virtually all of the tax cuts that Truss’s government proposed last month, which sent the financial markets into a conniption, and he also promised to rein in an expensive cap on energy bills, which the government recently introduced to counter soaring fuel prices. “A central responsibility for any government is to do what is necessary for economic stability,” Hunt said.

    (…)

    The less reassuring interpretation of the British crisis is that, in a world where many central banks are raising interest rates and withdrawing money from the economy, it demonstrated the potential fragility of the global financial system, including the U.S. system. When the pound began to plummet late last month, it affected other markets, such as the markets for German and U.S. bonds. Seeing what was happening, officials at the Treasury Department urged the I.M.F. to put pressure on the British government to reverse course, Bloomberg reported. (The report wasn’t denied.)

    (…)

    https://www.newyorker.com/news/our-columnists/a-humiliating-end-to-trussonomics

    Die ganze Finanzwelt hat offenbar kalte Füße gekriegt wegen diesem wirtschaftlichen Harakiri der britischen Schreckschraube und ihres Ökonomie-Wunderkinds.

  62. Die dramatische Kehrtwende der britischen Regierung zeigt, wie politische Fehler in Zeiten weltwirtschaftlicher Unsicherheit schnell bestraft werden können.

    Das ist schon witzig, wie das Urteil der Finanzkapitals wie ein Gottesurteil hingenommen wird. Ja wenn das Finanzkapital aus dem Pfund geht, dann hat die Regierung einen politischen Fehler gemacht. Wieso das jetzt falsch war, muss man gar nicht mehr erläutern. Scholz und andere europäische Regierungen machen zwar genau das gleiche, aber dort ist es kein Fehler weil die Finanzmärkte nicht direkt reagieren.

  63. “US-Präsident Joe Biden hat die inzwischen verworfenen Steuerpläne der britischen Premierministerin Liz Truss kritisiert. Biden sagte am Samstagabend (Ortszeit) bei einem Besuch im US-Bundesstaat Oregon, er sei nicht einverstanden gewesen mit dem Ansatz, in Zeiten wie diesen Steuererleichterungen für Superreiche auf den Weg zu bringen. «Ich war nicht der einzige, der dies für einen Fehler hielt.» Es sei aber nicht an ihm, sondern an Grossbritannien, darüber zu urteilen.  
    Biden äusserte sich in Portland bei einem Stopp in einem Eiscafé vor Reportern. Dass ein US-Präsident eine innenpolitische Entscheidung eines engen Verbündeten derart deutlich kritisiert, ist ungewöhnlich.
    Truss ringt nach nur wenigen Wochen als Regierungschefin um ihr Amt. Sie hatte sich in einer parteiinternen Wahl als Nachfolgerin des britischen Premiers Boris Johnson durchgesetzt – in erster Linie, weil sie massive Steuererleichterungen versprach. Diese Vorhaben sind jedoch dabei, krachend zu scheitern, weil Pläne zur Gegenfinanzierung fehlen. Die Finanzmärkte reagierten mit heftigen Turbulenzen.”    (Sonntag, 16.10.)

    https://www.bluewin.ch/de/news/international/us-praesident-biden-truss-steuerplaene-waren-ein-fehler-1421358.html

    Also – die Finanzmärkte ihrerseits haben wiederum anscheinend auch auf Bidens Einschätzung reagiert. Zumindestens hat der das bestärkt – anstatt die Märkte zu beruhigen (was ich erwartet hätte…) . (Und dass das ebenfalls nur eine reine Ungeschicklichkeit oder ein Formfehler von Biden gewesen wäre, einer europäischen Regierungschefin “Fehler” vorzuhalten, das leuchtet mir dabei eher nicht ein. Umgekehrt ist es mir aber auch nicht klar, was Biden sich davon versprechen könnte, dass GB ins Regierungschaos trudelt. Außer natürlich der Demo, dass der Herr in Washington mit einer Nebenbemerkung ganze Staatenordnungen durcheinander verwirbeln kann: – Damit anschließend wieder Ordnung – und Abstimmung mit den USA – dort einkehren solle?)

    Es gab auch vorher schon Konflikte mit den USA, scheint ‘sich aufgeschaukelt’ zu haben:
    https://www.n-tv.de/politik/Nordirland-Streit-USA-drohen-Liz-Truss-gleich-zum-Dienstantritt-als-britische-Premierministerin-article23574687.html
    https://www.derstandard.de/story/2000139240923/truss-raeumt-ein-vorerst-keine-verhandlungen-mit-usa-zu-handelspakt

    Botschaften an die Verbündeten der USA???

  64. Stephan Kaufmann:  Ein neues Regime

    Die derzeitigen weltweiten staatlichen Kreditprogramme bei gleichzeitiger Inflation unterminieren “…. die Kreditwürdigkeit zahlreicher Länder, und an den Finanzmärkten hat die Suche nach den schwächsten Gliedern begonnen. Zahlreiche Schwellen- und Entwicklungsländer sind bereits nahe am Zahlungsausfall, mahnt der Internationale Währungsfonds (IWF).
    In dieser globalen Konkurrenz um Kredit, also um das „Vertrauen“ der Finanzmärkte, hat Großbritannien einen heftigen Rückschlag erlebt. Erklärt wird er zwar mit Fehlern der Regierung. „Aber was ist, wenn Großbritannien gar keine Ausnahme ist“, schreibt Marcus Ashworth vom Finanzdienst Bloomberg, „sondern bloß ein Beispiel dafür, was anderen Ländern in der neuen Inflationswelt noch bevorsteht?“
    Die Phase der „Fiscal Dominance“ ist vorüber, zurück ist die „Financial Dominance“ und damit die Macht der Finanzmärkte, von Regierungen über Zinsanstiege und Währungsabstürze eine marktkonforme Politik zu erzwingen. Dass die konservative Brexit-Partei mit ihren Steuersenkungen für Reiche nicht durchgekommen ist, ist daher kein Anlass für Schadenfreude. Denn dass hier ein mächtiger G7-Staat vor den Märkten einknickt, bedeutet nicht nur, dass die britischen Arbeitnehmer vor zwei Jahrzehnten sinkender Lebensstandards stehen, sondern verweist zudem auf den prekären Zustand des Weltfinanzsystems, in dem die nächste Krise nur eine Frage der Zeit ist.”

    https://www.fr.de/meinung/kommentare/ein-neues-regime-91863523.html

    https://taz.de/Liz-Truss-tritt-zurueck/!5889641/

  65. @Leser

    ist es mir aber auch nicht klar, was Biden sich davon versprechen könnte, dass GB ins Regierungschaos trudelt

    Na ja, dieses Chaos war offenbar voraussehbar und der US-Führung ist es natürlich nicht recht, wenn einer ihrer engsten Verbündeten abschifft.
    Daß Biden mit seiner Bemerkung die Sache verschärft hat, dürfte nicht seine Absicht gewesen sein, aber der Mann ist eben erstens kein besonderer Diplomat und zweitens ist in dieser Lage sowieso guter Rat teuer. Also bei angespannten Finanzmärkten und größenwahnsinnigen Regierungschefs kann leicht ein Land und seine Kreditwürdigkeit kippen.

    Die Probleme des Pfunds sind übrigens nur ein Vorspiel dessen, was auf den Euro zukommt.

  66. Stephan Kaufmann:  Marktkonforme Demokratie

    Großbritanniens Krise zeigt: Die Finanzmärkte regieren wieder, die Politik muss sich ihrem Urteil beugen.  

    (…)  Um Wachstum zu retten, legen Regierungen Milliardenprogramme auf. Dazu kommen weitere staatliche Programme für Aufrüstung und Energieautonomie, für Investitionen in Klimaschutz, Digitalisierung und weitere strategische Zukunftsfelder, auf denen das künftige Wachstum erwartet wird. »Angesichts der vergangenen Schocks sind Regierungsinterventionen nötig, wie es sie, würde ich sagen, seit dem Kalten Krieg nicht gegeben hat«, so Jacob Kirkegaard vom Washingtoner Peterson Institute. Die Finanzierung dieser Programme treibt nicht nur die ohnehin hohen Schulden weiter nach oben. Die dadurch zusätzlich generierte Nachfrage nährt darüber hinaus die Erwartung anhaltend hoher Inflation. Um sie zu bekämpfen und Kapitalabfluss zu stoppen, erhöhen alle Länder daher massiv die Zinsen, was ihre Wirtschaften schädigt. Dieser Kreislauf unterminiert die Kreditwürdigkeit zahlreicher Länder, und an den Finanzmärkten hat die Suche nach den schwächsten Gliedern begonnen. Einige wurden schon ausfindig gemacht: Sri Lanka, Pakistan, Ägypten und andere mussten beim IWF Hilfskredite beantragen. Weitere werden folgen: Mehr als ein Viertel aller Schwellenländer steht laut IWF am Rande des Zahlungsausfalles oder hat ihn schon hinter sich.

    In dieser globalen Konkurrenz um Kredit, also um das »Vertrauen« der Finanzanleger, hat auch Großbritannien einen heftigen Rückschlag erlebt. Erklärt wird er zwar mit Fehlern der Regierung. »Aber was, wenn Großbritannien gar keine Ausnahme ist«, schreibt Marcus Ashworth auf Bloomberg, »sondern bloß ein Beispiel dafür, was weiteren Ländern in der neuen beängstigenden neuen Inflationswelt noch bevorsteht?«.  (…).  Der Vorwurf an Truss und ihren Ex-Finanzminister Kwarteng, sie hätten Großbritannien »uninvestable« (Economist) gemacht, zeigt, worin die angestrebte Finanzstabilität von Staaten besteht: dass sie profitable Anlagesphären für das globale Kapital sind. Zu diesem Zweck müssen nun die Zinsen steigen und die Schulden sinken, ebenso wie die Reallöhne.  (…)   »Wir sind wirtschaftlich stark und wir mobilisieren diese Stärke, wenn es nötig ist«, erklärte Bundesfinanzminister Christian Lindner, der sich darauf verlassen kann, dass die Märkte der Bundesregierung den Kredit geben, den sie für nötig hält. »Während die meisten Länder sich nach Jahren des Schuldenaufbaus überlegen müssen, was sie sich leisten können, hat die Bundesregierung mitgeteilt, dass solche Schranken für Deutschland nicht gelten«, so der Economist. Mit den zusätzlichen Milliarden werden Haushalte und damit der Konsum gestützt, und Unternehmen über die Krise gerettet, kurz: die eigene Krise abgefedert und die Krisenfolgen auf andere Länder abgewälzt. »Man muss nur lange genug warten«, schreibt der Economist, »und Europas einzige erfolgreiche Unternehmen finden sich in jenen Ländern, deren Regierung es sich leisten können, sie zu unterstützen.«.  

    [sic…! – So viel zum “Wachstum” sowie zur Abwälzung der Krisenfolgen auf andere Länder, – wovon das EU-Hickhack bereits einen Vorgeschmack gibt. Und ach ja – die BRD zumindestens will wieder mal als Nation gestärkt aus der Krise herauskommen. Gestärkt meint dabei vor allem: mit mehr Vertrauen der Finanzmärkte ausgestattet, dass zukünftig Wachstum stattfinden würden täte…]

    (S.K. – ND-Neufassung des oben verlinkten gestrigen FR-Artikels)
    https://www.nd-aktuell.de/artikel/1167897.schulden-marktkonforme-demokratie.html

  67. Konflikte zwischen Deutschland und Frankreich häufen sich – im Hintergrund schwelt ein Streit, ob Schulden wegen Kriegslage und Energiefragen zu vergemeinschaften sein sollen ….

    https://www.german-foreign-policy.com/news/detail/9062

    Auch sonstige Kosten des Ukraine-Krieges werden “dem Westen” in Rechnung gestellt

    https://www.jungewelt.de/artikel/437448.wer-bestellt-zahlt.html

    Ob solch Triumvirat Europas (BRD, Frankreich, Italien) wie im Juni – https://www.zdf.de/nachrichten/zdfheute-live/scholz-selenskyj-macron-draghi-ukraine-besuch-video-100.html – auch zukünftig so gemeinsam werden “europäische Außenpolitik” repräsentieren wollen, das wird neu zu verhandeln sein.

    Und gleichzeitig nehmen europaweit ökonomische Konkurse und Pleiten zu.

    https://www.euractiv.de/section/unternehmen-und-arbeit/news/europaeer-schliessen-ihre-geschaefte-angesichts-drohender-konjunkturschwaeche/

    Grüne aus dem Europa-Parlament denken über einen grünen europäischen “Doppel-Wumms” nach ( – GrünTech – das wäre vermutlich der ideologische Titel für solcherlei neu zu beschließenden Euro-Kredit – bzw. gäbe es alternativ eine Ausweitung/Aufstockung des alten EU-Recovery-Programms …. -)

    https://www.fr.de/meinung/gastbeitraege/europa-braucht-einen-doppel-wumms-91851294.html

  68. Auch in gemeinsamen Rüstungs- und Militärfragen, in Wirtschaftsfragen,  sowie in Fragen politischen gemeinsamen weltweiten Auftretens habe Bonn Paris in letzter Zeit permanent brüskiert, – so werden französische Beschwerden kolportiert …. 

    https://www.heise.de/tp/features/Scholz-und-Macron-Harte-Nuesse-zum-Arbeitsessen-7321242.html

    Zur Rüstungskooperation: “(…) Dassault (Frankreich) sieht sich durch die Integration des spanischen Airbus-Ablegers in das Projekt benachteiligt und verlangt jetzt eine klare Führungsrolle, die Airbus Defence and Space (Deutschland) dem Unternehmen bisher nicht zugestehen will. ”
    https://www.german-foreign-policy.com/news/detail/9008

    https://www.tagesspiegel.de/politik/deutschland-und-frankreich-beziehungsstatus-kompliziert-8800342.html

    Auch Richtung Ukraine setzt Macron andere nationale Maßstäbe in die Welt

    https://www.tagesschau.de/ausland/europa/frankreich-nuklearmacht-101.html

    Sowie ebd.: “Gerade Macron hatte zu Beginn seiner ersten Amtszeit große Hoffnungen auf den Ausbau der europäischen Verteidigungsstrukturen inklusive gemeinsamer Rüstungsprojekte gesetzt. Aus Pariser Sicht verlässt sich Deutschland aber vor allem auf die USA, wenn es um atomare Abschreckung geht – als habe Deutschland bei dem Thema regelrechte Berührungsängste gegenüber seinem Nachbarn, die Frankreich nicht nachvollziehbar findet. Zumal sich auch die politische Lage in den USA – etwa mit einer erneuten Präsidentschaft von Donald Trump – schnell wieder ändern könne. Aus französischer Sicht müssen sich die Europäer auf ein Szenario vorbereiten, in dem sie für ihre eigene Sicherheit sorgen müssen – auch im Hinblick auf eine gemeinsame nukleare Abschreckungsstrategie.” (s.o.)

  69. Die Frage ist, was die Erhöhung der Leitzinsen für die Immobilienspekultion bedeutet?

    Zinsen steigen immer weiter: Bleiben Wohnkredite noch leistbar?

    Die EZB wird das Zinsniveau in der Eurozone weiter anheben, was Kredite teurer macht. Variable Finanzierungen führen zu enormer Mehrbelastung für Haushalte

    (…)

    https://www.derstandard.at/story/2000140293877/zinsen-steigen-immer-weiter-bleiben-wohnkredite-noch-leistbar

    Der Artikel macht sich vor allem Sorgen um das Geschäft der Banken — wie sieht es aus, wenn variable Kredite aufgrund der erhöhten Zinslast nicht mehr bedient werden können?

  70. Stephan Kaufmann:  Auch in der Krise Weltmacht Nr. 1

    Die Wachstumsschwäche trifft auch die USA – die Ursachen sind aber andere als im Rest der Welt. Washington bekämpft sie nach eigenem Ermessen. Alle anderen Staaten müssen folgen.

    Der US-Bundesstaat Kalifornien gilt als „Golden State“ – zurecht. Seine Wirtschaftsleistung übertraf bereits 2015 die von Frankreich, 2017 wurde Großbritannien überholt und dieses Jahr dürfte Deutschland an der Reihe sein. Kalifornien ist ein Symbol für die ökonomische Stärke der USA, die sich selbst in der aktuellen Krise zeigt. Zwar schrumpfte auch das amerikanische Bruttoinlandsprodukt und die Inflationsrate ist sehr hoch. Die Ursachen dafür sind jedoch größtenteils hausgemacht und die Strategien gegen die Krise setzt Washington nach eigenem Ermessen – der Rest der Welt muss folgen.   Zentrales ökonomisches Thema im Vorfeld der Midterm-Wahlen in den USA ist die hohe Inflationsrate, die zuletzt bei 8,2 Prozent lag. Im Gegensatz zu Europa sind daran allerdings weniger die Energiepreise schuld – die USA produzieren mehr Gas und Öl, als sie selbst brauchen, im Land liegen die Preise deutlich niedriger als in Europa. Ursache der hohen Inflationsrate ist vielmehr eine außerordentliche Stärke der US-Wirtschaft, die die Regierung in Washington in den vergangenen Jahren massiv angefeuert hat.  (…) 

    Gleichzeitig jedoch gab dieser Boom den Unternehmen die Gelegenheit, ihre Preise zu erhöhen. Laut einer Fed-Schätzung ließen die Staatshilfen allein bis Ende 2021 die Inflationsrate um zusätzliche drei Prozentpunkte steigen. Die US-Zentralbank hat daher reagiert: Sie erhöhte die Leitzinsen drastisch und wird nächste Woche einen weiteren Zinsschritt tun. Damit verteuert sie Kredite und lässt das Wirtschaftswachstum sinken – das ist der für Zentralbanken übliche Weg, als überschüssig bewertete Nachfrage zu senken, um die Inflation zu drücken. Das führt kurzfristig zwar zu Wachstumseinbußen. Diese dürften aber zum einen milde ausfallen und zum anderen die Basis für den Aufschwung legen:  (…) 

    Damit ist der Rest der Welt in eine neue Phase des globalen „Dollar-Zyklus“ geraten: Zinserhöhungen in den USA ziehen Kapital in die Vereinigten Staaten, deren Dollar ohnehin als sicherer Hafen geschätzt wird und der stark aufgewertet hat. Um Kapitalabfluss und Währungsabwertungen – wie jüngst in Großbritannien – zu verhindern oder abzumildern, müssen alle anderen Währungsräume mit deutlichen Zinserhöhungen nachziehen. Das schädigt zwar ihre Ökonomien und Konjunkturen. Aber die Konkurrenz zum starken Dollar lässt ihnen keine Wahl. „Er ist unsere Währung – aber euer Problem“, sagte bereits 1971 der damalige US-Finanzminister John Conally.  [Pleiten für arme Länder – sowie….] (…) In der Eurozone wiederum wird die Zentralbank am Donnerstag die Zinsen deutlich erhöhen, obwohl die Wirkungen der Zinserhöhungen gefürchtet werden. Denn zum einen fressen die hohen Energiepreise die Kaufkraft der Konsumenten, was die Wirtschaft schrumpfen lässt: „Es gibt kaum noch Zweifel“, meldete die Commerzbank diese Woche. „Der Euroraum befindet sich in der Rezession“ – die durch die Zinserhöhung vertieft werden wird. Zum anderen ist kaum ersichtlich, wie steigende Zinsen Europas Problem hoher Energiekosten lösen könnte – ein Problem, das die USA schlicht nicht haben.

    https://www.fr.de/wirtschaft/wirtschaft-usa-biden-handel-industrie-export-import-washington-in-der-krise-weltmacht-nr-91876338.html

  71. Auch diesen Artikel über die USA, Krisengewinnler Nr. 1, hat Stephan Kaufmann noch mal theoretisch verschärft und neu im ND veröffentlicht:

    Souverän in die Krise

    Der aktuelle Abschwung belegt die ökonomische Dominanz der USA

    "(…) Allerdings sind die Vereinigten Staaten weniger passiv von der Krise betroffen. Vielmehr gestalten sie die Krise aktiv, treiben sie voran und demonstrieren damit ihre globale Stärke."  (….)

    https://www.nd-aktuell.de/artikel/1168101.inflation-souveraen-in-die-krise.html

    Nicht jeder Staat kann sich übrigens nämlich vornehmen, "gestärkt aus der Krise herauszukommen". Die diesbezügliche Äußerungen der griechischen Regierung in der Eurokrise lauteten  daher auch  a bisserl anders:   nämlich dass man die Diktate von IWF und EU möglichst abwehren wolle….

  72. Kaufmann argumentiert, dass die aktuelle Wirtschaftspolitik der USA (incl. die Maßnahmen der FED) "….  die Basis für den nächsten Aufschwung legen: In einer Umfrage der Finanzagentur Bloomberg unter Großinvestoren waren knapp 70 Prozent davon überzeugt, die USA würden die aktuelle Krise am besten überstehen – auch weil Washington weitere Hilfsprogramme bereits beschlossen hat. Dabei werde es trotz der steigenden Zinsen »keine Probleme haben, den Staatshaushalt zu finanzieren«, so Stefan Grothaus von der DZ Bank. »Dies ist auch auf absehbare Zeit nicht zu erwarten.« Denn ihr Status als Weltmacht und Weltwirtschaftsmacht garantiert den USA schier grenzenlose Kreditwürdigkeit, die sie zur Förderung ihrer Wirtschaft nutzen."  (s.o.)

    – Und das kann sich kein anderer Staat so leisten – und daher auch gar nicht für die Zukunft in ähnlicher Weise vornehmen. (Womit übrigens ja bekanntlich auch nicht ausgeschlossen ist, dass auch in den USA das Kürzen von Sozialgeldern, das Kürzen von Beihilfen und das von Krankenhausgeldern nicht auch zu den Mitteln des Staates gehören – und nicht nur in Griechenland wurde derart ‘kleinkrämerisch’ und erpresserisch verfahren….)

  73. Zinserhöhung der EZB

    @Leser: Doch. Vornehmen kann sich jeder Staat gestärkt aus der Krise hervorzugehen, es gelingt bloß nicht jedem.

    Der Unterschied der Usa besteht nicht nur in ihrer Verschuldungsfähigkeit, sondern auch darin, dass sie kein Gasproblem haben. Die Gaspreise sind niedrig, folglich sind auch die Strompreise nicht gestiegen. Im Gegenteil verdienen sich die Amis im Moment dumm und dämlich an dem Gas, das sie nach Europa verkaufen. Ebenso verdienen sich die Erdölfirmen dumm und dämlich. Zusätzlich verdienen sie an den hohen Lebensmittelpreisen und an der Spekulation auf Energie und Lebensmittel. Bei denen steigen die Preise, weil im Moment das Kapital wie bekloppt nach Amerika fließt, was nicht gerade dadurch gebremst wird, dass der Dollar immer teurer wird, und die Zinsen erhöht werden. Zusätzlich pumpen die Corona Konjunkturprogramme noch Geld in die Wirtschaft.

    Deshalb weiß ich auch gar nicht wie Kaufmann darauf kommt: "Die USA führen damit souverän ihren Abschwung herbei." Nach Abschwung sieht mir das gar nicht aus in den USA. Das einzig negative Datum ist eigentlich die Inflation.

  74. Dass 'das Stocken’ einzelner Elemente vom oder 'die Schwäche' des kompletten kapitalistischen Wachstums in eine Rezession führt, liegt letztens ironischer Weise gerade an der (vorherigen) Stärke des Wachstums, welches deswegen nicht  zur Verwertung des vorgeschossenen Kapitals führt, weil seine Ausdehnung quasi "schrankenlos" – auch mittels Kredit! – bewerkstelligt wurde, und da auch die US-Ökonomie vom Wachstum z.B. bei sich, z.B. auswärts (China, Europa etc ) abhängt, reicht es, dass die Kette von Verwertungsbedingungen an wichtigen Stellen und sei es zeitweilig unterbrochen oder abgerissen wird. Dann stehen nicht nur Autos oder Fernseher auf Halde, wiewohl danach massig Bedürfnisse bestehen, auch die Kreditanträge entsprechender Firmen werden kritischer beschlechtachtet, etc.   Plus die Stimmung im Lande lässt weiteres erwarten, was dann wieder Weiteres. etc.pp. Sprich: der vorherige Aufschwung ist der "Grund" für den Abschwung.  (Nur mal kurz aufgeschrieben, was man manchmal vergisst…)

    —–

    Arbeit unterbleibt, wenn sie nicht rentabel ist, wenn sie dem Unternehmen, in dem und für das sie stattfindet, nicht genügend Geldertrag einbringt. Wenn das so ist, dann findet Arbeit aber auch nur deswegen statt, weil und damit sie einem Unternehmen Gelderträge verschafft. Aus keinem anderen Grund unterbleibt sie dann eben auch, wenn sie nämlich nicht genügend Geld bringt.

    https://www.argudiss.de/sites/default/files/doku/anhang%28pdf%29/A%26R2022HB-ankündigung.pdf

    https://wissenundkritik.de/wp-content/uploads/2021/04/14-Thesen-zu-Arbeit-und-Reichtum.pdf

  75. Deiner Rede entnehme ich, dass es gerade Aufschwung gibt. Weil Aufschwung führt zum Abschwung. Sonst hättest du ja nicht auf diese Logik verweisen müssen. Kann ja auch sein, dass die Welt in eine Rezession gerät, die Firmen dort pleite gehen und die Nachfrage dann aus Amerika gestillt wird. Dann eröffnen sich für Amerika neue Märkte. Statt Rezession verwertet sich amerikanisches Kapital dann doch – auf Kosten des nichtamerikanischen.
    Vor allem: “Die USA führen damit souverän ihren Abschwung herbei.” Das klingt ja so, als würden die absichtlich einen Abschwung herbeiregieren. Souverän und unbewusst, würde ich für einen Widerspruch halten.

    Übrigens verdient auch der deutsche Staat an der Inflation kräftig mit. (Vor)Gestern ging durch die Presse, dass nach Steuerschätzungen über 120 Milliarden Mehreinnahmen zu erwarten sind. Am Abend hat Lindner dann die Erwartungen wieder gedämpft, indem er sagte das sei alles noch unsicher und außerdem seien die jüngsten Entlastungspakete noch nicht mit eingerechnet.

  76. Laut Stephan Kaufmann:  "Das führt kurzfristig zwar zu Wachstumseinbußen. Diese dürften aber zum einen milde ausfallen und zum anderen die Basis für den nächsten Aufschwung legen: In einer Umfrage der Finanzagentur Bloomberg unter Großinvestoren waren knapp 70 Prozent davon überzeugt, die USA würden die aktuelle Krise am besten überstehen (…) Denn ihr Status als Weltmacht und Weltwirtschaftsmacht garantiert den USA schier grenzenlose Kreditwürdigkeit, die sie zur Förderung ihrer Wirtschaft nutzen." (s.o.)

  77. Wachstumseinbußen sind keine Krise. Inflation bringt auch Wachstumseinbußen. Die Amis machen einfach, was am wenigsten Verlust bringt. Sie steuern nicht bewusst, souverän in die Krise. Sie gehen souverän mit der von ihnen selbst durch die enormen Kredite verursachten Inflation um. Aber angesichts der Rekordgewinne und dem Kapital das in die USA fließt, kann man ja eigentlich nicht von Krise sprechen. 

    In Europa dagegen, handelt es sich ja nur zum Teil um eine echte Geldentwertung, sondern die Preise steigen, weil der Kostpreis bzw. Produktionspreis, wegen Energieverteuerung, steigt. Das ist ein völlig andere Situation.

  78. Die Inflation in der Eurozone beträgt inzwischen 10,7%. Im letzten Trimester betrug das Wachstum nur 0,2%.
    Dabei muß man berücksichtigen, daß die Statistiker immer alles tun, um zu beschönigen, weil diese Zahlen ja auch Daten für Investoren sind und ihre Publikation Folgen hat.
    Das heißt, wenn die magische Zahl von 10% bei der Inflationsrate bei der offiziellen Verlautbarung deutlich überschritten wird, so heißt das, daß sie in Wirklichkeit deutlich darüber liegt.
    Was das Wachstum betrifft, so gibt es keines mehr. Die 0,2% sind der schwache Versuch, diesen Umstand zu verbergen.

  79. Washington hat die Handelspolitik gegenüber Europa unter US-Präsident Joe Biden kaum gelockert und gegenüber China sogar deutlich verschärft.

    In den USA läuft der „Kampf um die Seele Amerikas“, so US-Präsident Joe Biden. In den anstehenden Kongresswahlen stehen sich Demokraten und Republikaner scheinbar unversöhnlich gegenüber. Ihre radikalen Flügel bezeichnen einander als Gefahr für die Demokratie. Wenig weit auseinander liegen die Parteien aber in wirtschaftspolitischen Fragen – insbesondere bei der so bedeutenden US-Handelspolitik. Gegenüber China hat Biden den Kurs seines Vorgängers Donald Trump sogar deutlich verschärft. Gegenüber Europa ist Washington zwar etwas kompromissbereiter geworden, „America First“ gilt aber weiterhin.

    https://www.fr.de/wirtschaft/america-first-gilt-weiterhin-91888149.html

  80. Matthias Lindner:  Nur noch fast beste Freunde: USA und Europa steuern auf Handelskrieg zu

    (…)    In Europa argwöhnt man bereits, dass die Vereinigten Staaten schon nach den Zwischenwahlen im November kein dauerhaft verlässlicher Partner mehr sein könnte. So hatte es zumindest Martin Schulz, der gescheiterte SPD-Kanzlerkandidat, gesagt. ‘Selbst ausgewiesene Transatlantiker räumen ein: Präsident Joe Biden ist der letzte seiner Art, ein Relikt der atlantischen Blütezeit. Der bündnispolitischen Entschlossenheit der US-Regierung stehen die physische Fragilität und die mentalen Aussetzer des Präsidenten gegenüber.’ (Handelsblatt, 28.10.2022)
    Spitzenpolitiker in Europa loben die USA in höchsten Tönen, doch immer stärker zeigt sich: "America first!" ist auch die politische Leitlinie von Joe Biden. Der deutsche Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) und der französische Präsident Emmanuel Macron seien zunehmend besorgt über den unlauteren Wettbewerb aus den USA, heißt es im US-Magazin Politico.
    Als sich die beiden europäischen Staatschefs am Mittwoch trafen, stimmten sie in einem Punkt ein: Sie bewerteten die jüngsten staatlichen Subventionspläne der USA als marktverzerrende Maßnahmen. Diese zielten darauf auf, Unternehmen zu überzeugen, ihre Produktion in die USA zu verlagern.(…)

    https://www.heise.de/tp/features/Nur-noch-fast-beste-Freunde-USA-und-Europa-steuern-auf-Handelskrieg-zu-7323642.html

    —-

    Einige der inneren Widersprüche dieser Position schrieb der GSP zu Zeiten von Trump auf: “Der Gebrauch der Dollar-basierten Geschäftsordnung des globalen Kapitalismus als Waffe, die sich nicht bloß gegen einzelne Ausnahmestaaten, sondern in der Folge notwendigerweise gegen alle, insbesondere gegen die gewichtigen Teilhaber der Weltwirtschaft richtet und deren souveräne Handlungsfreiheit in Frage stellt, verstößt gegen das Prinzip, auf dem diese Ordnung beruht, nämlich gegen ihre allgemeine Gültigkeit, ihren Charakter als akzeptierte Prämisse des globalen kapitalistischen Geschäftslebens und als Voraussetzung, von der her alle Nationen als Weltmarktteilnehmer in freier und souveräner Berechnung ihre ökonomische Staatsräson festlegen und praktizieren. Dass diese Geschäftsordnung und damit der institutionalisierte Weltkapitalismus, den die USA mit ihrem Kreditgeld begründet haben und aus dem sie die grenzenlose Geltung ihres Kredits und ihre ökonomische Macht über andere Nationen beziehen, durch den polemischen Gebrauch dieser Macht untergraben werden, macht sich praktisch in der Weise geltend, dass die betroffenen und vor allem die mächtigen Staaten sich herausgefordert, ja genötigt sehen, auf eine Alternative, auf einen nationalen und internationalen Kapitalismus jenseits des Dollar-basierten Weltmarkts und des US-Weltgelds hinzuwirken, so gut sie es eben vermögen. Dass sie da nicht viel vermögen, macht diese Herausforderung, sich von der Vorherrschaft des US-Kredits zu emanzipieren, nicht ungeschehen und nicht geringer. Auf jeden Fall provoziert die US-Regierung das Interesse und tatkräftige Bemühungen gerade derjenigen Mächte, die sie für den Erfolg ihrer Sanktionspolitik braucht, unter Berufung auf die formell noch nicht gekündigte Allgemeingültigkeit der etablierten Weltwirtschaftsverhältnisse – die sie weiterhin nach Kräften ausnutzen – amerikanische Vorschriften erpresserischer Art zu umgehen, zu boykottieren, ins Leere laufen zu lassen. Und daraus wird immerhin so viel deutlich: In dem Maß, in dem die Sanktionspolitik der USA die Souveränität der dafür benötigten Partner und Rivalen angreift, geht sie über das hinaus, was die zivile Weltordnung des globalen Dollar-Kapitalismus überhaupt an Erpressungsmacht her- und den USA an die Hand gibt.
    Wo diese Schranke liegt, das testet die US-Regierung – absehbarerweise zunächst exemplarisch am „Fall“ Iran – praktisch aus. Vom Ergebnis, der erzwungenen Kooperationsbereitschaft der anderen großen Weltwirtschaftsmächte, macht sie die Ziele ihrer Sanktionspolitik aber nicht abhängig, weder den Iran betreffend noch erst recht generell. Schließlich verfügt sie über andere Instrumente, hantiert mit denen auch längst diplomatisch und im Bedarfsfall praktisch. Sanktionen sind für sie nur eine Option, und durchaus nicht die beste, wenn es um die Zerstörung einer störenden Souveränität geht. Dieses Mittel wird zwar bis zum Letzten ausgereizt – laut Trump mit dem wundervollsten Sanktionsregime, das die Welt je gesehen hat –; doch wenn Amerika dafür Partner braucht und die zum Mitmachen erst noch nötigen muss, dann ist dieser Weg letztlich einfach schlecht: eine kontraproduktive Konzession an den Zustand, den die Welt „Frieden“ nennt, der aber eigentlich – wiederum laut Trump – nichts anderes ist als die Preisgabe amerikanischer Machtinteressen; eine Konzession an Mächte, die sich auf Kosten Amerikas diesen unhaltbaren Zustand zunutze machen und mit ihren wohlmeinenden Warnungen vor schädlichen Rückwirkungen einer allzu weit getriebenen Sanktionspolitik nur Amerikas Schwächung betreiben.”
    https://de.gegenstandpunkt.com/artikel/sanktionen#section4

  81. Renate Dillmann:  Drei Länder, eine Krise, verschiedene Reaktionen

    Die Berichte zur Lage sehen in Deutschland, Großbritannien und Frankreich ziemlich gleich aus: Steigende Energiepreise, eine bereits ziemlich heftig „trabende“ Inflation, massive Zunahme der Staatsschulden, sinkende Wechselkurse der Landeswährung. Überall stehen die Regierungen nach eigener Darstellung angesichts des Kriegs gegen Russland, den sie mitveranstalten und eskalieren, vor „harten Herausforderungen“. Ausgetragen wird das auf dem Rücken der Lohnabhängigen, denen die Regierungen deshalb allesamt „schwere Zeiten“ ansagen. Die deutsche Bevölkerung lässt sich das gefallen. In Frankreich wird gestreikt. Im Vereinigten Königreich kommt der Widerstand von der anderen Klasse. Ein Lehrstück über kleine Unterschiede. (…)

    https://www.nachdenkseiten.de/?p=89898

  82. Protokoll zum Jour fixe vom 24.10.22: Fortsetzung
    „Der Wirtschaftskrieg wird global und prinzipiell“ (GSP 3-22)

    Die Durchsetzung extrem gestiegener Preise für Energieträger weltweit, daran anknüpfend die Weitergabe gestiegener Produktionskosten mit dem Resultat einer allgemeinen Teuerungswelle. Das alles unterstellt, dass es Staaten gibt, die über ein leistungsfähiges Kreditwesen und ein gutes Geld verfügen. Und dass diese Staaten darauf aufbauend für die nötigen Kredite und die nötige Liquidität sorgen und sorgen können, die es erlauben, derart erhöhte Preise durchzusetzen.

    Die aktuelle Lage sortiert nicht nur die Staaten in solche, die über ein leistungsfähiges Kreditwesen verfügen, und solche, die in die Not geraten, sich in immer weiteren Maße Weltgelder wie Dollar und Euro besorgen zu müssen. Auch für kapitalistisch potente Länder gibt es Rückwirkungen auf deren Ökonomie: Die von ihnen geschaffene und über das Kreditwesen zur Verfügung gestellte Zahlungsfähigkeit führt nämlich zu dem, was als Inflationsrate gemessen und als Entwertung des Geldes diskutiert wird. Warum wird das zu einem Problem?   (…)

    https://de.gegenstandpunkt.com/sites/default/files/jf-protokolle/jf221024-Wirschaftskrieg%20global%202.pdf

    https://de.gegenstandpunkt.com/jfp/jf-protokolle

    https://de.gegenstandpunkt.com/artikel/wirtschaftskrieg-wird-global-prinzipiell

    https://www.jungewelt.de/artikel/print.php?id=434806

  83. Meine Rede. Ohne die Gasversorger praktisch mit unendlichem Kredit auszustatten,  wäre der Gaspreis erstens nicht in solche Höhen geklettert und hätte sich auch nicht so lange halten können. Die mit Staatskredit ausgestatteten Versorger befeuern die Spekulation. Auch in dieser Hinsicht ist der Gaspreis und in der Folge die Inflation nicht Putin anzulasten. Das ist alles selbstgemacht. Und die Amerikaner profitieren. Deutschland , Frankreich und GB zu vergleichen ist eine gute Idee. Insgesamt ein guter Artikel von Renate Dillmann. Am neue Jour fixe Protokoll hab ich auch nichts auszusetzen.

  84. Zu Beginn des Krieges meinten einige Linke auf Facebook, es werde Kriegsgewinnler geben und die Börsen würden boomen …

    Also das kann man wirklich nicht behaupten.

    Aber es ist interessant, sich einmal die großen Weltbörsen anzuschauen. Hier meinte z.B. Kehrer, für die USA liefe derzeit wirtschaftlich alles gut.
    Zumindest im Dow Jones schlägt sich das nicht nieder, der dümpelt irgendwie mit starken Schwankungen vor sich hin.
    Ähnlich perspektivlos präsentiert sich der japanische Nikkei.

    Die europäischen Börsen schauen noch schlechter aus, besonders die italienische:
    https://www.finanzen.ch/index/dax
    https://www.finanzen.ch/aktien/london_stock_exchange-aktie
    https://www.finanzen.ch/index/ftse_mib
    https://www.finanzen.ch/index/ibex_35

    Einzig und allein die brasilianische Börse schaut etwas besser aus. Die Wahl Lulas und anlagewilliges Kapital scheinen dort einen Aufschwung zu verursachen, der aber sehr schnell wieder vorbei sein kann.

  85. Kriegsgewinnler gibt es ohne Zweifel. Das ist ja offensichtlich und das haben wir ja in den letzten Monaten rauf und runter diskutiert und belegt.

    Die Börsen halte ich nicht für den letztendlichen Beweis, ob Wachstum stattfindet. Da schlagen sich ja auch Stimmungen und Perspektiven nieder. Das ist höchstens ein Ausweis der Erwartungen, der Spekulation auf Gewinn. Daher wundert es mich gar nicht, wenn der Dow Jones dümpelt.

    Dass die europäischen Börsen und die japanische Börse schlecht dastehen wundert mich nicht.

  86. Wundersame Welt der Marktwirtschaft und der Finanzmärkte:

    Die Inflationsrate in den USA sinkt im Oktober gegenüber dem Vormonat – von 8,2 auf 7,7%, was ja eigentlich immer noch total hoch ist – und die Börsen schießen in die Höhe.
    Man merkt, jede Menge anlagewilliges Kapital scharrt unruhig in den Startlöchern und prescht beim geringsten Signal los, so mickrig es auch sein möge.

    Man hat aus den verschiedenen Artikeln den Eindruck, daß es die Journalisten und „Experten“ selber wundert, was da abgeht.

  87. Ja. Hab ich auch schon gehört. Im Deutschlandfunk gibt es immer so "schöne" Stimmungsberichte von der deutschen Börse. Gestern (oder Vorgestern) die Quartalszahlen bei RWE, das wegen der "Zufallsgewinne", wie es inzwischen heißt (obwohl die gar nicht zufällig entstehen, sondern wegen des Merit-Order-Systems) Milliardengewinne macht. Telekom, weil die in den USA 80% mehr Gewinn gemacht hat. Außerdem noch Allianz als Gewinner. Heute sind die Börsianer völlig aus dem Häuschen wegen der gesunkenen Inflation in den USA.

    "Man hat aus den verschiedenen Artikeln den Eindruck, daß es die Journalisten und „Experten“ selber wundert, was da abgeht." Genau. Dass die Inflation immer noch total hoch ist, ist auch der Journalistin im Deutschlandfunk aufgefallen. Die Begründung für die gute Stimmung war, dass die gesunkene Inflation bedeuten würde, dass der nächste Zinsschritt der FED nach oben wahrscheinlich nicht so hoch ausfallen würde. Statt 0,75 Prozentpunkte "nur" 0,5. Und weil die FED weniger vorlegt, muss die EZB auch nicht so stark nachziehen. Die sind heuer wirklich mit kleinen Dingen zufrieden. Also nicht so schlecht wie erwartet ist ein gute Nachricht.

    Auf die Frage, ob das Auswirkungen auf die hiesige Inflation hat, meinte der Gefragte: Nö. In der Langfassung: Energie als Preistreiber käme so langsam an sein Ende, weil das schon eingepreist ist. Aber die Basisinflation würde weiter steigen. Basisinflation ist die Auswirkung der Inflation auf alle anderen Produkte, also die Verallgemeinerung des Preisanstiegs würde weitergehen.

    Der Deutschlandfunk war übrigens auch meiner Meinung, dass es den USA im Moment wirtschaftlich eigentlich gut geht, mit Ausnahme der Inflation, die jetzt wieder Anstalten macht zu sinken.

  88. Ich sehe das inzwischen auch so, daß die USA sich mit dem Ukraine-Krieg inzwischen recht gründlich saniert haben, was auch einer der Gründe für das relativ gute Abschneiden der Demokraten bei den Wahlen ist.

    Durch die unsichere Lage und das Abschiffen der EU ist der $ wieder zu einem sicheren Hafen geworden und alle, die zu viel Geld haben, stürmen dort hin.

    Die Kommentatoren zu dem Inflations- und Zinsen-Zeug wollen diesen Umstand allerdings nicht zur Kenntnis nehmen und beharren auf ihrem Irrglauben, daß man durch Zinserhöhungen die Inflation wegkriegt.
    Deswegen sind diese US-Inflationszahlen so wichtig, sie dienen als Beleg für diese fixe Idee. Gestern bei uns in den Abendnachrichten hieß es: In den USA „greifen“ die Zinserhöhungen bereits, man sieht doch, daß es ein probates Mittel ist!

    Zur Abwechslung wollte ich einmal schauen, was die Kryptowährungen so treiben, und deren Performance ist eher schwach.
    Hier der Kurs von Bitcoin gegenüber dem $, das innerhalb eines Jahres von über 60.000 auf derzeit 17.000 gefallen ist:

  89. Der Vorsitzende der russischen Delegation beim APEC-Gipfel in Bangkok, Bjelousov, gibt ein Interview, wo er seine Sicht der Probleme der Weltwirtschaft darlegt:

    Die Hauptprobleme der Weltwirtschaft

    1. Die Zunahme des Protektionismus im Welthandel und die Blockierung der Regeln, die mit der WTO verbunden waren.
    „Die Streitbeilegungsstelle hat praktisch aufgehört zu arbeiten“, sagte Belousov.

    2. Eine riesige Menge an Schulden.
    Diese Schuldenlast blockiert die Möglichkeit einer signifikanten Erhöhung der Zinssätze und einer Straffung der Geldpolitik, die Standardinstrumente zur Unterdrückung der Inflation sind, sagte Belousov. Er stellte fest, dass die Erhöhung der Zinssätze zu einem starken Anstieg der Kosten für den Schuldendienst führen werde und dies zu einer Kette von Insolvenzen der größten Banken führen könne.
    Der IWF hat bereits berechnet, dass sich etwa 30 % des globalen Bankensystems in einer Krise befinden könnten. Allerdings ist das das Worst-Case-Szenario.

    3. Steigende Preise.
    Zuerst stiegen die Preise für Metalle, dann für Gas. Dann ging die Produktion von Mineraldünger zurück und auch deren Preise stiegen sprunghaft an. Infolgedessen sind die Getreidepreise gestiegen.

    Andrei Belousov stellte fest, daß der Preisanstieg langfristiger Natur sei.
    All diese Turbulenzen, die in Kombination dieser Faktoren auftreten, haben dazu geführt, dass die Märkte in eine sehr starke Bewegung geraten sind. Und diese Bewegung ist jetzt chaotisch und unbestimmt. Infolgedessen verlieren die Anleger die Orientierung. (…)
    Laut Belousov gab es beim APEC-Gipfel Vorschläge, die Spezialoperation in der Ukraine schnell zu beenden. Dies sollte nach Ansicht der Initiatoren die Preise auf ihre Plätze zurückbringen.
    Der zweite Vorschlag ist, die Zinssätze der Banken zu erhöhen, um die Inflation einzudämmen. Und dies verringert die Möglichkeit, mittels Investitionen aus der aktuellen Situation herauszukommen, sagte Belousov.
    Er stellte fest, dass die derzeit vorgeschlagenen Instrumente zur Überwindung der Krise eindeutig unzureichend und dem Ausmaß der aufgetretenen Probleme nicht angemessen seien. (…)

    (KP, 19.11.)

    Heiliger Strohsack! Orientierungsbedürftige Investoren, die uns helfen sollen, aus der Krise herauszukommen, und das gleiche Blabla über Zinssätze wie von den Experten hier.

    Viel haben die russischen Ökonomen nicht im Köcher.

  90. Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIS, mit Sitz in Basel) macht auf eine verborgene Schuld von ca. 80 Milliarden $ (76 Milliarden Euro) aufmerksam, die in den Bankbilanzen nicht aufscheint. Es handelt sich um SWAPs, die deshalb in keine internationalen Schuldenstatistiken eingehen.

    (El País, 7.12.)

    Es wird nicht die einzige Schuld sein, die nicht in Bilanzen und Statistiken aufscheint.
    Diese BIS will offenbar nur wieder einmal ein Lebenszeichen geben und suggerieren, daß sie die Situationim Auge hat.

  91. Joe Biden hat das US-Schuldenlimit erreicht. Was heisst das für den Dollar? Und was bedeutet das für den Franken und andere Währungen?

    Am 17. Januar 2023 stellten sich die Staatsschulden der USA auf 31.416 Milliarden US-Dollar. Davon gehen rund 72 Milliarden in die nicht für das Schuldenlimit massgebende Schuldenberechnung. Es verblieben 31.381 Milliarden, womit die derzeit zulässige Verschuldung der USA von 31.381 Milliarden praktisch erreicht ist.

    Wenn man bedenkt, dass die Regierung Biden seit der Amtsübernahme pro Monat Defizite von über 100 Milliarden produzierte, dann wird der Ernst der Lage offensichtlich. Für das Fiskaljahr 2023 sieht der Präsident ein Defizit von 1300 Milliarden vor. Davon wurden in den ersten drei Monaten des Budgetjahres bereits 421 Milliarden realisiert.

    Das US-Finanzdepartement hat deshalb Notfallmassnahmen beschlossen, um den Tag der Wahrheit hinauszuzögern. Aber die Hoffnung, dass damit die Zahlungsfähigkeit der USA um weitere fünf Monate gesichert sei, erscheint angesichts der Finanzbedürfnisse und der Defizite der Biden-Regierung unrealistisch.

    Gekürzt werden sollen vor allem Investitionen, und die Einzahlungen in die staatlichen Pensionsfonds werden vorderhand nicht geleistet.

    Die Zinszahlungen und Rückzahlungen von Staatsschulden müssen in jedem Falle erfolgen, weil die Rating-Agenturen die Vereinigten Staaten sonst als «in Zahlungsverzug» einstufen müssten. Eine solche Abstufung würde wiederum viele Grossanleger zwingen, ihre Staatspapiere abzustossen, weil viele Banken, Pensionskassen, Anlagefonds oder Versicherungen nur solche in ihren Portfolios halten dürfen oder wollen, deren Schuldnerbonität als erstklassig (investment grade) beurteilt wird. Die Regierung will gleichermassen die Sozialleistungen aufrechterhalten. Dies wohl deshalb, um nicht Unruhen in der Bevölkerung aufkommen zu lassen.

    Dass wohl auch das Schatzamt verunsichert ist, zeigt ein Brief der Finanzministerin Janet Yellen, die von einer grossen Unsicherheit spricht, ob die getroffenen Massnahmen tatsächlich ausreichen würden, die Zahlungsfähigkeit der USA zu sichern. Sie bittet deshalb den Kongress, rasch zu handeln.

    Man muss sich bewusst sein, dass von den amerikanischen Staatsschulden rund 17 Prozent beim US Fed (12. Januar 2023) liegen, aber fast ein Viertel im Ausland (November 2022), davon 1082 Milliarden in Japan und 870 Milliarden in China.

    Die Schweiz, vorab die SNB, hält 267 Milliarden. Allein schon das Gezänke um die Schuldenlimite und Zwangsschliessungen von Staatsstellen könnten den US-Dollar schwächen. Eine Zahlungsunfähigkeit beziehungsweise die Unwilligkeit der US-Regierung, ihre Schulden zu bedienen, würde die Bondmärkte erschüttern. Panikverkäufe würden die Zinsen in den USA in die Höhe treiben und der ohnehin schon serbelnden Wirtschaft wohl noch den Rest geben.

    https://weltwoche.ch/daily/joe-biden-hat-das-us-schuldenlimit-erreicht-was-heisst-das-fuer-den-dollar-und-was-bedeutet-das-fuer-den-franken-und-andere-waehrungen/

    Auf der einen Seite sieht es so aus – von auswärts – als ob die Verschuldungsfähigkeit der USA unbegrenzt sei, da der Dollar als Weltwährung – zumindest gegenüber den anderen Weltgeldern wie Euro, Yen, Pfund, kanadischen und australischen Dollars und dem Franken – unangefochten ist. Alle diese Währungen klammern sich an den Dollar und aneinander. Ihr Wert bemißt sich in erster Linie am Verhältnis zum Dollar.
    Das gilt dann natürlich auch für die nachgeordneten nationalen Währungen der EU.

    Aber auch hier gibt es Wolken am Horizont, weil andere Kontinente unter Führung Rußlands und Chinas und der chinesischen Entwicklungsbank versuchen, ein alternatives Währungssystem jenseits des $ aufzubauen.

    Das zweite ist aber die interne Parteienkonkurrenz in der Schuldenfrage. Die Republikaner sehen die Schuldenmacherei skeptisch und auch die Finanzierung des Ukraine-Krieges erscheint ihnen bedenklich.

  92. FED UND EZB
    Notenbanken heben Zinsen auf Niveau von vor der Finanzkrise

    Die Fed und die EZB werden die Leitzinsen diese Woche weiter erhöhen. Damit werden Kredite noch teurer – die Sparzinsen hingegen wieder leicht steigen

    Wien – Die kommende Woche steht auch im Zeichen der Zinsen. Am Mittwoch tagt die Fed in den USA, und am Donnerstag treffen die Experten der EZB zusammen. In beiden Fällen wird erwartet, dass die Leitzinsen weiter angehoben werden. Doch das Tempo könnte gedrosselt werden.

    In den USA hat der Inflationsdruck zuletzt abgenommen, damit ist auch die Rezessionsgefahr gesunken. Die US-Fed wird – so erwarten es Analysten – am Mittwoch daher die Zinsen nur noch um 0,25 Prozentpunkte anheben. Nach einer Leitzinserhöhung auf die neue Spanne von 4,50 bis 4,75 Prozent dürfte es nach Ansicht von Beobachtern damit nicht mehr lange dauern, bis die Fed eine Zinspause einlegt. In ihrem Ausblick vor dem Jahreswechsel hatte die Fed-Führungsriege für Ende 2023 im Mittel ein Leitzinsniveau von 5,1 Prozent veranschlagt.

    Mehr Spielraum

    Die US-Inflationsrate sank im Dezember auf 6,5 Prozent. Im November war sie noch bei 7,1 Prozent gelesen. Der sechste Rückgang in Folge bietet der US-Zentralbank Spielraum für einen weniger aggressiven geldpolitischen Kurs. Die US-Währungshüter um Fed-Chef Jerome Powell haben bereits im Dezember das Tempo etwas verringert und den Schlüsselsatz nur noch um einem halben Punkt angehoben. Zuvor hatten sie ihn viermal in Folge um jeweils 0,75 Prozentpunkte nach oben getrieben, um der ausufernden Inflation Paroli zu bieten.

    Die Bayern-LB-Experten Gebhard Stadler und Roland Gnan erwarten, dass die Fed nun erstmals im aktuellen Zinszyklus behutsamer agieren wird als die Europäische Zentralbank (EZB), die am Donnerstag eine weitere Erhöhung um einen halben Prozentpunkt beschließen dürfte. Sie verweisen darauf, dass in den USA die Inflation im vierten Quartal auch abseits der Energiepreise einen Abwärtstrend einschlug, während die Kernteuerung im Euroraum ein neues Hoch von 5,2 Prozent erreichte.

    Niveau von 2008

    Für Europa wird erwartet, dass kommenden Donnerstag sowohl die EZB als auch die Bank of England (BoE) ihre Zinssätze um jeweils einen halben Punkt (0,5 Prozent) nach oben schrauben werden. Damit würde der Leitzins in der Eurozone auf drei Prozent steigen. Seit Ausbruch der Finanzkrise 2008 war der Leitzins nicht mehr so hoch.

    Zur Erinnerung: Im Zuge der Finanzkrise wurden die Zinsen Schritt für Schritt auf null Prozent gesenkt, das Nullzinsumfeld wurde 2016 eingeleitet. Die aufgrund der gestiegenen Energiepreise anziehende Inflation hatten die Währungshüter im Euroraum anfangs ignoriert. Erst im Juli 2022, Monate nachdem die Fed die Zinsen bereits erhöht hatte, zog die EZB nach. Seither wurden die Leitzinsen in vier Schritten auf aktuell 2,5 Prozent angehoben.

    Ob es für die EZB auch bereits einen Spielraum gibt, wird sich am Mittwoch zeigen, wenn die Vorabschätzungen für die Inflation im Jänner publik werden. In Österreich wird die Statistik Austria die Schnellschätzung vorlegen. Zwar schwächte sich der Anstieg der Teuerung zuletzt bereits ab. Mit einer Teuerungsrate von 9,2 Prozent im Dezember lag die Inflation im Euroraum aber immer noch mehr als viermal so hoch wie das Inflationsziel der EZB, das bei zwei Prozent liegt.

    Freud und Leid

    Steigen die Zinsen weiter, erfreut das vor allem Sparer, weil dann auch der Zins für Einlagen weiter steigt. Bis sich Sparen aber wieder lohnt, wird es dauern. Die Zinsen für ein täglich fälliges Sparbuch sind noch immer niedrig. Das attraktivste Angebot hat laut dem Bankenrechner der Arbeiterkammer aktuell die VKB-Bank mit einem Zinssatz von 0,5 Prozent, gefolgt von der Bank Burgenland mit 0,375 Prozent. Alle weiteren täglich fälligen Produkte stehen noch immer bei 0,050 Prozent und weniger.

    Den Zinsanstieg spüren hingegen jene Kreditnehmer bereits deutlich, die einen variabel verzinsten Kredit haben. Auch die Neuaufnahme von Geld ist bedeutend teurer geworden. Für einen Kredit in der Höhe von 10.000 Euro fällt laut dem Kreditrechner der Arbeiterkammer bei der Oberbank ein effektiver Jahreszins von 8,950 Prozent an. Im Ranking der Arbeiterkammer ist die Oberbank damit die teuerste Bank. Das günstigste Angebot mit einem Jahreszins von 3,49 Prozent bietet die Austrian Anadi Bank. Zu beachten sind im Kreditsektor vor allem auch die teils beträchtlichen Bearbeitungsgebühren.

    Erwartungshaltung: Inflation bleibt hoch

    Verbraucher und Unternehmen in den meisten fortgeschrittenen Volkswirtschaften gehen aktuell aber davon aus, dass die Inflation trotz jüngster Rückgänge mittelfristig höher bleiben wird als die Zielvorgaben der Zentralbanken. Das berichtet die "Financial Times" und stützt sich dabei auf Umfragen.

    Das kann aber auch gefährlich sein: "Inflationserwartungen können eine sich selbst erfüllende Prophezeiung sein, da höhere Erwartungen die angestrebten inflationären Bedingungen auslösen", sagte Nathan Sheets, Chefökonom der US-Bank Citigroup, zur "Financial Times". Wenn die Zentralbanken die Zinsen über einen längeren Zeitraum hoch halten oder sie stärker als von den Anlegern erwartet anheben, könnte zudem die Anleihemarktrallye ins Stocken geraten.

    https://www.derstandard.at/story/2000143041579/notenbanken-heben-zinsen-auf-niveau-von-vor-der-finanzkrise

    Die EZB hat ihre Zinserhöhungen – vom Standpunkt der Vermeidung neuer Staatsfinanzierungskrisen – dadurch abgesichert, daß sie weiter Anleihen aller Art (also auch von Unternehmen) aufkauft.
    Wer in diesem Modell nicht vorkommt, ist der Privatkredit. Steigende Kreditraten und hohe Inflation werden dem bisherigen Modell des Lebens auf Pump, vor allem in der Wohnungsfrage, vermutlich einen deutlichen Dämpfer aufsetzen.
    Das heißt für die Banken: schrumpfendes Konsumentenkredit-Geschäft. Dieses wird vermutlich durch verstärkten Wertpapierhandel ausgeglichen, und da ist die nächste Blase im Entstehen.
    Die Bauindustrie und der Immobilienmarkt dürften auch durch die steigenden Zinsen und die erhöhten Kosten in Mitleidenschaft gezogen werden.

    Wie es die USA mit der Stützung von Unternehmen halten, weiß man nicht, es wird jedenfalls nicht öffentlich gemacht.

    Die Fed steht auf 4,5% Zinsen, die EZB auf 2,5% – die Konkurrenz der Währungen ist lebhaft, und die USA sind im Vorteil.

  93. Stephan Kaufmann hat vier  neue Artikel über weltweite Zins- bzw. Wachstums- bzw. Kredittprobleme veröffentlicht

    a)  Auf Entzug
    Weltweit haben Zentralbanken das Finanzsystem jahrelang mit Billionen gefüttert. Nun ziehen sie sich als Gläubiger aus den Schuldenmärkten zurück….
    https://www.fr.de/wirtschaft/auf-entzug-geldpolitik-anleihen-92006605.html

    b)    Im Wettlauf mit der Inflation
    Erdoğans Politik verarmt die türkische Bevölkerung und verschreckt internationale Investoren
    https://www.nd-aktuell.de/artikel/1170495.tuerkei-im-wettlauf-mit-der-inflation.html

    c)    Die Schwellenländer schwächeln
    Die Schwellenländer legen kaum noch stärker zu als die Industrienationen. Der ökonomische Aufholprozess ist offenbar vorüber. Dabei spielt auch eine Rolle, dass der globale Süden in Zukunftsbranchen kaum eine tragende Rolle spielt.
    https://www.fr.de/wirtschaft/ende-eines-wunders-wachstum-wirtschaft-92037559.html

    d)   Kleinstaaten sind Spielbälle auf dem Weltmarkt 
    Malediven, Bahamas, Fiji und Namibia – sie zählen zu den kleinen Staaten des Globus und leiden besonders unter der Pandemie, steigenden Zinsen und teuren Rohstoffen.
    https://www.fr.de/wirtschaft/kleine-staaten-als-spielbaelle-des-weltmarkts-92053942.html

  94. Es fragt sich, wie weit die Ära des Wachstums im herkömmlichen Sinne vorbei ist.

    Japan hupft ja schon seit geraumer Zeit vor, wie eine staatlich subventionierte Marktwirtschaft aussieht.

    Dieses Verfahren ist aber nur Staaten möglich, deren Währung auf dem Weltmarkt zählt – oder die sich einem alternativen Abrechnungssystem anschließen.

  95. El País errechnet aufgrund der Erhöhung des Euribor-Zinssatzes steigende Hypotheken-Kosten von rund 3000 € jährlich für durchschnittliche variable Hypothekarkredite.

    Es ist nicht ganz klar, inwieweit sich diese Kostensteigerung nur auf Spanien bezieht. Das wird auch davon abhängen, wie viele Hypothekarkredite in der EU variabel, also mit Anpassung an die jeweils gültigen Zinssätze vergeben wurden.
    Es ist jedoch anzunehmen, daß in den letzten Jahren nur solche Kredite vergeben wurden, da die Banken das Zinsrisiko von sich auf die Kunden abwälzen wollten. Es war klar, daß die Nullzinspolitik der EZB nicht ewig währen konnte, schon allein wegen der Konkurrenz aus Übersee.

    Die Folgen auf dem Wohnungsmarkt, bei den Banken und in der Bauindustrie werden sich bald zeigen.
    Es sei daran erinnert, daß die Finanzkrise 2008 ff. durch „faule“ (= unbediente) Hypothekarkredite ausgelöst wurde.

    Einzelheiten dazu kann man hier am Blog oder in diesem Buch nachlesen. Die Bewerbung desselben findet sich hier.

  96. Die Zinsenrally geht weiter. Wer bietet mehr?

    USA: 4,75 %
    UK: 4 %
    EU: 3 %

    Japan hat nach wie vor Negativzinsen.

    Eine Übersicht über die Zinssätze gibt es hier.

    „London – Die Bank of England (BoE) treibt den Leitzins weiter kräftig in die Höhe. Sie hob ihn am Donnerstag um einen halben Punkt auf vier Prozent an. Die Währungshüter stehen angesichts der anhaltend hohen Inflation von zuletzt 10,5 Prozent unter Zugzwang. Die Anhebung um einen halben Punkt war an den Finanzmärkten erwartet worden, die Entscheidung war jedoch intern umstritten und fiel mit sieben zu zwei Stimmen.

    Es war bereits der zehnte Zinsschritt in Serie. Doch signalisierten die Währungshüter, dass der Zinsgipfel naht. Zugleich geht die Notenbank davon aus, dass die Inflation wahrscheinlich ihren Höhepunkt erreicht hat.“

    (Der Standard, 2.2.)

    Wunschdenken …

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