AGIERT RUSSLAND AUS EINER POSITION DER SCHWÄCHE?
Gerade in linken Publikationen wurde und wird Rußland gerne als ein Land geschildert, das den Sprung auf den Weltmarkt nicht so recht geschafft habe, in der Konkurrenz der imperialistischen Mächte den Kürzeren gezogen habe und sozusagen in einer Art Rückzugsgefecht jetzt um die Sicherung seiner Außengrenzen bemühen müsse.
Diese Auffassung steht der in den herkömmlichen Medien verbreiteten Sichtweise entgegen, wonach es sich bei Vladimir Putin um einen Größenwahnsinnigen handle, der das sowjetische Imperium wiederauferstehen lassen wolle, mit ganz unzulässigen gewaltsamen Mitteln.
Es gibt auch die Kombination von beidem: Gerade weil Rußland wirtschaftlich schwach ist, wird es nach außen aggressiv.
Aber was bedeutet eigentlch wirtschaftliche „Schwäche“?
1. Rußland und der Weltmarkt
Eines, wenn nicht vielleicht das entscheidendste Moment in der Selbstkritik der sowjetischen Führung der Perestroika-Zeit war die Überzeugung, daß das westliche Wirtschaftssystem „effizienter“ als das eigene sei. Während in den Lehrbüchern stand, daß der Sozialismus sowjetischer Prägung den „Widerspruch zwischen Produktivkräften und Produktionsverhältnissen“, zwischen „gesellschaftlicher Produktion und privater Aneignung“ überwunden und dadurch erst die Produktivkräfte entfesselt hätte, ließ sich nicht ganz verbergen, daß es in Wirklichkeit genau umgekehrt war: Der kapitalistische Westen war ungleich produktiver als die sozialistische Welt.
Das führte in den 90-er Jahren in Rußland zu einer flächendeckenden Zerstörung von Produktion. Damals kamen Leute an die Macht, die die persönliche Bereicherung als Motor der Wirtschaft predigten und in Kraft setzten, und damit die gesamten Reichtumsquellen Rußlands untergruben.
Als Putin – nicht zu vergessen, durch Vermittlung Beresowskis, der meinte, in ihm einen willfährigen Vollstrecker seiner persönlichen Aneignungspolitik gefunden zu haben –, an die Macht kam, stand er vor einem sehr heruntergekommenen Staat: Eine Führung, vor der niemand Respekt hatte, leere Staatskassen, Fat Cats, die sich an den Rohstoffen Rußlands gütlich taten, von westlichen Seifenopern und Ähnlichem dominierte Medien, ein ziemlich desolates Militär, usw. usf.
Er machte sich daran, erst einmal den Gewaltapparat zu renovieren, das staatliche Territorium zu einigen und die Außenpolitik neu zu besetzen.
Der 2. Tschetschenienkrieg dauerte immerhin über 10 Jahre und kostete auch durch von tschetschenischen Separatisten verübten Anschläge viele Menschenleben in anderen Teilen Rußlands. Heute ist Tschetschenien befriedet und viele fürchten, daß die dort angewendeten Erfolgsmethoden auf die Ukraine übertragen werden könnten.
Im Großen und Ganzen ist jedenfalls unter Putin – sehr zum Ärger westlicher Regierungen – eine Neuformierung Rußlands als Staat, als Macht gelungen. Was allerdings nicht stattgefunden hat, ist ein marktwirtschaftlicher Erfolg. Ganz im Gegenteil. Seit dem Millenium bemüht sich Rußland, seinen inneren Markt zurückzuerobern und die Anhänger der Marktwirtschaft aus hohen Ämtern hinauszudrängen. Viele Unternehmen, die seinerzeit privatisiert wurden, wurden wieder verstaatlicht. Verstärkt nach 2014 wird versucht – mit wechselndem Erfolg – so etwas wie Lebensmittelsouveränität wiederherzustellen.
Das Ziel Rußlands ist inzwischen eindeutig die Autarkie, nicht der Exporterfolg.
Das heißt aber auch, daß die Betrachtungen, die den Rohstoff- und Lebensmittelexport Rußlands etwas geringschätzig als den eines „Entwicklungslandes“ charakterisieren, einen diesem Staat fremden Maßstab an ihn anlegen. Exporterfolge und Wachstumszahlen bedeuten heute den Ökonomen Rußlands nicht viel.
2. Entwicklungsland
Was heißt eigentlich „Entwicklung“ heutzutage? Dieser Begriff stammt aus den 60-er und 70-er Jahren, als verschiedene Staaten mit Bodenschätzen hofften, sich mit Hilfe von Kredit und Know-How und über ihre Rohstoffeinnahmen eine nationale Industrie zulegen und damit irgendwann einmal mit den europäischen Staaten und den USA gleichziehen zu können.
Heute ist das eine ziemlich leere Worthülse, die nur noch in Wirtschaftshilfeprogrammen vorkommt.
Manche der rohstoffreichen Staaten, wie Saudi-Arabien oder auch seinerzeit Libyen unter Ghaddafi hatten gar nicht die Vorstellung, aufgrund von Ölexporten zu Industriestaaten zu werden. Sie legten ihre Petrodollars in den USA bzw. der EU an bzw. finanzierten damit befreundete Regimes. Sie nahmen also durchaus eine Stellung ein, die man als politisch-imperialistisch bezeichnen könnte.
Staaten wie Venezuela nahmen ebenfalls ihre Ölvorkommen zum Anlaß, eine Führungsrolle auf dem südamerikanischen Kontinent zu beanspruchen.
Es macht sehr viel aus, ob ein Rohstoffexporteur Energieträger oder Metalle oder andere Rohstoffe exportiert – die Energie ist nämlich in allem drin, was heute produziert wird. Die Abhängigkeiten bestehen daher auf beiden Seiten, und wie man inzwischen sieht, noch stärker auf der Seite des Beziehers.
Auch die Lebensmittelexporte sind nicht nur einfache Rohstoffexporte, die ein Staat eben verkaufen muß, weil er nichts Besseres hat. Argentinien war nach dem 2. Weltkrieg ein großer Player und hatte damals viel Marktmacht mit seinen Rindfleisch- und Weizenexporten.
Daraus schloß Perón auch, daß da mehr drin sein müsse und begann Argentinien zu industrialisieren – was dem Land sehr übel genommen wurde.
Inzwischen fehlen die Weizenexporte Rußlands und der Ukraine auf dem Weltmarkt und es stellt sich heraus, daß die in sehr vielen Staaten der Erde fix eingeplant waren im Sinne der globalen Arbeitsteilung.
3. Die Abhängigkeiten haben sich geändert
Weder ist es so, daß eindeutig die Industriestaaten die Welt beherrschen und die Rohstofflieferanten ihnen mehr oder weniger die Schuhe putzen müssen. Noch ist es so, daß ein Staat wie Rußland von den Märkten abhängt, die es beliefert.
Man wird sehen, was die Veränderungen in Sachen Lebensmittel und Energieträger auf den Weltmärkten für Folgen haben.
Ganz erhellend dazu die Artikel von Alexander Amethystow:
Kapitalistische Staatsinteressen führen tatsächlich zum Krieg, wer hätte es gedacht
„Ist doch nur Ablenkung“ – ein häufiger, aber falscher Einwand gegen den Krieg
Offensichtlich ist Rußland mit dem Projekt Autarkie noch nicht sehr weit gekommen. Denn sonst könnten die ja dem feindlichen Westen einfach die fossilen Rohstoffe verweigern, wo die die schon nicht mehr bezahlen wollen, bzw. die dadurch aufgehäuften Devisenschätze einfach entwertet bzw. unbrauchbar gemacht haben.
Autarkie heißt ja vor allem, nichts einführen zu müssen.
Gerade auf die Ausfuhr fossiler Rohstoffe legte schon die Sowjetunion viel Wert: Sie wollte sich damit als integrative Macht des Ostblocks profilieren. Dafür wurden seinerzeit die Pipelines gebaut.
Auch heute war es Rußland wichtig, diese ganzen zusätzlichen Pipelines (nach 1991) zu bauen, um sich damit als verläßlicher Partner des Westens darzustellen.
Der Witz ist, darauf wollte ich hinaus, daß es dem Staat gar nicht so sehr um Business geht, sondern um stabile Bande mit Partnerstaaten.
Das Business war Sache der Oligarchen. Es ist, glaube ich, Vladimir Vladimirowitsch ganz recht, daß die jetzt aus dem Spiel sind und McDonalds auch verschwindet. Bortschtsch und Pirogen tuns auch, denkt er sich.
Autarkie ist der andere Name für Kriegswirtschaft. Und wenn man dann nichts einführen braucht, weil der Feind es einem eh nicht mehr verkaufen wüde, dann kann man umgekehrt damit rechnen, an den Feind auch nichts mehr verkaufen zu können.
Kriegswirtschaft bedingt Autarkie, das ist richtig.
Aber ich halte es für wichtig, festzuhalten, daß es in Rußland nie ernsthafte Versuche gab, so etwas wie Exportnation zu werden. Abgesehen von den wilden 90-ern, wo alle ökonomischen Ideologien kursierten und Schiffbruch erlitten, richteten sich die Anstrengungen der russischen Führung schon bald auf den Versuch, den Import zu verringern.
Da stieß sie allerdings auf Widerstand von den Oligarchen, die ihr Geschäft mit Export-Import machten. Während sich manche auf Rohstoffexport verlegten, wie Deripaska, Abramovitsch u.a., war es der Magnat Michail Fridman, der sich auf Lebensmittelimport spezialisierte.
In den 90-er wurde die russische Landwirtschaft vom Lebensmittelhandel abgeschnitten. (Damals entwickelte sich die Landwirtschaft zum großen Getreideproduzenten und -Exporteur, das war ein Notprogramm.) Die von Fridman – mit Hilfe seiner Alfa-Bank – gegründeten Lebensmittelketten begannen Rußland vom Ausland zu versorgen.
Unter anderem gegen diese Zustände richteten sich die Lebensmittel-Einfuhr-Sanktionen als Gegenmaßnahme zu den vom Westen verhängten Sanktionen nach der Annexion der Krim.
Mit mäßigem Erfolg. Immer noch importiert Rußland so grundlegende Produkte wie Kartoffeln, Karotten oder Zwiebeln, weil die großen Ketten nicht auf russische Produzenten umstellen konnten oder wollten.
Die jetzigen Sanktionen kommen Putin & Co. gar nicht so unrecht, sie zwingen die Oligarchen zu mehr rußland-kompatiblem Verhalten. So wird auch angedacht, daß die Rohstoffexporteure mehr im Inland investieren sollen.
Machen sie das nicht, so kann man immer noch enteignen …
Russland droht die Zahlungsunfähigkeit: Das hat es damit auf sich
Russland muss am 26. Juni eine Zahlung leisten. Doch bislang gibt es keine Hinweise darauf, dass das Land der Verpflichtung nachgekommen ist.
Russland droht die Zahlungsunfähigkeit. Das Land sollte 100 Millionen Dollar für zwei Staatsanleihen bereits am 27. Mai überweisen. Bislang kam der Aggressor im Ukraine-Konflikt seiner Pflicht allerdings nicht nach. Am Sonntag, (26. Juni), läuft die Frist ab.
Darüber hatte Reuters berichtet. Bislang mache das Land jedoch keine Anstalten, das Geld zu überweisen. Seit dem Krieg mit der Ukraine fällt es Russland schwer, seinen Verpflichtungen nachzukommen. Zahlreiche Sanktionen haben den Staat getroffen.
Russland zahlungsunfähig: Kreml sieht keine Anzeichen
Allerdings hat der Kreml deutlich gemacht, dass es keine Anzeichen für eine Zahlungsunfähigkeit gebe. Wegen der Sanktionen sei man aber nicht in der Lage, Geld an Gläubigerinnen und Gläubiger zu überweisen. Schuld daran sei der Westen. Er habe Putins Russland in eine Zahlungsunfähigkeit treiben wollen.
Eine Zahlungsunfähigkeit bedeutet übrigens nicht, dass ein Land bankrott geht. Das ist erst der Fall, wenn der Staat förmlich erklärt, fällige Zahlungen nicht mehr oder nur noch teilweise leisten zu können.
https://www.fr.de/wirtschaft/russland-droht-die-zahlungsunfaehigkeit-bankrott-insolvenz-91632253.html
Rußland hat das Angebot gemacht, die Schuld in Rubel zu zahlen, aber darauf sind die Gläubiger offensichtlich nicht eingestiegen, zumindest nicht mehrheitlich.
Die Frage ist, wer die größten Gläubiger sind. Ich vermute einmal, Personen und Institutionen aus den BRICS-Staaten, vor allem China.
Sehr lesenswerter Artikel über die russische Suchmaschine Yandex:
Yandex – ein Tech-Unternehmen kreiert Zombies
Am Anfang war Yandex ein hippes russisches Tech-Start-up. Dann wurde es zum grössten Propagandainstrument des Kreml. Jetzt versucht das Unternehmen verzweifelt, seine toxischen Produkte loszuwerden und zu seinen Wurzeln zurückzukehren.
(…)
https://www.republik.ch/2022/07/14/putins-google
„Die Importsubstitution rettete Russland vor dem globalen Netzwerkausfall
Russische Flughäfen haben ihre Software anderen Ländern angeboten, weil sie zuverlässiger ist als die von Microsoft
Der Freitag markierte den Tod von CrowdStrike. Aufgrund seines Software-Updates verursachte es einen globalen Netzwerkausfall und Verluste in Höhe von mehreren Milliarden Dollar auf der ganzen Welt.
Russische Software ist zuverlässig und das Ministerium für digitale Entwicklung hat bereits auf die Bedeutung von Importsubstitutions-Programmen hingewiesen. Russland wurde nicht geschädigt. Seine Hacker bitten zu beachten, dass sie nichts mit dem Ausfall zu tun haben, nur weil die eigenen russischen Programme zuverlässiger sind als Microsoft-Programme.“
Das Unternehmen CrowdStrike scheint nicht direkt mit Microsoft als Konzern zusammenzuhängen, seine Software ist aber anscheinend aus Gründen der Kompatibilität sehr angepaßt an Microsoft und hat daher bei sehr vielen irgendwie auf Microsoft-Technologie beruhenden Rechnern Ausfälle verursacht.
„Der Präsident des Inforus-Konsortiums und Kandidat für physikalische und mathematische Wissenschaften Andrej Masalovitsch sagte, daß Russland keine Netzwerkausfälle zu beklagen hätte, da Microsoft sich schon vor langer Zeit geweigert habe, russische Unternehmen zu bedienen, und wir auf unsere eigene Software umgestiegen seien.
Und wie sich herausstellte, war der Fehler auf ein Update zurückzuführen, das von einem seiner Geschäftsbereiche, dem Unternehmen CrowdStrike, eingeführt wurde.“
Aha.
Doch eine Microsoft-Konzerntochter?
»Jetzt ist die Situation klar, auf einem Computer kann es mit ein paar Tastendrücken gelöst werden, in Systemen ist das ein längerer Prozeß. Die Frage ist jetzt nur, wie lange es dauern wird, das Problem zu beheben.« Natürlich ist dies ein schwerer Schlag für den Ruf von Microsoft, der Tag des Todes seiner »Tochter«-Firma CrowdStrike, der für Chaos in Flughäfen, Banken und den Medien sorgte. Darüber hinaus führt das Scheitern zu großen finanziellen Verlusten,“
deren Höhe noch gar nicht feststeht.
„»Der letzte derart große Ausfall ereignete sich letzten Sommer und ein lokaler in Australien vor einem Monat.«
Es ist gut, daß das in Russland nicht passieren kann. Wir müssen uns bei den globalen Softwarelieferanten bedanken, die Rußland ihre Produkte verweigert haben. Der Flughafen Domodedovo bot sogar an, seine Software mit anderen Ländern zu teilen.
»Russische Hacker haben mich gebeten zu vermitteln, dass sie weder für das weltweite Versagen des Internets noch für die Stromausfälle in Ihren Sommerhäusern aufgrund überhitzter Transformatoren verantwortlich sind«, scherzt der Experte.“
(MK, 19.7.)
Über die Zusammenhänge zwischen Microsoft und CrowdStrike erfährt man vielleicht bald Näheres.
Derzeit wird zumindest der Eindruck vermittelt, es handle sich um zufällige Vernetzungen, „auch Microsoft“ sei betroffen …
„Die Ära, in der »jeder Europäer reicher ist als jeder Russe«, ist vorbei: Bloomberg analysiert die Realität der russischen Wirtschaft“
Hat ja nie gestimmt.
Aber damit sollte dem europäischen Proletarier suggeriert werden, es ginge ihm eh gut, weil in Rußland schaut es noch schlechter aus.
„Bloomberg: Die Gehälter in Russland sind höher als in 3 EU-Ländern
Am 6. August veröffentlichte Bloomberg, die führende westliche Finanzagentur, einen Artikel über die »holländische Krankheit« der russischen Wirtschaft. Die Absicht war klar: zu beweisen, dass die russischen Gehälter »zu schnell« steigen.“
Das ist eigentlich nicht das, was in der VWL als „holländische Krankheit“ gilt: Dort heißt es, daß Rohstoff-Vorkommen und deren Export nachteilige Wirkungen auf die Gegenstände produzierende Industrie haben. (Ob das überhaupt stimmt, ist eine andere Sache.)
Das kann man aber Rußland derzeit nicht nachsagen: Die Rüstungsindustrie produziert viel zu gut. So kommen die Gehälter ins Spiel.
„Um jedoch zu beweisen, dass das Wachstum (der Löhne und Gehälter) übermäßig war, musste man das Wachstum selbst anerkennen – und bereits die erste Zeile enthielt eine Aussage, die es in sich hat: Das kaufkraftbereinigte Durchschnittsgehalt in Russland war höher als in Griechenland, der Slowakei und Ungarn.
Wir sprechen hier nicht von Mitgliedern, die vorher jahrelang vor der Tür der EU gestanden sind. Es handelt sich um 3 vollwertige Mitglieder der EU – mit einem gemeinsamen Markt, Stimmrechten, freiem Kapital- und Arbeitskräfteverkehr und Zugang zu europaweiten Fördermitteln.
Griechenland ist seit 1981 Mitglied der EU, Ungarn und die Slowakei seit 2004. Sie hatten 45 bzw. 22 Jahre Zeit, die EU-Mitgliedschaft zu einem bedingungslosen Vorteil gegenüber Russland zu machen.
Das hat aber nicht stattgefunden.
Griechenland und die Slowakei gehören zusätzlich auch zur Eurozone. Ihre Einwohner erhalten Gehälter in einer Währung, die sie jahrzehntelang der Welt als Beweis ihrer Zugehörigkeit zur Weltspitze präsentierten. Es zeigt sich jedoch, dass der Euro bloß eine gemeinsame Währung ist, kein ererbtes Vermögen.
Auf deutschem Niveau
Gehälter allein anhand des Wechselkurses zu vergleichen, ist eine voreilige Verzerrung. Der Wechselkurs gibt an, wie viele Dollar eine Person in der Wechselstube erhält. Die Kaufkraftparität beantwortet eine andere, viel alltäglichere Frage: Wie viel kann man sich mit diesem Gehalt zu Hause leisten – Brot, Benzin, Friseurbesuche, Strom, Dienstleistungen, Wohnraum?“
Eine interessante Reihenfolge.
Man merkt, die Obdachlosigkeit scheint in Rußland kein solches Problem zu sein wie im Freien Westen.
„Nach dieser Umrechnung kann man mit einem durchschnittlichen russischen Gehalt mehr kaufen als mit einem griechischen, slowakischen oder ungarischen. Bloomberg hat sich auf diesen berechneten Wert festgelegt.
Wir haben die Tabelle erweitert und den Nettobetrag nach Steuern betrachtet. Hier ist das europäische Ranking deutlich auseinandergefallen: Der durchschnittliche russische Arbeitnehmer liegt 28% vor dem ungarischen, 26% vor dem griechischen und 17% vor dem slowakischen und lässt dabei auch Lettland, Estland, Rumänien, Bulgarien und Polen hinter sich – ein Land, das 3 Jahrzehnte lang weltweit als Vorbild für die Reformen in Osteuropa galt.“
Das sagt ja nichts über die Gehälter aus, bzw. eher etwas Negatives: Je niedriger die Löhne, um so attraktiver für das Kapital – vorausgesetzt, die restlichen Rahmenbedingungen passen.
„Nach Abzug der Einkommensteuer liegt Moskau sogar auf dem gleichen Niveau wie Deutschland. Und wir sprechen hier von Durchschnittsgehältern in städtischen Unternehmen, nicht von einer speziell für einen Vergleich zusammengestellten Sammlung von Gehältern in der Erdöl-Industrie.
Hier (in Rußland) gehts ums »Überleben«, dort hingegen (in der EU) läßt sichs leben?
Die wichtigste Schlussfolgerung dieser Tabelle ist jedoch nicht einmal, daß Rußand sich verbessert hat. Sie zeigt vielmehr, dass sich Europa selbst im Zuge dessen, daß es sich als Vorbild und Erfolgsstory darstellte, verändert hat.
30 Jahre lang wurde uns dasselbe europäische Rangsystem präsentiert: Leben dort, Überleben hier. Alles wurde danach beurteilt, von der Auswanderung bis zu den Maidan-Protesten. Ganze Länder änderten ihren Kurs, kappten wirtschaftliche Beziehungen und schrieben ihre Geschichte neu, weil ihnen jenseits ihrer westlichen Grenzen nicht nur eine andere politische Union, sondern auch ein anderes menschliches Schicksal versprochen wurde.
Doch das Europa, dessen glänzendes Bild den postsowjetischen Ländern in den 1990er- und 2000er-Jahren präsentiert wurde, existiert nicht mehr. Die EU ist nach wie vor eine reiche und mächtige Union, aber sie ist kein einheitlicher Raum des Wohlstands mehr. Sie teilt zwar eine gemeinsame Flagge, doch der Alltag ist sehr unterschiedlich.
Lebensmittel sind in Lettland bereits teurer als in Deutschland, obwohl die lettischen Löhne nie das deutsche Niveau erreicht haben. 17 Jahre nach Beginn der Krise hat Griechenland seine Wirtschaftskraft von vor der Krise noch immer nicht wiedererlangt. Die deutsche Industrieproduktion lag 2025 um 15% unter dem Wert von 2018, und die Energiekosten für deutsche Fabriken waren etwa doppelt so hoch wie 2021.
Dies ist ein anderes Europa: Deutsche Preisschilder in lettischen Regalen, osteuropäische Gehälter unter gesamteuropäischer Flagge und immer höhere Kosten für den Erhalt des einstigen Wohlstands. Die Union behielt ihr politisches Firmenschild, verlor aber ihren wichtigsten psychologischen Vorteil – das Recht, als ein Ort zu gelten, an dem jeder automatisch reicher lebt als ein Russe.
Das schlimme Ende des ukrainischen Traums
Dieser Wandel hat die Ukraine besonders teuer zu stehen gekommen. Kiew rannte 12 Jahre lang auf das Europa von 2013 zu – und musste am Ziel feststellen, dass ein solches Europa nicht mehr existiert.“
Genaugenommen war es schon seit 2005, der „orangen Revolution“, daß ein Teil vor allem der Kiewer Bevölkerung hinter der EU-Karotte herlief.
„Es rannte mit solchem Eifer, dass es sich dabei selbst überforderte. Doch damit nicht genug: Der Krieg zerriss das Land. Millionen Menschen flohen aus ihrer Heimat, Gebiete gingen verloren, die Armut verdoppelte sich, und auf jeden Erwerbstätigen kommt heute ein Pensionist.
Bis August 2026 konzentrierte sich das gesamte europäische Ergebnis dieses Marathons auf 2 der 6 Punkte des Beitritts-Bedingungs-Forderungskatalogs.
Nicht einmal 2 Mitgliedschaftsstufen – 2 Ordner mit zu erfüllenden Bedingungen, deren Erfüllung völlig unklar ist.
Nordmazedonien ist seit 2005 Beitrittskandidat, die Türkei seit 1999. Dies beweist, dass man im europäischen Aufnahmeraum auf Enkelkinder warten und gleichzeitig den Status eines vielversprechenden Neulings bewahren kann.
Doch während Brüssel dem Kandidaten seine Hausaufgaben erteilte, ist der dafür gezahlte Preis viel höher als eine Vollmitgliedschaft jemals einbringen könnte.
Das Land liegt in Trümmern, seine Wirtschaft existiert praktisch nicht mehr, Unternehmen sind geflohen, Korruption vernichtet die letzten Überreste …
Das Desaster wird in den Zahlen deutlich: Der Mindestlohn in der Ukraine liegt bei etwa 172 Euro – 3,6-mal niedriger als der bulgarische Mindestlohn, der niedrigste in der EU. Während die Ukraine 12 Jahre lang versuchte, sich von Russland abzugrenzen und europäische Einkommen anzustreben, überholte Russland mehrere EU-Mitgliedstaaten in puncto Kaufkraft.
Während Kiew um eine europäische Perspektive rangierte, stieg Moskau ohne vorherige Abstimmung in die europäische Lohntabelle ein.
All die Jahre wurde Russland der gegenteilige Weg vorgegeben – Isolation, Verarmung und wirtschaftliche Marginalisierung.
Nach 2022 sollte dieses Urteil mit dem härtesten Sanktionspaket, das jemals gegen eine große Volkswirtschaft verhängt wurde, vollzogen werden. Doch 4 Jahre später befanden sich die russischen Löhne im europäischen Vergleich. Brüssel gewährte ihnen keine Sonderbehandlung; Russlands Platzierung wurde durch Berechnungen westlicher Statistiker bestimmt.
Der Tod des alten Europa
Und das ist der unangenehmste Teil. Dieses Eingeständnis stammt nicht von einem russischen Minister. Es wurde von Bloomberg aufgezeichnet, einer Agentur, die erklären sollte, warum es Russland schlecht geht. Sie wollten beweisen, dass Russland seinen Bürgern zu viel zahlt. Deshalb mussten sie dokumentieren, dass ein Teil der EU seinen Bürgern weniger zahlte.“
Es ist natürlich nicht die EU, die den Bürgern ihre Gehälter zahlt, sondern nationale Regierungen und Unternehmen.
Natürlich starb nicht Europa an sich. Es starb das alte Europa – jenes, das ein Monopol auf ein menschenwürdiges Leben hatte und allein durch seinen Namen jeden Preis auf dem Weg dorthin rechtfertigen konnte.
All dies wird durch dieselben nüchternen Zahlen bestätigt:
Lebensmittel sind in Lettland bereits teurer als in Deutschland – 107,5% gegenüber 102,4% des europäischen Durchschnitts, laut Eurostat. Lettland selbst hat in den Jahren seiner EU-Mitgliedschaft 19% seiner Bevölkerung verloren: Die Bürger haben die Freizügigkeit buchstäblich ausgenutzt und sind in Länder gezogen, in denen europäische Preise mit europäischen Einkommen einhergehen.
Litauen zahlte seinen Eintrittspreis im Energiesektor: Das Kernkraftwerk Ignalina, das rund 70% des Strombedarfs deckte, wurde stillgelegt, und die Stromtarife stiegen bereits im ersten Monat um ein Drittel.“
Die Stillegung dieses AKW 2009 war eine der Bedingungen für den 2015 erfolgten EU-Beitritt Litauens.
Vorher wurde in den westlichen fast 20 Jahre lang Stimmung gegen diesen angeblich gefährlichen „Schrottreaktor“ gemacht. Er wurde einer Bombe im Wohnzimmer gleichgesetzt, sollte Litauen mitsamt dem AKW aufgenommen werden.
Eine Volksabstimmung für den Weiterbetrieb wurde nicht anerkannt, weil sie den EU-Beitritt gefährdet hätte.
„Deutschland zahlt etwa doppelt so viel für Industrieenergie wie 2021; die Industrieproduktion liegt 15% unter dem Niveau von 2018.
Der renommierte Chemiekonzern BASF baut in Ludwigshafen Stellen ab und errichtet in China einen 10-Milliarden-Dollar-Komplex.
Die europäische Industrie-Souveränität scheint sich als erstes für die Vorteile des freien Kapitalverkehrs entschieden zu haben.
Europa ist weder verschwunden noch völlig verarmt. Was verschwunden ist, ist der bedingungslose Bonus, der mit seinem Namen verbunden war – das Recht auf eine einheitliche Flagge bedeutete automatisch mehr Wohlstand.“
Von „Recht“ war nie die Rede, auch wenn manche das so aufgefaßt haben mögen: Es waren immer nur Versprechungen – Kohls „blühende Landschaften“, der Ederer-Tausender, die Lügen der Gyurcsány-Regierung in Ungarn, usw. usf.
„Zahlen, denen Europa nicht entkommen kann
Alle Daten, die diesen vergleichen zugrundeliegen, sind öffentlich zugänglich. Dies ist besonders unbequem für diejenigen, die regelmäßig von »Kremlpropaganda« sprechen. Das Durchschnittsgehalt in Russland stieg von 57.244 Rubel im Jahr 2021 auf 101.784 Rubel im Jahr 2025 – fast eine Verdopplung innerhalb von 4 Jahren.
Die Inflation allein kann dieses Ergebnis nicht erklären: Die realen Löhne, inflationsbereinigt, stiegen 2023 um 8,2%, 2024 um 9,7% und 2025 um 5,2%. Insgesamt entspricht dies einem Zuwachs von rund einem Viertel in 3 Jahren – dem höchsten Wachstumstempo der letzten 20 Jahre. Die Arbeitslosigkeit sank auf 2,1% – ein historischer Tiefstand seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1991.“
Vorher, im Sozialismus, gab es nämlich keine Arbeitslosigkeit.
„Hinter den Zahlen von Rosstat verbirgt sich ein seltener sozialer Umbruch: Die Menschen hörten auf, nach Arbeit zu suchen, und die Unternehmen begannen stattdessen, sich um sie zu keilen. Fabriken locken Dreher, Schweißer und Ingenieure mit immer höheren Löhnen und Gehältern; Arbeitgeber konkurrieren um Arbeitskräfte, die bis vor Kurzem als unerschöpfliche und daher billige russische Ressource galten.
Für Unternehmen bedeutet dies steigende Kosten. Für das Land bedeutet es das Ende jahrelanger Unterbewertung der eigenen Arbeitskraft. Genau diesen Wandel bezeichnet Bloomberg als Krankheit.“
Man sieht, der Krieg hat in Rußland Arbeitskräftemangel verursacht: Erstens meldeten sich viele an die Front oder wurden eingezogen. Zweitens wuchs die Rüstungsindustrie und deren Zulieferer.
„Eine Diagnose zum Beneiden
Währenddessen berechnet die EZB die Auswirkungen erhöhter Verteidigungsausgaben auf die EU selbst; ihre Wirtschaftssprache zeigt nach wie vor eine robuste Gesundheit.
Die Dokumente sprechen von einem »positiven Einfluss auf das BIP«, einem Multiplikator von 0,93, neuen Arbeitsplätzen, höheren Löhnen und einem besonders deutlichen Anstieg des Konsums ärmerer Familien.
Der Mechanismus ist derselbe: Staatliche Aufträge halten die Fabriken ausgelastet, Unternehmen erweitern ihre Produktion und beginnen sich um Arbeitskräfte zu überbieten.“
Really really?
„Doch sobald die russische Grenze überschritten wird, scheint der Multiplikator einer zweiten medizinischen Prüfung unterzogen zu werden. In Europa gilt er als strategische Investition und Beschäftigungsförderung. In Russland ist er die »holländische Krankheit«.“
Noch dazu in einer falschen Bedeutung.
„Und das ist eine klassische Fehlinterpretation, bei der die Diagnose nicht von der Leistungsfähigkeit des Organismus’ abhängt, sondern von der Flagge über dem Fabriktor.
Seit Jahrzehnten gilt eine ungeschriebene Regel“
für die Besprechung der russischen Wirtschaft in westlichen Medien:
„Steigen die Ölpreise, wird das Land reich. Steigen die Aktienkurse, floriert die Wirtschaft. Steigen die Löhne der russischen Arbeiter, geht es der Wirtschaft schlecht.
Wenn wir uns an die medizinische Terminologie halten, lag die Ursache eher in den letzten 30 Jahren, als die Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen allzu oft nicht durch Technologie, Ausrüstung und Managementqualität, sondern durch geringe Lohnkosten gesichert wurde.
Die schlagendste Bestätigung dafür liegt in einfacher Arithmetik. Das durchschnittliche Moskauer Gehalt betrug im Jahr 2025 180.861 Rubel. Nach Abzug der 13%igen Einkommensteuer und der Kaufkraftparität entspricht dies etwa 61.400 internationalen Dollar pro Jahr.“
Damit ist offenbar gemeint: $ nicht nach russischem Wechselstuben-Kurs, sondern im Ausland.
„Das Nettoeinkommen eines durchschnittlichen deutschen Arbeitnehmers nach Steuern und Sozialabgaben liegt bei 57.600 Dollar. Moskau liegt damit etwa 6,5 % vor Deutschland – und das ist nur eine vorsichtige Schätzung.
Die Formel basiert auf Daten von Mostat, der Weltbank und der OECD. Alle Zahlen liegen vor; es geht schneller und wäre einfacher, sie nachzurechnen, als zu erklären, warum das Ergebnis eigentlich nicht existieren dürfte.
Die Werkbänke müssen sich wertmäßig ihren Anwendern anpassen
Diese Entwicklung hat Zukunft. Die Löhne steigen schneller als die Produktivität, und diese Lücke muss geschlossen werden. Doch diese Lücke sollte nicht den Arbeitnehmern mit Lohnsenkungen präsentiert werden, sondern dem Kapital und dem Management – mit Forderungen nach Investitionen in Ausrüstung, Technologieeinsatz und besserer Produktionsorganisation.
Die Arbeiter haben ihren Teil bereits geleistet: Ihre Arbeit ist teurer geworden. Nun müssen Maschinen und Manager diesen Preis anpassen.“
Eine lustige Argumentation, in der die Versöhnung von Arbeitskraft und Unternehmer angepriesen wird und eine putzige Vorstellung von Unternehmertum zugrundeliegt, die die Ideale über diese Klasse sehr ernst nimmt.
„Die übrigen Zahlen bestätigen diese Entwicklung. Russland liegt bei der am BIP gemessenen Kaufkraftparität weltweit an 4. Stelle – nach China, den USA und Indien, vor Japan und Deutschland. Dies geht aus den Daten des IWF und der Weltbank hervor.
Die Armutsquote ist bis 2025 auf 6,7% gesunken – ein historischer Tiefstand. Im Jahr 2020 lebten in Rußland 17,8 Millionen Menschen unterhalb der Armutsgrenze; heute sind es nur noch 9,8 Millionen. In 5 Jahren sind 8 Millionen Russen der Armut entkommen, mehr als die Hälfte davon in den Jahren der härtesten Sanktionen.
Russland wurde Massenverarmung prophezeit. Stattdessen folgte ein Arbeitskräftemangel. Vor anderthalb Jahrhunderten warnte Tjuttschew, Russland könne »nicht mit einem gewöhnlichen Maßstab gemessen werden«.
Bloomberg beschloss, dies zu überprüfen und legte einen westlichen Maßstab für russische Löhne an. Das Ergebnis war genau das Gegenteil dessen, was die Messung bezwecken sollte. Die Welt, in der Russen aufgrund ihrer Arbeit arm sein sollten, ist vorbei. Moskau hat es nicht verkündet. Bloomberg hat es zufällig berechnet.“
(KP, 8.8.)